„Übrigens, ich habe jemanden eingeladen, der mit uns zusammen den Film angucken möchte.“
„Ach?“
„Ja, die Tochter meiner Nachbarin hat die unendliche Geschichte auch noch nicht gesehen. Sie ist in deinem Alter. Ich dachte, vielleicht macht es Sinn, dass du nicht ganz
alleine bist. Ihr könntet, falls Ihr euch vertragt, nachmittags zusammen spielen.“
„Ich mag keinen anderen Kinder. Die stinken nach Pipi und sind doof.“
„Nee, die Katrin stinkt nicht. Ihre Mutter arbeitet in der Parfümerie, die haben immer die neuesten Nuancen vorrätig und Katrin probiert mit diesen Probedossiers an sich
herum. Die duftet ganz wunderbar.“
Ich war mir sicher, solange ich Carolin auf alles was sie an Negativität von sich gab, mit etwas Positivem antworten konnte, ich am längeren Hebel säße.
„Dann stinkt sie ja erst recht.“ Gut, eins zu null für Carolin. Oder, vierzig zu zehn oder so. Ich muss zugeben, mir wurde klar, an ihr würde ich mir tatsächlich die Zähne
ausbeißen.
Ich zeigte ihr das Haus. Vielmehr, meine bescheidene Wohnung, nachdem ich das Auto in der Hofeinfahrt abgestellt und ihre Tasche an mich genommen hatte. Ich zeigte ihr den Ort, an dem wir ab
sofort miteinander auskommen müssten.
Den Teddybären riss sie gleich an sich.
„Fass den Onkel Franz nicht an“, sagte sie böse.
„Onkel Franz? Seltsamer Name für einen Teddybären.“
„Onkel Franz hat mir den Teddy geschenkt, also heißt er auch so. Der Onkel Franz hat schon ganz viele böse Sachen gesehen. Der hat Angst vor fremden Menschen.“
„Du meinst den Bären oder den echten Onkel?“
„Den Bären. Der echte Onkel hat keine Angst. Vor gar niemandem.“
„Interessant“, antwortete ich. Ich würde diese Aussage erst einmal im Raum stehenlassen. Carolin war flink. Sie flitzte durch sämtliche Räume. In der Toilette betätigte
sie interessiert die Klospülung.
„Bei uns zuhause ist das immer nicht abgelaufen, wenn man gedrückt hat. Das war ganz schön ekelig. Mein Kacka wollte nicht durch das Rohr verschwinden. Meiner Mama war das
egal. Irgendwann aber war der Haufen ganz schön groß.“ Sie zeigte auf den Drücker des Ablaufs und betätigte ihn noch einmal. Das Wasser sauste mit Geschwindigkeit durch die leere
Toilettenschüssel.
„Bei uns war das Wasser abgestellt. Da lief nicht mal ein Tropfen aus dem Hahn in der Küche, wenn man den aufgedreht hat weil man Durst hatte“, sagte die Kleine
nachdenklich.
„Na und dann?“ Jetzt war ich aber neugierig geworden.
„Dann hat Mama die Haufen mit der Hand aus der Schüssel genommen und in einen Eimer geworfen. Den hat sie anschließend über den Balkon gekippt.“
„Oh, das ist aber eine Sauerei. Da werden sich die Nachbarn aber gefreut haben.“
„Ich war da noch klein. Aber ich weiß das genau. Das hat vielleicht gestunken.“ Carolin hielt sich angewidert die Nase zu.
„Das kann ich mir vorstellen.“ Petra hatte mir erzählt, dass Carolins Mutter drogenabhängig war. Anders konnte man sich das auch gar nicht erklären. Jeder gesunde
Menschenverstand hätte wohl eine Firma angerufen, die die Rohrverstopfung beseitigt, bevor sich die Scheiße meterhoch in der Schüssel türmt. Ich schenkte dem Mädchen Glauben. Sie tischte mir
keine Märchen auf. Ihre Geschichte war bestimmt eine fürchterliche. Schlimmer noch, als ich mir vorstellen wollte. Nicht umsonst hatten sich in ihrer Akte über die Jahre hinweg die Namen der
potentiellen Pflegefamilien angehäuft, die alle kläglich an dem Mädchen gescheitert waren. Immer, wirklich immer liegt es an der Vergangenheit der Kinder, wenn sie im normalen Leben keinen Fuß
fassen, niemals an ihnen selbst.
„Funktioniert das?“ Carolin hatte im Regal der Küche mein Internetradio entdeckt. Der sonderbare Kasten war in einem uralt Style aus den 60-er Jahren verarbeitet worden.
Ich liebte Nostalgie. Aus Alt mach Neu oder so in der Art.
„Ja, das funktioniert!, das Radio“, sagte ich. Carolin nahm es in ihre Hände. Ich hatte ihr so gerade noch sagen wollen, sie solle es bitte nicht anfassen, da war es schon zu
spät. Ich biss auf meine Zunge. Hoffentlich ließ sie es nicht fallen.
„Schönes Dingen“, sagte sie bewundernd.
„Ob es das aushält, wenn ich es fallen lasse?“
„Nein, das wird es sicher nicht überleben“, sagte ich, während ich tief Luft holte. Das Radio war Roberts letztes Geschenk an mich gewesen. Kurz vor seinem Tod hatte er
mir den langersehnten Wunsch erfüllt. Mein Herz hing an dem Präsent. Das war eine Herzensangelegenheit.
Carolin ließ den Kasten los, fing ihn jedoch im selben Augenblick, mit ihren geöffneten Händen, knapp über dem Fußboden allerdings nur, geschickt wieder auf. Mein Puls fuhr innerhalb weniger
Sekunden auf hundert und noch höher.
„Ha, verarscht!“, grinste sie.
„Könnten wir uns vielleicht darauf einigen, dass du bitte meine Einrichtung heile lässt?“
„Mal sehen“, sagte sie nachdenklich.
„Hey, das Radio ist etwas sehr Persönliches. Ein Geschenk von jemandem, der jetzt tot ist. Da hängen Erinnerungen dran. Verstehst du das? Das würde mir weh tun, wenn es
kaputt geht.“
„Das kann man alles ersetzen“, sagte sie frech.
Natürlich war ich über ihr Verhalten entsetzt. Für ein zehnjähriges Mädchen war das mehr als bedenklich, was sie von sich gab. Wo ständen wir, wenn sie zwölf Jahre alt wäre?
„Du kannst dir ein neues kaufen“, triumphierte sie.
„Ja, das kann ich tun, aber es wäre nicht dasselbe. Robert hat es gekauft. Genau dieses, verstehst du?“ Ich nahm das Radio in meine Hände. Am liebsten hätte ich es an
einen anderen, sicheren Ort gestellt.
„Es war ein Geschenk. Etwas Besonderes, das ich mir schon sehr lange gewünscht habe und es war verdammt schwierig, es in exakt dieser Farbe zu bekommen. Robert hat lange
danach suchen müssen.“
„Braun ist eine hässliche Farbe. Lass dir beim nächsten Mal ein rotes Radio schenken", sagte sie gedehnt.
„Die Dinger waren früher alle braun. Anders wurden die gar nicht hergestellt. Da gab es Farbmischungen wie „Pink“ und „Baby blau“ noch gar nicht.“
Carolin war schon wieder verschwunden.
Jetzt inspizierte sie mein Schlafzimmer. Neugierig schlug sie die Bettwäsche auf.
„Will mal gucken, was da drunter liegt“, sagte sie vorwitzig.
„Was sollte da bitte drunter liegen?“, fragte ich verwirrt.
„Im Bett meiner Mutter lagen unter dem Bezug tote Mäuse. Manchmal auch Ratten.“
„Jetzt schwindelst du aber“, sagte ich entrüstet.
„Nein! Das war wirklich so. Der Onkel hat sie dort reingelegt. Er sagte, wenn er noch mal eine tote Ratte im Wohnzimmer findet, dann legt er sie bei Mama ins Bett und das
hat er getan.“
„Der Onkel Franz von deinem Teddybären?“
„Ja, genau der.“
„Warum lagen bei euch im Wohnzimmer tote Ratten?“
„Die lagen überall. Manchmal sind sie aber auch durch unsere Wohnung gelaufen. Ich bin dann hinter ihnen her, weil ich sie streicheln wollte. Der Onkel hat mich
ausgeschimpft. Meiner Mutter war das egal. Kann man Ratten eigentlich streicheln, Kim?“
„Ratten übertragen üble Krankheiten. Zumindest die, die sich nicht streicheln lassen und die, die sich streicheln lassen, dann wohl die Tollwut hätten. Mäuse übrigens
auch. Mal ganz abgesehen davon, dass sie in einer Wohnung nichts zu suchen haben. Ich kann mir nicht vorstellen, warum man Ratten in seiner Wohnung mögen sollte? Habt Ihr die aus dem Zoogeschäft
gekauft und dann sind sie aus dem Käfig entwischt oder was?“
„Nee, die sind von draußen reingekommen.“
„In eure Wohnung? Von draußen?“ Ich wollte es nicht glauben. Verstopfte Toilette, Ratten im Haus und was kam dann?“
„Na ja, solange kein toter Mensch unter den Betten gelegen hat“, wisperte ich. Eigentlich war das von mir nur laut gedacht, aber Carolin hatte es mitbekommen.
„Das ist nicht witzig!“, schrie das Mädchen plötzlich.
„Das ist gar nicht lustig“, brüllte sie. Sie war völlig außer sich. Aufgebracht stürmte sie durch den Flur. Wie ein durchgehender Gaul galoppierte sie durch die
Räumlichkeiten meiner Wohnung. Im Vorbeigehen riss sie mehrere Gegenstände von der Kommode. Es klimperte und schepperte. Von der Wand riss sie einen der handbemalten Porzellanteller. Der ging
direkt zu Bruch. Es handelte sich um Erbstücke meiner Oma, denen der Dragoner in nullkommanichts den Garaus machte. Innerlich war mir, als führe ein Schnellzug durch meine Venen, der sich mit
nichts stoppen ließe, außer von einer 50 Meter dicken Betonwand.
Wenn ich als Kind zu Hause derart randaliert hätte, meine Mutter hätte mich im Geräteschuppen eingesperrt und mit dem Ausklopfer verdroschen. Mein Vater hätte mir abends nach
der Arbeit mit dem Gartenschlauch obendrein den Hintern versohlt und zwar solange, bis ich nicht mehr sitzen konnte. Auch wenn Gewalt nie die Lösung sein durfte, so hatte es mir als Kind nicht
geschadet, von den Erwachsenen ab und zu in meine Schranken gewiesen zu werden.
Als Carolin auch noch den Spiegel von der Wand reißen wollte, hielt ich sie zurück. Energisch packte ich sie an ihrem Arm. Jetzt reichte es mir aber.
„Hey, hör auf mit dem Scheiß. Beruhige dich mal wieder! Was ist verkehrt mit dir?“ Mir war überhaupt nicht ersichtlich, was an meinen Worten dieses Kind derart getriggert
haben sollte, dass es meine halbe Wohnungseinrichtung demolierte.
