Frau Weigand öffnete die Zimmertür, an der ein riesiges Pferdeposter hing. Ein schwarzes Pferd mit langer, wallender Mähne galoppierte durch Wüstensand. Ein wundervoller Fotoabzug.
Ich kenne das Bild nur zu gut, bin ich doch einige Male hier zu Besuch gewesen und habe es bestaunt.
Die Jalousien waren runtergelassen.
Im Zimmer herrschte Dunkelheit, obwohl die Uhr erst zum Mittag geschlagen hatte.
Der Geruch von Desinfektionsmitteln schlug mir aufdringlich entgegen. Frau Weigand knipste das Licht an.
„Amelie, Besuch für dich!“, sagte sie mit unsicherer Stimme.
„Ich lasse euch dann allein!“ Amelies Mutter drehte mir den Rücken zu und verschwand sogleich wieder.
Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss und ich glaubte in eine Falle getappt zu sein. Dennoch war ich froh, mit meiner Freundin allein zu sein.
„Hey Dani!“, sagte eine heisere Stimme.
Vorsichtig schritt ich näher an das Bett heran.
Die Gestalt die unter dem Oberbett lag, erinnerte an eine Horrorfigur aus irgendeinem Gruselfilm den ich schon mal gesehen hatte, nicht aber an meine ehemalige Schulfreundin Amelie.
Nicht an jenes Mädchen mit den hübschen braunen Locken und dem wundervollen Lachen auf ihren Pausbacken.
„Wie bist du hergekommen?“
„Dein Vater hat mich vor der Schule eingesammelt.“
„Dann hat er also doch Ernst gemacht?“ Amelie schaute betroffen aus ihren tief eingefallenen Augenhöhlen.
„Was heißt das, Ernst gemacht?“
Am Schreibtisch stand ein Bürostuhl. Den zog ich zu ihrem Bett.
„Er hat gestern gesagt, er sei es leid, immerzu nur warten zu müssen, bis sich etwas rege in dieser verfickten, ungerechten Welt. Das sagte er wortwörtlich. Er ist wütend und
traurig. Ich kann ihn verstehen, aber das hilft ihm auch nicht weiter. Wenn ich das Kind deines Vaters wäre, dann würde mir geholfen werden, glaubt er. Aber weil wir nur normale Menschen sind,
die sich keine private Krankenversicherung mit Zusatz leisten können, müssen wir warten, bis wir an der Reihe sind. Das sei genau wie mit einem Spenderherz. Als Kassenpatient stirbst du. Wenn du
es aus eigener Tasche zahlen kannst, das verdammte Herz, dann pflanzen sie dir auch eins vom Schwein ein, wenn es sein muss. Auf das Knochenmark warte ich schon ewig. Angeblich findet man keinen
geeigneten Spender, dessen Blutgruppe mit meiner übereinstimmt. Meine Eltern glauben, dass sei glattweg gelogen. In ihren Augen liegt es daran, weil wir kein Geld haben. Die Krankenkasse setzte
Prioritäten, glauben sie.“
„Und was habe ich damit zu tun?“
„Mein Vater meint, wenn er dich entführt oder deinem Daddy androht, dass er dir was antut, dass mir geholfen wird.“
„Spinnen die etwa?“ Das, was mir Amelie erzählte, hielt ich für Unglaublich, aber ich hatte es mir bereites gedacht!
„Schau mich an. Ich bin nur noch Haut und Knochen. Im Krankenhaus können sie nichts mehr für mich tun. Sie haben mich nachhause geschickt. Ich liege hier und warte auf das
Sterben. Meinst du, das ist schön? Ich höre meine Eltern jeden Tag streiten. Sie schreien sich an und schlagen sich sogar. Die Türen fliegen auf und zu. Das Geschirr schmettern sie gegen Wände
und meine Mutter wurde einige Male von meinem Vater brutal zusammengeschlagen. Dabei hatten sie sich meinetwegen wieder vertragen wollen. Gestritten haben sie immer schon und sich deshalb auch
getrennt. Weil ich so schwer krank bin, wollen sie es noch einmal miteinander versuchen. Meine Mutter weint ständig. Jedes Mal, wenn sie mein Zimmer betritt, flennt sie eine Runde und sagt
schreckliche Dinge wie: „Warum trifft es ausgerechnet uns? Was haben wir verbrochen, dass uns der Zorn des lieben Gotts trifft und er uns so hart bestraft, indem er uns das einzige Kind
wegnimmt?“
„Das ist schlimm“, sagte ich fassungslos.
„Ich kann es nicht mehr ertragen. Ich hoffe, ich sterbe bald, damit ich das Theater nicht mehr aushalten muss.“
„Glaubst du auch, dass es damit zu tun haben könnte, dass deine Eltern etwas verbrochen haben?“ Ich dachte an den Himmel und an die Hölle. Dazwischen gab es wohl nichts
mehr.
„Dass man in die Hölle kommt wenn man Böses getan hat?“
„Nein! Aber es macht mich fertig, dass sie so denken. Sie geben sich die Schuld, statt mit dem Schicksal Frieden zu schließen, dass ich sterben werde.“
Die Tränen drängten sich in meine Augen.
Amelie spürte meine Traurigkeit, dabei wollte ich ihr gegenüber stark sein.
„Aber erzähl mal, wie ist es denn in der Schule? Werde ich vermisst?“ Sie lachte plötzlich. Zumindest versuchte sie es. Sie versuchte abzulenken. Tapfere kleine Amelie!
„Wir wussten nicht, was mit dir los ist. Die Lehrerin sagte, du seist schwer krank und würdesr wahrscheinlich nicht mehr wiederkommen.“
„Ich hoffe, es ist bald vorbei. Auf den Tod zu warten, ist fürchterlich. Manchmal zähle ich laut bis zehn und denke, dass ich doch bei neun schon aufhören könnte zu atmen. Ich
meine, wofür denn noch? Warum weiteratmen? Wozu all die Anstrengung? Der Tod ist sicherlich viel besser als das Leben.“
„Das ist er sicher nicht. Du solltest kämpfen! Du bist noch so jung. Das Leben liegt vor uns!“, widersprach ich. Jetzt erst spürte ich, wie ernst es um den Gesundheitszustand
meiner Freundin stand.
Ich dachte an zurückliegende Zeiten. Wir waren glückliche und unbeschwerte Kinder gewesen. Wo sind sie hingegangen, die Tage des Glücks?
„Dann überlege ich, warum mein Körper stirbt, was an ihm zuerst den Geist aufgeben könnte und ich finde nicht mal ne‘ Antwort. Kannst du es mir sagen? Woran sterbe ich
letztendlich zuerst?“
„Ich habe keine Ahnung. Ich bin keine Ärztin. Noch nicht.“
„Du willst Medizinerin werden? Hey, was für ein toller Job. Menschenleben retten. Das einzig Wahre und weißt du auch, warum, Dani?“
Ich schüttelte den Kopf. Nein, ich wusste nicht, warum.
„Weil das Leben ohne Gesundheit einen Scheißdreck wert ist, deshalb“, sagte sie schnippisch.
Meine Freundin schlug die Bettdecke beiseite und knipste die Nachttischlampe an.
„Warum ist es hier so dunkel im Zimmer? Magst du nicht mal die Sonne reinlassen? Sie scheint heute ganz wunderbar.“ Ich wollte die Vorhänge auf und die Jalousien
hochziehen.
„Nein, ich bekomme Kopfschmerzen wenn es zu hell ist.“
„Schau mal hier!“ Amelie zeigte mir ihre Arme. Sie waren zerschnitten, aber die Wunden schienen alt zu sein, waren fast wieder verheilt. Die Narben erinnerten mich an den
Nachbarsjungen Rüdiger.
„Was zur Hölle hast du getan und warum?“
„Mit dem Messer meine Arme geritzt, siehst du doch. Der Schmerz tut mir gut.“ Amelie schaute zufrieden auf ihre narbendurchfurchte Haut die dünn wie Pergamentpapier
schimmerte.
„Rüdiger hat das auch gemacht. Aber nicht er war krank, sondern sein Vater. Der ist auch gestorben. An einem Hirntumor. Mein Vater wälzte nächtelang Bücher um nachzusehen, ob
es nicht doch eine Rettung für ihn gäbe. Es gab aber keine und egal wie viel Geld sie ihm bezahlt hätten, die reiche Familie Elvers, gegen den Tod ist selbst mein Vater machtlos. Seit er das
weiß, trinkt er.“
„Das tut mir leid!“
„Meine Mutter ist abgehauen. Hat mich von heute auf morgen im Stich gelassen.“
„Sie ist gegangen, weil er trinkt?“
„Ja. Sie hat gesagt, sie könne ihn nicht mehr ertragen.“
„Du darfst es meinem Vater nicht übel nehmen, dass er dich hergebracht hat, Daniela. Ich bin froh, dich noch mal wiederzusehen. Ich mag dich wirklich sehr. Weißt du noch, als
wir auf Klassenfahrt waren und den Bus verpasst haben, weil wir zu lange Pissen mussten? Ich weiß noch genau, warum das so irre lange gedauert hat. Du auch?“
„Ja“, sagte ich.
Ich erinnerte mich sehr wohl an den Tag, an dem ich mir auf der versifften Toilettenbrille irgendeine scheußlich juckende Infektion meiner Scheide eingefangen hatte.
„Weil wir uns kaputt gelacht haben über die vielen und lustigen Graffiti Zeichnungen an den Wänden des Scheißhauses. Und dann standen wir da. Auf dem Rastplatz. Zwischen all
den Lastwagen und ihren Fahrern, die mit dunklen Sonnenbrillen, dreckigen Unterhemden, hervorgestülpten, nackten und behaarten Bäuchen, mit ihren selbstgedrehten Kippen zwischen den Zahnlücken
durch die sengende Sonne irrten. Diese Hitze, die auf dem heißen Asphalt wie die Oase einer Fata Morgana flimmerte und die Männer Ausschau nach Beute wie uns, hielten, weißt du das noch? Nach
kleinen, unschuldigen Mädchen, die sie in die Fahrerkabinen locken wollten. Für einen lausigen Fick hätten die widerlichen Typen alles gegeben!“
Das Bild von den Fahrern hatte ich sehr wohl noch in meinem Kopf. Aber ja, dass sie sich an uns vergehen wollten, die schmierigen Typen, das waren unsere Hirngespinste gewesen,
weil wir uns interessant machen wollten. Das war unser eigener Horrorfilm, in dem nur wir die Regie führten und die Hauptrollen spielen durften. Solange, bis unser Bus zurückkehrte, weil man an
der nächsten Abfahrt bemerkt hatte, dass zwei Schülerinnen fehlten. Wie nah wir mit unseren Visionen an der Wahrheit lagen, hatte ich vor wenigen Tagen schmerhaft erfahren, als mein Vater mich
bei Onkel Björn in den Puff absetzte und der fremde Typ vor meinen Augen seine Hosen runterließ.
„Geil war es. Und jetzt soll alles vorbei sein.“ Amelie seufzte. Ich dachte an den zurückliegenden Missbrauch, dessen Ausmaße für meine Psyche ich noch immer nicht deuten
konnte. Sollte ich Amelie von meinem Geheimnis erzählen?
„Ja, das war es. Geil!“, sagte ich.
„Wir haben viel zu wenig Zeit miteinander verbracht, Dani. Weißt du das überhaupt?“
„Ja, das haben wir. Ich durfte aber auch nicht mit jedem Mädchen spielen. Meine Mutter hat immer aufgepasst wie ein Luchs, mit wem ich verkehre. Und jetzt, jetzt hat sie sich
verpisst. Ist einfach verschwunden und hat mich sitzenlassen. Ihr neuer Macker ist ein Arschloch und Papa hat Liebeskummer. Er wird dir keine große Hilfe sein. Ich glaube nicht, dass er etwas
erreicht, was deine Eltern nicht längst versucht haben. Er säuft sich irgendwann zu Tode und das war es dann.“
„Jeder von uns stirbt.“ Amelie schlug die Bettdecke wieder über ihren hageren Körper zurück. Verdeckte ihre vernarbten Arme.
„Ich habe einen Penis geleckt“, überkam es meinen Lippen.
Schweigen.
„Und, wie hat es geschmeckt?“ Amelie prustete vor Lachen. Sie nahm mein Grauen auf, als sei es ein Spaß.
„Widerlich!“
„Wer war es? Ronald? Ich wusste doch sofort, dass bei euch beiden was läuft!“ Amelie grinste frech.
„Nein. Ein erwachsener Mann war das. Irgendein Typ aus dem Bordell meines Onkels.“
„Was machst du auch mit erwachsenen Männern im Bordell?“
„Ich hatte keine Wahl. Er hat mich in ein Zimmer gezerrt und dann, ach, ist auch egal“, seufzte ich. Die Geschichte musste nun wirklich nicht mehr erzählt werden.
„Immer wenn wir glücklich sind, wissen wir es nicht. An dem Tag, als ich mit dir über den Rastplatz gerannt bin, da war ich glücklich, Dani. Das war ein Abenteuer. Das einzige, aber wirklich
Großartigste in meinem Leben. Ich hatte zwar immer die Hoffnung, dass da noch mal was kommt, aber das ist vorbei.“
„Vorbei ist es erst, wenn es wirklich vorbei ist und selbst dann weiß niemand, was es heißt, wenn Ende ist. Vielleicht fängt alles erst an wenn wir tot sind.“
„Als ich vorhin sagte, dass ich manchmal bis zehn zähle, um zu gucken, ob ich nicht bei neun sterbe, das war gestern. Heute Abend will ich mich an den Rastplatz erinnern und
dorthin zurückkehren. Ich werde in die Lastwagen zu den Fahrern mit den dreckigen Unterhemden einsteigen. Davon habe ich letztens noch geträumt. Kannst du dir das vorstellen? Es fühlte sich so
lebendig an, als ich die Stufen zu den Kabinen hochstieg, in denen sich ihre Pritschen befinden, auf deren Urin- und spermagetränkten Matratzen sie die Seiten ekelhafter Pornozeitschriften wälzen
und sich auf die schmierigen Bilder der blutjungen, nackten Mädchen einen runterholen.
Ganz anders dieser Traum, als das, was ich sonst träume, wenn ich überhaupt mal träume, weil mich die elendigen Schmerzen gar nicht erst einschlafen lassen. Liegt es daran,
dass ich sterbenskrank bin, dass sich ekelhafte Wichse wie diese in den Vordergrund meines Kopfkinos drängt oder liegt es daran, weil ich es wahrhaftig erlebt habe? Früher waren es die schwarzen,
wilden Pferde nach denen ich mich sehnte und heute ist es der Schmerz, der mich erfüllt und gnadenlos mit in das Dunkle reißt. Mit der Dunkelheit meine ich nichts anderes als die Hölle. Mein
eigenes, gedankliches Fegefeuer in dem ich mir den Arsch verbrenne. Weißt du, wie der Himmel ausschaut, das weiß doch jeder. Aber die Hölle, an die denken wir gewiss viel zu selten. Aus Angst
verdrängen wir das Thema, dass wir nach dem Tod in der Hölle landen könnten. Was ist, wenn ich nach meinem Tod gar nicht wie erhofft in den Himmel komme? Das ist doch krank oder? Ich meine, ich
habe nichts verbrochen. Habe niemandem etwas Schlechtes getan, warum also sollte ich in der Hölle landen?“
„Ja. Krank. Das ist es in der Tat“, antwortete ich traurig.
„Kann ich dir ein Geheimnis anvertrauen?“ Amelie gab noch einmal einen lauten und besonders tiefen Seufzer von sich.
„Ja klar, dafür sind wir Freunde.“ Ich schluckte. Hatte ich doch eine leise Ahnung, dass da etwas kommen würde, das mir nicht gefiel
„Mein Vater hat es getan.“
„Was hat er getan?“
„Er hat mich zu sich in die Kabine geholt.“
Schweigen.
„In die Kabine eines Lastwagens?“
Amelie nickte.
„Deshalb bin ich da auf dem Rastplatz doch erst drauf gekommen.“
„Ja, es hat mich damals schon gewundert, als du davon erzählt hast, dass die Fahrer kleine Mädchen in ihre Kabinen locken. Du hast mir einen riesigen Schrecken eingejagt, aber
das Kopfkino funktionierte hervorragend.“
„Es war nicht gelogen, Daniela. Mein Vater fuhr jahrelang für diese Spedition, die Firmen im Ausland beliefern und auf eine Tour hat er mich mitgenommen. Dann passierte es. Auf
dem Rastplatz.“
„Nein“, flüsterte ich.
„Doch!“
„Warum tun Menschen so etwas Grausames?“
„Ich weiß es nicht.“
„Daniela!“ Eine harsche Stimme riss mich aus meinen Gedanken.
Ich schreckte zusammen.
Amelies Vater stand im Zimmer. Ich hatte ihn nicht mal kommen hören. Plötzlich war er das Monster. Zu Recht wahrscheinlich.
„Wir rufen jetzt deinen Vater an“, sagte er harsch.
„Ja, in Ordnung.“ Meine Stimme zitterte.
Während ich damit beschäftigt war, den Film des väterlichen Missbrauchs meiner Freundin zu Ende zu spinnen, begann bereits eine neue Episode und die sollte nicht weniger grausam sein als die, die
hinter uns lag.
Ich blickte zu Amelie.
Sie war entsetzlich blass.
Die Tränen konnte ich nicht zurückhalten.
Ihr Vater beorderte mich herzlos aus ihrem Zimmer.
Der Vorhang fiel vor meinem imaginären Auge.
Im Flur stand das Telefon.
Der Hörer lag daneben.
„Daniela ist zu Besuch bei unserer Tochter. Es wäre nett, wenn Sie sie abholen kommen. Es gibt da zudem etwas Wichtiges zu besprechen. Sie sollten ein wenig Zeit einplanen,
Herr Doktor.“
Herr Weigand sprach sachlich.
Mein Vater versprach am anderen Ende sich sogleich auf den Weg zu machen.
