Biografie
Anais C. Miller
Zum Buch
Verena ist zarte 18 Jahre alt, als sie im Rotlichtmilieu landet und dort zunächst als Hure in einschlägigen Bordellen, Bars und Stundenhotels arbeitet.
Eines Tages taucht der windige Freier „Vatti“ auf, der Verena ein besseres Leben verspricht, sobald sie mit ihm kommt und für ihn arbeitet. Verena fasst Vertrauen zu dem Fremden, der sie in die
bizarre Welt der Sodomie entführen will, mit der sie bereits als kleines Kind durch den Zuhälter ihrer Mutter in Kontakt geriet. Dort trifft sie auf die geheimnisvolle „Laila“, die von allen nur,
die mit den Wölfen schläft, genannt wird. Die beiden Mädchen freunden sich an, doch Verena ist hin und hergerissen zwischen Vernunft und Faszination.
Mit ihrer Erzählung bricht die junge Frau ein gesellschaftliches Tabuthema.
Dieser Roman wird in Anlehnung einer wahren Begebenheit erzählt.
Das Perverse an Perversität ist deren Faszination…
„Mit Tieren arbeiten“, hatte Vatti gesagt.
Ich wusste nicht, was mich erwartete und wollte mich dennoch motiviert in mein neues Aufgabenfeld stürzen. Hätte ich gewusst, wie abartig Menschen sind, wäre ich niemals mit Vatti mitgegangen.
Ich hätte alles darum gegeben, meinen widerlichen Job als Nutte behalten zu dürfen. Dort wurde ich wenigstens behandelt wie ein Mensch, während ich in den Kreisen der Perversen und Lustabartigen-
gehalten, malätriert und versorgt wurde, als sei ich selbst ein Tier.
Warnhinweis:
Dieser Roman ist für Leser unter 18 Jahren und Zartbesaitete nicht geeignet.
Prolog
„Wer ist sie?“
Vatti lächelte, aber er schwieg, als ich ihm die Frage stellte. Ich glaube, er hatte damit gerechnet, dass ich mich für das Foto interessieren würde. Vielleicht hatte er genau deshalb den Flyer
so provokativ vor der Windschutzscheibe seines Wagens auf der Beifahrerseite platziert.
„Bitte, sag schon“, drängte ich.
Ich kam von dem Zettelfetzen, der als Werbung diente, nicht los. Den Fotoaufdruck zierte eine junge, halbnackte Frau mit einem riesigen Wolf an ihrer Seite. Vatti hatte immer diese auffälligen
Reklamezettel in seinem Auto rumfliegen. Die mit den extravaganten Veranstaltungen an den Wochenenden, wie Transvestiten-Partys, Sex-Shows und anderen nicht der Öffentlichkeit zugänglichen
Perversität, wie ich die zum Teil abartigen Feierlichkeiten nannte, für die es keine namentlichen Zuordnungen gab- außer „Zoophilie, Massenvergewaltigungen und das Aufeinandertreffen pädophiler
Kinderschänder.“
Das Foto war echt, gewiss keine Fotomontage und es war Weltklasse. Und sie, sie war keine gewöhnliche Hure. Ihr Gesicht strotzte vor Freiheit und Selbstsicherheit. Sie war keines der Mädchen,
deren Seele gebrochen worden war. Sie war nicht wie ich gefoltert und gedemütigt worden, um zu gehorchen. Niemand hatte ihr die Nahrung entzogen und sie in ein fensterloses Zimmer gesperrt, in
welchem sie sich auf einem Eimer erleichtern musste, nur um gefügig zu werden. Sie schien mir unglaublich erhaben, stolz und sich ihrer erotischen Ausstrahlung durchaus bewusst zu sein.
„Sie ist frei“, murmelte ich traurig. Eine Freiheit lag in ihrem Augenausdruck, um die ich sie beneidete. Auch ich besaß sie, diese Eigenständigkeit, die mein Wesen ausmachte, bis man mir diese
charakterliche Eigenschaft äußerst schmerzhaft kurz und klein geprügelt hatte. Emotional unendlich tief versunken in das geheimnisvolle Foto mit der für mich interessantesten und schönsten Frau
der Welt darauf, erträumte ich mir ein Treffen mit ihr. Es erweckte den Eindruck, als sei ich mit meinen Gedanken soeben auf einem fernen Planeten gelandet, den niemand außer mir zuvor entdeckt
hatte, und auf dem es wahrhaftig das Schlaraffenland zu entdecken gäbe. Da lag etwas zwischen mir und dem Foto, das sich nicht erklären ließ, außer, dass ich Schmetterlinge in meiner Magengegend
fühlte. Ich war fasziniert. Wo kamen die plötzlich her? Seelenverwandtschaft? Oder war es gar die Liebe auf den ersten Blick? Ich hätte niemals gedacht, dass ich bisexuell sein könnte.
„Oh ja, frei- das ist sie“, grummelte Vatti.
„Sie ist Schauspielerin?“, versuchte ich mich im Ratespiel. Anders wäre diese Ausstrahlung nicht zu erklären.
„Na ja, in gewisser Art und Weise ist sie das, eine Schauspielerin, ja.“
Vatti lächelte wieder und strich über sein unrasiertes Gesicht. Diese Geheimniskrämerei machte mich irre.
„Was muss ich tun, damit du mir sagst, wer sie ist?“ Nachdenklich legte ich den Flyer zurück auf das Armaturenbrett des Maserati. Niemals zuvor hatte ich mich von einer Frau derart angezogen
gefühlt, als von der geheimnisvollen Schönheit auf jener Ablichtung, die einer Einladungskarte gleichkam, für welche Party auch immer sie sein sollte, dass es in mir kribbelte und ich glaubte,
auf dem Parkett ein Sondergast sein zu dürfen. Egal was es mich kosten sollte, ich musste wissen, wer sie war, die geheimnisvolle Frau. Dass es bei Vatti nichts für lau gab, noch nicht einmal
Informationen, das war mir seit Monaten schmerzlich bewusstgeworden. Nichts war umsonst, nicht einmal der Tod- denn der kostete noch das Leben. Es glich einem Wunder, dass er mich heute aus
meinem Kerker geholt hatte und ich mit ihm in seinem Luxusauto eine Runde durch die Stadt cruisen durfte. Das war wie Geburtstag und Weihnachten an einem Tag für mich. Das Tageslicht sah ich nur
noch selten. Seit ich mich den Anweisungen des Zuhälters widersetzt hatte, ging es in unserer Beziehung steil bergab. Wir waren quasi geschiedene Leute, obwohl wir uns noch nicht einmal richtig
kennengelernt hatten.
„Selbst, wenn ich dir hier und jetzt androhe, dich zu töten, deinen kleinen Arsch bei 250 km/h aus dem Wagen schmeiße, du würdest dir keinen Ruck geben, nicht wahr?“
„Nein!“, sagte ich stumpf.
Vatti kratzte über sein Doppelkinn. Legte seine mit sündhaft teuren Klunkern ringbefingerte Hand auf meinen Oberschenkel. Das Goldkettchen am Handgelenk schindete Eindruck. Nur eben nicht auf
mich.
„Weißt du, der Job, den ich dir angeboten habe, der ist nicht für jedes Mädchen gedacht. Da braucht es ein ganz besonderes Wesen. Ich habe dich nicht umsonst aus dem Dreck herausgeholt. Und zum
Dank fällst du mir in den Rücken. Wie kann ich dich umstimmen? Ich meine, wenn ich dich töte, dann wäre die Nummer vorbei, ehe sie begonnen hat. Das wäre doch schade oder? Vielleicht brauchst du
einfach noch ein bisschen Zeit. Aber nimm dir nicht zu viel davon. Auch die Geduld eines Zuhälters ist begrenzt.“ Er lachte widerwärtig. Außerdem gelang es ihm immer wieder, dass ich mich neben
ihm schlecht fühlte.
„Du weißt, dass das nicht wahr ist. Ich arbeite längst für dich!“, entgegnete ich.
„Ja, aber nicht nach meinen Regeln. Du widersetzt dich ihnen. Ständig tust du das und das macht mich langsam wütend.“
„Dafür bestrafst du mich!“, antwortete ich mit fester Stimme. Ich dachte an die Folter der vergangenen Tage. An den Nahrungsentzug und die pausenlosen Vergewaltigungen irgendwelcher
verrücktgewordenen Irren, die wie wilde Tiere nahezu täglich in meine Katakombe stürmten, weil Vatti sie auf mich hetzte, damit sie ihre Spielchen mit mir trieben.
„Und das soll jetzt dein Leben lang so weitergehen? Dass du Bestrafungen einsteckst und erträgst, nur um den Job nicht erledigen zu müssen, für den ich dich angeheuert habe?“
„Ja, bis ans Ende meiner Tage wahrscheinlich“, mutmaßte ich.
„Dir prügele ich deinen Stolz schon noch aus dem Arsch.“
„Ich will nicht dumm sterben. Sagst du mir also bitte, wer sie ist?“
„Steht doch da.“ Vatti schob den nächsten Joint zwischen seine Zähne.
„Kannst du lesen?“
Ich nickte.
Er nahm den Flyer und rieb mit dem Zeigefinger über die Aufschrift, als wollte er sie streicheln. Fast flüsternd las er mir vor: „Die mit den Wölfen schläft.“
„Ich weiß nicht, was das für ein Slogan sein soll, aber er ist gut“, sagte ich anerkennend. Das Bild entlockte meiner traurigen Seele ein Lächeln.
„Ja, das ist er. Der ist ja auch von mir.“
Vatti begann ein hektisches Lippenspiel.
„Wer ist sie? Wie heißt sie?“ Ich gab nicht auf.
„Halte dein Maul. Solange du nicht parierst, wirst du dumm sterben müssen, Fotze.“ Die unkoordinierten Bewegungen machte er immer, wenn ihm etwas auf dem Herzen lag. Ich kannte ihn und seine
Mimik gut. Besser wahrscheinlich, als jedes andere Mädchen, das für ihn arbeitete. Wahrscheinlich müsste ich mir zeitnah die Radieschen von unten begucken, aber damit hatte ich mich abgefunden.
Vorher wollte ich jedoch wissen, wer dieses Mädchen war. Die Gleichgültigkeit bezüglich meines Ablebens, schlug unerwartet um. Nachdem ich dieses Foto angesehen hatte, spürte ich wieder Lust, am
Leben teilzunehmen. Im Grunde genommen hatte ich mit allem längst abgeschlossen.
„Ich mache dir einen Vorschlag. Du kommst mit mir und besuchst die Show. Du wirst für mich arbeiten und dich den Männern anbieten, die an dem Abend anwesend sind und im Gegenzug stelle ich sie
dir vor, die unbekannte Schöne und ihre Biester. Und wenn du fein artig bist, dann darfst du sogar ihre Vorführung persönlich ansehen.“ Vatti grinste unverschämt und mimte einen auf wahnsinnig
geheimnisvoll.
„Bestimmt bekommst anschließend noch ein Autogramm.“
Ich blickte auf das Handschuhfach. In ihm lag der Revolver unter dem Stapel der Betriebsanweisungen seiner Luxuskarre. Hätte ich den Dreckskerl nicht einfach erschießen können?
Ich seufzte. Nein, hätte ich nicht.
„Dann werde ich wohl dumm sterben müssen“, antwortete ich auf seinen großzügigen Vorschlag.
„Jetzt spring doch endlich über deinen Schatten, Mädchen.“ Vatti rutschte unruhig im Sitz hin und her. So, als juckten ihm der Arsch oder die Eier.
„Das ist gegen die Regeln und das weißt du. Abgemacht war, ich maloche in deinem Bordell. Die Sexpartys sind nicht mein Revier.“
„Ich besitze kein Bordell.“ Vatti schenkte mir einen verspottenden Blick.
„Doch, aber eines, in das mich keine zehn Pferde bringen.“
„Ja, leider. Abgemacht war, dass du mit den Tieren arbeitest und auf dem Gebiet hast du mich leider wahnsinnig enttäuscht.“
Vatti legte den Anschnallgurt wieder an. Mit nervöser Hand fummelte er den Schnapper in den Verschluss.
„Ich weiß. Aber lieber verrecke ich, als dass ich mich deinem Willen beuge und im Tierpuff arbeite.“
Niemals würde ich meinen Hintern für seine dreckigen Geschäfte hinhalten. Aber für dieses Mädchen auf dem Foto, nur um ihren Namen und nähere Details zu erfahren, wäre ich bereit gewesen,
meine Prinzipien zu überdenken.
Vatti kratzte nachdenklich über seine Stirnglatze.
„Also gut, sie heißt Laila.“ Als mein Zuhälter ihren Namen aussprach, war es, als erhöbe sich über unseren Häuptern ein Schwarm wilder Vögel, die aufgeschreckt durch einen Peitschenhieb,
elegant in die Lüfte glitten. Wie ein Sturm, der über uns hinwegfegte, ohne unser Haar durcheinander zu wirbeln. Ich war fasziniert vom Klang der Melodie des Namen Laila und den imaginären
Schlägen der Flügel wilder Vögel aus meiner Traumwelt. Beides durchzog meinen vibrierenden Herzschlag und versetzte mich in eine Art Trancezustand. Vor meinem inneren Auge lief ein wunderbarer
Film, in dem Laila die Hauptrolle spielte. „Und der Wolf neben ihr, der heißt „Moema.“ Vattis Augen glänzten verhängnisvoll. Ich war längst in dieser Story gefangen, ob ich wollte oder nicht und
er wusste es genau.
„Moema?“, wiederholte ich berührt.
Welch interessanter Name, einer wie der war mir noch nie zu Ohren gekommen.
„Das ist Indianisch und heißt so viel wie „Er tötet am Morgen.“
Mein Zuhälter löste das mir unbekannte Rätsel.
„Indianisch? Du erzählst mir hier einen vom Pferd!“ Ich rollte mit den Augen.
„Nein, ich mache keine Witze.“
Innerlich lachte ich bitter auf. Ich kannte kein größeres Arschloch als ihn und niemanden, der fiesere Jokes riss, als er. Reingefallen war ich vor ein paar Wochen auf den windigen Typen, der als
scheinheiliger Kunde namens Dieter, in Tante Ellas Puff auftauchte und mir ein besseres Leben anbot, wenn ich mit ihm mitgehen wollte. Mittlerweile hatte ich das Zeigefühl verloren. Meine
Naivität, den ozeanblauen Augen eines Zuhälters und dessen leeren Versprechungen Glauben zu schenken, war mir zum Verhängnis geworden. Vatti, alias Dieter, hielt mich in seinem Imperium wie eine
Ratte. In einem Zimmer ohne Fenster vegetierte ich vor mich hin. Und das alles nur, weil er mir meinen Willen brechen wollte. Meine Widersetzlichkeit als Hure, mich nicht von einem der Tiere aus
seinem privaten Zoo besteigen zu lassen, er aus Sicht seiner Prinzipien als Zuhälter betrachtet, nicht durchgehen lassen konnte. Solange, bis ich ihn auf Knien anbettelte und vor ihm rumrutschte,
mich von seinen Hunden rammeln zu lassen, würde er mich foltern und bestrafen. Am Ende erwartete mich die Todesstrafe.
„Weißt du Verena, um noch mal auf dein verlockendes, fast entzückendes Angebot zurückzukommen …“
Vatti drehte sich zu mir.
Stoisch blies er den kalten Cannabisrauch in mein Gesicht.
„Ich mache dich mit Laila bekannt und du arbeitest für mich. Na, was ist? Haben wir einen Deal?“ Er streckte mir seine vernarbte Hand entgegen. Sein gieriger Blick verriet die tiefe Sehnsucht in
ihm, dass ich mich endlich meinem Schicksal beugte. Schlüge ich ein, wäre es eine verbindliche Abmachung, die sein dreckiges Herz zum Freudentanz veranlasste und mich in die Hölle meiner
schlimmsten, wahrgewordenen Albträume katapultierte. Ein Deal, der sich niemals wieder rückgängig machen ließe.
„Ich soll dir meine Seele verkaufen?“, fragte ich traurig.
„Bist ein schlaues Mädchen. Also, was ist sie dir wert, diese Laila?“ Vatti grinste zynisch, zog die Sonnenbrille auf und dann startete er den Motor seines V8. Das Gaspedal trat er beinahe bis
zum Anschlag durch. Die Reifen mussten ordentlich Gummi lassen auf dem Asphalt, aber; was kostete die Welt.
„Diese Laila ist ein Millionengeschäft- und wenn du mit ins Boot einsteigst, Püppchen, dann werden aus einer Mille locker zwei“, triumphierte er.
Ich antwortete ihm nicht.
„Kennst du Schneeweißchen und Rosenrot? Ihr beide würdet in etwa die Metapher des Märchens verkörpern und in neuem Glanze aufleben lassen. Du brünett, sie blond, herrlich!“ Ihm lief förmlich der
Sabber aus dem Maul.
„Wir spielen doch gerade das Märchen „Das kalte Herz.“
„Ach komm hör auf, Verena. Du und dein elendiger Sarkasmus. Ich bin gar nicht so kalt wie ich aussehe.“
„Stimmt, du bist kälter“, sagte ich bitter.
„Vielleicht gebe ich dir sogar was vom Kuchen ab. Zumindest wirst du nicht sterben müssen.“ Vatti blickte zu mir.
„Warum sagt mir mein innerer Schweinehund, das ich nichts davon habe, von deinen Millionengeschäften?“ Ich pfiff auf seine leeren Versprechungen. Außerdem, für kein Geld der Welt hätte ich mich
von einem Gaul vögeln lassen.
„Das weißt du doch gar nicht. Wir haben noch keinen Deal.“
Während wir in seinem Lieblingsspielzeug über die Autobahn flogen, schreckte ich auf. Ich war kurz eingenickt und hatte geträumt, es getan zu haben. Ich hatte wahrhaftig in das widerwärtige
Angebot eingewilligt, mich von Hunden, Pferden und Schweinepenissen penetrieren zu lassen.
Der Preis, den ich bezahlen musste, war hoch. Zu hoch, als dass ich mein Martyrium hätte aufgeben können. Nicht nur, dass ich dem Zuhälter meine Seele überließ, wenn ich einwilligte, ich würde
neben meiner Würde auch noch den letzten Funken Stolz, der sich in all den Jahren mit gänzlich letzter Kraft, mühsam an meinem verletzten Herzen festgekrallt hatte, verlieren.
Es war nur ein Traum, beruhigte ich mich.
Dennoch spürte ich, Laila zu treffen und auf Vattis Bedingungen einzugehen, mich seinem innigen Wunsch, im Tierbordell zu arbeiten, beugen zu müssen, ließe sich ethisch betrachtet, niemals
miteinander vereinbaren.
Ein Treffen mit Laila, schien mir jedoch eine Herzensangelegenheit zu werden. Vielleicht die letzte in meinem armseligen Dasein. Es half nichts, Laila müsste ich abschreiben. Kein Mensch der Welt
wäre es wert, wegen ihm sein Antlitz zu verlieren.
„Wenn ich sterbe, nehme ich mein Gesicht wenigstens mit, im Gegensatz zu dir“, sagte ich seufzend.
„Du kannst von Glück reden, dass du mir so gut gefällst, Mädel. Du und dein ewiges Seelengeschwafel. Du hast was an dir, dass es mir nicht leichtmacht, dich mal eben um die Ecke zu bringen. Wäre
es so, hätte ich es längst erledigt, das kannst du mir glauben. Keine Hure hat jemals so viel Stolz in sich getragen, wie du!“ Vatti schlug den fünften Gang ein und wir donnerten mit über 200
Stundenkilometern und permanenter Lichthupe über die linke Seite der vollbefahrenen Autobahn.
Kindheit
Meine Familie. Ein Volk, auf das ich nun wahrlich nicht stolz sein konnte. Meine Mutter war eine Hure. Gelernt hatte sie nichts. Weder im Büro, noch sonst wo. Als Jugendliche räumte sie im
Supermarkt die Regale ein. Da der Chef ihr beim Bücken immer nur unter das Röckchen hätte schauen wollen, sei sie auf die Idee gekommen, mit dem leidigen Zwang der Männer ihr Geld zu verdienen,
anstatt für sie die Ware in Konservendosen verpackt, einzusortieren und im Schweiße ihres Angesichts für n‘ läppischen Hungerlohn, zu verräumen.
„Zum Beine spreizen und Schwänze lutschen, braucht man kein Abitur“, sagte sie.
Ihren Körper und alle dazugehörigen Möglichkeiten, ihn gewinnbringend zu verkaufen, waren ihr höchstes Gut. Ihre Sexdienste verhökerte sie geschickt für teuer Geld und ausführen tat sie diese zum
größten Teil in der unmittelbaren Nachbarschaft. Seit ich ein kleines Mädchen war, verdiente sie mit der Prostitution die nötige „Kohle“, um unsere Familie zu ernähren und daraus machte sie
keinen Hehl.
Ich erinnere mich an den Typen, den ich „Godzilla“, nannte, weil er wahnsinnig groß und ebenso furchteinflößend war. Hände wie Baggerschaufeln, Ohren, so wuchtig wie die von Rübezahl und Beine,
als liefe er auf Stelzen, charakterisierten ihn. Meine Geschwister und ich hatten mächtig Respekt vor Godzilla. Er wohnte in einem der neugebauten Reihenhäuser eine Straße unterhalb der
unseren.
Nicht selten wurden wir Kinder Zeugen gewisser „Situationen“ in denen unsere Mutter sich merkwürdig benahm und einige sind mir im Kopf hängengeblieben. Diese waren sehr einprägend, in etwa wie
ein Brandzeichen eines Pferdes auf der linken Pobacke. Nicht wenige der Szenen hatten sich besonders tief in mein kindliches Erinnerungsvermögen eingebrannt. In einer Szene ging ich abends in die
Küche, um mir aus dem Kühlschrank ein Glas Milch zu holen. Dort angekommen, traf ich auf meine Mum und eben diesen Typen, beide waren in eindeutiger Pose miteinander beschäftigt. Die mächtige
Hand des Mannes bewegte sich lustvoll unter dem Rock meiner Mutter und machte dort wilde, kreisende Bewegungen. Ihr schien das zu gefallen, denn sie stöhnte angeregt.
„Verena, du kannst dir das ruhig angucken“, sagte sie damals zu mir, als sie merkte, dass ich beschämt wegsah. Unschuldig stand ich in Pantoffeln, bekleidet mit dem Frotteeschlafanzug, auf dem
sich Mickey Mouse und Donald Duck die Hände reichten und meinem abgewetzten Teddybären Bruno unterm Arm, mittendrin im Geschehen einer widerlichen Szene, die für kindliche Augen nicht bestimmt
war. Godzilla striff ungeniert dessen, dass ihn Kinderaugen beobachteten, Mamas Bluse über ihre Brüste und legte sein unrasiertes Gesicht zwischen ihre voluminösen Hügel und fuhr mit der Zunge
über ihre harten Brustwarzen, während er mich schräg angrinste.
„Wenn du nicht zugucken willst, dann geh doch mal nachsehen, was im TV läuft, du kleiner Bastard!“ Godzilla guckte mich gehässig an. Vergnügt kniete er neben dem Stuhl, auf dem meine Mutter saß,
doch als ich im Türrahmen auftauchte und nicht gehen wollte, weil ich von dem abtrünnigen Bild zugleich fasziniert und schockiert war, ließ er von meiner Mutter ab. Nachdem er an ihren Brüsten
gelutscht hatte, wischte er mit dem Handrücken über seine glänzenden Lippen. Es sah aus, als hätte er gespeist.
Widerlich. Er sah mich an. Sein Gesicht war finster. Meine Mutter sagte besänftigend: „Komm Manni, lass die Kleine in Ruhe.“
„Nee, jetzt zeige ich dem Mädchen mal, wo der Hammer hängt.“ Godzilla zog den Reißverschluss seiner Jeans herunter. Zum Vorschein holte er seinen riesigen Penis. Als er ihn mir präsentierte,
verließ ich sofort den Raum.
Damals, in der Situation war ich 9 Jahre alt.
Obwohl ich noch ein kleines Kind war, verstand ich sehr genau, was Sexualität bedeutete. Was Perversität, Pornografie, sowie Prostitution anging, lernte ich direkt von zuhause aus. Von meiner
Mutter bekam ich alles Wichtige rund ums Poppen von der Pieke auf, beigebracht. In der Schule nannten mich die anderen Kinder oftmals „Hurentochter“ und die „kleine Nutte“, wenn ich im
Sexualkundeunterricht meinen Mund aufriss, weil ich es während gewisser Themen eben konnte. Es machte mir nichts aus, dass ich wegen meines Wissens gemobbt wurde. Ich war hart im Nehmen. Selten
nur setzte ich mich nach den Beleidigungen meiner Mitschüler heulend in die Ecke. Nein, ich stand immer wieder auf, nach jedem Tiefschlag richtete ich meine Krone und weiter ging es.
Unser Ort war hinsichtlich der Einwohnerdichte überschaubar, jeder kannte jeden und unsere Familie genoss einen Sonderstatus. Tuscheln hinter vorgehaltenen Händen und beschmierte Häuserwände mit
der Aufschrift: „Wir brauchen keinen Puff hier! Verschwinde, du blöde Nutte!“, ließen meine Mutter kalt.
„Na und?“, sagte sie lapidar und wischte die Sauerei mit Spülmittel von der Fensterscheibe.
Natürlich war im Dorf bestens bekannt, dass sie mit sexuellen Diensten kein männliches Auge trocken ließ und viele der Einwohner Tag und Nacht bei uns ein und aus marschierten. Nicht selten hieß
es in unserem Wohnungsflur: „Du sagst aber nichts! Meine Frau darf keinesfalls wissen, dass ich wieder bei dir war!“ Und alles solche Geschichten. Jeder rümpfte die Nase, aber fast alle Männer
wollten mit meiner Mutter schlafen und an ihren üppigen Brüsten lecken. Die gehörnten Ehefrauen legten Hundescheiße vor unserer Haustür nieder, beschmierten die Fensterscheiben mit
Graffitigelkrakel oder warfen sie gleich mit Steinen ein. Eine von den gekränkten Ehefrauen drosch meiner Mutter auf offener Straße die Handtasche um die Ohren. Eine andere bestellte einen
Güllewagen und ließ die Kuhscheiße über Mamas Auto kippen. Meine Mutter nahm es mit Fassung. Sie kaufte einfach einen anderen Wagen. Das Leben ging weiter. An Geld mangelte es ihr selten.
„Wir ziehen bestimmt bald um, stimmt’s Mama?“ Meine ältere Schwester glaubte, dass unsere Mutter den Spießrutenlauf der verärgerten Ehefrauen nicht mehr lange aushalten würde. Doch da irrte sie
sich.
„Jetzt erst recht“, stemmte sich Mama gegen alle Gemeinheiten eines ganzen Dorfvölkchens. Wir Kinder litten da eher unter den Ausgrenzungen, dass wir kaum Freunde zum Spielen fanden und keinen
Anschluss bei gemeinschaftlichen Aktivitäten. Zum Spielen durfte ja niemand von den anderen Kindern zu uns kommen. Meine kriminelle Laufbahn und die meiner Geschwister war im Grunde genommen
vorprogrammiert. So wurde der Hass auf andere Menschen in unseren Herzen seit jüngster Kindheit geschürt. Sie verachteten uns, wir verachteten sie. Warum wurden wir wie Aussätzige behandelt? Was
konnten wir für unsere Herkunft, wenn unsere Mutter diejenige war, die sich über alle Regeln und Gesetzte einer Dorfgemeinschaft hinwegsetzte?
„Außen rum sind sie alle hui, aber innen, da sind sie pfui!“, sagte Mama belehrend.
Vorwiegend verübte sie ihren „Job“ von zuhause aus. Manchmal ging sie aber auch zu einem Bordell und arbeitete dort mehrere Stunden am Tag oder sogar die ganze Nacht hindurch. Meine größere
Schwester spielte für mich den Babysitter. Ich vermisste meine Mutter. Hatte ich schon keinen Vater kennengelernt, der mich erzog, mich an die Hand nahm und mir die wichtigen, existenziellen
Dinge des Lebens beibrachte und in meinen kindlichen Höhen und Tiefen begleitete, mich lehrte, wie man sich zu benehmen hatte, wuchs ich im Grunde genommen ohne Mutter auf. Mama und ich, wir
lebten nebeneinander her. Manchmal trieb sie es mit fünf verschiedenen Männern am Tag und nicht selten auch gleichzeitig. Die Freier reichten sich bei uns die Türklinke in die Hände.
„Gleich kommt Besuch, du gehst jetzt mal fix mit deinem Bruder an die frische Luft!“, hieß es fast jeden Nachmittag. Ich sollte mit dem Nesthäkchen der Familie, meinem Bruder Paul, den Mama
ausgehfein gemacht hatte, das hieß, die Windeln waren gewechselt, um die Häuserblocks ziehen, während sie ihren beruflichen Tätigkeiten nachging. Ob es draußen kalt war und der Kleine eine Jacke
oder wärmende Mütze auf dem Kopf trug, das war ihr egal. Sie war keine Rabenmutter, sie war mit ihren Gedanken einfach nur woanders, meist zwischen den Schenkeln der Freier beschäftigt. Mir war
klar, Widerstand wäre zwecklos. Ich hatte zu gehorchen und so schob ich jeden Tag brav den Kinderwagen durch die Häuserstraßen.
Der nächste „Freier“ wartete und da brauchte meine Mutter gewöhnlich ihre Ruhe. Eine Auszeit von uns Kindern. Notgedrungen zog ich Paul seine warmen Anziehsachen über. Windeln wechseln und meinen
Bruder ankleiden, das hatte ich perfekt drauf. Dennoch war ich jedes Mal dankbar, wenn ich die zugeschissenen Pampers nicht austauschen musste. Der Gestank seiner Hinterlassenschaften war
wirklich nur schwer auszuhalten. Meine Mutter hatte mir frühzeitig gezeigt und beigebracht, wie man einen Babyhintern saubermacht. Eine Mütze mit Teddy-Emblem setzte ich liebevoll auf das kleine
Köpfchen. Paul sollte nicht frieren. Meinen jüngsten Bruder hatte ich sehr lieb, auch wenn er mich manchmal nervte und zur Weißglut brachte, weil er stundenlang weinte und grundlos schrie.
Wahrscheinlich fehlte auch ihm die mütterliche Nähe. Als ich ihn in den Kinderwagen bettete, klingelte es an der Haustür. Meine Mutter öffnete und im Türrahmen stand großkotzig der Proll namens
Godzilla. Der Typ hatte mir mal die Hand geschüttelt, da wusste ich mir vor Schmerzen nicht anders zu helfen, als in die Knie zu gehen. Seitdem machte ich einen großen Bogen um den Kerl.
„Ich habe dich vermisst“, warf er sich meiner Mutter an den Hals. Er griff um ihre Taille und seine starken Hände drückten sie gegen die Wand. Jedenfalls versperrte er den Durchgang zur
Wohnungstür, während er ausgiebig meine Mutter begrüßte und mich nicht vorbeiließ. Ich musste mit dem Kinderwagen solange warten, bis er endlich Platz machte. Er provozierte die Situation. Obwohl
er genau wusste, dass ich hindurchwollte, ließ er sich absichtlich Zeit, mir auszuweichen. Gierig schob er das Hemd meiner Mutter horizontal und griff an die prallen Brüste. Seine Zunge schleckte
über die harten Knorpel. Unbeweglich sah ich dem Prozedere zu, bewegte mich keinen Zentimeter. Ich fand es ekelhaft. Ich wollte niemals so werden wie meine Mutter.
„Nicht vor den Kindern“, sagte sie. Das kam selten vor, dass sie mich aus dem Schussfeld schaffen wollte. Energisch schob sie den Widerling beiseite und winkte mich hindurch. Ängstlich blickte
ich zu Godzilla.
„Ja los, hopp! Mach schon, was deine Mutter dir gesagt hat, Miststück!“, griente er.
„Ich bin kein Miststück!“, entgegnete ich patzig. Ich wollte mir von dem arroganten Typen nichts sagen lassen. Nicht mehr. Ich fühlte mich im Recht. Das war das erste Mal, dass ich den Mut
fasste, einem Freier Widerworte zu geben. Mama hatte uns eingebläut, dass wir den Erwachsenen niemals widersprechen durften und einem ihrer Typen, mit denen sie beschäftigt war, schon gar nicht.
Man wisse nie, wie die Kerle reagieren, sagte sie. „Moment! Godzilla hielt brutal meinen Arm fest, als ich den Kinderwagen zur Tür schob.
„Wie sprichst du mit mir?“
Ich blickte beschämt zu Boden. Seine Finger griffen an den Reißverschluss meiner Jacke und zogen ihn gierig hinunter.
„Sieh mal, du hast noch keine Brüste, aber eine große Fresse! Wärst du meine Tochter, würde ich dir mal ordentlich die Leviten lesen und ein paar hinter die Löffel geben!“
Wenige Tage später, Mama und ich saßen in der Küche, lernte ich für die Schule und sie sah mir mehr oder weniger uninteressiert zu, während ich die Aufgaben erledigte. Helfen konnte sie mir
nicht, also schnitt und lackierte sie ihre Fußnägel.
Angeblich hätte sie die Schule abgebrochen und somit von Multiplikation und Grammatik keine Ahnung. Englisch war für sie die Fremdsprache, die sowieso in diesem Leben aus unserer Familie niemand
mehr sprechen müsste.
„Die Engländer sind eh nicht gut im Bett. Die Franzosen sind besser“, gähnte sie gelangweilt.
„Merk dir das Verena. Die Engländer musst du meiden, die Franzosen, die sollst du suchen.“
„Kannst du denn Französisch, Mama?“, fragte ich erstaunt.
„Na und wie!“, lachte sie vergnügt und zeigte mit dem Daumen nach oben.
„Dann will ich auch Französisch lernen“, brabbelte ich. Unwissend natürlich, was hinter der Pointe ihres Witzes steckte.
„Wirst du Prinzessin. Wirst du!“, schäkerte Mama. Ich lächelte zufrieden. Ich mochte es sehr, wenn sie und ich uns so toll unterhielten.
„Ich bin Prostituierte und auch du wirst später einmal eine Nutte werden und deine Schwester ebenso. Von Generation zu Generation bumsen wir uns durch die Nachbarschaft und durch die halbe Stadt,
bis dorthin-wo die Sonne unter- und wieder aufgeht. Schule ist doch Bullshit. Ich sag dir mal was, Töchterlein. Weißt du, worauf es im Leben tatsächlich ankommt?“ Lässig legte sie ihre Füße zum
Trocknen der angepinselten Nägel auf den Tisch und zog aus dem versilberten Etui, welches Manfred ihr geschenkt hatte, eine Zigarette. Manfred war die Knallschote oder hohle Nuss, wie Mama ihn
nannte, der mit den roten Haaren und lustigen Sommersprossen im Gesicht, welcher sich von ihr den Arsch versohlen ließ und wahnsinnig viel Kohle für den schmerzhaften Spaß hinblätterte. Seine
Schreie hallten durch unsere Wohnung und durch die der Nachbarn, wenn Mama sich in den ledernen Anzug warf und die Peitsche über seinen nackten, von Akne gezeichneten Pickelrücken schnellen ließ.
Je fester sie zuschlug, umso mehr Geldscheine regnete es anschließend.
„Vielen Dank!“, sagte Manfred und das mit Ehrfurcht. Dass er vor meiner Mutter nicht niederkniete und sie anbetete, als sei sie eine Göttin, das war alles.
„Deine scheiß hässlichen Eiterpickel habe ich dir in einem Abwasch gleich mit von der Pelle runtergedroschen“, scherzte sie, als sie das Geld entgegennahm und sorgsam die Scheine zählte. Später,
als ich in die Pubertät kam und meine Mitesser vor dem Spiegel ausdrückte, musste ich jedes Mal an den Manfred denken. Ich stellte mir vor, wie der Eiter aus den Furunkeln spritzte, während Mama
die Peitsche über seine Wirbelsäule tanzen ließ. Das Perverse zog mich schon immer magisch an. Es musste alles noch unwirklicher, bizarrer sein als das, was ich von zu Hause aus kannte.
Einmal schrie Manfred so laut, dass die Nachbarin vor unserer Tür stand und sich über den Tumult beschwerte. Meine Mutter entgegnete ihr trocken: „Wenn ich das nächste Mal deinem Ehemann die
verlausten Eier lecke, dann rufe ich dich an und du darfst uns zusehen, Schätzchen!“
Die Nachbarin kam nie wieder zu uns, egal wie laut Manfred schrie oder jemand anderes der Männer seufzte, brüllte oder fluchte. Wenn ich obendrein bei dem Schauspiel zusah, wie Mama Manfreds
Rücken ruinierte und ihn eitrig-blutig schlug, erregte den Typen das ganz besonders.
„Kann sie sich nicht auch ausziehen, die Kleine? Ahh, Aua, brüllte er, als Mama zum nächsten Schlag ausholte und dieses Mal besonders heftig, während ich im Flur auf dem Linoleumboden saß und in
aller Ruhe mein Eis schleckte, während ich den Foltermethoden meiner Mutter besondere Aufmerksamkeit schenkte.“
„Nee, kann sie nicht, du elendiger Kinderficker!“ Mama hielt den Lüstling, der bäuchlings auf ihrem Bett lag, mit nur zwei Fingern in Schach. Manfreds flehenden Blicke, die er mir durch den Spalt
der halbgeöffneten Schlafzimmertür zuwarf, während meine Mutter ihre geballte Ladung Wut an ihm ausließ, vergesse ich nie.
„Na, was ist?“ Mama riss mich aus meiner Gedankenwelt.
Ich schüttelte den Kopf.
Nee, woher sollte ich wissen, was wirklich wichtig war im Leben? Ich konnte doch nicht einmal zwischen richtig und falsch unterscheiden, weil es mir niemand beigebracht hatte.
Tragischerweise ebenso wenig zwischen Gut und Böse. „Auf Sex und Kohle kommt es an und sonst auf nichts.“ Mama lachte und blies mir den kalten Rauch ihres Joints ins Gesicht.
An einem anderen Tag ereignete sich folgende Szene.
„Hier ist so komisches weißes Zeugs auf meinem Schlüpfer!“ Meine Mutter kam mit dem Wäschekorb unterm Arm ins Kinderzimmer gestürmt, weil ich ganz aufgeregt nach ihr gerufen hatte. Auf meinem
Höschen klebte weißlabbriger Gelee. Wie der wohl dahin gekommen war? Ob das komische Zeugs irgendein Tier verloren hatte? Belustigt dachte ich an eine Nacktschnecke, die Schleim aus dem Hintern
absonderte und hinter sich herzog, aber gleich so viel auf einmal? Und, wie sollte die in mein Zimmer gekommen sein?
„Ih, wie ekelhaft“, rümpfte ich die Nase.
Mama bückte sich ächzend, während sie nach dem Slip griff, den ich angewidert in die Ecke geschleudert hatte. Währenddessen sie es tat, sah ich ihren Busen. Sie trug nur dieses gerippte
Unterhemd, mit dem sie ständig in der Wohnung umherlief, wenn keine Kundschaft anwesend war. Sobald sie den Oberkörper vornüber neigte, fielen ihre Brüste aus dem Ausschnitt heraus. Mama machte
sich nur hübsch zurecht, wenn die Männer zu uns kamen, um mit ihr im Schlafzimmer zu verschwinden. Gelassen stopfte sie die Fleischklöpse, wie ich ihre Brüste nannte, an Ort und Stelle zurück,
nämlich unter das Hemdchen, statt darüber. Ich hoffte inständig, niemals einen so dicken Busen zu bekommen, mit dem sie der liebe Gott gesegnet hatte. Ich glaubte nicht an Gott. Deshalb würde ich
sehr wahrscheinlich gar keine Brüste bekommen oder aber bis an den Rest meines Lebens nur eine „Flachlandschaft“ bleiben und ebenso gerufen werden.
„Du hast einen Wald zu bieten und deine Kinder nicht mal vor Holz vor den Hütten, lästerten die Freier über meine Schwester und mich. Jeder von den windigen Typen gaffte auf unsere
Oberweite.
„Der dicke Busen bringt aber gutes Geld ein“, erwiderte Mama lachend, als mir rausrutschte, dass ich große Brüste hässlich finde.
„Hat Werner das Arschloch wieder auf deinen Schlüpfer gewichst? Was für eine alte Sau! Ich habe ihm schon ein paar Mal gesagt, dass er das lassen soll.“ Meine Mutter begutachtete die Unterwäsche,
warf sie angewidert in den Korb und mir einen augenrollenden Blick zu.
„Was heißt Wichsen, Mami?“, fragte ich neugierig. „Ach, das lernst du noch früh genug. Jetzt musst du das noch nicht wissen.“ Sie seufzte und zog die Schachtel Marlboro aus der Gesäßtasche ihrer
Jeanshose.
Mit nervösen Fingern hielt sie die Flamme des Feuerzeugs unter die Fluppe und nahm einen tiefen Atemzug, bevor sie das Gift in ihrer Lunge inhalierte.
Den Wäschekorb stellte sie auf meinem Bett ab. Seufzend sank sie in die Matratze.
Nach dem ersten Nikotinzug schien es ihr besser zu gehen. Ihre Atmung und die Gesichtszüge entspannten sich.
„Gleich kommt er ja, der Hurensohn. Dann werde ich dem Schweinearsch mal sagen, dass er das schön zu unterlassen hat, in deine Höschen zu masturbieren. Oder aber, er soll dir neue Unterwäsche
kaufen, der Flachwichser.“ In der Fäkalsprache war meine Mutter unangefochtene Siegerin aller Klassen.
Werner war ihr Freund und den zu beleidigen, lag ihr eigentlich weniger am Herzen, schwerfallen tat es ihr jedoch gewiss nicht. Sie ließ kein gutes Haar an dem Typen. Er war einer von vielen
ihrer Liebschaften, würde ich heute sagen, aber vielleicht war er damals auch eben nur dieser eine Freund, und die anderen waren alles notgeile Böcke und Herzlosficker gewesen, wie Mama die
Penner nannte, die bei uns ein und ausgingen. Freier, die stundenlang mit unserer Mutter vögelten und ansonsten nichts anderes im Sinn hatten, als ihre Penisse in sämtliche ihrer Körperöffnungen
zu stecken. Selbst in das blutende zum Zeitpunkt ihrer Periode. Oft genug guckte ich durch das Schlüsselloch und nicht selten vergaßen die Erwachsenen, die Tür zuzusperren. Da konnte ich ihnen
ungehindert beim Liebesspiel zuschauen. Nachdem die widerlichen Kerle mit Mama fertig waren und anschließend die Wohnungstür ins Schloss fiel, lagen hundert Euro und manchmal sogar noch mehr von
den bunten Geldscheinen auf dem Schrank in unserem Flur.
„Bis bald, Schlampe“, riefen die Freier vergnügt.
Werner war anders. Er legte kein Geld auf das Sideboard und er nannte Mama auch nicht Schlampe oder Drecksfotze. Bei ihm hieß sie „Engelchen oder Schneckchen.“ Eigentlich war er ein lieber Kerl
der Werner. Er fuhr zum Einkaufen, spendierte uns Kindern ein Eis, mähte im Sommer im Garten den Rasen und brachte fast täglich den Müll raus. Natürlich schlief auch er mit unserer Mutter, aber
wir Kinder waren von ihr insoweit bereits früh aufgeklärt worden, dass Sex die natürlichste Sache der Welt bedeutete und bei der Anzahl der Männer, mit denen Mama im Schlafzimmer verschwand,
interessierte es uns auch irgendwann nicht mehr, wie viele es an der Zahl waren und welche Rolle Werner unter ihnen spielte.
„Werner. Muss das sein, dass du in Verenas Unterwäsche wichst?“ Meine Mutter hatte keine gute Laune und fiel sogleich über ihren Freund her, als der noch nicht mal den Fuß über unsere Türschwelle
gesetzt hatte.
Daran änderte auch sein mitgebrachter, hübscher Blumenstrauß nichts. Sie war in Rage und wenn sie gereizt war, ging man ihr besser aus dem Weg.
Mir wurde klar, das ekelhafte Glibberzeugs in meiner Unterhose gefiel auch ihr nicht und Werner musste mit der Angelegenheit zu tun haben. Der jedoch lachte über Mamas Nörgelei und zog sie
ungeachtet ihrer Diskrepanzen, in seine tätowierten Arme.
„Jetzt hab dich nicht so. Die Verena, das wird auch mal eine ganz Hübsche. Ich mag ihren Geruch und da konnte ich nicht an mich halten. Bist du jetzt eifersüchtig auf deine eigene Tochter, oder
was?“ Werners freundliche Stimme schlug plötzlich um in die des Beleidigten.
Mama stieß den Typen einige Schritte von sich.
„Du bist pervers!“, entrüstete sie sich.
„Ach so, aber du nicht oder was?“ Werner lachte.
„Was heißt, du konntest nicht an dich halten? Hast deine Nase in das Höschen gesteckt und anschließend gleich mal den Schwanz darüber gehalten, oder was?“ Mama schimpfte. Werner machte die zwei
Schritte, die meine Mutter ihn geschubst hatte, wieder gut und versuchte ein weiteres Mal sie zu umarmen.
„Jetzt komm schon her, hab dich nicht so.“
„Nee, ich dachte wirklich, du wärst anders!“
Mama wich ihm aus.
Heimlich belauschte ich die Szene.
Das ging sogar so weit, dass sie ihm meine vollgewichste Unterhose vor die Füße warf.
„Hier, die kannst du mitnehmen und zuhause drauf ejakulieren und von mir aus kannst du auch drauf pissen, scheißen oder sie verkaufen. Mach was du willst und so oft du willst. Aber, wehe, ich
sehe das hier bei uns zuhause noch einmal, dann…“
„Dann was?“ Werners Augen wurden bedrohlich klein.
„Dann brauchst du hier nicht mehr anzutanzen. Ich meine das ernst. Meine Kinder sind mir heilig. Denen wichst niemand ins Unterhöschen oder riecht an ihren getragenen Socken und lutscht ihre
blutigen Tampons.“
„Dass ich nicht lache.“ Und Werner lachte lauthals.
Die Kinderzimmertür hatte ich mir einen Spalt breit offengelassen, denn das Gespräch war spannend.
Streitereien der Erwachsenen zogen mich beständig in ihren Bann. Ich verstand jedes Wort das sie sprachen und es ekelte mich nicht, ich war auch nicht entsetzt, wie asozial Mama und Werner
untereinander kommunizierten. Von Anfang an war ich es gewöhnt, dass Obszönitäten und Schimpfwörter der Fäkalsprache jeglicher Art in meinem Vokabular hinter verschlossenen Türen alltäglich in
unseren vier Wänden, vorherrschten. Die unterirdische Muttersprache, unter der ich und meine Geschwister heranwuchsen und mit groß wurden, war unerschütterlicher Alltag in einer im sozialen
Brennpunkt gelegenen Familie.
„Ich habe übrigens eine Überraschung für dich und die Kinder.“
„Ach, steck sie dir sonst wo hin, die Überraschung.“ Meine Mutter wirkte nicht, als wollte sie sich von leeren Worten einlullen lassen.
„Die Kinder haben sich doch sehnlichst einen Hund gewünscht. Ich habe einen besorgt. Einen kleinen Welpen. Ich bringe ihn morgen mit.“
„Wir wollen keinen Hund!“ Meine Mutter fletschte die Zähne wie eine angriffslustige Hyäne. Werner versuchte sie abermals in seine Arme zu ziehen und dieses Mal ließ sie es geschehen. Lenkte sie
tatsächlich ein und verzieh ihrem Freund seine Allüren, weil er versprach, uns einen Hund zu schenken; oder aber eskalierte die Situation jetzt völlig? Bei dem Wort Hund wurde ich natürlich
hellhörig. Jedes Kind wünschte sich ein Haustier und ich mir ganz besonders. An jenem Tag, als Werner den Welpen mitbrachte, feierte ich meinen elften Geburtstag. Er ließ das Ganze natürlich so
aussehen, als überbrachte er mir den Hund als Geschenk zum Wiegenfeste. Da konnte Mama natürlich nicht nein sagen, als das Wollknäul durch unsere Wohnung tapste und sich vor Freude auf den Rücken
kugelte, damit wir alle es unter dem fluffigen Bauch streicheln konnten. Tollpatschig und äußerst liebenswürdig war es, das entzückende Hundebaby. „Süß isser ja“, seufzte Mama. Als er dann auf
den Wohnzimmerteppich pinkelte, meckerte sie jedoch gleich wieder und es war Schluss mit Lustig. Ich hatte vollstes Verständnis für ihren Ärger, sprang aber dennoch vor Freude und aus Euphorie
juchzend, im Kreis. Zugleich fiel ich aus allen Wolken, weil ich mein Glück nicht fassen konnte. Einen Hund zu meinem Geburtstag geschenkt zu bekommen, welch ein Wahnsinn! So lange schon wünschte
ich mir einen besten Freund. Immer hatte es jedoch seitens meiner Mutter geheißen, es sei kein Geld da, zu viel Arbeit wäre es mit einem Tier, zu wenig Zeit hätte sie und ein Hund mache zu viel
Dreck. Ihr gefiel es nicht wirklich, dass „Balou“, wie wir den Schäferhundmischling tauften, jetzt zu unserer Familie gehörte. Zähneknirschend akzeptierte sie jedoch Werners vierbeiniges
Mitbringsel. Wir Kinder waren völlig aus dem Häuschen. Mein Bruder Jörn, der unter einem Sprachfehler litt und meist nur stotternde Worte hervorbrachte, blühte in Gegenwart des Vierbeiners
richtig auf. Manchmal sprach er sogar vollständige Sätze, ohne, dass es hakelte und rumpelte. Sobald er Balou streichelte und mit ihm umhertollte, war seine in Scherben liegende Kinderwelt, weil
niemand Zeit für ihn hatte, wieder in Ordnung geraten.
„Siehst du, da wird ja doch noch was aus dem behinderten Spinner“, grinste Werner zynisch.
„Hör auf, den Jungen zu beleidigen. Du warst in dem Alter auch ein Spätentwickler.“
„Woher weißt du das?“ Werner lachte verunsichert.
„Ich habe deine Mutter angerufen und ihr gesagt, was für einen missratenen Hurensohn sie auf die Welt gebracht hat.“
„Ach, das hast du nicht wirklich. Woher willst du ihre Nummer haben?“ Werner versuchte gelassen zu bleiben, zumindest strengte er sich an, so zu wirken, doch die Fassung ging ihm zusehends
verloren.
„Ist doch egal. Ich habe auch meine Beziehungen. Jedenfalls hat sie mir gesagt, du seist ein Bettnässer gewesen und hättest ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom gehabt.“
„Ja, ja“, muckte Werner.
Balou wuchs zu einem stattlichen Rüden heran. Mit prächtigen Eiern zwischen den Hinterbeinen, die
vor allem meine Brüder faszinierten.
„Der hat ja dicke Klöten.“, kicherten sie.
Pascal, mein älterer Bruder, zeigte mir die Geschlechtsteile des Hundes und versuchte zu erklären, wofür die gut seien.
„Hast du schon mal so dicke Eier gesehen, Verena?“ „Nee“, winkte ich ab.
„Ja, die muss er haben, damit er die Hündinnen pimpern kann.“ Werner klärte uns Kinder gleich mal auf.
„Aber wo ist denn der Pille-Mann vom Balou?“
Jörn wollte es genauer wissen. Werner zeigte ihm und meinem kleinen, knapp vierjährigen Bruder Paul nur zu gern, wie man den Hundepenis aus der mit Fell überzogenen Schlauchtasche herausholte.
Wir Kinder waren baff, wie groß Balou sein Hundelümmel in ausgefahrenem Zustand tatsächlich war.
„Na, was sagst du jetzt, Verena?“ Werner grinste provokant. Ich konnte gar nichts sagen, angesichts der abtrünnigen Bilder musste ich erst einmal kräftig schlucken.
„Der wird ja immer dicker und größer“, quakte Paul aufgebracht.
Werner lachte, mich ekelte es und Pauls Augen leuchteten interessiert.
„Darf ich auch mal ran? Aber er soll erst wieder kleiner werden. Ich will ihn selber großmachen. So will ich ihn jedenfalls nicht streicheln.“ Paul stampfte mit den Füßen auf den Boden. Das tat
er immer, wenn er seinen Willen nicht kriegte und wütend wurde.
„Der muss erst mal wieder schrumpfen“, sagte Werner.
„Ja, dann lass ihn kleinwerden!“ Paul verschränkte die Arme vor der Brust und trampelte noch energischer mit den Füßen. Er schmollte und war wütend.
„Bin ich Zauberer oder was?“, griente Werner.
„Mach schon“, quengelte Paul.
„Vielleicht sollten wir ihm die unrasierte Scham eurer Mutter zeigen, dann wird er sicher ganz schnell wieder klein.“ Werner riss wie so oft einen seiner blöden, frauenfeindlichen Witze, die wir
jüngeren Kinder ohnehin nicht verstanden. Mama machte sich daraus allerdings nichts.
„Nee, dann wird er noch voluminöser, der Köter steht sicherlich auf lange Haare und vor allem, wie das zwischen Mamas Beinen duftet, das wird ihm gefallen.“ Meine älteste Schwester Marisa war
hinzugekommen und mischte sich in das Gespräch ein. Sie war schon sechzehn und hatte eine besonders große, vorlaute Klappe.
„Willst du etwa sagen, dass ich stinke?“ Mama drohte mit dem Kochlöffel. Das tat sie immer, wenn sie sich nicht anders zu helfen wusste. Zugeschlagen hatte sie aber nie. Weder mit den
Küchenhelfern aus der Schublade, noch mit ihrer Hand. Wenn sie uns treffen, gar verletzen wollte, dann konnte sie das hervorragend verbal, und den imaginären Faustschlag mit ihrem Sinn für
Sadismus, den verpasste sie uns mit Bravour gekonnt in unsere Magengruben.
„Clever, Marisa! Du bist echt schlagfertig, Mädel. Du solltest glatt für mich arbeiten.“
Werner griff an den Reißverschluss seiner knubbeligen Stoffhose und rieb die Ausbeulung hinter ihr hin und her.
„So viel Fell, wie deiner Mama zwischen den Beinen wächst, da könntest du verdammt recht haben“, seufzte er.
Eines Tages brachte ich aus der Schule eine schlechte Note mit nach Hause. Eigentlich war ich eine gute
Schülerin, aber seit wir die Mathelehrerin gewechselt hatten, glaubte ich, die neue Lehrerin, Frau Schneidewind, mochte mich nicht leiden.
Mama steckte mich an dem Abend recht lieblos in die Badewanne.
Sie schimpfte in einer Tour über meine schlechten Noten.
Ich verstand es nicht, denn sonst war ihr das völlig egal, ob ich ein ausreichend oder ein mangelhaft mit nach Hause brachte. Auch über ein gut oder befriedigend freute sie sich nicht. Heute
jedoch, ließ sie die Puppen tanzen. Sie hatte irre schlechte Laune.
„Du bist genauso dämlich wie dein Vater. Wobei ich nicht einmal weiß, wer von den ganzen Flachwichsern eigentlich dein Erzeuger ist. Aber sie alle waren dämliche Schlappschwänze. Dumm und frech
obendrein. Aber gut, mir standen die Dollarzeichen in den Augen geschrieben und mit den Konsequenzen muss ich jetzt leben. Fünf Plagegeister am Hals, von denen keines was taugt.“ Ihre Worte waren
verletzend.
Während sie verärgert mit dem Waschlappen über meinen Rücken schrubbte, als sei ich ein lebloses Waschbrett, sprach sie aus vergangenen Tagen. Selbstredend, erzählte, fluchte und weinte sie
schließlich.
„Was für ein scheiß Job und welch ein erbärmliches Leben“, jammerte sie. Es war ein auf und ab, ein hin und her ihrer Gefühle. Als Kind litt ich sehr unter den Depressionen meiner Mutter.
„So und jetzt ab ins Bett mit dir und zieh bloß den Schlafanzug an!“ Mama fauchte und gab mir einen Klapps auf den nackten Popo. An dem Abend ging ich weder zu Bett, noch zog ich den Schlafanzug
an. Auf dem Weg ins Kinderzimmer, krabbelte ich in Tränen aufgelöst, zu Balou ins Hundekörbchen, das damals bei uns im Flur unter der Treppe stand. Bei niemandem ließ sich so gut das traurige
Kinderherz ausschütten, als bei dem besten Hundefreund aller Zeiten. Wenn Balou mit der Zunge über meine tränendurchnässten Wangen schleckte, ging es mir gleich wieder besser. Zu dem Hund hatte
ich ein inniges Verhältnis. Ich liebte das zottelige Tier über alles.
„Hallo mein Freund“, schniefte ich. Die kalte Hundeschnauze leckte sofort das Salzwasser von meinen Wangen. Weinend kauerte ich mich an den warmen Tierkörper. Suchte Trost und Zuspruch, während
ich mich an das seidige Fell schmiegte.
Erschöpft musste ich eingeschlafen sein.
„Verena, komm da raus!“ Die Stimme meiner Mutter riss mich aus dem Schlaf. Schlurfende Schritte näherten sich. Entsetzt blickte ich nicht nur in ihre, sondern auch in Werners Augen. Sie blitzten
lustvoll, als er mich nackt in dem Hundekorb entdeckte.
„Hey, lass das Mädchen doch liegen, Gaby. Schau mal. Dein Töchterlein ist traurig und der Hund bewacht es. Ein Wahnsinnsfoto. Ich hole die Kamera!“
Als ich Werners Stimme vernahm, war ich hellwach. Auf allen Vieren versuchte ich aus dem Hundekorb zu kommen. Mir war es peinlich, dass er mich so sah.
Ich schämte mich.
„Bleib ruhig dort wo du bist, Verena“, sprach er süffisant. Mit ruhiger Stimme legte er seine Hand auf meinen Kopf und schob mich in das Körbchen zurück. Grinsend ließ er seinen Blick über
meinen entblößten Körper schweifen. Unsicher sah ich ihn an.
Was wollte er von mir?
„Hat dich der Balou getröstet?“
Werner kauerte sich zu mir.
„Ja“, schluchzte ich ahnungslos.
„Lass das, Werner. Warum willst du sie fotografieren?“ Meine Mutter zerrte an meiner Hand.
„Komm sofort da raus, Verena.“
„Hey, das bringt Kohle. Traurige Kinderaugen und dann die Bestie an der Seite der entblößten Kleinen.“
Werner fuhr nachdenklichen Blickes mit dem Zeigefinger über seine buschigen Augenbrauen.
„Ich bin gleich wieder da“, raunte er und schlenderte pfeifend zur Küche. Ich hörte, wie sich die Tür des Kühlschranks öffnete und wenige Atemzüge später, zurück ins Vakuum fiel. „Oh happy Day“,
sang er.
„Verena“, zischte meine Mutter.
Ich war versteinert. Wusste nicht, was ich tun sollte. Als Werner zurückkam, zog er provokant einen Schokoladenriegel aus der Hosentasche. In der anderen Hand hielt er die Kamera und eine Packung
Salamiwurst, die er vom gestrigen Einkauf aus dem Supermarkt mitgebracht hatte. Beides legte er sachte auf den Boden. Was war sein Plan?
Noch immer grinste er. Warum zum Teufel, hatte er die Wurst herbeigeholt? Ich mochte keine Salami.
„Willst du die Leckerei haben, Verena?“ Er hielt mir die verlockende Süßigkeit unter die Nase.
Automatisiert griff ich nach ihr. Lieber Schokolade als Salami, dachte ich. Klar wollte ich den Naschkram an mich nehmen.
Werner zog die Hand zurück.
„Wenn du machst, was ich dir sage, bekommst du die Schokolade, verstanden?“
Meine Mutter schüttelte verständnislos den Kopf.
„Bestie, das ich nicht lache! Der Köter tut keiner Menschenseele was zu Leide und du nennst ihn Bestie.“
„Ich kümmere mich um deine Tochter. Geh du mal in die Küche oder vor die Glotze.“
Er machte eine abweisende Handbewegung.
„Wir kommen schon klar wir zwei, nicht wahr, Verena?“
Er lächelte noch immer, doch ich vertraute ihm nicht. Sorgsam nahm er eine Scheibe Wurst aus der Verpackung. Balou schnüffelte aufmerksam. Der herbe, für das Tier schmackhafte Geruch, ließ es
unruhig werden. „Platz!“, ermahnte Werner den Hund, liegenzubleiben.
Das Tier gehorchte. Mama zog sich mit den Worten: „Macht was ihr wollt“, zurück.
Ich hatte ihr nachrufen wollen, dass sie mich mit dem Werner bitte nicht alleine lassen soll, doch ich kriegte keinen Ton hervor. Mein Hals war trocken, auf meiner Brust lag ein schwerer Stein
und ich hatte wahnsinnige Angst.
„Warum bist du nackt, Verena?“, säuselte Werner.
Lustvoll blickte er mich an. Von oben bis unten betrachtete er meine Konturen.
„Ich weiß nicht“, antwortete ich schläfrig.
Ich war traurig gewesen wegen der schlechten Note und weil Mama mit mir geschimpft hatte.
„Stillhalten“, kommandierte Werner, als ich den nächsten Versuch unternahm, aus dem Körbchen zu klettern.
Die Salami legte er an meinen Unterarm und rieb darüber. Fast zärtlich strich er mit ihr entlang meiner Arme und Beine. Sogar über meine Hühnerbrüste rieb er die Scheibe Wurst.
„Ihhh“, sagte ich angewidert und versuchte mich aus seinen Berührungen zu winden.
„Halte still und den Mund, kleines, dummes Mädchen“, sagte er stumpf.
„Ich will das nicht!“, sträubte ich mich.
„Sei ruhig!“
„Ich war erst in der Badewanne.“ Angewidert rümpfte ich die Nase über die Sauerei, mich von Mamas Freund mit Salamiwurst bearbeiten zu lassen. Auf meinem Brustkorb und zwischen den Beinen im
Schambereich, gab er sich besonders viel Mühe, das Fett zu verteilen und er ließ sich Zeit bei dem, was er tat.
„Wenn du herrlich nach Wurst duftest und schmeckst, wird dich der Balou ablecken. Das kitzelt und macht Spaß, wirst sehen. Wir spielen ein Spiel, Verena. Es ist nur Spaß, nichts weiter."
Werner zwinkerte mit dem Auge.
„Und denk daran, du bekommst anschließend die Belohnung, Verena.“
Entspannt lehnte er sich zurück, nahm die Kamera in die Hand und steckte Balou die Wurst zu.
Werner liebte dieses von ihm neu erfundene Spiel, mich mit Salami einzureiben und Fotos zu schießen, während Balou mich abschleckte. Ganz besonders gut gefiel es ihm, wenn der Hund es zwischen
meinen Beinen tat. Ich schämte mich. Meist hatte Werner Leberwurst dabei.
Mich ekelte es.
Vor allem zwischen den Beinen. Sobald meine Mutter das Haus verließ und wenn es nur für einen Augenblick war, dass sie im Garten die Wäsche aufhängte oder sie eine Nachbarin besuchte, zog mich
Werner beiseite und forderte eindeutige Posen von mir.
Zunächst waren die Forderungen des Mannes im Verhältnis zu dem, was folgen sollte, harmlos.
„Du kuschelst doch sonst auch mit dem Balou. Was ist falsch daran, wenn du ihn streichelst und er dir zeigt, wie lieb er dich hat und ich ein paar hübsche Fotos von euch beiden aufnehme, während
ihr zwei euch amüsiert?“
„Ich weiß nicht“, sagte ich kleinlaut.
Mich plagten Zweifel an der Richtigkeit meines Tuns. Wenn ich alleine war, und mit Balou rumalberte oder wir im Garten spielten, dann trug ich Jeanshose und Pullover. Sobald Werner hinzukam, hieß
es immer gleich, ich sollte mich ausziehen und ich müsste nackt sein, um das Spiel zu spielen. Rein aus Angst befolgte ich die Anweisungen des Mannes.
„Der kleine Kerl freut sich, wenn du ihn magst und ihm deine Liebe zeigst. Ich meine, sieh mal Verena, der Hund hat keine Freundin, er ist immer alleine. Glaubst du nicht, auch er sehnt sich wie
wir Menschen nach Zärtlichkeit? Tiere müssen ebenso wie wir Zuneigung erfahren um zu überleben. Ohne Liebe verdorrt alles Leben auf der Welt.“
„Ich liebe Balou. Ich streichele ihn und sage ihm jeden Tag, wie gern ich ihn habe. Wir spielen Ball und Fangen“, zählte ich auf.
„Der Hund stinkt doch, Werner. Muss das denn sein?“ Meine Mutter schimpfte.
Mit dem Werner wollte ich nur noch ungern alleine sein. Weder in unserer Wohnung, noch mit ihm und Balou spazieren gehen. Tagtäglich drängte Mamas Freund, dass wir zusammen mit dem Hund einen
hübschen Ausflug unternahmen. Ich redete mich um Kopf und Kragen, ihm nicht hilflos ausgeliefert zu sein und er versuchte mir seine abartigen Fantasien mit Lockmitteln wie Süßigkeiten und
Versprechungen von wegen Taschengeld und sonstigen, für Kinder lukrativen Dingen, wie Spielzeug und Mickey Mouse Heftchen schmackhaft zu machen. Draußen im Freien wäre er ungestört. In unserer
Wohnung musste er immer damit rechnen, dass Mama ihm in die Quere kam.
Er scheiterte kläglich. Ich ließ mich für den Dreck nicht anheuern. Mit ihm zusammen, würde ich freiwillig jedenfalls keinen Fuß mehr vor die Wohnungstür setzen. Egal, wie viel Eiscreme und
Comichefte er mir versprach.
Jugendamt
Nachbarn und sonstige Leute, denen das Gewerbe unserer Mutter bekannt war und die uns nicht leiden
mochten, hetzten uns das Jugendamt auf den Hals. Wöchentlich bekamen wir Besuch.
„Es sind die Weiber deren Männer ich ficke, die uns verpetzen“, seufzte Mama.
„Verletzte Eitelkeiten. Die haben nichts Besseres zu tun, als mich in die Pfanne zu hauen.“
Meistens besuchte uns ein Mann.
Er war freundlich zu uns Kindern und ebenso charmant zu unserer Mutter.
Chrissi, du weißt, ich muss den Hinweisen nachgehen und schauen, ob bei dir alles mit rechten Dingen zugeht!“ Der Typ vom Amt saß in unserem Wohnzimmer, trank Kaffee und fischte mit seinen dünnen
Fingern, die in diesem Leben wahrscheinlich noch nie schwere Arbeit verrichtet hatten, und den blitzeblankgeschrubbten Nägeln, aus Mamas aufgetischter Glasschale, Schokoladenplätzchen und die
besonders leckeren mit Marmeladenfüllung. Jene Mürbeteigplätzchen, die ich so gerne aß. Inständig hoffte ich, er würde mir noch welche übriglassen.
„Lecker!“, sagte er dankbar schmatzend.
Meine Mutter hatte zur Feier des Tages das gute Geschirr genommen. Das tat sie immer, wenn wichtiger Besuch kam. Das hochwertige Kaffeeservice, das sie von ihrer Mutter, meiner Oma, geerbt hatte.
Ich mochte die handgemalten Blumen auf den Tellerrändern so gern. Der Beamte plauderte mit meiner Mutter, als sei er ein langjähriger Bekannter von ihr.
„Ja Siegfried, natürlich! Gibt es denn etwas zu beanstanden?“ Meine Mutter griff dem Siggi, wie sie ihn nannte, ganz selbstverständlich zwischen die Beine.
Ich beobachtete und belauschte beide. Vom Treppengeländer aus, das war meine Aussichtsplattform, hatte ich alles im Blick. Immer wenn ich glaubte, etwas Spannendes ausspionieren zu müssen, verzog
ich mich auf eben diese meine „Spionier Position“. Niemand der beiden bemerkte mich. Siegfried nahm die Hand meiner Mutter beiseite. „Wenn uns von den Kindern jemand sieht!“, flüsterte er. Er
sprach sehr leise. Ich konnte ihn kaum verstehen. „Meine Kinder sind wohlerzogen, die spannen und stalken nicht!“ Ob Mama wirklich keine Ahnung hatte? Eine Ahnung davon, wie oft ich sie bei ihrem
„Treiben“ beobachtete? Siegfried nickte anerkennend.
„Ja, deine Kinder sind fast wohlerzogen wie man so schön sagt und bisher noch nicht negativ in Erscheinung getreten. Sie gehen regelmäßig zur Schule, klauen und dealen nicht, dein ältester Sohn
hat sich noch nicht handgreiflich mit anderen Rabauken seiner Altersklasse auseinandergesetzt, deine Wohnung ist sauber, sag mal, wie schaffst du das eigentlich alles?“
Mama zog die Schultern hoch. „Betriebsgeheimnis!“, grinste sie.
„Wann hast du denn mal Zeit für mich, meine Frau fährt bald in den Urlaub, und dann…!“ Siegfried unterbrach das Geschwafel seiner anzüglichen Worte. Augenblicklich verfiel er einer gänzlich
anderen Tonart. Ob er das wirklich glaubte, was er von sich gab? Dass bei uns alles in bester Ordnung wäre? Sein Ton wurde immer leiser, so dass ich nicht mehr alles verstehen konnte, was er
unserer Mutter zuflüsterte. Mama positionierte zum zweiten Male ihre Hand zwischen seinen Oberschenkeln und dieses Mal schob er sie nicht beiseite.
Plötzlich küssten sie sich und während sie es taten, knöpfte meine Mutter ihre Bluse ein wenig auf und nahm Siegrieds Hand. Diese steckte sie wie selbstverständlich in ihren Ausschnitt und der
Beamte japste plötzlich wie ein Fisch, der an Land gespült worden war und keine Luft mehr kriegte. Unruhig zappelte er auf der Couch hin und her.
„Das spricht gegen die Dienstvorschriften!“, winselte er mit schwächelnder Stimme.
Der Typ war ein Weichei. Das merkte ich mit nur elf Jahren genau. Er war meiner Mutters sexy Ausstrahlung erlegen wie alle anderen Männer und saß vor ihr wie ein kleines Hündchen, das freudig mit
dem Schwanz wedelte und auf weitere Anweisungen wartete. Er hechelte förmlich nach Liebkosungen, Dienstvorschriften hin oder her. Meine Mutter meinte süffisant: „Ich liebe Paragraphen und
Vorschriften!“ Erhaben setzte sie sich auf den Schoß des Beamten. Ich sah noch, wie der meiner Mutter die Bluse komplett aufknöpfte und den dünnen Stoff über ihre Schultern striff. Gierig und
ausgehungert war er, sein geiler Blick. Er seufzte. Mit durchgebogenem Rücken richtete meine Mutter sich auf und streckte ihm ihre blanken, prachtvollen „Früchte“ entgegen, wie der Mann vom Amt
Mamas Busen bezeichnete, der allerdings noch im Büstenhalter steckte, den Siegfrieds nervösen Finger jetzt zwar zittrig, aber galant öffneten. Schnaufend legte er beide Hände an die großen Brüste
und küsste ihre Knospen. Das tat er im Wechsel und arbeitete sich angestrengt von einer Brust zur anderen und meine Mutter führte sie ihm abwechselnd an seinen bartkratzigen Mund.
Schließlich legte er den sichtlich schwergewordenen Kopf auf ihren Brustkorb und seine Hände umarmten dankbar ihren Körper. Er seufzte tief und wohlig. Es schien, als fühlte er sich in der
Position äußerst wohl.
„Chrissi, was machst du nur mit mir?“, stöhnte er lustvoll. Ich verließ meinen Aussichtsturm.
Genug gesehen hatte ich. War ja doch immer dasselbe Schauspiel. Egal, ob mit dem Mann vom Amt, dem Pastor, Werner oder den anderen Typen, die zu uns kamen, es war immer das gleiche. Der Typ vom
Jugendamt würde uns zunächst offensichtlich keinen Ärger mehr machen.
Zu crazy war er. Verrückt nach meiner Mutter und ihrem Körper. Man brauchte nicht viel verstehen, um zu kapieren, dass der Typ es vorzog, in seine Akte zu kritzeln, dass bei uns zuhause alles in
feinster Ordnung sei, damit er auf den Sex mit unserer Mutter nicht verzichten musste. Jedoch, es gab auch kritische Situationen. Ab und zu wechselten sich die Leute vom Jugendamt mit ihren
Besuchen bei uns ab. Das waren wahrscheinlich die Dienstvorschriften, die besagten, dass die Mitarbeiter im Wechsel zu uns kommen sollten, um uns und die Zustände genauestens zu überprüfen. Damit
stattete uns eine Dame den nächsten Kontrollbesuch ab. Die missgelaunte Tante mit der Piepsstimme war weniger freundlich als Siegfried. Sie kam eines Tages völlig unangemeldet. Das passierte
öfter mal, dass die Leute vom Amt ohne Voranmeldung vorbeischauten. Natürlich passierte es auch, dass meine Mutter halbnackt in der Tür stand oder gerade einen Freier in der Wohnung „versorgte“.
Wenn Siegfried vorbeikam und meine Mutter unbekleidet war, schien das kein Problem darzustellen. Siegfried hatte offenbar eine gewisse Vorliebe für nackte Frauen, insbesondere für unsere Mutter,
mit denen er alle Gesetze außer Kraft hebelte. Ihren Körper entblößt zu sehen, bereitete ihm die größte Freude, das kapierte sogar ich recht schnell. Dass er sich sogar heimlich mit unserer
Mutter traf und seine Frau davon nichts wissen durfte, das wussten wir Kinder natürlich nicht. Wenn seine Frau Seminare abhielt oder alleine in den Urlaub fuhr, traf Siegfried sich mit unserer
Mutter und ließ sich von ihr verwöhnen. Mit ihr konnte er sexuelle Vorlieben ausleben und praktizieren, die ihm seine Frau verwehrte, das sagte zumindest Mama. Jedenfalls besuchte uns eines Tages
diese besagte Kollegin vom Siggi, um die „Zustände“ bei uns zuhause zu kontrollieren. Als es klingelte, hatte unsere Mutter gerade einen Kunden in der Wohnung, der sich von ihr fesseln und
auspeitschen ließ. Der arme Kerl war kurz vor dem Kollabieren. Für solche Fälle, dass Fremde an unserer Tür klingelten und Mama zuhause, jedoch verhindert war, war ich von ihr eingehend
vorbereitet worden, wie ich reagieren sollte. Ich durfte die Tür nicht öffnen, sobald ich jemanden durch den Türspion sah, den ich nicht kannte. Später vögelte Mama den verpassten Einsatz der
Beamtin bei Siegfried wieder wett, nachdem ein Schreiben in unseren Briefkasten geflattert war, dass sie ihren Hintern mal flott ins Büro des Jugendamtes schwingen sollte wegen Ungereimtheiten.
Siggi regelte das alles, wenn er nur zwischen Mamas Brüsten liegen, an ihnen nuckeln und mit seiner Hand zwischen ihre Schenkel fahren durfte.
Wir Kinder wurden von unserer Mutter während ihrer „Sitzungen“, in denen sie Kunden bediente, nicht bewusst fortgeschickt.
Hemmungslos und ohne Gnade in der Auslebung ihrer Sexualität, ließ sie uns an ihrem Geschäftsleben teilhaben.
„Da lernt ihr was fürs Leben“, lachte sie vergnügt.
Ihre überlegene Professionalität stellte sie gerne zur Schau. In der Öffentlichkeit und unter uns Geschwistern. Sie sagte mir später, dass Kinder, wenn man ihnen etwas verbietet, das Verbotene
erst recht ausspionieren wollen und über die Stränge schlagen. Aus dem Grund untersagte sie uns nichts und verwehrte ihren Kindern auch nicht den Anblick ihrer sexuellen Aktionen und abstrusen
Handlungen, mit denen sie ihr Geld verdiente. Heute denke ich, dass es damals nur die halbe Wahrheit war. Es gab ihr einen zusätzlichen Kick, zu wissen, dass wir Kinder beim Sex zusahen, wann
immer wir wollten, wir bei allem, was sie mit den Männern trieb, stille Zeugen wurden.
Außerdem wollte sie bei einigen „sexuellen Akten“ bewusst, dass wir anwesend waren.
Das erregte sie scheinbar zusätzlich und nicht nur sie, sondern auch ihre Freier. Je größer das Spektakel, desto mehr Kohle wurde von den lüsternen Typen gezahlt.
Als mein ältester Bruder noch jünger war, funktionierte das mit dem Zugucken hervorragend, aber als er 15/16 Jahre alt wurde, ließ er sich für den Live Sex seiner Mutter nicht mehr begeistern, im
Gegensatz zu mir. Neugierig guckte ich mir die nackten Penisse der Männer an.
Einer der Freier glaubte ein ganz schlauer Hund zu sein.
„Verena, du schaust doch gerne zu, wenn ich mit deiner Mutter schlafe, nicht wahr?“, fragte er mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
„Nein!“ entgegnete ich keck.
„Und wenn du Geld bekommst, dass du zuguckst?“ Zweifelnd blickte ich zu meiner Mutter.
„Tja, seufzte sie und hielt das Feuerzeug unter ihre Zigarette.
„Wenn ich dich bezahle, dass du zuschaust, während ich mich mit deiner Mutter vergnüge, wie findest du das?“
„Ich weiß nicht“, brabbelte ich. Taschengeld bekam ich von Mama keines. Gern würde ich mir was zum Anziehen kaufen oder die Bravo Zeitung am Kiosk holen, also willigte ich ein. So war das bei uns
zuhause. Es gab nur wenige Regeln und Respekt gab es in unserer Familie so gut wie überhaupt keinen. Von Anstand brauchten wir gar nicht erst zu reden. An dem Tag kassierte ich tatsächlich 50
Mäuse fürs Spannen. Das bestärkte mich natürlich in meinem fatalen Handeln.
Hinsichtlich ihrer eigenen Praktiken war Mama derart abgestumpft, dass ich glaubte, sie würde mich höchstens müde belächeln oder bedauern, wenn ich ihr von meiner Angst erzählte, mit Werner
allein sein zu müssen. Sie mochte weder den Hund wirklich gut leiden, weil der nicht stubenrein war, noch mochte sie die widerlichen Aktionen ihres Freundes. Keinesfalls würde sie sich
jedoch darum kümmern, dass es ein Ende nahm, ehe es begonnen hatte.
Auch wenn sie mit Werner schimpfte, so war es ihr egal, dass er in meine Unterwäsche wichste und mich liebend gern nackt fotografierte. Ebenso war es ihr latte, dass Werner Dinge auf Lager hatte,
von denen selbst ich noch nichts wusste, jedoch intuitiv ahnte, dass es da weitere Abscheulichkeiten in der dunklen Seele des Mannes gab.
Mama wusste bestimmt, dass Werner regelrecht danach lechzte, diese ekelhaften Fotos mit mir und Balou zu machen. Wahrscheinlich profitierte auch sie von dem Geld, das er kassierte und einsteckte.
Deshalb hielt sie ihren Mund.
Die Haustür fiel ins Schloss. „Mama?“, rief ich. Keine Antwort. Eine gespenstische Stille herrschte in
unserer Wohnung. Leisen Schrittes tapste ich über den Flur zur Küche. „Mama?“, rief ich noch einmal.
Die Schule hatte früher geendet. Nach der vierten Stunde war Feierabend. Ein komisches Gefühl beschlich mich. Balou begrüßte mich nicht wie gewohnt.
Mama war ganz sicherlich nicht mit dem Hund auf einen Spaziergang unterwegs und meine Geschwister drückten noch die Schulbank. Der einzige, der zuhause sein konnte, war Werner. Ich vernahm ein
dumpfes Stöhnen aus dem Wohnzimmer. Ungewohnte Laute drangen in meine sensiblen Ohren. Ein schweres Atmen legte sich in die Geräuschlosigkeit des angebrochenen Mittags und die Angst der Sorge,
etwas ginge nicht mit rechten Dingen zu, beschlich mich zusehends und verpasste mir den Kloß in den Hals. Mein Herz schlug mir bis unter die Schädeldecke, das Pochen in meiner Brust und das
Ticken der antiken Wanduhr durchbrachen fast im Takt die merkwürdige Stille und jene Geräusche der Seufzer und stöhnenden Laute, die eindeutig von Werner stammten. Die Wohnzimmertür war nur
angelehnt. Erschrocken blickte ich auf den nackten, behaarten Hintern über Werners heruntergelassenen Hose. War Mama wirklich nicht zuhause? Ich traute ich mich nicht, noch einmal nach ihr zu
rufen. Vorsichtig näherte ich mich dem Geschehen. Was zur Hölle, trieb der Kerl vor dem Wohnzimmertisch? Ich wagte mich noch einen Schritt näher heran und spähte neugierig durch den Türspalt. Ich
vernahm wimmernde Laute, die eindeutig zu Balou gehörten. Das abscheuliche Bild, das sich meinen kindlich erschrockenen Augen darbot, schockierte mich dermaßen, dass ich handlungsunfähig
war.
Vergessen habe ich diese grausamen Szenen nie.
Es riss mir den Boden unter den Füßen weg.
Rückwärts taumelte ich aus dem Focus des Geschehens. Panisch verbarrikadierte ich meine Kinderzimmertür. Hektisch schob ich den Schreibtisch davor und kleinere Gegenstände. Verrammelte die Tür
mit allem, was ich fand. Ich wollte Werner jetzt nicht unter die Augen treten. Nie wieder. Weinend warf ich mich auf mein Bett. Balou war mein bester Freund und Freunden durfte man nicht
wehtun.
Am nächsten Morgen, nach einer ruhelosen, schlaflosen Nacht, in der ich über Werners Schandtaten nachgedacht und bitterlich geweint hatte, war ich mir sicher, dass es niemals richtig sein konnte,
einem wehrlosen Tier etwas derart Abartiges anzutun. Ich nahm all meinen Mut zusammen und erzählte meiner Mutter von dem schrecklichen Erlebnis. Sie schenkte meiner Erzählung ebenso wenig
Aufmerksamkeit, wie all den anderen Wichtigkeiten und Nichtigkeiten im Leben ihrer Kinder.
„Ach Schätzchen, da flunkerst du dir aber wieder ein bisschen was zurecht. Das war bestimmt alles gar nicht so schlimm, wie du es mir jetzt erzählst.“
„Doch, war es!“, beharrte ich.
Meine Mutter schenkte mir ein Augenrollen.
„Du hast eine lebhafte Fantasie, Verena! Du solltest weniger Horrorfilme gucken.“ Meine Mutter glaubte mir nicht. Ich bin mir sicher, sie kannte die Wahrheit, aber die war ihr schlicht und
ergreifend egal. Oftmals hörte ich das leise Wimmern des Hundes. Es blieb nicht bei diesem einen Mal. Werner verging sich immer wieder an dem wehrlosen Tier. Ich war zu klein, um etwas gegen den
Erwachsenen auszurichten.
Was hätte ich tun sollen?
Geburtstag
Mama, meine Geschwister, Werner und ich saßen in einem feinen Lokal und aßen zu Mittag.
Dass wir zusammen ausgingen, die ganze Familie beieinandersaß und das nicht in irgendeiner Frittenbude bei Currywurst Pommes, sondern im 3 Sterne Restaurant, bei Sushi und Prosecco, das gab es
eigentlich nur an Weihnachten oder zu Geburtstagen. Werner feierte seinen 40-jährigen und er hatte uns alle Mann eingeladen.
Wir Kinder versuchten uns so vornehm zu benehmen, wie nur eben möglich. Mama hatte uns zuhause eindringlich darum gebeten, sie ausnahmsweise einmal nicht zu blamieren und uns an diesem besonderen
Tag ihretwegen zusammenzureißen.
„Die Gabel hält man in der linken Hand!“
Dem Paul warf ich einen verstohlenen Blick zu. Die Erbsen rutschten ihm durch die Zinken seiner Gabel.
Da war nichts zu machen, er nahm die Finger hinzu, stopfte die grünen Kügelchen in seinen Mund und am Tisch gab es lautes Gelächter.
„Paul!“, ermahnte Mama meinen kleinen Bruder.
„Jetzt reiß dich mal zusammen. Du sollst zum Essen das Besteck benützen und nicht deine Finger!“
„Es geht aber nicht anders“, jammerte Paul und wischte die dreckigen Finger an der Tischdecke ab.
Alles lachte, nur Mama nicht.
„Ich hatte euch doch um etwas gebeten“, seufzte sie.
„Lass die Kinder, Chrissi. Du bist doch sonst auch nicht so streng.“ Werner legte ein gutes Wort für uns ein. Seine Laune war hervorragend an diesem Tag und ich glaubte mir erlauben zu dürfen,
ihn auf die Sache mit Balou anzusprechen. Ich wollte, dass es aufhört. In meinem Herzen saß ein Schmerz den ich loswerden musste.
„Der Hund mag das nicht, was du mit ihm machst“, sprach ich. Meine Tonlage war für das Ambiente in dem wir uns befanden, wahrscheinlich deutlich zu laut gewählt. Die Leute am Nebentisch warfen
uns interessierte Blicke zu. Mir als Kind, war das völlig egal und ich schämte mich natürlich für nichts.
„Geht das schon wieder los?“
Mama warf mir einen ihrer entrüsteten Drohblicke zu.
„Werner soll mit dem Balou keinen Sex machen“, plapperte ich munter weiter.
„Wie bitte?“ Mamas Augen wurden riesig. Riesig groß.
Werner lachte verlegen.
„Kannst du bitte aufhören damit, Verena?“, zischte Mama.
Wenn Blicke töten könnten, hätte ich die nächsten Stunden nicht überlebt. Hoffnungsvoll blickte ich zu ihrem Freund. Er hatte gute Laune, er musste mir einfach zuhören. Er musste mir versprechen,
dass er dem Balou nicht mehr weh tun würde. Heute auf seinem Geburtstag wäre der richtige Augenblick, die Angelegenheit ein für alle Male zu klären, glaubte ich.
„Ich will nur, dass du mir versprichst, dass du lieb zu dem Hund bist. Der Balou hat ganz dolle Aua, wenn du das mit ihm machst. Er weint und jault.“
„Wenn ich was mit ihm mache?“
Werner lehnte sich entspannt auf seinem Stuhl zurück. Faltete die Hände, atmete tief ein und ganz langsam wieder aus.
„Sex!“, sagte ich.
„Du kleiner Hosenscheißer willst mir also Vorschriften machen, was und wen ich ficken darf und wen und was nicht?“
Die Leute am Nebentisch sahen nun nicht mehr nur zu uns herüber, sie drehten sich sogar zu uns um.
Werner fuhr mit der Zungenspitze entlang seiner Backentasche, ich sah es an der Ausbeulung hinter seiner Wange und an den hektischen Bewegungen.
„Hör zu, Rotznase! Ich bumse was und wen ich will, verstanden?“
Der Kellner griff in das Geschehen ein. Das Gespräch war ihm nicht entgangen.
„Darf es noch etwas zu trinken sein?“ Er bluffte mit hochrotem Kopf. Mir warf er einen besonders merkwürdigen Blick zu. Ich dachte, der schmeißt uns jetzt jeden Moment alle Mann raus.
„Ja, ich brauche jetzt einen doppelten Schnaps“, seufzte Mama. Werner wischte mit der Serviette über seinen Mund.
„Können wir das Gespräch vielleicht zuhause fortführen?“ Er lächelte tapfer.
„Du sollst es versprechen!“, bettelte ich.
„Bist du jetzt fertig?“ Werners Augen versprühten Feuerfunken.
„Ja ich verspreche dir alles, Herzchen! Alles, was du willst, mein Sonnenschein. Heute ist mein Geburtstag, da wollen wir uns doch nicht streiten, da wollen wir fröhlich sein, nicht wahr?“
Bämm, da war es wieder. Das schlechte Gewissen. Nein, ich hatte gewiss nicht streiten wollen.
Als wir nach dem Restaurantbesuch nach Hause fuhren, stritten Mama und Werner fürchterlich miteinander. Meine Mutter hatte nach dem Schnaps noch drei Gläser Wein bestellt. Auf dem Weg über den
Parkplatz zum Auto hin, schwankte sie bedrohlich.
„Musst du dich immer besaufen?“, griente Werner.
„Musst du dich immer danebenbenehmen?“, lallte Mama und warf sich ächzend in den Beifahrersitz.
„Wieso danebenbenehmen? Ich habe euch eingeladen und wir haben meinen Geburtstag gefeiert. Wo ist jetzt bitte schön das Problem?“
„Du Tierficker!“, brüllte Mama plötzlich.
Ruhe! Welch eine bedrohliche Stille. Lediglich die Alkoholfahne durchbrach eine beängstigende Atmosphäre.
„Schrei mich nicht an!“, entgegnete Werner.
„Das ist ekelhaft, was du machst. Und dann vor den Kindern. Schämst du dich gar nicht?“
„Ach, jetzt kommst du mir als der Moralapostel daher oder was?“ Werner lachte bitter.
„Du solltest besser aus meinem Leben verschwinden. Ich will nicht, dass meine Kinder in kriminellen Verhältnissen aufwachsen.“
Mama begann plötzlich zu weinen.
„Ach, interessant. Das ist dir aber früh eingefallen!“ Werner warf einen grantigen Blick in den Rückspiegel. Der galt mir.
„Da! Sieh mal, was du angestellt hast. Jetzt weint deine Mutter! Alles nur wegen dir!“
Die Streitereien gingen bis tief in die Nacht. Mein schlechtes Gewissen drohte mich aufzufressen. Ich lag weinend in meinem Bett und verstand die Welt nicht mehr.
Erstaunlicherweise schien sich Werner meine Bitte zu Herzen genommen zu haben. Ich entdeckte ihn jedenfalls nicht mehr in unserem Wohnzimmer. Allerdings ging er mit dem Hund regelmäßiger
spazieren, viel öfter als sonst, aber auch dabei dachte ich mir nichts. Eines Tages kehrte er ohne den Hund zurück.
Ich wollte soeben nach draußen stürmen, hatte mich mit Mamas Erlaubnis mit einer Freundin zum Spielen verabreden dürfen und wäre vor Freude bald geplatzt, als Werner wie ein Häufchen Elend, im
Rahmen der Wohnungstür lehnte. Ich kapierte gleich, da musste etwas Schlimmes geschehen sein. Es schien, als müsste er sich die passenden Worte zurechtlegen, für wen auch immer, für was auch
immer und worüber auch immer, bevor er über die Schwelle trat.
„Is was?“, fragte ich vorsichtig.
Er antwortete nicht gleich.
„Ist etwas passiert?“
„Ja, so kann man es auch nennen“, kam es kläglich über seine blassen Lippen.
„Wo ist Balou?“ Ängstlich blickte ich ins Treppenhaus.
Noch ahnte ich nichts Böses.
„Tot!“, sagte Werner fahl.
Das Halsband und die Leine legte er auf die Anrichte im Flur. Sein Gesicht war aschgrau und von Sorgenfalten durchzogen. Ich nahm das Halsband an mich und streichelte über das ölgetränkte Leder.
Mein Balou, mein alles geliebter, bester Freund, sollte tot sein? Nie mehr zurück nach Hause kommen? Warum?
„Tot?“, schluchzte ich fassungslos.
Tränen traten in meine Augen.
„Überfahren worden!“, haspelte Werner. Seine Hand legte er auf meinen Kopf. Mechanisch streichelte er über mein Haar.
„Es tut mir so leid, Verena“, stammelte er.
„Nein! Balou ist nicht tot!“, schrie ich.
Fertig mit den Nerven, rannte ich in mein Zimmer und schlug lautstark die Tür zu. Es dauerte Tage, bis ich begriffen hatte, dass ich meinen Hund nie wieder in meine Arme schließen würde. Das
gutmütige Tier sich nicht mehr an mich schmiegte, um meine Tränen zu trocknen. Der Schmerz saß tief und der Hass auf jenen Menschen namens Werner, der mir das Liebste genommen hatte, was ich
besaß, wurde zusehends größer. Fast unerträglich. Warum hatte er nicht aufgepasst? Nicht wirklich Acht gegeben auf den Hund? Ich hasste diesen Menschen. Abgrundtief. Nachts sprach ich in den
dunklen Himmel. Wenn ich schlaflos und voller Sehnsucht im Glauben an die Gerechtigkeit, den ich mit nur elf Jahren bereits unbewusst verloren zu haben schien, an meinem Fenster hing und mit
Tränen in den Augen hinauf zu den Sternen blickte, sagte ich weinerlich: „Wenn ich groß bin, dann töte ich den Werner und alle anderen Menschen, die Tieren weh tun.“
Manchmal regeln sich gewisse Dinge im Leben von selbst. Mama nannte es „Karma“…
„Wie konntest du nur?“
Mama war außer sich. Ich hatte mich auf leisen Sohlen vom Kinderzimmer über den Flur bis zur Küche schleichen wollen, machte jedoch auf halbem Wege Halt, als ich hörte, dass sie und Werner wieder
einmal stritten.
„Der Hund gehört mir. Also ist es meine Sache, was ich mit ihm mache.“
„Der Hund gehört Verena. Du hast ihn ihr geschenkt. Zum Geburtstag. Das kannst du doch nicht vergessen haben, du Penner!“
„Ach komm, du bist doch froh, dass der Köter weg ist.“
„Ja wegen der Arbeit und weil niemand mit dem armen Tier rausgegangen ist. Hättest du mir allerdings gesagt, dass du ihn an ein Tierbordell verkaufst, dann hätte ich da sehr wohl etwas dagegen
gehabt. Was für ein dreckiges Arschloch muss man sein, um so etwas zu tun? Das ist beschämend und widerlich! Ein hilfloses Tier in einen Puff zu verkaufen. Ich schäme mich für dich!“
„Ihm geht’s da prima. Er bekommt seine Mahlzeiten und Streicheleinheiten. Was will man mehr für einen verlausten Köter?“
„Streicheleinheiten nennst du das? Du bist menschlicher Abschaum“, schrie Mama.
Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen. Balou war gar nicht tot? Werner hatte mich die ganze Zeit belogen?
Für mich stürzte eine Welt zusammen.
Fassungslos betrat ich die Küche.
„Du hast gelogen!“, brüllte ich tränenerstickt.
„Jetzt komm du mir nicht auch noch quer!“ Werner legte seinen Unschuldsblick auf.
„Du hast gesagt, Balou sei tot.“
„Ja ich habe gelogen. Na und? Mein Hund, meine Regeln. Ich bin hier niemandem Rechenschaft schuldig, was ich mit meinem Eigentum mache.“
Werner nahm es gelassen, dass ihn zwei entsetzte Kinderaugen anblickten. Verheulte Iriden, die die Welt nicht mehr verstanden.
„Ich will Balou sehen. Ich will ihn wiederhaben!“, schniefte ich.
„Ach, ihr könnt mich doch alle mal am Arsch lecken. Dem Mädchen soll ich versprechen, dass ich mich nicht mehr an dem Hund vergreife, die Alte will ihre Ruhe vor dem Vieh haben, weil es die Bude
vollpinkelt und da handelt man, gibt den Köter weg und es ist noch nicht richtig.“ Werner fluchte.
Einige Tage nach dem Vorfall klingelte es an der Wohnungstür. Ich lugte wie gewohnt durch den Türspion bevor ich die Vorhängekette öffnete. Bestimmt war es wieder jemand vom Jugendamt. Als ich
jedoch die beiden Polizisten in ihren Uniformen im Hausflur entdeckte, wäre ich vor Schreck bald auf meinen Hintern gefallen. Auf allen Vieren krabbelte ich in Mamas Schlafzimmer. Sie war mit
einem Freier beschäftigt. „Mama, Mama!“, rief ich aufgebracht. Meine Stimme überschlug sich. Wenn ich in meinem Leben vor irgendetwas und irgendwem wirklich richtig fies Angst hatte, dann war es
die Polizei.
Die Beamten suchten nach Werner. Angeblich lag ein Haftbefehl gegen ihn vor. Er war nicht zuhause.
„Keine Ahnung, wo sich der Wichser wieder rumtreibt.“ Mama zog sich die Träger vom Hemdchen über die Schultern und stolperte untenrum nackt, zur Tür. Die Polizisten blickten sich amüsiert
an.
„Sie arbeitet als Prostituierte. Hat einen Gewerbeschein“, sagte einer der beiden. Ja, meine Mutter war bekannt wie ein bunter Hund und ich erinnerte mich, dass der Polizist, der das mit dem
Gewerbe gesagt hatte, auch schon mal als Kunde in unserer Wohnung gewesen war. Ich konnte mir ganz gut Gesichter einprägen und seins glaubte ich in Mamas Schlafzimmer gesehen zu haben.
„Geh auf dein Zimmer, Verena“, zischte meine Mutter und ich gehorchte. Mein Ohr legte ich an die Tür um zu lauschen.
„Ja ist gut, ich packe seine Sachen zusammen.“
Die Tür fiel ins Schloss. Ich blickte aus dem Fenster. Der Streifenwagen fuhr aus der Einfahrt und ich sah ihm nach. Ohne Ta tü ta ta.
Von Werner fehlte jede Spur. Mama packte allerdings seine Reisetasche.
„Und was machen die mit dem ihm, wenn sie ihn finden?“ Ich schlich zu ihr.
„Verschwinde, Verena. Ich bin jetzt nicht in der Verfassung, dir zu erklären, was hier gerade vor sich geht.“ Die Stimme meiner Mutter war brüchig. In ihren Augen hatte ich eine Träne
gesehen.
„Bist du traurig?“, fragte ich. Ich mochte es nicht, jemanden weinen zu sehen. Meine Mum schon gar nicht.
„Du sollst verschwinden!“, fauchte sie.
„Ich will dich trösten!“, sagte ich.
In meinem Herzen tat es weh, dass sie mich herablassend behandelte.
„Trotzdem. Hau ab!“, weinte sie.
Wenige Tage später saß sie im Wohnzimmer auf der Couch. Locker lässig die Beine übereinandergeschlagen, Kippe auf dem Zahn und schaute merkwürdige Filme an. Vorsichtshalber klopfte ich an die
Tür. Ich spürte die angespannte Stimmung.
„Komm ruhig rein, Verena. Kannst du dir wenigstens die Sauerei auch gleich ansehen“, sagte sie müde und klopfte mit der Hand auf den freien Platz neben sich. „Ich habe Werners Filmchen gefunden.
Die hatte er alle im Schrank versteckt“, seufzte sie. „Ich habe es dir gesagt“, flüsterte ich, während ich erstarrt auf den Fernseher blickte. „Ich habe den Typen geliebt. Ich hätte meine Hand
für den Kerl ins Feuer gelegt. Gut, er war ein Schwein, aber das sind alle Männer. Von Fantasien geplagt, stecken sie ihre Schwänze auch gern mal in fremde Muschis und gehen fremd, ohne ein
Geheimnis daraus zu machen. Reißen mit ihren Freunden dreckige Witze über ihre Frauen, aber dennoch, ich habe ihn geliebt.“ Über Mamas blasses Gesicht liefen Tränen.
„Was hat er mit Balou gemacht?“, flüsterte ich. Angewidert nahm ich meine Augen von der Mattscheibe. Obwohl ich noch sehr jung war, verstand ich genau, wie pervers das Treiben jener Männer war,
die in dem Film ihre Penisse in Hundepopos steckten und sich dabei ablichten ließen.
„Das ist verboten!“, sagte ich klug und zeigte auf das Gerät.
„Das Angucken nicht“, stöhnte Mama.
„Aber das, was die mit den Tieren machen.“
„Solange den Viechern kein Schaden zu gefügt wird, ist es in Ordnung.“ Mama nahm einen Schluck Bier aus der Dose.
„Die Männer sind böse, Mama.“
„Ja, das sind sie und die Welt in der wir leben, die ist schlecht. Verdammt schlecht.“
„Wo ist Balou? Können wir ihn nicht wiederholen? Bitte, Mama“, jammerte ich.
„Balou sitzt im Tierbordell. Wahrscheinlich irgendwo im Ausland. Den sehen wir nicht wieder.“
„Was ist ein Tierbordell. Mama?“
„Ein Puff für Tiere. Menschen bezahlen, dafür, dass sie ihre abartigen Neigungen mit Pferden, Hunden und anderen Vierbeinern ausleben dürfen.“
„Was sind Neigungen?“
„Werner hatte Balou gut erzogen. Ich weiß was er mit dem Köter gemacht hat. Er hat in abgerichtet. Ihm Dinge beigebracht, die nicht dem natürlichen Instinkt des Tieres entsprechen und weil ich
nicht wollte, dass er diese Triebe an dir und deinen Geschwistern auslässt, hat er den Hund kurzerhand verkauft. Für Kohle wäre der Wichser über Leichen gegangen.“ Mama schaltete den Fernseher
aus.
„Ich muss den ganzen Kram wegschmeißen. Der Bullshit ist wahrscheinlich ein Vermögen wert, aber ich will den Scheiß nicht in der Wohnung haben.“
„Ich möchte, dass Balou zurückkommt“, schluchzte ich. Mama räumte die Filme in einen Karton.
„Wohin mit dem Müll?“, seufzte sie und im gleichen Atemzug: „Sollte man eigentlich den Bullen mitgeben, den Pornokrempel. Habe aber keine Lust auf noch mehr Ärger.“
„Ich werde Balou rächen“, sagte ich mit erhabener Brust.
„Du wirst was?“ entlockte ich ihr ein kleines Lächeln.
„Er war mein Freund und er wollte garantiert nicht in diesen Tierpuff.“
Mama verdrückte eine winzige Träne. Sie zögerte, doch dann legte sie ihre Hand auf meinen Kopf. Wuselte durch mein Haar. „Ich habe dich lieb, Verena. Du hast ein gutes Herz mein Schatz. Ein
besseres als ich, deine Mutter.“
Wir verweilten einige Sekunden. Einer der wenigen Augenblicke, in denen mein Kinderherz mit einer Welle Liebe geflutet wurde. Es tat gut. Dann griff Mama zum Telefonhörer und rief irgendwen an,
dem sie die Filme aufs Auge drücken wollte.
Ein älterer Mann stand wenige Stunden später vor unserer Wohnungstür. Freudig nahm den Karton entgegen. Er sah dankbar aus.
„Weißt du, was du damit für Kohle hättest machen können, Chrissi? Pass nur auf, wenn der Werner wieder auf freien Fuß kommt. Dann hast du vielleicht ein fettes Problem am Hals. Er wird sein
Eigentum wiederhaben wollen.“
„Und wenn schon.“
„Falls du Hilfe brauchst“, brummte der Alte.
„Ich komme schon klar. Danke!“ Mit dem Fuß der in ihrem ausgelatschten Schlappen steckte, drückte sie die Wohnungstür zu. Mit dem Rücken zur Wand gerichtet, ließ sie sich an dem Rauputz
heruntergleiten. Ging in die Hocke und stützte die Hände vor das verheulte Gesicht. Ich lief zu ihr und legte meinen Arm um ihre Schultern.
„Nicht weinen“, tröstete ich sie.
Vier Jahre später
Meiner Mutter entglitt ihr Leben zusehends.
Während sie sich mit Drogen zudröhnte, weil sie den Sumpf, in dem sie vegetierte, nicht mehr ertragen konnte, brach ich die Schule ab, um mich um meine beiden jüngeren Brüder zu kümmern. Mama
schaffte den Haushalt nicht mehr, ließ alles stehen und liegen. Das Geschirr stapelte sich, die Wäsche und die Wohnung verdreckten allmählich. Niemand außer mir schrubbte den Flur, wusch die
dreckige Wäsche und wischte das Badezimmer. Meist lag meine Mutter den lieben Tag lang im Bett. Entweder alleine oder mit ihren Typen. Geld war anfangs noch genügend vorhanden, wir mussten keinen
Hunger leiden, aber die Situation wurde für uns Kinder zusehend beängstigend und durch den Drogenkonsum, knapper. Siegfried füllte weiterhin die Formulare aus. Kritzelte in die Akten, dass alles
mit rechten Dingen zuging und in feinster Ordnung sei. Er beruhigte meine nicht unbegründeten Sorgen, dass das Jugendamt meine Brüder und mich in Pflegefamilien steckte, wenn Mama nicht mehr in
der Lage wäre, für uns zu sorgen. Einer ihrer Freier sagte zu mir: „Verena, deine Mutter ist zugedröhnt bis über beide Ohren. Das macht keinen Spaß, eine Drogenleiche zu ficken. Wie alt bist du?
Sollen wir zwei es miteinander versuchen? Komm, dann bin ich wenigstens nicht umsonst hergekommen!“
„Nein! Niemals.“ Empört schubste ich den Widerling, der mir ungeniert an die Wäsche ging, von mir. „Nur, weil meine Mutter eine Hure ist, heißt das noch lange nicht, dass auch ich eine werden
will“, schrie ich ihn an.
„Was willst du arbeiten, wenn du nichts gelernt hast?“ Freunde ermahnten mich mit gutgemeinten Ratschlägen zur Vorsicht.
„Egal. Im Puff kann ich immer anfangen“, antwortete ich.
„Dann wirst du niemals besser sein, als deine Mutter.“
„Ist sie schlecht, nur weil sie die Neigungen des männlichen Geschlechts befriedigt? Macht sie der Job zu einem minderwertigen Menschen? Sie arbeitet genauso wie jemand, der den Müll von der
Straße einsammelt oder ein kaufmännischer Angestellter, der im Büro den Schreibkram erledigt. Sie arbeitet und wird für ihre Leistung bezahlt.“ Ich nahm meine Mutter in Schutz.
Die Sprache meines Herzens war eine andere, aber ich wollte über das Leben meiner Mutter nichts kommen lassen. Ebenso wenig über ihre Ehre.
Freunde distanzierten sich von mir. Mir waren ohnehin nicht viele geblieben. Im Kindesalter hatte kaum jemand zum Spielen zu uns nach Hause kommen wollen. Dass es an dem Gewerbe meiner Mutter
lag, das war klar. Mama hatte es aber auch sehr oft verboten, dass ich Kinder zum Spielen zu uns nach Hause einlud. Je älter ich wurde, umso mehr kapierte ich, dass sie mit dem Spieleverbot zum
Wohle ihrer eigenen Kinder gehandelt hatte. Sie hatte nicht gänzlich ihren Stolz verloren. Im Laufe der Jahre fiel es ihr nur immer schwerer, an den letzten Fetzen ihrer Selbstachtung
festzuhalten. Der Drogenkonsum hatte schlussendlich die letzten Kräfte in ihr zunichtegemacht. Meine Mutter tat mir leid. Innerlich zerrissen, musste ich ihrem qualvollen Untergang hilflos
zusehen. Nach der ihr ausgestreckten Hand, mit der ich sie aus dem Morast ziehen wollte, griff sie nicht mehr. Selbst wenn sie es gewollt hätte, ihr Schicksal war besiegelt. Es kam wie es kommen
musste. In einer ihrer einsamen Nächte verpasste sie sich den verfickten letzten Schuss. Obwohl ihre drei Kinder nur zwei Zimmer neben ihrem in ihren Betten lagen und schliefen, verstarb sie
einsam und allein, in den frühen Morgenstunden.
Meine Brüder schliefen noch, als ich sie tot in ihrem Bett fand. Für mich glich es einem Schock, als ich sie schüttelte und rüttelte und merkte, dass sie kein Lebenszeichen mehr von sich
gab.
Meine ältere Schwester Marisa und mein Bruder Pascal waren längst ausgezogen. Beide arbeitslos, mehr schlecht als recht von der Stütze lebend, waren auch sie auf dem besten Wege, vollends in der
Gosse zu landen.
„Versuch wenigstens du ein ehrenwertes Leben zu führen, Verena.“ Das waren ihre letzten an mich gerichteten Worte. Von Gott und der Welt alleingelassen musste sie sich gefühlt haben, als sie sich
das überdosierte Gift in ihre Venen schoss. „Nein, sie hat nichts mehr von alledem gespürt. Sie war viel zu weit schon abgedriftet und vom weltlichen ab, als dass sie traurig gewesen wäre oder
daran gedacht hätte, sich zu verabschieden und euch auf Wiedersehen zu sagen“, trösteten mich Freunde.
Jetzt muss ich nicht nur meinen Hund rächen, sondern auch meine Mutter. Ich weinte leise Tränen, als Mamas lebloser, ausgemergelter Körper, in den Leichensack gezerrt wurde. Abschied
ist ein scharfes Schwert, das tief ins Herz dir fährt.
Meine Mutter hatte mich zu Lebzeiten ab und zu mal mitgenommen, wenn sie ihre Arbeit im Puff verrichtete. Ich kannte einige der
Leute für die sie angeschafft hatte. Während sie in den Stundenzimmern verschwand um ihren Soll zu erfüllen, warfen die Zuhälter ein Auge auf mich. Ich war ein überall gern gesehenes Kind.
Nach Mamas Tod besuchte ich die einschlägigen Etablissements, um den Chefs meine Arbeit anzubieten. Was blieb mir anderes übrig?
„Ach Mädchen. Du willst doch nicht in die Fußstapfen deiner Mutter treten. Sei froh, dass du mit der Scheiße nichts zu tun hast.“ Einer der Big Bosse legte tröstend seinen Arm um meine Schultern.
„Du könntest drüben im Dance fragen, ob du einen Job als Tänzerin bekommst. Das ist ehrenwerter, als deinen süßen kleinen Hintern von dreckigen Schwänzen ficken zu lassen. Du bist mir im Grunde
genommen zu schade für den grässlichen Job.“
Ich stand völlig neben mir.
Der Tod meiner Mutter hatte mich aus der Bahn geworfen. Nicht nur, dass ich vorher schon die Schule hingeschmissen hatte und jetzt ohne Abschluss dastand, es gab kein Erbe. Meine Mutter hatte
nichts von der Kohle die sie gescheffelt hatte, zur Seite gelegt. Das letzte Geld musste sie für Drogen und die Miete unserer Wohnung ausgegeben haben. Zu allem Übel saß ich auf einem Berg
Mietschulden. Die Wohnung war zu räumen. Wohin sollte ich gehen? Und meine Brüder? Was sollte aus ihnen werden? Sie waren noch zu klein, um auf eigenen Füßen zu stehen.
„Du willst also als Tänzerin arbeiten?“ Die Frau im Lederkorsett, mit den hochhackigen Schuhen und dem Schminkkasten in ihrem alten, faltigen Gesicht, blickte mich zweifelnd an.
„Tänzerinnen sehen für gewöhnlich anders aus als du, das weißt du aber schon“, lächelte sie.
„Ja, ich weiß“, sagte ich traurig.
„Puh!“ Sie tat sich schwer.
„Geben Sie mir eine Chance“, bettelte ich.
„Hast du Erfahrung?“
„Nein. Aber ich kann es lernen.“
„Das Tanzen hat man im Blut Mädchen, das kann man nicht lernen.“
„Ich habe jugoslawische Vorfahren und dementsprechend Temperament“, log ich.
„Bitte, lassen Sie es mich versuchen!“ Ich redete mich um Kopf und Kragen.
„Also gut“, gab sich der aufgetakelte Paradiesvogel geschlagen. Ich hatte den Job. Zumindest auf Probe.
Anfänglich fiel es mir wirklich schwer, mich vor dem Publikum fallen zu lassen und vor allem, vor den stierenden Gesichtern der sexgeilen Männer die Hüllen fallen zu lassen. Doch ich wurde immer
besser und die Probezeit bestand ich mit Bravour. Ich fand Gefallen daran, vor anheizender Musik meinen nackten Körper um die Stange zu wickeln. Die bewundernden Blicke der Männer gaben mir
recht, dass ich das, was ich hatte, meine weiblichen Reize, inklusive meines Hüftschwungs, ohne mich zu schämen, zeigen konnte. Oftmals pfiffen sie mir hinterher, wenn ich nach der Show in der
Kabine verschwand und sie riefen: „Zugabe, Zugabe.“
Die Arbeit im Club und jene daheim, mich um meine Brüder zu kümmern, könnte ich nicht dauerhaft unter einen Hut bringen. Ich müsste näher ran ziehen, mir eine Wohnung mieten.
„Du könntest bei Ella im Puff arbeiten. Sie hat bestimmt ein Zimmer für dich frei und dann bist du näher am Geschehen. In den freien Stunden tanzt du bei mir im Club und kassierst in beiden Jobs
Kohle. Irgendwann bist du reich und stehst auf eigenen Beinen. Na, wie wäre das?“ Meine Chefin lachte mich an. Ihr Plan klang gut. Einzig und allein meine Brüder störten in der Ausführung.
„Du musst an dich denken, Mädchen. Willst du dein Leben lang Babysitter spielen?“
Nein, das wollte ich sicher nicht. Aber ich fühlte mich schuldig. Schuldig am Tod meiner Mutter und schuldig, wenn meine Brüder ebenfalls in der Gosse landeten. Das wollte ich verhindern.
„Geh und rede erst mal mit Ella. Vielleicht hat sie eine Idee.“ Meine Chefin steckte mir die Visitenkarte eines anrüchigen Puffs zu.
Mit weichen Knien stand ich vor der Anmeldung des Stundenhotels. Einer der Läden, in den ich mich niemals verirren wollte. Hoch und heilig hatte ich mir geschworen, nicht in die Fußstapfen meiner
Mutter zu treten. Ich holte tief Luft. Überlege, umzudrehen. Vielleicht haben sie hier ein Putzjob zu erledigen oder Büroarbeiten zu vergeben.
Eine aufgetakelte Frau musterte mich aufmerksam, als ich kreidebleich vor dem Tresen stand. Ich fühlte mich wie bei der Bundeswehr. „Na, wer bist denn du?“ Sie lächelte und warf ihren Schal um
den sonnenbankgebräunten Hals. Zwischen ihren Zähnen steckte ein Streichholz, auf dem sie interessiert kaute. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass diese merkwürdige Gestalt jemand von den
Männern klarmachen wollte. Nichts an ihr war natürlich. Nicht einmal der übergroße Busen. Das war alles Silikon, was in dem Büstenhalter steckte.
„Mit Jeanshose und Hoody kommst du in dem Gewerbe nicht weit“, lachte sie.
„Kann ich hier wohnen, wenn ich für Sie arbeite?“
„Oh, du kommst ja schnell zur Sache. Hast noch gar keinen Job aber willst gleich einziehen. Ich bin übrigens Tante Ella.“ Sie reichte mir ihre Hand.
„Verena“, murmelte ich verlegen.
„Na ja, hübsche Haare hast du und deine Titten sehen auch nicht schlecht aus.“ Sie begutachtete mich aufmerksam.
„Vielleicht“, sagte sie.
„Auch, wenn ich nicht aussehe wie eine Hure, ich weiß jedenfalls wie es geht“, versuchte ich sie zu überreden.
„Wie was geht?“
„Na ja, der Geschlechtsverkehr.“
„Ach, du meinst Ficken?“ Bei dem Fäkalwort zuckte ich zusammen. Das war nicht meine Welt. Auch wenn ich in ihr groß geworden war, so verabscheute ich sie mit all ihren Bildern, Ausdrücken und
Szenen, die in meinem Kopf hängen geblieben waren.
„Wie alt bist du?“
„18!“, log ich.
„Na komm, du schaust aus wie 16“, sagte Tante Ella zähneknirschend.
„Ich werde bald 18“, beharrte ich.
Unsere Wohnung daheim musste geräumt werden. Das Geld aus dem Tanzclub reichte für die Miete hinten und vorne nicht. Die Schulden, die meine Mutter hinterlassen hatte, konnte ich nicht
tilgen.
Meine einzige Rettung war Siggi, der Typ vom Jugendamt. Er hatte mir angeboten, eine Unterkunft für mich zu besorgen. Irgendwas in einer sozialen Einrichtung, in der verhaltensgestörte
Jugendliche ihr trauriges Dasein zwischen Therapien, unfähigen Therapeuten, Essen und Schlafengehen fristeten. Dort wollte ich jedoch keinesfalls hin. Für meine Brüder hatte Siggi eine
Pflegefamilie gefunden. Beide sträubten sich allerdings mit Händen und Füßen, mit den fremden Leuten mitzugehen. Ich hielt es für die beste Lösung. Sie würden sich an die neue Umgebung gewöhnen
und mir irgendwann einmal dankbar sein für die Lösungsentscheidung. Auch wenn sie mich jetzt mehr als alles andere in ihrer kleinen, zerbrochenen Welt, hassten, würden sich die Wogen wieder
glätten. Ich versprach ihnen regelmäßige Besuche.
„Du kommst sowieso nicht“, schrie Paul, während ihn fremde Menschen nahezu mit Gewalt auf den Rücksitz des Autos zerrten.
„Du lügst!“, schrie er. „Komm zurück!“
„Nein, ich lüge nicht!“ Mit Tränen in den Augen drehte ich mich um. Zielstrebig ging ich meines Weges. Es gab keinen anderen als diesen. Ich musste hart sein, auch wenn es mir das Herz brach. Für
mich und meine Brüder war es die beste Entscheidung.
„Gut Verena. Du arbeitest zur Probe. Wenn du den Anforderungen entsprichst, kannst du bleiben. Tust du das nicht, ziehst du deines Weges. Das Zimmer in dem du arbeitest, wirst du bewohnen. Die
Kosten ziehe ich dir vom Lohn ab.“ Dankbar hätte ich die ganze Welt umarmen können. So traurig mein Leben derzeit war, so glücklich war ich, nicht auf der Straße gelandet zu sein und ein Dach
über dem Kopf gefunden zu haben. Ich würde mich anstrengen, Tante Ella, nicht zu enttäuschen und ihre Anforderungen und die der Freier zu befriedigen.
Das winzige Zimmer richtete ich mit meinen persönlichen, wenigen Sachen ein. Das waren ein Familienfoto, ein Foto von Balou, mein ältestes Kuscheltier und Kleinkram. Persönliche Andenken an meine
Mutter. Ich hatte ihren Schmuck mitgenommen, den ich in einer Schatulle aufbewahrte. Sie hatte mir mal gesagt, dass die Klunker ein kleines Vermögen wert seien. „Für schlechte Tage, Verena. Ich
schenke sie dir. Wenn ich mal nicht mehr bin, sollen es deine sein.“ Mit Tränen in den Augen strich ich über die Schachtel welche sie mit lustigen Aufklebern beklebt hatte. Ich erinnerte mich
genau an meine Worte. „Aber Mama, du wirst immer bei mir sein. Und wenn du wirklich einmal gehen solltest, dann werde ich den Schmuck aufbewahren und ihn wie einen wertvollen Schatz
behüten.“
Ein Versprechen, das ich ihr zu Lebzeiten gegeben hatte.
Das Leben als Hure würde kein einfaches werden.
Sexuelle Erfahrungen hatte ich kaum welche gemacht. Liebe war für mich etwas Heiliges. Ein Geschäft, mit dem sich kein Geld verdienen ließe.
Vor Tante Ella hatte ich gelogen und ein wenig angeben wollen hinsichtlich meiner sexuellen Erfahrungen, wobei ich mit meinen Augen in den vergangenen Jahren wahrscheinlich mehr gelernt hatte,
als alle Huren in ihrem Bordell zusammen.
Das Leben meiner Mutter diente für mich persönlich allerdings mehr als Abschreckung, als willkürlich mit Männern jeglicher Art ins Bett steigen zu wollen. Sex war für mich etwas Dreckiges. Ein
notwendiges Übel, die überschäumenden Emotionen der Männer milde zu stimmen. Sie waren das stärkere Geschlecht dem sich Frauen zu beugen hatten. So hatte ich es bereits als Kind kennengelernt.
Dennoch, ich brauchte die Kohle. Ohne Zeugnis und Schulabschluss wäre ich in einer Fabrik gelandet. Hätte Tag und Nacht für einen Hungerlohn malochen und Schwerstarbeit verrichten müssen. Das war
nicht das, was ich mir für den Rest meines Lebens vorstellen wollte. Die Arbeit im Puff sicherlich auch nicht, doch zunächst blieb mir keine andere Wahl als jene, mich unter meinem Wert zu
verkaufen und in die Fußstapfen meiner Mum zu treten.
„Wenn wir Frauen nicht spurten, wie die Kerle das wollen, dann geht’s uns an den Kragen“, sagte „Meg. Pantomimenhaft legte sie den Zeigefinger, der ein Messer symbolisieren sollte, an ihren Hals.
Meg wohnte ein Zimmer neben mir.
„Ich will versuchen, ein Zeichen zu setzen!“, antwortete ich, nachdem ich mich mit Namen Verena als „Die Neue“, vorgestellt hatte.
„Wie meinst du das?“ Meg schaute argwöhnisch.
„Ich will anders sein als eine gewöhnliche Hure.“
„Ach? Was soll ich mir nun darunter vorstellen?“ Meg gähnte gelangweilt. Lasziv betrachtete sie mich und zog die Augenbrauen hoch.
„Du bist nicht hässlich. Wir sind alle hübsch und werden von der Männerwelt begehrt. Was also ist anders an dir?“
„Wir sind kein Dreck und sollten uns auch nicht wie solcher behandeln lassen. Von niemandem. Unsere Körper bestehen nicht nur aus Öffnungen, in denen Männer ihre Schwänze stecken. Wir besitzen
Herz, Verstand und Gefühl.“
„Na ja, die eine mehr, die andere weniger.“ Meg lachte. „Niemand von uns muss sich diese Werte von einem Freier kaputtreden lassen.“
„Das tun die doch gar nicht. Eher ficken die was kaputt. Mir hat mal einer den Darmausgang verletzt. Das tat höllisch weh, sag ich dir. Er hatte den Gewindedreher aus seiner Garage mitgebracht
und in meinen Arsch gepfriemelt.“
„Warum hast du dir das gefallen lassen?“, fragte ich entsetzt.
Meg zog die Schultern hoch.
„Weil es Geld bringt!“ Ihre Antwort klang eher nach einer Frage.
„Du bist komisch, Verena“, sagte sie von oben herab. Es war mir egal. Sollte sie mich halten für wen auch immer. Ich würde mir meine Ehre nicht von irgendeinem kaputten Arschloch wegvögeln
lassen. In keinem Puff der Welt. Ich kapierte, meine Zimmernachbarin hatte nicht verstanden, was ich ihr sagen wollte.
Ich beugte mich Tante Ellas Anweisungen. Zog das an, was ich anziehen sollte, um die Blicke der Kunden zu erregen, wenn ich mich unter deren hungrigen Augen in der Bar zur Auswahl ihrer Herzdame
präsentierte. Das Lederzeug sah sicherlich nicht schlecht aus. Klar warf ich verstohlene Blicke in die vielen Spiegel, mit denen das Etablissement ausgerichtet war. Zufrieden mit dem, was ich in
ihnen sah, war ich allerdings nicht. Es war nicht wirklich das, was Erotik meiner Meinung nach ausmachte. Den Busen in das stinkende Leder gequetscht, den Tanga bis in die tiefste Arschritze
gezogen und die Schuhe, auf denen ich n‘ halben Meter über dem Parkett lief, mit ihnen würde ich mir früher oder später nichts anderes als die Haxen brechen. Das war doch alles nur für‘s Kopfkino
der geilen Typen.
Ich liebte es einfach und natürlich. Ich hätte mich auch in Jeans auf den Barhocker gesetzt. Ich war mir sicher, die notgeilen Typen mit anderen Werten überzeugen zu können. Wenn es nach mir
gegangen wäre, hätte ein Bademantel ausgereicht. Seidenstoff, unter dem ich nichts als meinen sinnlichen Körper trug und wenn es hinauf ins Zimmer ging, zog ich ihn aus oder entledigte mich eines
hübschen Kleidchens, von dem ich lediglich die Träger von den Schultern schob und es fallenließ. Erotik war für mich etwas Besonderes.
Mein erster Kunde, der mich damals in dem Hostel buchte, hieß „Joey“. Ob das sein richtiger Name war, keine Ahnung. Er war bedeutend älter als ich. Mir war klar, er hatte Erfahrung und ich
spielte das Lämmchen, das sich an ihm die Zähne ausbeißen sollte. Während mich seine lüsternen Augen bereits in der Bar auszogen und sein schwerer Atem die Treppe hinauf zum Zimmer begleitete,
überlegte ich mir eine Taktik, dem Übel zu entkommen. Der Typ war zu alt für mich. Allein bei dem Gedanken, ihm einen blasen zu müssen, wurde mir schlecht. Er klatschte mehrere Male mit der
flachen Hand auf meinen Hintern. Trällerte dabei irgendeinen Song, in dem es nur ums Ficken ging und von dem ich noch nie etwas gehört hatte, während wir die Stufen hinaufschritten. Das machte
mir diesen Kerl sowas von unsympathisch, dass ich innerlich fluchte, bei Tante Ella eingecheckt zu haben. Ich hatte Männer erwartet, die geheimnisvoll auf mich wirkten und eine Anziehungskraft
auf mich ausübten, dass es mir eine Freude sein würde, ihnen sexuell zu dienen und nicht irgendwelche Flachwichser, die mich behandelten wie eine billig ausgesuchte Warenpuppe aus dem Katalog
„Schnäppchenjäger“.
Und bitte keine alten Säcke, die nicht einmal wussten, wie sie sich einem jungen Mädchen gegenüber zu benehmen hatten. Jene, die glaubten sich alles rausnehmen zu dürfen. Mitten auf der Treppe
drehte ich mich zu dem Widerling um. Mir reichte es nach dem fünften Schlag auf meine Pobacken. Vier Stufen von zehn lagen nämlich noch vor uns.
„Lassen Sie das bitte.“
Er lachte unbeholfen. Wenigstens seine Zähne waren nicht unappetitlich, wenngleich ebenso wenig echt wie sein Charakter. Mit unprofessionellen Kronen überzogen, aber immerhin.
„Warum siezt du mich?“, fragte er perplex.
„Weil die zwischen uns liegende Altersspanne es nicht erlaubt, dass wir uns duzen. Im Gegensatz zu Ihnen, besitze ich Respekt und Anstand.“
„Ha, ich habe in meinem ganzen Leben noch keine anständige Prostituierte gevögelt.“ Der Alte lachte.
„Dann feiern wir zwei heute Premiere!“, antwortete ich. Ich versuchte ruhiger zu atmen. Am liebsten hätte ich ihm eine geknallt. Mit einer Wucht, dass er sämtliche hinaufgestiegenen Stufen zurück
nach unten geflogen wäre. Ein Fußtritt in seine dämliche Fresse hätte es auch getan.
„Was guckst du jetzt so doof?“ Irritiert trat er eine Stufe rückwärts. Er spürte meine Anspannung.
Ich erwiderte ihm nichts. Fixierte ihn lediglich.
„Du bist eine komische Nutte. Aber egal, ich habe bezahlt, also, was ist jetzt?“
„Ja, es ist Ihre Party.“ Ich ließ ihm den Vortritt auf den letzten Stufen, während ich mich höflich vor ihm verneigte. Meine Mutter hatte mir beigebracht, zu Arschlöchern immer freundlich zu
sein.
„Mit Freundlichkeit und Ignoranz strafst du die Menschen die dich nicht mögen und die du nicht magst, am meisten.“
Auch wenn sie es selbst zu den Freiern niemals freundlich war,
hatte sie mich als ein anständiges Mädchen erzogen. Die letzte Ehre, dass es ihr gelungen zu sein schien, wollte ich ihr auf jeden Fall erweisen. Sie sollte stolz auf mich sein, wenn sie vom
Himmel aus von ihrer Wolke auf mich herabblickte.
„Was ist denn das hier für ein Familientreffen?“ Joey nahm, gleich in meinem Zimmer angekommen, ungefragt die Bilderrahmen in seine Hände und begutachtete die Fotos.
„Meine Familie“, antwortete ich gelassen und zog meine Schuhe aus, in denen ich ohnehin nicht laufen konnte. Meine Füße qualmten.
„Und der Köter hier?“ Er nahm das Foto mit dem Hund darauf unter die Lupe.
„Der heißt Balou.“
„Was ist aus ihm geworden?“
„Warum wollen Sie das wissen?“
„Können wir mal das dämliche Sie weglassen? Ich kann nicht mir dir ins Bett steigen, wenn du mich ständig siezt.“
„Warum denn nicht? Ich bin gern höflich zu Fremden.“
„Da kriege ich keinen hoch“, seufzte der Alte.
„Vielleicht ist es auch gar nicht so wichtig, einen hochzukriegen“, mutmaßte ich.
„Wir sind im Bordell Schätzchen und ich habe für den Sex mit dir bezahlt! Da wäre es vorteilhaft, wenn mein Schwanz seine Arbeit verrichtet!“
„Wir sind uns völlig fremd. Kennen nichts voneinander. Das würde ohnehin keine Freude bringen, wenn wir zusammen schlafen!“, säuselte ich. Mir erklärte es sich immer weniger, dass meine
Mutter sich diesem ekelhaften Job hatte hingeben können. Mir wurde bewusst, wie zerrissen sie innerlich gewesen sein musste. Sex für Geld, nur um uns Kinder über Wasser zu halten. Ich verdrückte
eine Träne.
„Mit Fremden ficke ich nicht. Wir kennen uns jetzt und damit basta. Sehr gut sogar. Sonst macht es doch keinen Sinn, mit dir ins Bett zu wollen.“
Joey wurde unruhig. „Du machst mich ganz nervös“, sagte er.
Skeptisch betrachtete er mich.
„Na ja, also vielleicht können wir wenigstens so tun als ob“, näselte er.
„Als ob was?“, fragte ich interessiert. Den Typen zu verunsichern, gefiel mir. Innerlich vollführte ich einen Freudentanz. Vielleicht hatte ich Glück und er würde wieder verschwinden, ohne auf
seine Kosten gekommen zu sein. Das wäre fantastisch. Er war nun wirklich kein Exemplar, auf das ich mich freute und dazu mein allererster Kunde überhaupt. Einer, auf den ich null Bock hatte.
Die Angelegenheit müsste sich auch so klären lassen. Bisher hatte ich nur einmal mit meinem Schulfreund Alex geschlafen. Wirklich schön war auch das nicht gewesen. Wir gingen miteinander,
aber nur eine Woche lang, dann war Schluss. Alex hatte die Beziehung beendet, bevor sie begonnen hatte. Ja, damals war ich traurig. Fühlte mich von ihm ausgenutzt und schlecht behandelt. Sein
Kumpel Moritz erzählte mir später, Alex hätte ihm gesagt: „Einmal ficken, weiterschicken.“ Die Ausdrucksweise hatte mich hart getroffen. Niemals wollte ich zu den Mädchen gehören, die mit
jedem Typen ins Bett stiegen und dann fallengelassen wurden wie eine heiße Kartoffel. Mädchen, die sich durch sämtliche Betten vögelten.
„Nochmal wegen dem Köter.“ Der Alte widmete sich wieder dem Bilderrahmen. Ich hatte auch eine Töle. Der Bastard hieß Freddy Krüger.“
„Freddy Krüger? Wie der ekelhafte Typ aus dem Horrorfilm Nightmare?“, staunte ich.
„Nee, nicht der. Der Köter hieß einfach so. Nicht wegen nem‘ Film. Ich heiße auch Krüger mit Nachnamen, also hat der Köter meinen Namen bekommen. Einen Zweitnamen sozusagen. Ein Hund gehört ja
zur Familie. Wenn er dann schon mal da ist, soll er auch so heißen wie der Rest der Sippe.“
Der Alte stellte das Foto zurück ins Regal.
„Hübsch eingerichtet. Wohnst du hier?“ Neugierig sah er sich um.
„Ja, ich wohne hier“, seufzte ich und befreite meinen Hintern aus dem Tanga. Das elendige Leder reizte meine empfindlichen Hautfalten im Schritt.
Jeden Zentimeter, den ich mich fortbewegte, schmerzte es messerscharf in meiner Poritze.
„Aber, ich habe doch noch gar nichts von Ausziehen gesagt“, faselte Herr Krüger. Enttäuscht blickte er auf meinen entblößten Unterleib.
„Nicht?“ Ich stellte mich dumm.
„So geht das nicht. Du kannst dich nicht schon ausziehen, bevor ich es sage. Und überhaupt, du kannst hier nicht machen, was du willst. Ich habe bezahlt für dich, verdammt. Ich sage, wenn sich‘s
ausgezogen werden soll.“ Er wurde zusehends aufmüpfiger.
„Wir sind hier nicht im Kindergarten, Herr Krüger.“ Ich versuchte sachlich zu bleiben.
„Ach nicht?“ Er schnitt eine Grimasse.
„Schade. Kinder ficke ich auch und das sogar ziemlich gerne. Da darf man sich nur nicht bei erwischen lassen!“ Er grinste hämisch.
Was für ein fieser, schrecklicher Kerl. Wenn alle so wären wie er, würde ich gleich morgen bei Tante Ella wieder auschecken. Boahr! Der Typ wurde mir immer unsympathischer. In meinen Augen hatte
der Dreckskerl die Höchststrafe verdient!
„Wir sind im Puff und wenn Sie mich vögeln möchten, dann sollte wenigstens ich mich schon mal ausziehen dürfen, wenn Sie es nicht belieben, es für ihre Person zu tun.“
„Ich kann so nicht. Ich kann mich nicht fallenlassen bei dir, du bist schrecklich“, nörgelte er.
Ich tat auf ahnungslos. Es war ja mein Plan gewesen, ihn so zu irritieren, dass er freiwillig das Weite suchte. Das war mir fast gelungen. Es müsste doch möglich sein, Geld zu verdienen, ohne den
Arsch hinhalten zu müssen. Ich glaubte es meiner Mutter schuldig zu sein. So oft war sie von all den lüsternen Pennern herablassend behandelt worden. Wie das letzte Stück Dreck und das nur, weil
es ein bisschen Kohle gab, hatte sie sich das gefallen lassen müssen. Hure zu sein war der mieseste, dreckigste Job, den eine Frau jemals verüben müsste. Kein Mädchen der Welt hatte es verdient,
so behandelt zu werden.
„So etwas habe ich ja noch nie erlebt. Das Siezen und dann der ganze Ablauf hier. Erstens will ich mal, dass du mir einen bläst. Aber nicht, wenn du untenrum schon nackt bist. Das irritiert
mich“, schimpfte der Kerl.
Puh, der Typ war eine echte Herausforderung.
„Das heißt übrigens nicht, ich will, sondern ich möchte“, korrigierte ich ihn.
„Bist du Lehrerin oder was? Eine Studierte? Machst du das mit dem Puff nur nebenbei, um dein Studium zu finanzieren?“
„So ungefähr“, log ich.
„Nee, mit einer Studierten kann ich schon mal gar nicht. Eine, die mich während meiner Beschimpfungen noch verbessert, wegen falscher Grammatik und so, da regt sich bei mir gar nichts
mehr.“
Der Typ griff nach seiner Jacke, die er sorgsam über den Stuhl gelegt hatte.
„Beschimpfungen?“, fragte ich interessiert. Die konnte er haben. Zur Genüge.
„Ja, ich muss eine Hure ausschimpfen dürfen, wenn ich mit ihr schlafe. Das ist ein „Fetsche“ von mir.“
„Ein Fetisch!“, verbesserte ich ihn.
„Nee, also- so geht das nicht! Hör auf, mich ständig zu korrigieren!“, schrie er. Herr Krüger schritt zur Tür. In der Hand hielt er seine Jacke. Die war ganz knubbelig. Frisch gewaschen zwar, der
Geruch des Weichspülers setzte sich in meine Nase, jedoch war sie nicht gebügelt worden. Eine Frau gab es in dem Leben des Penners sicherlich nicht. Welch ein Glück. Er schimpfte wie ein
Rohrspatz und hatte mein Zimmer schon fast verlassen, als er noch einmal innehielt.
„Ist das hier versteckte Kamera oder was?“, fluchte er. Na, den Typen war ich ja hervorragend wieder losgeworden. Auch ganz ohne mich mit ihm sexuell eingelassen zu haben. Nur sein Geld, das
durfte er jetzt nicht zurückverlangen. Dann würde ich sicherlich großen Ärger von Tante Ella kassieren und meine Bleibe verlieren. Wie konnte ich das Malheur, kein Sex gegen Geld, unter einen Hut
bringen?
Ich versuchte zu tricksen.
„Sie werden jetzt sicherlich Ihr Geld zurückverlangen“, sagte ich. Reizvoll warf ich mich aufs Bett. Von dem starren, viel zu engen Büstenhalter, hatte ich mich in der Zwischenzeit ebenfalls
entledigt. Nackt, wie Gott mich geschaffen hatte, lag ich auf der frisch bezogenen Matratze. Spannte mein Kreuz an und streckte dem Typen meine Brüste entgegen Herr Krüger
seufzte. Neugierig blickte er auf die Tätowierungen, die meine weiblichen Rundungen zierten.
„Hübsch“, sagte er sabbernd. Die Geilheit war also doch noch nicht aus ihm verschwunden. Auch wenn ich nicht seinen Vorstellungen entsprach, ich hätte ihn rumgekriegt. Ich wollte nur eben
nicht mit ihm schlafen, ihm keinen blasen und mich von ihm keinesfalls anfassen lassen. Unter dem Strich blieb da nicht mehr viel übrig, den Typen dennoch auf seine Kosten kommen zu
lassen.
Plötzlich entdeckten seine lüsternen Augen die Lederpeitsche. Interessiert blieben sie an dem Folterwerkzeug hängen.
„Hat Ihnen schon mal jemand den Hintern versohlt?“ Ich spürte, meine innere Durchtriebenheit, das Tier in mir, es erwachte. Ich dachte an das Leben meine Mutter. Fast 60 Prozent der Typen hatten
sich von ihr auspeitschen lassen. Gefallen hatte es ihnen obendrein. Dem Wichser namens Krüger hier würde es bestimmt auch schmecken. Und mir erst. Der Typ und ich, wir schrien doch beide
förmlich nach Sadismus.
„Nö“, sagte Herr Krüger. „Hat niemand gemacht.“
„Möchten Sie es mal probieren? Sie könnten mich dann auch so richtig wild beschimpfen, während ich Sie verprügele, wenn Sie möchten. Da stehe ich nämlich voll drauf, mich ausschimpfen zu lassen,
während ich austeilen darf“, log ich. Wobei es nicht einmal gelogen war. Bei dem Typen hätte es mir bestimmt Freude bereitet. Ich dachte an das Geld. Irgendwie müsste es einen Weg geben, seine
Kohle zu kassieren.
Seine Augen leuchteten.
„Ja, das könnten wir mal probieren“, ächzte er und die Jacke wanderte zurück über den Stuhl.
Die Peitsche hing an der Wand. Ich hatte sie von daheim mitgenommen und dekorativ über meinem Bett aufgehängt. Das Originalerbstück meiner Mutter.
„Soll ich mich ganz ausziehen?“, fragte Herr Krüger unbeholfen, den Blick noch immer auf die Ledergerte gerichtet.
„Ja, wir arbeiten uns von oben nach unten“, lächelte ich und nahm die Peitsche aus der Vorrichtung. In meinen Händen kribbelte es. Wie geil es sein musste, solch ekelhaften Widerlingen wie
ihm, richtig eins überzuziehen.
„Wird es sehr weh tun?“, fragte er kleinlaut.
„Oh, das kommt ganz drauf an.“
„Worauf bitte?“
„Was Sie vertragen können“, grinste ich.
Splitternackt tapste ich um die Matratze herum. Begutachtete meine Beute und diese mich.
„Bereit?“
„Bereit!“
Der erste Schlag war mehr oder weniger ein Streicheln. Der zweite Hieb traf schon fester. Herr Krüger stöhnte.
„Tut ganz schön weh“, jammerte er.
„Soll es ja auch“, lachte ich.
„Mistschlampe“, grölte er. Erneut schlug ich zu.
„Dreckiges, behindertes Mädchen.“
„Haben Sie keine besseren Schimpfwörter auf Lager?“, schrie ich ihn an, während ich die nächsten Schläge über seinem breiten Kreuz verteilte. Behindertes Mädchen, das war ja armselig.
„Hurentochter. Fick dich. Fick dich!“, brüllte er plötzlich so laut, dass ich Sorge hatte, aus dem Nachbarzimmer würde meine Kollegin zu uns kommen um zu fragen, was passiert sei oder aber wissen
zu wollen, was wir zwei miteinander trieben. Und dann, schlug ich- so fest ich konnte, unter dem Wortlaut: „Und der hier, du elendiger Schweinearsch, der ist fürs Kinderficken“, auf den Typen
ein. Das Blut spritze mir ins Gesicht.
Ich spürte Erleichterung. Wie eine Verrücktgewordene drosch ich auf den Rücken des Perversen. Kinderficker hätte ich totprügeln können. Er hatte es nicht anders verdient.
„Du dreckiger Wichser. Ich schlag‘ dich tot“, versuchte ich mich in der Fäkalsprache, während ich die Peitsche über seinen mit Leberflecken und Muttermalen übersäten Rücken tanzen ließ.
Der Alte lachte.
„Was gibt es da zu lachen?“
„Das mit dem „Sie“, hört sich unter der Bestrafung der Peitschenhiebe noch schlimmer an, als ohne“, grummelte er schmerzerfüllt. Aber jetzt, jetzt hast du mich geduzt!“
Als ich sah, dass sich nur noch blutige Striemen auf seiner Haut abzeichneten, hörte ich auf. Ich wollte kein Unmensch sein, auch wenn es mir Freude bereitet hatte, auf den Kerl
einzuschlagen.
„Hey, mach weiter Schlampe. Drisch so fest zu, wie du nur kannst, das gefällt mir doch“, lechzte er nach weiteren, ihm zugefügten Schmerzattacken. Jetzt war er tatsächlich auf den Geschmack
gekommen. Wow, da hatte ich ein riesen Glück gehabt. Mir wurde klar, noch einmal durfte ich das Schicksal nicht herausfordern. Wenn ich auf einen Kunden stieß, der mir nicht zusagte, so müsste
ich versuchen, die Angelegenheit trotzdem hinter mich zu bringen. Beine breit machen, Schwanz rein, Schwanz raus.Tante Elle hätte sicherlich was dagegen, wenn ich aus ihrem Puff eine Folterkammer
zimmerte.
„Das war fantastisch!“ Der Alte zog sich die Hose an. Er konnte sich kaum noch bücken, geschweige denn- fortbewegen. Auf dem Rücken blutete er aus sämtlichen Poren. Der rote Saft sickerte
sogar durch sein beiges Hemd.
„Hat Spaß gemacht, wirklich“, raunte er.
„Mir auch“, grinste ich.
„Darf ich noch mal wiederkommen?“, fragte er.
Und er kam wieder.
Woche für Woche.
Und er zahlte ordentlich Trinkgeld.
Jedes Mal verlangte er ausschließlich nach mir und meinen Diensten. Er war süchtig nach den Schlägen, mit denen ich seinen Rücken hinrichtete und ihn emotional demütigte. Auf beiden Ebenen,
physisch und psychisch, gab ich ihm den Rest und er fand es geil. Ans Ficken dachte der Typ nicht mehr. Zumindest nicht mehr im Puff. Manchmal schossen ihm aber auch Tränen in die Augen, das
ließ ihn jedoch nicht davon abbringen, mich zu beleidigen und die Folter unter seinem Schmerzfetisch zu ertragen. Dass ich nackt sein sollte, wenn ich ihm den Arsch versohlte, störte mich nicht.
Hauptsache, wir zwei hatten keinen Körperkontakt.
„Was der nur an dir findet?“, seufzte Tante Ella.
„Der hat sonst immer die Mädchen gewechselt wie seine Unterhosen. Nur ein und dieselbe war ihm zu langweilig und jetzt schreit er nach dir wie ein kleines, verrücktes Baby. Was ist dein
Geheimnis, Verena? Verrätst du es mir?“
Nein, ich bewahrte eisernes Stillschweigen.
„Betriebsgeheimnisse! Die gehen niemanden etwas an!“, sagte ich lächelnd.
Ich leerte Mülltonnen aus, ohne sie anzufassen...
Das Leben im Puff
Seit mehreren Monaten bewohnte
ich jetzt Tante Ellas mir zur Verfügung gestelltes Stundenzimmer. In der Zeit war es mir tatsächlich gelungen, nicht ein männliches Geschlechtsteil in meinen Eingeweiden ertragen zu müssen. Und
dennoch: Jeder von den Typen hatte mich bezahlt.
„Die in dem roten Kleidchen!“
Ein gutaussehender Endvierziger machte mich in der Lounge bei Tante Ella klar. Verträumt saß er auf dem Barhocker und beobachtete Meg bei ihrem galanten Hüftschwung, den sie mit Schmackes um die
eiserne Stange drehte, während ich nur drei Stühle neben ihm saß und auf mein nächstes Opfer wartete. Aus dem Augenwinkel heraus bemerkte ich genau, wie sehr er eigentlich nach mir dürstete, sich
anscheinend jedoch nicht traute, mich anzusprechen.
„Verena“, rief Tante Ella.
Elegant ließ ich mich vom Hocker gleiten. Unter dem Kleidchen trug ich nichts drunter. Bestimmt hatte er meine Scham aufblitzen sehen. Hingeguckt hatte er auf jeden Fall. Lächelnd schritt ich an
ihm vorbei und machte vor der Theke Halt, hinter der Tante Ella den Mädchen die Männer einteilte oder andersrum. „Der Dieter hat dich gebucht.“ Sie deutete auf den Stuhl mit dem Typen, der noch
immer Megs verpatzten Ringeltanz beobachtete. „Vermassele es bitte nicht!“, sagte meine Puffmutter streng.
„Habe ich schon mal was versaubeutelt?“ Ich war verärgert über ihr Misstrauen.
„Das ist ein ganz hohes Tier. Stammkunde. Du bist neu und er will dich ausprobieren. Wenn das in die Hose geht, fällt uns ein Millionengeschäft dadurch.“
„Eine Million… Was?“, fragte ich verblüfft.
„Ja, ein riesiges Geschäft. Ich habe einen Deal mit ihm und er bekommt nur das Beste vom Besten.“
„Oh, und das bin ich?“ Ich glaubte im Gesicht rot zu werden.
„Jetzt komm mal wieder runter von deinem hohen Ross. Du bist nichts als eine lausige Angestellte, die für einen Hungerlohn die Beine breitmacht, während ich für den Spaß, den du den Männern bereitest, außerordentlich gut bezahlt werde.“ Tante Ella liebte es mich zu schikanieren. Daraus durfte ich mir nichts machen.
„Ich sitze nicht auf einem hohen Ross. Ich kann gar nicht reiten.“ Ich zupfte mein Kleid zurecht und machte mich bereit für diesen Dieter. Noch einer mehr auf der Strichliste derer, den ich in die Kunst meiner besonderen Dienste einführen würde.
„Ich kann dich jederzeit rausschmeißen“, erinnerte mich Tante Ella an die Vergänglichkeit meiner Sicherheiten. Die Sicherheit der regelmäßigen Mahlzeiten, ein warmes Bett und ein Dach über dem Kopf zu haben.“
„Guten Abend Dieter“, sagte ich freundlich und setzte mich aufreizend mit einem Longdrink in der Hand neben Tante Ellas angebliches Millionengeschäft. Bestimmt hatte sie übertrieben. Wer oder was sollte dieser Dieter bitte sein, dass sie sich an ihm eine goldene Nase verdiente? Ich arbeitete in einem Gewerbe, in dem verdammt viel gelogen wurde. So viel hatte ich begriffen.
„Hallo Verena“, sagte Dieter jugendhaft und nahm endlich seinen Blick von Meg, die mittlerweile völlig erschöpft am Boden lag und sich wie ein unbeholfener, nassbegossener Pudel noch mehrere Male mit dem Hintern des glatten Parketts um die eigene Achse drehte. Bestimmt war sie wieder zugekifft und stoned bis obenhin. Dass Tante Ella das überhaupt duldete. Als hätte meine Puffmutter Gedanken lesen können, kamen zwei ihrer Gorillas, griffen Meg unliebsam unter die Arme und schleiften sie unsanft von der Bühne. „Show must go on!“, rief Meg winkend.
„Die ist ja sternhageldicht“, bemerkte ich.
„Hauch mich mal an“, forderte Dieter.
„Das ist ein Sex on the Beach“, der hat nicht viele Umdrehungen. Ich bin noch nüchtern“, sagte ich. Unbeholfen steckte ich den Strohhalm zurück in das Glas. Ade, du lieblicher Alkohol, mein Seelentröster.
„Ich mag es nicht, mit einer Nutte zu vögeln, die volltrunken ist.“ Dieter guckte grimmig.
„Ich bin ja nicht mal angeheitert“, erwiderte ich erzürnt.
Tante Ella rollte mit den Augen. Ich warf ihr einen verzweifelten Blick zu. Die Hausregel besagte, ein Getränk durften wir Mädchen zu uns nehmen. Sie wusste genau, dass es mein erster an diesem Abend war.
„Sehr geehrter Kunde, Sie können gern jemand anderes buchen, wenn es Ihnen nicht passt, dass ich meine Lippen mit einem Tropfen Tequila befeuchte und meine Hemmungen, mit Ihnen ins Bett zu steigen, ein wenig auflockere.“
Dieter warf den Kopf in den Nacken. Er schien perplex.
„Was ist das denn für eine?“, rief er über die Theke.
„Ich habe dir gesagt, sie ist anders ist als die anderen.“ Tante Ella lachte und mixte den nächsten Drink.
Mir warf sie einen ihrer Tötungsblicke zu. Ich spürte, versaute ich die Nummer, wären meine Tage unter ihrem Dach gezählt. Entschlossen nahm ich Dieters Hand, stellte das Glas zurück auf den Tresen und zog ihn sanft vom Stuhl.
„Möchten Sie mit mir kommen, Sir?“ Ich übertrieb es gerne mit meiner Freundlichkeit.
Er zögerte.
„Ich stehe zu Ihren
Diensten. Ob mit Sex on the Beach oder ohne.“
Dieter schmunzelte. Von meinem Humor amüsiert, folgte er mir tatsächlich auf das Zimmer. Nachdem die Tür hinter uns ins Schloss fiel, schickte ich ein Stoßgebet zum Himmel. Dieses Mal hätte ich
eine harte Nuss zu knacken. Dazu eine, die verdammt gut aussah. Ich dachte an mein mir gegebenes Versprechen. Möglichst keinen Sex mit einem Freier. Puh, eine kaum zu bewältigende Aufgabe.
„Vorlieben?“, fragte ich plump.
„Ficken. Einfach nur Ficken“, sagte er gefühllos. Sein Aftershave benebelte meine Nase.
„Ficken fällt heute aus.“ Frech grinsend setzte ich mich in den Sessel. Elegant schlug ich das linke Bein über das rechte. Aus der Zigarettenschachtel, die auf dem Tisch lag, fischte ich eine Kippe. Er lachte. Hatte er bisher keinerlei Regung gezeigt, eher den großen Macker raushängen lassen wollen, immerhin war ja er das Millionengeschäft von Tante Ella und ich nur die kleine Nutte, mit der er jetzt bumsen wollte; das feuchte Stück Dreck, das ihm Lust schenkte, hatte ich ihm wahrhaftig ein Lächeln entlockt. Er zückte sein goldenes Feuerzeug und hielt es gentlemanlike unter meine Zigarette.
„Wenn das Rammeln ausfällt, was gibt’s denn dann?“ Er verstellte seine Gesichtszüge. Nicht lachen zu wollen, fiel ihm sichtlich schwer.
„Liebe gibt es, aber die werden Sie sich wohl kaum leisten können.“ Unverschämt blies ich aus meinen Nasenlöchern den kalten Rauch in sein markantes, für einen Mann außerordentlich makelloses Gesicht.
Dieter wischte eine Träne aus seinem Augenwinkel. Eine Lachträne.
„Das ist mir auch noch nicht passiert. Dass mir im Puff die Nutte sagt, dass das Ficken ausfällt und ich mir Liebe nicht leisten kann.“
„Irgendwann ist immer das erste Mal!“, verspottete ich ihn.
„Warum glaubst du mir Liebe nicht leisten zu können?“
Dieter warf sich auf mein Bett. Überkreuzte hinterrücks die Arme und legte seinen Kopf darauf. Die Schuhe zog er nicht aus. Er hatte weder genügend Geld, um die wahre Liebe zu kaufen, noch Anstand genug, sich im Puff zu benehmen.
„Wenn Sie sich Liebe leisten könnten, wären Sie nicht hier.“
„Ach, interessant. Wo wäre ich dann?“
„Bei dem Menschen, der Sie liebt und den Sie lieben.“ Ich provozierte ihn wissentlich.
„Ich habe eine Frau. Sie sitzt zuhause. Sieht fern, hat sich wahrscheinlich soeben was vom Chinesen kommen lassen und später, wenn ich mit dir fertig bin, rufe ich sie an und sage ihr, dass ich sie liebe. Sie ist glücklich mit mir und ich bin es mit ihr. Morgen schließen wir uns wieder in die Arme und alles ist tutti.“
„Und warum sind Sie dann hier? Bei mir? Wollen mit mir schlafen, obwohl Sie glücklich leiert sind?“
Jetzt konnte ich mir das Lachen nicht verkneifen.
„Weil ich sexuelle Vorlieben habe, die ich mit meiner Frau nicht ausleben kann.“
„Weiß Ihre Frau, dass Sie hier sind?“
„Um Gotteswillen. Nein! Ich liebe sie, ich will ihr nicht weh tun. Aber was geht es dich an?“
„Das ist armselig. Laber Rhabarber.“
„Man könnte meinen, man sei beim Psychiater gelandet und nicht im Puff.“ Dieter richtete sich wieder auf.
„Ja und jetzt gehen Sie und werden sich bei Tante Ella über mich beschweren.“
„Richtig!“
„Und ich, ich verliere mein Dach über dem Kopf.“
„Mir egal. Hast du verdient, Schlampe.“
Dieter richtete
seine Hose.
„Wenigstens habe ich nicht meine Ehre verloren.“ Ich spürte, die Situation entglitt mir.
„Wie bitte?“, fragte Dieter perplex.
„Die hätte ich verloren, wenn wir zwei es miteinander getrieben hätten, aber das haben wir nicht.“
„Ach, und deine Ehre ist dir wichtiger, als ein Zuhause?“ Dieter lächelte unbeholfen.
„Dies hier ist nicht mein Zuhause. Und ja, meine Ehre, geht mir über alles.
„Was treibst du im Puff, wenn du dich nicht ficken lassen willst? Anscheinend verstößt der Geschlechtsverkehr mit einem Freier gegen deine Prinzipien!“
„Vielleicht gelingt es jemandem, meine Meinung zu ändern. Sie haben es jedenfalls nicht geschafft.“
„Ganz schön frech und vorlaut.“ Dieter kämmte mit zwei Fingern seine Haare. Dann warf er einen Blick in den Spiegel und richtete seine faltige Hose.
„Wir kennen uns gar nicht“, empörte er sich.
„Genau!“,
antwortete ich.
„Wie kann man da über Menschen urteilen?“
„Ich kann es!“
„Jetzt zick nicht
rum, zieh dich aus!“, fluchte er und wanderte nervös durchs Zimmer.
„Ich habe nicht die ganze Nacht Zeit.“
„Mit verheirateten Männern steige ich nicht ins Bett.“
„Püppchen, du arbeitest hier im Bordell nicht bei der Partnervermittlung. Dann müsstest du von 90 Prozent der Männer die Finger lassen!“
„Genau! Deshalb schlafe ich auch mit Ihnen nicht!“
„Mir reicht es. Ich gehe jetzt.“ Dieter wirkte gereizt.
Wütend schritt er
zur Tür.
„Miststück, Fotze!“, schimpfte er.
„Ja, immer nur beleidigen. Das ist alles was Ihr könnt!“
„Ihr?“, fragte er.
Plötzlich drehte er sich noch einmal um.
„Sag mal, wenn du
hier tatsächlich nicht die Beine breitmachst, wie kommt es, dass dich Tante Ella noch nicht rausgeschmissen hat?“
Ich holte tief Luft. Das war ja keine kurzweilige Geschichte.
„Bisher haben mich alle Männer bezahlt und sie kommen gerne wieder. Ich bin eine heißbegehrte Prostituierte und ich glaube Tante Ella ist zufrieden mit mir.“
„Dass ich nicht lache. Du bist die erste und einzige Nutte, die ich kenne, die sich nicht traut!“ Dieter nahm die Hand von der Türklinke und trat noch einmal zwei Schritte zurück.
„Für was haben die
Schlappschwänze dich bezahlt?“ Sein Gesicht sah sensationsgeil aus.
„Das ist sehr unterschiedlich. Der eine kam auf den Geschmack, dass es auch ganz nett wäre, sich von mir auspeitschen zu lassen. Ein anderer fand Gefallen daran einfach nur mit mir zu reden. Er
stellte sich vor, er läge beim Psychologen auf der Couch und ich sei seine Behandlerin. Wann kommt man als Patient in den Genuss, einer nackten Therapeutin gegenüberzustehen und sich ihr in allen
sexuellen Schandtaten offenbaren zu dürfen, ohne Hemmungen zu haben? Natürlich habe ich einigen von ihnen auch die Geschlechtsteile geleckt, ihnen einen runtergeholt, die Hoden gekrault oder den
Rücken massiert. Für sie getanzt, einen Stripp hingelegt, was auch sie immer sich gewünscht haben, aber mehr eben nicht.“
„Das ist ja lächerlich was du erzählst. Ich werde dafür sorgen, dass du das nächste Mal, wenn ich wiederkomme, nicht mehr da bist. Du bist eine Schande für alle Huren!“
„Und warum? Weil ich nicht der Norm entspreche? Weil ich mich nicht für das dreckige Geschäft hingeben mag?“
„Ja genau deshalb. Du bist Ware und ich habe für dich bezahlt. Also…“
„Also meinen Sie, das Recht zu besitzen, mich erniedrigen zu dürfen und das hinge einzig und allein vom Geld ab? Von Ihrer Kohle, wohlgemerkt?“
„Ja, das meine
ich.“
„Ach, und da ist es egal, ob es mir Spaß macht oder nicht? Ich bin das benutzte Stück Dreck, das man formen kann, wie man will, wenn man es möchte.“
„Ich habe nie gesagt, dass Nutten Dreck sind. Ebenfalls nicht, dass ich sie als solchen behandele. Das ist deine Interpretation.“
„Und wenn ich Sie jetzt bitte, Ihre geplanten Vorlieben mit mir auszuleben, nur damit ich mein Dach über dem Kopf nicht verliere, dann würden Sie es selbstverständlich tun?“
„Was würde ich tun?“
„Mit mir schlafen!“
„Nein, jetzt nicht mehr. Du bist mir unsympathisch. Aber sowas von.“
„Das war ich vorher auch. Ich bin wie ich bin. Mein Charakter ist immer derselbe. Das war er vorhin als wir uns in der Bar getroffen haben, gestern auf der Toilette beim Scheißen, jetzt im Gespräch mit Ihnen und das wird er auch morgen sein, wenn ich auf der Straße sitze, weil ich meine Bleibe verloren habe. Sie suchten mich aus, obwohl sie gar nichts von mir wissen. Sie wussten nicht einmal, ob ich die Sorte Mensch bin, die Ihnen gefallen könnte. Sie haben lediglich Ihre Augen und meinen Körper entscheiden lassen. Meine Hülle hat gewonnen, das Wesentliche ist für Ihre Augen unsichtbar geblieben, nicht wahr? Ich finde das armselig, tut mir leid.“
„So langsam gefällst du mir!“
Dieter setzte sich zurück auf das Bett.
Er lachte noch einige Male und murmelte verlegen: „Das glaubt mir keiner, wenn ich es jemandem erzähle.“
„Wahrscheinlich
nicht“, sagte ich nachdenklich.
Dieter seufzte.
„Sie können es
Ihrer Frau erzählen. Vielleicht ist sie dann nicht mehr so glücklich!“
„Spar dir deinen Sarkasmus. Sie ist glücklich und wird es bleiben. Dafür sorge ich schon!“
Dieter stand auf und wanderte ruhelos durch das Zimmer.
„Kannst du dich mal ausziehen?“ Er machte eine anweisende Handbewegung.
„Klar!“
Den Zigarettenstummel drückte ich in den Aschenbecher und erhob mich aus dem Sessel. Unter den wachsamen Augen des Mannes entkleidete ich mich.
„Wow“, sagte er anerkennend, als er meinen Körper betrachtete.
„Du bist wunderschön. Genauso, wie ich es mir vorgestellt habe.“
„Sie können gern ein Foto von mir machen und wenn Sie das Verlangen haben, sich einen runterzuholen, nehmen Sie es als Wichsvorlage.“
„Ich habe eine
bessere Idee!“ Dieter legte das Gesicht in nachdenkliche Falten.
„Da bin ich gespannt“, prustete ich.
„Weißt du eigentlich, wer ich bin, Verena?“
„Nein.“
„Interessiert es dich?“
„Nö!“
Dieter ließ sich nicht irritieren.
„Ich möchte, dass du für mich arbeitest. Ich nehme dich mit.“
„Mitnehmen? Wohin?“
„Zu mir. Ich hätte einen Job für dich. Einen, der dir Spaß machen könnte.“
„Soll ich die Putzfrau spielen bei dir zuhause oder wünscht du dir einen flotten Dreier mit deiner Frau zusammen?“
„Nein, nein und nochmals nein. Nichts von alledem. Wie ich sehe, du magst Tiere.“ Er nahm noch einmal das Foto mit Balou aus dem Regal.
„Deiner?“, fragte er höflich.
„Ja, es war meiner.“
„Ist er tot?“
„Nein. Oder das heißt, jetzt vielleicht schon. Ich weiß nicht. Mein Stiefvater hat ihn damals weggegeben. Angeblich in ein Tierbordell.“
„Interessant. Könntest du dir vorstellen, mit Tieren zu arbeiten?“
„Zumindest eher, als mit Menschen.“ Ich lächelte müde. Die Erinnerungen an Balou und das, was mein Stiefvater dem Hund angetan hatte, schmerzten.
„Ich besitze einen Zoo, naja also nichts Großartiges, klein aber fein und jemand müsste sich um die Viecher kümmern. Die meisten Mädchen ekeln sich vor den Gerüchen und vor dem Dreck.“
„Was für Tiere sind es?“ Der Typ hatte mein Interesse geweckt.
„Och, alle Sorten. Hunde, Pferde, Schweine.“
„Was machen Sie mit den Tieren?“
„Können wir jetzt mal das Siezen lassen? Ich bin der Dieter. Meine besten Freunde, Gönner, Neider und Hater, nennen mich nur „Vatti.“
Dieter reichte mir seine Hand. Zögerlich nahm ich sie.
„Verena“, stammelte ich. Als er einschlug, war es mir, als durchführe ein Schnellzug jede einzelne meiner Körperfasern. Wir verweilten einen Augenblick. Auge um Auge, Zahn um Zahn.
„Ich würde mich freuen, wenn du mitkommst. Ich meine, wenn du sowieso mit den Freiern hier nicht schlafen willst und dich für sexuelle Dienste der Männer nicht mit dem Herzen einer Hure zur Verfügung stellst, sie alle an der Nase herumführst und eines Besseren belehren willst, dann ist das hier für dich reine Zeitverschwendung, Verena.“
Er sprach geschwollener als ein Poet zu mir. Seine Worte klangen wie Musik in meinen Ohren. Er war der erste meiner Kunden, der richtig was auf dem Kasten hatte. Ich will nicht sagen, dass die anderen Männer, die mein Zimmer betreten hatten, dumme Bauern gewesen wären, aber niemand von ihnen hatte sich ernsthafte Gedanken gemacht, warum ich bin- wie ich bin und was mir eigentlich wichtig wäre.
„Es ist vergeudete
Zeit, wenn du hier bleibst“, wiederholte er seine Worte.
„Vielleicht“, murmelte ich.
„Du bekommst das gleiche Gehalt und noch viel mehr. Du kannst dich hocharbeiten. Das ist ein Job, der dir gefallen wird.“ Er stellte das Bild mit Balou zurück ins Regal.
„Hunde. Du magst Tiere, das sehe ich dir an. Folge mir in meine Welt, Verena. Du wirst nicht enttäuscht sein.“
„Tante Ella wird mich nicht gehen lassen. Sie ist zufrieden mit mir.“ Ich versuchte meinen Hals aus der Schlinge zu ziehen.
„Hey, du bist frei. Du kannst tun und lassen, was du willst. Tante Ella ist keine Zuhälterin, die dir das Messer an die Kehle setzt, wenn du nicht parierst. Ein neues Mädchen das sie besorgt, wird deinen Platz einnehmen. Das ist der Lauf der Dinge.“
„Ich brauche Bedenkzeit.“
„Sollst du haben. Eine Stunde.“
„Eine Stunde nur?“
„Noch nie hat jemand mein Angebot ausgeschlagen. Nicht mal innerhalb einer Minute und ich gebe dir sechzig davon. Jedes der Mädchen war froh, wenn ich es aus dem Dreck gezogen habe. Willst du bis an den Rest deiner Tage Schwänze lutschen?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Also, eine Stunde, Verena. Um sieben sehen wir zwei uns unten in der Bar. Entweder hast du deine Sachen zusammengepackt oder aber eine verdammt gute Ausrede parat.“ Vatti stapfte elegant durch die geöffnete Tür. Er gab mir keine Möglichkeit mehr, ihm zu antworten. Im Grunde genommen war er ein selbstverliebtes Arschloch. Ein arroganter Wichser, wie die meisten der Freier. Die Wolke Aftershave die ihn umgab, benebelte im leisen Luftzug meine Sinne. Dreckskerl hin oder her, ich mochte ihn. Er hatte was an sich und war auf dem besten Weg, mich mit seinem Charme um den Finger zu wickeln.
Im Flur stand Meg. Es schien, als hätte sie das Gespräch hinter geschlossener Tür belauscht. Erschrocken wich sie zurück. Richtete ihre Oberweite und sagte zu Vatti: „Ich wollte Verena besuchen.“
„Die hat jetzt keine Zeit für dich. Muss wichtige Entscheidungen überdenken, die ihr Leben auf längere Sicht betreffen.“ Im Gehen schlang er einen Arm um Megs Schultern und zog sie mit sich fort. Sie drehte ihren Kopf um hundertachtzig Grad und warf mir einen verstohlenen Blick zu. Ich schloss die Tür.
„Mit Tieren arbeiten!“, wiederholte ich seine Worte.
Ich dachte an die Pflege und das Versorgen der Hunde. An das Striegeln und Stallausmisten der Pferde. Körperlich schwere Arbeit, jedoch ehrliche. Ein besserer Job, als mich im Puff um Kopf und Kragen zu reden, warum ich mit den Freiern nicht ins Bett steigen wollte. Sicherlich würde die Nummer auf Dauer ohnehin nicht bei allen Typen klappen. Irgendwann würde ich mir die Zähne an ihnen ausbeißen und der erste von ihnen hatte heute wohl angeklopft. Wollte ich es so weit kommen lassen? Alles wonach ich mich sehnte, war ein Dach über dem Kopf und etwas Geld in der Tasche, um nicht auf der Straße zu sitzen. Das hatte ich mit dem Einchecken in Tante Ellas Stundenhotel erreicht. Dass sich mir plötzlich die Möglichkeit darbot, in einem anderen Gewerbe zu arbeiten, damit hatte ich nicht gerechnet.
Ich packte meine Sachen.
Da gab es nichts zu überlegen. Ich würde mit ihm gehen. Wenn mir der Job nicht gefiele, könnte ich mir immer noch einen anderen suchen. Ich war naiv, dumm und gutgläubig. Ich will nicht sagen, dass ich nicht eine gewisse Portion Selbstsicherheit in mir trug, mit der ich es durch gewisse explizite Szenen des Lebens locker geschafft hätte und mir dieser nützlichen Eigenschaft nicht durchaus bewusst gewesen wäre, dennoch bewegte ich mich hinsichtlich Lebenserfahrung und Menschenkenntnis, auf dünnem Eis. Die eingerahmten Fotos stopfte ich sorgsam in meine Tasche. Ich tauschte das rote, sexy Kleid gegen meine Jeans und den ausgeleierten Hoody, in dem ich mich direkt wieder in meiner eigenen Haut und zuhause fühlte. Endlich war ich wieder ich und mit mir kam ein Stück Freiheit zurück. Alles andere, das Lederzeugs, die Haarklammern, der Lederbüstenhalter, die Strapse und Dessous, die dämlichen High Heels, auf denen ich ohnehin nicht laufen konnte, all das war niemals ich gewesen. In einem Stall mit zu versorgenden Tieren wäre ich besser aufgehoben. Seufzend zog ich den Schlüssel aus dem Türschloss. Den müsste ich Tante Ella in die Hand drücken und von Meg wollte ich mich verabschieden.
„Ach Mädchen, das ging ja schnell mit uns beiden.“ Tante Ella seufzte. Mütterlich drückte sie mich an ihre Brust. „Der Dieter ist ein feiner Kerl. Er wird dich alles Wichtige lehren. Alles, was du wissen musst. Es ist kein leichter Job, aber du schaffst das.“
„Du bist nicht traurig, dass ich gehe?“ Ich staunte dann doch über ihre Euphorie und Freude, dass ich neue Arbeit gefunden hatte.
„Nein. Im Gegenteil. Ich freue mich für dich. Weißt du, jeder Mensch hat eine Chance verdient. Du bist jung und hübsch, dein Gesicht hat einen hohen Wiedererkennungswert. Die Menschen werden dich lieben für das, was du ihnen zeigst. Du musst nur überzeugt sein von der Welt in die du sie entführst. Wenn du liebst was du tust, kommt der Rest von ganz allein.“
Sie zwinkerte mit dem Auge. Ich wusste nicht, wovon sie sprach. Pferde striegeln, konnte solch eine geheimnisvolle Welt gar nicht sein, dass man da so ein Tohuwabohu wegen veranstalten müsste.
„Viel Glück Mädchen!“, verabschiedete sie sich.
Meg umarmte mich.
„Pass auf dich auf, Verena.“
„Du auch auf dich.“ Ich verdrückte eine kleine Träne. Meg war mir ans Herz gewachsen. Meine einzige Freundin. Sie zu verlieren, tat unendlich weh.
„Du wirst für mich immer die Nutte bleiben, die niemals mit einem Freier gevögelt hat und doch so viele gebrochene Herzen glücklich machen konnte, ohne jemals ihre Schwänze gefickt zu haben. Du bist für mich ein Phänomen, Verena. Ich wäre so gern wie du!“ Weinend lagen wir uns in den Armen.
In den letzten Tagen hatte ich mich Meg anvertraut. Wir waren so etwas wie beste Freundinnen geworden und hatten über alles reden können.
Ich hatte ihr erzählt, dass ich mit keinem einzigen Freier geschlafen hatte. Dass es mir gelungen war, sie alle irgendwie an der Nase herumzuführen, ich ihnen die Ärsche versohlt hatte und Breakdance für sie tanzte, solange sie wollten, ich sie aber mit ihren Schwänzen weder an meine Vagina, noch an meinen Hintern rangelassen hatte.
Dieter drängte zum Aufbruch.
„Los geht’s!“ Er nahm meine Tasche. Zog seine Sonnenbrille auf und schlenderte zum Maserati. Ein Auto, wie ich es nur in irgendeinem Actionfilm mal gesehen hatte. Mein Herz schlug mir bis zum Halse, als er die Beifahrertür öffnete und mich einsteigen ließ.
„Ein Millionengeschäft“, dröhnten Tante Ellas Worte in meinen Ohren.
Ich ahnte, dass ich auf dem besten Wege war, meine Seele zu verkaufen. Dunkle Wolken zogen in beängstigender Eile am Himmel auf. Donnergrollen war zu hören und die ersten Blitze zu sehen.
Mich fröstelte es.
„Ich freue mich, dass du dich entschieden hast, mit mir zu kommen. Du wirst es nicht bereuen, Verena!“ Vatti lächelte zufrieden, während ich aus dem Fenster blickte und einem neuen Lebensabschnitt entgegensah.
Feindinnen
„Wer ist
sie?“
„Die Neue!“
„Die Neue von was? Haushaltshilfe, Fickmädchen oder Hundesitterin?“
Vatti hatte soeben die Haustür geöffnet und ich war in seinem Schatten kaum über die Schwelle getreten, als ich von einer Blondhaarigen, etwa 1,60 Meter kleinen Furie mit dem Willen in ihrem
Blick, mich zu töten, in Empfang genommen wurde. Sie erinnerte mich an einen wahnsinnig schlecht gelaunten Gnom- aus irgendeiner Horrorserie, dessen Name mir nicht gleich einfiel.
„Die neue Tierpflegerin“, sagte Vatti. Meine Tasche warf er unliebsam neben die Garderobe.
„Und wer ist sie?“, stellte ich die Gegenfrage.
„Meine Frau.“
Gut, ich hatte es mir fast gedacht.
„Oh, ich wusste gar nicht, dass es Rumpelstilzchen auch in der weiblichen Variante gibt“, konnte ich meinen vorlauten Mund nicht halten.
„Ich sehe, ihr zwei werdet ziemlich beste Freunde.“
„Wo soll sie wohnen, Dieter? Doch nicht etwas bei uns mit im Haus?“, krähte Rumpelstilzchen.
„Ich bin Verena“, streckte ich Dieters Frau zur Versöhnung und eigentlichen Begrüßung meine Hand entgegen. Der Giftzwerg nahm sie nicht. Würdigte mich keines Blickes. Eher entwürdigte er mich mit
strafender Ignoranz.
„Du siehst zu gut aus“, versuchte Vatti die Situation und das merkwürdige Verhalten seiner Frau zu erklären.
„Die anderen Mädchen, die ich normalerweise mitbringe, sehen aus wie Landpomeranzen und die Mädchen vom Immenhof. Keine Konkurrenz, aber du bist jetzt der Diamant unter den
Bauernschlampen.“
„Danke für das Kompliment.“ Mit Lobeshymnen warf Vatti regelrecht um sich. Ich dachte mir nichts weiter dabei.
„Wow, welch ein Luxus“, kam es über meine Lippen. Ein Doppelbett mit Himmelszelt obendrüber, Möbel designed wie aus dem Märchenbuch, ein riesiger Fernseher, der einer Leinwand glich, ein eigens
begehbarer Kleiderschrank, eine Minibar mit Kühlschrank, der alles hergab was das Herz begehrte und eine zimmereigene Bibliothek. Zumindest waren die zwei großen Wandregale, die bis obenhin mit
Büchern gefüllt waren, bedeutend größer, als alle Bücherregale zusammen, die ich jemals gesehen hatte.
„Es ist wunderschön hier“, sagte ich dankbar.
„Ja, bestimmt alle Male besser als das Studentenzimmer bei Tante Ella, in dem es nach Sperma, Duftöl, Gleitcreme und deinem Mösensaft stinkt, was?“
„Was wird mein Job sein?“ Stimmungsvoll erheitert, warf ich mich auf das Bett und erschrack. Wellengang unter mir. Was zur Hölle war das? Entsetzt sprang ich auf.
„Das ist ein Wasserbett!“ Vatti lachte.
„Du kennst dich mit Wohlstand so gar nicht aus, was?“
„Welchen Job muss ich wuppen, um zur Hölle so viel Geld zu verdienen, dass ich mitsamt der Matratze auf meinem Bett schwimmen und schaukeln kann?“
„Dreckige Arbeit Dornröschen. Schmierige, harte und verdammt schmutzige Arbeit.“
„Pferdeställe ausmisten ist bestimmt ein anstrengender Job, aber dass sich damit so viel Geld verdienen lässt, dass ich in solch einem herrlichen Zimmer wohnen darf, der Wahnsinn!“
„Du bist schon etwas naiv, nicht wahr?“
Vatti setzte sich zu mir. Ich spürte seinen heißen Atem in meinem Genick. Er würde mich doch jetzt nicht anfassen wollen?
„Ja, das bin ich, leider. Ich kenne nicht viel von der Welt da draußen. Meine Mutter war mit uns Kindern nicht einmal im Urlaub. Wir saßen zuhause, hatten kaum Freunde und mussten ihr beim
Geschlechtsverkehr mit ihren Freiern zusehen. Irgendwann war das langweiliger als das langweiligste TV-Programm. Das Highlight unserer Wochenenden waren die Einkäufe mit Werner, wenn er jedem von
uns Kindern ein Eis in die Hand drückte.“
„Wie langweilig.“ Dieter gähnte. Er fragte auch nicht, wer oder was Werner war. Es war, als wollte er mir etwas sagen. Mit einem Seufzer erhob er sich vom Wackelbett und wanderte quer durch das
Zimmer. Gedankenverloren blickte er aus dem Fenster. Der Typ schien bedrückt und wahnsinnig ruhelos zu sein.
„Wenn ich nicht hier bin und du meiner Frau zufällig über den Weg laufe solltest, gehst du ihr besser aus dem Weg. Sie mag es nicht, wenn wir Gäste im Haus haben. Zumindest nicht, wenn sie so
unverschämt gut aussehen wie du! Falls deine Augen etwas wahrnehmen, das dich verstört…“ Mich kritisch begutachtend, stolzierte er zwei Male um mich herum.
„Ich werde dich noch so weit kriegen, dass du mit mir ins Bett steigst, Baby. Freiwillig“, hauchte er.
„Wenn meine Augen was sehen?“, wich ich seiner Anmache aus.
„Du wirst einiges sehen, das dich aus der Bahn wirft. Das sind normale Abläufe. Fetische der Reichen, Perversion der Adeligen und Seelenschmaus der Upperclass, nenne ich es. Weißt du Verena, wir
können uns alles leisten und uns somit auch alles erlauben. Und damit meine ich kein Geld. Wir hebeln alle Gesetze außer Kraft.“
Die rechte Hand legte er linksseitig auf den Brustkorb. „Hier drinnen wohnt eine Seele; so krank.“
„Wenn Sie wissen, dass Sie krank sind, warum lassen Sie sie nicht heilen?“
„Eine zerrüttete Seelen willst du heilen? Wie soll das gehen?“
„Ich glaube, mit Liebe ist vieles möglich. Liebe kennt kein Leid.“
Dieter alias Vatti lachte. „Mich liebt niemand. Nicht mal meine eigene Mutter hat mich geliebt. Aber weißt du was, das geht mir am Arsch vorbei.“
„Sie sagten, Sie und Ihre Frau…“
„Würden uns lieben?“
„Ja, Sie seien glücklich.“
„Das war gelogen. Nach außen hin wahren wir den Schein. Hinter verschlossenen Türen sieht das anders aus. Sie hat ihre Neigungen, und ich meine. Beide unter einen Hut zu bringen, erweist sich als
schwierig und alles was schwierig ist, bringt Reibungen mit sich.“
„Verstehe ich nicht“, näselte ich.
„Egal. Geh ihr aus dem Weg!“
„Oh, okay. Ich will keinen Ärger machen.“
„Sie ist eifersüchtig und glaubt immer gleich, dass ich mit jedem Mädchen, das ich herbringe, was am Laufen habe.“
„Ist es nicht so?“, fragte ich frech.
„Was geht’s dich an?“
„Nichts, sorry.“
„Wo sind die anderen Mädchen? Ist immer nur eines hier? Wenn es viele Tiere sind, die versorgt werden müssen, dann braucht man doch auch mehrere helfende Hände?“ Ich versuchte abzulenken.
„Du stellst zu viele Fragen!“ Vatti warf mir einen verachtenden Blick zu.
„Die Drecksarbeit
macht jemand anderes. Du bist nicht für die Stallarbeiten zuständig, sondern für den erotischen Teil der Show. Der Teil, in dem wir die Mädchen auswechseln. Das Publikum will nicht jedes
Wochenende dieselben langweiligen Fratzen sehen. Du isst auch nicht jeden Morgen Schinken auf deinem Butterbrot, oder doch?“
„Eher Nutella“, antwortete ich.
„Auch gut.“
„Ich verstehe nicht“, sagte ich.
„Du wirst angelernt. Dann verstehst du das schon.“
„Wie lange soll der Job dauern?“
„Ein paar Monate.“
„Und dann?“
„Bis dahin hast du genügend Geld verdient, dass du auf eigenen Füßen stehst. Da brauchst du niemanden mehr. Apropos Füße… Zieh mal den Schuh aus. Ich muss dir da noch was um deine rehschlanke
Fessel legen. Ein Geschenk des Hauses.“
Ahnungslos zog ich meine Schuhe aus.
Vatti legte mir eine Fußfessel an.
„Was soll das?“
„Damit du mir nicht wegläufst. Ich habe die Tage wichtige Geschäfte zu erledigen. Befindest du dich außerhalb meiner Reichweite, weil du auf die Idee kommen solltest, dass dir der Aufenthalt bei
uns nun doch nicht mehr gefällt, schlägt meine kleine Freundin hier, Alarm.“ Er grinste zufrieden.
„Warum tun Sie das? Warum sollte ich weglaufen? Ich dachte, wir hätten einen Deal. Ich arbeite für Sie.“
„Ich muss sicher sein, dass du es dir nicht anders überlegst, Verena.“
„Bis wohin kann ich mich bewegen, ohne dass auf mich mit Pfeil und Bogen geschossen wird?“
„Lass uns ein Spiel spielen. Finde es selbst heraus.“
„Wäre ich nur nicht mitgegangen“, jammerte ich. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen.
„Selbst schuld. Jetzt ist es zu spät. Außerdem schießen wir hier nicht mit Pfeil und Bogen, sondern mit Bleikugeln. Das tut schon weh, wenn du die Dinger in den Hintern geblasen kriegst.“
In der Nacht schlief ich mehr schlecht als recht in meinem Luxusbett. Die Fußfessel lag mir schwer im Magen und das Schaukeln auch. Da wurde man ja seekrank. Was zur Hölle, würde mich
erwarten?
Am nächsten Morgen griff ich mit nervöser Hand an die Türklinke meines Zimmers. Ich rechnete damit, dass sie zugesperrt wäre. Umso erleichterter war ich, dass sie sich noch öffnen ließ. Eilig zog
ich sie wieder zu. Im Haus herrschte noch jungfräuliche Stille und ich wollte niemanden aufwecken. Frisch geduscht, blickte ich während des Anziehens aus dem Fenster. Der Morgennebel lichtete
sich. Vor mir lag gewiss ein wundervoller Tag. Hinter den Baumwipfeln des herrlichen Gartens konnte man das rot-gelbe Farbenmeer der aufgehenden Sonne erahnen. Welch schönes Bild. Jemand schien
in der Herrgottsfrühe schon unterwegs zu sein, anscheinend mit Hund.
„Gehen sicher Gassi die zwei“, sagte ich.
Doch dann blickte ich genauer hin und glaubte meinen Augen nicht zu trauen. Ich erkannte eine Frau. Sie trug einen Mantel und ihr engelblondes Haar offen. Verführerisch wehte es im seichten
Morgenwind. Es war nicht Rumpelstilzchen, das galant über den Rasen schlenderte, dafür war sie zu groß. Sie führte allerdings keinen Hund an der Leine spazieren, sondern einen nackten Menschen,
einen Mann, der auf allen Vieren neben ihr her krabbelte. Er trug nicht einmal eine Unterhose. Dafür aber ein breites Lederhalsband um seine Gurgel. Ich sah sein Glied. Verstört rieb ich meine
Augen. Gaffte noch einmal genauer hin. Ich war vielleicht etwas kurzsichtig, aber es bestand keinerlei Zweifel. Zwei Menschen die unterwegs waren, erregten meine Aufmerksamkeit. Einer nackt, der
andere angezogen, einer auf zwei Beinen, der andere auf allen Vieren. An einem der Bäume machten sie Halt und der Mann hob wie ein Hund sein Beinchen. Jetzt pinkelt der an die Tanne oder
was? Mir war zunächst nach Lachen zumute, allerdings fand ich das abtrünnige Bild, von dem ich zuerst an eine Sinnestäuschung dachte, mehr als makaber. Nachdenklich blickte ich auf meine
Fußfessel. Die war mir wohl tatsächlich nicht ohne Grund angelegt worden. Na ja, solange niemand von dir verlangt, dass du auf allen Vieren über das vom Morgentau befeuchtete Gras robbst und
dich zum Kacken an den Baum setzt, kann es dir egal sein, was die Leute hier treiben.
Bis zum Mittag blieb ich in meinem Zimmer. Niemand rief nach mir, keiner sah nach mir.
Ich verhielt mich still.
Beängstigende Stille herrschte, die mich zusehends unruhig werden ließ. Nicht zu wissen, was geschehen würde, zermürbte meine Nerven wie ein Stabmixer Erdbeeren und Bananen zu Püree
verarbeitete.
Dann fuhr ein Wagen vor.
Ich vernahm das Knirschen der Reifen auf dem mit Split ausgelegten Weg, der unterhalb meines Fensters zum Hof, Richtung Hauseingang führte. Eine Limousine fuhr vor. Männer mit schwarzen
Sonnenbrillen und hellen Designerhosen stiegen aus der Luxuskarosse. Sie sahen mehr als wichtig aus. Vielleicht ein Meeting oder so, zu dem sie sich treffen? Doch dann öffneten sie die
hinteren Wagentüren und zogen zwei junge, nackte Frauen von den Rücksitzen. An den Haaren festgehalten, bugsierten sie diese, über den Schotter zum Haus. Sie liefen wie auf Scherben, trugen ja
keine Schuhe an den Hacken. Neugierig, aber vorsichtig, hielt ich mich hinter der Scheibe bedeckt, konnte meinen sensationslüsternen Blick allerdings nicht ohne Weiteres von dem Geschehen
lösen. Paralysiert starrte ich auf ihre Brüste, Tätowierungen und äußerst interessanten Intimfrisuren. Ich spürte, hier auf dem Hof herrschte ein Treiben, das fernab jeglicher Normalität zu sein
schien. Für mich hatten sich die Tore einer Welt geöffnet, die ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht auszumalen gewagt hätte. Wehmütig sehnte ich mich zurück in den kleinen, aber feinen Puff
von Tante Ella.
Aus Angst blieb ich bis zum nächsten Morgen in meinem Zimmer.
In der Früh klopfte es an meiner Tür.
„Verena! Aufstehen! Anziehen und Abfahrt!“ Vatti hatte gesprochen und ich flog seinen Anweisungen entgegen. Wohin auch immer die Reise gehen sollte. Ich hoffte sehr, nach Hause. Wo auch immer das
sein sollte. In meinem Herzen sehnte ich mich nach nichts mehr als nach Heimat.
Nach einem
spärlichen Frühstück, die Zeit drängte angeblich, wurde ich in den Land Rover verfrachtet.
„Wie war dein Tag gestern?“ Vatti kloppte die Gänge rein als sei er auf der Flucht vor der Mafia.
„Seltsam“, antwortete ich.
„Warum?“
„Ich habe eine Frau gesehen, die ihren Hund ausgeführt hat.“
„Ach ja. Und, gefällt dir das?“ Vatti grinste herausfordernd. Ich spürte, nur zu gern wollte er ins Detail gehen.
„Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Warum gefällt es den Menschen, andere zu degradieren?“
„Du, das musst du dir erst einmal leisten können. Das ist eine Hierarchie, in der diese Leute ganz oben stehen. Sie besitzen das nötige Geld, die uneingeschränkte Macht und alle dazugehörenden
Mittel, dich zu erniedrigen bis du vor ihnen in die Knie gehst und am Boden liegst. Weißt du Verena, dafür, dass du kaum volljährig bist, hast du unheimlich was im Kopf, das gefällt mir. Du hast
gleich verstanden, was uns das Bild, die Frau mit dem Köter an der Leine, sagen soll. Es geht um Demütigung und Erniedrigung, sowie dem Gefallen des Ausführenden an dem Leid und Schmerz des
anderen.“
„Widerlich“, antwortete ich.
„Willkommen in meiner Welt! Und du wirst noch viel interessantere Dinge kennenlernen, als das Sinnbild der Arroganz reicher Sadisten, die sich alles erlauben können.“
Ich hielt es für besser zu schweigen.
„Heute mache ich dich mit den Tieren bekannt. Kannst du reiten? Magst du Pferde und ihren Geruch?“
„Ich weiß überhaupt nicht, wie Pferde riechen. Nein, ich kann nicht reiten. Aber warum sollte ich solche edlen Tiere nicht mögen? Nur weil ich nicht reiten kann?“
„Nicht jedes Mädchen, das mit den Viechern arbeitet, hat eine Beziehung zu ihnen. Weißt du, mein Bestreben ist es, dass wir im Ergebnis nicht nur die geschäftliche Beziehung zwischen den Tieren
und den Darstellerinnen zeigen, uns so gesehen nur um den eigentlichen Akt kümmern, sondern dass der Betrachter erkennt, da ist tatsächlich so etwas von Gefühl zwischen Mensch und Tier. Eine
mentale, für Außenstehende nicht erklärliche Ebene, auf der sich Instinkt und Verstand treffen, um miteinander zu verschmelzen. Es muss glaubhaft rüberkommen, was wir den Menschen da draußen
zeigen. Weißt du, das ist wie im Puff. Eine schlechte Hure erkennst du daran, dass alles an ihr mechanisch und gespielt ist. Nichts ist echt. Weder das Stöhnen, noch der Orgasmus. Die Show wirkt
nicht natürlich, sondern professionell. Jeder Wichser kommt besser auf seine Kosten, wenn er das Gefühl hat, er wird von einer Hure wirklich begehrt, als dass es ein raus-rein-raus-rein Geficke
wird, an dem er nur er seinen Spaß hat und sie die Kohle kassiert. Gute Nutten sind nahezu unbezahlbar. Je mehr du als Hure abgehst und auf deinen Kunden eingehst, desto öfter wird er
wiederkommen und dir aus der Hand fressen.“
„Deshalb habe ich mit den Freiern nicht geschlafen. Wenn ich beim Sex nichts empfinde, will ich meinen Körper für die Nummer nicht hergeben. Das ist gegen meine Prinzipien.“
„Ach, weg mit den Devisen! Du musst es auf dich zukommen lassen, Mädchen. Vertrau mir, ich habe einige Jahre mehr auf dem Buckel als du! Du musst dich und deine Reize erst noch entdecken. Und
glaube mir, sie schlummern in dir. Das habe ich gleich entdeckt als ich dich bei Tante Ella klargemacht habe. Du hast sie, diese Ausstrahlung. Du bist eine der Frauen, die mich glücklich machen
und ich werde dich glücklich machen.“
Vatti entlockte mir ein Lachen.
„So, dann wollen wir mal hoffen, dass du eine echte Tierfreundin bist, Verena.“
Ich wusste nicht, worauf ich mich einlassen würde. Ich hatte keinerlei Ahnung, wohin Dieter den Wagen lenkte. Ich glaubte, wir fuhren zu einem Bauernhof, auf dem er Tiere beherbergte, um die ich
mich kümmern sollte. Was er mit ihnen bezweckte und mit mir im Zusammenspiel vorhatte, das war das große Geheimnis. Obwohl er mir mehrere Male mit dem Zaunpfahl gewunken hatte, verstand ich seine
Pläne nicht. Ich war in allem zu unbedarft. Zu gutgläubig und unerfahren, in seine bizarre Welt einzutauchen. Immer tiefer fuhren wir in den Wald hinein. Häuser und die gewohnte Zivilisation
verabschiedeten sich von uns. Eine Gegend, in der sich Hase und Fuchs Gute Nacht sagten.
Abrupt bremste er den Wagen.
„Wir sind da!“
Meine Augen scannten erstaunt einen großen, gepflegten Bauernhof irgendwo im Nirgendwo. Mit einem kleinen Wohnhaus und angrenzenden Stallungen daneben, sah es einladend und urig aus.
Seitlich der Gebäude ersteckte sich eine eingezäunte Weide, auf der mehrere Pferde friedlich grasten. Ihre Schweifhaare pendelten sachte hin und her. Damit vertrieben sie die lästigen Fliegen,
sinnierte ich. Eine Katze balancierte über den Holzzaun. Welch eine Idylle.
„Ich gehe und suche Freddy. Warte hier am Wagen.“
Mit der Kippe auf dem Zahn stapfte er los. Wie ein Cowboy sah er nicht aus. Weder von hinten noch von vorne. Was um Gotteswillen er mit den Tieren am Hut haben sollte, ich konnte mir auf die
Geschichte verdammt noch einmal keinen Reim machen.
Wenige Augenblicke später kehrte er mit einem Typen zurück, der schon eher wie ein Ranger aussah. Allerdings guckte der echt finster aus der Wäsche. Er trug grüne Gummistiefel, einen dreckigen
Parker, dessen Kapuze er bei herrlichstem Sonnenschein bis ins Gesicht gezogen hatte und gammelige Hosen, die vor Dreck in den Stiefeln auch ohne menschliche Gliedmaßen darin, gestanden hätten.
In der Hand hielt er eine Mistgabel. Mein Magen zog sich bei dem Anblick zusammen. Was für eine grässliche Gestalt.
„Aussteigen!“ Vatti riss die Beifahrertür auf.
Mit weichen Knien stolperte ich aus dem Wagen.
„Das ist Freddy, Freddy, das ist Verena.“
„Mitkommen!“, sagte Freddy unfreundlich.
Puh, in den letzten Stunden hatte ich Bekanntschaft mit einem äußerst fies gelaunten Rumpelstilzchen machen müssen, dann war ich Perversen begegnet, die Halsbänder um menschliche Hälse legten und
sie als Vierbeiner delegierten- nur, weil sie in ihren sexuellen Triebe Gefallen daran fanden, und jetzt hatte ich es mit einer Gestalt wie Freddy Krüger aus dem Horrorfilm Nightmare zu tun.
Zumindest der gestreifte Wollpullover unter dem Parker war derselbe. Ich dachte an den Krüger, dem ich im Puff den Arsch versohlt hatte. Gegen den hier war der ein Lämmchen gewesen. Gut, echte
Bauern sahen wahrscheinlich alle so aus wie dieses Exemplar. Wie gut, dass Freddy nicht sexuell befriedigt werden müsste, ich lediglich zum Pferdeboxenausmisten hergekommen war. Mit Ausreden
hätte ich dem Typen wahrscheinlich nicht kommen brauchen.
„So, das sind die Pferde. Wir haben vier. Alles Hengste.“ Freddy deutete auf die Koppel.
„Und die laufen zusammen auf der Weide?“ Ich erinnerte mich, dass sich Hengste untereinander nicht wirklich gut verstehen. In einem Buch hatte ich das mal gelesen. Ein Kinderbuch über Pferde.
Hatte mir meine Mutter zum Geburtstag geschenkt.
„Und hier hinten sind die Hunde. Wir haben fünf. Drüben im Stall zwei Schweine.“
„Oh okay“, sagte ich und tat so, als wäre das alles wahnsinnig spannend und aufregend. Wir stapften durch Dreck, Matsch und Schlamm. Gummistiefel wären hier wahrlich angebracht gewesen. Vattis
dünnen Treter waren schon aufgeweicht. Er fluchte.
„Ich weiß schon, warum ich nicht hier wohne. Das wäre nichts für mich, den ganzen Tag durch diese stinkende Jauchescheiße zu laufen.
„Frische Landluft, Chef“, grinste Freddy.
„Ich brauche den Geruch von Industrie, Frauen, Parfüm und Cannabis.“
„Cannabis haben wir hier auch angepflanzt!“ Freddy schwenkte plötzlich um. Wechselte die Richtung.
„Nee, musst du mir nicht zeigen.“ Vatti machte eine desinteressierte Handbewegung.
„Ist Freddy Ihr richtiger Name?“, konnte ich mal wieder den Mund nicht halten.
Die beiden Männer drehten sich erstaunt nach mir um. Sie guckten, als hätte ich sie nach dem Vornamen von Hitler oder dem Bundeskanzler befragt.
„Frederik. Aber für meine Freunde „Freddy.“
„Gut, dann nenne ich Sie Frederik.“
„Du kannst mich ruhig duzen“, knurrte der Typ.
„Sie siezt alle
Leute. Das scheint ein Fetisch von ihr zu sein.“ Vatti krempelte die Hosenränder über seine Schuhe. Verärgert klopfte er den Dreck ab.
„Na ja, wenn sie die Schweine, während sie gefickt wird, auch siezt, dann kannst du die Filmbänder hinterher noch als Komödie verkaufen, wenn das pornografische nicht mehr läuft.“ Die Männer
lachten.
Plötzlich hielt ich inne.
„Wenn das Pornografische nicht mehr läuft und ich die Schweine sieze?“ Ich blieb stehen.
Mir wurde heißt und kalt.
Schlagartig kamen mir die Bilder aus meiner Kindheit in den Sinn. Werner und seine Ticks mit der Leberwurst. Wie sehr es ihm gefallen hatte, wenn mich Balou abschleckte. „Ihr nehmt die Tiere zum
Ficken?“, sprach ich es aus. Da vergaß ich glatt meine guten Benimmregeln. Plötzlich war es, als tobte ein lautloser Sturm über unsere Köpfe hinweg. Die Baumwipfel neigten sich im lauen Lüftchen
und mir rutschte das Herz in die Hose. Ein Schmerz durchbohrte scharf wie ein Schwert meine empfindsame Seele. Mein geliebter Hund hatte für Schweine wie Vatti und Freddy sein Leben lassen
müssen. Zumindest war er mir aus denselben Beweggründen entrissen worden. Und ich, ich hatte ihn rächen wollen. Mir traten Tränen in die Augen. Hätte ich die verdammte Fußfessel nicht getragen,
ich wäre um mein Leben gelaufen.
„Ja was glaubst denn du, wo du hier gelandet bist?“ Vatti zog die Sonnenbrille ab. Seine finsteren Augen blickten böse drein, straften mich mit Verachtung.
„Auf einem Hof, auf dem Tiere für den sexuellen Missbrauch kranker Menschen gehalten werden“, sagte ich verstört. Wie hatte ich so blöd sein können? Mir fiel es wie Schuppen von den Augen.
„Um es etwas feiner auszudrücken, wir führen ein Tierbordell.“ Frederik stellte die Mistgabel beiseite und wischte mit dem dreckigen Ärmel seines Parkers über die verschwitzte Stirn.
„Und was soll ich hier?“, fragte ich mit leerem Blick.
„Arbeiten.“
„Arbeiten für was? Mich von Pferden rammeln lassen?“
„Auch.“
„Ihr habt doch beide den Knall nicht gehört.“
„Wenigstens siezt sie uns nicht mehr.“ Freddy zog den Rotz in seiner Nase bis in die Stirnhöhle. Der Kerl war einfach nur widerlich.
„Verena jetzt pass mal auf.“ Vatti trat zu mir. Ich schreckte zwei Schritte vor ihm zurück.
„Ich habe dich mitgenommen, damit du für mich arbeitest. Du warst es leid, Schwänze zu lutschen, vergessen? Wir waren uns einig.“ Er redete mir ins Gewissen.
„Wir waren uns nicht einig. Über gar nichts.“
„Oh doch, das waren wir.“
„Es hieß, ich solle bei der Tierpflege helfen. Ich dachte, ich führe die Hunde aus und erledige Stallarbeiten. Wisst Ihr, ich mache alles was ihr wollt. Ich klettere von mir aus in die
Jauchegrube, schrubbe den Schweinen den Rücken, stapele Heu- und Strohballen übereinander, aber ich werde ganz sicherlich nicht irgendwelche sexuellen Handlungen mit Tieren eingehen.“
„Du hast es noch gar nicht probiert. Du sollst dich erst einmal an die Tiere gewöhnen. Eine Beziehung zu ihnen aufbauen. Der Rest kommt später von ganz allein.“
Ich zeigte Vatti den imaginären Vogel.
„Im Leben nicht und dann noch nicht. Nur über meine Leiche.“
„Die Schweine ficken dich auch wenn du tot bist“, lachte Freddy. Ich sah seine schrecklich gelben Zähne. Wie konnte ich diesen verdammten Ort verlassen, wenn ich eine Fußfessel trug?
Ich wünschte mich zurück zu Tante Ella.
„Ich möchte jetzt gehen. Bring mich bitte zur Bundesstraße. Dort kannst du mich raussetzen, mir die Fessel abnehmen und ich laufe zu Fuß.“
„Wohin willst du gehen?“ Vatti legte den Kopf schief.
„Ich gehe zurück in den Puff.“
„Dort wird dich nicht haben wollen.“
„Warum nicht?“
„Weil ich für dich bezahlt habe. Auslöse nennt man das. Das ist wie, wenn internationale Fußballspieler verkauft werden. Du bist jetzt mein Eigentum. Du hast mir zu gehorchen. Dies hier ist meine
Welt und jetzt ist es auch deine. Du wirst nichts weiter machen, als meine Befehle auszuführen.“
„Einen Scheißdreck werde ich tun“, brüllte ich Vatti ins Gesicht, eine Hand voll Sand ins Nichts schleudernd. Freddy wandte sich peinlich berührt ab, hinter uns wieherten die Pferde, vor uns
bellten die Hunde.
„Oh, sie wird frech.“
„Lass sie. Sie muss sich nur erst wieder beruhigen. Sind halt nicht alle Mädchen Tierfanatiker.“
„Du wirst mich töten müssen, wenn ich die Nummer durchziehen soll.“ Mir war es egal, die Dinge so auszusprechen, wie sie mir auf der Zunge lagen.
„Ich habe meinen geliebten Hund an solche Schweine wie Ihr es seid, verloren. Ich habe mir geschworen, dass ich das was man ihm angetan hat, rächen werde.“
„Oh, das wird ja immer interessanter. Die Rächerin. Aus welchem Zeitloch bist du eigentlich gefallen, Verena? Du arbeitest als Hure und bumst keine Freier. Du magst Tiere, willst aber keine Liebe
mit ihnen machen. Was soll aus dir werden, wenn du groß bist?“
Die Männer klatschten sich vor Lachen auf die Schenkel.
„Hast du es eigentlich schon mal mit einem Zuhälter zu tun gehabt, der dir gezeigt hat, wo es langgeht? Anscheinend nicht denn wenn es so gewesen wäre, dann würdest du dir niemals solch ein
vorlautes Mundwerk mir gegenüber erlauben.“ Vatti griff in die Innentasche seiner Jacke. Holte einen Revolver aus ihr hervor. Wedelte aufdringlich mit ihm vor meiner Nase.
„Ich dachte, du seist nett“, stammelte ich. „Ich dachte, du seist anders als die anderen.
„Ja, da sind wir schon zwei. Ich dachte auch, du seist anders als die anderen Nutten. Ich dachte, mit dir könnte ich die ganz große Nummer durchziehen. Da habe ich mich mit meiner
Menschenkenntnis dieses Mal wohl geirrt. Weißt du Verena, am Schönsten ist es, wenn die Mädchen freiwillig mitmachen. Freddy und ich, wir haben keinen Spaß daran, die Mädchen zu ihrem Glück zu
zwingen. Glaub mir, wir haben einige Mädchen wie dich hier gehabt, denen wir den Dickkopf ganz schnell ausgetrieben haben. Freddy ist auf dem Gebiet eine Koryphäe. Er zeigt dir Sachen, da
wünschst du dir, dich von einem Elefanten ficken zu lassen, nur damit du die elende Folter und die Schmerzen nicht mehr ertragen musst. Er wird dich zum Gehorsam erziehen. Du wirst dich ihm vor
die Füße werfen und darum betteln, dass er dir alles Notwendige beibringt. Du wirst an nichts so sehr hängen, als an dem seidenen Faden deines Lebens. Der Tod ist wahrlich nicht schlimm, aber die
Reise dorthin, das Sterben, das Krepieren und Verrecken, das sind Schmerzen, ich sage dir, lehne dich nicht zu weit aus dem Fenster. Also, was ist?“
„Habe ich wieder eine Stunde lang Zeit, mir zu überlegen, ob ich mich auf euren schmierigen Deal einlasse, oder was?“
„So in etwa. Freddy und ich, wir gehen jetzt einen Kaffee trinken und du guckst dir die Umgebung und die Tiere an hier. Vielleicht änderst du deine Meinung und wir kommen um die knallharte
Methode drum rum. Wäre doch schade, wenn dein hübsches Gesicht Schaden nehmen müsste. Mit der Hand streichelte er über meinen Nasenrücken. In mir sträubte sich alles gegen die Berührungen des
Mannes. Ich schämte mich, dass ich auf ihn und den Zucker, den er mir in den Hintern geblasen hatte, reingefallen war.
„Ich gehe Cordula holen“, sagte Freddy.
Wer zur Hölle sollte Cordula sein? „Damit du nicht auf krumme Gedanken kommst. Du glaubst auch, ich gehe mir einen Joint rauchen, leere mein Käffchen und wenn ich mit Freddy zurückkomme, bist du
über alle Berge verschwunden oder was? Wenn es so einfach wäre, Prinzessin.“
„Nenn mich nicht so, bitte!“
„Na, Bäuerin passt ja nicht. Und Tierfreundin erst recht nicht. Ich weiß nicht, wer oder was du bist oder sein willst. Jedenfalls werden wir schon eine richtige Nutte aus dir machen.“ Vatti
klopfte auf meine Schulter.
Ich hasste diesen Typen. Wünschte ihm die Pest an den Arsch und noch viel schlimmere Dinge. Er hatte mich betrogen. Cordula war ein volljähriges Mädchen mit freundlichem Gesicht. Sie trug
pinkfarbene Gummistiefel und einen gelben Friesennerz. Sie sah lustig aus. Lustig waren auch die vielen Sommersprossen in ihrem Gesicht. Doch mir war nicht nach Lachen zumute. Ich fühlte mich wie
auf Drogen, also eher nach zum Kotzen.
„Komm, ich zeige dir die Hunde“, begrüßte mich Cordula. Ich hatte den Kaffee auf. Wollte gar keine Hunde mehr sehen. Notgedrungen ging ich mit ihr.
„Wie heißt du?“, fragte sie während wir durch den Stalltrakt liefen.
„Verena.“
Sie blickte auf meine Fußfessel.
„Wie bist du hergekommen, Verena?“
„Ich bin auf Vatti reingefallen. Ich dachte, ich sollte einen anständigen Job machen.“
„Mir geht es ähnlich. Aber man gewöhnt sich daran. Wenn man macht, was sie wollen, ist das Leben hier ganz chillig.
„Ich werde nicht machen, was sie wollen.“
„Das ist schlecht. Dann werden sie dich foltern und einsperren. Deine Schreie wird man kilometerweit hören, aber niemand wird sich an ihnen stören. Den Gehorsam werden sie in dich hineinprügeln.
Am Ende bist du gebrochen und musst du den Job trotzdem erledigen. Da wäre es klug, sich mit seinem Schicksal von vornherein einverstanden zu erklären, nicht wahr?“
„Nein, wäre es nicht. Hey Cordula. Lass uns gehen. Bitte. Ich meine, wenn es dir auch nicht gefällt, was sie mit uns tun“, bettelte ich. Ich war mir sicher, dass ich bis das elektronische Signal
der Fessel anschlug, ich über alle Berge wäre.
„Ich kann hier nicht weg.“ Cordula zog das Hosenbein hoch. „Meine schlägt sofort an, wenn ich mich mehr als zwanzig Meter aus dem eingegrenzten Radius des Geländes entferne. So schnell rennt
selbst der beste Sportler nicht.“
„Das ist nicht dein Ernst oder?“
Ich wischte eine Träne fort.
„Doch, leider.“
„Und wenn ich alleine verschwinde? Lässt du mich gehen? Bitte!“
„Ich bin mit einem Sender ausgestattet. Sieh mal“, deutete sie auf eine Minikamera im Kragen ihres Regenmantels.
„Wie jetzt? Die sehen und hören alles, was wir zwei miteinander bereden?“
Cordula nickte lautlos.
Das konnte nur ein schlimmer Albtraum sein.
„Sie hören jedes Wort und sobald du dich außer Sichtweite entfernst, werden sie hier sein. Sie oder ihre Männer, die für den ungemütlichen Teil der Arbeit verantwortlich sind. Ich kann mich nicht
mehr erinnern, wann ich das letzte Mal geweint habe. Es ändert ja nichts. Irgendwann ist man abgestumpft und gleichgültig. Das bin ich wohl längst.“
„Deine Sache. Ich werde mich jedenfalls nicht brechen, einsperren und von einem Haufen Verrücktgewordener, zum Sex mit Tieren erziehen lassen.“
„Oh doch, das wirst du.“
Cordula lachte bitter.
Zoo
„Das ist Mowgli.“ Verena machte vor einem der Hundezwinger Halt. Während die
anderen Gehege noch neu und gut gepflegt aussahen, waren an diesem die Eisengitter bereits verrostet und die Farbe spröde und verblichen. Das Tier, das hinter den Streben saß, war sicherlich
nicht mehr allzu heiß begehrt. Da musste man nicht viel von Tierliebe verstehen, das sah ein Blinder mit Krückstock, wie meine Mutter zu sagen pflegte, dass dieses Tier dem menschlichen Wahnsinn
ausgedient hatte. Ein tiefer Seufzer entfuhr Cordulas spröden Lippen.
„Was ist mit ihm?“ Neugierig schob ich meine Nase an die Gitterstäbe heran. Auf einer verfilzten Decke, in der hintersten Ecke, lag ein mittelgroßer Hund, der keinerlei Notiz von uns nahm.
„Seine Glanzzeiten sind vorbei. Er war Vattis beste Hundenutte.“
„Hör auf so zu reden. Bitte.“ Das Augenrollen konnte ich mir nicht verkneifen.
„Es sind Tiere. Sie besitzen eine Seele und möchten bestimmt nicht, dass wir so herablassend über sie sprechen.“
„Die verstehen doch sowieso kein Wort von dem, was wir sagen. Schau mal, ich kann ihm ganz freundlich zurufen: „Hey du alter Scheißkerl. Du elendiger Schwanzlutscher. Du bist eine besonders
hässliche Mistgeburt und niemand will dich in seinem Haus unter dem Tisch liegen sehen. Du stinkst wie verwestes Stück Fleisch, ekelhafter als ein verlauster Fischotter und dein dreckiger Hintern
soll dir abfaulen.“ Cordula holte tief Luft. Ich spürte, sie war in ihrem Element.
„Solange ich mich dem Tier freundlich mitteile und meine Stimmlage ruhig und besonnen bleibt, freut sich der Scheißköter einen ab und begrüßt mich schwanzwedelnd. Sobald ich ihm aber nette Dinge
sage und ihn dabei anschreie und ausschimpfe, ich laut werde, zieht er jaulend den Schwanz ein und sucht das Weite. Es ist die Stimmlage und nein, irrtümlicherweise sind es nicht die Worte, die
ich gebrauche. Die versteht der Hund nämlich gar nicht.“
„Das stimmt nicht. Mein Hund hat genau verstanden, wenn ich „Ball“ gesagt, oder andere Gegenstände beim Namen genannt habe. Oder wenn ich ihm zurief: „Gassi gehen“, dann brachte er mir sogar die
Leine.“
„Er hat sich die Laute eingeprägt, Verena. Tiere sind triebgesteuert. Eine Spezies, die ihresgleichen braucht oder ein starkes Rudel, um sich sicher zu fühlen.“
„Du verstehst nicht viel von Tieren was?“, unterbrach ich sie. Verärgert über so viel Dummheit, schüttelte ich den Kopf. Vielleicht war es aber auch Boshaftigkeit, weil Cordula gar keine Tiere
mochte, dass sie so schlecht über diese wundervollen Seelchen sprach. Wenn Vatti auch sie gezwungen hatte, für ihn zu arbeiten, hieß das noch lange nicht, dass sie die Tiere aus tiefstem Herzen
liebte. Wahrscheinlich hatte der Zuhälter ihrer Tierliebe den Garaus gemacht. Mit der perversen Vorliebe, ein Tierbordell zu betreiben, würde er wahrscheinlich jedes Mädchen in die Flucht
schlagen. Die, die blieben, taten es aus Angst.
„Was erzähle ich dir hier eigentlich? Es ist die Wahrheit. Mowgli ist der beste Ficker weit und breit. An dem Vieh hat sich Vatti ein Vermögen, ach, was sag ich- eine goldene Nase
verdient!“
Vorsichtig streckte ich meine Hand in den Verschlag. Der Hund nahm meinen Geruch auf. Das Gehege, in dem er sich frei bewegen konnte, war völlig verdreckt. Das Fell der armen Gestalt
kotbeschmiert und urinverklebt. Es stank fürchterlich. Ich konnte nicht einmal sagen, ob nur das Fell oder aber der komplette Hund den ekelhaften Verwesungsgeruch ausdünstete.
„Wer will sich sexuell an solch einem Häufchen Elend auslassen?“, fragte ich ungläubig.
„Da ist ja widerlich. Schlimmer noch als pervers ist das.“
„Niemand mehr. Mowgli fristet hier auf seine alten Tage das Gnadenbrot.“
„Wie, er sitzt den ganzen Tag in dem Käfig und niemand kümmert sich um ihn?“
„So ungefähr. Zwei Mal am Tag bringe ich ihm sein Futter.“ Mowgli kam zögerlich näher. Dankbar schleckte er über meine Hand. Seine Augen waren trüb und viel trauriger noch als meine.
„Ihn zu erschießen wäre ehrwürdiger“, seufzte ich.
„Vielleicht.“ Cordula zog die Schultern hoch.
„Warum tut es niemand?“
„Weil sie sich Tierfreunde nennen. Der Hund ist zwar alt, aber nicht krank. Warum sollte man ihm das Leben nehmen?“
„Weil das, was er hier fristen, aussitzen und aushalten muss, kein Leben ist. Zumindest kein lebenswertes. Kein artgerechtes Tierleben. Das hier ist die Hölle für solch eine sensible
Seele.“
„Das hat er nie gehabt. Ein artgerechtes Leben. Deshalb wird er auch nichts vermissen.“ Cordula zog mich von dem Käfig fort.
„Noch schlimmer“, schluchzte ich. Die Tränen in meinen Augen ließen sich nur schwer zurückhalten. Was für ein elendiges Hundedasein.
„Komm, ich zeige dir die Hunde, die regelmäßig im Einsatz sind.“
„Ich will sie nicht sehen.“ Ich sträubte mich.
„Jetzt komm schon. Es sind wunderbare Hunde. Sie werden dir gefallen. Einer von ihnen heißt Snow, er hat zwei blaue Augen und eine Menge Kunststücke drauf.“
„Nein, lass mich bitte.“ Mich ekelte es.
Erschöpft setzte ich mich auf einen der Strohballen. Vergrub das Gesicht in meine Hände und ließ den Tränen freien Lauf.
„Na, Ihr zwei Turteltäubchen!“
Vattis Stimme ließ mich aufschrecken. Sofort stand ich parat. Schluckte meine Tränen runter und lächelte unbeholfen. Ich ahnte Böses.
„Ich konnte sie nicht überreden. Sie will die Hunde nicht sehen.“ Cordula rang um die richtigen Worte. Ich dachte bei mir, Vatti hatte viel mit den Hunden gemeinsam. Bei ihm kam es auch nicht auf
die Wortwahl, sondern auf die Tonlage an. Wenn ich ihm freundlich an die Eier fasste und ihm ins Ohr flüsterte, er sei ein geldgeiles Arschloch, würde ihn das ebenfalls beeindrucken und mit
seinem Schwanz wedeln lassen.
„Ich sehe, das wird nichts mit unserem Geschäft.“
Vatti zündete sich eine Zigarette an. Das geöffnete, vergoldete Feuerzeug warf er lasziv in den Strohballen, auf dem ich gesessen hatte. In Sekundenschnelle ging das Getreide in Flammen auf.
Entsetzt brachte ich mich vor dem Feuer in Sicherheit.
„Wir werden noch viel Spaß miteinander haben, Verena.“ Vatti lachte und Freddy schob mit der Stiefelspitze den brennenden Ballen aus dem Stall.
„Schaff sie fort!“ Vatti kehrte mir den Rücken. Zeigte mir über seiner Schulter den Mittelfinger.
„Bisher habe ich noch jede Hure gebrochen. Es war immer nur eine Frage der Zeit.“
„Na dann will ich dir mal dein Zimmer zeigen!“ Freddy griff unter meinen Arm. Verwirrt blickte ich zu Cordula. „Du kannst es dir jederzeit überlegen“, rief sie mir nach, während Freddy mich
unsanft zum Wohnhaus schleifte.
„Was haben Sie vor mit mir?“, jammerte ich.
„Dich erziehen und dir eine Lektion erteilen. Wenn Vatti wiederkommt, wirst du mit den Hunden schlafen und es wird dir die wahre Freude bereiten. Ob du willst oder nicht.“
„Einen Scheißdreck werde ich.“ Ich bäumte mich auf, versuchte mich aus dem brutalen Griff des Mannes zu befreien, doch kräftemäßig war er mir haushoch überlegen.
„Das haben einige gesagt. Bis sie mich kennengelernt haben.“ Freddy öffnete im rustikal eingerichteten Haus eine schwere Metalltür, hinter der ein Zimmer ohne Fenster lag. Unsanft schubste er
mich hinein. Fast wie eine Gummizelle in der Psychiatrie.
„Willkommen zuhause, Fotze.“
Im Schnelldurchlauf meiner Erinnerungen sah ich das Stundenzimmer von Tante Ella und das Gästezimmer in Vattis Villa. Mir wurde bewusst, dass hier würde kein Vergnügen werden. Dem Typen namens
Vatti alias Dieter, der mich aus dem Bordell mitgenommen hatte, schien es verdammt ernst zu sein mit seiner Tiersexnummer.
„Sucht euch doch Mädchen, die freiwillig bei dem Mist mitmachen.“ Ich versuchte es auf die diplomatische Tour.
„Da gibt es genügend Frauen, die das Gehalt und die Arbeit zu schätzen wissen. Vatti hat aber nicht nur einen Puff, sondern mehrere, und sein Imperium wird von Woche zu Woche größer. Er treibt es
nicht nur mit Tieren. Seine Welt ist vielfältig und größer als das Universum, wenn wir das Kopfkino derer hinzunehmen, die er mit seinen bizarren Vorführungen unter der hohlen Schädelplatte schon
gefickt hat. Weißt du Schätzchen, das ist wie beim Arbeitsamt. Wenn du ohne Job bist, kriegst du einen zugewiesen und wenn du dich weigerst den auszuführen, wird dir die Kohle gestrichen. Wenn du
mehrere Male bockig bist, fliegst du, wenn es ganz schlecht läuft, komplett raus.“
„Wir könnten das Ganze schneller beenden, indem Sie mich rausschmeißen. Ich werde ganz sicherlich in der Show nicht mitspielen.“
„Rausschmeißen bedeutet bei uns:
„Du bist ein totes Mädchen, Verena.“
Diese abgehackten, hirnrissigen Sätze eines anscheinend komplett Verrücktgewordenen, wenngleich der Typ keineswegs dumm war, obwohl er in der Erscheinung eines Einsiedlers mit dem Verstand eines
zehnjährigen Jungen daherkam, entlockten mir tatsächlich ein Lachen. Ich konnte es mir nicht verkneifen. Wahrscheinlich lachten Menschen die von Angst besessen und innerlich zerfressen waren,
weil sie sich nicht anders zu helfen wussten.
„Sie wollen mich töten- nur -weil ich mich von einem dreckigen Hundeschwanz nicht in den Arsch ficken lassen will, oder was? Das ist ja komplett lächerlich.“
Ich wurde aufmüpfig.
„Ab sofort ist hier dein Platz. Hier bleibst du, bis du dich entschieden hast. Falls du die Entscheidung triffst, nicht für deinen Zuhälter arbeiten zu wollen, stirbst du hier. Hier in diesem
Zimmer. Du wirst nichts anderes mehr sehen als dieses schwarze Nichts.“
„Das ist mieser als jeder schlechter Horrorstreifen.“
„Ach, glaubst du? In einem Horrorfilm wird wenigstens noch nach Vermissten gesucht. Dich Schlampe vermisst doch keiner. Du bist auf dich alleingestellt und es liegt in deiner Macht, wie du dich
entscheidest. Leben oder Sterben.“
„Nee, Sterben oder Ficken“, verbesserte ich ihn. Freddy lachte. „Ich weiß gar nicht, was man da überlegen muss“, säuselte er.
„Ich soll jetzt hier in dem Zimmer hocken, bis ich mich eurem Willen beuge? Ohne Licht und ohne Nahrung?“, fasste ich meine Situation zusammen.
„Genau. Und ohne Medien. Du hast weder ein Radio, noch einen Fernseher.“
„Den Elektromüll brauche ich nicht.“
„Du wirst dich noch wundern. Weißt du, die meisten Mädchen schreien spätestens am dritten Tag danach, dass ich ihnen ein Kofferradio bringe. Die Stille, sie wird dich fertigmachen. Du siehst
nichts, hörst nichts, schmeckst nichts und ab einer gewissen Anzahl sinnlos vergeudeten Lebensstunden, fühlst du auch nichts mehr.“
„Zudem werde ich dir ein paar extrem sexgeile Hinterwäldler vorbeischicken, unter deren Machenschaften du dir wünschst, den Schlauch eines Pferdes in deinem Anus zu spüren, statt die
Schwänze einer Horde Sadisten. Glaube mir, ein vierbeiniger Hengst rammelt dich rücksichts- und respektvoller, als unsere Jungs es tun.“ Meine Ohren stellte ich auf Durchzug. Das war alles nur
heiße Luft, was er redete. In dem fensterlosen Zimmer würde ich es einige Tage lang ertragen. Nichts zu essen wäre nicht weiter schlimm. Ein paar Kilos weniger auf den Hüften, würde mir nicht
schaden. Ich war guter Dinge. Meine Mutter hatte mir beigebracht, niemals den Mut zu verlieren. Immer den Kopf oben behalten, sonst könnte ich die Sterne nicht mehr sehen.
„Wo ist die Toilette?“
„Luxus und den gibt es hier nicht. Du gehst auf den Eimer. Wenn du dir den Hintern abwischen willst, nimmst du eines deiner Kleidungsstücke. Solange, bis du irgendwann nackt und vor Scham heulend
in der Ecke sitzt. Glaube mir, du wirst dich nach dem Tode sehnen. Ich gebe dir einen freundschaftlichen Tipp. Fang mit den Socken an und arbeite dich von unten nach oben.“
Freddy lachte verwegen. Dann verschwand er. Die Tür fiel zurück ins Schloss.
Jetzt war ich allein in dem dunklen Raum.
Beim Betreten des Zimmers hatte ich im fahlen Lichtschein, der vom Flur hereindrang, gesehen, dass es außer einer am Boden liegenden Matratze, nichts gab, das an Zivilisation und zu einer
notwendigen Lebensausstattung menschlicher Bedürfnisse gehörte. Kein Tisch, kein Stuhl, kein Bild, nichts. Nur diese vier Wände, die mich wie unüberwindbare Knastmauern gefangen hielten. Hier gab
es nichts außer der Matratze und dem Scheißeimer, von dem ich nicht einmal mehr wusste, in welcher Ecke er sich befand, weil ich nicht aufgepasst hatte bevor sich hinter dem Irren die Tür ins
Schloss fiel. Ich bückte mich. Im Dunklen, besonders dort, wo man sich nicht auskennt, hat man unbewusst Angst, Gegenstände anzurempeln, also kroch ich auf allen Vieren in eine der Ecken. Mit dem
Rücken zur Wand ließ es sich wenigstens bequem sitzen.
Ich müsste nachdenken und durfte nicht durchdrehen. Cool und locker bleiben, redete ich mir ein. Immerhin bliebe mir die Wahl dem Szenario zu entkommen, wenn ich mich Vattis Willen beugte und
mich auf seinen Deal einließe. Umbringen würde er mich nicht. Das waren inhaltslose Drohungen. Auch wenn ich im Radio so oft von Mord und Verschleppung junger Frauen gehört und in den Zeitungen
darüber gelesen hatte, wollte ich es mir beim besten Willen nicht vorstellen, selbst in solch eine Falle getappt zu sein. Tante Ella hätte mich niemals mitgehen lassen, wenn sie gewusst hätte,
dass ich meinen Sturkopf mit dem Leben bezahlen sollte. Und niemand wusste besser über mich und meinen Eseldickkopf Bescheid, als sie. Auch wenn wir nicht darüber gesprochen hatten, so war ich
sicher, dass ihre Kundschaft ihr gebeichtet hatte, dass es niemanden von ihnen gelungen war, mit mir in die Kiste zu steigen, sie aber trotzdem ihre Späße mit mir treiben durften, weil ich es
verstanden hatte, auf meine Art und Weise die Wünsche und Sehnsüchte der Widerlinge zu befriedigen.
„Man darf sich für nichts zu schade sein in diesem Leben.“ Meg hatte mich gewarnt.
„Wenn die Luft zu dünn wird, muss man nachgeben, Verena.“
Warum merkt man immer erst beim Abschied, was es uns bedeutet und wie schön es war?
Selbst schuld. Hättest nicht mitgehen sollen mit dem Verbrecher.
Ich musste eingeschlafen sein.
Eine, vielleicht zwei Stunden lang gedöst haben. Ich war im Dunklen eingeschlafen und erwachte im Dunklen und wusste nicht einmal, was die Stunde geschlagen hatte. Morgens war ich losgefahren mit
Vatti. Vielleicht wäre es jetzt nachmittags vier Uhr. Vielleicht aber auch nach sechs und noch später, ich hatte keine Ahnung.
Die Luft wurde stickig. Kein Fenster zum Lüften. Wie das erst stinken würde, wenn ich mich auf dem Eimer erleichtern müsste. Wenigstens hatte ich die letzten Stunden nichts gegessen. So schnell
würde da kein Stuhlgang drücken. Aber meine Blase, die meldete sich. Angestrengt lauschte ich hinein ins Nichts. Die Tiere müsste man doch hören. Das Wiehern der Pferde, das Jaulen und Bellen der
Hunde. Aber da war nichts. Nicht ein Muckser. Selbst als ich den Atem anhielt, vernahm ich nicht einmal, das Abseilen einer Spinne über meinem Schädel.
Freddy hatte Recht behalten. Die Stille machte einen fertig. Nicht erst nach einem Tag. Da reichten ein paar Stunden. Ich summte ein Lied.
Steigerte mich ein wenig hinein in meinen Song aus den 80- er Jahren und wippte mit den Füßen auf dem Boden.
Das hielt ich nicht lange durch. Mein Hals wurde trocken und ich dachte an eine eisgekühlte Coca-Cola.
Aus meiner bequemen Hocke krabbelte ich rüber zur Matratze. Ich musste mich hinlegen. Mein Kreuz schmerzte. Nervös fummelte ich in meinen Hosentaschen. Hatte ich nicht zufällig ein Feuerzeug
dabei?
„Vergiss es, Verena“, lachte ich bitter. „Und selbst wenn du eins hättest, was wolltest du mit ihm?“, führte ich Selbstgespräche.
Mehrere Male drehte ich mich hin und her. Fand keine geeignete Stellung, dem Schmerz in meiner Wirbelsäule zu entkommen.
Dann heulte ich eine Runde.
Wenige Augenblicke später ließ sich meine Blase nicht mehr vertrösten. Ich raffte mich auf und krabbelte quer durch das Zimmer. Ertastete mit meinen Händen den Eimer. Mittlerweile wurde mir die
Erniedrigung meiner Peiniger bewusst. Mich zu vergewaltigen, wäre einfacher gewesen, als mich wie ein Tier einzusperren. Ich brauchte nicht lange um zu verstehen, wie sich ein ausgestoßenes Tier
fühlen musste, das man als Gebärmaschine in einem dunklen Verlies hielt, nur um gewinnbringend Kohle aus ihm zu schöpfen.
„Das sind doch immer nur die Hündinnen, die diesem Elend nicht entkommen, während das männliche Geschlecht die besseren Karten hat“, murmelte ich. Mühsam striff ich meine Hose über die Knie. Ich
sah ja nichts. Ich war wie blind. Mit meinen Händen hatte ich sorgsam die Größe des Eimers nachgefühlt, um bloß nicht daneben zu pinkeln.
Ich dachte an meine Mutter.
Was würde sie mir raten, wenn sie von meiner Situation wüsste? „Was ist schon dabei, sich von einem Hund ficken zu lassen?“, sprach sie. Und dann erkannte ich mit Schrecken, dass es nicht ihre
Stimme war, die zu mir sprach, sondern die von Werner. Vor lauter Schreck kippte ich mitsamt dem Eimer um. Zum Glück war noch kein Urin hineingelaufen. Die Dunkelheit hatte meine Sinne soweit im
Griff und benebelt, dass ich plötzlich glaubte, Werner befände sich mit mir zusammen in dem Zimmer. Ich war kurz vor dem Durchdrehen.
Grausam, welch miesen Streiche meine inneren Ängste mit mir spielten. Ich sah mich im Wald, als Kind mit Balou spielen. Ich warf das Stöckchen. der Hund rannte ihm nach und legte es mir vor die
Füße. Ebenso hastete er dem Tennisball nach und brachte ihn zurück zu mir. Ich war glücklich und unbeschwert. Werner hatte dem Hund spielerisch beigebracht, über meinen Rücken zu springen und
auch das fand ich toll.
Dann hielt er die Salami in seinen Händen und befahl mir, mich auszuziehen. Mir drehte sich der Magen um. Heiße Tränen rollten über meine Wangen. Warum waren Menschen so schlecht? Ich hatte mir
nicht aussuchen können, dass meine Mutter als Hure arbeitete. Gern hätte ich es anders gehabt. Traurig, dass sie mit allem, was sie mir ans Herz gelegt hatte, Recht behalten sollte. Auch ich
würde diesen miesen Weg gehen und im Abschaum der Menschheit landen, hatte sie mir prophezeit.
„Selbst schuld!“, sprach mein innerer Schweinehund.
„Aber ich bin nicht wie sie“, schniefte ich.
„Doch!“
„Nein! Ich habe mit keinem Freier geschlafen. Nicht mit einem einzigen. Ich habe Geld verdient, aber auf meine Art und Weise.“
„Ja und? Bist du darauf jetzt etwa stolz?“
Meine Gewissensbisse würden mich noch umbringen. Dazu brauchte es gar nicht die Schweinehunde Freddy und Vatti, das schaffte ich sogar alleine.
„Du hast dir ein Versprechen gegeben. Du willst deine Mum und deinen Hund rächen,“ flüsterte meine innere Stimme.
„Ach, halte die Fresse!“
Mit den Fäusten trommelte ich gegen die Wände.
An dem Beton und schlug ich mir die empfindlichen Fingerknöchel auf. Ich spürte das Blut in meinen Hautfalten.
„Das war dummes Kindergelaber was ich da von mir gegeben habe. Was kann ich schon ausrichten? Gegen eine Welt voller irrer Sadisten? Ich ganz alleine?“
„Und wenn es nur eine einzige Seele ist, die du rettest.“
Folter
Mich auf dem Eimer zu erleichtern, hielt mir jedenfalls den grässlichen Druck in
meinem Unterleib fern. Ich hätte es nicht mehr länger ausgehalten, meine Pisse einzuhalten. Zu den Ohren wäre sie mir rausgekommen.
Angewidert zog ich meine rechte Socke aus. Wischte die restlichen Spuren Urin zwischen meinen Schenkeln fort. Die Socke schmetterte ich wutentbrannt quer durchs Zimmer. Dann fiel mir ein, dass
ich sie eventuell noch brauchen würde für das nächste Geschäft. Auf allen Vieren krabbelte ich über den Boden und suchte nach dem ausgezogenen Füßling. Ich kam mir vor wie in einem schlechten
Film.
Wie viel Uhr die Stunde wohl geschlagen hatte?
Ich vegetierte zwischen Magenknurren, Heulkrämpfen und dem Anflug mehrerer Panikattacken. Ich durfte mich in das Elend nicht hineinsteigern, sonst würde ich hyperventilieren.
Vielleicht könnte ich mich totstellen und wenn Freddy ins Zimmer hereinstürmte, ihn überwältigen und versuchen zu Flüchten. So klappte das in Thrillern im Fernsehen immer hervorragend.
Ich verwarf den Gedanken. Was sollte ich gegen den kräftigen Mann ausrichten?
Gefühlte Jahre der Gefangenschaft in meiner Isolation des fensterlosen, geräuschlosen Gefangenenzimmers, in dem jetzt nicht nur die Luft stickig war, sondern es auch besonders unangenehm
penetrant nach Pipi stank, öffnete sich schließlich die Tür. Meine Augen wurden vom Tageslicht so stark geblendet, dass ich sie erschrocken zusammenkniff.
„Und, wie schaut es aus, Schätzchen? Hast du es dir überlegt? Wirst du für uns arbeiten?“ Aus Freddy sprach die Zuversicht.
„Nein!“, sagte ich.
„Gut. Ganz wie du willst. Bis später.“ Die Tür fiel zurück ins Schloss. Das mechanische Geräusch und die wenigen Worte, die ich mit einer unmenschlichen Seele gewechselt hatte, machten meine
Angelegenheit vielleicht etwas besser, änderten jedoch meine Meinung nicht.
„Niemals arbeite ich für euch perversen Wichser!“, schrie ich ihm nach. Ich wusste nicht, ob Freddy mich hören konnte. Ich hoffte es.
„Lieber verrecke ich hier, hört Ihr?!“
Ruhelos wälzte ich mich auf der Matratze hin und her. Irgendwann begann ich zu schreien. Ich schrie um Hilfe und gab wortlose Laute von mir. In der Hoffnung, mich würde jemand hören und mir zur
Hilfe eilen. Ich kugelte mich auf dem Rücken liegend, hin und her wie ein hilfloses Baby. Rollte mich zusammen wie ein schutzsuchender Embryo und dann schlug ich abwechselnd die Arme in die Luft
und strampelte mit den Beinen. Meine Wut kannte kein Erbarmen. Es kam niemand. Die Nichtbeachtung, die man mir schenkte, traf messerscharf mitten ins Herz. Mit Ignoranz kriegst du sie alle
klein.
Der Stuhlgang drückte. Ich verkniff ihn mir. Alsbald schmerzte es so sehr in meinem Enddarm, dass mir nichts weiter übrigblieb, als mich über den Eimer zu hocken und hinein zu scheißen. Die wohl
übelste Form der Erniedrigung. Ich suchte nach dem Socken der mir bereits einmal zum Hintern abwischen gedient hatte.
Ich fand ihn nicht mehr. Ich hatte die Wahl. Entweder zog ich den zweiten aus oder ich robbte mit nacktem Hintern über den Boden und suchte das verdammte, uringetränkte Kleidungsstück.
Ich fluchte.
Meine Glieder schmerzten und ich hatte das Gefühl, ich litt unter Fieber. Ich fröstelte und es gab nicht mal eine Decke zum zudecken. Wie lange war ich jetzt hier in dem Raum eingesperrt worden?
Zwei Tage? Drei? Ich hatte völlig die Orientierung verloren. Ich zitterte. Aus Angst und vor Kälte, obwohl es draußen, hinter den Mauern, herrlichster Sommer war. In dem Bunker des fensterlosen
Gebäudes, gab der triste Beton eine klirrende Kälte ab, dass ich glaubte an ihr zu erfrieren. Eiseskälte, die sich anfühlte, als ließe sie mein Blut in den Adern gefrieren.
Den Socken fand ich nach gefühlt endlosen Minuten des über die Erde Robbens wieder. Ich freute mich wie ein kleines Kind. Fühlte mich an Topfschlagen auf dem Kindergeburtstag erinnert. Meine Knie
fühlten sich wund an. In der Dunkelheit konnte ich nicht nachsehen, ob sie aufgeschürft waren. Dass sie weich wie Pudding waren und ich kaum noch laufen konnte, sobald ich es versuchte, war viel
schlimmer.
So lag ich wieder da.
Auf der Matratze.
Das einzige Möbelstück in meinem Gefängnis.
Ich wartete.
Wusste nicht worauf.
Sollten sie mich doch töten.
Mal sang ich, dann weinte ich, dann summte ich und manchmal pfiff ich sogar ein Lied. Alles im Wechsel. Meine Emotionen fuhren Achterbahn. Ich war müde und konnte nicht schlafen. Der Hunger
meldete sich und er hielt mich wach.
Wenn ich hier aus dem Laden jemals lebend rauskommen sollte, würde ich mir beim Türken fünf Döner auf einmal bestellen und drei große Krüge eisgezapftes Bier.
Die Tür flog auf.
„Was ist?“, brüllte Freddy. Er klang gar nicht mehr freundlich. Gut, das hatte ich auch nicht erwartet.
„Töte mich“, sagte ich schwach.
„Nee, das wäre zu einfach.“ Er war sichtlich unzufrieden mit meiner Antwort.
Das Licht blendete mich. Ich beschirmte mit meinen Händen die Augen und versuchte ihm ins Gesicht zu sehen. Sein Ausdruck war für mich nicht zu lesen. Irgendwie leer und dennoch hochexplosiv. So,
als wollte er mich am Kragen packen, aus dem Zimmer schleifen und im Stall an die Schweine verfüttern. Selbst das wäre mir egal gewesen.
„Du bist eine erstaunlich harte Sau“, schnaufte er verärgert.
„Töte mich“, sprach ich mit gleichgültiger Stimme. Ich hatte keine Lust mehr mich anzustrengen. Nicht für den Wichser. Auch das Schreien würde ich einstellen müssen. Je mehr ich meine Stimmbänder
reizte, desto größer wurde mein Durst und ich war mir im Klaren darüber, dass ich spätestens morgen oder übermorgen meine eigene Pisse trinken müsste, wenn ich nicht verdursten wollte.
„Hast du einen Wunsch?“
„Bevor ich sterbe? Du meinst, diesen Letzten?“ Ich sprach im Flüsterton und schöpfte Hoffnung.
„Nee, gestorben wird nicht. Der Tod ist mir zu barmherzig, das Sterben eine Qual. Ich quäle für mein Leben gern. Also, vergiss es.“ Freddy lachte und der leere Ausdruck in seinen Augen wich dem
Grinsen eines Dämons, der zum Folterspaß eines Märtyrers überging.
„Los, was ist dein Wunsch?“, drängte er.
„Ich möchte das Tageslicht sehen. Den Vögeln bei ihrem Gesang zuhören und dem Rauschen des Waldes lauschen“, philosophierte ich. Eigentlich war es mehr ein Fantasieren, als ein Wunsch.
„Ziemlich einfallslos, findest du nicht?“
Freddy räusperte sich und blickte nervös auf die Armbanduhr.
„Wie wäre es mit Essen oder Trinken?“, bot er mir an.
„Ja, das auch. Eine Coca-Cola wäre ein Traum.“
„Für jeden Gefallen den ich dir tue, musst auch du mir einen erweisen.“ Seine Augen funkelten wieder böse.
Störrisch warf er den Kopf in den Nacken. Die Rotzbrocken flogen ihm aus den Nasenlöchern. Er war erregt wie ein Bulle oder wildgewordener Stier, ebenso schnaufte er auch. Ich konnte es nicht
mehr ausmachen, was ich schlimmer gefunden hätte, somit entschied ich mich für den Stier, mit dem ich um mein Leben ringen müsste. Mit seinen imaginären, spitzen Hörnern könnte er mich ruckzuck
töten. Desolat betrachtet, lag ich halb im Delirium und der Tod wäre meine Erlösung.
„Wie jetzt?“, fragte ich verstört.
„Ich bringe dir eine Cola. Dafür wirst du dich von mir ficken lassen müssen.“
„Behalte die Cola.“ Entschlossen, ihm nicht gehorchen zu wollen, rollte ich mich zur Seite.
„Prinzessin, du hast drei Tage lang nichts getrunken. Du wirst vor die Hunde gehen“, lachte er.
„Ich kann meine Pisse aus dem Eimer saufen. Das tue ich gewiss lieber, als deinem Schwanz eine freundliche Einladung für meine Pussy zu schreiben.“
„Wieso für die Pussy? In den Arsch ficken will ich dich. Damit du für später gleich mal weißt, wie es geht.“
„Töte mich, dann kannst du dich in sämtlichen meiner Körperöffnungen mit deinen sadistischen Trieben auslassen. Vorne, hinten, oben, unten, überall wo du willst.“
„Miststück!“, schnaufte Freddy und schlug die Tür zu.
Ich kämpfte mit den Tränen. Lange würde ich diesen täglichen Fight nicht mehr aushalten.
Am nächsten Tag wurde mir bewusst, dass ich, wenn ich nicht sterben wollte, Freddy einen seiner Wünsche erfüllen müsste, sofern er das Zimmer noch einmal betreten sollte.
Der Durst wurde unerträglich.
Mit meinem Gesicht hing ich angewidert über dem Eimer, schöpfte mit der gekrümmten Handfläche nach meiner Pisse und führte sie mir an die Lippen. Ich versuchte mir vorzustellen, es sei Coca-Cola.
Der strenge Geruch allein, das Zeugs zu trinken, machte meinen Mut zunichte. Ich musste erbrechen.
„Na, Prinzessin?“ Die Tür flog auf.
„Bitte, ich muss was trinken“, bettelte ich.
„Aber klar doch. Alles was du willst.“ Freddy lachte. Die Arme hielt er über seiner breiten, muskulösen Brust verschränkt.
„Cola“, flehte ich.
„Wirst du mir einen Dienst erweisen?“
Schweigen.
Ich nickte. Ich hatte keine Wahl. Entweder müsste ich sterben oder mich meinem Märtyrer beugen.
„Endlich wirst du vernünftig.“
Ich trank fast einen Liter Cola. In dem Augenblick war mir alles egal, der Durst hatte mich tastsächlich um meinen Verstand gebracht.
Freddy verlangte seine Auslöse. Er forderte Sex mit mir. Für mich der Horror. Es wäre das erste Mal, dass ich ungewollten Geschlechtsverehr über mich ergehen lassen müsste. Mein Kopfkino spulte
merkwürdige Szenen ein. Ich dürfte es nicht als Vergewaltigung ansehen, um nachher nicht daran zu zerbrechen. Ich müsste mir vorstellen, gern mit Freddy gern schlafen zu wollen. Ich würde ihn
begehren und liebhaben. Beim besten Willen, das Kunststück gelang mir nicht.
„Glaub mal nicht, dass es mir Spaß macht, wenn du wie tot unter mir liegst.“ Freddy rollte sich von meinem Körper. Sein ekelhafter Schweißgeruch setzte sich in meine Nase. Tränen fluteten meine
Augen. Jetzt war ich nicht mehr die jungfräuliche Hure, sondern gehörte offiziell zu den Schlampen. Ich fühlte mich dreckig und beschmutzt. Ein grässliches Gefühl. Das wohl Schlimmste, das eine
Frau in ihrem Leben einstecken müsste.
„Und wenn ich das nächste Mal wiederkomme, dann willigst du in unsere Geschäfte ein. Wirst sehen. Der Hunger wird dir ebenso den Verstand rauben, wie es dein Durst getan hat. Ohne Nahrung, das
hält niemand länger aus als fünf Tage. Ich sagte dir, nicht der Tod ist das Übel, das Sterben ist grausam.“
„Niemals kriegt Ihr mich klein“, gab ich Widerworte.
„Wetten?“
„Wetten tun die Kötten, wenn sie kein Geld haben“, erinnerte ich mich an den Spruch meiner Mutter.
