Drecksmutter 2

»Wohin gehst du?« Tanja tat auf freundlich. Die ersten Wochen hätten wir uns am liebsten gegenseitig abgemetzelt und zerfleischt. Zum Schluss konnten wir relativ vernünftig miteinander reden und ich überlegte sogar, sie nach ihrer Adresse zu fragen, um sie später einmal auf einen Kaffee einzuladen.

»In eine Gartenlaube. Mein Bruder hat da was organisiert. Bis sich alles normalisiert hat, komme ich dort unter und habe wenigstens meine Ruhe.« »Oh, ab in die Natur!« Tanja lachte und bestaunte gleichzeitig ihre Unterarme. Die grässlichen Narben verheilten so langsam. Mit einem scharfen Messer hatte sie sich hunderte von tiefen Ritzen verpasst, die allesamt fürchterliche Krater hinterlassen hatten. Mehrere blutige Bröckchen hatte sie sich aus dem eigenen Fleisch geschnitten und in der Toilette runtergespült. Manche von ihnen hatte sie auch über die Flamme eines Feuerzeugs gehalten, an ihnen gelutscht, gegessen und runtergeschluckt.

Als wir uns kennenlernten, waren ihre Arme täglich von unten bis oben von der rabiaten Schwester, dem Tittenmonster, verbunden worden. Da der Verband alsbald durchgeblutet war, dachte ich schon, man wollte Tanja früher oder später beide Arme amputieren, so schlimm war der Anblick! Zudem stanken die offenen Wunden grauenvoll nach Verwesung.

Zu den Zeiten, als ich das Zimmer nur im Notfall verlassen durfte, ich noch hinter Gittern saß, dachte ich oftmals, ich müsste nach einer Sauerstoffmaske klingeln, weil ich unter Atemnot litt. Mit Tanja zusammen auf einem Zimmer zu liegen, war eine Zumutung, auch wenn sie dasselbe von meiner Person behauptete.

»Wirst du aufhören damit?«, fragte ich und deutete mit einem Kopfnicken auf ihre zerschnittenen Arme. »Wohl eher nicht. Ich war schon einige Male hier auf der Station und jedes Mal schnitt ich anschließend tiefer und genoss den Schmerz noch intensiver. Das ist wie mit dem Drogenentzug oder wenn du vom Kiffen loskommen willst. Solltest du es schaffen, aber wieder rückfällig werden, kiffst du hinterher umso mehr.«

Tanja zog die Schulterblätter hoch. »Du siehst nicht schlecht aus. Könntest bestimmt einen netten Kerl abkriegen, wenn das mit deinen elendigen Narben und dem widerlichen Verwesungsgestank der dich einnebelt, nicht wäre«, sprach ich ihr zu. Ich wollte freundlich sein und Tanja Mut machen. Ich wusste ja, wie wichtig es war, auf die Menschen ein- und zuzugehen, doch ich trat immer nur ins Fettnäpfchen.

»Ich hatte schon viele Männer. Denen war es egal, dass meine Arme aussehen wie Fleischgirlanden und stinken wie ein Haufen gehäuteter Fischotter. Die inneren Werte zählen. Das tun sie doch oder, Angelika?« Wir lachten beide. »Fleischgirlanden«, prustete ich. »Lass es einfach sein, Tanja. Du bist hübscher ohne den Scheiß des Ritzens!« Ich wollte ihr zum Abschied einen gut gemeinten Rat mit auf den Weg geben.

»Und du, lass gefälligst deine Kinder in Ruhe«, sagte sie mit einem Augenzwinkern. »Hey, ich liebe meine Kinder!«, trumpfte ich auf. »Ich weiß. Jede Mutter liebt das verdorbene Fleisch, das sie neun Monate lang unter dem Herzen getragen und mit dem größten Schmerz, den ein Mensch aushalten und ertragen kann, hinaus in die Welt gepresst hat.« Tanja lachte verwegen.

 

»Sie sind nicht verdorben«, nahm ich meine Kinder in Schutz. »Noch nicht! Lass sie mal älter werden. Du wirst dich an meine Worte erinnern: Kinder sind der Spiegel ihrer Eltern. Und du als ihre Mutter mach dich auf was gefasst, was du darin eines Tages sehen wirst.« »Man könnte meinen, du wärst eine Heilige«, foppte ich Tanja. »Bin ich in gewisser Weise auch. Mein Vater ist Pastor. Bei den Evangelisten. Er nimmt es mit der Treue nicht so genau. Er vögelt nicht nur meine Mutter, sondern auch die Messdienerinnen und die Frauen aus dem Chor, sowie die Küsterin. Immer mittags, nachdem sie die Glocken geläutet hat, verschwinden beide im Nebenzimmer. Der Hurensohn Gottes liebt es, die Glocken der Frauen mit seinen sündenbefleckten Händen solange zu bearbeiten, bis es ganz tief unten bei ihm in der Hose läutet. Er ist ein sexgeiles Schwein. Ein ekelhaftes Monster, notgeil und pervers, so schlimm, dass dir als Tochter der Arsch mit den Ohren schlackert, wenn du länger über seine Schandtaten nachdenkst. Das Grauen lauert in der schwarzen Kutte höchstpersönlich, das sage ich dir, Angelika!« »Erzähl mal mehr!«, sagte ich interessiert.