· 

Dreckskinder

Dreckskinder

Anais C. Miller

 

Wo viel Gefühl ist, da ist auch viel Leid…

Leonardo Da Vinci

 

Lektorat Fehler-Haft

Vielen Dank

 

Danke an Louisa, dass sie mir ihre traurige Geschichte erzählt hat. Von Herzen wünsche ich dieser starken Frau alles Gute für den Rest ihrer Lebenstage. Sie hat meinen vollsten Respekt und meine Hochachtung. Möge Gott den Seelen ihrer Kinder gnädig sein.

Anais

 

 

 

 

Mein Name ist Louisa. Ich bin 64 Jahre alt und komme aus Russland. Meine Heimatstadt, in der ich geboren wurde, trägt den Namen St. Petersburg. Wer sich ein wenig mit der Geschichte Russlands beschäftigt hat, weiß um die Kriminalität und armseligen Zustände dieses Landes. Aus dem Venedig des Nordens wurde für viele die Stadt des Verbrechens.

Lange habe ich überlegt, ob ich diese tragische Familiengeschichte erzählen möchte. Sie legte sich wie ein dunkler Fluch über uns. Mein zweiter Mann, Antonius, den ich in Deutschland kennen- und lieben gelernt habe, hat mich ermutigt, mein Familiendrama niederzuschreiben. „Du entlastest deine Seele“, sagte er. „Sie muss Frieden finden.“ Das stimmt, und er hat recht.

Vor wenigen Monaten habe ich von Anais C. Miller das Buch „Drecksmutter“ gelesen. Der Titel des Buches interessierte mich. Meine Geschichte ist eigentlich genau andersherum. Nicht ich war eine Drecksmutter, sondern ich gebar drei Dreckskinder und zog sie groß. Natürlich ist es schwierig, als Mutter derart niederträchtig über seine eigenen Kinder zu reden. Jedoch wurden meine Kinder in das Elend hineingeboren und wuchsen zwischen Kriminalität, Drogen und Prostitution auf. Ihnen blieb im Grunde genommen keine Wahl, sich anders zu entwickeln, als kriminell zu werden. Die Frage, ob es meine Schuld ist, dass meine Kinder kriminell wurden und auf die schiefe Bahn gerieten, kann man vielleicht nach Beendigung meiner Geschichte beantworten.

Damit es der Autorin leichter fällt, mit den russischen Vornamen meiner Kinder umzugehen, wurden die Namen im Buch geändert. Nein, ich hätte keinerlei Probleme gehabt, die richtigen Namen meiner Familie öffentlich zu benennen. Mein Mann Sergej ist seit fast 25 Jahren tot. Er würde sich nicht einmal im Grab umdrehen, wenn er wüsste, dass ich aus unserem Leben erzähle. Wahrscheinlich wäre er begeistert, dass wir Geld verdienen mit der Veröffentlichung unserer Lebensgeschichte. Das liebe Geld war Sergej in seinem Leben bis zu seinem Tod das Wichtigste. Niemals hatte er wirklich welches besessen, und niemals hatte er etwas dafür getan, es zu besitzen. Das Wort arbeiten war für ihn ein Fremdwort. Zwei Söhne gebar ich von Sergej, und ein Mädchen schenkte ich ihm. Mir fällt es sehr schwer, meine Kinder als „Dreckskinder“ zu bezeichnen. Eine Mutter liebt ihre Kinder aufrichtig. Egal, was sie verbrochen haben. Neun Monate lang trug ich meine Kinder unter dem Herzen. Gab ihnen all meine Liebe während dieser Zeit. Habe meinen Bauch gestreichelt und ihnen Geschichten vorgelesen. Nein, ich kann nicht sagen, dass ich eine besonders liebevolle schwangere Frau gewesen wäre oder generell eine herzliche Frau. Wer möchte von sich behaupten, eine liebenswürdige Frau zu sein? Fehler haben wir alle. Jedenfalls freute ich mich auf jedes einzelne meiner Kinder. In Russland ist es nicht einfach, drei Kinder großzuziehen, wenn du keine geregelte Arbeit hast. Es ist nicht üblich, dass du wie in Deutschland Hilfe vom Staat bekommst. Die Menschen sind zum größten Teil auf sich allein gestellt. Deshalb beherrschen dort Kriminalität und Verbrechen die sogenannte Tagesordnung. Selbstjustiz ist das Lieblingswort der Russen. Daneben sind es die Begriffe Wodka, Sex und Frauen.

Eine Frau hat in Russland nichts zu sagen. Neben ihrem Mann schon gar nicht. Die Mentalität russischer Männer ist teilweise brutal und grausam. Sie sehen die Frau als eine Art Objekt. Ein Stück „Ding“, mit dem sie tun und lassen können, was sie wollen. Russische Frauen werden von zuhause aus gleich streng erzogen von ihren Vätern. Sie haben wenig Selbstvertrauen und kaum Durchsetzungsvermögen. Ein Teufelskreis. Mütter werden von ihren Söhnen geschlagen und erniedrigt. Die Kinder haben keine Hemmungen, gegen ihre Mütter die Hand zu heben. Hasstiraden beherrschen das Familienleben. Gegenüber ihren Vätern verhält sich das anders. Der Vater bedeutet für die Kinder eine Art von absoluter Respektsperson. Da spielt es keine Rolle, dass er bereits mittags die Bierflasche oder das Glas Wodka in seiner nach Alkohol schreienden Kehle hinunterspült. Natürlich gibt es auch immer die andere Seite. Überall. Familien, in denen alles glatt und vorbildlich verläuft. Ein Leben lang. Vielleicht glauben wir Menschen das jedoch auch nur und irren uns. Überall, hinter jeder verschlossenen Tür, gibt es Leichen im Keller, wie man in Deutschland sagt. Manche Menschen haben Talent, dieses Übel hinter ihren Türen gut zu verstecken. Es vor den Augen der Neugierigen zu verbergen. Natürlich gibt es diese familiären Schwierigkeiten nicht nur in Russland. Überall auf der Welt gibt es schwarze Schafe in den Familien. Familientragödien und Gewalt beherrschen den Tagesablauf und das familiäre Miteinander. Auf Russland bezogen möchte ich nur verdeutlichen, dass die Lebensverhältnisse in meinem Heimatland besonders schwierig sind. Schwieriger als anderswo vielleicht.

Nachdem ich das Buch Drecksmutter gelesen hatte, sprach ich mit meinem zweiten Mann Antonius, der meine Geschichte natürlich kennt, über meinen Wunsch, einen Teil meiner Biografie für eine Veröffentlichung schreiben zu lassen. Das Bedürfnis in mir, meinem Kummer und meinen Sorgen freien Lauf zu lassen, wurde im Laufe der Jahre immer größer. Zu der Autorin nahm ich Kontakt auf, und sie willigte ein, meine Geschichte zu schreiben.

An dieser Stelle möchte ich mich bedanken. Bei Anais C. Miller und den Menschen, die meine Geschichte lesen möchten. Es gibt keine besondere Nachricht, die ich in der Welt verbreiten möchte am Ende dieses Buches. Dass eine Mutter ihre Kinder liebt, egal was sie verbrochen haben, kann man nicht verallgemeinern. Bestimmt gibt es Eltern, die ihre Kinder verstoßen, weil sie Unheil über die Familie brachten.

Jedenfalls liebe ich meine Kinder. Warum dies alles so geschehen ist, wie ich es im weiteren Verlauf unserer Geschichte erzähle, dafür gibt es nur eine Erklärung: Wir wurden allesamt in das Elend hineingeboren. Wir kannten es nicht anders. Unsere Mentalität und die Lebensumstände ließen uns keinen Raum und keine Wahl, es besser zu machen und unseren Kindern ein Vorbild zu sein. Wir hätten uns alle gewünscht, bessere Menschen zu sein. Mein Mann und meine Kinder. Daran glaube ich. Daran halte ich fest. Ich muss daran festhalten, um das Bild der liebenden Mutter nicht zu verlieren.

 

Kapitel 1

Sergej

 

 „Der Gewinner darf sich nehmen, was ihm zusteht!“ Welch ein Ausruf! Sergej hatte wieder einmal sämtliche Männer aus der umliegenden Nachbarschaft eingeladen, um sich mit ihnen zu besaufen und beim Kartenspielen zu duellieren. Skat spielen war die Lieblingsbeschäftigung der arbeitslosen Männer aus unserem Wohnviertel. In ihren schmierigen Unterhemden, den Zigaretten im Mundwinkel hängend und den Wodkagläsern in den Händen haltend, lachten und pöbelten sie lautstark auf unserem Balkon herum. Mir graute es jedes Mal, wenn die Männer in unserem Haus verweilten. Es war ein alteingesessenes Ritual, dass der Sieger mich vergewaltigen durfte, wenn er sexuelle Lust verspürte. Meistens gewann Sergej die Spiele, weil er mit gezinkten Karten seine Mitspieler betrog. Mein Mann war ein Betrüger. Nicht nur unter seinen kartenspielenden Freunden betrog er, er betrog mich und seine Landsleute. Sergej war kriminell und durchtrieben.

An einem Tag im Frühling verlor Sergej das Skatspiel, und sein Gegner Valerij forderte den Gewinn ein. Es ist Ehrensache des Mannes, dass er in Russland zu seinem Wort steht. Zumindest wenn es keine andere Möglichkeit gibt, sich galant aus der Affäre zu ziehen. Um dies zu tun, hätte Sergej die anderen Mitstreiter umbringen müssen. „Wenn du Louisa pimperst, möchte ich wenigstens zusehen dürfen“, verlangte Sergej vom Sieger Valerij. Die Männer lachten dreckig. „Wir möchten alle zusehen!“, beschlossen sie einstimmig, beinahe im Chor. „Ihr könnt sie alle ficken, wenn ihr mutig genug seid, ihr Schweine!“, lachte Sergej finster. Entsetzt blickte ich meinem Mann in die Augen. Das Böse sprach aus ihnen. Sergej hatte einmal wieder viel zu viel getrunken. Zur Besinnung wollte ich ihn rufen. Ihn bitten, das nicht zuzulassen, dass die Männer über mich herfielen. Mein Mut versagte. Niemals wollte ich mir eingestehen, dass Sergej absichtlich boshaft und heimtückisch war. Immer nahm ich ihn in Schutz, redete mir ein, dass der Alkohol ihn blind werden ließ für die schönen Dinge des Lebens.

Als Frau hast du in unserem Land nichts zu melden. Du bist ein Stück Dreck, eine Ware und das Eigentum deines Mannes. Menschen, die Gegenteiliges behaupten, nämlich, dass russische Frauen von ihren Männern verehrt und auf Händen getragen werden, lügen. Nicht alle russischen Männer behandeln ihre Frauen schlecht, oh nein, das möchte ich nicht sagen. In dem Gebiet jedoch, in dem ich aufwuchs und groß wurde, kannte ich es nicht anders. Meine eigene Mutter wurde zuhause von ihrem Mann, meinem Vater, allerdings immer gut behandelt. Selten erhob er die Hand gegen uns. In dem Viertel, in dem Sergej und ich wohnten, stand häusliche Gewalt an der Tagesordnung. Die Männer schlugen ihre Frauen und Kinder. Die verzweifelten Schreie hallten durch die Siedlung. Zu Tag- und Nachtzeiten.

Zu Gott betete ich, es möge schnell gehen. Die Vergewaltigung. Der Sex gegen meinen Willen. Der Sieger mochte sich bitte das nehmen, von dem er glaubte, es stünde ihm zu. Widerstand hätte ich teuer bezahlt hinsichtlich meiner Gesundheit. Meine Augen wollte ich fest geschlossen halten und meinen Körper von den traurigen Gedanken meiner Seele befreien während der Minuten meiner Pein. Zu dem Zeitpunkt, als die Männer über mich herfielen, war ich mit meinem ersten Sohn Boris schwanger. Sergej wusste nichts davon, dass er Vater wurde. Ein komisches Gefühl überfiel mich bereits seit längerer Zeit, dass ich ein Kind unter dem Herzen tragen könnte. Meine Periode blieb seit einigen Wochen aus. Für einen Schwangerschaftstest fehlte mir das Geld. Zu meinem Arzt wollte ich gehen in den nächsten Tagen. Dort bezahlte diese Untersuchung die Krankenkasse.

Der Kamerad von Sergej warf mich auf das Bett. Lieblos und brutal tat er dies. Den Reißverschluss seiner dreckigen Hose zog er hastig hinunter. Seinen Penis holte er bereits steif aus der Unterhose hervor. Diese grässlichen Liebestöter trug er, wie man in Deutschland sagt, zu den weißen, großen Unterhosen. Vorne, wo der Penis ruht, war sein Slip gelbbefleckt. Typisches Erkennungszeichen der „echten“ Männer aus Russland. Ständig lassen sie die Hose herunter und markieren ihr Gebiet wie ein räudiger Straßenköter, indem sie überall hinpinkeln. Reviermarkierung nennen sie es. Der Penis wird nicht gesäubert, nicht abgetrocknet, sondern nach dem Urinieren direkt wieder in die Hose gestopft.

Das Glied dieses Mannes war groß. Einige Male rieb er ihn mit seinen Händen. Unter den Fingernägeln blitzte das Schwarze. Purer Dreck. Wortlos sprang er auf meinen Körper, riss mir den Rock vom Leib wie ein wildes Tier. Während seine Hand damit beschäftigt war, mich des Röckchens zu entledigen, griff die andere an meine Brüste. An diesem Tag trug ich keinen Büstenhalter, sondern ein einfaches T-Shirt mit einem Hemdchen darunter. Bevor die Männer entschieden, mich zu vergewaltigen, dachte ich an nichts Böses und bereitete in der Küche das Essen für den morgigen Tag zu. Dazu kam es schließlich nicht mehr, zum Essen. Die Männer fielen nacheinander über mich her. Man kann sagen, sie warteten geduldig, bis sie an der Reihe waren, und dann gingen die Pferde mit ihnen durch. Einer nach dem anderen verging sich an meinem Körper.

Meinen Kopf drückte ich seitlich in das Kissen, damit niemand von ihnen meine Tränen sah, die unaufhaltsam meine Wangen hinunterliefen. Schmerzen spürte ich keine. Mit einigen psychologischen Tricks versuchte ich, mich trotz des Horrors zu entspannen, dachte an etwas Schönes. An mein ungeborenes Kind. Sergej betrachtete das Spektakel meiner Pein aufmerksam, während er lässig an der Zimmertür lehnte und einen Joint rauchte. Seine Blicke trafen meine, während ich für einen kleinen Moment ängstlich zu ihm hinüberblickte. Einen Schmollmund zog er. So, als werfe er mir Küsse zu. Luftküsse. Sturzbetrunken war er. Sergejs bittersüße Ironie traf mich schmerzend im Herzen. Mein Mann sah ungeniert zu, wie sich seine schmierigen Freunde, einer nach dem anderen, an mir befriedigten. Niemand von den Männern hatte Hemmungen, seinen ungewaschenen, urinverdreckten Penis in meine Scheide hineinzuschieben. Stöhnend ritten sie mich wie wilde Stiere, die bereit waren zu töten. Sergej erfreute sich an dem Anblick, den ich ihm bot. Für ihn war das wie eine Erektion seiner Gefühlswelt. Zuzusehen, wie geil die Männer auf mich waren, bereitete ihm sichtlich Freude. Dass ich, Sergejs Frau, seine Freunde sexuell in Wallung brachte, ließ meinen Mann innerlich triumphieren. „Na, das hat euch gefallen, was?“, triumphierte mein Mann, als der schmierige Typ, der mich zuletzt schamlos vergewaltigt hatte, seine Hose wieder über seinen Unterleib streifte. „Deine Olle hat eine schöne Fotze, kann man sich gut drin austoben!“, lachte Valerij anerkennend.

Nachdem das Szenario endlich vorüber war und die Männer unsere Wohnung verließen, stellte Sergej mich zur Rede. Zunächst schlug er mir mit der flachen Hand brutal ins Gesicht. So heftig, dass ich in meinem Mund das Blut schmeckte. Der nächste Schlag traf direkt meine Nase. Ein dumpfes Knacksen verhieß nichts Gutes. Wahrscheinlich war sie gebrochen. „Warum hast du dich diesen Schweinen hingegeben, du dreckiges Stück Scheiße?“, fluchte Sergej aufgebracht. Meinen Mund musste ich halten. Nicht ein Wort sagen. Keine Widerworte geben. Niemals hätte ich meinem Mann gegenüber etwas erwidert. Vielleicht hätte er mich totgeschlagen. „Lässt dich wohl von jedem vögeln, was? Hat es dir denn wenigstens gefallen?“ Meinen Kopf schüttelte ich ängstlich. Wollte meinem Mann signalisieren, dass ich nur unter seiner Einwirkung eine glückliche Frau war. Das ist typisch für die Mentalität der russischen Männer. Sie zetteln den Ärger an, und hinterher bestrafen sie dich, weil du die Dinge über dich hast ergehen lassen. Ein Teufelskreis. Du hast keine Wahl. Du kannst nur stillhalten, aushalten und leise weinen. Sergejs Alkoholstand war in der Zwischenzeit auf einen bedrohlichen Pegel geklettert. Hinsichtlich der Wahrnehmungsfähigkeit seiner Schamgrenze, sich handgreiflich zurückzuhalten, lagen wir jenseits von Gut und Böse. Die Gewaltbereitschaft in ihm wuchs. Seine emotionalen Wutausbrüche hatte er längst nicht mehr im Griff.

Durch die Küche prügelte er mich. Keine Zeit blieb mir, mich wieder vernünftig anzukleiden. Gleich als die Männer fort waren, zog Sergej mich aus dem Bett und schlug auf mich ein. Mein T-Shirt riss er in Fetzen und küsste zwischen seinen schmerzhaften Schlägen, die mein Gesicht trafen, meine Brüste. Im Wechsel schlug und küsste er mich. Beides gleichzeitig. Diese sabbernden, nassen Küsse, sie waren unheimlich ekelhaft. Kaum zu ertragen. Als Kind streichelte ich die Zunge eines Kälbchens. Das Gefühl, wenn Sergej mit besoffenem Kopf meine Brüste leckte, war dasselbe. Abartig. Einfach nur widerlich. Sein Fluchen, während er mich abwechselnd küsste, schlug und streichelte, nahm kein Ende. „Du alte Nutte, hältst für jeden dahergelaufenen Dreckskerl deine Fotze hin! Pfui!“ Sergej spuckte mich an. Ins Gesicht. Schubste mich. Drängte mich durch sämtliche Zimmer unserer Wohnung. Aufdringlich und imposant positionierte er sich in seiner stattlichen Körpergröße, baute sich drohend vor mir auf. Schließlich standen wir beide auf dem Balkon. Mein Körper im oberen Bereich völlig entblößt, war ich in der Wohnsiedlung mit den unzählig aneinandergereihten Balkonen für neugierige Augen der Anziehungspunkt schlechthin. Nicht dass es ungewöhnlich wäre, dass eine Frau mit nackten Brüsten auf dem Balkon herumlief. In unserer Wohnsiedlung geschah das beinahe täglich, so war ich doch dem Gespött der anderen Menschen ausgeliefert, weil jeder von den umliegenden Nachbarn genau wusste, dass bei uns der Skatabend abgehalten worden war. Der Wetteinsatz war nichts Ungewöhnliches und im Wohnviertel weit verbreitet, dazu sehr beliebt. Viele Männer setzten statt Geld die Leiber ihrer Frauen ein. Mein Glück an diesem Tag, dass Sergej mich nicht verkauft hatte. Für ein paar Tage oder Wochen hätte es mir durchaus passieren können, dass ich als Sklavin bei dem Gewinner geendet wäre. Um Geld konnten diese Schweine nicht spielen oder wetten. Geld besaß keiner von ihnen. Also gab es andere Einsätze. An dem Tag, als die Männer mich vergewaltigten, wollte Sergej sich gar nicht mehr beruhigen. So aufgebracht hatte ich ihn selten erlebt. Im Moment meiner Unachtsamkeit griff er mich blitzschnell, legte seine Hände an meine Kehle und würgte mich. Er drückte meinen Kopf dabei rücklings über die Balkonbrüstung. „Ich könnte dich hinunterstoßen, du widerliches Geschöpf, dann hätte ich dich endlich vom Hals!“, schnaubte Sergej wütend. Meine Knie zitterten, meine Atmung ging rasselnd. Zu ersticken glaubte ich unter dem brutalen Würgegriff Sergejs. Bei unseren Nachbarn wurde Sergej einige Male stummer Zeuge, wie der Mann seine Frau über die Balkonbrüstung legte und ihr damit drohte, sie kaltblütig hinunterzustoßen. Anscheinend hatte Sergej Gefallen an den sadistischen Eigenarten unserer Nachbarn gefunden, die sich regelmäßig handgreiflich stritten, und ahmte die Situation nach, um mich in Panik zu versetzen. „Ich bin schwanger!“, japste ich ängstlich. Sofort ließ Sergej den Griff von mir ab. Nervös fuhr er sich durch die Haare. „Was?“, fragte er fassungslos. „Wir bekommen ein Kind? Endlich ein Kind? Ich dachte, du bringst das gar nicht mehr zustande, mich zum Vater zu machen!“ Sergej lachte bitter. Einige Male lief er völlig aus dem Häuschen im Kreis, fuhr sich immer wieder durch seine fettigen Haare. Lachte wieder und abermals. So, als wollte er nicht glauben, was ich sagte. Lachte mich verspottend aus. Sergej wusste in dem Moment meiner Worte, mit denen ich eigentlich eine freudige Botschaft überbringen wollte, überhaupt nicht, wie er sich mir gegenüber verhalten sollte. Gott sei Dank richtete er an diesem Abend seine Hände nicht noch einmal gegen meine Person. Meine Auskunft über eine Schwangerschaft rettete mir an dem Tag vielleicht das Leben. Nicht nur mir. Auch meinem ungeborenen Sohn Boris. In einem Alkoholrausch ist ein Mensch unzurechnungsfähig. Es hätte durchaus todbringend sein können für mich, dieses Skatspielen der russischen Männer. Ihr Russisches Roulette …

 

Kapitel 2

Boris

 

Im Leben läuft nicht immer alles glatt und schon gar nicht nach Plan. Mein ältester Sohn Boris kam vor dem errechneten Geburtstermin auf die Welt. Völlig unerwartet setzten plötzlich die Wehen ein. Ausgelöst durch einen Vorfall, der mich nervlich so sehr belastete, dass die Fruchtblase schließlich platzte.

An einem wunderschönen, warmen Sommertag geschah etwas Fürchterliches in unserer Wohnsiedlung. Meine Nachbarin Olga wurde von ihrem Mann Wladimir zu Tode geprügelt. Die Wände unserer Wohnung waren hellhörig. Manchmal, wenn die beiden stritten, verstand ich jeden einzelnen ihrer Schimpfausdrücke. Ebenso hörte ich das angeregte Seufzen und Stöhnen, wenn sie Geschlechtsverkehr hatten und es miteinander trieben. An besagtem Tag stritten die beiden heftig. Es krachte und bollerte in der Wohnung nebenan. So sehr, dass ich glaubte, Olga wäre gegen sämtliche Schränke, die sich in der Wohnung befanden, oder von ihrem Mann gegen diese gestoßen worden. Olga schrie und wimmerte. Sergej war nicht zuhause, als sich das Drama unserer Nachbarn ereignete. Er wollte einen Freund besuchen und gegen Abend zurückkehren. Neugierig legte ich mein Ohr an die Wände, um das Streitgespräch zu belauschen. In der Nachbarwohnung fielen Kraftausdrücke wie „Schlampe“, „Hure“ und andere Bezeichnungen, die eine abscheuliche, „dreckige Frau“ beschrieben. Wladimir warf Olga vor, sie hätte ihn betrogen. Olga stritt diesen Vorwurf vehement ab. Der Balkon unserer Wohnung grenzte direkt an jenen von Wladimir und Olga. Einige Male hatten wir das Szenario beobachtet, wenn Wladimir seine Frau über die Brüstung prügelte und sie beinahe hinabgestürzt wäre. Vorsichtig schlich ich aus der Wohnung, hinüber zum Balkon. Dort setzte ich mich lautlos auf einen der Korbstühle und lauschte weiterhin dem Geschehen auf der anderen Seite.

Was damals passierte, kann ich so genau gar nicht mehr beschreiben. Zu sehr geschockt war ich. Wladimir stieß Olga an dem Tag tatsächlich von der Balkonbrüstung. Während er sie bisher immer nur geschlagen und ihr den Absturz angedroht hatte, machte er an diesem Tag bitteren Ernst. Wir wohnten damals im dritten Stock. Ein Sturz aus der Höhe musste nicht zwangsläufig tödlich enden, es konnte aber durchaus passieren. Den entsetzlichen Schrei von Olga, während sie in die Tiefe stürzte, trage ich heute noch, gut vierzig Jahre später, in meinem Gehör.

Einen dumpfen Knall gab es. Der Aufprall ihres Körpers auf dem harten Betonboden gab dieses widerwärtige Geräusch, das ich gar nicht beschreiben kann, wieder. Starr vor Schreck verharrte ich hinter der Absperrung des Nachbarbalkons. Mit Entsetzen verfolgte ich die grausame Szene des Vorfalls. Die schweren Schritte Wladimirs auf dem kalten Betonboden, sein grausames Fluchen und Schimpfen, während er Olga drangsaliert hatte. Bis er Olga schließlich über die Brüstung warf. Aufgebracht hatte Olga zuvor geschrien, Wladimir solle aufhören. Sie wimmerte. Jammerte. Wehrte sich. An den dumpfen Schlägen, mit denen sich beide Menschen gewalttätig bedrängten, erkannte ich die Not und Pein meiner Nachbarin.

Nicht einen Moment wagte ich, einen Laut von mir zu geben. Wie versteinert saß ich regungslos auf meiner Seite des Balkons und wartete. Worauf ich wartete, kann ich nicht sagen. Diese plötzliche Stille, die schlagartig einsetzte, wobei ich doch soeben noch lautes Gebrüll und hilfloses Schluchzen auf der anderen Seite vernommen hatte, trieb mich verängstigt zu einer Art inneren Starre, einer Unbeweglichkeit. Unheimlich und absolut beängstigend war er, dieser Augenblick. Unheimlich und bedrohlich. Schnappatmung setzte ein bei mir, weil ich so aufgeregt war. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Aufstehen musste ich. Mich erheben und sofort nachsehen, was mit Olga geschehen war. An die Brüstung müsste ich gehen. Schauen, ob die junge Frau den Aufprall überlebt hatte. Inständig betete ich, ich hätte mich geirrt. Geirrt, dass ein Mensch vom Balkon gestürzt war, weil ihn jemand kaltblütig hinuntergeschubst hatte. Das durfte nicht sein. Nebenan wurde die Balkontür geschlossen. So, als wäre nichts geschehen.

Noch immer herrschte eine bedrohliche Stille. In dem Moment, als Wladimir den Balkon verließ und ich das Klicken der Türe vernahm, fasste ich den Mut, nachzusehen, was mit Olga geschehen war. Vorsichtig blinzelte ich über die Brüstung. Mein Gott, das durfte nicht wahr sein, nein! Bitte nicht! Olga lag mit verdrehtem Körper regungslos auf dem Kopfsteinpflaster des Bürgersteigs. Das Gesicht auf den Beton gerichtet. Neben ihrem Kopf breitete sich eine dunkelrote Blutlache aus. Mit rasanter Geschwindigkeit. Einen entsetzten Schrei stieß ich aus. Olga war tot. Um Hilfe schrie ich.

In dem Moment setzten die Wehen ein. Es war grauenvoll. Die Menschen kamen von allen Seiten des Wohnblocks angelaufen, alarmiert durch meine Rufe. Scheinbar hatte niemand außer mir bemerkt, wie Wladimir seine Frau über die Balkonbrüstung geschubst hatte. Während jemand von den Nachbarn den Rettungsdienst rief, wurden meine Wehen immer kräftiger. Gekrümmt vor Schmerzen schleppte ich mich in die Wohnung zurück. Aufrecht zu gehen war mir nicht mehr möglich. Meinen Bauch hielt ich fest. So als wollte ich verhindern, dass mein Baby aus ihm herauskam. Es war doch viel zu früh.

Diese fürchterliche Schnappatmung versetzte mich in noch größere Angst und Schrecken. Erneut wollte ich um Hilfe rufen. Meine Sprache blieb stumm. Olga, meine Nachbarin und liebe Freundin – tot war sie. Umgebracht worden von Wladimir, ihrem Mann. Die Sirene des Rettungswagens hörte ich noch. Da war ich bereits im Delirium. Im Schmerztaumel. All die Geräusche vernahm ich nur noch aus weiter Entfernung. Verschwommene Bilder und verzerrte Gesichter tanzten vor meinem inneren Auge.

Plötzlich glaubte ich, Sergej wäre durch die Haustür hereingekommen. Er sprach zu mir. Seine Worte vernahm ich wie durch Ohren, in denen sich Wasser gesammelt hatte. Völlig verschwommen. Diese Schmerzen. Bitte lieber Gott, lass die Schmerzen aufhören, betete ich.

Die Fruchtblase platzte.

Hinlegen musste ich mich. Auf die Couch oder auf das Bett. Schnell, die Presswehen setzten ein. Meine Güte, ich konnte unseren Sohn doch nicht in der Hocke gebären. Sergej war tatsächlich heimgekommen. Geistesgegenwärtig schleppte er mich zum Bett im Schlafzimmer und riss mir die Hose vom Leib. Sie war völlig durchnässt. „Mein Gott“, stammelte Sergej hilflos. Es war damals unser erstes Kind. Weder mein Mann noch ich hatten annähernd eine Ahnung, wie eine Geburt verlief und was wir beachten mussten. Um einen Rettungswagen zu rufen, war es zu spät. Jede Minute würde mein Sohn Boris das Licht der Welt erblicken. An die Blutlache, in der Olga lag, dachte ich. Draußen auf offener Straße vor unserem Balkon lag eine tote Frau, während ich meinen Sohn auf die Welt brachte. Meine Freundin hatte den Tod gefunden, während ich neuem Leben ins Licht verhalf. Grausam …

Sergej verließ die Wohnung. Hilfe holen wollte er. Von den Nachbarn. Jemand musste behilflich sein bei meiner Hausgeburt. Die plötzliche Geburt war ungeplant und kam völlig überraschend. Vorkehrungen konnten nicht mehr rechtzeitig getroffen werden. Sergej brachte eine der Nachbarinnen herbei. Sie leistete Beistand, dirigierte mich in meiner Atmung und half, das Baby aus meinem Unterleib in die Welt hinauszupressen. Während Gott an diesem Tag ein Leben auslöschte, verhalf er einer anderen Seele auf die Welt. Für mich war das Geschehene unbegreiflich. Während ich ein Menschenleben auf die Welt brachte, meinen Sohn Boris, verlor ich meine Freundin Olga …

Boris war ein kerngesunder Bub. Der Stolz seines Vaters. Sergej strahlte über das ganze Gesicht, als er zum ersten Mal seinen Sohn im Arm hielt. Zum Dank, dass ich ihm einen wundervollen Prachtburschen schenkte, gab er mir einen innigen Kuss auf die Stirn. „Meine Beste!“, flüsterte er sanft. Sergej konnte durchaus ein warmherziger Mann sein. Im Grunde seines Herzens glaube ich, dass er eine gütige Seele war, dies nur nicht immer zeigen konnte …

Einige Tage lang war Sergej zu ertragen. Ein liebevoller Mann, der sich um seine Frau sorgte und sich um seinen Sohn kümmerte. Windelnwechseln war kein Problem für meinen Mann, und auch unseren kleinen Sohnemann in den Schlaf zu wiegen gelang ihm erstaunlich gut. Sergej sang für Boris die russische Nationalhymne, wenn der Kleine einmal wieder nicht einschlafen wollte. Das wirkte Wunder.

Wladimir, Olgas Mann, wurde nicht verhaftet. Anscheinend war außer mir niemand Zeuge während dieser schrecklichen Tat gewesen, als er Olga kaltblütig vom Balkon geworfen hatte. Mit Sergej sprach ich über den Vorfall nicht. Ihm gegenüber schwieg ich eisern über die Dinge, die ich gesehen hatte. In unserem Wohnblock erzählte man hinter vorgehaltenen Händen, Olga wäre betrunken gewesen und deshalb vom Balkon gestürzt. Eine medizinische Untersuchung der Toten ergab, dass Olga zu dem Zeitpunkt, als sie vom Balkon stürzte, stark alkoholisiert war. Die Menschen hatten Angst. In ihren Augen war es alle Male besser, zu schweigen, als die Wahrheit zu erzählen, für die man sie hätte bestrafen können. Wladimir gehörte zu einer organisierten Verbrecherbande. Er war Kurier einiger Gefängnisinsassen. Durch Zeitungstrichter schossen diese kleine Zettel über die Gefängnismauer. Am Ufer der Newa wartete Sergej auf die Nachrichten der anderen Straßenseite, aus dem Untersuchungsgefängnis Kresty. Sergej beförderte Informationen in die Gefängnisse hinein und wiederum heraus. Gegen Bezahlung. Ein wichtiger Mann für viele russische Gefangene war er, die in dem Knast damals weitaus mächtiger waren als Leonid Breschnew, der Staats- und Parteichef, der 1973, als Boris geboren wurde, das russische Volk regierte.

Ebenso gehörte unser Nachbar Wladimir zu einem riesigen Drogenring, der in die Gefängnisse Cannabis schmuggelte. Niemand getraute sich, gegen Wladimir vorzugehen. Der Tod seiner Frau wurde als ein bedauerlicher Unfall abgetan. Die Wahrheit kennt, glaube ich, bis zum heutigen Tage nur meine Person. Ich. Weil ich unfreiwillige Zeugin eines Verbrechens geworden war. Ein Verbrechen, von dem ich mir gewünscht hätte, es wäre nur ein Albtraum gewesen.

Als Boris ein halbes Jahr alt war, veränderte sich Sergejs Verhalten. Immer wieder warf er mir an den Kopf, das Boris nicht sein Sohn wäre, sondern das Kind einer dieser Bastarde aus unserer Wohnsiedlung. „Du bist doch mit allen ins Bett gestiegen, warum sollte ich dir vertrauen, dass Boris mein leibeigener Sohn ist? Warum?“, brüllte er hasserfüllt. Was willst du antworten, wenn du selbst die Antwort nicht kennst? Nein, ich konnte nicht ausschließen, dass Boris womöglich der Sohn einer dieser kriminellen Männer war. In meinen Augen war Sergej Boris’ Vater. Die Liebe war stark gewesen zu dem Mann, den ich kurz vor Boris Geburt geheiratet hatte. Vielleicht war damals bereits sehr wohl eine gewisse Hörigkeit mit im Spiel. Sergej war knapp zehn Jahre älter als ich. Gern blickte ich zu ihm auf, zollte ihm Respekt und ließ mich von ihm führen. Zwanzig Jahre alt war ich, als ich unseren ersten Sohn auf die Welt brachte. In Russland bist du damit schon eine alte Frau, aber ich fühlte mich jung und unbescholten. Die Erfahrung fehlte mir. Sergej zeigte mir all die Dinge, die ich wissen musste, um ihm eine gute Frau zu sein. Er formte mich, wies mich zurecht. Sergejs Mutter führte mich in die Kunst des Kochens und des Haushaltführens ein. Herrisch war sie. Wusste alles besser. Sie erzog mich. Unter ihrem strengen Regime lag ich, hatte zu parieren und durfte mein Wort nicht gegen das ihre erheben. Das traute ich mich gar nicht. Niemals hätte ich mich gegen einen Menschen, der älter war als ich, behauptet. Von zuhause war ich zu Höflichkeit und Stillschweigen erzogen worden. Es hatte mir nicht geschadet. Im Gegenteil. Meine Eltern hatten mich zuhause wohlbehütet. Streit gab es in meiner Familie nicht. Respektvoll ging mein Vater mit meiner Mutter um und meine Eltern mit mir. Von Sergejs Bekanntschaft zeigten sie sich jedoch abgeneigt. Von Anfang an. Als ich meinen Freund nicht aufgeben wollte, trotz dass mein Vater es drohend von mir verlangte, wurde ich der Familie verwiesen. „Dieser Mann wird dein Untergang sein, Louisa“, gab mir mein Vater gutgemeinte Ratschläge mit auf meinen Lebensweg, als ich mit einer Tasche über dem Rücken das Elternhaus verließ. Mein Vater sagte mir einmal in einem späteren Gespräch, dass er sicher gewesen wäre, dass ich nach einigen Wochen weinend und um Gnade winselnd wieder um heimisches Asyl bei meinen Eltern gebeten hätte. Das war nicht der Fall gewesen. Die Schande hatte ich über meine Familie nicht bringen wollen, meine Eltern zunächst zu verlassen und dann reumütig wieder zu ihnen zurückzukehren. Mein Vater litt sehr darunter, dass er sein kleines Mädchen Louisa verloren hatte. Seine Babuschka, wie er mich immer liebevoll nannte. Mein Vater liebte mich sehr.

Mit nur 45 Jahren erlag er einem Herzleiden. Meine Mutter überhäufte mich mit schweren Vorwürfen, dass ich unseren Vater auf dem Gewissen hätte. „Er hat das nicht verkraftet, dass du fortgegangen bist, Louisa!“, ermahnte sie mich.

Somit verlor ich bereits in jungen Jahren meine liebevolle Familie und hielt zu meiner Mutter zunächst keinen Kontakt mehr. Wenn sie mich für den Tod meines Vaters verantwortlich machte, dann wollte ich mich ihr nicht länger anschließen. Für mich gab es zu dem Zeitpunkt nur noch Sergej und seine Familie. Später, als meine Kinder schließlich das Licht der Welt erblickten, gab es meine eigene kleine Familienwelt.

 

Kapitel 3

Michael

 

Sergej verfiel in alte Verhaltensmuster. Kaum war Boris aus dem Gröbsten heraus, misshandelte er mich wieder. Vor den Augen unseres kleinen Sohnes vergewaltigte er mich. Er schmiss Geschirr gegen Wände, schlug mich herzlos zusammen und brach mir mehrere Male die Nase. Seine Unzufriedenheit machte uns das Leben bald zur Hölle. Es gab zwischendurch allerdings immer einmal wieder Lichtblicke. Wir spazierten mit unserem kleinen Sohn durch den Park, hielten unser Kind liebevoll an den Händen und spielten dieses Spiel – in Deutschland sagt man dazu „eine Kabinekabumms“ –, indem wir Boris an seinen kleinen Händchen haltend durch die Luft schaukelten. Der Kleine jauchzte vor Freude. Enten fütterten wir und kauften Boris Spielzeug. Außer der Reihe taten wir dies, und eigentlich konnten wir uns das finanziell gar nicht leisten. Jedoch gab es diese Tage, an denen wir uns Glitzer ins Leben streuten und glücklich waren.

Es gab aber eben auch diese Tage, an denen ich glaubte, ich sei der Hölle näher als dem Himmel. Als Boris knapp zwei Jahre alt war, wurde ich erneut schwanger. Mein Sohn Michael erblickte das Licht der Welt. Im Krankenhaus in St. Petersburg. Eine Geburt mit Komplikationen, ich bekam Blutungen, und es stand einige Zeit nicht gut um mich. Meine Mutter besuchte mich am Krankenbett. Sie betete für mich, hielt meine Hand und bat um Vergebung. Meine Mutter glaubte, ich würde sterben und die Heimreise mit meinem neugeborenen Kind aus dem Spital nicht mehr antreten. Sergej hatte sie benachrichtigt bezüglich meines kritischen Gesundheitszustandes. Ein müdes Lächeln huschte über meine Wangen, als ich meine Mutter am Bett erkannte. Innerlich schämte ich mich. Dort lag ich. Die Tochter, welche von zuhause niemals Leid erfahren hatte, liebevoll aufgewachsen und von ihren Eltern mit einer schulisch guten Ausbildung ausgestattet worden, der Liebe zu einem armen Alkoholiker verfallen, der obendrein noch ein brutaler Schläger war. Meine Mutter weinte. Lange Zeit hatten wir uns nicht gesehen, und das Wiedersehen verlief somit sehr emotional für beide Seiten. Immerhin war es meine Mutter, auch wenn sie mich einst verstoßen hatte. Heute, viele Jahre später, weiß ich, dass sie es nur gutgemeint hatte mit mir. Sie wollte verhindern, dass ich in mein eigenes Verderben rannte. Wenn ich damals auf meine Eltern gehört hätte, bevor ich mein Elternhaus verließ, mir wäre viel Kummer erspart geblieben.

Gesundheitlich berappelte ich mich. Nach einem dreiwöchigen Krankenhausaufenthalt, in dem ich zwischen Leben und Tod schwebte, konnte ich mit meinem zweiten Sohn Michael das Spital verlassen.

Der Alltag kehrte zurück, und ziemlich schnell mit ihm die Überforderung meiner Person. Die Arbeit blieb an mir hängen. Den Haushalt musste ich regeln, die Kinder versorgen, und zusätzlich hatte ich einen Putzjob angenommen in einer Fabrik. Nach Arbeitsschluss der Angestellten wischte und schrubbte ich die Lagerhallen. Das Geld reichte hinten und vorne nicht. Während ich mich also zerriss, saß Sergej gemütlich zuhause vor dem Fernseher, trank seinen täglichen Konsum Alkohol und verdiente ab und zu ein paar Kröten durch seine kriminellen Handlungen mit dazu. Das Geld gab er für sich allein aus. Für Tabak und Alkohol.

Die Kinder, wenn er sie beaufsichtigte, lagen nachts um zehn Uhr, wenn ich von der Arbeit zurückkehrte, nicht im Bett, sondern krabbelten zwischen den leeren Bierflaschen und dem laufenden Fernseher herum. Die Schränke hatten sie durchwühlt, Geschirr zerschmissen und auf den Teppichboden gekotzt, weil sie aus Papas Bierflasche getrunken hatten. Diese standen frei zugänglich auf dem Wohnzimmertisch. Sergej schlief tief und fest. Er schnarchte … Sobald ich die Wohnungstür aufschloss, hörte ich dieses elendige Schnarchen meines Mannes und das Geschrei der Kinder. Völlig übermüdet schnappte ich die Kinder, badete sie, schmierte ihnen ein paar Stullen und brachte sie schließlich in ihre Bettchen. Manchmal war es später als Mitternacht, bis ich selbst im Bett lag und endlich schlafen konnte. An Einschlafen war oftmals nicht zu denken. Zu sehr reizüberflutet war ich. Mir wuchs das mit den Kindern alles über den Kopf. Zugegeben hätte ich es allerdings nicht. Zumindest nicht vor Sergej. Geschlagen hätte er mich. Bezichtigt, eine unfähige Frau zu sein, die noch nicht einmal ihre Kinder großziehen konnte. Ja, man könnte sagen, in Russland waren wir eine ganz normale Durchschnittsfamilie. Das mag sich komisch anhören, entspricht jedoch den Tatsachen.

Michael und Boris zeigten sich gleich in dem Alter, als sie anfingen zu sprechen und zu laufen, verhaltensauffällig. Boris reagierte zusehends aggressiv auf andere Kinder. Insbesondere im Kindergarten. Er nahm ihnen das Spielzeug weg und schmiss es kaputt, zog den Mädchen an den Haaren oder – noch schlimmer –  schnitt sie ihnen ab. Da war er gerade einmal vier Jahre alt. Die Erzieherinnen wurden des Jungen nicht Herr. „Wir haben Angst vor Ihrem Sohn, Frau Schemjakina“, lautete es von Seiten der Kindergartenleitung. Wenn sie Boris festhielten, schrie er wie am Spieß und trat wild um sich. Bestraften sie ihn durch Spielzeugentzug, brüllte er den Rest des Tages nur noch herum. Trotzig und bösartig kapitulierte er. Ein vierjähriges Kind drehte völlig durch.

Zuhause zeigte Boris Verhaltensauffälligkeiten hinsichtlich übersteigerter Nervosität. Die Füße konnte er nicht stillhalten, der Bub. Seinen Bruder ärgerte er, wo er konnte, nahm ihm sein Spielzeug weg und schmiss es herzlos vom Balkon herunter. Er trampelte auf Michaels Malbüchern herum und riss lieblos die Seiten heraus, die sein kleiner Bruder liebevoll ausgemalt hatte. Eines Tages erwischte ich Boris, als er seinem Bruder einen Kinnhaken verpasste. Michael weinte bitterlich. Gestritten hatten sich die zwei. Kein normaler Streit, sondern für zwei Kinder in dem Alter ziemlich schwerwiegend. Mit dem Spielzeugauto schlug Boris auf seinen zwei Jahre jüngeren Bruder ein. Direkt auf seinen Kopf und ins Gesicht. Entsetzt war ich. Eine Erklärung, warum Boris so aggressiv reagierte, gab es für mich keine. „Das ist in dem Alter normal“, beruhigte mich Sergej. Er wäre zu seinen Kinderzeiten nicht anders gewesen. Woher hätte ich wissen sollen, dass, sobald Sergej den Kleinen mitnahm, damit ich einmal ausspannen konnte von der anstrengenden Hausarbeit und meinem zusätzlichen Putzjob, er unseren Sohn in die Welt des Verbrechens einführte? Auf einem alten Übungsgelände trafen sich die Männer regelmäßig zum Trinken, Quatschen und zum Schießen. Auf Attrappen schossen sie mit Luftgewehren und Revolvern. Vögel wurden eiskalt abgeknallt. Spatzen und Raben erledigten die Männer vor den Augen ihrer Kinder, Sergej vor den Augen meines Sohnes. Boris wurde die Gewalt anerzogen. Sein Vater brüstete sich damit, dass aus seinem Sohn später einmal der Anführer des Landes werden würde, der sein Volk in die rechte Spur lenkte. Dann sei es vorbei mit Unterdrückung und mangelnder Gleichberechtigung der Armen und Reichen in Russland.  Boris wurde gelobt, wenn er einen Revolver in die Hände nahm und mit diesem auf Vögel zielte, um sie vor den Augen der erwachsenen Männer abzuknallen. Ebenso wurde mein kleiner Sohn Zeuge von verbalen und handgreiflichen Auseinandersetzungen unter den äußerst brutal agierenden Männern. Im Suff schlugen sie sich gegenseitig und untereinander die Köpfe ein. Blut anzusehen war für Boris in dem Alter keine Seltenheit. Den Männern bluteten die Nasen oder durch Platzwunden hervorgerufene Verletzungen in ihren Gesichtern und über den Augenbrauen.

Nein, ich wusste von all den schrecklichen Dingen nichts, die mein kleiner, unschuldiger Sohn mitansehen musste.

Sergej vergewaltigte mich vor den Augen meiner Söhne. Er brüstete sich damit, dass ich als seine Frau nichts zu sagen hatte und sein Eigentum war. Boris und Michael lernten von klein auf, dass eine Frau nichts wert war. Ein Stück Dreck, das zu parieren hatte. Meist geschah es, wenn Sergej getrunken hatte. Mir war es zuwider, mich meinem besoffenen Mann hinzugeben. Wenn er lallend und lachend durch die Wohnung torkelte, ergriff ich zügig die Kinder und flüchtete mit ihnen in das Kinderzimmer, in der Hoffnung, Sergej würde uns dort in Ruhe lassen. Manchmal kauerten wir eng aneinandergekuschelt in der hintersten Ecke und warteten, was geschehen würde. Während Michael mit seinen zwei Jahren noch völlig unbescholten war, wuchs in Boris bereits ein kleiner Sadist heran. „Warum hast du Angst vor Papa?“, fragte er. Der Zorn funkelte in seinen hellblauen Augen, und manchmal hatte ich regelrecht Furcht vor meinem eigenen Kind. Je älter Boris wurde, umso mehr spürte ich, dass meine Angst vor ihm nicht unberechtigt war …

 

Kapitel 4

Anna

 

Mein Nesthäkchen Beate erblickte das Licht der Welt einige Tage nach Weihnachten. Meine Kinder lagen altersmäßig gut zwei Jahre auseinander. Ein Mädchen! Wieder einmal der ganze Stolz ihres Vaters. Sergej kümmerte sich rührend um sein Mädchen. Für einen Moment glaubte ich, wir wären eine ganz normale Familie. Probleme gibt es überall. Da waren wir keine Ausnahme. Finanziell stand uns oftmals das Wasser bis zum Hals. Irgendwie bekamen wir das meistens in den Griff. Mal half meine Mutter aus, dann wiederum nahm ich einen weiteren Job an, um noch mehr Geld nach Hause zu bringen. Solange Sergej sich um die Kinder kümmerte, konnte ich uns mit meinen Jobs über Wasser halten.

Während ich arbeiten ging und glaubte, dass Sergej den treusorgenden Vater spielte, nahm das Drama zuhause seinen Lauf. Zwischen den Alkoholexzessen ihres Vaters wuchsen unsere Kinder auf. Sergej betrog mich mit anderen Frauen. Diese lud er ungeniert zu uns in die Wohnung ein, während ich arbeiten ging, vergnügte sich mit ihnen vor den Augen unserer Kinder. Wütende Ehemänner standen vor unserer Wohnungstür und schlugen Alarm, drohten, die Tür einzutreten und Sergej zu erschlagen. Schüsse fielen. In unserer Wohngegend herrschte Stillschweigen. Niemand sprach ein Wort zu mir und erzählte von den fürchterlichen Geschehnissen, die sich in unserer Wohnung abspielten. Abends, wenn ich erschöpft und todmüde heimkehrte, lag Sergej sturzbetrunken im Bett, und die Kinder saßen vor dem Fernseher und sahen brutale Horrorfilme an. Dass wir damals überhaupt einen Fernseher besaßen und recht früh auch schon über ein Farbfernsehgerät verfügten, hatten wir meinem Mann zu verdanken. Sergej hatte den Fernseher besorgt – und woher, das wollte ich damals gar nicht wissen. Die Wohnung war völlig verwüstet, wenn ich von meiner Arbeit heimkehrte. Das Chaos regierte. In Deutschland sagt man eine „asoziale Familie“. Wir waren garantiert schlimmer. Leere Wodkaflaschen standen und lagen überall herum. Sie stapelten sich. Während ich diese sortierte, stolperte ich über fremde Büstenhalter und Reizunterwäsche, die sich in der gesamten Wohnung verteilte. In dem Moment wurde mir bewusst, dass Sergej mich betrog, wenn ich nicht zuhause war. Ein Stich ins Herz durchfuhr mich. Es tat weh. Eine Trennung von meinem Mann wäre für mich nicht infrage gekommen. Drei Kinder schenkte ich Sergej. Ihnen wollte ich nicht den Vater entreißen. In meinen Augen gehört eine Familie zusammen. In guten und in schlechten Zeiten. Man muss einander verzeihen und vergeben. Und ja, man muss auch etwas Schreckliches vergessen können, es verdrängen, um weiterhin friedvoll miteinander leben zu können. Vielleicht bin ich so erzogen worden, es ist meine Einstellung, und diese lebe ich. Egal, was ein Mensch verbrochen hat, er hat das Recht auf Achtung und Respekt seiner Mitmenschen. Ebenso auf Liebe und Zuneigung. Manchmal redete ich mir ein, Sergej wäre so gefühlskalt, weil er zu wenig Liebe als Kind von seiner Mutter bekommen hatte. Tief in meinem Herzen glaubte ich, dass Sergej ein guter Mensch war. Ein treusorgender Familienvater. Ein Mann, der seine Frau liebte und sie ehrte und für seine Kinder alles gegeben hätte.

In dem Jahr, als Beate geboren wurde, 1977, herrschte in Russland ein besonders kalter Winter. Eine junge Frau, heimatlos, bat um Asyl für einige Tage. Das war in Russland nichts Ungewöhnliches. Menschen, die draußen das Jahr über umherirrten, suchten zum Winter hin feste Unterkünfte, um auf der offenen Straße nicht zu erfrieren. Anna, eine junge Frau von Anfang dreißig Jahren, bat an unserer Haustür um Unterkunft. Energisch versuchte ich, die junge Frau abzuwimmeln. Das Essen reichte kaum für unsere Familie aus, einen weiteren Schnabel zu stopfen wäre uns nicht möglich gewesen. Eine Nacht vor dem warmen Ofen bot ich ihr an, mit dem Hinweis jedoch, dass sie dann weiterziehen müsste. Sergej betrachtete die Frau eindringlich. „Sie kann hierbleiben, Louisa! Sie wird in der guten Stube schlafen. Anna hat meine Gastfreundschaft, solange sie diese braucht und annehmen möchte!“ Sprachlos war ich. Wie gesagt, russische Menschen sind sehr gastfreundlich, und selten schlagen sie einem Menschen in Not ein Hilfsangebot ab. Jedoch nagten wir selbst diesen harten Winter über am Hungertuch, wie sollte das mit noch einer weiteren Person gehen? Nein, ich widersprach Sergej nicht. Es hätte nichts genutzt. Dort, wo Sergej seinen Standpunkt vertrat, herrschte das Gesetz. Zu fügen hatte ich mich. Zunächst half Anna mir im Haushalt. Die junge Frau machte sich nützlich. Wusch das Geschirr, beschäftigte die Kinder und räumte die Wohnung auf. „Siehst du, habe ich dir doch gleich gesagt, sie wird uns eine Hilfe und nützlich sein!“, fachsimpelte Sergej über sein auserkorenes Dienstmädchen, wie er das Mädchen nannte, welches wir kostenlos gegen Mithilfe im Haushalt durchfütterten.

Mit Michael und Beate kam Anna gut zurecht. Die Kinder mochten die junge Frau. Boris hingegen boykottierte Anna auf das Übelste. Er peinigte sie nach allen Regeln der Kunst. Wenn Anna das Geschirr abräumte, stellte er ihr Beinchen, damit sie zu Boden fiel und das Geschirr zu Bruch ging. Er zog an ihren schönen langen, blonden Haaren und nannte sie kaltblütig „Blöde Kuh“ oder „alte Schlampe“. Sein Essen warf er durch die Gegend, wenn Anna mit uns am Tisch saß. Einige Male glaubte ich, meine Geduld zu verlieren und meinem Sohn eine Ohrfeige verpassen zu müssen. Jedoch verabscheute ich Gewalt zutiefst und hielt mich zurück. Ich hoffte, Sergej würde unserem Sohnemann die Leviten lesen. Doch nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil. Sergej ermunterte Boris, Anna zu ärgern und sie zu drangsalieren. „Na, hast du deinen Teller schön dreckig gemacht, damit die Anna ordentlich was zum Spülen hat?“, frotzelte er niederträchtig. Boris würgte und kotzte auf seinen Teller. Seinen gelben Rotz beförderte er aus seinen Lungen und spuckte diesen über das restliche Essen. Er lachte hämisch, trampelte mit den Beinen, vor Freude über sein Verhalten. Einen strengen Blick warf ich Sergej zu. In meinen Augen lag die Frage nach dem Warum. Warum tadelte er unseren Sohn nicht? Was für ein dreckiges Spiel spielte er? War es die Freude über seinen Sadismus, sich an anderen Menschen auszulassen? Sie leiden zu sehen? Anscheinend muss es so gewesen sein. Leider. Damals sah ich die Dinge nicht klar genug, wie sie sich um mich herum abspielten. Heute, viele Jahre später, verstehe ich genau, was Sergej mit seiner Art bezweckte. Es war die pure Lust. Die Lust an der Misshandlung und dem Gefühl, mich schikanieren zu können, hervorgerufen vielleicht durch den Alkohol oder durch eigene Unzufriedenheit in den Tiefen seiner Seele. Jedenfalls bereitete es ihm tatsächlich Freude, sich an anderen Menschen gewalttätig zu vergreifen. Seinen Sohn ebenfalls zu einem kleinen kaltblütigen Denunzianten zu erziehen und ihn in seinen ausführenden Werken zu beobachten gab ihm eine Art innerliche Befriedigung.

Wieder einmal hatte Sergej ordentlich Wodka getrunken. Die Kinder waren bereits zu Bett gegangen, und wir saßen in der guten Stube. Schweigend starrten Anna und ich die Wände an. Niemand traute sich so recht, einen Wortwechsel in die Gänge zu bringen, aus Furcht vor dem Familienoberhaupt Sergej. Anna hatte zügig bemerkt, dass mit Sergej nicht gut Kirschen essen war. Stets hielt sie ihren Mund und antwortete nur, wenn sie gefragt wurde. Jedoch spürte ich, dass es ihr angenehmer war, stillschweigend in einer warmen Stube auszuharren, als draußen auf der Straße den frostigen Tod zu finden.

„Zu gern würde ich es mal mit zwei Frauen gleichzeitig treiben!“ Sergej erhob sich grunzend von seinem Sessel. Ein fettes Bäuerchen begleitete sein Aufstoßen. „Heute habe ich doch die beste Gelegenheit! Die Kinder sind im Bett, und vor meinen Augen habe ich zwei liebreizende, hübsche Frauen sitzen. Worauf warten wir eigentlich?“ Anna blickte entsetzt zu mir herüber. Ratlos zuckte ich mit den Schultern. In dem Moment konnte ich der ahnungslosen Frau schlecht gestehen, welches Schwein mein Mann Sergej sein konnte. Dass er keine Späße machte, wenn er sagte, ihm wäre sehr daran gelegen, sich mit zwei Frauen zu vergnügen, dann wusste ich genau, was die Uhr geschlagen hatte.

Sergej zog sich ungeniert die Hose aus und rief mich zu sich. Einen blasen sollte ich ihm. Von Anna verlangte er, sie solle ihren Oberkörper entblößen, damit er ihre Brüste lecken konnte, während ich ihn oral befriedigte. Hoffnungsvoll betete ich, Anna möge die Flucht ergreifen und fortlaufen. Welch eine Erniedrigung, mich meinem Mann mit einer fremden Frau hingeben zu müssen. So sehr hoffte ich, das Spiel wäre beendet, bevor es begann. Anna jedoch spielte die miese Vorstellung Sergejs mit. Lustvoll entblößte sie ihre Brüste und gab sich Sergejs provokanten Zungenspielen hin. In mir kämpfte der Würgereiz. Wie sehr ich mich auch innerlich gegen ihn wehrte, mich emotional nicht missbrauchen zu lassen, mir blieb keine Chance. Zähneknirschend brachten wir die Liebelei hinter uns. Von dem Abend an war Sergejs Hemmschwelle vollends verschwunden. Er trieb es vor meinen Augen mit Anna. „Sie ist um Klassen besser zu vögeln als du, sie ist viel lustvoller!“, warf er mir vor, als ich ihn des Verrats an unserer Ehe anklagte. „Dann musst du williger sein, dann liebe ich nur dich!“, rechtfertigte Sergej sein absolut nicht zu entschuldigendes Verhalten.

Mit jedem Tag hoffte ich, Anna würde endlich weiterziehen und unsere Wohnung verlassen. Ihre Ausdauer jedoch war groß. Anscheinend gefiel ihr der Sex mit einem volltrunkenen Mann, der mehr brutal als zärtlich in seinen Liebesspielen war. An einigen Tagen erkannte ich meinen eigenen Mann nicht wieder. Schrecklich, wie sich die Dinge um uns herum zugespitzt hatten. Machtlos und hilflos stand ich ihnen gegenüber. In meiner Rolle als Hausfrau und Mutter versuchte ich irgendwie zu funktionieren, riss mich zusammen, könnte man es nennen. Ich weinte still, leise und heimlich. Sergej sollte meine Tränen nicht sehen. Um Gottes willen, nein! Seine Worte auf meine Verzweiflung kannte ich genau. „Ach, bist du wieder am Heulen? Ja, was anderes kannst du ja nicht!“ Das war gemein und verletzend, natürlich. Jedoch waren dies Sergejs Worte als Antwort auf meine Traurigkeit. Mitgefühl und Zuneigung, Wärme … Wo war all dies geblieben in dem Menschen, den ich einst vor Jahren aus Liebe geheiratet hatte?

Es wurde März, und die Sonne schien endlich wieder über einige Stunden am Tag. Anna sprach davon, weiterzuziehen. Erleichtert atmete ich auf. Endlich. Endlich würde wieder Ruhe einkehren in unserer Familie, Frieden. Hatte Anna doch alles durcheinandergewirbelt in unseren vier Wänden, die Familienmitglieder gegeneinander aufgehetzt. Drei Kreuzzeichen tätigte ich über meiner Brust, als sie unsere Wohnung mit ihren nötigsten Habseligkeiten verließ. Sergej trauerte ihr eine Weile lang hinterher. Vielmehr dem Sex, den er mit Anna ausgelebt hatte. Tagelang erzählte er von nichts anderem als von diesen mächtig großen Brüsten und der besonders weichen Vagina, in der er sich wie zuhause gefühlt hätte. Anscheinend gab ich, seine Frau, ihm weniger das Gefühl von Heimat. Mit seinen herzlosen Worten hetzte er mich gegen sich auf. Wäre ich darauf eingegangen, hätte er nur erreicht, was er erreichen wollte. Dass er mich bestrafen hätte können, weil ich mich meinem Mann gegenüber nicht im Griff hatte. Ihm, meinem Ehemann gegenüber, frech und aufmüpfig zu werden, hätte er bestraft. Mit Schlägen, Nahrungsentzug oder Vergewaltigung. Eine Bestrafung durch Schläge wäre wahrscheinlich unumgänglich gewesen. Für mich glich diese Tragödie einem Teufelskreis aus dem es kein Entkommen gab.

Die Jahre zogen ins Land, und mit ihnen wuchs das Drama … Das Drama innerhalb unserer Familie.

 

Kapitel 5

Ärger

 

„Ihr Sohn hat unsere Katze ermordet!“ Eine aufgebrachte Frau stand im Türrahmen unserer Wohnung und hielt mir, während ich öffnete, ein totes Tier entgegen, das entsetzlich stank. Durchaus erkannte man mit ein wenig Fantasie den Körper einer toten Katze. Das Fell war bis auf die Unterhaut blutig abgesenkt, so als hätte man das Fell des Tieres angezündet. „Was ist da los?“, rief Sergej aus dem Hintergrund. „Hier ist eine Frau, die behauptet, unser Sohn hätte ihre Katze ermordet!“, antwortete ich verdutzt. Beim besten Willen konnte ich mir auf das Geschehen keinen Reim machen. Sergej kam mit eiligen Schritten zur Tür herbeigelaufen und blickte mürrisch der Frau ins Gesicht. „Ja und? Da kann ja jeder kommen!“, maulte er ungehalten. „Boris!“, brüllte er im selben Atemzug, und unser Sprössling näherte sich ebenfalls der Wohnungstür. Sergej deutete auf die tote Katze in den Händen der fremden Frau. „Was hat das zu bedeuten?“, fragte er barsch. Boris zog die Schultern hoch. „Weiß nicht“, stammelte Boris lapidar. Ihn schien die Angelegenheit nicht großartig zu interessieren. „Ihr Sohn hat die Katze mit Benzin übergossen und in Flammen gesetzt! Sie ist qualvoll verbrannt. Lichterloh brannte ihr Körper. Was denken Sie sich eigentlich dabei?“ Die aufgebrachte Frau kreischte hysterisch. „Was für Bastarde ziehen Sie sich da eigentlich mit Ihren Kindern groß?“ „Woher wissen Sie denn so genau, dass es unser Sohn gewesen sein soll?“ Nachdenklich versuchte ich den Sachverhalt aufzuklären. „Weil Ihr Sohn dabei beobachtet wurde. Von unserer Tochter. Sie hat uns sofort alarmiert. Da war es allerdings bereits zu spät und die Katze tot! Das Tier ist jämmerlich schreiend verbrannt. „Ihr Sohn soll zur Hölle fahren! Das wird ein Nachspiel haben!“ Die wütende Frau schmiss die Katze über unsere Türschwelle und zog von dannen. Boris schüttelte den Kopf, so als ginge ihn die ganze Angelegenheit nichts an, und verzog sich knurrend in sein Zimmer. Sergej entsorgte das stinkende Tier. Mein Mann hielt unserem Sohn später keine Moralpredigt. Erwartet hatte ich ein riesengroßes Donnerwetter. Dieses blieb aus. Mein Mann und Boris steckten unter einer Decke. Meine mütterliche Intuition signalisierte mir, dass da einiges im Busch war zwischen den beiden. Sergej schien genau zu wissen, dass Boris die Katze umgebracht hatte …Warum auch immer nahm er seinen Sohn in Schutz, statt ihm die Leviten zu lesen. War es ein In-Schutz-Nehmen? Oder war es ein Bündnis?

Bei diesem einen Vorfall blieb es nicht. Seit Boris zwölf Jahre alt war, gab es immer wieder unangenehmen Ärger in der Wohnsiedlung, in der Schule oder mit Behörden wegen anderen Delikten und Straftaten, die Boris angeblich zu verantworten hatte. Einmal hieß es, er habe einer alten Frau im Park auf dem Weg zur Schule die Handtasche gestohlen. Von seiner Lehrerin sei er erkannt worden, als er mit der Tasche unter dem Arm davonlief. Diese hatte ihn bei der Polizei angezeigt. Eines Nachmittags nach Schulschluss sei auf die Lehrerin ein gewalttätiger Übergriff erfolgt, den ebenfalls Boris zu verantworten gehabt hätte. Die Lehrerin nannte es einen Rachefeldzug, weil sie Boris bei der Polizei angeschwärzt hatte. Die Lehrerin kam mit leichten Verletzungen ins Krankenhaus. Boris habe sie geschlagen, mehrere Male auf den Hinterkopf, sagte sie weinend. Mit einem harten, undefinierbaren Gegenstand habe er wieder und wieder zugeschlagen. Da die Lehrerin die einzige Zeugin für den angeblichen Übergriff war, konnte man Boris nichts nachweisen. Die ältere Frau konnte sich an Boris nicht erinnern, als man ihr den Jungen auf der Wache hinter der verdunkelten Glasscheibe zur Identifikation vorführte. Bis zu dem Zeitpunkt glaubte ich nicht, dass mein Sohn für die brutalen Übergriffe verantwortlich sein sollte, Zumal er alles abstritt. Nein, mein Sohn war kein Krimineller. Boris war zwölf Jahre alt. In meinen Augen war er noch immer mein kleiner Sonnenschein.

Es kehrte keine Ruhe ein. Mehrere Eltern beschwerten sich, Boris habe ihre Kinder verprügelt und Schutzgeld von ihnen erpresst. Auf dem Weg zur Schule hatte er gezielt seine Klassenkameraden abgefangen und sie verprügelt. Auch dies stritt Boris ab. Erstaunlicherweise verfügte er über genügend Geld, Süßkram zu kaufen, obwohl er von zuhause kein Taschengeld bekam. „Das Geld hat er von mir!“, nahm Sergej unseren Sohn in Schutz. Zunächst glaubte ich den beiden. Weil ich es nicht wahrhaben wollte, dass mein Sohn auf dem besten Wege war, ein organisierter Verbrecher zu werden im Fortschreiten seiner Lebensjahre.

Auch daheim bei uns geschahen merkwürdige Dinge. Michael erzählte immer wieder, Boris habe ihn geschlagen und er nehme seine Spielsachen weg. Eines Tages erwischte ich Boris dabei, wie er seine Schwester grob schubste, weil diese ihm nicht sofort den Weg freimachte, als er in das gemeinsame Zimmer wollte. Die Kinder schliefen alle zusammen. Wir wohnten auf engstem Raum. Ein Zimmer für drei Kinder musste reichen. Nach dem Vorfall mit Beate stellte ich Boris zur Rede. „Warum bist du so grob zu deiner Schwester?“ Einmal tief durchatmend, versuchte ich, den ruhigen Ton zu wahren. Nein, ich wollte meinen Sohn nicht anschreien. Es war mein Kind. Mein Fleisch und Blut, das ich neun Monate lang unter meinem Herzen getragen hatte. „Du hast mir gar nichts zu sagen“, fauchte Boris ungehalten. In der Tonart war er mir noch nicht gegenübergetreten, und ich war zutiefst erschrocken über dieses maßlose Verhalten. Am Abend erzählte ich Sergej von dem Vorfall, und dieser verpasste Boris zwei Ohrfeigen. Boris weinte nicht. Er hielt sich entsetzt die schmerzende Wange und blickte seinem Vater böse in die Augen. „So sprichst du nicht noch mal mit deiner Mutter, verstanden?“, schrie ihn Sergej an. „Du sprichst doch selbst so mit ihr!“, antwortete Boris und lief in sein Zimmer. Wütend knallte er die Tür zu und schloss ab. Sergej ratterte wie ein Verrückter an der Türklinke herum und schrie, dass Boris sofort die Tür aufmachen solle, wenn er an seinem Leben hinge. Sergej beruhigte sich überhaupt nicht mehr. Hätte er Boris an diesem Abend zwischen die Finger bekommen, ich weiß nicht, was passiert wäre. Sergej war wirklich außer sich. Irgendwann gab die Tür nach. Boris hatte aus dem Fenster heraus die Flucht ergriffen. Die Bettlaken der Kinderbettchen hatte er aneinandergeknotet und war aus dem Kinderzimmer geflohen. „Dieser Bastard!“, fluchte Sergej.

Es verblieb nicht bei einer toten Katze aus der Nachbarschaft. Mysteriöse Vorfälle einiger ungeklärter Tiermorde durchzogen unsere Wohnsiedlung. Zwei Hunde hatten Wurst mit gespickten Reißzwecken gefressen und waren daran letztendlich elendig erstickt. Eine weitere Katze wurde von einem der kleinen Kinder in der Sandkiste auf dem Spielplatz tot aufgefunden. Dem Tier hatte man den Bauch aufgeschlitzt. Die Katze war trächtig. Die ungeborenen Kätzchen in der Gebärmutter hingen leblos aus dem Bauchschlitz des Tieres heraus. Ein grässlicher Anblick, besonders für ein kleines Kind. Immer wieder war die Rede davon, dass Boris für all diese widerlichen Taten verantwortlich gewesen sein sollte. Sergej winkte lächelnd ab. „Ach, das ist doch alles nur dummes Gerede der Leute! Irgendeiner muss ja der Schuldige sein, aber unser Sohn macht so etwas nicht! Der schlägt zwar ab und zu mal über die Stränge, vergreift sich im Ton, aber das ist kein brutaler und kaltblütiger Tiermörder!“ Als eines Tages allerdings einem kleinen Schäfchen auf der Weide ganz in der Nähe des Spielplatzes mit einem Messer fürchterliche Verletzungen zugefügt worden waren, glaubte ich sehr wohl, dass Boris für all diese kriminellen Handlungen verantwortlich gewesen sein könnte. Im Kinderzimmer fand ich ein handgemaltes Bild, auf dem ein Schäfchen angepinselt mit roter Farbe auf einer Weide graste, das aussah, als würde es verbluten. Hastig durchwühlte ich in der Küche mein Sammelsurium aus Messern, und tatsächlich fehlte eines.

„Gib sofort das Messer her!“ Boris war kaum zur Tür hereingekommen, da nahm ich ihn mir zur Brust. „Was für ein Messer?“, knurrte er patzig. „Das weißt du genau! Sag es, sonst sag’ ich es deinem Vater, und der wird dich garantiert grün und blau schlagen!“, drohte ich meinem Sohn. Allerdings glaubte ich nicht, dass er sich von mir einschüchtern ließ. Boris gab mir an dem Tag widerstandslos das Messer. Unter seinem Bett hatte er es versteckt und hervorgeholt. „Warum hast du das getan?“ Entsetzt blickte ich meinem Kind in die Augen. „Wir brauchen doch etwas zum Essen hier zuhause. Das Lämmchen wollte ich mitbringen, damit wir es essen können, ich wollte ein richtiger Mann sein und die Familie ernähren!“, stammelte Boris. Mir fehlten die Worte. „Ich wurde beobachtet, und dann bin ich schnell weggelaufen“, fuhr er fort. Ach du meine Güte … Wenn das nicht passiert wäre, dass ihn jemand beobachtet hätte, dann hätte mein Sohn also tatsächlich ein kleines Lämmchen mit nach Hause gebracht, welches er vorher mit mehreren Messerstichen getötet hatte. Mir verschlug es die Sprache. Nachdem ich Boris versprach, seinem Vater nichts zu sagen, wenn er mir das Messer herausgab, herrschte eine Zeit lang Ruhe. Keine Vorfälle und keine Beschwerden der Nachbarn gab es mehr. Konnte ich aufatmen? Was hatte Boris dazu bewegt, seine kriminellen Eigenarten zurückzustellen? Vielmehr beschäftigte mich ebenso die Frage, was ihn dazu bewogen hatte, überhaupt so kriminell zu agieren. Woher kamen seine Aggressionen und diese grauenvollen Hasstiraden eines zwölfjährigen Kindes? Wahrscheinlich lag es an Sergejs Erziehung. Manchmal war er sehr streng mit den Kindern, dann ließ er wiederum alles durchgehen, je nachdem, welchen Stand sein Alkoholpegel hatte. War er nüchtern, konnte es sein, dass er den Kindern den Hals umdrehte. War er betrunken, wusste man nie, wie er reagieren würde. Für mich war es der Horror. Meine Mutterinstinkte signalisierten mir, dass mein ältester Sohn sich auf völligen Abwegen befand und ich dies anscheinend nicht verhindern konnte. Eine schwere Last legte sich über meine Schultern. Wir hatten unseren Kindern nichts zu bieten. Außer dem kleinen Spielplatz, der zu der Wohnsiedlung gehörte, gab es keine Einrichtungen für Kinder, in denen sie spielen und sich hätten austoben können. Nur einen Bolzplatz, abseits der Siedlung gelegen, jedoch wollte ich Boris noch nicht so weit fortschicken außerhalb unseres Wohnbereichs. Meine mütterlichen Gefühle klammerten doch sehr an den Kindern. Um meine Kinder sorgte ich mich wie eine Gepardin. Wachsam, immer ein Auge auf sie haltend, bemutterte ich sie. Umso mehr versuchte ich dies, als ich spürte, dass mir mein Kind entglitt. Begleitet waren diese liebevollen Gefühle von einem tiefen Entsetzen über die Kaltblütigkeit meines eigenen Kindes.

 

Kapitel 6

Die Bande

 

Eines Tages kam mein Sohn völlig verheult mit zerrissenen Jeans und mehreren kleinen blutigen Wunden vom Spielen nach Hause. Es sah aus, als hätte er sich geprügelt und dabei den Kürzeren gezogen. „Was ist passiert?“ Ängstlich betrachtete ich mein Kind. „Die wollen mich in die Gruppe aufnehmen!“, schluchzte Boris. Ein kleines Lächeln huschte über seine zerkratzten Wangen. „Ich musste einige Tests bestehen, um aufgenommen zu werden. Habe alle bestanden!“, strahlte er schließlich und wischte sich die Tränen fort. „Haben dich die Jungs verprügelt, Boris?“, fragte ich vorsichtig. Stumm nickte er. „Ja, sie waren zu dritt, aber ich habe mich gut geschlagen. Deshalb bin ich jetzt Bandenmitglied!“ Voller Stolz warf Boris sich in die kindliche Brust. Beinahe heldenhaft war sein Benehmen. Zunächst ließ er sich schlagen, um später als Mitglied akzeptiert zu werden. Zu meinen Kindeszeiten gab es diese Banden auch. Sogar Mädchenbanden hatten wir damals in unserem Ort. Auch ich war Mitglied in einer von ihnen. Das war nichts Ungewöhnliches, und ich machte mir keine weiteren Gedanken. Wenn Boris nunmehr Freunde gefunden hatte, vergriff er sich vielleicht nicht mehr an wehrlosen Tieren, weil ihn die Langeweile nicht mehr plagte. Leider besaß ich nicht annähernd eine Ahnung, zu welchen Schandtaten diese Kinderbande fähig war. Die Kinder, die dort Mitglied waren – und es handelte sich in der Tat um besonders junge Kinderseelen, die sich zusammengeschlossen hatten, denn die Ältesten waren nicht älter als Boris –, agierten weitaus schlimmer und gefährlicher, als mein Sohn es tat. Zuhause im Drogensumpf aufgewachsen, zwischen rund um die Uhr alkoholisierten Eltern. Die Schule besuchten diese Kinder selten. Geld hatten sie alle in ihren Taschen stecken. Von Raubüberfällen. Die Touristen fingen sie ab, gleich, wenn diese aus den Reisebussen stiegen, stahlen ihnen Portemonnaie und die teure Fotoausrüstung. Das Diebesgut verscherbelten sie, das Geld teilten sie brüderlich. Die Kinder waren geschickt und raffiniert in ihrer Vorgehensweise. Gefasst wurden sie selten, und wenn, dann ließ man sie gleich wieder frei aus den Händen der Justiz, weil sie minderjährig und nicht strafmündig waren. Die Leidtragenden dieser räuberischen Handlungen waren die Eltern. Ihnen war es jedoch völlig egal, was ihre Kinder den lieben Tag lang trieben. Hauptsache, die Kleinen nervten nicht und zickten zuhause nicht herum. „Auf die Touristen sollte man eine Atombombe schmeißen!“, sprach Boris eines Tages in einem erbitterten Ton über die vielen Reiselustigen, die das Venedig des Nordens besuchten. „Weißt du eigentlich, was eine Atombombe ist?“, fragte sein Vater neugierig. „Ja, wenn wir die abwerfen, dann bleibt nichts mehr übrig hier!“, triumphierte Boris. „Na, von dir aber auch nicht!“, klärte ich ihn auf. „Wir haben einen Bunker, dort können wir hineingehen, das macht gar nichts. Aber weg mit dem ausländischen Volk!“ Boris sprach seinen Hass gegen fremde Menschen in einer Tonlage, die mir gar nicht gefiel.

„Mein Gott, Sergej, willst du dir den Jungen nicht mal vorknöpfen?“, bat ich meinen Mann. Sergej zuckte wortlos mit den Schultern und legte ein gelangweiltes Gesicht auf. „Lass ihn doch! Wir waren doch nicht anders in der Jugendzeit, oder?“ Na ja, also ich war schon anders, glaubte ich. Das hätte ich mich nicht getraut, so aggressiv vor meinen Eltern aufzutreten. Zumal jeder von uns wusste, was es hieß, wenn eine Atombombe fallen würde. Die Angst saß tief in jedem von uns, dass es tatsächlich passieren könnte. Wir alle waren gebrandmarkte Opfer der Katastrophe von Tschernobyl. Die Auswirkungen des fürchterlichen Reaktorunfalls hinterließen Ängste in den Köpfen der Menschen. Allein bei dem Wort „Atom“ gerieten viele gleich in Panik und helle Aufruhr.

Einmal standen zwei uniformierte Polizeibeamte ernsten Blickes in unserer Wohnungstür. „Es geht um ihren Sohn!“ Seufzend bat ich die Herren in unsere gute Stube. Dass nichts Gutes kommen würde, wenn die Justiz an der Tür klingelte, ahnte ich. Die Herren setzten sich mit nachdenklichen Gesichtsausdrücken auf unsere zerschlissene Stoffcouch. „Diese Bande, in der Ihr Sohn Mitglied ist, hat ein Kind lebensgefährlich verletzt, Frau Schemjakina!“ Der siebenjährige Junge war äußerst brutal zusammengeschlagen und von der Bande auf die Bahnschienen gedrängt worden. Er hatte Glück gehabt, dass der Zug über ihn hinwegrollte, ohne dass er sein Leben verlor. Jedoch wurde dem Kind ein Arm abgerissen, weil dieser über den Schienen gelegen hatte. Der Junge war bewusstlos gewesen, während der tonnenschwere Zug über ihn hinweggedonnert war und seinen Arm abgetrennt hatte. „Ihr Sohn war an der vorausgegangenen Schlägerei beteiligt, Frau Schemjakina!“ Die Worte der Beamten trafen mitten ins Herz. Mein Kind sollte ein anderes Kind mutwillig vor einen herannahenden Zug geschmissen haben? „Die Kinder haben zugesehen, wie der Junge überfahren wurde, ohne den Rettungsdienst zu verständigen! Als dieser eintraf, ergriffen sie die Flucht. Ein Mann hat ihren Sohn erkannt. Ist er zuhause, Ihr Sohn?“ Leise nickte ich. Sergej war nicht daheim, als die Polizisten unsere Wohnung betraten. Boris war in seinem Zimmer. Dass etwas nicht in Ordnung war, hatte ich gleich bemerkt, als der Junge vom Spielen nach Hause kam. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, ging er sofort auf sein Zimmer. Dort gab er keinen Mucks von sich. Das war ungewöhnlich. Normalerweise fragte er immer gleich, was es zum Abendessen gab, wenn er heimkehrte. An diesem Tag verlor er kein Wort, sondern zog sich stillschweigend zurück.

Während die Beamten mit Boris sprachen, stand dieser mit gesenktem Blick in unserer Stube und lauschte wortlos den Vorwürfen. Als man ihm die Frage stellte, ob er sich zur Tatzeit am Tatort befunden hätte, beantwortete er diese mit einem „Nein“. Er stritt alles, was ihm die Beamten vorwarfen, ab und sagte, dass er mit einigen Freunden auf dem Bolzplatz gewesen wäre und von einem Unglück mit einem kleinen Jungen nichts wüsste. Boris hatte also laut seinen Angaben mit dem Vorfall nichts zu tun. Die Beamten schenkten meinem Sohn keinen Glauben. Sie baten mich eindringlich, mit Boris zusammen am nächsten Tag das Revier aufzusuchen, um dort eine Aussage zu machen.

Sergej fluchte wie ein wilder Stier. Von einem Saufgelage kehrte er heim, als ich ihm von dem Besuch der Beamten erzählte. „Wer ist denn dieses Arschloch, das angeblich unseren Sohn erkannt hat?“, fluchte er wutschnaubend. „Demjenigen werde ich mal ordentlich die Meinung geigen und seine Fresse polieren! Einfach ein unschuldiges Kind einer abscheulichen Tat zu bezichtigen, das ist Rufmord!“ Sergej stürzte an diesem Abend hinaus auf den Balkon und brüllte so laut herum, dass er die gesamte Nachbarschaft aufweckte. Selten hatte ich ihn so explodieren sehen vor Zorn.

Boris machte bei der Polizei seine Aussage. Er gab an, dass er mit dem Vorfall nichts zu tun gehabt hätte. Es kam zu einer Gegenüberstellung des Mannes, der Boris angeblich erkannt und ihn beim Namen genannt hatte. Allerdings war dieser nach der Gegenüberstellung nicht mehr sicher, ob Boris tatsächlich an dem Tatort mit den anderen Kindern zugegen war. Man ließ Boris und mich gehen – weil meinem Sohn nichts nachgewiesen werden konnte. Der Junge, dem bei dem Unfall der Arm abgetrennt worden war, starb einige Tage später im Krankenhaus an einer schweren Entzündung, die sich an dem abgenommenen Stumpf ausgebreitet hatte.

Mit Graffiti hatte jemand wenige Tage später unsere Balkonbrüstung beschmiert. „Mörder“ stand dort in großen, roten Buchstaben angesprüht. Sergej drückte Boris Putzmittel und einen Eimer Wasser in die Hand. Er sollte gefälligst den Dreck beseitigen, den man wegen ihm hinterlassen hatte. „Ich bin kein Mörder!“, protestierte Boris, während er die Sauerei wegwischte. Da war guter Rat teuer. Wem sollte ich glauben? Meinem Sohn oder den Behörden? Sergej glaubte unserem Sohn. Mit Leib und Seele stand er hinter unserem Jungen.

Mir wurde das Herz schwer. So wollte ich auf der einen Seite mein Kind nicht beschuldigen für etwas, was es nicht getan hatte, und auf der anderen Seite musste ich mich der Wahrheit stellen. Schlimm und kaum zu ertragen war der Gedanke, dass Kinder in diesem Alter ihre Kameraden auf Bahnschienen schmissen und zusahen, wie sie vom Zug überrollt wurden. Ob mein Sohn letztendlich mitschuldig an dem Drama war, das bleibt bis zum heutigen Tag ein dunkles Geheimnis.

Die Eltern des verstorbenen Kindes suchten uns auf. Nicht nur uns, ebenfalls die Eltern der anderen Kinder aus der Bande, in der Boris Mitglied war, und von denen man glaubte, sie trügen Schuld am Tod des kleinen Jungen. Die Mutter eines Freundes von Boris warnte mich telefonisch, dass Ärger im Anmarsch wäre. Ärger in Form der trauernden Eltern, die einen Schuldigen suchten für den Tod ihres Kindes, das sie rächen wollten. Mord und Totschlag, Selbstjustiz, Hass und Folter in Eigenregie ist in Russland nichts Ungewöhnliches.

„Ihr Sohn hat unseren Jungen umgebracht!“ Eine junge Frau, mit tränendurchtränktem Gesicht lehnte in unserem Türrahmen und wischte sich mit einem Taschentuch die Tränen fort, während sie die hartherzigen Worte über unseren Sohn sprach. Sie war allein hergekommen, ohne den Vater ihres Sohnes. „Mein Sohn hat mit dem Tod Ihres Sohnes nichts zu tun, und jetzt verschwinden Sie besser!“ Sergej schob sich grob an mir vorbei, nachdem ich die Tür geöffnet hatte, und positionierte sich mit breiter Brust vor der im Türrahmen stehenden weinenden Frau. „Das Schicksal nahm mir meinen geliebten Sohn, und mein Mann hat heute Nacht versucht, sich das Leben zu nehmen, weil er den Tod von unserem Marius nicht überwinden kann. Wenn er auch noch stirbt, bin ich völlig alleine! Haben Sie denn gar kein Gewissen?“, schluchzte die Frau aufgelöst. Sie sah mir eindringlich ins Gesicht, so, als könnte sie bis in die Tiefen meiner Seele hineinsehen und mit einem scharfen Schwert Wunden dort hineinreißen. Sie ängstigte mich mit ihrem durchdringenden Blick, und das schlechte Gewissen stieg in meinem Herzen empor. Was wäre gewesen, wenn ich an ihrer Stelle wäre? Wie würde ich mich fühlen? Welch schrecklicher Gedanke, sein eigenes Kind wird von einem Zug getötet, weil andere Kinder es auf die Schienen schubsten. Hineinbitten wollte ich sie, zu einem Gespräch in unsere Wohnung. Zu gern hätte ich mehr von ihr und ihrem Leben erfahren und ihr Trost schenken wollen. Über das Leben ihres Sohnes hätte ich gern mehr gewusst. Herzlos schob Sergej die junge Frau beiseite. Anscheinend spürte er genau, dass mein gutmütiges Herz eine Handlung vornehmen könnte, die für unsere Situation nicht hilfreich gewesen wäre, weil wir diese später vielleicht bitter bereut hätten. „Wir haben mit der Angelegenheit nichts zu tun! Gehen Sie jetzt bitte!“, drängte Sergej die Frau zum Aufbruch. Mit verfinstertem Gesicht blickte sie mir ein letztes Mal in die Augen. „Im Leben kommt all das Schlechte, das man getan hat, irgendwann zu einem zurück!“, sagte sie, und ihre schwarzen Augen blitzten verräterisch, während sie weinend die Treppen hinunterlief und auf Nimmerwiedersehen aus meinem Leben verschwand …

 

Kapitel 7

Ein Jahr später

 

Michael war nun ebenfalls Mitglied in besagter Bande, zum Leidwesen seines Bruders Boris. Zwei verfeindete Brüder wurden aus den beiden Kindern. Boris hielt sich kaum noch zuhause auf. Lediglich in den Nächten kehrte er heim, zum Schlafen. Seine Kleidung stank nach Zigarettentabak und Alkohol. Ebenfalls glaubte ich, an ihm den Geruch von Cannabis wahrzunehmen. Besorgt durchwühlte ich seine Anziehsachen. Panisch wurde ich. Dass er Drogen nahm, das wollte ich mir gar nicht ausdenken. Mit seinen dreizehn Jahren war er doch noch ein Kind. Ein Bub. Mein kleiner Junge. Mein Mädchen war zu dem Zeitpunkt neun Jahre alt. Es bereitete uns viel Freude, spielte so lieb mit seinen Puppen, und im Allgemeinen war es ein sehr ruhiges, ausgeglichenes Kind. Beate fiel niemals negativ auf. Sie war eher die Stille, eine in sich gekehrte Persönlichkeit. Meine Aufmerksamkeit richtete ich somit auf die beiden Jungs. Längst war mir Boris entglitten. Er nahm Drogen, trank in seiner Clique Alkohol, rauchte Joints und fiel durch aggressives Verhalten in der Gesellschaft auf. Mit dem Gesetz rasselte er ständig aneinander. Die Polizei stand beinahe täglich vor unserer Wohnungstür. Mal hatte Boris angeblich einen Diebstahl begangen, dann wiederum eines der anderen Kinder verprügelt oder einer älteren Dame die Handtasche geraubt. Aufgrund seines Alters war er nur bedingt strafmündig und kam meistens mit einem blauen Auge davon. Einige Sozialstunden sollte er absolvieren, zu denen er jedoch gar nicht erst antrat. Sergej hatte stets ein Einsehen mit dem Bub. Ärger gab es selten, so dass mein Mann meinen Sohn geschlagen hätte wegen seines kriminellen Verhaltens. Heute glaube ich, Sergej war stolz darauf, dass aus unserem Sohn ein krimineller Mensch wurde. Der Bub wurde von meinem Mann regelrecht dazu erzogen, ja beinahe angehalten, sich danebenzubenehmen sowie seiner Umwelt gegenüber kriminell und äußerst brutal zu agieren. Eines Nachmittags beobachtete ich die beiden heimlich in unserem Garten, meinen Mann Sergej und unseren ältesten Sohn. Es gab eine kleine Gartenlaube, die wir Hausbewohner abwechselnd in Absprache benutzen durften, um kleine Partys zu feiern oder die Hütte für Anlässe wie Geburtstage in Anspruch zu nehmen. Die beiden Männer hatten zwei wilde Kaninchen gefangen, aus den umliegenden Wiesen, in denen sie die Tiere aufgespürt hatten. Sergej war ein Meister auf dem Gebiet, Tiere zu erlegen oder sie einzufangen. Er verfügte über keinen Jagdschein oder so etwas in der Art, welcher ihm bescheinigt hätte, dass er Tiere töten durfte, aber in Russland wird es strafrechtlich nicht verfolgt, wenn ein Reh erlegt oder ein Hase eingefangen wird. In einigen schäbigen Wohnbaracken abseits jeglicher Zivilisation, in deren Hütten Menschen vegetierten und versuchten zu überleben, war es gang und gäbe, dass wilde Tiere gejagt und getötet wurden, damit die Männer mit dem Fleisch ihre Familien ernähren konnten.

Sergej und Boris verschwanden mit den Tieren in der Gartenlaube. Aus dem Küchenfenster heraus hatte ich sie beobachtet. Ich wurde neugierig, glaubte, dass dort etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Ich schlich aus dem Haus zum Garten hinüber. Leise und unmerklich versteckte ich mich hinter dem Gebüsch und lugte durch das kleine Fenster, mit aller Vorsicht, um ja nicht von ihnen entdeckt zu werden. Das Fenster der Hütte lag zum Wald hin, von den Nachbarn konnte mich niemand beobachten, um mich später zu verraten. Das, was ich sah, ließ mich zu Tode erschrecken. Sergej zeigte unserem Sohn, wie man dem Tier den Schädel einschlug und ihm sprichwörtlich das Fell über die Ohren zog. An den langen Ohren hielt Sergej das hilflose zappelnde Tier, welches sich in Todesangst befand, fest. Nach einigen Sekunden, in denen es hilflos gefangen war, wehrte es sich nicht mehr. Still verharrte es in der Situation, in der es nicht wusste, wie ihm geschah. Sergej legte das Kaninchen, noch immer an den Ohren festhaltend, seitlich auf die Tischkante, und mit einer kleinen Axt durchtrennte er dem Tier blitzschnell das Genick, ließ es ausbluten und zog ihm das Fell über die Ohren. Danach weidete er die Gedärme aus. Mir wurde übel, und ich hielt mir entsetzt die Hand vor den Mund.

Das zweite Kaninchen erledigte Boris. Er tat es seinem Vater gleich. Ohne zu zögern und ohne Reue zu zeigen, ein wehrloses Tier zu töten, schlug er erbarmungslos zu und enthauptete das Kaninchen. Entsetzt war ich und hielt eisern die Hand vor den Mund, um nicht schreien zu müssen.

„Mama, was machst du da?“ Beate war mir in den Garten gefolgt. Oh mein Gott, wenn Sergej uns entdeckt hätte – nicht auszudenken. Schnell nahm ich die Kleine an die Hand und verließ mit ihr den Garten. Niemals hätte ich den Mut gehabt, Sergej später auf den von mir beobachteten Vorfall anzusprechen. Wie er reagieren würde, das wusste ich damals genau. Einen Mann wolle er aus unserem Sohn machen, diese Antwort hätte er mir gegeben.

Michael stieg nur wenige Monate später zu meinem Leidwesen in die Fußstapfen seines älteren Bruders. Auch er geriet ins Visier der Behörden. Ebenfalls leistete er sich kriminelle Delikte, die uns die Polizei ins Haus brachten. Zunächst waren es kleinere Straftaten, wie Diebstähle und Hausfriedensbruch. In einem Einkaufscenter hatte er immer wieder gestohlen und trotz Hausverbot das Geschäft erneut aufgesucht. Beim Stehlen wurde er erwischt, und einmal schlug er einer Verkäuferin, die ihn festhalten wollte, brutal ins Gesicht. Auf meine entsetzte Frage, warum er klauen ginge, erhielt ich zur Antwort, dass er Anziehsachen bräuchte, um in der Gruppe mithalten zu können. Alle seine Freunde hätten Markenklamotten zum Anziehen, bloß er nicht, weil seine Eltern kein Geld besäßen. Deshalb ginge er stehlen. Das war nicht zu glauben, was ich mir anhören musste. Meine Güte, hatte ich meine Kinder nicht zu Anstand und Höflichkeit erzogen? Wo war der Teil in der Beziehung, in der ich kläglich versagt hatte?

Nachdem Boris wieder einmal von der Polizei heimgebracht wurde, weil er irgendetwas ausgefressen hatte, stellte ich ihn später, nachdem die Beamten fort waren, zur Rede. „Was soll aus dir nur werden? Willst du mit sechzehn Jahren schon ins Gefängnis gehen? Du machst dein ganzes Leben kaputt und das deiner Eltern gleich mit dazu“, schimpfte ich ungehalten. Boris blickte mich an. Starr war sein Blick, und leer seine Augen. In ihnen erkannte ich keine Liebe. Ein Kind hat seine Eltern lieb, zeigt Ehrfurcht vor ihnen. Nicht jedoch mein Sohn. In seinen Augen erkannte ich Hass, Missgunst und Unzufriedenheit. Ungehalten schubste er mich beiseite, um durch die Tür in sein Zimmer zu gelangen. „Du gehst mir auf den Sack, Alte!“, maulte er. Die Tür knallte er wütend zu. Aus dem Fenster verschwand er wenig später wieder. Es war immer dieselbe Masche: Die Bettlaken aneinandergeknotet und an ihnen heruntergelassen, machte er sich auf den Weg zur Straße, wo er ein Leben lebte, das dem eines Kindes nicht würdig war. Manchmal saß ich weinend auf der Couch in unserer guten Stube, verzweifelt, und wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Über meine beiden Söhne hatte ich kaum noch Gewalt.

Eines anderen Tages rastete Boris aus. Er schlug mir ins Gesicht, weil ich ihn darum bat, nicht fortzugehen, aus Angst, er könnte wieder eine Straftat begehen. Ob ich ihn als einen Verbrecher hinstellen wolle, fragte er ungehalten. Äußerst boshaft und hassversessen stellte er mir diese Frage. „Du bist ein Verbrecher“, sagte ich in einem leisen Ton. Wehleidig war meine Stimme. Das blanke Entsetzen lag in ihr. Fassungslosigkeit. In dem Augenblick meiner traurigen Worte holte Boris aus und schlug mir auf die Nase.

Nein, es tat ihm nicht leid. „Vielleicht solltest du besser ausziehen“, sagte er lapidar, als ich mir weinend die blutende Nase hielt. „Vati kann mit dir sowieso nichts anfangen!“ Mein Gott, wie Schuppen fiel es mir von den Augen. Wenn Boris so zu mir sprach, dann wusste ich genau, wie der Hase zwischen ihm und seinem Vater lief, wenn die beiden über mich sprachen. Sergej redete also nicht gut von mir vor den Augen und Ohren unserer Kinder. „Warum ausziehen?“, schluchzte ich. „Hör doch auf zu heulen! Heulen ist das Einzige, was du kannst! Du bist so erbärmlich! Wenn du ausziehen würdest, dann hätten wir hier mehr Platz. Wir hängen doch alle nur auf einer Stelle, haben nur ein Kinderzimmer. Ich habe keine Lust, anzusehen, wenn Beate bald ihre Titten bekommt, wie sie sich zum Orgasmus streichelt!“ Boris verzog keine Miene, als er diese unglaublichen Worte zu mir, seiner Mutter sprach. Mein Sohn war dreizehn Jahre alt! „Deine Schwester ist neun Jahre alt!“, stammelte ich. Sprachlos war ich. Mir fiel nichts mehr ein …

Traurig weinte ich mich an diesem Tag ruhelos in den Schlaf. Mir war bewusst, dass ich Boris nicht mehr umerziehen konnte. Der Hass und die Boshaftigkeit wohnten in seiner Seele und hatten sich dort festgefressen, waren eingezogen wie ein Pilz oder ein Virus, das sich in seinem Herzen eingenistet hatte.

All meinen Mut nahm ich zusammen und sprach mit Sergej über die Vorfälle. Vorfälle, die an Alltäglichkeit verloren hatten, weil sie so widerlich und grausam waren. Es gab Momente, da hatte ich wahrhaftig Angst, mit Boris allein in der Wohnung zu sein.

„Der Bub weiß, wo es langgeht! Das muss er auch, sonst wird er in diesem Dreck erbärmlich untergehen. Wir wohnen hier in einem Ghetto, in einem sehr kriminellen. Willst du, dass aus unserem Sohn ein Weichei wird? Eine Memme? Ein Muttersöhnchen? Er muss Geld verdienen irgendwann, der Junge, und man kann die Kinder nie früh genug darauf vorbereiten, wie hart das Leben ist. „Darauf vorbereiten, ein Verbrecher zu werden?“, fragte ich entsetzt. „Wenn er in die Fänge der Mafia gerät, kann er sich hocharbeiten. Mit seinem Stolz und seiner Durchsetzungsbereitschaft hat er das nötige Zeug, ein ganz Großer unter den Befreiern unseres Landes zu werden! Er wird unsere Familie ernähren und sie am Leben erhalten.“ Kopfschüttelnd verließ ich die gute Stube, in der Sergej und ich uns zusammengesetzt hatten, um ein einvernehmliches Gespräch zu führen. Mein Mann war völlig verrückt geworden. Das konnte und durfte nicht sein, dass ich mich so sehr in ihm geirrt hatte. Warum war er so verwirrt? Durcheinander? Nicht mehr bei Sinnen? An eine Krankheit, die ihn heimgesucht haben könnte, dachte ich nicht. Nicht gleich jedenfalls. Als ich mich einer Freundin anvertraute und ihr von meinem Leid erzählte, sprach sie das Thema an, dass es sein könnte, dass Sergej von einer bösen Krankheit befallen war.

In dem Ausdruck Krankheit glaubte ich an ein psychisches Leiden. Sie sprach jedoch von einer Wesensänderung aufgrund eines Tumors oder bösartiger Krebszellen, die in Sergejs Körper unaufhaltsam wucherten. „Von Krebs werden die Menschen veränderlich!“, philosophierte meine Freundin Jola. Nein, an solch ein schwerwiegendes Leiden dachte ich nicht. „Er behandelt dich schlecht, nicht wahr?“ Jola erkannte meine Schmerzen und meine Not im Herzen genau. Unter Freundinnen das seelische Leid zu verstecken und den Kummer zu verbergen ist unmöglich. Die Tränen kullerten meine Wangen hinunter. Schluchzend fiel ich Jola in die Arme, heulte mich bei ihr aus. Ich sehnte mich nach Halt, Zuflucht und Sicherheit. Diese Dinge fand ich in meiner eigenen Familie nicht mehr. Wie schrecklich.

 

Kapitel 8

Erste Erfahrungen

 

Boris brachte seine erste Freundin mit nach Hause. Im zarten Alter von dreizehn Jahren nannte er ein Mädchen, das zwei Jahre älter war als er, seine Freundin. Ihrer Erscheinung nach zu urteilen prostituierte sie sich. Den Mädchen sah man das in ihren Gesichtern an. Sie waren verbraucht. Abgenutzt und abgehurt irgendwie. Meist besaßen sie eine sehr üppige Oberweite, die sie aufreizend zur Schau stellten. Viel zu viel Lippenstift trugen sie auf ihren Lippen. Aufreizend gekleidet waren sie, knappe Oberteile und enge Miniröcke. Dieses verführerische Lächeln entlarvte sie.

Boris brachte dieses Mädchen mit zu uns nach Hause, ohne ein Wort darüber zu verlieren, und verschwand mit ihr wortlos in seinem Zimmer. Seine kleine Schwester Beate spielte ahnungslos mit ihren Puppen, während Boris mit seiner Freundin ziemlich schnell zur Sache kam. Im letzten Moment zog ich Beate aus dem Schussfeld. Mit ihren neun Jahren musste sie nicht mitansehen, wie ihr Bruder es mit einer Prostituierten trieb. Warum ich nichts gesagt habe? Warum ich Boris nicht rausgeschmissen habe oder gar das Mädchen? Aus Angst. Aus Angst und Scham. All diese fürchterlichen Dinge, denen sich Boris hingab, waren für ihn nahezu selbstverständlich, und ich gelangte tatsächlich an einen Punkt, an dem ich mich fragte, ob ich das alles vielleicht viel zu einseitig und engstirnig betrachtete. Vielleicht waren alle in der Familie normal um mich herum – und ich war der unnormale Mensch, der Verrückte zwischen ihnen. Meiner Mutter wollte ich mich nicht anvertrauen. Unser Verhältnis hatte sich einigermaßen gebessert, und ich wollte diese zart geknüpften Bande nicht gleich wieder kaputtmachen, indem ich ihr von meinen missratenen Kindern erzählte, welche ihre Enkelkinder waren.

Nach den Kindern fragte sie nicht oft, das war mein Glück. Boris wäre wahrscheinlich sowieso nicht mehr zu seiner Oma gegangen. Auf Besuche bei ihr legte er keinen Wert. Beate konnte ich gut an einigen Tagen bei meiner Mutter abliefern, um selbst ein wenig durch- und aufatmen zu können von meinem anstrengenden Leben. Ein wenig Leerlauf, den hatte meine Seele bitter nötig. Michael ging nur noch selten zur Oma. Meist, wenn sie nach ihm fragte, ließ er sich verleugnen. Meine Jungs waren mit anderen Dingen beschäftigt, als bei Oma Kuchen zu essen und ihren Geschichten aus alten Zeiten zu lauschen. Mädchen, Jugendbande und krumme Dinger drehen, das war ihr Metier.

Das Mädchen, das Boris angeschleppt hatte und welches ich für seine Freundin hielt, besuchte ihn regelmäßig. Die beiden verschwanden meist für mehrere Stunden in dem Kinderzimmer. Manchmal legte ich mein Ohr an die Tür, um zu lauschen. Zu hören war nichts. Das fand ich merkwürdig. Verhielten sich die beiden bewusst leise, damit niemand von uns ahnen sollte, dass sie es miteinander trieben? Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, während ich neugierig an ihr lehnte. Anscheinend wusste Boris, dass ich gelauscht hatte. „Du dreckige, alte Schlampe!“, beschimpfte er mich. „Geh doch mit Vati ficken, warum belauschst du uns, warum spionierst du uns nach?“ Das Mädchen stand mit versteinertem Blick hinter Boris’ Rücken. Es rührte sich nicht. Das Mädchen trug ein hautenges Top, dessen Träger seitlich an ihrem Oberarm herunterhing. Ihre Brüste waren zu sehen. Sie trug keinen BH darunter. „Hau endlich ab – oder willst du uns zugucken beim Vögeln? Das kannst du tun, aber dann bezahlst du dafür!“ Rumms, knallte Boris die Türe wieder zu. Sprachlos war ich. Wieder einmal. Das war doch nicht mein Sohn, der zu mir sprach, oder doch?

„Sergej, unsere Kinder wachsen heran als asoziale Verbrecher! Das darf nicht sein! Eines Tages werden sie vielleicht jemanden töten. Ist es das, was du willst? Möchtest du der Vater von Schwerverbrechern sein, die deinen Nachnamen tragen und für den Rest ihres Lebens im Gefängnis sitzen? Wenn wir so weitermachen, dann wird es darauf hinauslaufen. Wir müssen etwas unternehmen, sie besser erziehen, strenger zu ihnen sein!“ Sergej lachte mich aus. Sein Lachen war mir fremd. Der Beigeschmack traf mich bitter im Herzen. Mein Herz, es blutete seit mehreren Wochen, Monaten, ja beinahe seit vielen Jahren. „Sergej, wir heirateten einst aus Liebe!“, appellierte ich an den Verstand meines Mannes. „Du hast mir versprochen, dass ich es gut haben werde bei dir, wenn ich deine Frau bin, das hast du geschworen vor dem Heiligen Vater in der Kirche, erinnerst du dich denn gar nicht mehr?“ Sergej schwieg. Betroffenheit sah anders aus. Meine Worte schienen sein versteinertes Herz nicht zu erreichen. „Louisa, wir kämpfen hier ums nackte Überleben! Unser Geld reicht vorne und hinten nicht, jedoch müssen wir von irgendetwas leben, wie stellst du dir das vor? Kein Mensch lebt von Luft und Liebe allein. Jeder kämpft ums Überleben in unserem Viertel. Der eine verkauft Drogen, der andere ist ein Kurier der Gefängnisinsassen und der andere lässt Mädchen anschaffen gehen, schickt sie auf den Strich. Wenn wir uns ein anderes Leben für unsere Kinder wünschen, dann müssen wir von hier fortgehen und irgendwo dort draußen neu anfangen. Wie sollen wir das bitte schön tun, ohne Geld? Wovon sollen wir uns eine Wohnung einrichten? Wir besitzen nichts, außer das, was wir am Arsch tragen, und einige Möbel wie unsere Schränke, in denen nutz- und wertloses Zeugs herumfliegt, das kein Mensch braucht. Erinnerungen aus alten Bildern von Verwandten, die längst das Zeitliche gesegnet haben.“ „Und wenn du arbeiten gehst, Sergej? Lass doch die Finger von dem Alkohol und such dir einen kleinen Job. Dann könnten wir uns und den Kindern mal etwas gönnen. Wir könnten vielleicht einmal zusammen in den Urlaub fahren, ans Meer oder in die Berge. Das würde der Familie guttun!“ Sergej schüttelte den Kopf. „Du hast nichts begriffen, Louisa. Hier in Russland werde ich keine Arbeit mehr finden. Mit meinen kleinen Nebenjobs muss ich daherkommen, damit wir was zu essen auf dem Tisch stehen haben. Mit deinem Putzjob allein können wir unsere Kinder nicht ernähren. Und wenn sie früh genug selbstständig ihr Leben meistern, dann ist es umso besser. Unsere Jungs kommen klar, Louisa. Sie haben Ellenbogen und wissen, wo es langgeht. Dafür habe ich gesorgt. Ihnen wird es im Leben an nichts fehlen. Auch wenn sie keine gute schulische Ausbildung genossen haben und später keine Bürohengste werden sollten, so können sie doch eine Familie ernähren, ohne sich kaputtzumalochen.“ Sergej sprach über unsere Kinder, als wäre das alles völlig in Ordnung, in welchen Verhältnissen sie heranwuchsen. Mir stockte der Atem. Alles schien über mir zusammenzubrechen. Einen Kampf hätte ich führen müssen, wenn ich das Drama abwenden wollte, einen Kampf, den ich niemals gewinnen konnte. Zu sehr hatte mein Mann die Kinder bereits manipuliert, sie darauf gedrillt, wie sie sich durch das Leben boxen mussten, wenn sie nicht auf der Strecke bleiben wollten. An meine Söhne Boris und Michael würde ich nicht mehr herankommen. Zu sehr waren sie bereits gefangen in dem Glauben, dass sie mit Gewalt, Drogen und Diebstählen im Leben recht weit vorne lagen und an diesem absurden Verhalten nichts Verwerfliches war. Einzig und allein meine Tochter Beate blieb mir. In ihr sah ich Hoffnung. Hoffnung, dass sie mir nicht entglitt, wie mir meine Jungs entglitten waren. Dieses Wissen, dass meine Jungs verloren waren, brachte mich emotional beinahe um. Es tötete mich. In den Nächten lag ich wach und überlegte, ob ich fortgehen und Sergej verlassen sollte. Meine Jungs, würden sie mir folgen? Würden sie mitkommen mit ihrer Mutter? Eine Möglichkeit gab es. Wir könnten zu meiner Mutter gehen. Kurzentschlossen und vorübergehend würde sie uns aufnehmen. In dieser Zeit könnte ich versuchen, mir ein neues Leben aufzubauen. Anfang dreißig war ich, noch war nichts verloren. In meinem Kopf hatte ich alles genau durchdacht. Wir könnten in der Nacht die Wohnung verlassen, meine Kinder und ich. Wir drei zusammen. Alles würde ich zurücklassen, nichts mitnehmen, außer ein paar wenigen persönlichen Erinnerungen vielleicht. Meinen Kindern war ich es schuldig, sie vor dem Verderben zu bewahren. Ich liebte sie von ganzem Herzen. Jedes einzelne von ihnen hatte ich mit inniger Mutterliebe neun Monate lang unter dem Herzen getragen. Auch für meinen Mann spürte ich noch so etwas wie Liebe in mir. Jedoch wusste ich, dass er verloren war. Der Alkohol hatte ihn im Griff. Ihm würde er in diesem Leben nicht mehr entkommen. Für Sergej gab es keine Rettung. Ihn musste ich zurücklassen …

 

Kapitel 9

Die Flucht 

 

Meine Mutter erklärte sich einverstanden, mich und die Kinder aufzunehmen. „Ich habe nie verstanden, wie du es mit diesem Dreckskerl Sergej so lange ausgehalten hast!“, jammerte sie vorwurfsvoll, als ich ihr von meinem Vorhaben, mit den Kindern meinen Mann verlassen zu wollen, berichtete. Meine Mutter kannte nicht einmal die ganze Wahrheit unserer Familiengeschichte, sondern nur die halbe. Sie wusste nicht, wie sehr mich Sergej in all den Jahren gedemütigt und schlecht behandelt hatte. Von all den Nächten, in denen ich nachts wachgelegen hatte und mich in den Schlaf weinte aus Verzweiflung, ohnmächtig zu sein, ahnte sie nichts.

„Boris, würdest du mit mir mitkommen, wenn ich deinen Vater verlasse?“ Es gab keinen besonders guten oder geeigneten Augenblick, meinem ältesten Sohn diese schwierige Frage zu stellen, mir blieb keine andere Wahl. Fassungslos sah er mich an. „Du willst Vati verlassen, wo er so viel für die Familie getan hat?“, fragte er ungläubig. In meinem Kopf schwirrte die Frage umher, was Boris’ Vater für seine Familie getan hatte, außer seine Frau mitsamt den Kindern ins Verderben zu führen. Ich hielt mich zurück. Sofort spürte ich, Boris würde niemals mit mir und seinen Geschwistern mitkommen. Seinen eigenen Vater würde er weder verraten noch ihn aufgeben. Er liebte seinen kriminellen Vater mehr als alles andere auf der Welt. Auch mehr als mich, seine Mutter, die sich nur das Beste für ihre Kinder wünschte. Je mehr ich auf meinen Sohn einredete, umso mehr wuchs die Gefahr, dass er seinen Vater warnen würde, dass ich den Gedanken trug, ihn zu verlassen. Es brach mir das Herz, meinen ältesten Sohn zurückzulassen. Michael willigte ein, mit mir und seiner Schwester mitzukommen, wenn es so weit wäre. Den Zeitpunkt meiner Flucht hielt ich geheim. Zu ängstlich war ich, Michael könnte vielleicht erzählen, dass wir fortgingen. Den Kindern bläute ich ein, dass ich irgendwann einmal in ein paar Jahren mit dem Gedanken spielte, mich von ihrem Vater zu trennen. Diese Idee wäre nichts Akutes, ich hatte mich lediglich informieren wollen, ob sie mit mir fortgingen.

Boris war zu clever, als dass ich ihn hätte hintergehen können. Brühwarm erzählte er seinem Vater von meiner geplanten Flucht. Sergej prügelte mich nicht gleich zu Tode. In aller Seelenruhe betrank er sich an dem Abend, bevor die Situation eskalierte. Alkoholisiert war seine Hemmschwelle viel niedriger, und er schreckte vor nichts mehr zurück. Auch nicht vor einem Mord. Wie mir geschehen sollte, ahnte ich nicht. Innerlich spielte ich jede Sekunde die Abläufe meiner Flucht durch. Sergej müsste aus der Wohnung heraus sein, während ich mit Sack und Pack sowie den Kindern verschwinden würde. Am besten bei einem Freund übernachten oder spät in der Nacht heimkommen, damit ich in aller Ruhe mit den beiden Kindern die Wohnung verlassen konnte. Ein sogenannter Skatabend stand tatsächlich wieder einmal an, und dieses Mal sollte unter den Männern bei einem Nachbarn gespielt werden. Einen genauen Zeitpunkt gab es noch nicht. Sicher war jedoch, dass ich genau an diesem Tag flüchten musste, wenn ich ein neues Leben beginnen wollte. Viel länger durfte ich nicht warten. Meine Mutter war eingeweiht. „Meine Tür steht euch Tag und Nacht offen“, sagte sie.

Mit geschlossenen Augen lag ich im Bett. Tat so, als würde ich schlafen, als Sergej in das Zimmer trat, weil er sich ebenfalls zur Ruhe legen wollte in der Nacht. Lange noch hatte er in der Küche gesessen und sich wieder und wieder den Wodka eingeschenkt, bis er schließlich sturzbesoffen ins Zimmer torkelte und sich neben mich ins Bett warf. Es knallte und schepperte, weil er zunächst gegen die Tür lief. Diese flog mit einem Ruck auf, und Sergej stürmte mit der Flasche Wodka in der Hand in das Zimmer. Ein restlicher, übriggebliebener Schluck von dem gelblichen Dreckszeugs schwappte in der Flasche hin und her. „Ich will dich ficken! Du bist meine Frau! Jetzt sofort!“, lallte er. Er warf sich aufs Bett und riss die Bettdecke zur Seite. „Ich war dir immer ein guter Mann, habe es dir immer gut besorgt, oder etwa nicht?“, schrie er. Wie von Sinnen war er. Lieblos riss er mein Hemdchen kaputt und griff mit seinen schmierigen Händen an meine bloßen Brüste. Vor Angst zitterte ich. Mit seiner Zunge leckte er über meine nackte Haut, griff mir zwischen die Beine. Seine Hände agierten an meinem Leib äußerst schmerzhaft und brutal. Sergejs Finger bahnten sich den Weg in meine Vagina. Angst, die pure Angst pochte in mir. Bloß nicht bewegen, einfach stillhalten, sprach ich zu mir. Mit letzter Kraft, unter der mein Mann versuchte, seine Körperbeherrschung nicht vollends zu verlieren, wuchtete er seinen schweren Körper auf meinen, riss sich die Hose herunter und vergewaltigte mich. Seine Alkoholfahne stieß mir mit jeder Bewegung seines Penis, mit dem er mich kaltblütig und lieblos bearbeitete, ins Gesicht. Es war so widerlich. „Du liebst mich doch, oder?“, sprach er mit lispelnden Worten. Kaum verständlich brabbelte er vor sich hin, wie sehr er mich liebte, während er sich an mir verging. „Ja“, nickte ich. Ja, ich liebe dich!“, log ich. Sergej ließ von mir ab und schlug mir unerwartet mit einem besonders brutalen Schlag ins Gesicht. Seine Faust hatte er genommen, wobei es doch sonst meistens nur seine flache Hand war, mit der er zuschlug. „Du lügst“, keifte er. „Du bist eine dreckige Lügnerin! Verlassen willst du mich, du Hure.“ In meinem Kopf liefen die Gedanken Amok. Boris … Mein Sohn musste mich verraten haben. „Nein, ich verlasse dich nicht“, zitterte ich ängstlich. Sergej senkte seinen Kopf zu meinen Ohren und brüllte: „Das will ich dir auch geraten haben! Denn sonst könnte es sein, dass du vielleicht einen kleinen Unfall hast. Genau wie deine Freundin Olga. Möchtest du das?“ Hilflos schüttelte ich den Kopf. Ich weinte, wimmerte und schluchzte. „Ja heul nur! Das ist doch alles, was du kannst, du erbärmliches Miststück.“ Sergej ließ von mir ab und torkelte aus dem Zimmer. „Untersteh dich!“, drohte er, als er die Tür hinter sich zuzog. Zu genau verstand ich seine Worte. Unterstehen sollte ich mich, ihn zu verlassen …

Es war das erste Mal in meiner Ehe, dass ich Angst um mein Leben hatte.

Mit verweinten Augen, von denen eines blau geschlagen war, saß ich am nächsten Morgen am Frühstückstisch. Es glich einem Seltenheitswert, dass alle aus der Familie versammelt waren. Die beiden Jungs, Beate und Sergej hatten bereits Platz genommen, als ich hinzukam. „Gut schaust du aus, Mama“, lachte Boris bitter. Beate fragte ängstlich, was mit ihrer Mama passiert wäre, und die Antwort erhielt unsere jüngste Tochter prompt von ihrem Vater. „Die Mama ist hingefallen heute Nacht“, posaunte er munter. Keinerlei Anzeichen eines schlechten Gewissens waren ihm anzusehen. Boris lachte mich aus. Entwürdigend. So schien es mir zu sein. Sein Blick sprach Bände. In dem Augenblick begriff ich, dass mein Sohn mich an seinen Vater verraten hatte. Nicht nur das, er durchlebte pure Freude an dem Leid seiner Mutter. Mein Sohn war bereits mit nur dreizehn Jahren ein kleiner Sadist. Seine Augen funkelten böse, während er mich fixierte. „Du solltest dich besser zusammenreißen!“, fauchte Sergej in meine Richtung. „Nicht, dass du noch mal hinfällst, das könnte böse enden!“ Kraftlos nickte ich. Der Situation war ich psychisch nicht gewachsen. Mich gegen meinen Mann und meinem halbstarken, heranwachsenden Sohn zu wehren, war vergebene Mühe.

Für mein Leid und das, was ich damals im Herzen fühlte, gibt es keinen Ausdruck. In meinem Kopf gab es nur noch das Signal, dass ich flüchten musste, wenn mir mein Leben und das meiner beiden Kinder Beate und Michael lieb war und ich es retten wollte. Das war ich ihnen schuldig. Mein Gott, ich liebte sie so sehr.

Der Abend des Skatspielens rückte näher. Ein Gespräch zwischen Sergej und seinem Freund hatte ich belauscht, während sich beide in unserer guten Stube ihren Alkoholexzessen hingaben. Am kommenden Mittwoch also würde der Spieleabend im Nachbarhaus stattfinden. Vorbereitet wollte ich sein. Für meine Flucht in ein neues Leben mit meinen Kindern.

Boris war an diesem Tag unterwegs. So oft war es in den letzten Wochen vorgekommen, dass er die Nächte gar nicht nach Hause kam. Wahrscheinlich übernachtete er bei seiner Freundin. Die Angst vor meinem eigenen Kind wurde zusehends größer. Ich getraute mich nicht einmal mehr, ihn zu fragen, wo er blieb, wenn er nicht heimkehrte. Innerlich hatte ich mich von meinem ältesten Sohn verabschiedet. Im Haus war es ruhig geworden an diesem Abend. Mit meiner Mutter hatte ich zuvor telefoniert und sie darüber informiert, dass wir in der Nacht oder am nächsten Tag aufbrechen wollten und in den Morgenstunden voraussichtlich bei ihr eintreffen würden. Je nachdem, wie wir durchkamen. Einen Führerschein besaß ich keinen. Ein Auto natürlich auch nicht. Zu Fuß musste ich also mit meinen Kindern die Reise antreten, das Nötigste an Zeug mitschleppen. Deshalb musste ich mich auf das Wichtigste meiner Habseligkeiten beschränken. Beate schlief bereits tief und fest, als ich die Kleine aufweckte. Es war erst halb zehn am Abend, dennoch beschlich mich ein ungutes Gefühl, dass ich mich beeilen müsste. Es hätte durchaus passieren können, dass Sergej auf einmal früher als geplant zurückkehrte. Ich glaube, wenn er mich und die Kinder entdeckt hätte, während wir davonschlichen, er hätte mich umgebracht. Totschlag im Affekt …

Beate weinte leise, als ich sie in ihre Anziehsachen steckte. „Wo gehen wir hin?“, schluchzte sie verschlafen. Die Kleine war ziemlich verstört. Es wunderte mich nicht, sie für ihre Verhältnisse mitten in der Nacht aufwecken zu müssen, und ein schlechtes Gewissen plagte mich. Für einen Moment überlegte ich, ob sie wirklich Sinn machte, die Idee, meinen Mann und meinen ältesten, gewalttätigen Sohn tatsächlich zu verlassen. Mein Bauchgefühl signalisierte mir jedoch ganz deutlich das Gefühl von Flucht. „Wir gehen Oma besuchen“, versuchte ich meine Tochter zu beruhigen. Michael schien pflegeleichter zu sein. Er sagte kein Wort, sondern wartete geduldig, was geschehen würde. Seinen geliebten Fußball, den er unbedingt mitnehmen wollte, hatte er sich unter den Arm geklemmt. In Eile griff ich meinen Rucksack, in dem ich das Notwendigste verstaut hatte, nahm Beate am Arm und forderte Michael zum Aufbruch auf, ermahnte ihn, möglichst leise zu sein. Vermeiden wollte ich, größeres Aufsehen im Treppenhaus zu erregen. Mein Herz schlug mir vor Aufregung bis zum Halse. Wir befanden uns noch im Flur unserer Wohnung, als die Wohnungstür schlagartig aufgeschlossen wurde. Oh nein, fuhr es mir in den Kopf. Sergej! Schnell schob ich Beate hinter meinen Rücken und warf den Rucksack hinter die Ecke des Flurschrankes, versuchte zu vermeiden, dass die Person, die uns nun ins Gesicht blickte, gleich wusste, was wir geplant hatten. Nämlich, die Wohnung zu verlassen.

Hinter der Wohnungstür stand Boris, positionierte sich auffallend breitbeinig, stemmte seine Arme in die Hüften und blickte mich erstaunt an. Er fixierte mich. So, wie er es gern tat. „Wo wollt ihr denn hin?“, fragte er nachdenklich. „Zu Oma!“, antwortete Beate keck. Ihre Worte schossen so schnell aus ihrem kleinen Mündchen, dass es mir die Sprache verschlug. „Aha, du willst Papa und mich also tatsächlich verlassen?“ Boris’ Augen funkelten böse. In dem Augenblick glaubte ich, den Teufel persönlich hätte ich aus meinem Leib geboren vor dreizehn Jahren. Egal was ich meinem Sohn geantwortet hätte … er kannte die Wahrheit. Ja, wir wollten flüchten. Vor unserer eigenen Familie fliehen. Blitzschnell griff er hinterrücks in seinen Hosenbund. Augenblicklich holte er einen Revolver hervor. Eine scharf geladene Waffe. Zielgenau richtete er den Lauf der Pistole auf mein Gesicht. „Ich knall dich ab!“, sagte er in einem völlig ruhigen Ton. „Du bist eine Verräterin! Du betrügst und belügst unseren Vater. Ganz sicher sind wir auch nicht seine Kinder! Du bist eine dreckige Hure! Die Tochter des Teufels persönlich, aber nicht länger meine Mutter!“

Wortlos und starr vor Schreck blickte ich in den Lauf des Revolvers, den mein Sohn in Händen hielt und mit diesem auf mich, seine Mutter, zielte. Wie weit hatten wir es innerhalb der Familie gebracht? Bis in die tiefsten Abgründe. Wie konnte das geschehen? Was war passiert? In diesem beklemmenden Moment, während Boris und ich uns gegenüberstanden, war ich ohnmächtig – gelähmt und nicht handlungsfähig. Sollte ich es darauf ankommen und mich von meinem eigenen Kind erschießen lassen? In diesem grässlichen Augenblick fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Die Wahrheit offenbarte sich mir. „Ihr habt den Jungen wahrhaftig auf die Bahnschienen geschubst! Du hast einen Menschen eiskalt getötet, und du würdest sogar deine eigene Mutter erschießen!“, wimmerte ich. Boris lachte bitter. „Ich töte jeden, der sich mir in den Weg stellt!“ Mit der Waffe in der Hand drängte er mich und seine Geschwister in die Wohnung zurück. „Ihr beide geht jetzt ganz fix in eure Bettchen, und du dreckiges Stück Scheiße bewegst deinen Hintern ins Ehebett, damit du deinem Mann zur Verfügung stehst, wenn er heimkommt von seinem anstrengenden Abend!“ Boris fuchtelte wild gestikulierend mit dem geladenen Revolver herum. Dass die Situation keinen Spaß bedeutete, hatte ich begriffen. Wie kam ein dreizehnjähriges Kind auf diese paradoxen Gedankengänge? Wie konnte es geschehen, dass mein Sohn mir vorschrieb, ich solle seinem Vater zur Verfügung stehen, sexuell, wenn dieser heimkehrte von einem Saufabend, den Boris einen anstrengenden Abend nannte? Das konnte doch alles nicht mehr wahr sein. Natürlich hatte ich kurz darüber nachgedacht, Boris die Waffe zu entreißen. Jedoch musste ich seine Geschwister schützen. Beschützen vor ihrem eigenen Bruder …

Hätte es meine Kinder Beate und Michael damals nicht gegeben und die Angelegenheit wäre ebenso eskaliert zwischen Sergej, Boris und mir, ich hätte mich vom Balkon gestürzt. Nichts wäre mir lieber gewesen als sterben zu dürfen, weil ich glaubte, mein Leben in der Hölle zu fristen.

„Wo hast du den Revolver her? Sag mir sofort, wo du den verdammten Revolver her hast!“ Boris’ Geschwister schickte ich, einem Nervenzusammenbruch nahe, in ihr Zimmer und fuhr mir erschöpft durch die Haare. Am liebsten wäre ich auf der Stelle tot umgefallen, aus reiner Verzweiflung über die abscheuliche Handlungstat meines Sohnes, der mir so fremd geworden war, dass ich mich schämte, seine Mutter zu sein. Versagt hatte ich in der Erziehung. Aus meinem Sohn war ein Verbrecher geworden, ein Krimineller. „Von Vati! Er besorgte sie, damit ich mich vor dem Elend da draußen schützen kann!“ Boris senkte den Lauf der Waffe und blickte mich mit glänzenden Augen an. Einen Moment lang glaubte ich, Tränen in ihnen gesehen zu haben. „Die Welt ist so schlecht, Mamutschka!“, lachte er leise. Vorsichtig trat ich näher an ihn heran, legte sanft meinen Arm um die Schultern meines Sohnes und drückte seinen Kopf an meine Brust. Er leistete keinen Widerstand. Boris schluchzte leise in meinen Pullover. Hemmungslos weinte er. Regungslos verharrten wir eine Weile unbeweglich ineinander verschlungen, und ich versuchte zu verstehen, welch ein Leid meinem Sohn widerfahren war, dass er so aggressiv auf seine eigene Familie reagierte. Innerhalb eines Augenblicks würden wir die Angelegenheit nicht klären und aus der Welt schaffen können. Der Fluchtversuch in dieser Nacht scheiterte jedenfalls kläglich. Ob wir einen neuen starten würden, blieb in den restlichen Stunden der Nacht ungewiss. Boris würde uns nicht gehen lassen. Ihn zu bitten, mitzukommen, dazu fehlte mir der Mut, und ich glaubte, dass die Angelegenheit, wenn sein Vater hinzukam, eskalieren würde. Die Angst schlich in mir empor. Angst vor den Dingen, von denen ich nicht wusste, von welch einer Macht sie besessen waren und wie ich mit ihnen umgehen sollte. Dass mein Mann kein unbeschriebenes Blatt war, spürte ich, als ich meinem Sohn gegenüberstand, von dem ich nunmehr wusste, dass es kein Kind mehr war, sondern eine Art Bestie, vom eigenen Vater zum Kämpfer erzogen worden. Wenn es sein musste, würde Boris sich gegen seine eigene Familie stellen und ihr Gewalt und Brutalität androhen. Sergej war der Schuldige für das Leid meines Sohnes. Er war die treibende Kraft. Schützen musste ich meine Kinder vor ihrem Vater. Die Vergewaltigungen, Demütigungen und Misshandlungen mir gegenüber hatten über all die Jahre nicht ausgereicht, die Flucht zu ergreifen. Blind war ich geworden, mich dem Drama zu stellen, aus ihm die Konsequenz zu ziehen und fortzugehen.

Als Sergej frühmorgens zurückkehrte, sturzbetrunken, stürmte er in das Schlafzimmer und riss mir die Klamotten vom Leib. „Ich will dich jetzt, und du bist meine Frau, du hast mir zur Verfügung zu stehen!“ Brutal griff er an meinen Körper, fuhr mit seinen schwitzigen, dreckigen Händen durch die Öffnung meiner Oberschenkel, und seine Finger bahnten sich den Weg in meine Scheide. Ekelerregend roch er nach Wodka aus seinem Mund, und er hielt sich nur sehr wackelig auf den Beinen, während er mich mühsam gegen die Wand unseres Zimmers presste, um mich zu vergewaltigen. Mir blieb keine andere Wahl, als stillzuhalten. Hätte ich mich gewehrt gegen seinen Übergriff, er hätte mich zusammengeschlagen.

In den Morgenstunden schlief er seinen Rausch aus. Während ich die beiden jüngsten Kinder für die Schule anzog und ihnen die Butterbrote schmierte und so versuchte, als wäre es ein normaler Tag wie jeder andere auch, setzte sich Boris schlaftrunken an den Küchentisch. Ohne sein Gesicht zu einer freundlichen Geste zu verziehen, um mich und seine Geschwister zu begrüßen, nahm er sich eine Stulle vom Tisch und blickte mich hassverzerrt an. „Du wolltest tatsächlich einfach abhauen und uns im Stich lassen!“ Brachial sprach er diese Worte gegen mich aus, ohne zu wissen, was er eigentlich redete. Angesichts der angespannten Situation hielt ich es für angebracht, ihm nichts zu erwidern, sondern meinen Mund zu halten. „Wenn ich Vati sage, was du vorgehabt hast, dann tötet er dich vielleicht!“, fuhr Boris unbeirrt fort. Mit dem Messer, das neben seinem Frühstücksbrettchen lag, fuchtelte er nervös Luftkreise durch den Raum. Immer wieder traf mich sein hasserfüllter Blick. „Wenn meine Freundin solch eine Schlampe wäre wie du, ich würde sie leiden lassen! Bezahlen müsste sie dafür, dass sie mich hintergeht!“ Entsetzt schüttelte ich den Kopf. „Boris, du weißt, warum ich fortgehen möchte!“, wies ich ihn energisch zurück. „Deine Geschwister, sie muss ich schützen!“ „Beschützen? Wovor?“ Boris lachte hämisch. „Vor deiner Gewalt und vor der deines Vaters. Sie haben keinerlei Zukunft, wenn sie hier in diesem Drecksloch weiterhin verweilen!“, rechtfertigte ich mich. „Dann gib sie doch in ein Heim, wenn du mit ihnen nicht klarkommst!“ Plötzlich stand Sergej in der Tür. Seine Augen waren entsetzlich weit aufgerissen. Das Gespräch zwischen Boris und mir hatte er anscheinend genau mitbekommen. Belauscht hatte er uns wahrscheinlich. Heiß und kalt lief es mir den Rücken hinunter. „Du wolltest also wahrhaftig deine Familie verlassen? Sieh an!“ Sergej näherte sich dem Küchentisch und nahm sich einen Apfel aus der Silberschale, die meine Mutter uns zum Weihnachtsfest geschenkt hatte. Die Äpfel hatte ich von einer Nachbarin bekommen. Unser Geld reichte niemals aus, um uns und unseren Kindern außerhalb der Reihe Obst und Süßigkeiten zu kaufen. Beschämt blickte ich zu Boden. „Du bist eine Verräterin also?“, fuhr Sergej unbeirrt fort. Aus heiterem Himmel nahm er die Glasschüssel in seine Hände und schmetterte sie gegen die Wand. Sie verfehlte nur knapp mein Gesicht. In tausend Splitter zerbrach die Schüssel, an der mein Herz hing. „Tag für Tag schaffe ich das Geld ran, damit wir zu essen haben und überleben können, und du hast nichts Besseres zu tun, als uns zu verlassen?“ Sergej war völlig aufgebracht, und seinem Blick nach zu urteilen spürte ich, dass er sich auf der Suche nach weiteren Gegenständen befand, die er in meine Richtung schmeißen konnte. Als er keine fand, nahm er meine Haare in seine Hände und zog an ihnen, riss mich vom Stuhl und schleppte mich wutentbrannt ins Schlafzimmer, zerrte an mir, als sei ich ein Teppich, den man mal eben in ein anderes Zimmer verfrachten wollte. Er prügelte mich durch den Raum, nachdem er die Tür geschlossen hatte, damit die Kinder nicht mitbekamen, wie er sich gewalttätig an mir ausließ. Immer wieder schlug er mir mit seiner Faust ins Gesicht. Tanzen ließ er sie regelrecht über meinen Körper. Sie traf meine Magengrube, meine Rippen und immer wieder meinen Kopf. Schützend hielt ich die Hände über mein Haupt. „Aufhören! Bitte aufhören!“, stammelte ich. Ich weinte, wimmerte, jammerte. Es half nichts. Sergej prügelte mich an diesem Morgen krankenhausreif. Vor den Augen unseres ältesten Sohnes. Boris war hinzukommen, hatte die Tür geöffnet sich im Türrahmen positioniert, um mit anzusehen, wie sein Vater seine Mutter zurichtete. Als sich unsere Blicke trafen, aus meiner Nase tropfte beständig Blut, sagte er ohne Mitleid: „Du bist eine Verräterin! Du hast es nicht anders verdient!“

 

Kapitel 10

Eskalation

Die nächsten Tage wurden zur Zerreißprobe. Die Situation zwischen Sergej und mir war sehr angespannt. Meine Mutter weinte, weil es mir nicht gelungen war, sie mit den Kindern aufzusuchen. Ab sofort steckte Sergej den Haustürschlüssel ein, wenn er fortging. Das Haus hätte ich nur noch über den Balkon verlassen können, und bei dem Versuch hätte ich mir vielleicht den Hals gebrochen. Unserem ältesten Sohn Boris hielt er keine Moralpredigt bezüglich der Aggressivität seiner Mutter gegenüber. Mittlerweile glaubte ich zu verstehen, dass Sergej und Boris sich gegen mich verbündet hatten. Einen Grund für diese finstere Vermutung gab es keine. Die beiden wiegelten sich gegenseitig auf. Wenn Sergejs Freunde zum Kartenspielen zu uns in die Wohnung kamen, durfte Boris stets dabei sein und ihnen zusehen. Während einer der Männer das Spiel verlor und seine Frau zum Gewinn anbot, verließen die Männer mit meinem Sohn im Schlepptau unsere Wohnung. Was zu dem Zeitpunkt genau geschah, wusste ich damals nicht, hörte jedoch viele Monate später von der Nachbarin, der Frau des Mannes, der das Spiel verloren hatte, dass mein Sohn sie vergewaltigt hätte, vor den Augen der erwachsenen Männer, und dass sein Vater ihm die ausdrückliche Anweisung dazu gegeben hätte. Die Erlaubnis, eine Frau sexuell zu nötigen.

Warum war mir nicht viel früher aufgefallen, dass Sergej kein guter Mensch war? Alkoholprobleme hatte er, solange ich ihn kannte. Diese gesteigerte Neigung zur Gewalt jedoch, sie war mir fremd und erst ans Tageslicht gekommen, nachdem ich ihm drei Kinder geschenkt hatte. Oder hatte ich gewisse Anzeichen an diesem Mann übersehen?

Boris wurde immer brutaler mir gegenüber. Sobald sein Vater nicht zuhause war, weil er mit krummen Geschäften sein Geld verdiente, verhielt er sich mir gegenüber handgreiflich. Eines Tages bedrohte er mich erneut mit dem Revolver, drängte mich hinaus auf den Balkon und wies mich an, mich von der Brüstung zu stürzen. „Geh doch endlich! Dann sind wir dich los! Du dreckige Hure!“, schimpfte er ungehalten. Was hatte ich diesem Kind getan? Niemals war ich ungerecht einem meiner Kinder gegenüber gewesen, versuchte stets, ihnen gerecht zu werden, soweit meine Lebensumstände dies zuließen. Wir besaßen keine Reichtümer, jedoch gab es in meinem Herzen genug Liebe für jedes meiner Kinder. Keines von ihnen hätte in der Seele frieren müssen. „Spring doch endlich!“ Boris wich nicht von meiner Seite, während er mich aufforderte, mir das Leben zu nehmen. Die Situation war gefährlich und prägnant, bis er schließlich von mir abließ, nachdem ich um Gnade winselte.

In der Nacht schoss ich in meinen Träumen im Bett senkrecht empor. Schweißgebadet und voller Angst wachte ich auf. Gedanklich sah ich Boris vor meinen Augen im Zimmer. Mit diesem Revolver in seinen Händen stand er dort und er drückte immer wieder ab. Wieder und wieder. Jedoch erschoss er mich nicht. Meine Lebenslichter wollten nicht verlöschen. Welch einen aussichtslosen Kampf ich führte, ist in Worten gar nicht zu beschreiben. Einen Kampf, der sich gegen meine eigene Familie richtete.

Boris ließ mich leiden. Er hatte, glaube ich heute, niemals die Absicht, seine Mutter wirklich zu erschießen. Angst wollte er mir lediglich einjagen. Seine Stärke, Überlegenheit und seine Macht wollte er mir demonstrieren.

Sergej sperrte mich tagsüber in der Wohnung ein. Verlassen durfte ich sie nur noch in seiner Begleitung. Nach meinem Versuch, mit unseren beiden jüngsten Kindern dem Drama zu entfliehen, ließ er mich nicht mehr aus den Augen. „Du solltest dich schämen, Louisa, du hast hier alles, was du brauchst, und dann willst du mich, deinen geliebten Ehemann, so bitter hintergehen und deine Familie einfach im Stich lassen? Meine Ehre habe ich zu verlieren, Louisa. Die Ehre in unserem Viertel. Ich bin keiner von ihnen, von diesen erbärmlichen Versagern, die ihr Leben nicht auf die Reihe bekommen und für ihre Familien nicht sorgen können! Für meine Familie gehe ich durchs Feuer, und dann willst du mich zum Dank verlassen? Schämen solltest du dich und um Gnade bitten. Dein Verhalten ist mit nichts zu entschuldigen.“ Sergejs Worte klangen verbittert, und aus ihnen sprach der blanke Hass. Wie verbittert musste dieser Mann in den Tiefen seiner Seele sein, um so mit mir zu sprechen? Hatten wir nicht einst aus Liebe geheiratet? Sergej war blind. Völlig blind geworden für Liebe und Respekt seiner Frau gegenüber.

Meiner Putztätigkeit in der Firma konnte ich nicht weiter nachgehen, weil Sergej mich nicht mehr aus dem Haus ließ. Das Geld wurde knapp. Sergej verdiente mit seinen fragwürdigen Geschäften nicht genug, um den Kindern und mir jeden Tag das Essen auf den Tisch zu stellen und uns Kleidung zu kaufen. Das zweite Gehalt von meinem Nebenjob fehlte uns schmerzlich. Es mangelte an allen Ecken und Kanten. Sergej wurde immer ungehaltener, unzufriedener und wütender, weil uns das Geld ausging und auch er sich einschränken musste in seinem Alkoholkonsum. Seine Geschäfte liefen schlecht. Als Übermittlungsbotschafter der Nachrichten aus dem Gefängnis, welche er in unserem Viertel verteilt hatte, war er nicht mehr gefragt. Zu einem Streit unter den Kurieren war es gekommen, und eine Bande, die sich zusammengeschlossen hatte, aus mehreren jungen Männern bestehend, lauerte Sergej auf und verprügelte ihn. Heftig zugerichtet worden war er. Das Geld war allgemein überall knapp, und die Männer stritten bis aufs Blut, um ihren „Thron“, der ihnen zu finanziellen Spielräumen und sozialen Sicherheiten verhalf, zu verteidigen.

In unserer Siedlung sprach man davon, dass unser Sohn Boris Mitglied dieser Bande wäre, die Sergej verprügelt hatte. Dass er seinem eigenen Vater den Rang streitig machte, nur wegen ein paar läppischer Rubel, das wollte ich nicht glauben. Sie stritten und prügelten sich angeblich um ein paar lausige Rubel, von denen sich die Jugendlichen Zigaretten und Wodka kauften. Natürlich stritt Boris alles ab. Mit dem feigen Überfall auf seinen Vater hätte er nichts zu tun, beteuerte er. Nur zu gern hätte ich ihm geglaubt. Mein Herz sprach eine andere Sprache. Sein Vater, vom Schicksal schwer gezeichnet, weil er größere Verletzungen während der handgreiflichen Auseinandersetzung davongetragen hatte, von denen er sich lange Zeit erholen musste, schenkte seinem Sohn uneingeschränkten Glauben und Vertrauen.

Sergej war gezwungen, mich freizulassen. Ohne mein dazuverdientes Geld in der Fabrik konnten wir nicht überleben. Die Räumung unserer Wohnung hätte uns irgendwann bevorgestanden. Für den gewöhnlichen Sowjetbürger gab es ein Limit von neun Quadratmetern Wohnraum pro Kopf. Was darüber hinausging, wurde beschlagnahmt. Autos wurden zur Luxusware erklärt, während die Grundnahrungsmittel wie Brot, Nudeln, Kartoffeln und Milch billig waren. Konditoreierzeugnisse waren teuer und Mangelware. Da man nicht gut Nudeln mit Brot und zum Nachtisch Kartoffeln essen kann, gab eine sowjetische Normalfamilie rund achtzig Prozent ihres Budgets für Lebensmittel aus. In der UdSSR gab es weder gesetzliche Sozialhilfe noch Arbeitslosenunterstützung. Nicht einmal Arbeitsämter gab es. Hingegen gab es ein Gesetz gegen die „Parasiten“, das eine administrative Einweisung der aus dem Arbeitsprozess Ausgestoßenen in entfernte Verbannungsorte zur Zwangsarbeit vorschrieb. Der Durchschnittslohn der Arbeiter und Angestellten, beide wurden übrigens in der offiziellen Statistik in ein und derselben Rubrik geführt, betrug um 1979 vor Abzug der Steuern etwa 164 Rubel im Monat. Das entsprach einem Betrag von 465 Deutscher Mark. Das echte Durchschnittseinkommen überstieg kaum 100 Rubel im Monat. Eine genaue Ziffer anzugeben ist unmöglich, da die Lohnstatistik in der UdSSR als Staatsgeheimnis galt.

Das Leben in Russland war hart. Niemanden dort kümmert es, ob du überlebst oder untergehst, ob du erfrierst, erstickst oder umgebracht wirst. Meine Güte, wie oft hallten am helllichten Tag die Schüsse durch die Wohnsiedlung? Niemand sah nach, was passiert war. An Olga erinnerte ich mich. Wie ihr Mann sie von dem Balkon gestoßen hatte. Niemand schien sie zu vermissen, niemand fragte nach ihr. Ein Blatt, das im Winde verweht war. Auf- und davongeflogen, so als hätte es niemals zuvor in den Ästen der Baumwipfel seinen Platz gehabt.

Meinem Mann fiel es schwer, meine Gefangenschaft unter seiner herrschenden Kontrolle aufzugeben. Jedoch blieb ihm keine andere Wahl. Wenn wir nicht verhungern oder unser Dach über dem Kopf verlieren wollten, musste er mich hinauslassen aus der Wohnung. Natürlich lebte ich in jeder Minute mit dem Gedanken, erneut meine Flucht vorzubereiten, es dieses Mal geschickter anzugehen. Jedoch schien es ausweglos. Sergej hätte gleich gewusst, dass ich zu meiner Mutter mit den Kindern geflohen wäre. Meiner Mutter wollte ich keinen Ärger bereiten. Nachdem meine Tochter unseren Plan in der Nacht während meiner vorbereiteten Flucht hatte auffliegen lassen, weil sie Boris sagte, dass wir Oma besuchen gingen, wussten Sergej und Boris genau, woher der Wind wehte. Achtgeben musste ich. Mich ein zweites Mal erwischen zu lassen, während ich das Risiko meiner Fluchtgedanken abwägte, darüber war ich mir im Klaren, hätte ich im schlimmsten Fall mit meinem Leben bezahlen können. 

Zunächst ging ich arbeiten und fügte mich meinem Schicksal. Michael ließ sich immer seltener zuhause blicken. Anscheinend war auch er mittlerweile ein festes Mitglied in dieser berüchtigten Jugendgruppe, der Boris seit längerem angehörte, geworden.

Die Polizei stand wieder einmal vor unserer Tür. Kleinere Diebstähle, Überfälle auf Passanten in der nahegelegenen Stadt und kleine Delikte. Jeden Tag gab es bei uns zuhause Ärger, Streit, Anschuldigungen und Besuche von Behörden und Polizisten. Beate war noch zu klein, um mir Kummer und Sorgen zu bereiten. Ein stilles, zurückhaltendes Kind war mein Nesthäkchen.

Als ich eines Mittags von der Arbeit heimkehrte, hörte ich bereits im Hausflur lautes Geschrei aus unserer Wohnung. Die Kinder schienen zuhause zu sein. Aufgeregt stürmte ich durch das Treppenhaus in die Wohnung und riss die Tür zum Kinderzimmer auf. Was ich sah, erschreckte mich zutiefst. Beate saß splitternackt auf einem Stuhl in der Mitte des Zimmers. Ihre kleinen Ärmchen waren hinter der Lehne zusammengebunden. Über ihrem Mund klebte eine Art Tape, Panzerband. Michael tanzte singend um den Stuhl herum und schnitt seiner zappelnden Schwester die Haare ab. „Stell dich nicht so an!“, fauchte er, weil sie so arg hin und her wippte auf ihrem Stuhl. Boris saß auf seinem Bett. Ohne eine Hose zu tragen. In seinen Händen hielt er den blanken Penis. Er masturbierte ungehemmt, ungeachtet dessen, dass er vernommen hatte, dass ich ins Zimmer gekommen war. „Aufhören! Sofort aufhören!“, brüllte ich und schob Michael unsanft beiseite, um die kreischende Beate aus ihrer Pein zu befreien. „Zieh dich an!“, fauchte ich Boris an. „Was willst du? Die Kleine muss doch aufgeklärt werden, du tust es ja nicht! Geh doch in die Kirche, du wärst besser Nonne geworden. Du bist viel zu lieb für die böse Welt!“, äffte Boris. Ihn störte es keineswegs, dass ich Zeuge seiner abscheulichen Tat geworden war. Ganz bestimmt hatte er Beate ausgezogen und Michael, seinen Bruder, angestiftet, dass er der Kleinen die Haare abschnitt. Bis zu dem Tag war mir mit den Kindern nicht einmal die Hand ausgerutscht, jedoch verlor ich in diesem Augenblick die Kontrolle und gab Michael eine Ohrfeige. Seinen Blick vergaß ich in meinem Leben nicht mehr. Es war ein fürchterlicher Augenblick, als ich die Nerven verlor, und ich schämte mich zutiefst, dass ich es nicht zurückhalten konnte, meinen Sohn zu schlagen. Dabei hatte er es verdient. Nicht nur er. Boris hätte eine ordentliche Tracht Prügel bekommen müssen. Jedoch wurde ich über den halbstarken Knaben nicht mehr Herr der Lage. Provokant stand er auf, erhob sich von der Matratze des Bettes und trat mir gegenüber. Seine Hose hatte er immer noch nicht angezogen. „Was glotzt du denn so blöde?“, fragte er, und sein Grinsen zog mir gefährlich durch Mark und Bein. „Hier!“ Er hielt mir auffordernd seine rechte Wange hin. „Schlag zu, wenn du dich traust!“, flüsterte er. Der Ausdruck seiner Augen, in ihnen lag der pure Wahnsinn. Nachdem einige wenige Sekunden vergangen waren und ich regungslos vor meinem Kind stand, an dessen Verstand ich langsam zweifelte, nahm er sich eine Zigarette und zündete diese in aller Seelenruhe an. Den Rauch blies er mir ins Gesicht. „Was willst du eigentlich? Was glaubst du, wer du bist?“ Er zog die Augenbrauen hoch und legte den Kopf schief. Meine Hand zitterte. Schlag zu Louisa, bitte schlag zu, er hat es verdient. Niemand hat das Recht, dich so gemein zu behandeln, dich zu erniedrigen, zu demütigen! Schon gar nicht dein eigenes Kind. Mein Kind … Meine drei Kinder. Welch ein Bild des Jammers gaben sie her. Nein, ich gab Boris keine Ohrfeige. Mein Verstand hielt mich davon ab. Boris hätte sich das nicht wort- und tatenlos gefallen lassen. Wahrscheinlich hätte er sich gewehrt in der Art, dass ich einige meiner Zähne verloren hätte, weil er sie mir ausschlug. Leider, muss ich ehrlich gestehen, hatte ich vor meinem ältesten Sohn eine fürchterliche Angst entwickelt. Diese Kälte in seinem Herzen und die Leere in seinen Augen, woher auch immer diese Anomalität seines Verhaltens herrührte … Boris’ Gegenwart rief eine beklemmende Unruhe in mir hervor. Mein eigener Sohn machte mich nervös und ich spürte Erleichterung, wenn er nicht zugegen war.

Boris betrachtete mich einige Minuten lang unseres Stillschweigens, fixierte mich, könnte man sagen, während er hastige, tiefe Züge an seiner Zigarette nahm, die nach Cannabis roch. Den Rotz aus seiner Lunge holte er hoch und spuckte ihn mir schließlich mitten ins Gesicht. „Jetzt weißt du, was ich von dir halte!“, lachte er hämisch. Gelassen nahm er sein Hemd, die Hose und seine Socken, welche er fein säuberlich auf dem Bett positioniert hatte, zog sich an und verließ ohne ein weiteres Wort das Zimmer. Michael hatte sich weinend auf das Bett geworfen und hielt sich die schmerzende Wange, während ich Beate aus ihrer unglücklichen Lage befreite. Sie weinte bitterlich. Viel zu klein war sie noch, um zu verstehen, was mein ältester Sohn ihr angetan hatte. Dass es allerdings kein Spiel war, hatte sie begriffen. Es brauchte einige Zeit, bis sie sich wieder beruhigt hatte.

Der körperliche Verfall Sergejs nahm seinen Lauf. Irgendetwas in seinem Leben schien ihm gehörig gegen den Strich zu gehen. Wenn er unterwegs war – ich hatte keinerlei Ahnung, wo er sich herumtrieb und mit wem er sich herumtrieb – hatte ich meine Ruhe. War er zuhause, war er stets gereizt und schlechtgelaunt. Anscheinend hatte er mehr Feinde als Freunde. Vielleicht schuldete er einigen Menschen Geld, das er zurückzahlen musste und es nicht konnte. Des Öfteren klingelten dubiose Gestalten an unserer Haustür und fragten nach meinem Mann. Was sie von ihm wollten, verrieten sie nicht. Manchmal kehrte Sergej humpelnd zurück von seinen täglichen Ausflügen, mal hatte er eine Platzwunde am Kopf, mal eine klaffende Wunde über den Augenbrauen. An einigen Tagen war er sturzbesoffen und legte sich sofort ins Bett, sobald er die Wohnung betrat. Ein geregeltes Eheleben sah anders aus. Während er mich vor einiger Zeit noch sehr deutlich zurechtgewiesen hatte, wie ich mich zu verhalten hatte, um welche Uhrzeit ich spätestens zuhause sein musste, wann ich die Wohnung verlassen durfte und zu welcher Uhrzeit ich spätestens zurück sein musste, so kümmerte er sich mittlerweile gar nicht mehr um mich. Ihn schienen andere Sorgen zu plagen.

Mein Sohn Boris und ich wurden erbitterte Feinde. Weniger von meiner Seite aus als von Seiten meines Sohnes. So gut es ging, versuchte ich, Boris aus dem Weg zu gehen. Dieses Unterfangen ließ sich nicht immer vermeiden. Unsere Wohnung war klein. Im Grunde genommen hingen wir alle aufeinander. Boris war selten zuhause. Seine Freundinnen wechselten ständig. Mal brachte er ein brünettes Mädchen mit nach Hause, mal eine Blondine. Die Mädchen suchte er stets nach demselben Beuteschema aus. Leichtbekleidet waren sie, wenn sie unsere Wohnung betraten. Schnelleinzufangende Beute schienen sie für Boris zu sein. Hängende Augenlider, gekrümmte Haltung, sie nahmen Drogen, war ich der Meinung. Niemals hätte ich den Mut gehabt, Boris zu sagen, dass er mit seinen Freundinnen das Haus oder die Wohnung der Eltern des Mädchens aufsuchen sollte. In meinen Augen war Boris viel zu jung für eine feste Beziehung zu einem Mädchen. Mit dreizehn Jahren, meine Güte, in dem Alter spielte ich noch mit Puppen.

„Du hast in der Erziehung völlig versagt!“, schimpfte meine Mutter, als ich ihr am Telefon mein Leid klagte. „Ja, aber was habe ich nur falsch gemacht?“, stellte ich ihr die Gegenfrage. Ehrlich gesagt, es war mir ein Rätsel, warum ich der Grund für das Übel meiner Familie sein sollte. „Du musst fortgehen mit Michael und Beate! Boris wirst du nicht mehr retten können, Louisa, aber deine beiden jüngsten Kinder. Du darfst nicht zusehen, wie sie dem Untergang geweiht sind!“ Meine Mutter flehte mich an, es noch einmal zu wagen, fortzugehen. Die wichtigsten Sachen zu packen und die Flucht zu ergreifen. Dazu fehlte mir die Kraft. Sergej würde mich aufspüren. Wenn nicht er, dann Boris. „Ich gehe sowieso nicht mehr mit dir fort!“ Michael grinste mich verspottend an. Wahrscheinlich konnte er Gedanken lesen oder er hatte das Telefongespräch belauscht. An einigen Tagen fehlte mir die Sprache. Zu sehr benommen und gelähmt war ich von den Zuständen, die mein Leben beherrschten. Sergej plagte seit einiger Zeit ein fürchterlicher Husten. Morgens hatte er blutigen Auswurf im Badezimmer. In meiner ehelichen Gewissenspflicht drängte ich ihn, zum Arzt zu gehen. Er wies meine Besorgnis von sich. Es ginge ihm gut. Manchmal fragte ich mich, warum ich mich überhaupt um sein Wohlergehen sorgte. Zu mir war er stets respekt- und achtungslos. Warum kümmerte ich mich also um seine Gesundheit? War es noch so etwas wie Liebe, was uns verband? Spürte ich in meinem Herzen noch zärtliche Gefühle für diesen Mann, der sich so sehr verändert hatte in der zurückliegenden Zeit? Dieser Mann, Sergej, der mich grundlos schlug, mich vergewaltigte, misshandelte, demütigte und es billigend in Kauf nahm, dass unser ältester Sohn mich nach Strich und Faden drangsalierte? Warum ließ er das zu? Fragen, auf die mir das Leben wohl niemals mehr eine Antwort gibt. Damals belastete mich das weniger als heute. Zu sehr beschäftigt war ich mit dem Haushalt, meinen Kindern und dem Leben um uns und mich drumherum. Heute habe ich viel mehr Zeit zum Nachdenken, lasse die vergangene Zeit Revue passieren. Meine Gedankenreise führt mich jedoch ebenso wenig zum Ergebnis. Es gab nichts, was ich hätte ändern können, um das Drama abzuwenden. Zu viele Einflüsse negativer Ereignisse durchkreuzten unsere Familie. Unser soziales Umfeld war in meinen Augen der Brennpunkt für unsere Kinder und ihre heranreifende Kriminalität. In den Banden und Freundesgruppen mussten sie stets um ihre Postionen kämpfen, Mutproben absolvieren und sich unter den Bandenmitgliedern behaupten. Meine Kinder wollten nicht als Verlierer vor ihren Freunden dastehen. Diese besaßen weder Respekt vor ihrem Vater noch vor ihrer Mutter. Scham- und Distanzgefühl waren für sie Fremdwörter.

 

Kapitel 11

Drei Jahre später

 

Unsere Familie stand kurz vor dem völligen Auseinanderbrechen. Ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, weiterhin durchhalten zu können. Unglaublich, wie stark du sein kannst, wenn dir keine andere Möglichkeit bleibt. Von Boris erwartete ich zwischendurch immer mal wieder, dass er durchdrehen und mich erschießen würde. Nicht nur mich, vielleicht auch seine Geschwister. Die Spannungen innerhalb unseres täglichen Miteinanders nahmen zu, statt dass eine Besserung eintrat. Oftmals wünschte ich, ja betete ich sogar, dass Boris endlich eine Freundin finden würde, zu der er nach Hause zog oder dass sich die beiden eine Wohnung zusammen nahmen. Die Mädchen zogen jedoch eher bei uns ein, als dass Boris gegangen wäre. Wenngleich er selten zuhause war, so brachte er doch die Mädchen mit, um mit ihnen zu schlafen und sich an ihren Körpern zu vergnügen. Er brachte sogar völlig ungehemmt einige seiner Freunde mit, und sie vergingen sich zusammen an einem der Mädchen. Lautstark, lustvoll und triumphierend vollführten sie in unserer Wohnung ein Spektakel, dass ich glaubte, mir wäre Hören und Sehen vergangen. Eines der Mädchen rannte eines Abends heulend aus dem Zimmer. Sie trug nur ein Hemdchen an ihrem Körper, als sie davonlief. Was geschehen war, ich kann es nicht sagen. Keiner der Jungs folgte dem Mädchen. Stattdessen standen sie lachend auf unserem Balkon und warfen die leeren Bierflaschen auf die Straße, um das Mädchen mit diesen zu treffen. Gelähmt stand ich dem Drama gegenüber. Wie hätte ich eingreifen sollen?

Die Zeit zog ins Land. Mein ältester Sohn war mittlerweile sechzehn Jahre alt. Die Schule hatte er abgebrochen, trieb sich mit Gelegenheitsjobs herum, arbeitete einmal hier, einmal dort. Des Öfteren klingelten Gestalten an unserer Tür, die nach Boris verlangten. Eigentlich ging das im Wechsel. Einmal wurde nach Sergej gefragt, einmal nach Boris. Boris hatte sich von seinen Chefs Geld geliehen und es anscheinend nicht zurückgezahlt. Anstatt das Geld abzuarbeiten, schmiss er die Jobs einfach hin. Das gefiel den Arbeitgebern natürlich gar nicht. Einige von ihnen schickten recht fiese Gestalten zu uns, um das Geld einzutreiben. Boris war meist nicht zuhause, und ich konnte von Glück sprechen, dass uns diese finsteren, üblen Typen nicht die Wohnungseinrichtung zerlegten. Sie waren äußerst gereizt und nicht zum Spaßen aufgelegt. Jedoch vergriffen sie sich nicht an einer unschuldigen Frau, das war mein Glück. Eine Freundin von mir war von unbekannten Tätern zusammengeschlagen worden, weil ihr Sohn ihnen ebenfalls Geld schuldete.

„Ja und? Dann sollen sie doch kommen! Vor denen habe ich keine Angst!“ Boris blieb gelassen. Angst hatte er nicht. Gut, er besaß eine Waffe, jedoch verfügten seine Feinde über die garantiert ebenfalls. Natürlich wollte ich nicht, dass mein Sohn bereits mit nur sechzehn Jahren ins Gras biss und ich ihn auf dem Friedhof besuchen konnte. Mir waren die Hände gebunden, Boris die Augen zu öffnen.

Sergej kotzte sich jeden Morgen die Lunge aus dem Hals. Einen Arzt hatte er bisher immer noch nicht aufgesucht. Er hätte eine Lungenentzündung, jammerte er. In einem wirklich bedenklichen Zustand befand er sich. Zum Arzt schleifen konnte ich ihn nicht. Wenn er freiwillig nicht ging, was sollte ich tun? In seinen kraftlosen Phasen blieb ich jedenfalls verschont vor seinen tätlichen und handgreiflichen Übergriffen. Einige ruhige Minuten blieben mir zum Durchatmen. In einer Wohnung, in der man sehr dicht aufeinandergedrängt leben muss, gibt es keinerlei Möglichkeiten des Rückzugs. Diesen braucht allerdings jeder Mensch einmal, um neue Kräfte zu tanken. Michael hatte zusammen mit seiner Jugendgang mehrere Autos aufgebrochen, diese kurzgeschlossen und im wahrsten Sinne des Wortes vor die Wand gesetzt. Er war noch nicht strafmündig und kam immer mit einem blauen Auge davon. Die Angst in mir wurde zusehends größer. Wo sollte das alles noch hinführen? Meine beiden Jungs würden in ein paar Jahren im Gefängnis sitzen, wenn sie so weitermachten.

Beate erzählte mir eines Tages, dass ihr Bruder Boris sie angefasst hätte. Zunächst verstand ich das ganze Ausmaß der Katastrophe nicht. Angefasst … Der Gedanke einer Vergewaltigung, eines Missbrauchs schwirrte mir wohl im Kopf umher, aber ich getraute mich nicht, Beate so direkt darauf anzusprechen. Nein, solch eine widerliche Schandtat würden meine Söhne an meiner jüngsten Tochter nicht verüben. Nicht meine Söhne …

Beate weinte. Unter Tränen erzählte meine verzweifelte zwölfjährige Tochter, dass ihr Bruder ihr an die Brüste gefasst hätte in jener Nacht, während sie friedlich schlief. Beate war mit ihren zwölf Jahren bereits gut entwickelt. Sie hatte eine üppige Oberweite. Für das Mädchen war das kein leichtes Unterfangen. In der Schule wurde sie wegen ihres nicht unbedingt altersentsprechend entwickelten Körpers gemobbt und gehänselt. Auch dort griffen ihr die anderen Kinder in den Ausschnitt und befummelten ihre Oberweite. Beate litt sehr unter diesem abscheulichen Verhalten der Mitschüler. Als sie mir jedoch erzählte, dass ihr eigener Bruder sie unsittlich angefasst und beinahe vergewaltigt hätte, glaubte ich, mir bliebe das Herz stehen. Meiner Tochter schenkte ich Glauben. Ich versprach ihr, dass das niemals wieder vorkommen würde, obwohl ich genau wusste, dass ich dieses Versprechen nicht einhalten konnte. Gegen meinen ältesten Sohn vorzugehen glich einen Kampf führen zu wollen, der von vorneherein aussichtslos verloren war.

Beate veränderte sich zusehends in ihrem Verhalten. Sie war still und lebte sehr zurückgezogen in den Tag hinein, zeigte wenig Freude an glücklichen Momenten. Zu denen gehörte es meiner Meinung nach, wenn Freundinnen sie besuchten. Während die anderen Mädchen fröhlich waren und ihr Lachen durch die Wohnung hallte, blieb Beate teilnahmslos. Ihre Noten in der Schule wurden schlechter. Sie sackte in den Hauptfächern deutlich ab. Eigentlich war meine Tochter eine gute Schülerin gewesen. Im Laufe ihres Älterwerdens jedoch schien sie den Anschluss zu verlieren. Das Herz wurde mir schwer. Schlimm genug, dass mein ältester Sohn die Schule abgebrochen hatte und nun meine jüngste Tochter wohl das Schuljahr wiederholen musste.

Meinem Job musste ich nachgehen, wenn wir nicht hungern wollten zuhause. Es war mir nicht möglich, rund um die Uhr für die Belange meiner Kinder da zu sein, wobei ich wohlgemerkt sagen muss, dass Michael und Boris sowieso nichts mehr annahmen, was ich ihnen ans Herz legte. Die meiste Zeit des Tages verbrachten sie in der Stadt, gammelten herum, lungerten herum mit leidgeprüften anderen Jugendlichen, die ebenfalls von der rechten Lebensspur abgekommen waren. Mit kleineren kriminellen Delikten hielten sie sich bei Laune. Auch Michael fand in den Nächten oftmals nicht mehr den Weg nach Hause. Wo er sich herumtrieb, ich konnte es nicht sagen. Mit seinem Vater war es mir nicht möglich, über die Angelegenheit zu sprechen. Die Jungs seien alt genug, sie wüssten, was sie wollten, und ich sollte endlich lernen, loszulassen. „Beschäftige dich doch mal mit unserer Tochter!“, schimpfte Sergej ungehalten, wenn ich ihm mein Leid über unsere beiden schlechterzogenen Jungs klagte. All die schrecklichen Dinge, die Michael und Boris veranstalteten, interessierten meinen Mann nicht. Da stieß ich auf taube Ohren.

Boris war in einem Alter, in dem er eingeschränkt strafmündig war. Mit dem Gesetz geriet er zur Genüge in Konflikt. Jeden Tag wartete ich auf die Botschaft, dass er verhaftet werden würde und man ihn in das Arbeitslager verfrachtete. Doch um Boris blieb es zunächst still.

Beate weinte in den Nächten. Ihr Schluchzen drang bis in unser Schlafzimmer vor. Sergej schnarchte tief und fest, bekam von dem Leid unseres Mädchens nichts mit. Besonders wenn er wieder einmal ordentlich getrunken hatte, schlief er wie ein Lämmchen. Am nächsten Morgen suchte ich das Gespräch zu meiner Tochter, wollte den Grund ihrer Traurigkeit erfahren. Eisern schwieg sie. Wie sollte es mir gelingen, an mein Kind heranzukommen? Was war in ihrem Leben geschehen, dass sie so verzweifelt war? Ein zwölfjähriges Mädchen, besessen von Angst und Kummer, warum? Die Frage beantwortete mir eines Tages eine ihrer Lehrerinnen. Um ein dringendes Gespräch bat sie mich in die Schule. Das war das erste Mal in all den Jahren, dass ich in die Schule ging, weil es Probleme mit den Kindern gab.

Die Lehrerin machte kein freundliches Gesicht, als ich mich auf den Stuhl vor ihrem Pult niederließ. Mit einem strengen Blick nahm sie Platz direkt vor meiner Nase. Sie begutachtete mich, als wäre ich das Allerletzte, das ihr jemals in diesem Leben unter die Nase gekommen war. Mir wurde etwas schummerig. Es würde kein angenehmes Gespräch werden, das spürte ich gleich.

„Ihre Tochter hat sich mir anvertraut!“, eröffnete sie barsch das Gespräch. Innerlich überfiel mich eine kleine Zufriedenheit, weil ich dachte, ich würde sogleich den Grund erfahren, warum mein Kind so traurig war. „Ihre Tochter wird missbraucht, von ihrem ältesten Bruder. Wussten Sie das?“ Die Lehrerin warf mir einen skeptischen Blick zu, und ich erinnerte mich an den Moment, als ich Beate angebunden auf dem Stuhl im Kinderzimmer vorgefunden hatte. Ratlos zuckte ich mit den Schultern. In dem Augenblick wusste ich gar nicht, was ich der Lehrerin antworten sollte. „Mein Sohn hat sie angefasst, an den Brüsten berührt, hat mir meine Tochter vor wenigen Tagen anvertraut“, sprach ich leise. Die Lehrerin schüttelte den Kopf. „Nein, nicht nur das! Er hat sie sexuell missbraucht! Nicht nur einmal, er tut das immer wieder, und ich glaube ihrer Tochter jedes Wort!“ Es war, als fiele ein großer Felsbrocken auf mein Haupt. Wie erschlagen fühlte ich mich in dem Moment, während ich den Worten der Lehrerin lauschte. „Sie müssen dafür sorgen, dass das aufhört, ich werde sonst meine Pflicht erfüllen und die Beamten informieren! Man wird Ihren Sohn einsperren, Frau Schemjakina! Ihn verhaften. Klären Sie das und schützen Sie Ihre Tochter, beim nächsten Mal, sollte sie sich mir anvertrauen, werde ich gegen Ihren Sohn Anzeige erstatten müssen!“

Die Worte saßen. Du liebe Güte. In Eile lief ich nach Hause an diesem verregneten Tag. Beinahe hätte ich mir noch das Bein gebrochen, weil ich mit meinen guten Schuhen, die ich nur sonntags alle Jubeljahre anzog, in einem dreckigen Gullyloch hängenblieb. Der Absatz meines Schuhs war hinüber. Verärgert zog ich den Schuh aus und lief barfuß über die kalte und glitschige Teerstraße. Seit Tagen hatte es nur geregnet. Tränen liefen mir durch mein Gesicht. Elendig fühlte ich mich. Verzweifelt und von Gott und der Welt alleingelassen.

Plötzlich hielt neben mir am Straßenrand ein Auto. Aus diesem sprang ein Mann heraus. Großgewachsen, dunkelhaarig, edel gekleidet und gutaussehend. „Kann ich Sie mitnehmen?“, fragte er freundlich. Das Regenwasser lief meine klatschnassen Haare entlang, die sich auf meine Stirn legten, und verschwand schließlich im Ausschnitt meiner Bluse, die von dem Unwetter völlig durchnässt war. Meine Brüste zeichneten sich ab, die ich unter einem dunklen Spitzenbüstenhalter verpackt hatte. „Ich fahre Sie nach Hause, Madame, Sie sind ja ganz durchnässt und holen sich womöglich eine Lungenentzündung!“ Der freundliche Herr hielt die Tür seines Wagens auf. Zum Einsteigen forderte er mich mit einer galanten Handbewegung auf. Einen Moment lang zögerte ich. Niemals zuvor hatte ich mich auf so etwas eingelassen, zu einem wildfremden Mann ins Auto zu steigen. Man hörte niemals Gutes über Frauen, die per Anhalter von fremden Männern mitgenommen wurden. Angesichts der Witterungsverhältnisse und dass noch ein weiter Weg vor mir lag, willigte ich ein.

Während der Fahrt blickte der fremde Mann mich immer wieder an. Lächelnd und sehr charmant tat er dies. Ungeduldig wurde ich. Nervös wartete ich auf den Augenblick, in dem er seine Hand auf mein Knie legen und es streicheln würde. Etwas unheimlich war mir. Wäre ich doch besser nicht zu ihm eingestiegen. Was wäre, wenn er mich gar nicht heimfuhr, sondern einen Abstecher irgendwo in den Wald machte, um mich zu vergewaltigen? „Wie heißen Sie?“ Der Mann drehte das Radio seines Wagens ein wenig leiser, aus dem angenehme Musik dudelte. „Louisa“, stotterte ich befangen. „Ein sehr schöner Name! Meine Oma hieß ebenfalls so, sie starb vor ein paar Jahren!“ „Aha“, nickte ich und gab beiläufig den Ausdruck meines Beileids hinzu. „Haben Sie Familie, Louisa?“ Die Frage kam etwas zögerlich. „Ja!“, antwortete ich wahrheitsgemäß. „Drei Kinder!“ In meinen Worten suchte ich vergebens nach dem Quäntchen Stolz. Dem Stolz, mit dem eine jede Mutter über ihre Kinder spricht. Innerlich lag eine schwere Last auf meiner Seele. Gedankenverloren seufzte ich. „Sie machen mir im Moment ein wenig Kummer, meine Kinder.“ Warum ich dem fremden Mann diese Worte anvertraute, ich kann es nicht sagen. Mir war glaube ich sehr an einem offenen Ohr gelegen, sehnte ich mich doch so sehr nach einem Menschen, der für meine Nöte ein Gehör fand. „Mein Sohn leider auch!“, lachte der fremde Unbekannte herzlich. „Ja, waren wir denn anders in dem Alter?“ Über seine für das Verhalten seines Sohnes entschuldigenden Worte musste ich lachen. Hatte er doch recht mit dem, was er sagte. Ja, wir waren als Kinder auch nicht ohne gewesen und einmal frech und aufmüpfig, aber ich konnte mich nicht daran erinnern, dass ich vor meinen Eltern mit einer scharfgeladenen Baretta gestanden oder jemanden sexuell genötigt hätte.

Schließlich kam sie, seine Hand. Sanft legte sie sich auf meinen Oberschenkel. „Mein Name ist Sascha!“, sprach der Mann, während seine Hand in einem seichten Rhythmus über meine Nylonstrumpfhose streichelte. Nach und nach schob sie behutsam den Rock ein wenig höher. Puh, mir wurde heiß und ein wenig unwohl. Niemals hätte ich Sergej mit einem anderen Mann betrügen wollen. Wie lange war es jedoch her, dass mich ein Mann begehrt hatte? Dass ich angefasst wurde mit der besagten Liebe im Blick? Es lag so weit fort, dass ich mich nicht mehr daran erinnern konnte. Ja, ich sehnte mich nach Liebe und Zuneigung. Jedoch war ich für einen spontanen Seitensprung nicht geboren. Nicht der Typ Frau war ich, der diese Nummer ohne Weiteres abspielen konnte. Oder doch?

Nein, ich schob die Hand nicht beiseite. Stattdessen strich ich mir provokant die Haare aus dem Gesicht. Das Gefühl, begehrenswert zu sein, löste eine Art Glücksgefühl in mir aus. Es kam, wie es kommen musste. Sascha lud mich auf einen Kaffee ein in ein heruntergekommenes Etablissement etwas abseits der Hauptstraße, das man in Deutschland Café nennen würde. In dem Toilettenbereich richtete ich mich wieder ein wenig her, kämmte mit meinen Fingern durch meine strähnigen, zerzausten Haare und wischte mit einem Papiertuch meinen verschmierten Lippenstift ab, richtete meine Brüste, die in dem nassen Büstenhalter widerlich klebten. Sascha bestellte in der Zwischenzeit für uns einen Kaffee und ein Stück trockenen Kuchen und wartete ein wenig nervös auf meine Rückkehr. Wie er mir später erzählte, hatte ihn aus heiterem Himmel dieses Herzkribbeln in der Magengegend befallen, die sogenannten Schmetterlinge im Bauch. Während ich vor meinem Spiegelbild in dieser heruntergekommenen Toilette stand, sprach ich zu mir selbst. Wie hübsch du doch eigentlich bist, Louisa. Trotz deiner drei Kinder kannst du dich sehen lassen, sinnierte ich selbstverliebt. Wer wollte es mir verdenken? Viele Jahre waren verstrichen, dass mich ein Mann auf Kaffee und Kuchen eingeladen hatte. Sascha und ich lachten und alberten herum. Bereits nach einer kurzen Zeit schien es, als kannten wir uns eine Ewigkeit. Manchmal hat man durchaus dieses Gefühl, dass man einem Menschen gleich vertraut ist, ihn ewig kennt. Herrlich war es mit dem unbekannten Mann, von dem ich glaubte, dass er das Herz am rechten Fleck trug. Während wir den trockenen, nein, staubigen Kuchen aßen, nahm er zärtlich meine Hände. „Du bist wunderschön, Louisa“, schwärmte Sascha. Tief blickte er mir in die Augen. Wunderschöne blaue Augen hatte dieser hübsche Mann. Sein Blick drang in die Spitze meines Herzens. Etwas später fuhren wir schließlich in ein Stundenhotel. Wir waren quasi einmal im Kreis gefahren an diesem Nachmittag, als ich auf dem Weg von der Schule nach Hause war. Während ich beinahe längst daheim gewesen wäre, fuhr Sascha wieder einige Kilometer mit mir im Wagen zurück, außerhalb unserer Stadt. Niemand sollte uns begegnen, der mich vielleicht erkannt hätte. Das hätte ein riesiges Donnerwetter gegeben, wenn mich jemand mit einem fremden Mann im Auto erkannt hätte. Dass ich verheiratet war, erzählte ich Sascha. Ihn schien das nicht sonderlich zu stören.

In dem Stundenhotel liebten wir uns, wie ich zuvor noch keinen Mann geliebt hatte. Wir trieben es wahrhaftig ungehemmt, unmoralisch und liebevoll miteinander. Niemals zuvor fühlte ich mich so frei und unbeschwert.

Ein Mann, der meinen Körper anziehend fand und ihn liebkoste in einer hingebungsvollen Art, die mir völlig fremd war, brachte mich zum inneren Explodieren. Wundervoll! Hingebungsvoll küsste Sascha mit sinnlichen Lippen sämtliche gerundete Körperpartien in den Regionen meines Lustempfindens, in denen eine Frau besonders sensibel reagiert. Alles in mir reckte und streckte sich, richtete sich sehnsüchtig nach den Liebkosungen dieses Mannes aus. Mit meinem Mund verwöhnte ich sein bestes Stück.

An den Geschmack eines niemals endenden Sommers dachte ich. Das Rauschen des Meeres, kreischende Möwen und eine leichte Sommerbrise umwehte unsere Stunde der blutenden Liebe in meinen Gedanken. Vertrauensvoll ließ ich mich fallen. In die Hände dieses Mannes, der meinen Körper berührte, als sei meine Haut mit vergoldeten Diamanten bestückt und mit Smaragden verziert. In Saschas Armen hätte ich sterben mögen. Unsere Zungen berührten sich auffordernd und vertraut. Saschas Hände waren überall, glitten entlang meiner erogenen Zonen. Er war mir so nahe dieser Mann, dass ich glaubte zu träumen. Seine Finger bewegten sich überall dort entlang, wo sie hingehörten, um eine Frau glücklich zu machen. Überall dort, wo ich sie mir hinwünschte. Sascha konnte Gedanken lesen. Mit nur einem Hauch des Gedankens, wo ich seine Zunge spüren mochte, ließ er sie nieder. Mit leichten Fingerspitzen umkreiste er sanft meine Brustwarzen, von denen ich glaubte, sie würden vor Freude dieser fantastischen Liebkosungen zerspringen. Immer wieder küsste Sascha meine Brüste. Mal flüchtig und zart, dann nahm er seine Zähne hinzu und berieselte durch die leichten Bisse mit ihnen meine Synapsen zu einem Reiz des Schmerzgefühls, von dem ich glaubte, niemals genug bekommen zu können. In seinen Armen wünschte ich mir nichts anderes mehr, als nach dieser Welle des unfassbaren Glücks sterben zu dürfen.

„Sehen wir uns wieder, Louisa?“ Sascha hielt meine Hand und gab mir zum Abschied einen zärtlichen und sehr innigen Handkuss, als er den Wagen anhielt.

FormularendeMein Herz vollführte kleine Freudensprünge. Ja, zu gern hätte ich diesen wundervollen Menschen wiedergesehen. Jedoch glaubte ich angesichts der Tatsache, dass bei mir daheim der Haussegen schief hing und man mich auf Schritt und Tritt beobachtete, dass es wohl unmöglich wäre, mich erneut mit Sascha zu verabreden. Außerdem, wenn Sergej mich erwischte … totschlagen würde er mich. Ein großes Stück weit vor unserer Wohnsiedlung stieg ich aus, damit mich bloß niemand sah. „Wenn das Schicksal es so will, dass wir uns wiedersehen, dann soll es so sein!“, lachte ich.

Als ich an dem Tag aus dem Auto ausstieg, schien plötzlich die Sonne vom klaren Himmel, und ein wundervoller Regenbogen zeichnete sich über den Dächern der Häuser ab. Es glich einem Zeichen. Ein Zeichen, dass das Glück vor mir lag. Obwohl ich an dieses längst nicht mehr glaubte. Für einen Moment fühlte ich Zufriedenheit in meinem Herzen, und für diesen unvergesslichen Moment war ich dankbar.

Während ich mich mit Schuldgefühlen in den nächsten Tagen plagte, weil ich Sergej betrogen hatte, lauerte mir Sascha überall auf. Er wartete regelrecht darauf, mich abfangen zu können. Mal erschien er zufällig auf meiner Arbeit, dann fing er mich auf dem Weg nach Hause ab. Eigentlich hatte ich ihm zu verstehen geben wollen, dass ich mich auf eine Affäre nicht einlassen wollte, aber ich brachte es nicht über meine Lippen, ihm das zu sagen. Das Herz hätte ich ihm gebrochen.

Mein Herz rief so sehr nach Liebe und Geborgenheit. Es schrie förmlich danach, und ich glaube, das war der Grund, warum ich mich auf den fremden Mann einließ. In den wenigen Stunden, die ich mit Sascha verbrachte, durfte ich all diese wundervollen Dinge erleben und auskosten. Liebe, Glück und Zufriedenheit. Sascha liebte mich mit all seinen Sinnen. Unendlich gefühlvoll entführte er mich in das Land der Träume. Wir liebten uns in einigen Stunden, als würde es kein Morgen mehr geben. Das Gefühl zurückzuerlangen, als begehrenswerte Frau wahrgenommen und geliebt zu werden, war wunderbar. Damals fühlte es sich an wie auf Wolken zu schweben, und ja, man kann durchaus sagen, es machte mich süchtig. Sehnsüchtig träumte ich von Saschas Berührungen, seiner Umarmung, seinem charmanten Lächeln, wenn wir uns begegneten. Diese Warmherzigkeit in seiner Seele machte ihn lebendig und liebenswürdig. Der Gedanke, meine Familie für Sascha zu verlassen, er kreiste durchaus in meinem Kopf. Für mich wäre das der Ausweg aus der Hölle gewesen. Allerdings hätte ich meine Kinder zurücklassen müssen. Zurücklassen bei meinem Mann, ihrem Vater, der ein Alkoholproblem hatte und am wirklichen Leben nicht mehr teilnahm. Manchmal war es ein Dahinvegetieren Sergejs über den Tag, wenn er morgens die Augen aufschlug. Den lieben langen Tag gammelte er faul auf der Couch herum, seit er seinen Job als Kurier nicht mehr ausübte. Sein bester Freund war die Bierflasche geworden, und abends wurden die harten Sachen hervorgeholt wie Wodka und Whiskey.

Als Sascha mich eines Tages hinter einer Hausecke abfing, während ich auf dem Weg zur Arbeit war, wurde ich von Michael beobachtet. Anscheinend schwänzte der Junge wieder einmal die Schule. Zu dieser Uhrzeit hätte er normalerweise die Schulbank drücken müssen. Sascha hielt mir charmant die Tür seines Autos auf, um mich zu meiner Arbeitsstelle zu fahren. Seit einigen Wochen hatte er dies getan, und bisher war niemandem etwas aufgefallen. An diesem Morgen jedoch war alles anders. Genau in dem Augenblick, während ich mich anschnallte und einen flüchtigen Blick auf die Straße warf, überquerte diese mein Sohn Michael. Wir blickten uns gleichzeitig in die Augen. Für einen Moment hielt er inne, dann setzte er seinen Fußweg unbeirrt fort. Ja, er hatte mich erkannt. Ach herrje … „Was ist los, Louisa?“ Sascha zog ein besorgtes Gesicht, spürte er doch, dass ich plötzlich traurig und nervös war. „Mein Sohn, er hat mich gesehen in deinem Auto!“, stammelte ich. Sascha nahm mich liebevoll in seinen Arm. „Na und? Irgendwann hättest du es deiner Familie sowieso einmal beichten müssen. Ich möchte gerne, dass du mit zu mir kommst, Louisa. Deine Kinder sind alt genug, sie kommen alleine klar. Du bist eine liebenswerte Frau, ich liebe dich, und ich möchte dich auf Händen tragen. Komm mit mir!“ Die Worte Saschas hingen mir schwer auf der Seele. So einfach war das nicht. Niemand verlässt mal eben seine Familie und fängt ein neues Leben an.

Als ich an dem späten Nachmittag heimkehrte, wurde ich von Boris, Sergej und Michael empfangen. Gleich hinter der Wohnungstür standen sie. Erwartet hatten sie mich. Ohne ein Wort der Begrüßung gab Sergej mir eine Ohrfeige. Boris boxte mit seiner Faust in meine Magengrube und Michael trat mit seinen Füßen nach. „Was bist du bloß für eine dreckige Schlampe?“, schrie Sergej. Er lallte vielmehr. Sturzbetrunken war er bereits wieder. Am helllichten Tag. Fürchterlich. Blut spuckte ich. Die Männer zeigten kein Erbarmen. Meine eigenen Söhne und mein Mann prügelten mich, bis ich schließlich halb ohnmächtig zusammenbrach. Lieblos warfen sie mich aufs Bett und ließen mich achtlos liegen, unbeeindruckt davon, dass ich eine Menge Blut verlor, weinte und wimmerte. Später schlich Beate in mein Zimmer. Mit einem feuchten Tuch tupfte sie entlang meiner Stirn. „Hast du Schmerzen?“, fragte sie traurig. Um sie nicht zu ängstigen, verneinte ich tapfer ihre Frage. Auf die Zähne biss ich mir.

Auch die nächsten Tage durchlief ich die Hölle. Sergej verprügelte mich wieder und wieder. Seine Wut auf meinen Ausrutscher, meinen Seitensprung, nahm kein Ende. Immer wieder beschimpfte er mich als Nutte, Hure und Ehebrecherin. Er hatte ja recht. Eine untreue Frau war ich ihm gewesen. Aber hatte ich kein Recht auf Liebe, Geborgenheit und menschliche Zuneigung? Wer wollte mir diesen folgenschweren Fehler verübeln? Um Verzeihung bat ich, flehte Sergej an, er möge mir vergeben. Je mehr ich mich nachgiebig und reumütig zeigte, desto mehr wiegelte und stachelte ich ihn gegen mich auf.
Drei Tage lang konnte ich nicht sitzen. Sämtliche Knochen in meinem Körper glaubte ich gebrochen bekommen zu haben durch die schlimmen Misshandlungen Sergejs. Mein Unterleib schmerzte, meine Schürfwunden brannten und aus meinen Nasenlöchern triefte immer wieder Blut.

Sascha musste sich wundern, warum ich morgens nicht mehr das Haus verließ und nicht wie gewohnt zur Arbeit ging. Warum wir uns nicht mehr trafen, uns nicht mehr begegneten.

Dass er Tag für Tag auf mich wartete, konnte ich nur erahnen. Natürlich dachte ich an Sascha. Jedoch hing ich an meinem Leben und ich wusste genau, dass ich mir keinen weiteren Fehltritt mehr erlauben durfte, wenn ich noch nicht ins Gras beißen wollte. Also musste ich Sascha vergessen. Das war einfacher gesagt als getan. Mein Herz hing an diesem Mann. Tagelang weinte ich. Eine Art Trauer übermannte meine Gefühlswelt. Die Nähe dieses Menschen hatte mir so unendlich gutgetan. Nun sollte alles vorbei sein?

„Geh doch fort, Louisa! Verlasse deine Familie! Denke an dich, Kind. Du wirst sonst sterben“, redete meine Mutter mit Engelszungen auf mich ein. Sterben? Starb man an gebrochenem Herzen? Darüber wollte ich gar nicht näher nachdenken. Meine Kinder liebte ich. Dass sie mich längst nicht mehr liebten, das spürte ich innerlich wohl, jedoch lebte ich beständig in der Hoffnung, die Situation würde sich ändern. Bald würde alles wieder seinen geregelten Gang nehmen. Wie der ursprünglich einmal ausgesehen hatte, wusste ich schon gar nicht mehr. Die Vorstellung einer heilen Familienwelt, die war mir längst verlorengegangen, weil ich sie seit vielen Jahren längst nicht mehr lebte.

Die nächsten Monate lebte ich zwischen Prügel, Vergewaltigung und randalierenden Kindern. Boris warf beim Frühstück oder Mittagessen einfach seinen Teller gegen die Wand. Ungehalten und wütend war er. Völlig aufbrausend ging er bei jeder Kleinigkeit gleich hoch. Anders hatte ich ihn längst nicht mehr erlebt. Woher kam diese Unzufriedenheit in dem Jungen? Seine Aggressivität? Auch Michael war längst nicht mehr der nette Junge von nebenan. Er schikanierte jüngere Kinder auf dem Weg zur Schule, wenn er diese einmal besuchte und am Unterricht teilnahm. Meistens blieb er zuhause oder trieb sich in der Gegend herum, statt seine Nase in die Schulbücher zu stecken. Schutzgeld erpressten er und seine Gang.

In einem nahegelegenen Kiosk, in dem Zeitungen, Tabak und Alkohol verkauft wurden, arbeitete eine ausländische Frau. Diese wurde von der Jugendbande bedroht, und sie erpressten Geld, um angeblich den Kiosk vor Überfällen zu schützen. Jedes Mal, wenn über diese grausamen Dinge gesprochen wurde, die bei uns im Viertel geschahen, hieß es, Michael und Boris seien stets vorneweg. Sie wären die Drahtzieher und Anführer dieser schrecklichen Taten. An einigen Tagen hätte ich mich am liebsten in ein Schneckenhaus verkrochen und wäre nie wieder herausgekommen. Über den Vorfall mit Beate und den Vergewaltigungsbeschuldigungen hinsichtlich der Lehrerin gegenüber meinem ältesten Sohn hatte ich zu niemandem ein Wort verloren. Mit wem hätte ich darüber sprechen sollen? Mit Boris? Mit Sergej?

Eigentlich hätte ich zur Polizei gehen und Anzeige gegen meinen eigenen Sohn erstatten müssen. Welche Mutter zeigt jedoch ihr eigenes Kind an? Mein Leben empfand ich als einen bösen Albtraum.

 

Kapitel 12

Jugendstrafe

 

Die Delikte nahmen zu. Boris schleppte immer wieder junge Mädchen an, mit denen er sich sexuell vergnügte. Einige von ihnen hielt er anscheinend gegen ihren Willen in seinem Zimmer fest. Ob er die Mädchen vergewaltigte, kann ich nicht mit Gewissheit sagen, jedoch ging ich davon aus. Eines der Mädchen hieß Paula. Sie blieb recht lange an Boris’ Seite. Oftmals brachte mein Sohn das Mädchen mit zu uns nach Hause. Sie war freundlich, grüßte mich stets höflich. Wenn sie fortging, war das Zimmer von den Kindern jedes Mal ordentlich aufgeräumt. Sie schien mir ein gutes Mädchen zu sein. Dann geschah jedoch eines Tages etwas sehr Seltsames. Paula suchte mich zuhause auf, während Boris unterwegs war. Überrascht war ich, das Mädchen vor unserer Wohnungstür zu entdecken. Ihre Augen waren blutunterlaufen. Der Ausdruck in ihnen leer, und ihre Haare ungepflegt. Eine Platzwunde klaffte über ihrer Stirn. Paula sah übel aus. Wer hatte dieses hübsche Mädchen so grauenvoll zugerichtet? Natürlich bat ich sie herein. Sie hatte Glück, dass Sergej nicht zuhause war. Wäre es so gewesen, hätte ich sie nicht hereinbitten können.

Zitternd nahm sie am Küchentisch Platz. Ein Glas Wasser bot ich ihr an, und sie hielt es in nervösen Händen. Dass sie Drogen nahm, vermutete ich. Jedoch schien ihre Seele etwas anderes zu plagen. Schließlich erzählte sie mit stockender Stimme. „Boris schlägt mich regelmäßig, und er vergewaltigt mich, wenn ich mich ihm nicht freiwillig hingebe. Er drohte mir, dass er mich umbringt, wenn ich ihm nicht gehorche. Ich habe Angst vor ihm, kann ihm jedoch nicht entkommen. Er lauert mir überall auf, und wenn ich mich verstecke, wird er nur noch wütender. Er sagt er liebt mich, aber das ist doch keine Liebe, wenn ich immer nur Gewalt erfahre, oder?“, weinte das Mädchen leise. Sorgsam nahm ich ihre Hand. „Nein meine Liebe, das ist keine Liebe!“, sprach ich zu ihr, während ich ihren Blick nicht aus den Augen ließ. „Warum macht er das mit mir? Warum lässt er mich nicht einfach in Ruhe? Ich habe ihm nichts getan.“ In mir rotierte alles. Mein Adrenalin kochte. Was hatte ich nur falsch gemacht in der Erziehung meiner Kinder? „Können Sie nicht mit ihm reden? Dass er mich in Ruhe lässt? Sie sind doch seine Mutter, auf Sie wird er doch sicherlich hören.“ Achselzuckend saß ich ratlos vor dem traurigen Mädchen. Nein, ich konnte Paula nicht helfen. „Du musst zur Polizei gehen, Paula!“, sagte ich mit trockener Stimme. Paula blickte mich entsetzt an. So, als hätte ich soeben ihr Todesurteil gefällt. „Boris bringt mich um, wenn ich ihn bei der Polizei anzeige!“, weinte sie bitter. „Nein, die Polizei wird ihn einsperren, du musst dorthin gehen.“ Entschlossen nahm ich Paulas Hand. Es war in dem Moment, als wäre das Mädchen meine Tochter gewesen, der ich einen mütterlichen Rat mit auf den Weg gab. An Beate dachte ich. Boris hatte auch sie vergewaltigt, seine eigene Schwester. Das war Inzest. Verbotene Liebe. Ach, was redete ich von Liebe …? Ein krankhafter Trieb wütete in dem verrückten Kopf meines Sohnes, wo auch immer diese Gräueltaten herrührten. Eindringlich redete ich auf Paula ein. Die Angst, mein Sohn könnte dieses Mädchen tatsächlich umbringen, sie saß in mir. Nicht nur an dieses Mädchen dachte ich, auch an meine Tochter Beate.

Durch einen tragischen Zwischenfall kam es nicht mehr zu dieser Anzeige. Paula wurde einige Tage später tot aufgefunden. In einem Waldstück lag das Mädchen. Erschlagen, hieß es …

Die Hände schlug ich über dem Kopf zusammen, als die traurige Nachricht bis zu mir durchdrang. Boris überbrachte sie. „Die Paula ist tot!“, sagte er mit einem entsetzten Gesicht. „Sie wurde im Wald drüben am Haiger aufgefunden. Sie soll erschlagen worden sein!“ Nein, ich stellte meinem Sohn nicht die Frage, ob er mit der Sache etwas zu tun hatte. Sie lag mir auf der Zunge, jedoch hielt ich sie zurück.

Meine Frage beantworteten mir zwei Polizisten, die am nächsten Tag vor der Tür standen und nach Boris fragten. Natürlich war der Bub wieder einmal nicht daheim. Wahrscheinlich war er mit seiner Clique unterwegs. Die Beamten verabschiedeten sich mit den Worten, dass man den Jungen schon finden würde. Sergej war außer sich, nachdem die Polizisten fort waren. Wie diese dreckigen Beamtenschimmel auf die Idee kämen, seinen Sohn zu verdächtigen, er habe seine Freundin erschlagen. Den Rest des Tages fluchte er, ertränkte seinen Kummer schließlich wieder im Alkohol. Seine Brustschmerzen und sein morgendlicher Blutauswurf wurden dadurch natürlich nicht besser. Den Arzt wollte er immer noch nicht aufsuchen. Er weigerte sich strikt, zu einem Facharzt zu gehen. Meine Überredungskünste waren zwecklos.

Boris wurde in Untersuchungshaft genommen. Die Ereignisse überschlugen sich plötzlich. Die Polizisten hatten ihn aufgegabelt und gleich mitgenommen. Des dringenden Tatverdachts habe sich unser ältester Sohn verdächtig gemacht, Paula nach einem Streit kaltblütig erschlagen zu haben. Boris beteuerte seine Unschuld. Sein Vater schlug nach dieser Nachricht die gesamte Möbeleinrichtung in unserer Wohnung zusammen. Weinend verbarrikadierte ich mich schutzsuchend in unserem Schlafzimmer. Lautlos verharrte ich, bis Sergejs Ärger verflogen war. Irgendwann schien er vor Erschöpfung eingeschlafen zu sein. Zuvor hatte er jedoch die halbe Nacht lang randaliert.

Michael war seit dem Vorfall mit Boris nicht mehr nach Hause gekommen. Er galt als vermisst innerhalb unserer Familie. „Er wird schon wiederkommen! Wenn ich er wäre, würde ich auch erst einmal fortbleiben. Die Beamten haben doch die ganze Bande im Visier! Das war doch nicht unser Sohn alleine, der sich an dem Mädchen vergangen hat, glaub doch das nicht, Louisa“, fluchte Sergej. Anscheinend wusste mein Mann erheblich mehr an Details über den Vorfall als ich. In meinen Augen hielt ich mittlerweile alle unsere Siedlungsinsassen in den schäbigen Wohnblöcken der sozial schwachen Einwohner für gemeine und hinterhältige Verbrecher. Wenn es ursprünglich beim Kartenspielen angefangen hatte mit dem Preis des Siegers, eine Frau vergewaltigen zu dürfen, so hörte es beim Morden auf. Meine Nachbarin Olga hatte den Tod gefunden, und nunmehr ein junges, unschuldiges Mädchen mit Namen Paula. Ich weinte vor Entsetzen und aus Fassungslosigkeit.

Abermals überlegte ich, mit Beate endlich die Flucht zu ergreifen. Jedoch gab es noch den Michael, und was sollte aus Boris werden? Wenn man ihn schuldig sprach, würde er vielleicht ins Gefängnis gehen. Die Höchststrafe für Sechzehnjährige bei Totschlag lautete zehn Jahre. „Der kommt schon wieder, der hat ja nichts verbrochen der Junge!“, posaunte Sergej. Meine Tränen blieben ihm natürlich nicht verborgen. Dennoch nahm er mich nicht ein einziges Mal in den Arm, spendete mir keinen Trost. Kein liebes Wort erreichte mein Herz. Wir hatten uns alle auf eine unzumutbare Art und Weise voneinander entfremdet. Die Familie war entzweigerissen. Halt konnten wir uns gegenseitig nicht mehr bieten, und ein Miteinander gab es längst nicht mehr. Nach einigen Monaten wurde Boris schuldig gesprochen am Mord seiner Freundin Paula. Vieles sprach dafür, dass er sich schuldig gemacht hatte und der Mörder sein könnte. Wenn wir die finanziellen Möglichkeiten gehabt hätten, Boris einen fähigen Strafverteidiger an seine Seite zu stellen, dann wäre die Sache vielleicht anders ausgegangen. Leider fehlten uns die Mittel. Für meinen Mann brach eine Welt zusammen, als er seinen Sohn während der Gerichtsverhandlung an die Vollzugsanstalt verlor. In Beates Leben kehrte Ruhe ein mit der Verhaftung ihres ältesten Bruders. In meines ebenfalls.

Michael tauchte wenige Tage später wieder auf. Für einige Wochen lieferte er uns keine weiteren Skandale. Er besuchte sogar die Schule aus freien Stücken, und ich glaubte, in unser Leben wäre ein wenig Normalität eingekehrt. Das war die Ruhe vor dem Sturm. Schlimm genug war, dass mein ältester Sohn Boris zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Natürlich besuchte ich meinen Sohn im Gefängnis. Jedes Mal beteuerte er unter Tränen, dass er Paula nicht erschlagen hätte, und er bat um Bereitstellung eines Anwalts, der das Verfahren noch einmal neu aufrollen würde. Diesen Wunsch konnte ich ihm nicht erfüllen. Sein Vater war mittlerweile viel zu schwach geworden, um sich draußen im Ghetto, wie ich die kriminelle Außenwelt von St. Petersburg nannte, zu behaupten, um Geld zu verdienen. Der Zug war längst abgefahren.

Boris’ Verzweiflung über seine angeblich zu Unrecht einzubüßende Tat rief in mir eine merkwürdige Beklemmung hervor. War ich doch auf der einen Seite seine Mutter, so gab es auf der anderen eine Distanz, die mich in die Enge trieb. Mit jedem Mal fiel es mir schwerer, meinen Sohn zu besuchen, weil ich erlebte, wie sehr ihn innerlich die Verzweiflung auffraß. Dem menschlichen Verfall war mein Kind geweiht, und das mit nur sechzehn Jahren. Niemand konnte mir die Wahrheit zuflüstern oder mir vor Augen halten, ob mein Sohn tatsächlich ein Verbrecher, ein sogenannter Totschläger, wie die Justiz ihn nannte, war. Boris stritt die widerliche Tat nach wie vor ab, und zu gern hätte ich ihm Glauben geschenkt. In einer Zwickmühle saß ich. Wenn ich ihn besuchte, glaubte ich ihm. War ich wieder fort und saß grübelnd zuhause, plagten mich die Zweifel seiner Unschuld.

Meine Tochter Beate erzählte mir mit Fortschreiten der Zeit, was Boris ihr angetan hatte. Das Mädchen brauchte das Gefühl von Sicherheit, um sich öffnen zu können. Durch Boris’ Verhaftung und seinem Verschwinden aus dem elterlichen Haus fasste sie Vertrauen zu mir. Weinend berichtete sie, wie oft Boris sie vergewaltigt hatte, während ich nicht zuhause gewesen war, und dass sie sich niemandem anvertrauen konnte außer ihrer Lehrerin, aus Angst und Sorge vor weiteren Bestrafungen. Einmal hätte Boris seine Freunde in unsere Wohnung geschleppt, während ich arbeiten ging und Beates Vater sich in der Stadt herumtrieb. Boris hätte immer ganz genau gewusst, zu welchem Zeitpunkt er ungestört seinen widerlichen Trieben nachgehen konnte. Manchmal hätte Beate beobachtet, dass Boris die Mädchen, die er mit zu uns nahm, ebenfalls sexuell belästigt hatte, gegen den Willen der Mädchen, weil sie sich lautstark zur Wehr setzten. Beate hätte all diesen Vorfällen machtlos gegenübergestanden. Niemanden wollte sie sich anvertrauen. Weder mir noch ihrem Vater, aus Angst, wir würden ihr nicht glauben und sie könnte Prügel beziehen. Erst als man Boris verhaftete, hätte sie den Mut gefasst, mir von den Abscheulichkeiten ihres älteren Bruders zu erzählen. Dennoch fühlte sie sich schuldig. Schuldig, dass Boris ihren Körper missbraucht hatte. Immerhin teilten sich unsere drei Kinder ein gemeinsames Zimmer, und es wäre vorgekommen, dass Beate sich vor den Augen ihrer Brüder umgezogen hätte. Natürlich hatte sie sich nichts dabei gedacht, ihre Brüste zu zeigen, wenn sie sich ihr Schlafshirt überzog. Geniert hätte sie sich zunächst auch nicht, weil sie es von klein auf so gewohnt war, sich vor den Augen ihrer Brüder umzuziehen. Die Kinder waren miteinander aufgewachsen, und es war nichts Verwerfliches daran, dass sie sich nackt ansahen. Boris hätte diesen Sachverhalt jedoch eines Tages zu seinem Nutzen gemacht und von Beate verlangt, dass sie auf sein Verlangen hin ihre Brüste zeigte, und zwar nicht nur dann, wenn sie sich umzog, sondern aus Lust und Laune heraus, wahrscheinlich in dem Augenblick, als er sich nach sexueller Befriedigung sehnte. Wenn er masturbierte, nahm er seine Schwester zum Anheizen seiner sexuellen Lustgefühle. Beim Anheizen blieb es irgendwann nicht mehr, und er forderte Dinge, die Beate ängstigten. Verschüchtert und zurückgezogen vertraute sich das Mädchen schließlich ihrer Lehrerin an.

Mir fehlten die Worte. Das, was meine jüngste Tochter unter Tränen berichtete, musste die Wahrheit sein. Detailliert schilderte sie die Vorgänge. Von dem Tag an musste ich eine Entscheidung treffen. Für oder gegen meinen ältesten Sohn. Mein Herz fand keinen inneren Frieden, wenn ich nicht wusste, in welchem Verhältnis ich zu meinem Kind stand. Sohn hin oder her, wenn Boris tatsächlich ein Verbrecher war, dann sollte ich mich von ihm lösen. Während sein Vater ihn in seinen abscheulichen Taten unterstützte und ihn zu vielen wahrscheinlich auch angehalten hatte, so wollte ich nicht mehr mitziehen. Meine Liebe zu meinem Sohn, sie blieb, jedoch wollte ich ihm nicht mehr beistehen, wenn er für all diese Taten verantwortlich war. Was sollte aus ihm werden, wenn er aus dem Gefängnis entlassen wurde? Da wäre er noch nicht einmal dreißig Jahre alt. Sein Leben lag vor ihm. Ob sein Vater dann noch leben würde, das war sehr fragwürdig. Gesundheitlich ging es Sergej sehr schlecht, und ich gab ihm keine zehn Jahre Lebenserwartung mehr. Menschen, die anderen Menschen etwas Schlechtes angetan haben, werden es immer wieder tun. Menschen ändern sich nicht, daran halte ich bis heute fest. Das Leben lehrte mich diese bittere Erfahrung. So sehr ich hoffte, dass Sergej sich änderte und zu uns, seiner Familie, zurückfand, desto mehr wurde ich enttäuscht von der bitteren Wahrheit, die mich wie eine erbarmungslose Lawine emotional überrollte. Möglichkeiten, meinen Kindern etwas zu bieten, dieses Privileg schien mir nicht gegeben worden zu sein. So konnte ich nur versuchen, meinen Kindern eine gute Mutter zu sein. Was zeichnet eine gute Mutter aus? Niemals war ich in meinen Augen eine gute Mutter. Gehen müssen hätte ich. Meinen Mann verlassen müssen. Fortgehen von meinem Mann. Meine Kinder mitnehmen und ein neues Leben anfangen, das wäre der richtige Weg gewesen, um eine gute Mutter zu sein. Meinem Mann gebe ich einen gewissen Anteil an der Schuld, die unsere Familie in die Abgründe trieb. Seine Alkoholsucht und auch der Drogenkonsum richteten unser Familienleben dahin. Die Kinder lehrte Sergej das Schießen, die Selbstverteidigung, das Stehlen und das Töten. Er nannte es: Überlebenskampf. Ein Kind sollte frühzeitig darauf trainiert sein, in dem Dreck, in dem es zwangsläufig aufwachsen musste, zu lernen, wie es sich anderen Menschen gegenüber durchsetzen konnte. Zu dem Zeitpunkt hatte ich keinerlei Ahnung von dem Ausmaß der Katastrophe, was mein Mann an unseren Kindern wirklich verbrochen hatte. Nicht nur, dass er die Augen verschloss vor dem Elend, was unserer jüngsten Tochter widerfahren war. Wenn ein Vater stillschweigend duldet, dass sein ältester Sohn die jüngste Tochter missbraucht, in welchen Verhältnissen leben wir dann bitte schön?

Wie kriminell waren wir? Während ich arbeiten ging und um unser Überleben kämpfte, führte meine Familie ein Leben, das man seinen schlimmsten Feinden nicht wünschte. Auch über Michael verlor ich die Kontrolle. Von mir ließ er sich nichts mehr sagen. Tagtäglich lungerte er in der Stadt herum. Auch er brachte später die Freundinnen mit zu uns nach Hause, um sich mit ihnen ungehemmt zu vergnügen. Sein Vater duldete diese Zustände kommentarlos. Wenn ich ein Wort darüber verlor, dass ich es nicht gut fand, dass unser Sohn die Mädchen reihenweise wechselte wie seine Unterhosen, und dass er mit ihnen in unserer Wohnung keinen sexuellen Handlungen nachgehen sollte, wurde ich von Sergej müde belächelt. Nicht nur das, die Hand wurde drohend gegen mich erhoben.

An Gewicht verlor ich. Immer dünner wurde ich. Krank war ich. Meine Seele schrie nach Hilfe. Niemand erhörte mich. Nur das Flehen meiner Mutter, endlich gehen zu mögen, fortzugehen aus der Hölle, erreichte mein Herz. Hin- und hergerissen war ich.

Eines Tages, als ich sah, wie Michael sich mit Drogen abfüllte, und mir eine Ohrfeige verpasste, während ich ihn bat, dieses Dreckszeug nicht zu konsumieren, weil ich Angst um mein Kind hatte, beschloss ich, von meiner Familie fortzugehen. Beate willigte ein, mitzukommen. Wenigstens meine Tochter würde ich vor dem Untergang bewahren können. Ein schwacher Trost.

Da Sergej mich längst nicht mehr einsperrte, immerhin musste ich das Geld für unseren Lebensunterhalt verdienen, war mir die Flucht ein Leichtes. Michael war kaum noch zuhause, er hätte mich am Fortgehen nicht mehr gehindert. Nein, mir fiel es nicht leicht, die Trümmer meiner Familie zu verlassen, oder, eher gesagt, mich aus ihnen zu befreien. Mein Herz hing an meiner Familie und an dem Wunsch, den Zusammenhalt aufrechtzuerhalten und für diesen zu kämpfen. Die Kräfte waren mir jedoch verlorengegangen. Endgültig. 

 

Kapitel 13

Ein neues Leben

 

Meine Mutter war erleichtert, als sie Beate und mich in Empfang nahm. „Jetzt seid ihr endlich in Sicherheit!“, weinte sie, als wir uns in den Armen lagen. „Meine Güte, was musst du durchgemacht haben, Louisa!“ Ihre Worte klangen bestürzt.

Für die nächste Zeit durften wir bei ihr wohnen. Beate fand sich schnell zurecht mit der neuen Situation. Nicht mehr in der ständigen Angst leben zu müssen, missbraucht zu werden, gab ihr neuen Rückenwind. In der Schule wurden die Noten etwas besser, das Lernen bereitete ihr wieder Freude und sie fand aus ihrer Isolation heraus. Hatte sie doch zuvor eher wenig gesprochen und so gut wie gar keine Konversation zu gleichaltrigen Kindern gesucht, knüpfte sie jetzt zarte Bande. Sergej suchte mehrere Male das Haus meiner Mutter auf und schlug dort vor der Wohnungstür Randale. Er wollte mich sprechen. Unbedingt. Sofort herauskommen sollte ich. Seine Frau wäre ich, und somit sein Eigentum. Zu gehorchen hätte ich, und ich sollte gefälligst nach Hause kommen. Sofort.

Nein, ich ging nicht zurück nach Hause. Nie mehr würde ich dorthin zurückkehren, wo das Grauen herrschte und die Gewalt lebte. Damals glaubte ich, dass ich stark genug wäre. Es fiel mir schwer, und die Möglichkeit des Rückfalls war durchaus gegeben. Jedoch hielt ich mir immer wieder vor Augen, in welch einer Hölle ich gelebt hatte und wie wundervoll es war, endlich meinen Frieden gefunden zu haben.

Boris besuchte ich weiterhin im Gefängnis. Er sprach niederträchtig von der Trennung seiner Eltern und dass sein Vater unter dem Verlust seiner Ehefrau leiden würde. Er stellte mir die grausame Frage, ob ich mich am Untergang seines Vaters schuldig machen und diesem tatenlos zusehen wollte. Von dieser Seite aus hatte ich das Drama niemals betrachtet. Einer von uns würde untergehen, das entsprach den Tatsachen. Jedoch, warum sollte ich untergehen, wenn es die Möglichkeit gab, dieses Szenario zu vermeiden?

„Dein Vater soll arbeiten, Boris, dann wird er klarkommen. Und Michael auch! Dein Bruder wollte das Elternhaus nicht verlassen, er entschied sich, bei seinem Vater zu bleiben. Also kann es niemals meine Schuld sein, wenn einer von ihnen oder beide zusammen untergehen!“, antwortete ich lapidar während des Gefängnisbesuchs. Einen Kuchen hatte ich Boris mitgebracht. Kuchen war in Russland eine Spezialität. Viel zu selten war ich in den Genuss gekommen, für meine Kinder Gebäck herzurichten. Nicht einmal an besonderen Tagen. Im Haus meiner Mutter war dies erstmals möglich. Ruhe und Entspannung fand ich an dem Ort, an dem es keine Gewalt gab.

Von dem Gefängniswärter, der Boris in den Besuchsraum führte, wurde der Kuchen mit kritischen und sehr wachsamen Augen in Betracht genommen. Immerhin hätte ich einen Revolver in diesem mit einbacken können oder Drogen. Boris war nicht erfreut über mein Geschenk. Wütend schmiss er den Kuchen während unseres Gesprächs über seinen Vater gegen die Wand und wurde daraufhin von den Wärtern gleich wieder abgeführt. „Du dreckige Hure!“, schrie er mir hinterher, als man ihn fortführte.

Der Schmerz saß tief. Manchmal glaubte ich, all das, was ich erlebte, war ein Albtraum, und ich würde irgendwann aufwachen. Dem war leider nicht so. Mein Leben war brutale Realität.

Sascha hatte mich eines Tages aufgespürt, die Adresse meiner Mutter ausfindig gemacht, und dann stand er plötzlich und unerwartet vor ihrer Haustür. Einen wunderschönen Strauß roter Rosen hielt er in seinen Händen. Meine Güte, vor Freude des Wiedersehens vergoss ich unendlich viele Tränen. Eine atemberaubende Nacht verbrachten wir miteinander. Hinreißend war es, mich diesem Mann hinzugeben. Sein Einfühlungsvermögen und diese Zärtlichkeit, mit der er meinen Körper begehrte, ließen mich in den siebten Himmel aufsteigen. Die Liebe zu finden war das schönste Geschenk, das mir das Leben bieten konnte, und ich war unendlich dankbar, diese Hingabe und Sinnlichkeit erleben zu dürfen. Das Gefühl, sich nicht mehr verstecken zu müssen, sondern diese Liebe ungehemmt ausleben zu können, glich einer Befreiung meiner Seele. Mit zunehmender Zeit ging es mir gesundheitlich besser. Die Schmerzen in meiner Brust ließen nach. Das Gewicht normalisierte sich. Am Essen fand ich wieder Freude und an den schönen Dingen des Lebens. In Sascha hatte ich einen sehr aufmerksamen Mann gefunden. Einen Partner an meiner Seite, der mir jeden Wunsch von den Augen ablas.

Sascha führte mich zum Essen, zeigte mir die Sehenswürdigkeiten von St. Petersburg, Ecken und Nischen, von denen ich keinerlei Ahnung hatte, dass sie existierten. Als ich endlich mein Ghetto verlassen konnte, in dem ich jahrelang wie eine Gefangene außerhalb des Lichts gehaust hatte, entdeckte ich die Schönheiten des Lebens. Mit völlig anderen Augen nahm ich das Drumherum um mich wahr. Das war unbeschreiblich. Mich übermannten Gefühle, von denen ich niemals wusste, dass sie in mir wohnten. Weil niemand sie gefordert hatte. Sergej hatte mich nicht einmal zum Essen ausgeführt. Wovon hätten wir das auch bezahlen sollen? Während Sascha einen gutbezahlten Job hatte, war Sergej mittellos und nicht in der Lage, sich eine vernünftige Arbeit zu suchen aufgrund seines Drogen- und Alkoholkonsums. Deshalb pflegte ich jedoch keinen Hass für meinen Mann. Wäre er mir und den Kindern gegenüber nicht gewalttätig geworden und hätte versucht zu verhindern, dass unsere Familie auseinanderbrach, dann wäre ich auch mit ihm gern alt geworden. Immerhin hatte ich ihn einmal aus Liebe geheiratet. Vielleicht, wenn er um Vergebung gebeten hätte, wäre ich sogar zu ihm zurückgekehrt, man weiß es nicht. Er bat mich jedoch nicht um Vergebung, sondern er versuchte mir die Schuld in die Schuhe zu schieben für all das Übel, von dem unsere Familie heimgesucht worden war. Damit drängte er mich immer weiter fort von sich. Die Liebe zu ihm zerbrach wie eine Fensterscheibe, in die man einen Stein warf.

Eine Zeit lang verbrachten Sascha und ich wundervolle Stunden miteinander. Diese nahmen jedoch ein jähes Ende. Genauso, wie Sascha aus dem Nichts heraus in mein Leben getreten war, verschwand er wieder. Eine Adresse von ihm hatte ich nicht. Nicht einmal seinen Nachnamen kannte ich. Keinen Wohnort, keine Freunde, die seinen Namen kannten, es gab nichts. Ratlos und traurig blieb ich allein zurück. Mit meiner Liebe im Herzen für diesen Menschen, von dem ich glaubte, mit ihm ein neues Leben beginnen zu können, trauerte ich um mein verlorenes Glück. Meine Mutter glaubte an ein Unglück oder einen Unfall. Dass Sascha etwas zugestoßen sei.

Eines Tages stand Michael vor der Tür. Meine Mutter öffnete ihm, und ohne ein Wort an sie zu richten, verlangte er gleich nach mir. Dem Vati ginge es sehr schlecht, ob ich mich nicht bemühen wollte, nach meinem Mann zu sehen. Im Krankenhaus läge sein Vater. Mich erschreckte die Nachricht zunächst nicht, hatte ich doch kommen sehen, dass Sergej krank war. Ich zögerte. Im Grunde genommen wollte ich mit ihm nichts mehr zu tun haben. Allerdings waren wir noch verheiratet. Ich ließ mich überreden. Ja, ich würde ihn besuchen.

Das Krankenhaus war damals völlig überfüllt. Die Betten einiger Patienten standen teilweise auf den Flurgängen. Menschen schrien und stöhnten. Es schien, als wäre Krieg gewesen in unserem Land und die Verwundeten müssten notdürftig verarztet werden. Eine Schwester erklärte, dass die verletzten Menschen von einer Demonstration stammten. Nach dem schrecklichen Unfall vor drei Jahren in Tschernobyl hatte sich das Leben rund um Russland verändert. Der Unfall der Sowjetunion wurde damals behandelt wie ein Staatsgeheimnis. Menschen gingen auf die Straße und protestierten gegen die Atomindustrie.

Während ich Sergej besuchte und über seinen gesundheitlichen Zustand erschrak, jammerte er über den Vorfall in Tschernobyl. An Krebs sei er erkrankt, hätten ihm die Ärzte mitgeteilt, und schuld daran sei in seinen Augen der atomare Unfall vor drei Jahren in dem Reaktor von Tschernobyl. „Tschernobyl liegt knapp 700 Kilometer entfernt!“, ermahnte ich Sergej. An den Unfall erinnerte ich mich gut, sowohl damals als auch heute noch, an die langfristigen Folgen der Katastrophe und wie damals von der Regierung versucht wurde, das Unglück zu verheimlichen. Was bedeuten 700 Kilometer, wenn du überall in den Medien gesagt bekommst, dass die Atomwolke eine Reichweite von mehreren tausend Kilometern besaß?

Die Ärmsten in Russland hatten damals mit anderen Problemen zu kämpfen, als sich Gedanken um verseuchtes Regenwasser oder verdorbene Ernten zu machen. Für Sergej und seine befreundeten Kumpels war Tschernobyl damals Gesprächsthema Nummer eins. Von behinderten Kindern und entstellten Babys war die Rede. Totgeburten und Fehlgeburten. Menschliche Abtreibungen und die wirtschaftliche Totalkatastrophe beherrschten das Tagesprogramm der Männer.

„Kommst du zu mir zurück, Louisa?“ Sergej griff nach meiner Hand. Zögerlich bemühte ich mich, sie nicht wegzuziehen und ihm zu lassen. Mitleid spürte ich mit ihm. Ein eisiger Schauer durchfuhr meine Venen. Die Berührung war mir unangenehm. Es ist dein Mann, Louisa, sprach meine innere Stimme. Mit den Schultern zuckte ich. „Wirst du sofort sterben müssen?“, fragte ich zaghaft. Sergej lachte weinerlich. „Die Ärzte haben mir gesagt, vielleicht schaffe ich es noch drei Jahre lang! Warum, willst du die Scheidung?“ Sein Gesicht verzog sich düster, und meine Hand griff er fester. So fest, dass ich glaubte, er wollte sie zerquetschen. Die Zähne biss ich zusammen. In seinem Gesicht erkannte ich den Tod. Der Tod war bereits in seinem Körper eingezogen. Anscheinend war es tatsächlich lediglich eine Frage der Lebensgeister, wie lange Sergej noch durchhalten würde. Mir war bekannt, dass schwer kranke Menschen besser durchhielten, wenn sie etwas hatten, an was sie sich klammern konnten. Sollte ich Sergej verlassen, würde der Tod wahrscheinlich schneller voranschreiten. Sergej hätte es verdient gehabt, dass ich ihn fallenließ. Nach alledem, was er mir und meinen Kindern angetan hatte, wünschte ich ihm den Tod herbei, da möchte ich ehrlich sein.

Aber so herzlos ist niemand in dem Augenblick. Egal wie viel Leid dir ein Mensch zugefügt und angetan hat, wenn es um Leben und Tod geht, dann wirst du barmherzig. „Nein, ich lasse mich nicht scheiden, Sergej!“, versprach ich meinem sterbenden Mann. Selbst wenn ich in dem Augenblick gewusst hätte, dass er es tatsächlich noch drei Jahre lang schaffte und ich ihn beinahe bis zum endgültigen Tod begleiten und pflegen musste, hätte ich ihm nicht gesagt, dass ich mir nichts sehnlicher wünschte als die Scheidung.

Stillschweigend blickten wir uns an. In meinem Kopfkino zogen Szenen an mir vorbei, von denen ich glaubte, dass sie gar nicht den Tatsachen entsprechen konnten, weil sie so grausam waren. Innerlich sah ich, wie Sergej krepieren würde an seinen Krebstumoren, die ihn langsam, aber sicher auffraßen.

Einen Handkuss gab ich ihm, als ich das Krankenhaus verließ. Ein Zeichen meines Respekts drückte ich ihm aus. Vielleicht auch eine Art Dank. Plötzlich glaubte ich, Sergej vielleicht nicht mehr wiederzusehen, weil er morgen oder übermorgen das Zeitliche segnete. Sterbenden Menschen sollte man Respekt und Achtung erweisen, immer. Vor allen Dingen, wenn sie sich in Todesnähe befinden. „Lass mich nicht sterben, Louisa!“, flehte Sergej, und er richtete sich erschöpft in seinem Bett auf, als ich fortging. „Nein“, versprach ich. Zu Gott betete ich, dass sein Leiden ein schnelles Ende fand.

Kapitel 14

Sterben

 

Als Sergej zum Sterben aus dem Spital nach Hause ging, war es meine Pflicht, meinen Mann in den Tod zu begleiten. Das bedeutete für mich, mein neugewonnenes Leben aufzugeben und zu meinem alten zurückzukehren. Zumindest so lange, bis Sergej seinen Schmerzen und dem Todeskampf erlegen war.

Es gab gute und es gab schlechte Kapitel während seiner Krankheit. Völlig erschöpft pendelte ich hin und her. Zwischen dem Leben bei meiner Mutter und dem der Hölle in meiner Ehe. Beate hatte ich bei ihrer Oma zurückgelassen. Sie war dort in den besten Händen. Doch wenn eine Familie so sehr zerrissen ist und die Vorkommnisse sich in den Seelen der Mitglieder festgefressen haben, ist weiteres Unheil vorprogrammiert, leider.

Beate geriet ebenfalls auf menschliche Abwege. Meine Mutter konnte nicht verhindern, dass Beate in die Hände eines Zuhälters fiel. Urplötzlich verliebte sie sich in einen Mann, von dem sie glaubte, in ihm die große Liebe gefunden zu haben. Da war sie erst vierzehn Jahre alt. Zwei Jahre waren mittlerweile vergangen. Sergej hielt während seiner Krankheit, er litt an Leberzirrhose und Darmkrebs, tapfer durch. An einigen Tagen verließ er nicht einmal das Bett, weil es ihm so schlecht ging, an anderen lief er ruhelos durch die Wohnung. Ein Stück seines Darms hatte man ihm entfernt, aber der Krebs hatte gestreut, so lauteten die Aussagen der Ärzte. Dazu muss man sagen, dass in Russland die Krankenversorgung mit der medizinischen Betreuung in Deutschland nicht zu vergleichen ist.

Manchmal phantasierte Sergej. Seine gewalttätigen Übergriffe hatten jedoch auf mich keinerlei Auswirkungen mehr. Körperlich war er viel zu schwach, um mich zu verprügeln, so wie er es einst getan hatte. Unser Sohn Michael leistete mir keinen Beistand. Niemals hätte er mich vor seinem Vater verteidigt oder geschützt. In seinen Augen war ich eine Verräterin. Die Familie hatte ich mit Dreck beschmutzt, die Ehre meines Mannes niedergemacht, weil ich der Familie den Rücken kehrte. Michael sprach nur die nötigsten Worte mit mir. Wir waren uns so fremd geworden, dass es mir wehtat, ihn meinen Sohn zu nennen. Wie gern hätte ich mich mit ihm ausgesprochen.

Er nutzte jedoch die Gelegenheit unserer Befremdung, weiterhin ungehindert seinem Leben nachzugehen. Er war mittlerweile sechzehn Jahre alt und somit strafmündig. Die Gefängnisbuße seines Bruders schien ihn jedoch davon abzuhalten, sich weiteren Straftaten mit seiner Bande auszuliefern. Ruhig geworden war es um unseren zweiten Sohn, die Skandale blieben aus. Für seinen Vater tat Michael alles. Wenn Sergej Medikamente brauchte, besorgte Michael ihm diese unaufgefordert. Egal wonach Sergej rief oder verlangte, Michael sprang und lief für seinen Vater. Stundenlang saß er an Sergejs Bett, wenn dieser bettlägerig war. Ein vorbildlicher Sohn eigentlich, was seine Vaterpflichten betraf. Mit Entsetzen dachte ich daran, was geschehen würde, wenn Sergej starb. Was sollte aus Michael werden? Er hatte bisher keinen Beruf erlernt, wie und womit hätte er seinen Lebensunterhalt verdienen sollen? Gut, die russischen Jungs hielten sich mit dem Dealen von Drogen und mit Raubüberfällen über Wasser, einige von ihnen natürlich auch mit dem Geschäft der Prostitution. Michael war ein gutaussehender Junge, die Mädchen lagen ihm zu Füßen. Für ihn wäre es ein Leichtes gewesen, die Mädchen zum Anschaffen zu schicken. Eine feste Freundin hatte er zu dem Zeitpunkt, als sein Vater im Sterben lag, nicht. Zumindest war mir nichts bekannt. Vielleicht wollte er auch einfach nur die restlichen Stunden, die ihm mit seinem Vater blieben, ungestört verbringen und brachte deshalb kein Mädchen mit nach Hause.

Für die Jungs war Sergej stets etwas Besonderes gewesen, hatte er die Kinder doch all das gelehrt, was sie zum Überleben brauchten. Sergej war für meine Jungs eine Art Heldenfigur.

Sergej hatte sich genommen, was er besitzen wollte. Die Körper fremder Frauen, ihr Geld, und er hatte andere Menschen rigoros vor den Augen seiner Kinder ausgebeutet. Diese Vorgehensweise hatten seine Söhne von ihm übernommen. Automatismus. Traurig, aber wahr. In seine Fußstapfen waren sie getreten. Es schien wirklich, als sei Michael dankbar für das Leben, welches ihm sein Vater hinterlassen würde, wenn er starb. Ein Leben in Kriminalität und Verbrechen.

Innerlich schüttelte ich beschämt den Kopf über meine Familie. Niemand von ihnen spürte, wie weit jeder von uns abgedriftet war in einen Abgrund, für den es nur noch einen Ausdruck gab: das Ende.

Sollte Sergej sterben, hätte Michael kein Dach mehr über dem Kopf. Allein würde ich die Wohnung niemals halten können, und wovon hätte Michael sie bezahlen sollen? Geld verdienen müsste er, einen Job annehmen. Die Wohnung für ihn allein wäre viel zu groß, das Amt hätte dieses niemals bewilligt. Nein, ich getraute mich nicht, mit meinem Sohn über dieses heikle Thema zu sprechen. Eigentlich war er alt genug, um zu wissen, dass es schlecht um ihn stand, wenn sein Vater starb.

Hin und her pendelte ich an einigen Tagen zwischen dem Haus meiner Mutter und der Wohnung von Sergej. Fix und fertig war ich, wenn ich spätabends zu meiner Mutter heimkehrte. Für Beates Sorgen hatte ich kein offenes Ohr, weil ich viel zu müde war. Wenn wir zusammen am Tisch saßen, schlief ich ein. Völlig erschöpft und am Ende war ich. Mein Mädchen sah schlecht aus, das vernahm ich wohl. Mir jedoch ihre wirklichen Sorgen und ihren Kummer anzuhören, dafür fehlten mir die Nerven.

Meine Mutter weinte viel. Sie sagte, sie sei unendlich traurig, dass sie mitansehen müsste, wie meine Familie den Bach runterginge. Der älteste Sohn saß im Gefängnis, der Vater litt an einer bedrohlichen Erkrankung, der jüngste Sohn scherte sich einen Dreck um seine Mutter und ihre Enkeltochter hätte sich in eine Liebe verrannt, die gefährlich und aussichtslos war. Halt und Nähe hätte das Mädchen gesucht – und auf ihrer Suche wäre sie in die Hände skrupelloser Mädchenhändler geraten. Welch ein Schicksal. Wer sollte Beate aus diesen Fängen befreien? Wäre Sergej gesund gewesen, er hätte es garantiert versucht. Bestimmt auch ihr ältester Bruder, Boris. Jedoch war niemand mehr da, der hätte helfen können. Außer Michael. Im Zwiespalt stand ich. Sollte ich Michael bitten? Bitten, mir zu helfen? Ich lief Gefahr, meinen Sohn auch noch zu verlieren. Mit den Männern aus der Zuhälterszene war nicht zu spaßen. Wenn Michael sich ihnen in den Weg stellte, würden sie vor nichts zurückschrecken. Auch nicht vor Mord wahrscheinlich. Doch wenn ich nichts unternahm, würde ich Beate verlieren.

Niemand kann erahnen, wie ich mich damals fühlte. Ausgelaugt und vom Leben verlassen. Die Hoffnung schwand mit jedem weiteren Tag, dass sich alles zum Guten wenden würde.

Plötzlich verstarb meine Mutter.

Einem Herzinfarkt erlag sie. Eines Tages saß sie tot in ihrem Sessel. Einfach so. Beate hatte sie gefunden und mich informiert, während ich den Haushalt in der Wohnung ihres sterbenden Vaters in Ordnung brachte, mich um Sergej kümmerte, dessen Zustand sich zusehends verschlechterte. So war meine Mutter noch vor meinem Mann ins Jenseits heimgegangen. Der Schmerz war bitter. Was sollte aus dem Haus werden? Meine Mutter hatte vor ihrem Tod kein Testament gemacht. Vorgesorgt hatte sie nicht im Geringsten. So standen mir mehrere nervenaufreibende Behördengänge bevor, um die rechtliche Angelegenheit zu überprüfen bezüglich ihres Nachlasses. Meine Mutter verfügte zu Lebzeiten über eine gute Rente, mit welcher sie die Belastungen des Hauses abtragen konnte. Wovon hätte ich ein Haus unterhalten sollen? Das Haus müssten wir verkaufen. Von dem Geld, das mir übrigblieb, müsste ich zusehen, dass ich mein Leben auf die Beine stellte. Unter der schweren Last, die ich zu tragen hatte, drohte ich zu zerbrechen.

Das Gefängnis suchte ich auf. Boris musste unterrichtet werden über den Tod seiner Oma und über den gesundheitlichen Zustand seines Vaters. Eigentlich hatte er mich nicht mehr sehen wollen, Besuche meinerseits lehnte er strikt ab. Den Beamten teilte er mit, sie sollten mir ausrichten, er hätte keine Mutter mehr, diese sei für ihn gestorben. Du meine Güte, was hatte ich verbrochen? Nachdem man ihm jedoch mitteilte, dass sein Vater im Sterben lag, wollte er mich sehen.

„Du musst Vati herbringen! Bring ihn her! Ich muss meinen Vater sehen und mich von ihm verabschieden, bevor er stirbt!“ Boris war ganz außer sich, als wir uns gegenübersaßen und ich unter Tränen erzählte, wie schlecht es Sergej ging und dass ich soeben meine Mutter, Boris’ Oma, unter die Erde gebracht hätte. Über die Oma verlor Boris kein Wort. Sie schien ihm völlig egal zu sein. Seinen Vater jedoch, den wollte der Junge unbedingt ein letztes Mal vor die Augen bekommen. Wie hätte ich das anstellen sollen? „Versprich mir, dass du ihn herbringst, Mutter!“, flehte Boris mich an. Er hielt mich am Arm fest, als er abgeführt werden sollte. Eindringlich blickte er mir in die Augen. „Ich muss ihn sprechen, bevor er stirbt!“ Sein Blick war beängstigend. Es schien, als gab es tatsächlich irgendetwas, was die beiden vor Sergejs Ableben dringend zu klären hatten. Keinerlei Ahnung trug ich in mir, worum es ging, jedoch spürte ich, dass die Angelegenheit ernst war.

„Boris möchte dich sehen, Sergej.“ Während einer guten Minute, in der Sergej ansprechbar war, legte ich ihm die Nachricht seines Sohnes ans Herz. Für einen Augenblick schien es, als müsste Sergej sich erinnern, dass es außer Michael noch einen zweiten Sohn gab. „Michael muss mich hinbringen“, stöhnte er schließlich.

Ein schwieriges Unterfangen. Michael orderte ein paar seiner Jungs, von denen einer einen Bekannten hatte, der über ein Auto verfügte. Zu dritt trugen sie Sergej an einem verregneten Tag aus unserer Wohnung. Mein Mann war zu dem Zeitpunkt nur noch Haut und Knochen. Die Wangenhöhlen waren tief eingefallen. Die Kleidung hin an ihm herunter wie ein Lumpensack. Seine Haare hingen struppig vom Kopf, und seine Lippen waren blutig aufgeplatzt. Es schien, als habe sich die schreckliche Krankheit in seinem Körper unaufhaltsam ausgebreitet. Kleinere Tumore hinter seinen Ohren wurden sichtbar, die ebenfalls eitrig aufplatzten. Es blieb nicht mehr viel Zeit …

Was Boris, Michael und Sergej an diesem letzten Tag, als alle drei noch einmal zusammentrafen, miteinander zu besprechen hatten, blieb mir verwehrt. Michael hatte mich eindringlich gebeten, an diesem Besuch nicht teilzunehmen. Niemals hätte ich ihm widersprochen. In meinem Herzen fand ich Glückseligkeit, dass meine Männer die Gelegenheit fanden, sich vor dem Tod auszusprechen und sich zu versöhnen.

Dass es möglich gewesen war, Sergej ein letztes Mal zu seinem geliebten Sohn zu bringen, rief in meinen Augen Tränen hervor. Beruhigt war ich innerlich, dass alle ihren Frieden finden würden. So fand auch ich meinen. Sogar Beate erklärte sich bereit, von ihrem Vater Abschied zu nehmen. Nicht ich war es, die sie darum gebeten hatte. Ihr eigener Wunsch war es gewesen, ihrem Vater noch einmal unter die Augen zu treten. Seine Hand zu halten und auf Wiedersehen zu sagen.

Sergej erkannte Beate nicht mehr. „Schaff die Frau hier raus!“, schrie er, als Beate an seinem Bett Platz nahm, um die Hand ihres Vaters zu halten. „Papa, ich bin es doch! Deine Babuschka!“ Beate bemühte sich herzzerreißend, zu ihrem Vater einen Zugang zu finden, sein Herz zu berühren. Auch sie wollte ihn mit einem reinen Gewissen gehen lassen. Mit seinen letzten Kräften versuchte Sergej, Beate von seinem Bett zu schubsen. Immer wieder drückte er die Hände seiner Tochter energisch von sich. „Du bist nicht meine Tochter! Schafft mir diese Hure aus dem Zimmer! Fort mit ihr! Diese Ungläubige, sie lügt!“

Weinend nahm ich Beate in den Arm und zog sie vom Sterbebett ihres Vaters. Grauenvoll diese Minuten, in denen ich mitansehen musste, wie Sergej nicht mehr bei Sinnen war und seine Tochter den Glauben an die Menschlichkeit verlor. Sie war noch zu jung, um zu verstehen, dass es die Krankheit war, die ihren Vater zu diesen Handlungen trieb, seine Tochter abzuweisen, und nicht mehr sein Verstand.

Am nächsten Tag war Sergej tot. Als ich morgens in sein Zimmer ging, um ihn zu waschen, frisch zu betten und ihm ein wenig Brei herzurichten, den er noch mühsam in den vergangenen Tagen hatte hinunterwürgen können, hatte sein Herz aufgehört zu schlagen. Michael weinte den ganzen Tag lang am Bett seines Vaters, wich diesem nicht von der Seite. Liebevoll legte ich meine Hand auf das Haupt meines Sohnes. Berühren und trösten wollte ich ihn. Ihm signalisieren, dass ich für ihn da war, ihm beistand in den schweren Stunden. „Geh weg! Du bist doch schuld, dass Vati tot ist!“, sprach er unbarmherzig. Seine Kälte im Herzen ließ mich erstarren. Fehl am Platze war ich. Es gab für mich nichts mehr, was ich hätte tun können, außer meinen Mann unter die Erde zu bringen. Wovon wir die Beerdigung bezahlen sollten, das wusste ich nicht. Es gab keine Ersparnisse, keine Rücklagen. „Boris und ich, wir haben das Geld, um Vati unter die Erde zu bringen!“, fauchte Michael ungehalten …

 

Kapitel 15

Wahrheiten

 

Woher das Geld stammte, das Michael aufbrachte, um das Begräbnis seines Vaters zu begleichen, blieb mir zunächst ein Rätsel. Anscheinend hatte dieses Geld etwas mit dem letzten Besuch von Boris bei Sergej zu tun. Kurzzeitig dachte ich an einen Überfall, dass meine Söhne und mein Mann Geld erbeutet hatten und dieses von Boris vor seiner Verhaftung irgendwo versteckt worden war. Der Gedanke schien mir überzeugend. Bestätigt fühlte ich mich in meinem Argwohn, nachdem Michael mir mitteilte, dass ich mich nicht um ihn sorgen müsste, er käme klar.

Hätte ich zu dem Zeitpunkt geahnt, in welche Gefahr sich Michael brachte, dass er schamlos das Geld seines Bruders, das dieser tatsächlich bei einem Überfall auf einen Drogenkurier erbeutet hatte, ausgab und auf den Kopf haute, hätte ich versucht, es mit allen Mitteln zu verhindern. An dem Geld klebte Blut. Viel Blut.

Die nötigsten Sachen nahm ich aus der Wohnung. Es gab nicht viel, was wichtig gewesen wäre, es mitzunehmen. Um die Wohnungsauflösung kümmerte ich mich nicht. Ich ging fort, einfach fort, und ließ alles hinter mir. Meine Kräfte waren nicht mehr vorhanden, um alles zu organisieren, was nötig gewesen wäre. Meine Tochter brauchte mich. Mein letztes Kind, von dem ich glaubte, es vor dem Untergang retten zu können, musste ich all meine Kraft geben.

Als Sergej starb, war Boris neunzehn Jahre alt, Michael siebzehn und Beate fünfzehn. Sieben Jahre müsste Boris noch im Gefängnis einsitzen, wenn er nicht vorzeitig wegen guter Führung entlassen wurde. Von dem Geld, das meine Mutter hinterlassen hatte, war es mir möglich, eine kleine Wohnung zu nehmen. Am Rande der Stadt kam ich unter, in einer Gegend, in der nicht nur Kriminelle und Verbrecher versammelt waren. Im Haus einer älteren Frau hatte ich eine Unterkunft gefunden. Ein wenig im Haushalt helfen sollte ich ihr. Wir ergänzten uns einander ganz fantastisch, und der Umgang mit dieser herzensguten Frau gab mir neuen Aufwind. Ein wenig Ruhe kehrte ein in meiner geschundenen Seele. Wäre da nicht die Angelegenheit mit Beate gewesen, die sich immer mehr zuspitzte.

In der neuen Wohnung hatte sie ein bezugsfertiges Zimmer. Liebevoll eingerichtet hatte ich es. Jedoch war Beate kaum zuhause. „Ich ziehe zu Valera!“, gestand sie eines Tages, als sie ihre nötigsten Sachen zusammenpackte. Energisch hielt ich meine Tochter am Arm fest. „Du willst doch nicht tatsächlich freiwillig zu diesem Verbrecher gehen?“ Fassungslos betrachtete ich meine Tochter, die von ihrem Vorhaben sehr entschlossen zu sein schien. Sie selbst hatte mir erzählt, dass Valera sie schlagen würde und zur Prostitution zwang. Es war ein Hin und Her zwischen den beiden. Aufgrund meiner eigenen problematischen Lebensverhältnisse hatte ich mich zunächst nicht eingemischt. Was hätte ich auch tun oder erreichen können? Meiner Tochter verbieten sollen, sich Valera anzuschließen? Wenn ich es getan hätte, hätte sie sich genau aus diesem Grund noch mehr zu diesem Mann hingezogen gefühlt.

Valera war mir selbst nur einige wenige Male unter die Augen gekommen. Natürlich hielt er sich mir gegenüber zurück, weil er genau wusste, dass ich ihn als das erkannte, was er war. Ein Mistkerl, der die Mädchen schamlos ausnutzte und sie an andere Männer verkaufte. Meine Mutter hatte mir zu ihren Lebzeiten von dem Dreckskerl erzählt. Aber auch sie war nicht Herr der Lage geworden. Machtlos stand ich den Tatsachen gegenüber und musste meine Tochter zunächst gehen lassen. Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden. Meine Hoffnung klammerte ich an diesen Glauben. Zu Gott betete ich, mein Mädchen möge zu mir zurückkommen, irgendwann, eines Tages. Den Stein ins Rollen bringen zu können war mir nicht möglich, die Hände waren mir gebunden.

Es gab Tage, an denen kehrte Beate zu mir zurück. Verheult, mit aufgeplatzten Lippen und blutunterlaufenen Augen. Ihre Arme waren übersät mit blauen Flecken, und mit einem Messer hatte sie sich anscheinend tiefe Risse in ihre Haut geritzt. „Du musst ihn verlassen!“, versuchte ich ihr ins Gewissen zu reden. Es war zwecklos. Beate bewegte sich in ihrer Hörigkeit diesem Mann gegenüber mit einer Sinnestrübung, dass mir bewusst wurde, es würde ein böses Ende nehmen.

Blind war sie für die Machenschaften dieses Menschen, der sie gnadenlos ausbeutete, blind aus Liebe und Hörigkeit. Beate bewahrte Stillschweigen, erzählte mir nichts von den Grausamkeiten, die sie durchlebte, erzählte ihrer Mutter nicht, wie der Zuhälter sie täglich nachmittags zu immer derselben Uhrzeit an dem Straßenstrich absetzte, damit sie für ihn das Geld verdiente. Dass er sie prügelte, wenn sie ihm nicht gehorchte. Dass er sie demütigte, misshandelte und mit Drogen vollstopfte, damit sie gefügig wurde. Beate musste mir all diese grausamen Dinge gar nicht erzählen. Wie sich der Ablauf gestaltete, konnte ich mir gut vorstellen.

Tag und Nacht weinte ich mich in den Schlaf. So gern hätte ich meine Tochter aus den Händen des Zuhälters befreit. Wie hätte ich es anstellen sollen?

Es klingelte mitten in der Nacht an der Tür. Aus dem Schlaf wurde ich gerissen. Schlief ich doch sowieso jede Nacht unruhig und fand keine Ruhe, so war es fürchterlich, sobald ich ein wenig eingenickt war, gleich wieder angstvoll aufwachen zu müssen und hochzuschrecken. Oftmals lauschte ich den Geräuschen der Nacht, die ich nicht zuordnen konnte, glaubte, Beate könnte heimkehren. Oder Michael.

Manchmal begegnete mir Sergej in meinen Träumen. Sein Gesicht war schmerzverzerrt. Er gab mir die Schuld an seinem Tod. Weil ich ihn verlassen hatte, sei er schwer krank geworden. Das Blut lief ihm durch sein Gesicht, tropfte aus den Augen, aus der Nase, aus seinen Ohren. Ein widerlicher Anblick. Schweißgebadet wachte ich auf. Geplagt von Gewissensbissen und ruhelos irrte ich manchmal in den Nächten umher, saß am Küchentisch, zündete eine Kerze an und betete für meine Kinder. Gott möge ihren Seelen gnädig sein. Der meinen ebenfalls. Der Gedanke, dass ich eine schlechte Mutter sei, er haftete an mir wie zähflüssiges Pech. So viele Dinge gingen mir durch den Kopf. In der Nacht, als es tatsächlich an der Tür klingelte, rechnete ich mit dem Schlimmsten. An die Polizei dachte ich, als ich mir eilig den Bademantel überzog und in meine Pantoffeln schlüpfte. Vor Aufregung zitternd, lief ich die Treppen hinunter. Meine Vermieterin war ebenfalls wach geworden. Mit ihrem dünnen Nachthemd bekleidet, stand sie auf dem Flur. „Wer mag da gekommen sein?“, fragte sie ängstlich. Schulterzuckend lief ich an ihr vorbei und rief, als ich die Haustür erreichte: „Wer ist da?“ „Wir sind es, Mama!“ Die Stimme meines Sohnes Michael erkannte ich. Erleichtert öffnete ich die Tür. Ein Bild des Grauens bot sich mir. Meine Tochter Beate lehnte in den Armen meines Sohnes. Beide sahen aus, als wären sie ein Überbleibsel eines fürchterlichen Kampfes gewesen. Beates Gesicht war tränendurchtränkt, ihre Kleidung zerrissen, und Michael blutete aus der Nase. „Kommt schnell rein!“, nahm ich die beiden in Empfang und lugte vorsichtig um die Ecke der Haustüre, weil ich glaubte, irgendwo hatte sich jemand versteckt, der den beiden vielleicht hinterhältig aufgelauert hatte, so wie die Kinder aussahen.

Einen Tee brühte ich auf. Sprachlos war ich. Was war geschehen? Liebevoll strich ich Beate über ihre zerzausten Haare. „Mein Mädchen, was ist passiert?“ „Ich habe sie aus den Fängen dieser Bestie geholt!“ Michael warf sich stolz in die Brust. „Dieser Bastard hatte sie zum Anschaffen in unseren Bezirk geschickt. Er wird Beate nicht mehr anfassen, Mama! Das haben die Jungs und ich geklärt.“ Erstaunt blickte ich auf meinen Sohn und lauschte gespannt seinen Worten. Wie sollte man sich gegen einen miesen Zuhälter durchsetzen? „Ihr habt ihn doch aber nicht etwa …?“ In jenem Augenblick dachte ich an Totschlag und Mord. Michael schüttelte den Kopf. „Angedroht haben wir es ihm. Sollte er Beate noch einmal anfassen, dann wird er das mit seinem Leben bezahlen!“

Die restlichen Stunden der Nacht schliefen meine beiden Kinder in der Wohnung. Beate verfrachtete ich in mein Bett im Schlafzimmer, und Michael hatte sich auf die Couch gelegt, die ich von meiner Vermieterin übernommen hatte, die sie eigentlich hatte entsorgen wollen. Für mich waren die Möbel gut genug. Die Kinder schliefen bis mittags, so erschöpft waren sie. Es war ein schönes und beruhigendes Gefühl, meine beiden Jüngsten wieder um mich zu haben. Jedoch wusste ich, dass meine Freude von kurzer Dauer sein würde. Michael drängte nach seinem Erwachen zum Aufbruch. Seine Verabschiedung fiel kalt und emotionslos aus. Er reichte mir müde die Hand. „Passt auf euch auf!“ Tränen liefen mir die Wangen hinunter. Mir schien es, als würde ich meinen Sohn vielleicht niemals wiedersehen. Das Leben draußen in St. Petersburg war schwierig, und jeder Mensch, der sozial im Abseits stand, kämpfte täglich um das Überleben. Zu gern hätte ich meinen Sohn gefragt, ob er glücklich war. Glücklich mit dem Leben, zu dem er sich entschieden hatte, es zu leben. Abseits seiner Familie und im Alleingang. „Ich liebe dich!“, weinte ich leise. Es überkam mich. So fest ich konnte, drückte ich meinen Sohn an die Brust und umarmte ihn. „Danke!“, flüsterte ich tränenerstickt. Danken wollte ich ihm, weil er meine Tochter, seine Schwester, nach Hause gebracht hatte. Wie gern hätte ich ihn gebeten, bei uns zu bleiben. Für uns gab es keine gemeinsame Zukunft. Tief in meiner Seele wusste ich das genau, spürte die Aussichtslosigkeit, gegen die ich kämpfte, wenn ich Michael bitten würde, zu bleiben. Schweren Herzens ließ ich meinen Sohn gehen …

Einige Tage lang hielt Beate durch, Abstand von ihrem Zuhälter zu halten. Dann rief ihre Sehnsucht nach dem Menschen, der sie missbraucht und emotional ausgebeutet hatte. Sie sprach nicht mit mir über ihre Gefühle, aber ich fühlte es, dass sie fortgehen wollte, zu ihm, spürte, wie sehr sie sich zu ihrem Peiniger hingezogen fühlte. Sollte ich mein Kind ungehindert in sein Verderben laufen lassen? Mit Engelszungen redete ich auf Beate ein, versuchte, ihr den Ernst der Lage darzustellen und meine Liebe zu signalisieren. „Wenn du zurückgehst, wird er dich vielleicht umbringen!“, warnte ich meine Tochter. „Bei ihm finde ich Geld, Essen und eine Unterkunft!“, wehrte sich Beate gegen meine Worte. „Wenn du zurückgehst, Beate, dann brauchst du nie wieder zu mir zurückkommen!“ Diese hartherzigen Worte brachen aus mir heraus, obwohl ich sie gar nicht hatte aussprechen wollen, jedoch entsprangen sie meinem tiefsten Empfinden. Irgendwie musste ich Beate Grenzen aufzeigen, ihr signalisieren, dass sie sich ins Unglück stürzte und auf Hilfe später nicht warten brauchte. Beate verließ die Wohnung mitten in der Nacht. Zu fest schlief ich aufgrund meiner nervlichen Erschöpfung der zurückliegenden Ereignisse, so hatte ich sie nicht aufhalten können. Die Hörigkeit meiner Tochter, sie brach mir das Herz. So hatte ich meine Kinder, wie es schien, alle drei verloren.

Die Tage zogen ins Land. Einige meiner Bekannten berichteten, dass sie Beate gesehen hätten. Auf dem Straßenstrich. Das Mädchen sei in einem fürchterlichen Zustand, und ich sollte mich besser nicht auf den Weg machen, sie aufzusuchen. Verloren wäre ihre Seele. Ich glaube, jede Mutter, vor allem, wenn sie in meiner Situation gewesen wäre, hätte versucht, sich ihrem Kind wieder anzunähern. Die Etablissements, in denen Beate gesehen worden war, suchte ich auf. Entschlossen ging ich zum Straßenstrich und befragte die sich prostituierenden Mädchen, mit einem Foto meiner Tochter in den Händen, nach Beates Aufenthalt. Achselzuckend verneinten die Mädchen, Beate gesehen zu haben. In ihren Augen erkannte ich, dass sie genau wussten, wen ich suchte und wo Beate sich aufhielt. Sie bewahrten Stillschweigen. Aus Angst vor ihren Zuhältern. So schnell gab ich nicht auf. Immer wieder versuchte ich mein Glück, und eines Tages wurde ich tatsächlich fündig. Ein Mädchen nannte mir eine Adresse, an der ich Beate antreffen könnte.

In einer schäbigen Baracke, einer Art Containeranlage, waren die anschaffenden Mädchen untergebracht. Container an Container reihten sich abseits der Lichter der Stadt auf einer abgelegenen, verlassenen Wiese. Dort, wo es keine befestigte Straße, keinen Weg und keine menschliche Seele weit und breit gab. Mich dorthin zu begeben glich dem Wahnsinn. Hier verübten die Mädchen ihre sexuellen Geschäfte, wenn sie nicht auf dem Straßenstrich unterwegs waren. Hierhin zogen sie sich zurück, wenn sie sie frisch machen wollten, und hier schliefen sie. Bewacht von ihren Zuhältern. Eine Gegend, die niemand freiwillig aufsuchte, es sei denn, er war auf der Suche nach Sex, Gewalt und Drogen. Oder auf der Suche nach seinem Kind …

Die Mädchen blickten leichtbekleidet aus den viel zu kleinen Fenstern ihrer Wohncontainer, als ich reihenweise an diesen klopfte, weil ich meine Tochter suchte. „Hey, Oma, hier haben nur Männer Zutritt!“, schimpfte ein Mädchen, dessen Alter ich auf gerade einmal dreizehn Jahre schätzte. Sie nahm einige Gegenstände und warf diese nach mir aus dem Fenster. „Hau ab!“, schrie sie erbost. An einem anderen Container öffnete sich die Tür. Eine junge Frau öffnete. Sie war völlig unbekleidet. Hinter ihr stand ein Mann, um viele Jahre älter, ebenfalls nackt. Er legte seine Hände an ihre Brüste und küsste ihren Nacken. Das Foto meiner Tochter hielt ich ihr unter die Nase. „Habt ihr dieses Mädchen zufällig gesehen?“ Die junge Frau nahm das Foto in ihre Hände. „Das ist Babsie!“, sagte sie lachend. „Ja klar, Babsie sehe ich jeden Tag, was willst du von ihr?“ Ungestört des Gesprächs bearbeitete der Freier den Körper des Mädchens, während ich hoffnungsvoll auf ihre Auskunft wartete, wo ich meine Tochter Beate fand. „Letzter Container, Omi!“, lachte die junge Frau. Provokant nahm sie ihre Brüste in die Hände und streckte sie mir entgegen. „Für drei Rubel darfst du auch mal an ihnen lecken!“ Zügig setzte ich meinen Weg fort. Blind war ich, aufgelöst und verzweifelt von den ekelerregenden Zuständen, die in diesem Nirgendwo am Rande der Zivilisation herrschten. Innerlich betete ich, meine Tochter in diesem Drama, in diesen menschlichen Abgründen nicht aufzufinden.

Als ich den letzten Container erreichte, hielt ich inne. War es richtig, dass ich hergekommen war? Was hätte ich Beate sagen sollen? Wie sollte ich meine Tochter überzeugen, mit mir mitzukommen?

Mit klopfendem Herzen näherte ich mich dem letzten Container der Reihe. Ein Paar Schuhe standen verlassen vor der kleinen Eisentreppe, die zu der Tür führte. Es waren Beates Schuhe. Einen Herzschlag glaubte ich erleiden zu müssen vor lauter Aufregung. Vorsichtig klopfte ich. Es öffnete niemand. Nochmals setzte ich einen kleinen Nachklopfer. „Moment!“, ertönte es wenig später hinter der Tür. Beate öffnete. Verschlafen und verstört war ihr Blick. Leichtbekleidet, nur mit einem Hemdchen angezogen und auf nackten Füßen stehend, blickte sie mich entsetzt an. „Mama?“, stieß sie erstaunt hervor. „Beate, bitte komm mit nach Hause!“ Beate kreuzte die Arme über ihrem Oberkörper. Auch sie hatte anscheinend gerade einen Freier zu versorgen. Wenig später erschien ein großgewachsener Mann im Hintergrund. „Beate, wo bleibst du?“, drängte er. „Meine Mutter ist hier!“, sagte Beate melancholisch. „Schick sie fort, was will sie denn? Geld? Dann soll sie selbst anschaffen gehen!“ Der Mann trat einige Schritte näher und musterte mich eindringlich. „Keine schlechte Figur für dein Alter!“, lallte er. Diese Stimmlage kannte ich zu gut, von Beates Vater, Sergej. Er sprach ebenfalls in der Tonart, wenn er genügend Wodka getrunken hatte. Mein Herz war schwer. Meine Tochter ließ sich von betrunkenen Männern sexuell hernehmen. Wie tief war sie gefallen? Mein eigenes Kind war in der Hölle gelandet, angekommen in der Endstation des Lebens.

„Beate, komm, lass die Olle ziehen!“ Der Mann griff Beate an den Hüften. Regungslos stand ich in der Tür und beobachtete das Schauspiel. Er, der Freier meiner Tochter, fixierte mich. Dann nahm er Beate das Hemdchen von ihrem Oberkörper, zog es ihr aus. „Eine wunderschöne Tochter hast du geschaffen, und ihre Brüste, ich liebe sie!“ Ungeniert legte er sein Gesicht an die Brüste meiner Tochter und bearbeitete diese mit seinem unrasierten Mund. Eine Hand griff an die rechte Brust, die andere zwischen ihre Schenkel, während seine Lippen die Brustwarzen bearbeiteten. „Zugucken kostet ebenfalls, auch wenn du ihre Mutter bist!“, raunte er erregt, dieser widerliche Dreckskerl. Sein erigiertes Glied hielt er in den Händen. „Mama geh! Geh und komm nie wieder!“ Beate machte eine Handbewegung in meine Richtung, die mich auffordern sollte, fortzugehen. „Geh! Ich hasse dich!“, schrie sie aufgebracht. „Ich will dich nie wiedersehen!“

Weinend lief ich zurück zur Straße. Wie durch einen Schleier vernahm ich, dass ich ein Leben lebte, welches ich längst nicht mehr leben wollte. An Suizid dachte ich. Hilflos, verloren und verzweifelt irrte ich durch die Straßen, bis ich schließlich irgendwann zu meiner Wohnung zurückfand und einen Nervenzusammenbruch erlitt. Meine Vermieterin rief einen Arzt. Es brauchte einige Tage, bis ich mich wieder zurechtgefunden hatte. Vollgestopft mit Beruhigungsmitteln und Schmerzmitteln vegetierte ich vor mich hin.

 

Kapitel 16

Entlassung

 

Sieben Jahre später. Boris’ Haftentlassung stand bevor. Regelmäßig hatte ich meinen ältesten Sohn im Gefängnis besucht. Manchmal war ich ihm willkommen, an anderen Tagen lehnte er mich wiederum ab. Wir fanden keinen Draht zueinander. Meinen Job in der Fabrik als Putzfrau übte ich noch immer aus. Mittlerweile war ich 46 Jahre alt, und ich fühlte mich vom Leben so verbraucht, als wäre ich sechzig Jahre alt und älter. Unter dem Auseinanderbrechen meiner Familie litt ich seit Jahren. Michael lief mir einmal hier, einmal dort über den Weg. An einigen Tagen stand er vor meiner Haustür. Es waren eigentlich nicht diese Art Besuche, dass er seine Mutter sehen wollte, weil er sie vermisste und sich nach ihrer Nähe sehnte, sondern er stand vor meiner Tür, weil er Geld brauchte. Wenn ich ein paar Rubel am Anfang des Monats übrig hatte, gab ich sie meinem Sohn. Er war recht wortkarg. Über sein Leben, das er irgendwo in St. Petersburg lebte, erzählte er nichts. Weder, wie er seinen Lebensunterhalt verdiente, noch ob er eine Freundin hatte oder vielleicht sogar Vater und ich Oma geworden war. Etwas lag ihm schwer auf dem Herzen. Die Entlassung seines Bruders. Immer wieder versuchte er, mit mir darüber zu reden, wie es mit Boris weitergehen sollte, wenn er wieder auf der Matte stünde. „Wirst du ihn aufnehmen? Er wird zunächst eine Unterkunft brauchen. Wird er hier bei dir wohnen?“ Ratlos zuckte ich mit den Schultern und rollte die Augen. Das waren Dinge, mit denen ich mich bisher nicht beschäftigt hatte. Boris war alt genug, er würde wissen, wie es weitergehen sollte.

Michael saß an meinem Küchentisch und druckste nervös herum. „Mama, ich habe das Geld genommen von meinem Bruder!“, stotterte er schließlich. „Welches Geld?“ Natürlich verstand ich nur Bahnhof. Was hatten die Jungs für einen Deal untereinander gehabt, bevor Boris ins Gefängnis wanderte? „Wir hatten zusammen einen Überfall verübt und eine Menge Geld erbeutet, als Vati noch lebte. Einen Teil habe ich für die Beerdigung bezahlt, und den Rest habe ich auf den Kopf gehauen, zum Leben gebraucht. Wir wollten das Geld teilen, brüderlich, Boris’ Anteil ist nicht mehr da!“ Entsetzt blickte ich meinen jüngsten Sohn an. Weniger war ich darüber schockiert, dass er das Geld seines Bruders unterschlagen hatte, als über die Tatsache, dass die Jungs zusammen mit ihrem Vater kurz vor Boris’ Verhaftung einen Raubüberfall begangen hatten. Während ich mir das Geld absparte und von der Hand in den Mund lebte, für die Familie sogar noch arbeiten ging, hatten die Herrschaften genügend Geld auf der Seite liegen und ließen mich, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, malochen, um ihren Lebensunterhalt, der aus Alkohol und Drogen bestand, zu bewältigen. „Boris wird mich erschlagen, wenn sein Geld nicht mehr da ist, Mamutschka!“ Mamutschka nannte Michael mich, wenn es bei ihm brannte oder, sagen wir, wenn er in Sorge war. Ängstlich blickte er mich an. „Boris ist der Stärkere von uns beiden, er wird mich töten!“ Sein Blick ging mir durch Mark und Bein. „Ich kann dir nicht helfen, ich habe niemandem von euch jemals helfen können, Michael, ihr seid mir alle entglitten! Damals, als ich euren Vater verlassen wollte, um dem Drama zu entfliehen, versuchte Boris, dieses zu verhindern. Aus Reue blieb ich bei eurem Vater. Das habe ich sehr teuer bezahlen müssen. Das, was geschehen ist, kann ich niemals wieder rückgängig machen. Tränen stiegen mir in die Augen. An Beate dachte ich. Das Mädchen hatte ich seit mehreren Monaten nicht mehr gesehen. Seit dem Tag, als ich die Containersiedlung aufgesucht hatte, war sie nicht mehr zu mir zurückgekehrt. Nicht einmal einen kleinen Besuch hatte sie mir abgestattet. Es war, als hätte ich niemals ein kleines Mädchen geboren. „Deine Schwester ist fort, du bist fort, Boris wird auch fortgehen, was soll ich euch Kindern noch mit auf den Weg geben, Michael, was?“ Hemmungslos weinte ich. „Ihr seid erwachsen, ihr lebt euer eigenes Leben!“ „Kannst du Boris nicht sagen, wenn er kommt, dass du das Geld gebraucht hast, dass du leben musstest nach Vatis Tod? Er wird Verständnis dafür haben. Mich wird er jedoch erledigen, eiskalt. „Mama, ich habe eine kleine Tochter. Sie ist drei Monate alt, du bist Oma geworden. Mein Mädchen wird ohne mich nicht klarkommen, wenn mir etwas passiert. Bitte, nimm die Schuld auf dich. In meinem Leben habe ich dich um nichts gebeten. Heute bitte ich dich um einen Gefallen, mit dem du vielleicht ein Menschenleben retten kannst!“

Michael nahm meine Hände. Sein Blick schien ehrlich. Ehrlich, dass er in Sorge war, und dass ihm seine Bitte, mit der er an mich herantrat, sehr wichtig war. „Ich bin Oma geworden?“, fragte ich fasziniert. In meinem Herzen ging die Sonne auf. Wie sehr hatte ich mir immer gewünscht, Oma zu sein, ein Enkelchen im Arm halten zu dürfen. „Ich möchte sie sehen, deine Tochter, wie heißt sie?“ Ganz außer mir war ich. „Anna Wiktoria! Wenn du das mit Boris regelst, bringe ich sie her“, sprach Michael.

Welch einen Preis forderte das Leben von mir, um endlich einmal glücklich sein zu dürfen, um einmal durchatmen zu können? Mein Wunsch, irgendwo neu anzufangen, er wuchs und wuchs in meinem Herzen.

An einigen Tagen dachte ich an Sascha. Mit ihm wäre ich gern glücklich geworden, warum hatte er mich verlassen? Kein Lebenszeichen gab es mehr von dem Mann, der mich einst so glücklich gemacht hatte. Oftmals dachte ich an ihn und unsere schöne Zeit. Mit ihm hatte ich die wenigen Sternstunden in meinem Leben erlebt. Beim besten Willen wollte ich mir nicht vorstellen, dass er mich einfach weggeworfen hatte wie ein benutztes Taschentuch, das man nicht mehr brauchte. Warum hätte er das tun sollen? Bestimmt war ihm etwas zugestoßen. Es gab keinen neuen Mann in meinem tristen Leben. Auf der Suche nach einer neuen Liebe war ich nicht. Meine Mutter sagte immer, die Liebe kommt dann, wenn man nicht mit ihr rechnet und auch nicht nach ihr sucht.

Am Tag der Entlassung stand Boris wahrhaftig vor meiner Tür. Meine Freude war groß, dass mein ältester Sohn die Freiheit wiedergewonnen hatte. Herzlich umarmen wollte ich ihn zum Empfang. Er wies mich gleich barsch zurück. „Wo ist mein Bruder, der Dreckskerl?“ Seine hartherzigen Worte erinnerten mich unbarmherzig daran, dass Boris immer noch nicht zu seiner guten Seele zurückgefunden hatte. Daran hatten anscheinend auch keine zehn Jahre Gefängnis etwas geändert „Er schuldet mir eine Menge Geld, und das werde ich jetzt brauchen!“ In der Tat hatte Michael recht gehabt mit seiner Vermutung, dass es Boris nur um das Geld ginge am Tag seiner Entlassung. „Michael hat mir das Geld gegeben“, log ich. Boris sprang auf. Das Geschirr, das auf dem Tisch in der Küche stand, flog herunter, weil er wütend die Tischkante anhob und sie wieder fallen ließ. „Dann gib es her!“, fluchte er. „Es ist nichts übriggeblieben!“, gab ich kleinlaut von mir. „Wir brauchten das Geld zum Überleben und für die Beerdigung deines Vaters!“

Das Lügen war eine Eigenschaft, die mir seit jeher schwerfiel. Erstaunlicherweise glaubte ich, Boris könnte die Wahrheit in meinen Augen lesen und er wüsste, dass ich ihn anlog. „Gib mir die Adresse meines Bruders! Wo ist er zu finden?“ Boris trat gefährlich nahe an mich heran und legte seine Hände drohend an meine Gurgel. „Du möchtest doch den morgigen Tag noch erleben, Mama, oder? Also mach den Mund auf.“ Zu meinem Leidwesen wusste ich ja überhaupt nicht, wo Michael sich aufhielt. „Ich weiß nicht, wo er ist“, stammelte ich. „Glaube mir, das Geld hat er nicht mehr. Ich habe es ausgeben müssen. Sonst wäre ich vor die Hunde gegangen!“ „Du wirst vor die Hunde gehen, wenn ich Michael nicht finde, das verspreche ich dir!“ Boris ließ von mir ab. Sein Augenrollen gab mir jedoch unmissverständlich zu verstehen, dass er keinen Spaß machte mit seinen Worten. „Ich komme wieder! Dann möchte ich die Adresse haben, überlege es dir!“ „Boris, ich bin deine Mutter!“, entgegnete ich energisch. „Ich habe keine Mutter mehr!“ Boris hob den Mittelfinger gegen mich, lachte hämisch und verließ die Wohnung mit den Worten: „Gib Acht auf dich! Man weiß nie, was passiert!“

Du liebe Güte … Erschöpft plumpste ich in den Sessel der guten Stube und atmete tief durch. In welch einem Schlamassel steckte ich. Wo hatte ich mich reingeritten? Meine eigenen Kinder kapitulierten ihrer Mutter gegenüber, stellten sie an den Pranger. Hätte es damals noch den Scheiterhaufen gegeben, sie hätten mich herzlos hinaufbugsiert.

Meine Enkeltochter Anna Wiktoria, wie gern hätte ich das Mädchen gesehen. Bestimmt war sie eine richtige Puppe. Meine Kinder waren so wunderhübsch, als sie klein waren. Michael war mittlerweile ein großgewachsener, hübscher junger Mann, ganz sicher war seine kleine Tochter wunderschön.

Mein Herz war schwer.

Es gab keinen Ausweg. Meinem Schicksal musste ich mich fügen. Von Michael gab es keine Adresse, keine Anschrift, nichts. Darauf hoffen musste ich, dass er sich erbarmte und mir seine Tochter vorstellte, sie mir vorbeibrachte. Irgendwann …

Von Beate fehlte weiterhin jede Spur.

Eine Zeit lang herrschte bedrückte Stille. Weder Michael noch Boris erschienen vor meiner Tür.

Instinktiv versuchte ich, auszublenden, was meine Kinder trieben. Sie waren erwachsen. Ich hatte mich nicht mehr in ihre Leben einzumischen.

Wieder einmal klingelte es an der Tür. Das kam selten vor, dass mich jemand besuchte. Natürlich dachte ich gleich an meine Kinder. In der Tür standen zwei Polizeibeamte. „Wir haben ein Mädchen gefunden, es hat Hinweise gegeben, dass es sich um Ihre Tochter handeln könnte, Frau … Würden Sie bitte mitkommen, um die Leiche zu identifizieren?“ „Leiche?“ Nein, das konnte nicht sein. Mein Mädchen war nicht tot. Meine Tochter hatte sich zwar entschieden, in der Hölle zu leben, aber niemals wäre sie dort verstorben.

Ein Mädchen war tot in der Containersiedlung aufgefunden worden. Eine Prostituierte hatte die Beamten verständigt, nachdem sie den leblosen Körper der jungen Frau gefunden hatte.

In der Leichenhalle glaubte ich, mir bliebe das Herz stehen, als die Beamten das Tuch vom Körper der Toten nahmen. Das Mädchen, das dort auf dem Tisch lag, war fürchterlich entstellt. Über längere Zeit musste die Leiche bereits unentdeckt im Gebüsch gelegen haben, so sprachen die Beamten. Die Frauenleiche war bereits der Verwesung verfallen. Du liebe Güte, was war ich erleichtert. Auch wenn ich genauer hinsehen musste, weil das Gesicht des Mädchens wirklich nur mit Mühe und Not als ein menschliches zu erkennen war, so konnte ich mit hundertprozentiger Gewissheit ausschließen, dass es sich um meine Tochter handelte. Ich weinte vor Freude. Und vor Schmerz über den Tod des fremden Mädchens. „Wurde sie umgebracht?“, fragte ich schluchzend, während die Beamten mich hinausbegleiteten. „Das müssen wir jetzt genauer untersuchen!“, sagte der Polizist ernst, und er seufzte.

„Zunächst müssen wir einmal klären, wer dieses Mädchen ist. Von den anderen Prostituierten kannte sie angeblich niemand.“ „Wie sind Sie auf mich gekommen?“ Mir war der Zusammenhang unklar, wie man auf meinen Namen kam und den Anschein hatte, dass es meine Tochter Beate sein könnte. „Ein junger Mann hatte die Leiche gesehen, und er meinte, es könnte seine Schwester sein, die er allerdings über Jahre hinweg nicht mehr gesehen habe. Er hat uns Ihre Adresse gegeben!“ „Boris!“, fuhr es mir in den Kopf. Was hatte er jedoch mit der Angelegenheit zu tun?

Die nächsten Nächte lag ich stundenlang wach. Immer wieder erschien mir das entstellte Gesicht der Toten, und es verfolgte mich bis in meine Träume. Schweißgebadet wachte ich auf, schlief wieder ein, wachte wieder auf. Noch einmal müsste ich die Containersiedlung aufsuchen und nach Beate sehen. Lange war ich nicht mehr dort gewesen, weil ich wusste, dass mich Beate nicht sehen wollte. Hätte meine Tochter Kontakt zu mir haben wollen, so wusste sie, wo sie mich fand, und somit wartete ich und wartete. Tag für Tag, Nacht für Nacht. Doch Beate kam nicht. Auch Michael nicht. Von Boris fehlte seit seiner Entlassung jegliche Spur. „Du musst abschließen mit dem Thema deiner Kinder“, sprach meine Vermieterin ein ernstes Wort zu mir. Sie spürte meine Verzweiflung. Wenn es so einfach gewesen wäre. Egal was meine Kinder verbrochen hatten, ich liebte sie. Jedes einzelne.

 

Kapitel 17

Eine neue Liebe

 

Einen neuen Job nahm ich an. Am Wochenende half ich in einem kleinen Café aus, Kuchen und Kaffee zu servieren. Der Job bereitete mir Freude und brachte mich auf andere Gedanken. Dort lernte ich eines Tages Antonius kennen. Ein deutscher Tourist, der für einige Zeit in St. Petersburg Urlaub machte. Wir kamen ins Gespräch, obwohl das gar nicht so einfach war, da ich kein Wort Deutsch sprach. Wir verständigten uns mit Händen und Füßen. Antonius besorgte sich schließlich ein Wörterbuch, um mit mir zu kommunizieren. Er sagte mir, dass ich eine reizende Frau wäre und er sich ein wenig in mich verliebt hätte. Er bat mich, ihm die Sehenswürdigkeiten unserer Stadt zu zeigen, und ja, Antonius war ein Charmeur, dessen Ausstrahlung ich mich nur schwer entziehen konnte. Ein wenig hatte es gefunkt zwischen uns. Wir alberten herum wie die kleinen Kinder, fuhren mit einem Ruderboot über den Ladogasee, und Antonius legte sich mächtig für mich in die Riemen. Er schenkte mir blutrote Baccararosen, und er verwöhnte mich wie ein Kavalier der alten Schule. Während er ein wenig Russisch lernte, sprach ich einige gebrochene Worte Deutsch. Dann war sein Urlaub vorbei, und er musste zurückkehren nach Deutschland. Der Abschied fiel mir schwer, hatten wir doch zwei wunderschöne Wochen miteinander verbracht. „Louisa, ich komme wieder“, versprach Antonius, als ich ihn am Flughafen weinend verabschiedete. Liebevoll strich er über mein Haar und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Seinen Worten hätte ich zu gern geglaubt, aber die Zeiten, in denen ich an Wunder glaubte, sie waren längst vorbei. Der Abschied schmerzte mein Herz, als hätte jemand ein nicht zu löschendes Feuer in ihm gezündet. Dieses Herz-an-Herz-Gefühl, das Antonius in mir hinterließ, als er fortging, war grausam. Wahre Liebe tut immer weh, und an Liebeskummer glaubte selbst ich mit meinen fast 48 Jahren noch zu zerbrechen.

Antonius hielt sein Wort. Im Frühjahr hatten wir uns verabschiedet, und einen langen Sommer ohne ihn verbrachte ich in Einsamkeit meiner Seele, während er im Herbst plötzlich wieder da war. Gleich in dem Café hatte er Bescheid gegeben, dass er aus Deutschland zurückgekommen wäre und seine geliebte Louisa wiedersehen wollte. Die Freude war groß und überwältigend. Wir lagen uns weinend in den Armen, und Antonius küsste mich voller Hingabe, streichelte immer wieder meine Wangen und sagte mir, wie sehr er mich vermisst hatte. Am Ende seines Aufenthalts stand für ihn eines fest. Er wollte mich mitnehmen. Nach Deutschland.

„Ohne dich gehe ich nicht mehr fort, Louisa!“, sprach er. Für mich war das ein Schlag. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, mein Heimatland zu verlassen. Hier war ich geboren worden, hier wollte ich sterben. Das Angebot lehnte ich ab. Ja, ich gab Antonius einen Korb. Er kannte meine wahre Geschichte nicht. Antonius wusste nicht, dass ich drei Kinder hatte, die irgendwo in St. Petersburg umherliefen, und dass ich jeden Tag auf der Suche nach ihnen war und die Hoffnung in mir trug, wir würden irgendwann wieder eine Familie sein. Ja, ich suchte meine Kinder an jedem freien Tag, irrte durch die Straßen, hielt einigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Fotos meiner Kinder unter die Augen, in der Hoffnung, sie wüssten, wo sie abgeblieben waren. Manchmal träumte ich, Michael wäre tot, weil Boris ihn erschlagen hatte des Geldes wegen. Das konnte jedoch nicht sein, weil keine Polizei an meiner Tür klingelte und mich bat, meinen Sohn zu identifizieren. Vielleicht war Boris längst nicht mehr in Russland ansässig, untergetaucht irgendwo, und hatte ein neues Leben angefangen. Michael hatte seine eigene kleine Familie, warum sollte er mich aufsuchen. Sein Versprechen, mir meine Enkeltochter Anna Wiktoria vorzustellen, hatte er nicht gehalten. Gelogen hatte ich für ihn in der Hoffnung, dass er Wort halten würde. In Enttäuschung und völliger Einsamkeit lebte ich bis zu dem Tag, als Antonius in mein Leben trat. Von da an hatte sich mein Leben zum Guten verwandelt, warum also sollte ich nicht mit ihm mitgehen?

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zum Schluss. Tatsächlich trug ich immer noch den Irrglauben mit mir herum, dass es Rettung für meine Familie gab. Sollte ich mich Antonius anvertrauen und ihm meine Geschichte erzählen? Sollte ich von ihm einen Rat annehmen und ihn um einen bitten? Oder sollte ich stillschweigend mein Geheimnis bewahren? Mir war es unangenehm, diesen Mann, der mir sein offenes Herz der Liebe entgegenbrachte, zu enttäuschen, wenn ich ihm die bittere Wahrheit über meine Geschichte verschwieg. „Warum willst du nicht mitkommen, Louisa, warum?“ Antonius ließ nicht locker. Einen wahrlichen Narren hatte er an mir gefressen, und er hielt sogar um meine Hand an, versprach mir, dass er mich auf Händen tragen würde, wenn ich ihm vertraute und mit ihm nach Deutschland ginge. Ein wunderschönes Haus hätte er, mit einem traumhaften Garten, und er wollte mit mir alt werden. Seine Frau war vor einigen Jahren recht jung verstorben, und er hätte niemals geglaubt, dass er sich noch einmal wieder neu verlieben könnte.

Ein Herz fasste ich mir und erzählte Antonius meine bittere Geschichte. Zwischen unzähligen Tränen und vielen Stunden, weil es in einem Rutsch gar nicht zu erzählen war, welche Odyssee in den letzten Jahren hinter mir lag, beichtete ich ihm meinen Kummer. Antonius war ein guter Zuhörer, und er nahm sich viel Zeit für mich. Zwischendurch musste auch er eine Träne verdrücken, und er zückte das Taschentuch. Sprachlos war er schließlich, wie viel Leid ich ertragen hatte, bis er auf eine mysteriöse Weise wahrlich in mein Leben hineingeplatzt war. „Es sollte vielleicht so sein Louisa, dass du endlich neu anfängst und das alte Leben hinter dir lässt!“, tröstete er mich. „Deine Kinder sind erwachsen, sie leben ihr eigenes Leben, du kannst nichts mehr für sie tun!“

Du kannst nichts mehr für sie tun …nichts … gar nichts …

Antonius hatte recht, und ich wusste das genau. Jedoch war es schwierig, damit abzuschließen. Mit meinem Leben in Russland. Ein Mutterherz hängt an seinen Kindern. Solange es lebt und schlägt, möchtest du für deine Kinder da sein. Antonius sprach mir Mut zu. Wenn ich mitginge, nach Deutschland, wenn meine Entscheidung gefallen wäre, dann gab es eine Chance, meinen inneren Frieden zu finden, denn er glaubte, dass es in Russland unmöglich wäre, mit den Geschehnissen in Frieden abzuschließen.

Es brauchte einige Tage, bis ich wirklich überzeugt war, meine Heimat zu verlassen, um in einem anderen Land neu anzufangen.

Meine Hand legte ich in seine, sah Antonius tief in die Augen – und gab ihm einen innigen Kuss. Dem Mann, an den ich mein Herz verloren hatte, dem Mann, dem ich mein Vertrauen ein zweites Mal schenkte, ihn küsste ich, um ihm meine Antwort zu signalisieren. Die Antwort, dass ich mit ihm gehen wollte, in der Hoffnung, er würde sich nicht einfach so in Luft auflösen, wie es Sascha damals getan hatte. Enttäuschungen begleiten uns das ganze Leben lang. Niemals vergaß ich Sascha und unsere schöne Zeit. Jedoch geht das Leben weiter. Es wartet nicht. Weder auf eine Entscheidung, die getroffen werden muss, noch darauf, dass Dinge geschehen, von denen wir uns wünschen, dass sie ihren Lauf nehmen.

In Russland gab es nicht viel aufzugeben für mich. Was besaß ich denn schon? Gar nichts. Meine Habseligkeiten bestanden aus Sperrmüll und Secondhand-Anziehsachen. Nichts Wichtiges außer ein paar persönlichen Dingen gab es in meiner spärlich eingerichteten Wohnung. Bilder meiner Kinder, ein Familienalbum und ein wenig Schmuck, den ich in ganz jungen Jahren von Sergej geschenkt bekommen hatte. Sonst besaß ich nichts.

Mit Ende vierzig ging ich nach Deutschland, begann dort ein neues Leben an der Seite eines Mannes, den ich über alles liebe und der mir jeden Wunsch von den Augen abliest. Wir haben ein wundervolles Haus, einen wirklich traumhaften Garten, liebevolle Nachbarn, und es fehlt uns an nichts. Dennoch bin ich manchmal traurig und weine. Mal still und leise, dann in den Armen meines Mannes. Von meinen Kindern fehlt bis heute jegliche Spur.

Allerdings gibt es einen Lichtblick. Anna Wiktoria, meine Enkeltochter, sie ist nunmehr volljährig, hat Kontakt zu mir aufgenommen. Über einen Aufruf suchte sie ihre Oma. Natürlich suchte sie zunächst in Russland nach mir, aber einige Menschen dort erinnerten sich an mich. Sie sagten, dass ich mit einem deutschen Mann nach Deutschland fortging.

Anna Wiktoria gelang es, die Adresse ausfindig zu machen, und sie versprach, herzukommen, mich zu besuchen.

Das konnte ich gar nicht glauben. Als mich die Nachricht erreichte, habe ich tagelang geweint. Anna Wiktoria wollte gern über Skype Kontakt zu mir aufnehmen, aber Antonius und ich besitzen nicht einmal einen Internetanschluss. Wir haben es nicht so mit der modernen Technik. Wir sitzen lieber in einem Café, fahren mit dem Schiff über das Meer und erfreuen uns an den schönen Dingen des Lebens. Eine blühende Blumenwiese und das Meer sind meine neuen Leidenschaften.

Zum Abschluss des Buches stand nicht genau fest, wie die Kommunikation zwischen Anna Wiktoria und mir weiter verlaufen wird, da der Kontakt ganz frisch hergestellt worden war und ich mein Glück noch gar nicht fassen kann. Natürlich wäre ich auch bereit, nach Russland zu reisen, um meine Enkelin zu besuchen. Das bedarf gar keiner Frage. Eine liebevolle Omi möchte ich dem Mädchen sein, möchte ihr all das geben, was ich zu geben hatte, als es noch meine Kinder an meiner Seite gab, all die Liebe in meinem Herzen, welche sie abgelehnt haben. Diese Liebe ist in mir geblieben über all die vielen Jahre lang.

Die Ablehnung meiner Kinder brach mir vor vielen Jahren das Herz. Dennoch liebe ich sie, und ich werde sie immer lieben.

Den Titel meiner Geschichte, Dreckskinder, möchte ich so auch nicht unterschreiben. Meine Kinder sind in meinen Augen keine Dreckskinder. Den Titel wählte die Autorin, die meine Biografie niederschrieb. Sie hat mein Verständnis, dass meine Kinder in ihren Augen vielleicht Dreckskinder sein mögen. Oder in den Augen der Menschen, die meine Biografie lesen. 

Ich liebe meine Kinder.

Immer noch trage ich die Hoffnung und den Wunsch in meinem Herzen, dass ich sie eines Tages gesund und munter wiedersehe.

Das Treffen mit meiner Enkelin ist für mich das schönste Geschenk, welches ich jemals in meinem Leben erhielt. Nach dem Heiratsantrag von Antonius allerdings, wohlgemerkt.

Falls meine Kinder unsere Familiengeschichte lesen sollten, wovon ich nicht ausgehe, es sei denn, Anna Wiktoria wird sie mit nach Russland nehmen, dann möchte ich meine Kinder bitten, Kontakt zu mir aufzunehmen.

Ihr würdet mir damit einen meiner letzten Lebenswünsche erfüllen.

 

Louisa Schemjakina