Buchauszug DRECKSMUTTER TEIL 2
Am Abend gab ich mir einen Ruck.
Die Mädchen hatten sich den ganzen Tag über, nachdem ich sie zusammengeschissen hatte, nicht mehr blicken lassen und sie taten mir dann doch leid wenn ich ehrlich bin. Ich war mal wieder über die Stränge geschlagen und hätte mich für meine Ausraster ohrfeigen können. Reflektieren, mein aggressives Verhalten hinterfragen, das konnte ich mittlerweile. Bis vor wenigen Monaten, vor meiner Therapie, hätte ich niemals eingesehen, Fehler zu machen. Bestimmt würden die beiden Mädchen ihrem Vater erzählen, welch schrecklicher Film sich am Freitagnachmittag in den vier Wänden abgespielt hatte. Achtkantig rausschmeißen würde er mich. Ich müsste das wiedergutmachen und geraderücken. „Soll ich euch was vorlesen?“ Unsicher, mit dem Märchenbuch unterm Arm, das ich im Wohnzimmer im Bücherregal gefunden hatte, trat ich in das Kinderzimmer. Anstandshalber hatte ich angeklopft und die beiden ahnungslos: "Herein!", gerufen.
Stumm lagen sie da, fast so, als hätten sie den Atem angehalten, als ich vor ihren Bettchen stand.
Die Decke bis unter die Nasenspitze gezogen, blickten sie mich aus ängstlichen Augen an.
Die zwei hatten eine scheiß Panik vor mir, das sah ich in ihren blassen Gesichtern. Leider fühlte ich mich in der Rolle der Stiefmutter gänzlich befriedigt, nachdem ich realisiert hatte, dass es mir wieder einmal gelungen war, die uneingeschränkte Macht über Schwächere an mich gerissen zu haben. Die Kinder würden mir aus der Hand fressen.
„Ich will mal nicht so sein und deshalb möchte ich euch zur Streitschlichtung jetzt was Feines vorlesen.“
Freundlich lächelnd setzte ich mich zu Sara ans Bett. Ich fühlte mich grandios. Wie gnädig und gutherzig von mir, den Streit schlichten zu wollen.
„Wie willst du nicht sein?“, haspelte Amelia.
„Na ja, böse. Ich will gar nicht mit euch schimpfen, aber wenn ihr mir keine Wahl lasst und es auf die Spitze treibt, ihr es regelrecht darauf anlegt, mich aus der Reserve zu locken, dann muss
ich euch bestrafen.“
Fassungslos blickten mich vier verheulte Kinderaugen an.
„Wisst ihr, auf Erwachsene muss man immer hören. Sie haben das Sagen und die nötige Erfahrung. Ihr müsst noch alles über das Leben lernen, während sie alles wissen. Welches Märchen möchtet
ihr denn jetzt hören?“ Ich schlug das Buch auf.
„Schneeweißchen und Rosenrot“, lautete es einstimmig.
„Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute“, endete ich eine knappe halbe Stunde später.
„Du kannst gut vorlesen, Angelika“, sagte Amelia anerkennend. Ich war mir nicht sicher, ob sie das auch wirklich so meinte, wie sie es gesagt hatte, aber in dem Augenblick machte es mich unglaublich stolz. Ja, ich konnte Einiges gut! Leider hatte man mir in der Vergangenheit nur selten den nötigen Respekt für meine Leistungen entgegengebracht.
„Der Papa macht das aber besser“, sagte Sara plötzlich und es klang eingeschnappt.
„Ach ja?“, fragte ich pampig. Mit der dämlichen, völlig unangebrachten Aussage eines achtjährigen Kindes, drohte das Fass in mir mal wieder zum Überlaufen.
„Was ist denn mit eurer Mutter? Hat die euch auch was vorgelesen?“ Jetzt würde ich den Spieß aber mal rumdrehen.
„Ja, das hat sie. Und sie hat ganz tolle andere Sachen mit uns gemacht.“ Oh, ich wurde hellhörig. Wenn über besonders gute Mütter und ihre liebevollen Eigenschaften gesprochen wurde, dann musste ich die Lauscher ganz weit aufstellen, denn da konnte ich Nützliches von lernen. „Und was war das?“, fragte ich neugierig.
„Sie hat uns warme Milch mit Honig gemacht, wenn wir krank waren. Unsere Lieblingsbettbezüge hat sie aufgezogen, Lieder gesunden und gebetet, wenn wir zu Bett gingen. Jeden Abend hat sie das getan.“
„Gebetet hat sie mit euch? Täglich? Ist ja klasse!" Ich musste mich zurücknehmen, nicht in einem Lachanfall auszubrechen. Na, auf den Seelenmüll konnte ich getrost verzichten. Mit Joshua und Elena bräuchte ich nicht zu Gott sprechen. Die hielten von Kirche wahrscheinlich ebenso wenig wie ich. Wenn es einen Gott gäbe, hätte er aus meinem Vater keinen elendigen Säufer und aus meiner Mutter keine feige Sau gemacht, die sich alles von dem kranken Arschloch gefallen ließ.
Ebenfalls würde ein Gott dafür sorgen, dass es keinen Krieg auf der Welt gäbe und keine Hungernden. Er würde auch in Afrika keine Beschneidungen ohne Betäubung kleiner Mädchen dulden und so viel Anderes würde er nicht zulassen. Ich schiss auf Jesus Christus und sein heiliges Gefolge im Seidengewand, das nur in den kranken Köpfen derer existierte, die die Welt zu einem besseren Ort machen wollten um von ihren Sünden abzulenken.
„Findet ihr es etwa toll, zu Beten?“ Beide Mädchen nickten eifrig. „Der liebe Gott hat jedes Kind lieb und er beschützt alle Menschen.“ Amelia klang erwachsen mit ihrem Beschützer- und Gotteskram.
„Aha“, gähnte ich gelangweilt. Wie naiv diese Kinder doch waren. Glaubten alles, was ihnen die Mutter erzählte. „In ein paar Jahren hättet ihr eure Mami über eine andere Wahrheit aufklären können. Nämlich jene vom Kinderficken und all den schrecklichen Missbrauchsgeschichten der ach so heiligen Kirche. Wenn der Pastor mit dem Luststab in die jungfräulichen Grotten der Messdienerinnen eindringt und mit den kleinen Jungs im Beichtstuhl rammelt, bis die Gardine wackelt! Aber, dazu kommt es leider nicht mehr, weil sie sich die Mami ja jetzt die Radieschen von unten beguckt.“ „Gibt es im Himmel Radieschen?“ Sara stellte diese Frage wahrhaftig. Sie hatte meinen Witz nicht verstanden und meine Ironie sowieso nicht. Anstatt mit Feingefühl auf das Mädchen einzugehen, immerhin sprachen wir über ihre verstorbene Mutter, verhielt ich mich völlig asozial und unterirdisch. Ich fand es cool und zugleich geil, lässig zu wirken. Den Mädchen direkt mal den Dreck des Lebens beizubringen und ihnen die Flausen auszutreiben, das bereitete mir Freude. Das war meine Art der Kommunikation, die ich seit Jahren bevorzugte, vielleicht bereits als Baby von der Muttermilch mit aufgenommen hatte und ich dachte mir nicht einmal Böses dabei. „Du lügst doch“, sagte Amelia. Amelia war nicht mehr ganz so naiv wie ihre Schwester. Für ihre acht Jahre war sie schon verdammt weit. Gebildet, hätte ich fast gesagt. Eines dieser frühreifen Kinder, die einem mit ihrer Besserwisserei permanent auf die Nerven gehen.
„Ich lüge nicht!“, lachte ich. Vergnügt dachte ich an den Beichtstuhl, der unter dem Rammeln des Pastors tatsächlich wackelte, bis er auseinanderkrachte, so wie Tanja es erzählt hatte. Die Tochter eines Geistlichen musste es schließlich wissen, was für Schandtaten in der Kirche abliefen. Die Medien berichteten schließlich auch hin und wieder von sexuellen Schweinereien, obwohl es noch immer ein Tabuthema war, das von den Verantwortlichen lieber unter den Teppich als an die Öffentlichkeit gekehrt wurde.
„Ihr glaubt auch noch an den Weihnachtsmann und an das Christkind, was?“, kicherte ich vergnügt. „Ja, das tun wir“, sagte Sara bestimmend. In ihrer Stimme spürte ich, sie würde meine Wahrheiten nicht gelten lassen. „Gibt es alles nicht, diese Witzfiguren wie Christkind und Nikolaus, sind von den Erwachsenen nur erfunden. Belogen haben sie euch!“ „Du lügst!“, kreischte Sara. Plötzlich schleuderte sie das Kuscheltier nach mir.
„Lügen darf man nicht. Dann kommt man in die Hölle!“, fauchte die Kleine.
„Hat euch das auch die Mami gesagt?“ Jetzt schlug es aber dreizehn. In welchem Ton sprach Sara bitte schön mit mir? „Ja, das hat sie.“ „Wisst ihr was? eure Mutter, die ist bestimmt froh, dass sie euch Rotznasen vom Arsch hat. Da liest man euch was Schönes vor und zum Dank bezichtigt ihr mich als Lügnerin? Das werde ich eurem Vater erzählen. Der wird euch Hausarrest und Schläge androhen. Das, was ihr mit mir macht, das geht gar nicht!“ Erbost schwang ich meinen Hintern vom Bett und schleuderte das Märchenbuch in die Zimmerecke. Mit einem dumpfen Aufschlag klappte es mittig auseinander. „Das Buch hat uns die Mama geschenkt und du hast es jetzt kaputt gemacht“, zischte Amelia. Erregt sprang sie aus dem Bett, tapste barfuß über die herumliegenden Spielsachen und stieß sich an ihnen empfindsam den dicken Zeh. Den Schmerz schluckte sie jedoch tapfer runter, nur um beschützend das Buch an sich zu nehmen. Erleichtert, es vor mir gerettet zu haben, hielt sie es ganz fest an ihre Brust gedrückt. Verzweifelt und aus glasigen Augen, den Tränen nahe, stand sie in ihrem Prinzessinnenschlafanzug vor mir und sah mich flehend an wie Mutter Teresa höchstpersönlich. Innerlich bittend, aufzuhören, sie und ihre Schwester zu degradieren. Ich hätte ihr gern noch einen richtig fiesen Spruch reingedrückt, stattdessen riss ich ihr das Buch aus der Hand und schleuderte es noch einmal quer durch das Zimmer. Dieses Mal flog es gegen den Kleiderschrank und brach im Buchrücken entzwei. Jetzt war es völlig hinüber. Ich grinste vergnügt: Ziel erreicht! „Kleine Sünden straft der liebe Gott sofort“, trällerte ich. „Morgen gibt es dann leider keine Vorlesung mehr.“ Das Buch mit seinen losen Seiten warf ich in den Mülleimer. „So und jetzt ab ins Bett mit euch. Morgen früh, wenn Gott will, beginnt ein neuer Tag. Wenn ihr allerdings weiterhin so frech seid, dann könnt ihr eurer Mutter beim Gemüsepflücken Gesellschaft leisten. Dann kommt nämlich der böse, schwarze Mann mit der langen, scharfen Sense daher, der eure dummen Schädel köpft und die Seelen kleiner Mädchen an sich krallt. Mit euren hässlichen Gesichtern und dem Bullshit in eurem Hirn, zur Hölle fährt! Also, immer schön artig sein!“ Mit einem Lachflash verließ ich das Kinderzimmer.
