Drecksmutter Teil 2

Meine Tasche war gepackt. Ich saß auf meinem Bett wie bestellt und nicht abgeholt. Ich wartete auf meinen Bruder Dirk. Aus der Not heraus hatte ich ihn angerufen und das, obwohl wir jahrelang keinen Kontakt gehabt hatten. Aber, er war ein Angehöriger! Meine Therapeutin Silvia legte nämlich großen Wert darauf, dass mich ein mir nahestehender Verwandter abholte. Jemand, dem sie mich guten Gewissens übergeben könnte. Ansonsten hätte ich mit einem Sozialarbeiter nachhause fahren müssen. Nachhause war gut. Ich hatte gar kein zuhause mehr. Silvia hatte mehrmals nachgefragt, wo ich nach Beendigung meines Aufenthalts unterkommen würde und ob ich bei der Wohnungssuche Hilfe bräuchte.

 

Nein, ich brauchte keine Unterstützung. Meine neue Bleibe, die wollte ich mir schon selbst aussuchen. Es reichte gerade hin mit der Bevormundung der letzten Wochen. Ich brauchte dringend Erholung von den ganzen Gesprächen und Sitzungen.

Nachts litt ich unter Albträumen.

 

Ich sah mich von der Zimmerdecke aus im Bett liegen, gefesselt und geknebelt.
Einer der Pfleger fiel über mich her und vergewaltigte mich. Meine Zimmernachbarin die alte Mistfotze Tanja, lachte nur dämlich. Hilfe war keine zu erwarten. Eigentlich hätte ich Schmerzensgeld verlangen, die Klinik verklagen können, sinnierte ich. Wie man mich behandelt hatte, das war nicht gerade zimperlich gewesen. Gab es für so etwas eigentlich keine Entschädigung? Ich meine, im Bett fixiert zu werden und mir von der ungnädigen Schwester eine eiskalte Pfanne unter den zarten Popo schieben zu lassen, damit ich Scheißen kann, das bedeutete einen Eingriff in meine Privatsphäre, der nicht ohne war. Und ohne psychische Folgen war das Prozedere auch nicht geblieben. In meinen Träumen sah ich ja jetzt, was ich davon hatte: Gedankliche, nächtlich immer wiederkehrende Sadomaso Spielchen in der Irrenanstalt.

 

„Wohin gehst du?“ Tanja tat auf freundlich. Die ersten Wochen hätten wir uns am liebsten gegenseitig abgemetzelt und zerfleischt.

Zum Schluss konnten wir relativ vernünftig miteinander reden und ich überlegte sogar, sie nach ihrer Adresse zu fragen, um sie später einmal auf einen Kaffee einzuladen.

 

„In eine Gartenlaube. Mein Bruder hat da was organisiert. Bis sich alles normalisiert hat, komme ich dort unter und habe wenigstens meine Ruhe.“

 

„Oh von den grauen Wänden, ab in die grüne Natur!“ Tanja lachte und beiläufig bestaunte ihre Unterarme. Die grässlichen Narben verheilten langsam.

Mit einem scharfen Messer hatte sie sich hunderte von tiefen Ritzen verpasst, die allesamt fürchterliche Krater hinterlassen hatten. Mehrere blutige Bröckchen hatte sie sich aus dem eigenen Fleisch geschnitten und in der Toilette runtergespült.

 

Als wir uns kennenlernten, waren ihre Arme täglich von unten bis oben von der rabiaten Schwester, dem Tittenmonster, verbunden worden. Der Verband alsbald durchgeblutet, dachte ich schon, man wollte Tanja früher oder später die Arme amputieren, so schlimm war der Anblick, wirklich! Zudem stanken die offenen Wunden, grauenvoll nach Verwesung.

 

Zu den Zeiten, als ich das Zimmer nur im Notfall verlassen durfte, ich noch hinter Gittern saß, dachte ich oftmals, ich müsste nach einer Sauerstoffmaske klingeln, weil ich unter Atemnot litt. Mit Tanja zusammen auf einem Zimmer zu liegen, war eine Zumutung, auch wenn sie dasselbe von meiner Person behauptete.

 

„Wirst du aufhören damit?“, fragte ich und deutete mit einem Kopfnicken auf ihre zerschnittenen Arme.

 

„Wohl eher nicht. Ich war schon ein paar Mal hier auf der Station und jedes Mal wurde ich rückfällig. Das ist wie mit dem Drogenentzug oder wenn du vom Kiffen loskommen willst. Solltest du es schaffen und wieder rückfällig werden, kiffst du hinterher umso mehr.“

 

„Du bist eigentlich gar nicht so hässlich. Könntest bestimmt einen netten Kerl abkriegen, wenn das mit deinen elendigen Narben und dem widerlichen Verwesungsgestank nicht wäre“, überlegte ich. Ich wollte freundlich sein und Tanja Mut zusprechen. Ich wusste ja, wie wichtig das war, auf die Menschen ein- und zuzugehen, doch ich trat immer nur ins Fettnäpfchen. „Ich hatte schon viele Männer. Denen war es egal, dass meine Arme aussehen wie Fleischgirlanden und stinken wie ein Haufen gehäuteter Fischotter. Die inneren Werte zählen. Das tun sie doch oder?“ Wir lachten beide. „Fleischgirlanden“, prustete ich. „Lass es einfach sein, Tanja. Du bist hübscher ohne den Scheiß!“ Ich wollte ihr einen gutgemeinten Rat mit auf den Weg geben.

 

„Und du, lass gefälligst deine Kinder in Ruhe“, sagte sie mit einem Augenzwinkern.

 

„Hey, ich liebe meine Kinder!“, trumpfte ich auf.

 

„Ich weiß. Jede Mutter liebt das verdorbene Fleisch, das sie neun Monate lang unter dem Herzen trägt.“ Tanja lachte dreckig.

 

„Sie sind nicht verdorben.“

 

„Noch nicht, Angelika. Wirst sehen. Lass sie mal älter werden. Sie sind der Spiegel ihrer Eltern. Und du als Mutter wirst schon wissen, was du darin eines Tages sehen wirst.“

 

„Man könnte meinen, du wärst eine Heilige“, foppte ich Tanja.

 

„Bin ich in gewisser Weise auch. Mein Vater ist Pastor. Bei den Evangelisten. Er nimmt es mit der Treue nicht so genau. Er vögelt nicht nur meine Mutter, sondern auch die Messdienerinnen und die Frauen aus dem Chor, sowie die Küsterin, nachdem sie die Glocken geläutet hat. Er liebt es, die Glocken der Frauen mit seinen Händen solange zu bearbeiten, bis es ganz tief unten bei ihm in der Hose läutet. Er ist ein sexgeiles Schwein. Ein richtig ekelhaftes Monster, notgeil und pervers, dass dir der Arsch mit den Ohren schlackert, wenn du länger über seine Schandtaten nachdenkst. Das Grauen lauert in der schwarzen Kutte höchstpersönlich, das sage ich dir, Angelika! Ich erwischte ihn eines Morgens im Beichtstuhl. Ich wollte wieder einmal heimlich lauschen, was die Frau, die ihn aufsuchte, für Sünden begangen hatte. Es ist immer interessant zu erfahren, für welch schmutzigen Schandtaten sich die Leute schämen und ihre Herzen erleichtern. Sie wäre ihrem Mann fremdgegangen, gelangte mir zu Ohren. Während ich neugierig zwischen den Betbänken lag und die Kabine mit Adleraugen beobachtete, sah ich, wie mein Vater aus seiner Seite hervortrat, den Vorhang beiseite zog und in das Abteil der Frau wechselte. Ich hörte sogleich ein angeregtes Seufzen und Stöhnen. Die Kutte, die er über die Alte warf, deren Oberkörper er soeben von der Bluse befreit hatte, während ich dieses Mal die Gardine zur Seite zog, rettete ihm den Job. Er redete sich nämlich vor dem Bischof um Kopf und Kragen mit irgendwelchen fadenscheinigen Ausreden von wegen, der Beichtenden sei schlecht geworden und er habe sie vor dem sicheren Erstickungstod bewahrt, weil er gleich ihren Kopf hielt, während sie sich übergeben musste und mit größter Luftnot um ihr Leben rang. Mit der Kutte habe er sie lediglich gewärmt und ihren Oberkörper, den habe er zuvor nur freigemacht, damit sie besser atmen könne. Das war aber alles gelogen. Fakt war, mein Vater und diese Frau rammelten, dass es in der Kabine nur so wackelte. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Aber wenigstens hat er die Alte nicht vergewaltigt, sondern sie hat sie den Sex gewollt. Trotzdem hätte ich mir einen anderen Vater gewünscht als einen sich durch alle weiblichen Löcher der Gemeinde fickenden und rammelnden Pastor.“

 

„Und deshalb schneidest du dir fast die Arme ab? Weil dein Vater ein Schwein ist?“

 

„Die Schmerzen sind meine Befreiung.“

 

„Und erlöse uns von dem Bösen“, faselte ich Strophen aus dem Vaterunser.

 

„Ich dachte, die Evangelisten halten es nicht so streng mit der Beichte wie die Christen. Beichten die nicht etwa in der Gruppe?“ Bevor Tanja meine Frage beantworten konnte, flog auch schon die Tür auf. Dirk, mein hirnloses Brüderlein, der Wichser und Taugenichts, bekleidet wie immer- mit dem schäbigen, abgewetzten Jogginganzug und den ausgelatschten Schlappen, unter denen sich miefige, durchlöcherte Strümpfe befanden, Socken, die er seit Wochen nicht wechselte, sagte ohne uns zu begrüßen, recht trocken: „Biste fertig, Schlampe? Ich habe nicht den ganzen Tag lang Zeit, Bekloppte aus der Klapse einzusammeln und Fahrdienst zu spielen.“

 

„Musste zum Ficken, biste verabredet oder was läuft bei dir, Bruderherz? Nach Arbeiten schaust du ja nicht gerade aus“, gab ich dem Saftarsch heftig contra.“

 

„Was sich liebt, das neckt sich“, erkannte Tanja gleich.

 

„Hier!“ Ich drückte ihr einen Zettel in die Hand, auf den ich meine Kontaktdaten gekritzelt hatte. „Wenn du mal reden oder mich treffen willst, du zufällig in der Nähe sein solltest, so habe ich dir für alle Fälle die Adresse aufgeschrieben. Unter der erreichst du mich auf jeden Fall“, sagte ich stolz. Mein Leben schien sich endlich in die richtigen Bahnen einzuordnen. Ich war neuerdings höflich, freundlich und zuvorkommend. Silvia sagte, meine guten Taten würden sich früher oder später auszahlen.

 

„Pass auf dich auf, Angelika“, lächelte Tanja. Sie tat mir leid. Hätte ich das eher gewusst mit ihrem Vater, dass er eine noch schlimmere Kanalratte als mein Alter war, ich hätte sie nicht so gemein und herablassend behandelt. Sie hatte einiges mitgemacht und es wahrhaftig nicht verdient, dass man noch mehr auf ihr rumhackte. „Alles Gute für dich!“ Vorsichtig schüttelte ich ihre zarte, narbenzerfurchte Hand.