Tränen eines Pferdes
Anais C. Miller
Nicht ich war es, die ihn gerettet hat.
Er hat mich gerettet.
Sie haben eine Seele.
Sie weinen still.
Vernichte nicht ihren Stolz mit deinem Egoismus, nimm ihnen nicht die Würde, wenn sie alt und somit für dich wertlos geworden sind.
Gebühre ihnen Respekt alle Zeit und sei demütig vor der Kreatur Tier, dann hast du einen Freund fürs Leben. Einen, der dich niemals enttäuscht.
Anais
Copyright 2019 by Anais C. Miller
Covergestaltung Renee Rott
Lektorat Textcheck Agency Michaela Marwich
Fotos Anais C. Miller privat
Printed in Germany
Jeder Mensch braucht etwas an das er glaubt. Das ihn aufrecht hält, ihm Halt gibt, Hoffnung und
Zuversicht in dunklen Lebensstunden schenkt.
Einige nennen es Lichtblicke.
Wenn dir ein Mensch oder ein Tier begegnet, das diese Lichtblicke verloren hat- warum sollte es Tieren anders ergehen als uns Menschen- so gehe nicht achtlos an ihnen vorüber. Du siehst es in
ihren Augen. Dass sie dich genau jetzt brauchen. Jetzt und das mehr als jemals zuvor. Dich, als der Mensch, der an sie glaubt obwohl sie von allen anderen längst verlassen wurden.
Es kann nichts Größeres geben, als ein Wesen zu retten, das nie eine Chance gehabt hätte, wenn du nicht gewesen wärst.
Inhaltsverzeichnis
Klappentext
Prolog
Classic Star
Der Tod ist endlich
Italien
Willkommen im Leben
Vier Jahre später
Was zusammengehört, gehört zusammen
Wie das Leben so spielt
Das Wiedersehen
Feinde
Drei Jahre später
Acht Jahre später
Anna
Drei weitere Jahre später
Ein neues Leben
Abschied
Deja Vu
Es wäre doch schön blöd nicht an Wunder zu glauben
Lichtblicke
Nachwort
Gedankengänge zum Buch
Klappentext
Ein ehemaliges, sehr erfolgreiches Turnierpferd soll in Rente gehen. Man entsorgt sich der Last des älter
werdenden Tieres, in dem man es auf einen Gnadenhof bringt. Dort ist das Pferd mehr oder weniger sich selbst überlassen und mit den ungewohnten Naturgewalten, denen es auf der Koppel schutzlos
ausgesetzt ist, völlig überfordert. Es wird schwer krank und ist dem Tod geweiht. Eine junge Frau, die jahrelang davon träumte, dieses edle Tier besitzen zu dürfen, rettet das Pferd und es ist
der Beginn einer unvergessenen, wundervollen Freundschaft voller Höhen und Tiefen des Lebens.
„Es kann nichts Größeres geben als ein Wesen zu retten, das nie eine Chance gehabt hätte, wenn du nicht gewesen wärst.“
Erzählt nach einer wahren Begebenheit
Prolog
Anna weckte mich früh am Morgen. Mein Lieblingsfutter gab es, Bananen,
Äpfel und Mash, welches sie lauwarm in meinen Trog füllte. „Nur das Beste für dich, mein Bester“, sagte sie, Eine Traurigkeit spürte ich in ihrem Wortlaut.
Mit dem Striegel gab es eine ausgiebige Fellmassage. „Du bist so wunderschön“, sagte sie nachdenklich.
Ob sie mit mir an diesem kalten Vormittag Ende September, an dem sich der Nebel über die Felder legte wie ein Silberschleier der alles verzauberte und die Welt gänzlich Ton in Ton hauchte,
ausreiten ginge? Wir durch die Felder streifen und den nahenden Herbst mit seinem leuchtenden Farbenspiel in den Blättern der Bäume begrüßen würden? Ungeduldig scharrte ich mit den Hufen, in
freudiger Erwartung, dass sie mir den Sattel auflegen würde. Doch stattdessen warf sie mir die Paradedecke über, die wir auf dem letzten Turnier gewonnen hatten. An meine wertvollen Beine zog sie
die Transportgamaschen. Wertvoll, weil die Reiter sagen, nichts sei schlimmer als ein Springpferd mit einer verletzten Sehne. In all den Jahren in denen ich als Sportpferd arbeitete, hatte man
gut Acht gegeben auf mich. Nicht einmal war ich krank gewesen. Anna weinte plötzlich. Mit zittrigen Händen band sie den kleinen Anhänger in mein Halfter, auf dem "Schutzengel" geschrieben stand.
Mit ihrer Hand fuhr sie fahrig über meinen Mähnenkamm.
Eine Träne fiel auf mein Fell.
Möge er dich beschützen und auf dich aufpassen, mach´s gut mein Freund und vielen Dank für alles. Ich werde dich niemals vergessen“, schluchzte sie haltlos, während sie mich die Rampe hinauf in
den Transporter führte.
Am Ende der Reise nahmen unbarmherzige Hände die Decke von meinem Rücken, zogen die Transportgamaschen aus und verbrachten mich auf eine tief im Wald entlegene
Weide, auf der ich mit vielen anderen Pferden zusammen mein Dasein fristen sollte. Die Tiere waren ungepflegt, vernachlässigt, alt und krank. Alt war auch ich, aber in meinen Augen war noch Glanz
und Feuer, Lebensmut und Freude. Ihre Augen jedoch waren leer und ohne Zuversicht. Der Tod wartete auf jedes der ausgedienten Tiere, die einst als Hochleistungssportler dem Menschen treu und
ergeben dienten. Der Geruch des Sterbens hatte sich wie ein düsterer Schleier über die Seelen der Tiere gelegt.
Tagelang wartete ich am Zaun. Auf meine geliebten Menschen. Wind, Sturm, Regen, Frost und Schnee war ich schutzlos ausgeliefert. Witterungsverhältnisse, die mir völlig fremd waren. Unsäglich litt
ich unter Kälte und Hunger, wurde schließlich krank.
Niemand sah mehr nach mir.
Selbst meine Freundin Anna schien mich vergessen zu haben.
Traurig fügte ich mich meinem Schicksal, auf der Gnadenbrotweide meine letzten Lebensstunden verbringen zu müssen. Der Tod lauerte nunmehr auch auf mein
Lebensende…
Das Foto zeigt Classic Star in einem seiner letzten, großen Springen, bevor er in die wohlverdiente
Rente gehen sollte.
Dieses Buch möge für all die vergessenen Pferdeseelen stehen, an die niemand mehr geglaubt hat und die es nicht geschafft haben.
Tränen m(eines) Pferdes
Classic Star
Der alte, erfahrene Züchter Hans, wartete in großer Besorgnis und
Unruhe auf das Abfohlen seiner geliebten Stute Maja. In der stürmischen Nacht schien sie ihm besonders aufgeregt zu sein. Ihr Verhalten war besorgniserregend. Sie hatte noch gut eine Woche
lang Zeit, bis zum errechneten Termin, doch Hans glaubte, das sehnsüchtig erwartete Fohlen würde noch in dieser Nacht das Licht der Welt erblicken. Seine zweite Zuchtstute, die
zierliche Vollblutstute Special Feelings, hatte bereits vor drei Tagen ihr Stutfohlen geboren. Mutter und Tochter waren wohlauf. Das kleine Fohlen galoppierte
munter durch die Box und ließ das Herz des alten, erfahrenen Pferdezüchters höher schlagen.
Ein Prachtfohlen.
Ein potentieller, frisch geborener Star für die Vielseitigkeit in wenigen Jahren. Hans wusste aus leidvoller Erfahrung, dass nicht jede Fohlengeburt komplikationslos verlief und mit jedem
weiteren Male, in dem ein Fohlen geboren wurde, es auch in über 50 erfolgreichen Züchterjahren, noch zu Komplikationen kommen konnte. Komplikationen, in denen es schlagartig um Leben und Tod
ging. Die Angst welche sich beängstigend in seiner Magengrube empor schlich, die Sorge, dass etwas schiefgehen könnte, kehrte wie auf Knopfdruck in jedem weiteren Zuchtjahr zu ihm
zurück.
Das Fohlen aus seiner alten Stute Maja, auf das er sehnsüchtig wartete, würde ein ganz besonderes Pferd sein. Sein Vater war der legendäre Vererberhengst Contender.
Der stattliche dunkelbraune Holsteiner von Calypso II über Ramiro Z und hinten raus auf den Blüter Ladykiller xx gezogene in der Springreiterszene zu Recht betitelte Wunderhengst, vereinte
Leistung und Adel. Außerdem vererbte er Langlebigkeit und Härte. Contender war im Besitz einer Lebensgewinnsumme von über 7,7 Millionen Euro, dazu als Vater von über 127 gekörten Söhnen und über
300 allein in Deutschland registrierten international erfolgreichen S-Springpferden gelistet. Auch Hans alte Holsteinerstute Maja war in jüngeren Jahren ein erfolgreiches Springpferd gewesen,
welches mit Hans vor mehr als 20 Jahren durch den Springparcours gesaust war. Der alte Mann lächelte mit Tränen in den Augen, während er sich an seine Sturm- und Drangzeiten erinnerte.
Diese waren längst vorbei, doch der Züchterstolz in seinem Herzen war geblieben. Wenngleich der Vorhang gefallen und die Bühne erschreckend leer geworden zu sein schien in all den Jahren. Alles
was Hans geblieben war aus einer wundervollen Zeit mit seinen geliebten Pferden, waren eingestaubte Pokale, vergilbte Fotos und zerfledderte Schleifen, die als Andenken im dunklen Keller vor sich
hin schimmelten. Einige wenige wertvolle Erinnerungen hatte er mit ins Haus genommen. Der tägliche Anblick seiner Herzensangelegenheiten in Form von Fotos und errungenen Pokalen, bereiteten
dem alten Mann Schmerzen in seiner Brust. Wie vergänglich das Leben war, sinnierte er.
„Wir zwei Maja, weißt du noch?", tätschelte Hans seiner Stute liebevoll den Hals. Mit Ehrfurcht berührte er das Fell seines Pferdes, verstohlen wischte er einige
Tränen fort. „Dein Fohlen, das du unter dem Herzen trägst, ist etwas ganz Besonderes und das, obwohl es noch nicht einmal das Licht der Welt erblickt hat. Vielleicht ist es eines der besten
Springpferde dieser Welt...“, seufzte der alte Züchter nachdenklich.
Hans wusste genau, ihm blieb nicht mehr viel Zeit. Der Krebs durchwucherte unaufhaltsam seine Lungenflügel und auf den im Krankenhaus unzählig geschossenen Röntgenbildern gab es nur noch
schlechte Zukunftsprognosen zu sehen. Das Einzige, das ihn am Leben hielt, war die bevorstehende Geburt eines in seinen heimlichen Träumen absoluten Ausnahmepferdes der Vererberlegende Contender.
Für dieses Fohlen müsste er stark sein. Ein letztes Mal noch in den Kampf ziehen und mit all seiner Kraft den unausweichlichen Todeszeitpunkt hinauszögern. Dem Krebs trotzen, solange es ihm nur
möglich wäre für die Geburt dieses Ausnahmefohlens. Oftmals erinnerte er sich mit Wehmut an seine Bundeswehrzeiten zurück. Hart und unbarmherzig waren sie gewesen und doch hatte er vieles
an Erfahrung aus ihnen gewonnen. Der ewige Mädchenschwarm und damalige Jungspund war Hans gewesen. „Stand Up and fight!“, hatte es bei den Soldaten geheißen. Genau so hatte er es jahrelang
gehalten. Immer wieder war er aufgestanden, hatte ihn das Schicksal auch noch arg zu Boden gerissen. Eines Tages jedoch schien er müde geworden zu sein von den vielen Kämpfen die er in einem
bewegten Leben hatte führen müssen. Bis zu dem Tag, an dem er alles geregelt hätte, was geregelt werden müsste, wollte er es jedenfalls so halten, nicht aufzugeben. Aufstehen und kämpfen, das war
seine Devise!
Der größte Schmerz in seiner Brust war die Ungewissheit, was aus Maja, Special Feelings und ihren Fohlen werden sollte, wenn er das Zeitliche segnete.
Der wundervolle Gedanke, seine Frau Maria, die ihm seinerzeit vorausgegangen war, bald wiedersehen und in seine Arme schließen zu dürfen, ließ ihm ein kleines Lächeln und einen zufriedenen
Seufzer über seine runzelige Stirn gleiten. Der Tod hatte auch gute Seiten an sich. Es kam lediglich darauf an, von welcher man ihn betrachtete.
„Vater, warum gehst du nicht schlafen?“ Matthias, Hans jüngster Sohn, trat in den Stall und legte seinem Vater wohlwollend die Hand auf dessen Schulter. „Du wirst dir hier noch eine
Lungenentzündung holen bei dem Shitwetter. Komm mit ins Haus. Maja macht das auch alleine. Ohne dich.“ Matthias meinte es gut, Hans wusste das, deshalb erwiderte er seinem Sohn nichts
obwohl ihn seine lapidaren Worte verärgerten. Gern hätte er Matthias in einem Schnellkurs alles Wichtige, was man über eine bevorstehende Fohlengeburt wissen musste, erklärt. Nicht nur über die
Fohlengeburt, auch über die Haltung der Pferde, ihre Fütterung und ach, Hans hätte seinem Sohn unendlich viele Geschichten erzählen können. In seinem Herzen saßen Gedanken unzähliger
Erinnerungen. Tief verankert, die nur danach schrien, Gehör zu finden. Nunmehr war es zu spät. Matthias war siebenunddreißig Jahre alt und in all den Jahren hatte er sich nicht ein einziges Mal
um die Pferde seines Vaters geschert. Nicht dass er die Vierbeiner nicht gemocht oder eine Antipathie gegen sie gehegt hätte, nein, das konnte man so nicht sagen. Allerdings saß er lieber im
feinen Nadelstreifenanzug seines sterilen Büros, mit dem Kopf über zahlreichen Akten seiner Mandantschaft vertieft und studierte statt Pferde und deren Eigenschaften, die Streitigkeiten und
Delikte fremder Menschen.
Den Beruf des Rechtsanwalts hatte er mit Sorgfalt gewählt und Maria war unheimlich stolz auf das Nesthäkchen der Familie gewesen. „Ach Hans, sei doch nicht immer so streng mit dem Jungen. Ihm
liegt das Pferdevirus einfach nicht im Blut“, hatte sie den jüngsten Sohn zu Lebzeiten in Schutz genommen, wenn Hans sich mal wieder lustig gemacht hatte über die neuen, feinen Bugatti Schuhe
seines Sohnes mit denen er nicht den Stall betreten könnte, wie er ihn herrisch belehrte. Mit Pferden hatte Matthias zum Leidwesen seines Vaters in all den Jahren nichts am Hut gehabt. Höchstens,
wenn seine Mandanten um Rechtsauskünfte in Pferdeangelegenheiten stritten, bat er seinen Vater um Rat. Oftmals arteten diese Gespräche viel weiter als gedacht aus und plaudernd versank man bei
einem guten Glas Wein in anregenden Gesprächen über alte Zeiten und reiste gemeinsam in die reiterliche Vergangenheit des Vaters. „Und am Wassergraben trennten sich dann unsere Wege! Diese
zickigen Stuten! Aber die Stuten sind die besten! Sie halten zu dir, sie kämpfen für dich, sogar wenn du sie mal ungerecht behandelt hast!“, lachte Hans oftmals mit Tränen in den Augen, wenn er
erst einmal in Erinnerungen schwelgte. „Ja, das sieht man an Mutter. Sie hält auch immer zu dir, selbst wenn du dich mal im Ton vergreifst“, entgegnete Matthias schmunzelnd. Beide Männer lachten
herzhaft.
Vergangenheit…
Wertvolle Augenblicke die viel zu selten gewesen waren in einem bewegten Leben, in
welchem Vater und Sohn definitiv zu wenig Zeit miteinander verbracht hatten. Matthias noch etwas über Pferde, Zucht und deren Haltung beizubringen, wäre eindeutig zu spät gekommen, sinnierte
Hans. Matthias lag das Pferdevirus tatsächlich nicht im Blut, da hatte Maria Recht behalten. „Selbst wenn Maja die Geburt alleine macht, könnte es Komplikationen geben. Weißt du, es wird die
letzte Fohlengeburt sein, die ich miterlebe und für mich ist dieses Fohlen etwas ganz Besonderes, also lass mich bitte“, knurrte Hans ungehalten.
In seiner Luftröhre kratzte es unangenehm. Die Lunge schmerzte. Tägliche Luftnot und Auswurf machte ihm zu schaffen. Seine Kraft schwand dahin. Dem Übel konnte er nichts mehr entgegensetzen. Die
Krankheit würde stärker sein als all seine Hoffnung sie zu besiegen und das nahende Ende war ihm gewiss. Der Kampf war verloren. Eine Chemotherapie hatte er abgelehnt. Von diesem neumodischen,
synthetischen Drogenzeugs hielt er nichts. Der Arzt hatte ihn merkwürdig angesehen, als er ihm ins Gesicht sagte, er würde so oder so sterben müssen und bräuchte keinen chemischen Dreck den man
obendrein noch in seinen verwesenden Körper rein pumpen wollte. Eine Chemotherapie würde sein Leiden nur unnötig in die Länge ziehen. Heilung gäbe es für ihn nicht also brauche er keine
Chemotherapie.
„Wie du meinst Vater.“ Enttäuscht wandte sich Matthias ab. Nachdem er zwei Schritte Richtung Stalltor gegangen war, hielt er ein letztes Mal inne, drehte sich noch einmal um und fragte: „Wie soll
das Fohlen eigentlich heißen, wenn es da ist?“
Hans schmiss sich in die Brust.
Die Frage seines Sohnes ließ sein altes, vernarbtes Herz auflachen und in neuem Glanz erscheinen.
„Wenn es eine Stute wird, heißt sie Classic Girl. Sollte es ein Hengst werden“… „Classic Boy?“, ergänzte Matthias. Hans schüttelte den Kopf. „Nein, dieses Pferd wird nicht einfach irgendein
Boy sein, mein Sohn. Dieses Pferd ist ein Star und einen eben solch klangvollen Namen hat es verdient. Ein Hengst soll den Namen Classic Star tragen.“ Eine winzige Träne verdunkelte
seine Augen. Wie gern hätte er dieses Fohlen aufwachsen sehen wollen. Seine Ausbildung verfolgen, am späteren Turniergeschehen und den Erfolgen seines selbstgezogenen Nachwuchspferdes
applaudierend am Rande des Springplatzes teilhaben zu können, wäre ein langgehegter Züchtertraum gewesen. In dem Kopfkino des alten Mannes spielten sich dramatische Szenen ab. Diese
unbändige Sehnsucht in seinem Herzen, nach Erfolg und Berührung tief im Herzen, brannte lichterloh, war nicht zu stillen. In all den Jahren hatte er davon geträumt einen prachtvollen Hengst auf
der Körung des Holsteinerverbandes zu präsentieren. Unter den kritischen Augen einer geschulten Jury beweisen zu können, wie viel Ahnung er von Pferden hatte und dass es ihm endlich gelungen war,
einen körfähigen Nachfolger von Contender auf dem platten Land zum Decksprung der umliegenden Stuten aufzustellen. Ein Hengst, der auf seinem Hof geboren- und unter den kritischen Augen des
Richtergremiums zur Körung zugelassen wurde. Bisher war ihm das in zwanzig Zuchtjahren nicht gelungen. Aufgeben war für ihn keine Option gewesen. Niemals.
Ein berühmter Paul Schockemöhle würde bei Hans anklopfen und ihm den Hengst für viel Geld abkaufen wollen, träumte er. Doch sein Classic Star wäre unverkäuflich. Der Traum eines jeden Züchters
war für Geld nicht zu erwerben. Matthias wäre niemals in der Lage gewesen den Traum seines Vaters weiter zu träumen, geschweige denn ihn zu realisieren. Hans war ihm deshalb nicht böse und auch
wenn es ihm einen schmerzhaften Stich in seiner Brust versetzte, weil er zeitnah keinen Einfluss mehr auf die Dinge nehmen könnte, verzieh er seinem Sohn großmütig, dass er niemals in die Augen
eines Pferdes geblickt und die Einzigartigkeit dieser Wesen für sich entdeckt hatte. Dass er in all den Jahren nicht das gesehen und wahrgenommen hatte, wofür sein Vater gelebt hatte und
letztendlich sterben würde. Passion, Leidenschaft und die Sucht nach dem Virus Pferd, von dem man nie wieder loskam, wenn man einmal von ihm befallen war. „Schlaf gut, Papa.“ Matthias zog
die Stalltür hinter sich zu und verschwand in der dunklen, regnerischen Nacht. „Papa, das hat er ja noch nie gesagt“, dachte Hans gedankenverloren.
Maja zögerte die Geburt ihres Fohlens hinaus. Hans saß ungeduldig in der Stallgasse auf dem Strohballen vor ihrer Box und wartete. Die Hände in sein Gesicht gestützt, mit den Zähnen knirschend,
seine Anspannung unterdrückend, saß er stillschweigend da und wartete auf die Anzeichen der bevorstehenden Geburt. Zwischendurch ging er ins Haus, kochte einen viel zu starken Kaffee und
schmierte eine Stulle mit Erdnussbutter. Auf seine letzten, gezählten Tage, wollte er auf das Wesentliche im Leben nicht verzichten. Vor allen Dingen nicht auf solche Köstlichkeiten wie
Erdnussbutter und den Genuss eines zu starken Kaffees. Diese Angewohnheiten gehörten gleich hinter den Pferden unter die Rubrik Leidenschaften.
Harztropfen hatte Maja seit zwei Tagen. Die kleinen gelblichen Tröpfchen an ihrem Euter, das untrügliche Zeichen, dass es mit der Geburt alsbald losging. Hans war zufrieden, dass sich die
erfahrene Stute umentschieden hatte, das Fohlen nicht in der gewittrigen Nacht auf die Welt zu bringen. Wobei ein alter, erfahrener Züchter einmal sagte, die Fohlen kämen immer dann zur Welt,
wenn der Mond zu oder abnehme oder aber nach einem Wetterumschwung. Das wäre wie bei einer Kolik, wenn Pferde plötzlich Bauchschmerzen verspürten. Meist geschehe es dann, wenn das Wetter
Kapriolen schlüge. Pferde sind sensible, feinfühlige Tiere. Sie reagieren auf die kleinsten Impulse und nur ein ebenso emotional agierender Mensch, der über genau diese feinen Sinne verfügt, kann
die Signale der Tiere richtig deuten und verstehen. Hans hatte sich selten geirrt in all den Züchterjahren. Doch mit diesem Fohlen war es etwas anderes als mit all den anderen die Hans auf die
Welt gebracht hatte, das spürte er in seinem immer schwerer werdenden Herzen.
Das Fohlen ließ sich unglaublich viel Zeit und Zeit war etwas, wovon Hans glaubte, nicht mehr genügend von zu besitzen.
„Ich gehe schnell ins Haus, einen Kaffee trinken. Bin gleich wieder zurück, Maja.“ Hans warf einen prüfenden Blick in die Box seiner Stute, die zufrieden an ihrem Heu knabberte. Sie machte einen
ruhigen, gelassenen Eindruck. Nichts mehr zu spüren von ihrer Nervosität der vergangenen Tage. Ihm bliebe gewiss noch Spielraum um sich eine kleine Auszeit zu nehmen. Das Warten auf ein
Fohlen, wurde für menschliche Nerven jedes Mal zu einer regelrechten Zerreißprobe.
Hans vergaß die Zeit während er sich den Kaffee einschenkte. Zehrte aus Erinnerungen. Reiste zurück in die Vergangenheit. Zu seiner Hochzeit mit Maria, während sein sehnsuchtsvoller Blick entlang
der Fotos an der Wohnzimmerwand schweifte. Wie schön sie ausgesehen hatte. Dieses wundervolle Rüschenkleid mit dem langen Schleier. Der erste Kuss vor dem Traualtar, der Segen des Pfarrers und
die unvergesslichen Flitterwochen auf den Malediven. Barfuß waren sie durch den feinen Sand gelaufen und hatten sich an den Händen gehalten. Frisch verliebt mit dem Schwur einer Liebschaft für
immer und den Partner in Ehren halten zu wollen. In guten und in schlechten Zeiten. Ihre Initialen mit dem Finger in den Sand geschrieben.
Glück.
Pures Glück war sein Leben gewesen. Erinnerungen an vergangene Tage erfüllten sein Herz mit Freude, andererseits auch mit Wehmut und Sehnsucht, weil alles so schnell vorüber gezogen war. Wie
schnell ein Leben zu Ende ging und wie viel er eigentlich noch erleben wollte, unglaublich.
Müde war er. Doch an Schlafen war nicht zu denken. Jeden Augenblick konnte es losgehen. Einen Kaffee und dann vielleicht noch einen. Einen letzten Blick warf er auf das vergilbte Foto, auf dem
seine Frau Maria seine Stute Maja am Zügel hielt. So stolz hatte sie mit dem Pferd dagestanden. Am Rande des Parcours auf Hans gewartet, während die Reiter die Abstände zwischen den Hindernissen
abschritten. Ein Lächeln in ihren hellblauen Augen, als der Fotograf auf den Auslöser drückte. Ein sanftes Streicheln Hans seiner rauen Hände über das staubige Glas des Bildes. „Bald sehen wir
uns wieder“, Maria!“, seufzte er, während der heiße Kaffee zwischen seinen spröden Lippen in die schmerzende Kehle glitt. Schön schwarz, damit er auch ja wach bliebe. Sein Arzt hatte zuletzt
geschimpft wie ein Rohrspatz, schwarzer Kaffee wäre nicht gut für das Herz. Wen interessierte das jetzt noch, wenn die Lunge kaputt war und zum Leidwesen der menschlichen Seele sowieso stündlich
ihre Arbeit einstellen konnte, was das Herz zu schwarzem Kaffee sagte? Wohin waren bloß all die Jahre gegangen und die Tage des Glücks gezogen? Sie flogen vorbei wie ein Adler durch die Gezeiten
der verschiedenen Jahreszeiten. Gedanken an Vergangenes und an das Elend des Sterbens huschten durch die Stille der Zeit im Kopf eines alten Mannes vorüber. Hans verlor sich in seinen
Tagträumen.
Träume, das Letzte, das ihm geblieben war am Ende eines langen, bewegten Lebens. Loslassen müsste er von der Sorge des Sterbens. Auf Dinge und Augenblicke die geschehen würden, konnte er keinen
Einfluss mehr nehmen. Das einzige was er noch tun konnte war daran zu glauben, dass alles seinen Weg ginge. Auch nach seinem Tod. Die besonderen Ereignisse und Erinnerungen müsste er in Ehren
halten. Ebenso wie er seine geliebte Frau Maria im Gedächtnis behalten hatte seit sie gestorben war. Ihr Körper war seinerzeit verbrannt worden doch ihre Seele auf unerklärliche Weise auf dem Hof
geblieben. In all den Jahren war es Hans gewesen, als sei seine Maria noch immer da. Als beobachtete sie ihn, legte ab und zu sogar ihre Hand auf seine Schulter und redete ihm gut zu wenn er mal
wieder nicht weiter wusste und verzweifelt war. Oftmals war es vorgekommen, dass er sie um Rat gebeten hatte. Selbst nach ihrem Tod noch.
Ein ganzes Leben zog an Hans vorbei und er war stolz auf seine Zeit.
Sein Kopf war plötzlich schwer geworden, der Blick verschwommen.
Eingenickt war er.
Ein Leuchten in seinen Augen. Ein dunkler Gang bot sich ihm dar an dessen Ende ein helles Licht schien, jenes ihn förmlich einlud, aufzubrechen. Ihn aufmunterte, fortzugehen. Ein Zucken durchfuhr
seinen geschwächten Körper. Wie bei einem Sturz von der Bordsteinkante.
Dann schlief er ein.
„Vater, das Fohlen ist da!“ Matthias war in Eile in die Küche gestürzt, nachdem er im Stall noch einmal nach dem Rechten und seinem alten Herrn hatte sehen wollen, bevor er sich
schlafenlegte.
Nachgedacht hatte er. Ihnen würde nicht mehr viel Zeit bleiben sich auszusprechen und zu gern vermochte er die restlichen Stunden mit seinem Vater verbringen. Seinen Geschichten lauschen und
vielleicht doch bei der Fohlengeburt dabei sein wollen um dem alten Mann eine Freude zu bereiten. Um den kritischen Gesundheitszustand seines Vaters wusste er nur zu gut Bescheid und ebenso, dass
ihnen nicht mehr viel Zeit bliebe, sich voneinander zu verabschieden. Ein wenig war es vielleicht auch das schlechte Gewissen, dass er sich in den letzten Jahren nicht genügend um den Hof
gekümmert hatte, so wie sein Vater sich das gewünscht hätte. Auf Pferdezucht und Reiterhoffeeling er zu keiner Jahreszeit Lust verspürte und seinem Vater ans Herz gelegt hatte, den Hof zu
verkaufen. Von dem Erlös sollte er eine vornehme Eigentumswohnung kaufen, eine Reise unternehmen, vielleicht noch einmal an das Meer fahren. All das tun, was sein Herz erfreute und was er in all
den Jahren versäumt hatte zu tun weil er immerzu an die Pferde gebunden war. In Matthias seinen Augen war sein Vater war ein alter störrischer Esel, der nur diesen einen Gedanken hegte, ein
Fohlen auf die Auktion oder noch besser, zur Körung herauszustellen und der ganzen Welt beweisen zu können, was er als Züchter auf dem Kasten hatte. Die wirkliche Wahrheit über seinen Vater
kannte Matthias allerdings nicht.
Das Herzblut das in dem Hof steckte, die Arbeit aus Jahrzehnten, das Bangen um die Gesundheit der Pferde und die schlaflosen Nächte wenn eines der Tiere an Kolik erkrankt war, all das hatte
Matthias nicht miterlebt. Nicht bewusst miterlebt, weil er nicht daran hatte teilhaben wollen. Weil es ihn nicht interessiert hatte. Weil die Passion seines Vaters nicht seiner
Herzensangelegenheit entsprach. Vater und Sohn sich emotional fremd waren und in der Bestimmung ihrer Lebensaufgabe getrennte Wege gingen.
Nachdem Matthias das Stalltor aufgezogen und nach seinem Vater gerufen hatte, lag Majas frischgeborenes Fohlen im Stroh. Auf den ersten Blick schien alles gut gegangen zu sein. Eilig hastete
Matthias ins Haus um seinem Vater die freudige Nachricht zu überbringen.
„Majas Fohlen ist da!“ Sachte rüttelte Matthias am Arm seines schlafenden Vaters. Angstvoll, er könnte tot sein, griff er beherzter zu. Hans erwachte aus seinem tiefen Schlaf und dem wundervollen
Traum, in dem ihm seine geliebte Maria erschienen war. In ihrer vollen Pracht war sie dagestanden auf einer herrlichen Blumenwiese im Sonnenschein. Der Klatschmohn stand in seiner vollen Blüte.
Der Himmel war herrlich blau. Fast so schön wie das Gefieder eines Kolibris. Mit einem märchenhaften Kleid, selbiges sie zur Hochzeit getragen hatte, wartete sie sehnsüchtig am Ufer der anderen
Seite auf ihren Hans. Streckte ihre Hand nach seiner aus. Rief mit geschwollener Stimme: „Ich warte auf dich!“
„Bald komme ich nach, mein Engel.“ Verwirrt rieb Hans seine faltigen Augen.
„Du hast geträumt Vater, das Fohlen ist da. Komm mit in den Stall!“ Der alte Mann sortierte seine gebrechlichen Knochen und war schneller auf den Beinen als er geglaubt hätte.
Endlich.
Endlich war es da.
Das so sehnsüchtig erwartete Fohlen aus der grandiosen Vererberlegende Contender, dem Wunderhengst Holsteins und Hans seiner Herzensstute Maja, war geboren worden.
Dass er das noch erleben durfte, triumphierte Hans innerlich und sein Herz machte Freudensprünge.
„Ist es ein Hengst?“, fragte er schnaubend und völlig außer Atem. Matthias hatte ihn so zügig mit sich über den Hof geschleift dass er glaubte an Luftnot zu sterben.
„Das weiß ich nicht“, lachte dieser.
„Du weißt doch, von Pferden habe ich keine Ahnung, Vater.“
Hans verweilte einen Augenblick, bevor er das Tor zum Pferdestall passierte. Hielt seinen Sohn am Handgelenk fest. Drängte ihn zum Stillstehen. Blickte ihm tief in die Augen. Innig und vertraut
in einer Art, wie Vater und Sohn sich lange nicht mehr angesehen hatten. Seit Wochen lag es Hans auf dem Herzen, seinem Sohn etwas auf den weiteren Lebensweg mitgeben zu wollen. Bald wäre es zu
spät um die Worte loszuwerden die ihm auf der Seele brannten.
„Das ist schade, dass du nicht so viel von Pferden verstehst, Matthias. Sehr bedauerlich sogar. Weißt du, wenn ich morgen die Augen schließe und nach Hause gehe, so weiß ich gewiss, dass du mein
Lebenswerk alsbald unter den Hammer bringst. Mir blutet das Herz wenn ich daran denke. In all den Jahren habe ich hier auf dem Hof mit Herzblut ein Paradies für Pferde geschaffen. Nicht nur für
sie, auch für meine Familie. Für dich und deinen Bruder, eure Mutter Maria. Die Pferde gehörten immer mit zur Familie und diese Aufgabe nährte bis zum heutigen Tage meine Seele. Viele der Pferde,
die hier geboren wurden, haben Kinderaugen glücklich gemacht und Erwachsene zu Erfolgen getragen bis hin zur Olympiade. Rückblickend war es ein bewegtes Leben, welches ich führte. Dass du dieses
Lebenswerk nicht fortführen wirst, kann ich dir als dein Vater nicht verübeln. doch es plagt mich gewiss. Ließ mich in den Nächten nicht zur Ruhe kommen. Ich fand keinen Schlaf und wälzte mich
hin und her. Weißt du, solange man gesund ist und um die letzten Stunden seines Daseins mit dem Sensenmann nicht feilschen muss, spielt es keine Rolle, wenn die Familie nicht hinter dir steht.
Ist das Leben jedoch vorbei, drängt die Zeit und du willst sichergehen, dass du hier auf Erden alles vernünftig geregelt hast, bevor du sie verlässt. Um eines bitte ich dich nur. Ein letzter
Wunsch“, seufzte der alte Mann. Schuldbewusst blickte sein Sohn zu Boden. Bitter hatte er an den Worten seines Vaters zu schlucken. „Maja und Special Feelings sowie ihre Fohlen, suche bitte ein
gutes Zuhause für sie und gib sie nicht an den erstbesten Käufer. Am Ende ist es nicht mehr wichtig, dass sie gewinnbringend veräußert werden. Du hast das Geld das sie einbringen, nicht nötig
mein Sohn. Ohnehin erbst du alles was ich besitze und das wird nicht wenig sein. Deinen Bruder habe ich seinerzeit ausgezahlt. Er führt ein zufriedenes Leben am anderen Ende der Welt, er wird dir
keine Steine in den Weg legen. Für ein Leben ohne finanzielle Sorgen reicht es bis an dein eigenes Lebensende. Suche für die Pferde ein Zuhause, in dem sie geliebt werden. So sehr geliebt werden,
wie ich sie und dich geliebt habe. Versprich mir das, bitte.“ Verstohlen wischte Matthias eine Träne von seinen Wangen, nickte schluchzend. Er haderte mit sich und um die Worte die ihm auf der
Zunge lagen. Es fiel ihm nicht leicht, seinem Vater gegenüber Gefühle zu zeigen oder aber sie im Zaume zu halten. Er war längst nicht mehr der kleine Junge, der sich die Knie aufgeschlagen hatte
weil er mit dem Fahrrad gestürzt war und um Mitleid bettelte. Für Sentimentalitäten fühlte er sich den Kinderschuhen entwachsen. Dass es jedoch menschlich und von Dringlichkeit war, einem anderen
Menschen gegenüber Gefühle zu zeigen, sich zu offenbaren, weil dieser zeitnah sterben würde, spürte er in dem Augenblick als ihm bewusst wurde, dass keine Zeit mehr bliebe und es nicht der
richtige Zeitpunkt war, Gefühle weiterhin zu verstecken, nur weil sie peinlich waren. Hatte er sich stets zu alt für Sentimentalitäten und Gefühlsduselei gefühlt, wäre er seinem Vater nunmehr am
liebsten um den Hals gefallen. Endlich gab er sich einen Rück, schmiss sich an die Brust seines Vaters und weinte.
Weinte hemmungslos bittere Tränen und bat um Vergebung.
„Ich verspreche es“, schluchzte er.
Ein Dunkelbrauner Hengst mit vielen Abzeichen war geboren worden. Eine breite Blesse zierte den hübschen Kopf und seinen endlos langen Beinen hatte der liebe Gott vier weiße Söckchen angezogen. „Das Fohlen wird später ein Schimmel werden. Siehst du seine Brille um die Augen herum?“ Hans war in seinem Element. Mit einem Frotteetuch, das er bereits seit Tagen bereitgelegt hatte, rubbelte er das Fohlen, das von der Geburt noch erschöpft im Stroh lag, trocken. Befreite seine kleinen Nüstern vom Schleim der Eihaut und desinfizierte den Nabel. Dann sah er nach seiner geliebten Stute Maja. Erleichtert schickte er ein Stoßgebet zum Himmel. Wahrhaftig schien alles gut gegangen zu sein. Die Nachgeburt hatte sich bereits gelöst, Mutter und Kind waren wohlauf. „Welch ein herrliches Fohlen du uns geschenkt hast.“ Stolz klopfte er seiner Stute den Hals. Dankbar brummelte sie leise. So als verstünde sie jedes Wort ihres Herrn. „Darauf müssen wir einen trinken, Vater.“ Matthias war sichtlich berührt. Auch wenn die Pferde sein Herz nicht so sehr berührten wie das seines Vaters, war er dennoch von der Geburt des Fohlens schwer beeindruckt. Liebevoll nahm Hans seinen Sohn in den Arm. „Sieh wenigstens zu, dass du mal eigenen Nachwuchs auf die Beine stellst, Matthias. Wie schade, dass ich das nicht mehr erleben darf, Opa zu werden. Das wären bestimmt lauter kleine Pferdenarren geworden so wie ich als Bub reitbesessen war und wir hätten eine Menge Spaß gehabt. Schade, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt. Gern wäre ich noch einmal sechs Jahre alt und würde von dem Rücken des Ackergauls meines Opas aus das Feld pflügen. Harte Zeiten waren es gewesen. Sie haben mich geprägt für den Rest meines Lebens. Erfolg musst du dir erarbeiten, Mitleid bekommst du geschenkt.“
Der Tod ist endlich
„Ein wirklich exzellentes Fohlen, Hans. Gratuliere.“ August, Hans alter Züchterfreund und Reiterkollege aus sportlicheren Jahren, war extra aus Niedersachsen angereist um den Pferdenachwuchs
höchstpersönlich in Augenschein zu nehmen. Die beiden Männer kannten sich ein halbes Leben lang und es war eine alteingesessene Tradition, dass der eine den anderen besuchte, sobald sich
Pferdenachwuchs ankündigte und schließlich das Licht der Welt erblickte.
„Ein Prachtbursche“, wiederholte August noch einmal anerkennend.
„Ein Jammer, dass ich seinen Werdegang nicht mehr verfolgen kann“, grämte sich Hans.
„Ach, der geht seinen Weg wie all die anderen auch“, winkte August gelassen ab. Das wird ein erstklassiger Springer. Alle Kinder des Contender etablierten sich im Sport.“
„Na, ich wollte doch endlich einmal einen gekörten Hengst im Stall haben und der Körkommission später präsentieren“, seufzte Hans.
„Der Bursche hier ist doch ein Kandidat für die Körung“, lachte August.
„Mir bleibt nicht mehr viel Zeit.“ Hans legte sein Gesicht in nachdenkliche Falten. Seinem besten Freund hatte er die schlechten Neuigkeiten noch gar nicht anvertraut. August wusste nichts von
der niederschmetternden Diagnose. Unter Männern war das Getratsche über Kummer, Sorgen und Ängste ohnehin weniger verbreitet als unter Frauleuten. „Krebs. Da ist nichts mehr zu retten, die
Metastasen sind überall“, rückte er schließlich mit der grauenvollen Nachricht raus. August fuhr bei dem grässlichen Wort Krebs der Schreck in sämtliche seiner gebrechlichen Glieder. Erst vor
zwei Jahren hatte er seine Frau in ihrem letzten Kampf gegen diese heimtückische Krankheit begleiten und zusehen müssen wie sie diesen letztendlich verloren hatte. „Kriegst du Chemo?“,
fragte er besorgniserregend.
„Nein“, schüttelte Hans abwinkend den Kopf. Chemotherapie kommt für mich nicht in Frage. Ich lasse mir kein chemisches Zeugs durch meine Venen jagen. So Gott will, dass ich an dieser
Dreckskrankheit verrecke, nehme ich das Unumgängliche hin und füge mich meinem Schicksal. Einen Kampf führen, wozu?“
„Du musst deinen Classic Star vorher verkaufen, Hans. In versierte Hände. An jemanden, der diesen kleinen Kerl dorthin bringt, wo du ihn hingebracht hättest. Nämlich nach ganz oben.“
„Ach, mir bricht es das Herz, August. Mich mit diesen Idioten rumzuplagen, die ja doch nicht den Preis zahlen wollen, den das Fohlen wert ist. Ich möchte sie nicht in meinem Stall haben diese
Nörgler, Besserwisser, Schlechtredner und Fehlersucher. Diese fürchterlichen Menschen, die auf der Suche nach dem Schnäppchen sind und den kleinsten Fehler des Pferdes wie eine Stecknadel im
Heuhaufen suchen und letztendlich auch finden. Mir meine jahrelang hart erarbeitete Arbeit mit einem Handschlag zunichtemachen, weil sie mein Produkt abwerten nur um an Ende ihren eigenen Profit
daraus zu schlagen. Das ist nicht mehr meine Welt und war es nie gewesen wenn ich ehrlich bin.“
„Nunmehr hast du keine andere Option, mein lieber Freund“, holte August Hans in die bittere Realität zurück. „Ich habe meinem Sohn ans Herz gelegt, er solle die Pferde an geeignete Kundschaft
verkaufen wenn es soweit ist. In liebende, treusorgende Hände. Gewinnbringend spielt doch jetzt gar keine Rolle mehr.“
„Ein Fohlen wie dieses, darf nicht in die falschen Hände gelangen. Das gibt ein Ausnahmepferd. Es muss gefördert und gefordert werden, damit deine Arbeit und dein züchterisches Werk geehrt und
anerkannt werden.“
„Ein kleines Mädchen, das ihm Liebe schenkt, ist manchmal mehr wert als ein verbissener Reiter auf seinem Rücken, der es zum Erfolg prügelt und ihm den Willen bricht. Der dem Pferd auf Biegen und
Brechen im Parcours die Sporen in die Rippen tritt und um sein Leben reitet, als ein vom besseren Gegner geschlagener, schlechter Zweiter sein zu müssen.“
Hans Augen füllten sich mit Tränen.
Es war die Liebe. Die Liebe sprach aus ihm. In den letzten Lebensstunden spricht nichts anderes mehr aus der menschlichen Seele als die Herzenswärme die in ihr wohnt. Aus Liebe zum Tier war er
einst Reiter, Besitzer und schließlich Züchter geworden. Doch im Laufe der Jahre war der Erfolg in den Vordergrund gerückt. Das große Geld hatte auch ihn gelockt und Geld verdarb bekanntlich den
Charakter. Wie gern hätte er viele seiner Entscheidungen im Nachhinein revidiert. Doch es war zu spät. Unzählige Pferde hatten den Hof für das ganz große Geld verlassen. Von dem Erlös hatte Hans
teure Autos angeschafft, Haus und Hof renoviert und ein Leben in Luxus geführt. Blind gewesen war er für die eigentlich wichtigen Dinge des Lebens. Diese fand man zufällig wie eine Muschel am
Strand. Nämlich genau dann, wenn man gar nicht nach ihnen suchte.
Die Liebe war das Wichtigste im Leben.
Weder Geld, noch Ruhm, noch Anerkennung spielten zum nahenden Todeszeitpunkt eine Rolle.
Verständnislos über das Resümee von Hans, schüttelte August den Kopf. Welch lapidaren Worte und ungeheuerlichen Abgründe seines langjährigen, partnerschaftlich geschätzten Freundes sich da
plötzlich auftaten. Geld sei nicht wichtig. Papperlapapp. Wichtig sei nur die Liebe und das Prinzip, andere Menschen glücklich zu machen, wie töricht. Die Pferde vielleicht verschenken, nur weil
man auf leuchtende Augen traf und im Herzen das Gefühl hatte, eine gute Tat vollbracht zu haben? War Hans jetzt völlig durchgeknallt? Das konnte in der heutigen Zeit des Konsumwahnsinns niemals
funktionieren. Mit einem sterbenden Freund wollte er allerdings nicht streiten.
„Dafür ist das Geschäft mit den Pferden heutzutage viel zu schwierig und kostspielig, als dass wir kleinen, vom Aschenbrödel mit dem herrlichen Schimmel unter ihren Ärschen träumenden Mädchen,
unsere hochsensiblen Zuchtprodukte mit Olympiaqualitäten anvertrauen, damit sie mit ihnen kuscheln wie mit einem Zwerghamster und in ihre Mähnen pinkfarbene Zöpfe einflechten.“
„Wenn man weiß dass man stirbt, sieht man vieles anders“, resümierte Hans. Für ihn hatten sich die Prioritäten geändert und wenn er noch einmal, nur ein einziges Mal noch in die Vergangenheit
hätte zurückkehren können, hätte er vieles geändert. Traurige Kinderaugen hätte er glücklich machen wollen. In zu vielen Zeiten seines Lebens hatte nur das Geld eine übergeordnete Rolle gespielt
und mit den Dollarzeichen in seinen Augen hatte er die Tiere für horrende Summen veräußert. Die Pferde möglichst teuer und gewinnbringend weiterzuverkaufen, das war die Zuchtphilosophie über
Jahre hinweg gewesen. Pferde wurden gehandelt wie Küchengeräte. Eltern die mit ihren hübschen Töchtern auf den Hof gekommen waren und sich gleich in die sportlich leistungsstarken, vom Charakter
her sanftmütigen Pferde verliebt hatten, erhielten am Ende der Verhandlung den Zuschlag nicht, wenn man sich preislich nicht einig geworden war. Wie gern wäre Hans noch einmal an diese
bedeutenden Stellen seines Lebens zurückgekehrt und hätte es besser gemacht als vor vielen Jahren. Wie vielen Menschen hatte er das Herz gebrochen weil er ihnen das Traumpferd nur wegen ein paar
hundert Mark auf die man sich nicht einig geworden war, verwehrt hatte. Aus reiner Geldgier war der Verkauf nicht zustande gekommen. Wie viele Pferde waren für teueres Geld wohl in die völlig
falschen Hände gelangt? In Hände, die nur nach Macht, Erfolg und Leistung strebten und über die Würde eines Tieres hinweg trampelten wie über Unkraut am Wegesrand.
„Menschen mit Geld haben nicht immer gleich auch ein gutes Herz“, entflohen ihm einige seiner Gedankengänge, während er sich für seine widerlichen Taten schämte. Geld, was spielte Geld
jetzt noch für eine Rolle? Nichts von alledem das er erwirtschaftet hatte, konnte er in die Kiste, in der ihn in wenigen Tagen schon die Würmer auffraßen, mitnehmen
„Ein Pferd braucht nicht nur Futter und einen sauberen Stall. Es benötigt einen Menschen der sich in seine Seele hinein fühlt und es ebenso behandelt und liebt, wie er seine eigenen inneren
Dämonen pflegt.“ Hans Worte verhallten ins Leere. Auf dem Gebiet der Gefühlsduselei fand er in August keinen guten Zuhörer.
Freund August war noch lange nicht an diesem Punkt in seinem Leben angelangt, an dem ihm Herzensdinge wichtiger wären als Geld, dachste Hans traurig. Doch auch er würde eines Tages an den Rand
dieser Klippe geraten und vor dem Abgrund stehen, an dem er realisierte, dass das Nichts auf ihn wartete. Das Nichts mit Namen Tod und das alles wovon er geglaubt hatte, es spiele eine Rolle in
seinem Leben, an Bedeutung verloren hatte.
„Wir haben einen neuen Bereiter eingestellt. Er kommt aus dem Ausland und reitet wirklich gut. Ganz junger Bursche noch. Gerade mal fünfzehn Jahre jung, aber im Sattel ein Genie. Ausgestattet mit
einer feinen Hand, dass dir die Tränen kommen wenn du ihn reiten siehst, führt er die Pferde sensibel und mit dem nötigen Mut im Blut an die höheren Aufgaben heran. Ein Pferd wie Classic Star
würde ich ihm durchaus zutrauen und auch gönnen. Weißt du, die haben da unten in ihrer Heimat doch nichts. Da wo sie herkommen, herrschen Not und Armut. Die Gelder um Jugendliche in einer
Sportart zu fördern die so wunderschön ist, dass dir das Herz aufgeht, hat da unten von denen niemand.
Dann kommen sie hier her, nach Deutschland und hoffen auf das große Glück. Kassieren ein kleines Gehalt dafür, dass sie sich auf fremde Pferde setzen, auch auf die Gefahr hin, sich mit den jungen
Gäulen die Knochen zu brechen. Immer lächeln sie. Sind dankbar und freundlich. Dabei fressen sie doch nur Dreck und schlucken Staub. Die Lorbeeren ernten wir.“ Hans fiel seinem Freund energisch
ins Wort, ließ ihn nicht weiter ausreden. August seine elendigen Hasstiraden auf die Billiglöhner aus dem Ausland kamen ihm gänzlich ungelegen. Menschliche Ausbeute war ein Thema, das man lieber
ganz unter den Tisch fallen ließ.
„Wir verkaufen die Pferde wenn sie ausgebildet sind für das große Geld und verschiffen sie ins Ausland. Die Kohle ist irgendwann verbraten und sofort träumen wir dem nächsten vierbeinigen Kracher
hinterher für dessen Dynastie wir den Grundstein legen. Züchten auf Teufel kommt raus. Erzielen mal einen Gewinn und stecken an anderen Tagen herbe Verluste ein. Werden nicht reich durch die
Gäule und auch nicht arm. Können davon nicht leben und nicht sterben. Unser Herz jedoch, das lacht immerzu in diesem Irrsinn und darin glauben wir den Sinn des Lebens zu finden. Wir sollten
unsere alten faltigen Ärsche auf einen Kreuzfahrtdampfer schwingen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Auf unsere letzten Tage die Gläser heben, weißt du das eigentlich, August?“
Hans holte tief Luft nachdem er seinem Freund den Marsch geblasen hatte. Innig hoffte er das verbitterte Herz des alten Kauzes zu erweichen. Sollte auch er wach werden und zu der Erkenntnis
gelangen, dass er nichts mitnehmen konnte, wenn der Sensenmann vor der Tür stand.
August lachte verbittert, während er den ehrlichen Worten eines erfahrenen Mannes, der sich sein bester Freund nannte, notgedrungen zuhörte und unweigerlich dem Tod ins Auge blickte.
„Kreuzfahrtdampfer. Nee, da bleib ich lieber bei den Pferden“, maulte er.
„Was ist mit dem Jungen, kannst du ihn mal herbringen? Ich möchte sehen, wie er dem Fohlen begegnet.“
„Was in drei bis vier Jahren geschieht, bleibt ein Risiko, Hans. Wenn ich den Hengst kaufe und ihn vom Julio einreiten lasse, so weiß ich doch gar nicht, ob er gesund bleibt. Was kann nicht alles
passieren bis dahin? Er bricht sich das Bein, verletzt sich schwer, erkrankt an einer Kolik oder was weiß ich. Bis zur Ausbildung kosten die Viecher nur Geld und fressen dir obendrein die Haare
vom Kopf. Kaum einer der Gäule wird im Sport älter als zwölf Jahre. Ich möchte nicht unbedingt ein Fohlen zukaufen.“
„Kannst du ihn nun herbringen deinen ausländischen Bereiter oder nicht?“ Hans wurde ungehalten. Die Zeit drängte. Wie wahrheitsgetreu ihm doch plötzlich der Ausruf „Rentner haben nie Zeit“, auf
den Leib rückte. „Ja, ich bring ihn her den kleenen Italiener. Aber ich warne dich. Er spricht kein Wort Deutsch.“ Drohend hob August seinen Zeigefinger. „Weißt du, das ist mir gar nicht wichtig,
dass wir uns nicht vernünftig unterhalten können. Hauptsache er kann reiten und mit Pferden umgehen. Sich mit ihnen verständigen. Ich möchte sehen wie er in das Auge meines Classic Stars blickt.
Wie er das Fohlen an seiner Hand den Geruch aufnehmen lässt. „Den Pferden ist es ohnehin egal, dass er nur italienisch spricht. Sie springen trotzdem.“ August lachte vergnügt. Der Gedanke an den
für ihn gewinnbringenden Knaben ließen ihn um einige Zentimeter wachsen. Der Junge war sein Geld wert. Er würde Classic Star wahrscheinlich dorthin bringen wo er hingehörte, wenn er sich mit Hans
preislich einig wurde. Gedanklich rieb er sich die Hände. Da Hans ohnehin auf dem Trip war, das Pferd müsse keinen großartigen Gewinn mehr erzielen, Hauptsache es mangelte ihm nicht an Fürsorge
und Futter, wäre es ein Leichtes, Hans über den Tisch zu ziehen.
„Die Pferde haben uns einiges voraus“, liebäugelte Hans der die hinterhältigen Gedankengänge seines Freundes genau durchschaut hatte. Doch was blieb ihm für eine Wahl wenn der Tod drängte und das
Leben zu Ende ging? Wohin mit seinem Pferd wenn nicht zu einem Pferdefachmann, der ebenfalls in den Augen der Tiere lesen konnte. Ob er dies tun wollte, stand auf einem anderen Blatt
Papier.
Eine der letzten großen Wahrheiten in Hans seinem Leben war wohl die Erkenntnis, dass es wahre Freundschaften zwischen Menschen nicht wirklich gab. Der eine gönnte dem anderen das Schwarze unter
dem Nagel nicht und bei Geld hörten Freundschaften auf.
Julio
Julio war für sein Alter recht klein gewachsen. Der drahtige Italiener hätte gut als Jockey durchgehen können. Hans musterte ihn aufmerksam. Die Augen des Jungen waren freundlich und
warmherzig. „Buona giornata“, begrüßte Julio den alten Züchter und reichte ihm freundlich die Hand. So richtig verstanden hatte er nicht, warum er an diesem Tag zu seinem Chef August ins Auto
einsteigen und mit diesem hinaus auf das platte Land fahren sollte. Es hieß, ein Fohlen sei zu besichtigen. Julio war Bereiter und ritt junge Pferde ein. Diese waren mindestens dreijährig wenn
sie unter den Sattel kamen. Mit einem Fohlen wusste er nichts anzufangen.
„Das ist Classic Star.“ Mit stolzer Brust präsentierte Hans seinem Freund August und den neugierigen Augen des kleinen Italieners, das prächtige Hengstfohlen, welches er zur Feier des Tages
mitsamt der Stute hinaus auf die Weide gelassen hatte. Zum ersten Mal in seinem Leben das nicht älter als zwei Tage alt war, durfte Classic Star zusammen mit seiner Mutter den Stall verlassen und
die warmen Sonnenstrahlen im saftigen Grün genießen. Mutter und Sohn tobten ausgelassen über die weitläufige Koppel. Pferde sind in diesen jungen Lebensstunden noch blind. Sehen lediglich Umrisse
und Schatten. Elegant galoppierte der dunkelbraune Hengst entlang des Koppelzauns. Achtsam, nicht den Zaun zu streifen oder gar an ihm zu straucheln, was für eine gute Intelligenz und
ausgezeichnetes Koordinationsgefühl des Pferdes sprach.
Doch die gute Stimmung über Hans seinen Züchterstolz und der Anblick eine freudiges Fohlenkind zu betrachten, fand ein jähes Ende, als August mit recht derbem Humor nüchtern feststellte: „Der
Trab ist allerdings nicht der beste, Hans. Es bewegt sich nicht wirklich gut dein Fohlen. Da hätte ich jetzt mehr erwartet bei der Abstammung, wenn ich ehrlich bin.“ Nachdenklich schob er seinen
Hut in den Nacken. Das Wetter machte ihm zu schaffen. Gleich im Mai diese brütende Hitze, das war nichts für ihn. Außerdem war es unangenehm, gegenüber seinem Freund eine ehrliche Meinung
kundzutun. Das Fohlen schien ihm nur zweitklassig zu sein. Körfähig mit dem Trab einer Kuh wäre es ohnehin nicht. Im Stall hatte das Fohlen vielversprechender ausgesehen. Auf der Weide im
Freilauf enttäuschte es maßlos. Hans war schwer krank und würde bald das Zeitliche segnen. Da war es nicht fair ihm noch obendrein einen zu verbraten mit der Abwertung seines Pferdes. Doch es
ging um eine gewisse Summe Geld, die für das Fohlen verlangt wurde und diese wollte August unter keinen Umständen bezahlen. Für den geforderten Kaufpreis waren die Bewegungen des Fohlens nicht
ausreichend. Abstammung hin oder her, auf der ließ es sich ohnehin nicht reiten. August war Geschäftsmann. Die Pferde wurden eingeritten, auf dem Turnier vorgestellt und anschließend verkauft.
Der Gewinn musste dementsprechend ausfallen. Der Unterhalt der Tiere kostete Geld und um das wieder einzufahren, bedurfte es erstklassiger Pferde. Qualität mussten sie mitbringen. Classic Star
war nur von mäßigem Durschnitt. Es würde sich nicht rentieren, ihn zu trainieren und anschließend gewinnbringend weiterzuverkaufen. Ein jeder Interessent hätte an den Bewegungen des Pferdes etwas
zu mäkeln und auszusetzen. August war ein alteingesessener Hase in dem schwierigen Geschäft des Pferdehandels. Er wusste genau wie die Pferde liefen und er stellte sich keines in den Stall, das
er nicht für das dreifache später wieder veräußern konnte. „Der kommt für uns nicht in Frage, Hans. So leid es mir tut“, winkte er schließlich ab. Kompromisse wollte er keine eingehen. Sicherlich
war es ein herrliches Fohlen, das er an diesem Tag auf der Koppel erblickte. Mit schönen langen Beinen, die ihm Gott verpasst hatte. Mit denen er sicherlich gut über die Hindernisse springen
könnte, doch was nützte es. Ein Hingucker auf den ersten Blick mit seinen vielen Abzeichen war er zweifelsohne, keine Frage. Das interessante und auffällige Farbenspiel würde allerdings mit
der Zeit verblassen und auf Classic Star griff das langweilige, schimmelfarbene Kleid über.
Auf den zweiten Blick gab es zu viele Abzüge an dem Fohlen, das jegliche Kauflust August schmälerte.
In der B-Note überzeugte Classic Star den alten Pferdekenner leider nicht.
„Es wird ein Springpferd, August. Kein Dressurpferd.“ Hans war enttäuscht über die derben Worte seines Freundes. Verletzend schlugen sie in seiner Seele ein. Hinterließen einen tiefen Krater in
einem ohnehin zerrütteten Herzen. Tapfer versuchte er seine Enttäuschung zu überspielen und die unangenehme Situation zu retten „Na wenigstens bist du ehrlich“, sagte er niedergeschlagen. Während
die beiden alten Männer über die Qualitäten des Fohlens lamentierten, beobachtete der junge Italiener Julio aufmerksam das kleine Fohlen. Fasziniert war er von ihm. Selten hatte er ein
elastischeres Pferd mit solch endlos langen Beinen gesehen. Was die beiden Männer sprachen, verstand Julio nicht, jedoch spürte er, dass August nicht angetan war von dem jungen Hengst und das man
die Fahrt wohl umsonst auf sich genommen hatte.
„Padre Contender?“, fragte er nachdenklich in die Runde. Julio wusste dass Contender in Deutschland ein Ausnahmevererber war und immerzu gute Springpferde auf den Markt brachte. Pferde, die
in der obersten Riga mitspielten und teuer in sämtliche Länder verkauft wurden. In Italien musste man um die eigenen Stuten von dem legendären Hengst besamen zu lassen, viel Geld auf den Tisch
legen, wenn man überhaupt an seinen Samen herankam. Julios Vater führte ein kleines Gestüt in der Nähe von Rom, doch keine seiner Stuten hatte jemals ein Fohlen bekommen, das ein Pedigree
aufzuweisen hatte wie dieses hier, dessen Vater der legendäre Contender war. Vielleicht könnte man Classic Star nach Italien bringen und dort in der Pferdezucht seines Vaters einsetzen. Er müsste
gar nicht gekört sein, könnte jedoch sein wertvolles Blut an die hauseigenen Stuten weitervererben. Die Bewegungen waren nicht die eines Dressurpferdes, aber das waren die seines Vaters Contender
auch nicht gewesen. Jedoch konnte er unglaublich springen und verfügte über eine wunderbare Galoppade, die es dem Reiter am Sprung wunderbar einfach machte, wenn mal eine Distanz vom Reiter nicht
passend getroffen wurde. Julio kletterte durch die Zaunspalten und begab sich neugierig auf die Koppel. Die Stute mit ihrem Fohlen trieb er an. Den Galopp des kleinen Hengstes wollte er
sehen. Classic Star und seine Mutter setzten sich gleich in Bewegung und galoppierten elegant über die Weide, nachdem Julio einige Male mit seinen Armen in der Luft hektisch vor ihnen gewedelt
und sie mit einem: „Hey, hey“, ermuntert hatte.
Julio war begeistert. Die Galoppade des kleinen Hengstes war wundervoll und machte den schlechten Trab alle Male wieder wett. Genau wie die seines Vaters Contender war sie raumgreifend und
großzügig angelegt. Classic Star würde später einmal ein tolles Springpferd werden. „Bellissima“, sagte Julio anerkennend, während Classic Star im Galopp seine Runden über die Koppel drehte. Den
mürrischen August konnte allerdings selbst der Galopp des Fohlens nicht überzeugen. „Nein Hans, da kommen wir nicht ins Geschäft.“ August reichte seinem Freund die Hand. Zeit war Geld und die
hatte man selten. Schon gar nicht im Rentenalter. Der Sensenmann war hinter einem her wie ein räudiger Straßenköter der sich nicht abschütteln ließ.
„Wir müssen los. Julio, komm auf, wir sollten zurückfahren“, pfiff er den Italiener zu sich.
„Classic Star Bellissima“, sagte Julio ergriffen, während er sich von Hans verabschiedete. Erschrocken war er, als er dem alten Mann in die Augen blickte. In ihnen lauerte der Tod. Die schwere
Krankheit sprach aus den Iriden des alten Mannes und Julio erkannte den auf der Seele lastenden Kummer des Züchters. Ohne dass sie Worte miteinander wechselten, spürte Julio die Not des alten
Mannes allein durch den Druck ihrer Hände in sämtliche seiner Synapsen fließen. Intensiv nahm er wahr, dass den Mann traurige Gedanken plagten, was aus seinen Pferden werden sollte, sobald der
Tod die Macht über sein Leben an sich riss.
„Cio che costa?“, fragte Julio. Den Preis für dieses Fohlen wollte er hören. „Was hat er gesagt?“ Hans warf August einen verstörten Blick zu. Dieser zuckte die Schultern. „Na was dein Classic
Star kosten soll?“, sagte dieser lapidar und blickte mehr als drängend auf seine Armbanduhr. Käufer aus dem Ausland hatten sich angemeldet. Er musste zurückfahren. Gleich ginge es um viel Geld
und wenn er unpünktlich wäre, machte das keinen guten Eindruck auf potentielle Kunden, die an einem seiner Pferde Interesse zeigten. „Zehntausend Mark“, sagte Hans. „Vielleicht ist noch ein wenig
Spielraum zum Verhandeln“, überlegte er schnell. Der junge Italiener war ihm sympathisch gewesen, doch er wusste sofort, dass ein junger Bursche wie er nicht das nötige Geld aufbringen könnte,
sein Fohlen zu bezahlen. Da spielte es keine Rolle, ob es um fünftausend oder um zehntausend Mark ging. Für die Italiener mit einer einfachen Finca zuhause, eine nicht aufzubringende Summe Geld.
Enttäuscht schüttelte Julio den Kopf. Traurig blickte der junge Mann zu Boden. Nein, so viel Geld hatte er wahrhaftig nicht. Selbst sein Vater würde ihm diese Summe nicht leihen können, um das
Fohlen zu kaufen. „Peccato“, sagte Julio niedergeschlagen. Viele Monate müsste er arbeiten um Classic Star bezahlen zu können. Bis dahin hätte das Fohlen sicherlich einen neuen Besitzer
gefunden.
Das junge Fohlen ließ Julio seit ihrer Begegnung keine Ruhe mehr. Vielleicht war es Liebe gewesen. Auch Männer konnten sich in Pferde verlieben. Einen Narren an ihnen fressen.
Gedanklich hielt Julio an Classic Star fest. Wollte das Fohlen nicht so schnell nicht aus dem Sinn verlieren. Begegnungen geschahen niemals rein zufällig. Vieles im Leben fand darin seine
Bestimmun. Sein Vater hatte ihm einst gelehrt, was zusammengehört, findet zusammen.
Immer und überall. Da spielten weder Zeit noch Geld eine Rolle.
Italien
Hans ging es von Tag zu Tag schlechter. Gleich morgens nach dem Aufstehen spuckte er dunkelrotes Blut in
das Waschbecken. Das Frühstück behielt er längst nicht mehr bei sich. Von diesem entledigte er sich gleich über der Kloschüssel. Die Arbeit auf dem Hof zu verrichten, fiel ihm zusehends schwerer.
Inständig betete er jeden Abend zu Gott, er möge ihn endlich erlösen und zu sich holen.
„Das ist kein Leben mehr“, gestand er seinem Sohn eines Morgens. Seit Wochen hatte er mit seinen wahren Gefühlen und den nicht mehr auszuhaltenden Schmerzen hinterm Berg gehalten, weil er
Matthias nicht unnötig in Aufruhr und Bedrängnis eine Entscheidung zu treffen, versetzen wollte. Aus Angst, ins Hospiz abgeschoben zu werden. „Hoffentlich geht es schnell zu Ende mit mir.“ „Wenn
die Pferde nicht wären, könntest du in ein Hospiz gehen, Vater. Dort würde man sich gut um dich kümmern. Ellie und ich haben keine Zeit deine Pflege zu übernehmen.“
Harte, jedoch ehrliche Worte.
Ellie war Matthias Frau und auch sie arbeitete als Anwältin in der eigens aufgebauten Kanzlei. Diese genoss mittlerweile ein gutes Ansehen und einen weitbekannten, erstklassigen Namen in
der Gegend. Für die Pflege eines kranken Angehörigen blieb den jungen Leuten neben ihrem stressigen Berufsleben keine Zeit.
„Das verlange ich auch gar nicht, dass ihr euch um mich kümmert“, winkte Hans bescheiden ab. Gleich darauf ärgerte er sich, dass er Matthias von seiner Not erzählt hatte. Hätte er seinen Kummer
besser für sich und seinen Mund gehalten. Niemals würde er freiwillig in ein Hospiz gehen. „Keine zehn Pferde bringen mich dorthin“, erzählte er seinen Pferden bei der alltäglichen Abendrunde.
Ich möchte zuhause sterben. Das lasse ich mir nicht nehmen.“
„Ich bitte darum den Italiener noch einmal sprechen zu dürfen.“ Hans hatte August angerufen und seine Stimme zitterte. Dieses Telefonat hatte ihn einiges an Überwindung gekostet. Vor allem, vor
seinem Freund klein bei zu geben. „Wir kaufen deinen Classic Star nicht“, erwiderte dieser schnippisch.
„Dass du das Fohlen nicht erwerben möchtest, weiß ich nunmehr. Dennoch glaube ich, dein Bereiter hat Freude an dem Hengst gefunden und ich möchte ihn gerne sprechen. Ihm ein Angebot unterbreiten.
Er soll sich bitte melden.“
„Ja, richte ich ihm aus“, versprach August, der letztendlich kein Unmensch sein wollte.
„Wie geht es dir gesundheitlich?“, das schlechte Gewissen, Hans nicht nach seinem Befinden befragt zu haben, machte sich dann doch noch in seiner Brust breit. Friedfertig er lenkte ein.
„Es geht zu Ende mit mir, August. Weißt du, wenn man plötzlich schwer krank ist, realisiert man wie schön das Leben tatsächlich ist, während man bei guter Gesundheit ist. Die wichtigen Dinge sind
nicht Geld und Reichtum. Ein gutes Herz, Mitgefühl und Nächstenliebe, darauf kommt es an. Das wird einem leider erst bewusst, wenn es zu spät ist.“ Hans hatte sich vorgenommen dem kleinen
Italiener sein Pferd zu verkaufen. Zu dem Preis, den der Junge bereit war, ihm zu bezahlen. Für das Geld das er aufbringen könnte. Sein inneres Gefühl signalisierte ihm dass es richtig sei, dem
Jungen das Pferd zu überlassen. Ihm seine letzte züchterische Hinterlassenschaft anzuvertrauen. Es waren die Augen und das Leuchten in ihnen gewesen mit denen der kleine Italiener das Pferd eines
alten, sterbenden Mannes voller Ehrfurcht betrachtet hatte. Julio verdiente dieses Pferd allein deshalb, weil er es mit derselben Anmut und der gleichen Faszination betrachtet hatte, mit welcher
Hans seine Pferde in all den Jahren angeschaut hatte. Allesamt waren es wunderschöne Tiere gewesen, an deren Eleganz kein Blick eines echten Pferdekenners vorbeiführte. Was sollte es wenn der
Trab nicht genügend Raumgriff hergab, der Galopp und Schritt jedoch ein Traum waren? Nur mit dem menschlichen Herzen waren die wahren Qualitäten eines wahren Champions zu erkennen. Denn auch
Pferde siegten letztendlich mit ihrem Herzen und nicht mit einem guten Gangvermögen. Gewinner waren im Herzen bereits als solche geboren worden.
„Ich freue mich, August. Schlaf gut, mein Freund“, verabschiedete sich Hans am anderen Ende der Leitung und er ahnte, dass es ein Abschied auf Ewig sein würde.
Nach dem Telefonat schlief Hans glückselig ein. Der kleine Italiener hatte sein altes, vernarbtes Herz im Sturm erobert und aus der Überzeugung einer großen Portion Lebenserfahrung heraus,
glaubte Hans die Geschichte um Classic Star würde ein gutes Ende finden. Man sollte sich wohl preislich einig werden und das Fohlen hätte eine gute Perspektive auf eine sportliche Karriere.
Außerdem würde er dem Jungen eine Freude machen.
Was gab es Schöneres als fröhliche, lachende Augen auf dieser Welt? Ein letztes Erdnussbutterbrot und ein wie immer zu schwarzer Kaffee, versüßten ihm die Gedankenwelt in der er seinen Frieden
gefunden zu haben schien. Alles würde gut werden. Mit diesem Glauben schlief er wie so oft auf dem Küchenstuhl ein.
Träumte besonders intensiv in der Nacht.
Von Pferden, dem kleinen Italiener, dem Fohlen Classic Star und seiner geliebten Frau Maria. Mit einem Lächeln im Gesicht verabschiedete er sich aus dem Leben. Am nächsten Morgen war er nicht
mehr erwacht. Sein Kopf war auf den Tisch gefallen und sein Körper leblos auf dem Stuhl zusammengesackt. Sein Leiden hatte ein Ende gefunden und der Himmel einen neuen Engel dazugewonnen.
Das lautstarke Klingeln des Telefons gleich in der Früh, verhallte im Stillstand der Zeit in dem nostalgisch eingerichteten Gutshaus. Welch wundersamer Tod den alten Pferdezüchter Hans in der
Nacht ereilt hatte. Ganz in dem Stil, wie der alte Mann es sich von Herzen gewünscht hatte, war es schließlich eingetreten. Schnell und schmerzlos. Es schien, als hätte Gott ihn und seine Gebete
erhört und ihn einfach friedlich einschlafen lassen.
Niemand wusste, ob er wirklich mit dem Gefühl einer Gelassenheit am Abend eingeschlafen war oder ob es da doch noch etwas gegeben hatte- was den alten Mann beschäftigte, was ihm auf dem Herzen
gelegen hatte. Gedankengänge, die nun seinen Sohn verfolgten und ihm schlaflose Nächte bescherte. Obwohl er wusste, dass sein Vater zeitnah sterben würde, kam der Tod dennoch viel zu früh und
unerwartet. Die Gewissheit sich nicht voneinander verabschiedet zu haben, schmerzte Matthias sehr. „Sein letzter Will war, dass die Pferde in gute Hände kommen“, weinte er niedergeschlagen.
„Das war sein letzter Herzenswunsch, Ellie.“ Schluchzend fiel er seiner Frau in die Arme. „Sein alter Züchterfreund und Kollege August hatte das Fohlen nicht kaufen wollen. Er war hier gewesen
und Hans hatte es ihm angeboten. Dass August sein Angebot ausschlug, hat ihn arg mitgenommen. Dass niemand außer ihm an dieses Fohlen zu glauben vermochte, als Classic Star das Licht der Welt
erblickte, war sein Untergang“, weinte Matthias. „Du hast deinem Vater ein Versprechen gegeben und das halten wir ein. Die Pferde verlassen den Hof nur, wenn sie in wirklich liebevolle
Hände kommen“, versuchte Ellie tröstende Worte zu finden. Auch ihr hatte der letzte Wunsch des Schwiegervaters am Herzen gelegen. Hans war ihr gegenüber stets höflich und zuvorkommend gewesen.
Niemals war ein böses Wort zwischen ihnen gefallen. In zwanzig Jahren nicht. Das Einzige, das Ellie an dem alten Kauz immer schon gestört hatte, war seine unbändige Liebe zu den Pferden gewesen.
Man hörte den Tag über kein anderes Thema außer Pferde, Pferde und nochmals Pferde, sobald man auf Hans traf. Für die Pferde hatte er gelebt und für sie war er schließlich gestorben. Selbst auf
Familienfeiern ging es nur um die edlen Vierbeiner, zum Leidwesen der restlichen Familienangehörigen. Niemand von ihnen interessierte sich für die Vierbeiner, die einem die Haare vom Kopf fraßen
und außer Unsummen an Geld das sie für Tierarzt und Hufschmied verschlangen, nichts einbrachten.
„Herr Ferrari möchte Hans sprechen bitte.“ Zwei junge, ausländische Männer in feinen Reithosen und
blitzblank gewienerten Stiefeln standen am nächsten Tag auf dem Hof. Ihr Besuch kam Matthias äußerst ungelegen. Mit dem Beerdigungsinstitut hatte er noch einiges zu regeln. Der Blumenschmuck für
das Grab seines Vaters musste mit der Gärtnerei besprochen und ausgesucht werden. Karten, die über den Tod seines Vaters Verwandte und Freunde unterrichteten und die Anzeigenaufgabe für die
Zeitung mussten in Auftrag gegeben werden. „Sie sehen doch, wir haben einen Trauerfall in der Familie“, wies Matthias die beiden Herren unfreundlich ab. Das war sonst nicht seine Art, aber an
einem Trauertag wie diesen ließ er seinem Schmerz freien Lauf. „Wir sind wegen der Pferde da. Herr Ferrari hat Interesse an dem Fohlen namens Classic Star und ihr Vater hatte vor seinem Tod noch
um ein Gespräch gebeten. Leider ist er kurz darauf verstorben. Mein aufrichtiges Beileid!“ Der größere und ältere der beiden Männer, offensichtlich war nur er der deutschen Sprache mächtig,
sprach anscheinend im Auftrag von Julio, der kein Wort über die Lippen brachte. Verlegen, jedoch recht freundlich reichte er Matthias seine Hand. Julio hatte vorsorglich seinen Freund
und Bereiterkollegen Claudio mitgebracht, welcher der deutschen Sprache mächtig war, damit dieser für ihn das Anliegen, Classic Star kaufen zu wollen, übersetzte.. Matthias hielt einen
Augenblick lang inne. Sein Vater hatte ihm kurz vor seinem Tod von dem italienischen Jungen namens Julio erzählt. „Im Moment ist es sehr ungelegen. Könnten Sie vielleicht einen anderen Tag
wiederkommen? „Herr Ferrari reist morgen von Deutschland nach Italien ab. Er wird erst in ein paar Wochen zurück nach Deutschland kommen. Er möchte Ihnen gern ein Angebot für das Fohlen
unterbreiten. Er würde es gleich mitnehmen wollen in seine Heimat. Sein Vater betreibt in Italien eine kleine aber feine Pferdezucht.“ Matthias brummte der Schädel. Das war zu viel des Guten. Zu
gern hätte er die beiden Herren abgewimmelt und sie vom Hof geschmissen. Keinerlei Interesse verspürte er mit zwei ihm unbekannten Männern über die Leidenschaft seines soeben verstorbenen Vaters
zu philosophieren und Kaufgeschäfte abzuwickeln. Der ältere Italiener machte auf ihn einen eindringlichen, beinahe hartnäckigen Eindruck. Seinen Blick konnte er nicht von ihm lassen. Diese
Entschlossenheit in seinen Augen war beinahe unheimlich. Julio hingegen schien das ganze Gegenteil seines Freundes zu sein. Seine Gesichtszüge waren weich, für einen Mann eher zart und dennoch
entschlossen, dieses Fohlen zu kaufen. Vor ihm stand ein Mensch, dessen Herz anscheinend ebenso für die Pferde schlug, wie das seines Vaters. Julio schien ihm ebenso mit dem Pferdevirus infiziert
zu sein wie sein Vater es gewesen war. Dafür brauchte Matthias keine Nachhilfe in Sachen Pferdekunde. „Mein Vater wollte zehntausend Mark für Classic Star haben“, sagte Matthias lapidar.
Ohne lange nachzudenken spielte er mit offenen Karten. Sollten ihm die beiden jungen Männer das Geld auf den Tisch legen, könnten sie mit den Pferden fahren, wohin sie wollten und sie könnten es
gleich tun. Nach Italien oder sogar bis nach Hollywood, das wäre Matthias egal gewesen. „So viel Geld hat Herr Ferrari nicht zur Verfügung. Er kann dreitausend Mark für das Fohlen
bezahlen.“ Matthias konnte sich ein leises, unverschämtes Auflachen nicht verkneifen. Das war der glatte Hohn und dann in dieser Situation. Dreitausend Mark, einfach lächerlich. Er hatte zwar
keine Ahnung von Pferden, aber dass die Pferde seines Vaters das Dreifache und noch viel mehr wert waren, das wusste er nur zu gut. Fassungslos über dieses spärliche Angebot schüttelte er den
Kopf. „Nein, so kommen wir nicht ins Geschäft. Das ist ja unverschämt“, lehnte er ungehalten das Angebot des Italieners ab und verwies die Männer mit einer sachten, jedoch bestimmenden
Handbewegung vom Hof. „Bitte“, flehte Julio. Inständig schickte er ein Stoßgebet zum Himmel. Gedanklich hatte er bereits den Rosenkranz einmal rauf und runter gebetet, Gott möge ihm beistehen und
zu diesem wundervollen Pferd verhelfen. Zu dem Schimmel von dem er die letzten Nächte geträumt hatte und die Nächte davor und in den Nächten die noch folgten, würde sein Herz auch wieder von ihm
träumen, weil er sich unsterblich verliebt hatte. In ein Pferd mit welchem er in wenigen Jahren über die schwersten Hindernisse der Welt flöge, sollte es nur in seinen Besitz übergehen. Auch
Julio träumte diesen einen Traum vom ganz großen Glück und auch für ihn lag das höchste Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde. Wer wollte ihm seine Leidenschaft verwehren?
„Die Pferde werden es sehr gut haben bei Familie Ferrari“, ergriff Claudio das Wort. Er ahnte, dass das Gespräch nicht zu Gunsten seines Freundes verlief, sollte nicht ein Wunder geschehen oder
er ein gutes Wort für seinen Reiterkollegen einlegen. Grüne, saftige Weiden so weit das Auge reicht und andere Pferde sowie freundliche Menschen die sich kümmern, erwarten sie in Verona.“ Claudio
legte sich mächtig ins Zeug. So gern wollte er seinem Freund zu dem Pferd verhelfen, von welchem dieser in den höchsten Tönen geschwärmt hatte. Dieses Fohlen namens Classic Star musste ein wahres
Wunderpferd sein. In der Pause und beim gemeinsamen Essen auf dem Gestüt tauschte man sich über die Ereignisse des anstrengenden Bereiterlebens aus und seit einigen Tagen fiel in aller Munde nur
noch das Wort Fohlen und Julio. Während sich die Bereiter an den Nebentischen bereits Oropax in die Ohren gestopft hatten, um das ewige ihnen auf den Geist gehende „Bellissima“ über das
Wunderfohlen Classic Star nicht mehr ertragen zu müssen, lauschte Claudio den Ausführungen seines Freundes nur zu gern. Die Liebe zu den Tieren und was es hieß sein Herz an eins verschenkt zu
haben, kannte er ebenso gut wie sein italienischer Landsmann und Reiterkollege. Ein Feuer im Herzen, das sich nicht löschen ließ. Wenn man einmal befallen war, hielt einen dieses Virus auf ewig
gefangen. „Classic Star Bellissima“, hörte man den lieben Tag lang und die jungen Männer sprachen von nichts anderem mehr als über Julios Schwärmerei über ein Fohlen, das später einmal ein
außergewöhnliches Pferd werden sollte. Mit geschwollener Zunge und in höchsten Tönen redend und seinen Freund überschwänglich lobend, erzählte Claudio von den Begebenheiten der Zuchtstätte seines
Freundes in Italien, obwohl er niemals persönlich dort gewesen war. Er keinerlei Ahnung hatte, ob das Anwesen wahrhaftig so traumhaft war, wie er es darstellte oder ob Julio und seine Familie in
einer heruntergekommenen Bruchbude und von der Hand in den Mund lebten.
Ellie trat aus dem Haus. Das Gespräch zwischen den Männern hatte sie in jedem Wortlaut mitbekommen. Sie konnte einfach nicht mehr länger an sich halten. Ihr waren die beiden ausländischen Männer
von Anfang an sympathisch gewesen und sie wollte ihnen seelisch beistehen. Ein gutes Wort für sie Matthias einlegen. Sie wusste um die Härte ihres Mannes wenn es um Geld und Geschäfte ging. Er
war geldgierig und rechthaberisch. Dennoch liebte Ellie ihn über alles und verzieh ihm jeden seiner moralischen Ausrutscher. Entschuldigte sein rüpelhaftes Verhalten stets mit der Einbildung, er
täte es für seine Familie. Matthias arbeitete hart, Tag für Tag und war weiß Gott nicht geizig. Ellie und er lebten sorgenfrei auf dem Anwesen seines Vaters und beide Männer, Vater sowohl Sohn,
waren sich niemals zu fein gewesen, sich die Hände schmutzig zu machen. Ging es allerdings um Geld, kannten beide keine Gnade. Heute betraf es allerdings ein Pferd, ein Lebewesen und selbst wenn
die edlen Tiere nach dem neuen Gesetz und bestehenden Paragraphen als eine Sache angesehen und juristisch genauso behandelt wurden, waren Pferde in Ellies Augen noch lange keine Gegenstände über
die der Mensch willkürlich entscheiden konnte wie über einen Kühlschrank, den man von einer Ecke in die andere bugsierte. Hans hatte vor seinem Tod von Julio in höchsten Tönen gesprochen. Von der
Art, wie der junge Reiter das Pferd betrachtet hätte, aus überzeugtem Herzen geschwärmt. Da wäre dieser Glanz in den Augen des Jungen gewesen, als er sah, wie Classic Star neben seiner Mutter im
Galopp über die Weide sauste. Die anschließende Enttäuschung, dass sein Chef, Hans bester Freund August, das Pferd nicht kaufen wollte.
„Matthias, kann ich dich bitte einen Augenblick sprechen?“, mischte sich Ellie entschieden in das Gespräch ein.
Julio und Claudio traten ehrfürchtig einige Schritte zurück, während die hübsche junge Frau hervortrat um an das Herz ihres Mannes appellieren. „Deinem Vater war nichts wichtiger als dass die
Pferde in gute Hände kommen. Erinnere dich bitte. Außerdem hast du ihm ein Versprechen gegeben. Das Geld spielt jetzt keine Rolle mehr. Dein Vater ist tot! Tot, Matthias und wir müssen uns von
dem Erlös der Pferde nicht unser tägliches Brot kaufen. Sei nicht so stur. Gib dir einen Ruck. Ich denke, die Pferde wären gut aufgehoben in Italien.“
„Ellie, ich kann dem Jungen das Fohlen nicht für 3000 Mark verkaufen. Das wäre niemals im Sinne meines Vaters gewesen. Er hat das Dreifache verlangt und ich finde es ganz schön frech, dass sich
dieser junge Mann hier her traut und mir unverschämter Weise lächerliche 3000 Mark für ein erstklassiges Fohlen anbietet.“ Dein Vater hat mit Glanz in seinen Augen von Julio erzählt. Nahezu
geschwärmt hat er, wie er Classic Star, der ganze Stolz deines Vaters, angesehen, ihn berührt und sein Fell gestreichelt hat. In den Berührungen und der Art des Jungen fand er sich und all seine
Träume wieder, Matthias. Du bist zu selbstgerecht. Zwischen dem Jungen und diesem Pferd, das ist etwas Emotionales. So etwas kann ein Mensch nur mit dem Herzen fühlen. Das Geld hat er sich gewiss
vom Munde abgespart und es wird einer seiner größten Träume sein, dieses Pferd irgendwann reiten zu dürfen. Er träumt denselben Traum wie ihn dein Vater geträumt hat. Den Traum vom ganz großen
Glück. So wie wir alle ihn träumen, Matthias. Gib dir einen Ruck, bitte. Deinem Vater würde es das Herz brechen, wenn die Pferde für viel Geld in die falschen Hände gerieten und du diesen Jungen
vor den Kopf stoßen würdest.“
Ellie musste gar nicht länger auf ihren Mann einreden. Matthias lauschte ihren Worten nur zu gern und der Art wie sie mit ihrem Herzen sprach, war er regelrecht verfallen. Doch der Schmerz über
den Tod seines Vaters saß tief. Es war ihm mehr als wichtig, bezüglich der Pferde die richtige Entscheidung zu treffen. Immerhin müsste er mit dieser bis an das Ende seines Lebens klarkommen.
Doch Ellies sanfte Engelsstimme erreichte die tiefgelegenste Stelle seiner empfindsamen Seele und erweichte diese im Handumdrehen. Dies war nur einer der Gründe von vielen anderen, warum er Ellie
geheiratet hatte. Das Herz ihres Mannes hatte sie längst berührt, im Sturm erobert und auch heute überzeugte sie ihren Mann wieder einmal, ihrem Wunsch nachzugeben.
„Einer Frau darf man keinen Wunsch abschlagen, Matthias. Du musst sie auf Händen tragen, denn sie gibt dir das Wertvollste, das wir in diesem Leben bekommen können. Liebe. Aufrichtige
Liebe, Matthias.“ Sehr wohl erinnerte er sich an die Worte seines Vaters. Wie wichtig ihm gute Hände für die Pferde zum Todeszeitpunkt gewesen waren und dass das Geld zum Schluss für
ihn keine Rolle spielte. Menschlichkeit zählte am Ende der Lebensstunden, das hatte Matthias verstanden. In Frieden nach Hause gehen zu dürfen das war es, was nach dem Tod noch zählte.
„Die alte Maja, die Mutter von Classic Star, nehmen Sie natürlich auch mit nach Italien, nicht wahr?“, fragte Matthias die beiden jungen Männer. Diese nickten einstimmig und ihre Gesichter
erhellten sich augenblicklich. Julio schöpfte Hoffnung. Rückte er dem großen Traum namens Classic Star wahrhaftig näher? Sollte doch noch ein Wunder geschehen und er das Fohlen mit nach Italien
nehmen dürfen? „Natürlich, das Fohlen ist noch viel zu jung, es muss bei der Mutter bleiben“, sprach Claudio.
„ Also gut!“ Tief durchatmend reichte Matthias Julio seine Hand. Das Zeichen, falls Julio einschlüge, dass der Kauf besiegelt wäre. Per Handschlag regelten das echte Pferdeleute unter sich.
Obwohl Matthias keiner war und niemals einer werden wollte, wusste er dennoch, dass ein Mann ein Wort, durch den Einschlag beider Hände besiegelt war. Ellie strahlte über das ganze Gesicht.
Verlegen wischte sie sich eine Träne fort. Julio lachte und grinste wie ein Honigkuchenpferd. Unaufhaltsam stieg ihm die Röte ins Gesicht. Welch eine Freude. Sein Herr Papa würde stolz auf ihn
sein. Sein erstes Geschäft, das er abgewickelt hatte. Ein tolles, beinahe erstklassiges Pferd zu einem genialen Preis hatte er für das Gestüt seines Vaters erworben, das würde ein Fest geben auf
der Finca in Italien.
Classic Star und Maja würden in wenigen Tagen für dreitausend Mark nach Italien reisen. Leicht gefallen war es Matthias nicht, auf einen großen Batzen Geld zu verzichten, immerhin war auch er nur
ein Geschäftsmann der den Geldscheinen nachtrauerte, doch nachdem er in das freudestrahlende Gesicht von Julio und seiner geliebten Ellie geblickt hatte, wusste er die richtige Entscheidung
getroffen zu haben. „Danke Senior. Danke. Gracias.“ Julio bedankte sich überschwänglich. Es schien beinahe, als wollte er vor Matthias aus Dankbarkeit auf die Knie fallen. Sein Herz vollführte
lauter Freudensprünge. Schien sich in der Intensität seiner Schlagkraft gar nicht mehr beruhigen zu wollen. Ein großer Stein fiel außerdem von diesem und die unbeschreibliche Freude in dem
Menschen lebenswichtigsten Organ ergriff Besitz von Julios empfindsamer Seele. Infizierte ihn unweigerlich noch einmal mit dem Pferdevirus. Dem jungen Mann wurde klar, dass er für dieses Fohlen
besondere Sorgfalt zu tragen hätte. Ein ganz außergewöhnliches Pferd bedurfte einer ebensolchen Behandlung. Regelrecht in die Riemen legen würde er sich, dass es Classic Star in Italien auf der
Finca seines Vaters an nichts fehle. Dem Fohlen die beste Behandlung zuteilwerden zu lassen, war er dem alten Züchter schuldig geblieben. Julio versprach stillschweigend, dieses leise Versprechen
in seinem Herzen auf ewig zu erhalten.
,Willkommen im Leben
Meine Mama war wunderschön. Nur zu gern sah ich ihr beim Grasen auf der Koppel im satten Gras zu, wie
sie vorsichtig mit ihren Lippen die zarten Butterblumen und Gänseblümchen abfraß, während ich im Schatten der alten Kastanienbäume lag und mich vom Spielen ausruhte. Gern wollte ich es ihr
gleichtun, doch es gelang mir nicht, mit meinem Kopf den Boden zu erreichen um die köstlich schmeckenden Pflanzen abzurupfen. Meine Beine waren zu lang und mein Hals zu kurz. Oftmals machte
ich Spagat und fiel dann einfach um. Meine Freundin „Ginger“, die Tochter von Mamas bester Freundin Special Feelings, lachte mich aus. Sie war gut einige Wochen älter als ich und hatte bereits
gelernt, wie man seine Beine sortierte um gleichzeitig fressen zu können und dabei nicht umzufallen.
An einem schönen Morgen, die Sonne lugte erst noch zögerlich durch die weißen Wölkchen und kitzelte sanft meine Nasenspitze, spürte ich, dass etwas anders war als sonst. Auch Maja war aufgeregt.
Nervös lief sie am Weidezaun auf und ab und wieherte. Mehrere Male folgte ich ihr, bis ich schließlich völlig außer Atem war und erschöpft ins Gras fiel. Ganz schön anstrengend für ein kleines
Pferdchen wie mich, auf der Welt zu sein und die vielen Eindrücke zu verdauen. Die Sonne brannte mir aufs Fell während ich mit meinem Schweif die lästigen Fliegen fortwedelte. Der alte Mann war
seit ein paar Tagen nicht mehr zu uns gekommen. Ich vermisste ihn. Er war freundlich gewesen und hatte mit meiner Mama über mich gesprochen. Welch ein tolles Pferd ich sei und dass er stolz auf
sie wäre, dass sie das mit der Geburt alles alleine geregelt hätte. Mir strich er liebevoll über meinen Hals, über die Ohren und Nüstern, nahm eines meiner Beine vom Boden auf und lobte mich für
mein tadelloses Benehmen. „Das musst du alles lernen und je früher der Ernst des Lebens beginnt, desto schneller hast du es verstanden, kleiner Mann. Du wirst später einmal kluges Pferd sein“,
sagte er. Ich glaubte wenn er nacheinander meine Beine aufhob, ich müsste wieder umgefallen, weil ich das Gleichgewicht nicht halten konnte. Anstandslos ließ ich mir gefallen, was er tat.
Das, was sich meine Mama von den Menschen gefallen ließ, ließ auch ich klaglos über mich ergehen. Ein neugieriges, aufgewecktes Fohlen war ich. Dazu freundlich und dem Menschen zugewandt. Ein
Jungspund wie all die anderen gesunden Fohlen, die reges Interesse an ihrer Umwelt zeigten. Während meine kleine Freundin Ginger eher ängstlich und zurückhaltend war, sich immer gleich hinter
Tante Special versteckte, wenn der alte Mann zu uns auf die Weide kam, erkundete ich voller Tatendrang die Umgebung und das beinahe im Alleingang. Angst kannte ich keine. „Welch ein lieber netter
kleiner Kerl du doch bist und so mutig“, sprach er. Wie sehr er mir fehlte. Jeden Morgen und Abend war er zu uns in den Stall gekommen und hatte nach dem Rechten gesehen. Unser Futter gebracht,
das Fell gestriegelt und die Hufe gesäubert. Meiner Mama hatte er stets einen Apfel oder eine Möhre zugesteckt. „Pssst, aber nichts sagen“, hörst du?“, flüsterte er in ihr Ohr. So als hätte ihn
jemand beobachtet und er hätte lauter verbotene Sachen getan und gesagt, für die er sich anschließend schämen müsste. Stundenlang hatte er mit meiner Mama geschmust und mit ihr geredet. Dankbar
hatte sie ihren Kopf auf seine Schulter gelegt. Unter ihrem Kinn musste er sie meist kraulen. Das wäre so fein und wohltuend, erzählte sie und ich glaubte ihr jedes Wort. Ich war noch zu klein um
meinen Kopf auf die Schulter des alten Mannes zu legen. Somit rieb ich ihn an seinem Oberschenkel.
Fremde Männer liefen des Morgens über die Koppel. Sorgten für reichlich Wirbel und Unruhe zwischen den zwei Stuten und uns Fohlen in der frühen Morgenstunde. Meine Mama und Special Feelings
galoppierten ungehalten von ihnen fort. Ginger und ich folgten unseren Müttern im Stechgalopp. Ängstlich blieben wir dicht bei ihnen. „Hey, alles ist gut“, riefen die Männer mit freundlichen
Stimmen. Sie trugen Riemen und Bänder in ihren Händen. Diese Stricke waren mir bekannt. Der alte Mann hatte sie meiner Mutter über den Kopf gezogen, sobald er uns auf die Weide brachte. Meine
Mama wollte sich von fremden Menschen nicht einfangen lassen. Sich ein Halfter anlegen lassen wollte sie überdies schon gar nicht. Nervös rief sie mich. Gehorsam folgte ich, obwohl mein
Neugier über die Sorge, was die Männer im Schilde führten. gesiegt hätte. Gern wollte ich an ihnen schnuppern, ihren Geruch aufgenommen. „Hey, kommt doch mal her“, die Männer gaben nicht auf.
Beide verfolgten uns mit langsamen Schritten und ausgestreckten Händen. Hinter dem Schweif meiner Mama verkroch ich mich. Blickte vorsichtig durch ihre unzähligen Haare hindurch. Wollte sehen,
was geschah. Einen Eimer trugen sie in ihren Händen. In diesem raschelte es geheimnisvoll. Die Neugier meiner Mama siegte schließlich und es sollte ihr zum Verhängnis werden. Zögerlich trat sie
einige Schritte auf die Männer zu. Ließ sich von ihnen überzeugen, doch einmal in dem Eimer nachzuschauen, was für Leckereien man für uns mitgebracht hatte. Einer der Männer sprach in der
Sprache, die ich bisher verstanden und kennengelernt hatte. Worte wie „Steh“, gib den Huf, und „alles ist gut“, waren mir bereits vertraut und sie bedeuteten, dass alles in Ordnung sei und ich
keine Angst haben müsste.
Blitzschnell zogen sie meiner Mama das Halfter über, während diese ihren Kopf in den Eimer
steckte. Schritten mit ihr zum Weidetor. Maja folgte den Männern willig. Trug die sanftmütige Stute erst einmal das Halfter an ihrem Kopf, gab sie sich ihrem Schicksal geschlagen. Das hatte sie
von junges Pferd auf an gelernt und niemals infrage gestellt, den Menschen zu folgen. Dafür war sie viel zu gut erzogen worden. Auffordernd blickte sie zu mir und wieherte leise. Folgen sollte
ich. Nachdem ich ihrer Bitte nicht gleich nachkam, weil ich nicht wusste, wie ich mich verhalten sollte und erst einmal in sicherem Abstand wartete, wurde sie nervös. Tänzelte ungehalten um
ihren Führer herum. „Komm kleiner Mann. Komm mit uns. Du gehst heute auf eine große Reise“, rief der Mann, der meine Mama am Halfter hielt. Noch immer zögerte ich. Warf Tante Special und meiner
Cousine Ginger einen angstvollen Blick zu. Auch sie waren skeptisch, hielten sicheren Abstand zu den Männern und rührten sich nicht. Meine Mama wollte ich nicht alleine lassen. Ihr aufforderndes
Wiehern konnte ich nicht ignorieren. Einen letzten Blick schenkte ich meiner Freundin Ginger. Dass ich sie niemals wiedersehen würde, konnte nicht ahnen. Dass es an diesem Morgen das letzte Mal
sein sollte, dass wir zusammen auf der Weide gespielt hatten, woher hätte ich wissen sollen…? Und selbst wenn ich gewusst hätte, was hätte es geändert?
Die Männer führten meine Mama an einem Seil in einen großen Kasten hinein. In den Pferdeanhänger. Mich schoben sie unsanft am Po hinterher, da ich ihnen nicht gleich willig folgte. Bisher war ich
nicht in solch einen furchteinlösenden Kasten eingestiegen. Der dunkle, beengte Raum war mir nicht geheuer. „Na komm Kleiner, du schaffst das“, sprach man sanft aber bestimmend. Schließlich ließ
ich mich überreden. Die Verladeklappe wurde begleitend mit einem dumpfen Geräusch hinter uns geschlossen und mit einem Gitter verriegelt. Eingesperrt waren wir. Da meine Mama jedoch nicht unruhig
wurde sondern genüsslich an dem Heu knabberte das die Männer ihr ausgelegt hatten, glaubte ich es sei in Ordnung. Müde und erschöpft fügte ich mich meinem Schicksal. Legte mich in dem am Boden
ausgelegten Stroh schlafen. In dem Hänger ruckelte und rumpelte es. Eine lange Zeit über waren wir eingesperrt in dem kleinen, beengten Käfig. Zwischendurch stärkte ich mich an der Milchbar und
legte ich mich wieder schlafen. Die Anstrengung war dann doch zu viel gewesen. Innig hoffte ich, bald aussteigen zu dürfen. Bewegen wollte ich mich. Galoppieren, umherspringen und nicht länger
gefangen sein. Schließlich wurde es dunkel, dann wieder hell. Die Zeit schien nicht vergehen zu wollen bis man uns schlussendlich aus dem rumpelnden Käfig befreite. Völlig steif war ich. Spürte
meine Beine kaum. Taumelte beim Aussteigen. „Hey Kleiner, willkommen daheim“, sagte einer der Männer und legte sanft seine Arme um meinen Hals. Dirigierte mich sicher die Verladerampe hinunter
und streichelte über mein Fell. Wir waren umgeben einer Menschenansammlung. Freudig bejubelte man unsere Ankunft. Die Menschen strahlten in ihren Gesichtern und schienen erfreut zu sein,
mich und meine Mama begrüßen zu dürfen. Schnell nahem ich einen kräftigen Schluck an der Milchbar. Das war alles so aufregend für mich. „Ein tolles Fohlen. Ein Star, ein echter Contendersohn“,
hallte es aus der Menschenmenge. Nachdem meine Mama und ich in den Stall gebracht wurden und wir uns von der langen Fahrt ausruhen durften, feierten die Menschen ausgelassen bis tief in die
Nacht. Sie lachten, tanzten, tranken Wein und aßen Brot mit Olivencarpaccio und Seelachsfilet. Sangen Lieder am Lagerfeuer. „Willkommen in Italien, kleiner Classic Star“, sagte ein junger
Mann, der seinen Kopf neugierig auf die Tür der Pferdebox legte. Neugierig trat ich heran und ließ mich von ihm streicheln. „Was für ein wunderschöner Hengst du bist“, sagte er und kraulte mich
hinter den Ohren. Das Gefühl seiner Fingermassage in meinem Fell genoss ich sehr. Geduldig hielt ich still. Wenngleich ich seine Worte nicht verstand weil mir die Sprach fremd war, genoss ich
seine Nähe. So erschöpft ich an diesem Tag war, so wohlig war mir, als man mir Liebe entgegenbrachte. Von dem Tag meiner Geburt an war ich von der Menschenhand stets freundlich empfangen worden.
Eine harte, feste Hand und böse Worte waren mir fremd.
Gleich am nächsten Tag durfte ich mit meiner Mama hinaus auf die Weide. Welch eine Freude, dort nach Herzenslust umherzuspringen. Endlich wieder frei sein dürfen. Die Knochen ausstrecken und sich
bewegen können. Welch ein Spaß, die neue Gegend zu erkunden. Meine Mama und ich waren nicht allein auf weiter Flur. Auf der Weide gab es noch viele andere Stuten mit Fohlen, die nun neugierig
näherkamen um uns zu begrüßen. Meine Mama legte gleich die Ohren an und drohte ihnen. Weggehen sollten sie. Von mir. Beschützen wollte sie mich. Welch ein herrliches Gefühl, von einer
treusorgenden Mama wie Maja, umsorgt, geliebt und beschützt zu werden.
Mit der Zeit wurde ich allerdings mutiger und meine Mama fahrlässiger. Das Gras schmeckte ihr zu gut als dass sie ständig ein Auge auf mich warf. So freundete ich mich mit den anderen Fohlen an.
Gemeinsam zogen wir auf Entdeckungstour. Ließen unsere Mütter unbeachtet zurück. Maja regte sich längst nicht mehr auf, wenn ich ihr fortlief. Anfänglich hatte sie immer gleich mit mir geschimpft
und mich zurückgepfiffen, sobald ich davon galoppierte. Mit den gleichaltrigen Jungs zu raufen und zu zanken, war wunderbar. Wir spielten Fangen und Verstecken. Stiegen im spielerischen Kampf
senkrecht voreinander in die Höh. Welch ein Spaß. Meist war ich derjenige, der all diese Spiele gewann und mit meinem vor Stolz erhobenem Haupt und einem eleganten Schweifschlag, den ich
demonstrativ in Pose gehalten trug, zurück zu meiner Mama piaffierte, um ihr von meinem Sieg zu erzählen.
Meist schlief ich wenig später völlig erschöpft ein.
Oftmals saß dieser Julio am Zaun. Aufmerksam aus seinen dunklen Augen heraus, beobachtete er mich. Jeden meiner Schritte.
Während er stumm dasaß, bewegte er sich nicht. Pfiff nicht und rief auch nicht nach den Pferden. Er saß einfach nur da, auf der höchsten Latte des Zauns und warf einen verträumten Blick auf die
friedlich grasende Herde. Blickte verträumt und in den Untergang der sich blutrotfärbenden Sonne. Bei meinem Transport von Deutschland nach Italien war er dabei gewesen, hatte mich in den
Anhänger ein- und wieder ausgeladen. Von dem Tag an sah ich ihn beinahe täglich. Oftmals schnaubte ich wie ein wilder, erwachsener Hengst und stob mit Krawall auf und davon. Sauste über die
Koppel, sobald sich Julio auf den Zaun begab. Galant kletterte er hinauf wie eine bosnische Gebirgsziege und ich bewunderte ihn für seine geschmeidigen Bewegungen. Manchmal schritt Maja zu ihm
oder eines der anderen Pferde. Es schien, als steckte er ihnen einen Leckerbissen zu. Dankbar schleckten die Pferde über seine flache Hand.
Irgendwann siegte meine Neugier. So trabte auch ich zu ihm. Reichte mein Kopf doch nur soeben bis zu seinen Knien, weil ich weiter nicht hinaufkam, streichelte er meinen Hals. „Du wirst noch
wachsen, kleiner Classic Star und dann springen wir eines Tages zusammen über Zäune, die noch viel höher und größer sind als diese“, sagte er nachdenklich und streichelte vorsichtig über meine
Nasenspitze.
Unsere Begegnungen wurden zu einem festen Ritual. Beinahe jeden Tag saß Julio auf der obersten Zaunlatte und wartete geduldig auf mich. Mit einem schmackhaften Leckerbissen in seiner Jackentasche
war es ein Leichtes, die Pferde anzulocken. Wie immer wenn ich auf der Weide mit meinen Freunden herumalberte und Julio plötzlich entdeckte, löste ich mich aus der Gruppe und trabte zu ihm. Holte
mir meinen Leckerbissen ab. Nur zu gern ließ ich mich von ihm streicheln.
All mein Vertrauen schenkte ich diesem Menschen und mich zog es zu ihm, obwohl die anderen Fohlen mit mir spielen und mich nicht gehen lassen wollten. Mir war es wichtiger geworden, mir von Julio
über meine Nase streicheln zu lassen und meinen Leckerbissen abzuholen, als mit den halbstarken Fohlen um die Wette über die Weide zu galoppieren. Die Nähe des Menschen tat mir gut. Sein
angenehmer Geruch, das Salz auf seiner Handfläche, mit jedem neuen Tag sehnte ich mich nach seinen Berührungen.
Eines Tages geschah es, dass Julio nicht mehr wie gewohnt zur Weide kam. Traurig stand ich am Zaun. Suchte nach ihm. Stundenlang wartete ich auf meinen zweibeinigen Freund. Vergebens.
„Er ist krank Classic Star, aber er kommt bald wieder“, sagte ein anderer Junge und steckte mir den zu erwartenden Leckerbissen zu, welchen ich eigentlich immer aus Julios Händen in Empfang
genommen hatte. „Eigentlich ist das nicht gut für deine Zähne, aber Julio hat mich angewiesen, dass ich dir deinen Zucker bringe. Ich soll dir auch schöne Grüße von ihm bestellen. Er ist bald
wieder da. Ganz bestimmt.“ Enrico streichelte liebevoll über meinen Hals so wie Julio es getan hatte und doch war es nicht dasselbe. Das Zuckerstück ließ ich unbeachtet auf seiner ausgestreckten
Handfläche liegen. Traurig wandte ich mich von ihm ab. Wie sehr ich Julio vermisste. Ob ich ihn jemals wiedersehen würde?
„Wie schön dein Fell glänzt. Doch sieh her, überall bekommst du langsam weiße Stippen. Später wenn du älter bist, wirst du ein Schimmel werden, Classic Star. Deine markant dunkle Farbe verlässt
dich langsam aber sicher“, lachte Enrico. „Und morgen kleiner Freund, beginnt übrigens der Ernst des Lebens.“
Den nächsten Tag verblieben Maja und ich im Stall. Wir durften nicht auf die Weide hinaus zu den anderen Pferden. Sechs Monate waren vergangen wie im Fluge und die Zeit des Absetzens war
gekommen. Äußerst schmerzhaft wurde mir bewusst, was Enrico mit dem Ernst des Lebens gemeint hatte.
Nein, bitte nicht. Bitte nehmt mir meine Mama nicht weg. Ihr dürft sie nicht fortbringen. Wohin geht ihr mit ihr? Nein, bitte. Mama, bitte bleib hier! Der Augenblick, in dem ich von meiner Mutter
getrennt wurde, war fürchterlich. In der Box sperrte man mich ein, während sie Maja fortbrachten. Meine Mutter drehte sich nicht einmal zu mir um. Gehorsam folgte sie den Menschen und trottete
ohne jeglichen Widerstand aus der Stallgasse. Auf mein ängstliches, flehendes Wiehern gab sie keine Antwort. Die Menschen nahmen mir in dem Augenblick das Liebste, das ich besessen hatte. Mein
kleines Herz weinte. Den ganzen Tag über wieherte und schrie ich nach meiner Mutter. Vor Schmerzen in meiner Seele beinahe verrückt werdend, rannte ich in meiner Box hin und her. Energisch trat
ich gegen die Trennwände. Biss aus Wut in die Gitterstäbe, doch niemand kümmerte sich um mich und meinen Radau. Neben mir in der Box stand ein Fohlen desselben Alters, das recht unbekümmert und
gelassen zu mir herübersah. Es war ebenfalls ohne Mutter und in der Box alleingelassen worden wie ich, doch es schien sich nicht im Geringsten an dem Verlust der Mutter zu stören. Vielleicht
hatte es seine Mama nicht so lieb gehabt wie ich meine. Für mich war es grausam, dass man mich alleine im Stall zurückgelassen und Maja fortgebracht hatte. Das erste Mal in meinem Leben, dass ich
auf mich allein gestellt war. Mich plagten Angst, Verzweiflung und Trauer. Hatte ich die Menschen doch eigentlich liebgewonnen, ihnen vertraut, so glaubte ich sie von diesem Augenblick an als sie
mir meine Mama wegnahmen, sie nicht mehr mögen, sondern stattdessen verachten zu wollen. Selbst als Julio nachmittags zu mir an die Box kam, wo ich doch in den vergangenen Tagen so sehnsüchtig
auf ihn gewartet hatte, wollte ich heute nichts von ihm wissen. Noch immer wieherte ich. Weinte Maja nach und lief unruhig auf und ab. Ignorierte meinen Menschenfreund, auch wenn mein Herz die
spärliche Flamme einer kleinen Wiedersehensfreude aufflackern lassen wollte, so verdrängte sie der bittere Schmerz des Verlustes. „Deiner Mama geht es gut, kleiner Freund. Mach dir keine Sorgen.
Du wirst langsam erwachsen und der Ernst des Lebens beginnt. Maja wird ein neues Fohlen bekommen. Im nächsten Frühling schon und dafür braucht sie ihre Kräfte.“ Julio streckte vorsichtig seine
Hände durch die Gitterstäbe. Seinen Geruch sollte ich aufnehmen. Inständig hoffte er, ich würde mich beruhigen. Doch ich beruhigte mich nicht und auch seine Worte konnten mich nicht besänftigen.
Im Gegenteil. Zu meiner Mama wollte ich. Sobald Julio nur daran denken würde, die Stalltür zu öffnen, würde ich hinaus sausen und nach ihr suchen. Auf meine Chance wartete ich. Bestimmt würde er
die Tür öffnen. Er würde mich streicheln und beruhigen wollen und mir meinen Zucker geben, so wie er es auf der Weide getan hatte. Ein eingesessenes Ritual, das ich genau vor meinem inneren Auge
hatte. Einige Minuten lang blieb ich geduldig. Bewegte mich nicht. Senkte stattdessen meinen Kopf. Signalisierte Nachgiebigkeit, Folgsamkeit und Ergebenheit.
Tatsächlich öffnete Julio die Tür. Nur einen winzigen Spalt breit. Sofort und pfeilschnell schoss ich hinaus. Wie ein wildgewordener Mustang ergriff ich die Flucht. Hinterließ ein Chaos der
Verwüstung. Julio hatte ich empfindlich angerempelt, während ich mich zwischen ihm und der Tür hindurch quetschte. Er schrie auf vor Schmerzen. Die Schubkarre fiel um. Die Mistgabel stand im Weg
und musste dran glauben. Den Hofhund galoppierte ich gnadenlos über den Haufen. Winselnd jaulte er auf, während ich davonstob. In Todesangst sprang der Hahn von seiner Miste. Flatterte auf und
davon. Julio rief mich zurück, doch ich ließ mich nicht aufhalten. Niemand würde mir meine Mama wegnehmen. Wiehernd galoppierte ich über den Hof. Irgendwo musste sie sein, warum gab sie
keine Antwort? Meine verzweifelten Rufe verhallten im Anbruch der Dämmerung. Aufgebracht und im Wahnsinn eines Adrenalinrauschs galoppierte ich entlang der Weiden, längs des Springplatzes und
stob schließlich Richtung Hauptstraße davon. Mit Mühe und Not wich ich einemhupenden Auto aus. Kalter Regen schlug erbarmungslos in mein Gesicht. Scharfe Winde trieben Tränen in meine
empfindsamen Augen. Meine kleinen Hufen rutschten auf dem nassen Asphalt aus. Beinahe wäre ich zu Fall gekommen. Berappelte mich mit Mühe und Not, galoppierte orientierungslos weiter. Die
Autos auf der Straße fuhren kreuz und quer. Wichen mir aus um eine Kollision zu vermeiden, die katastrophale Folgen gehabt hätte. Die Fahrer fluchten hinter der Windschutzscheibe. Einige von
ihnen sprangen aus dem Fahrzeug, schrien hinter mir her. „Haltet das Pferd! Stoppt den verrückten Gaul!! Bis ich schließlich die Orientierung verlor. Das Hupkonzert, ihr Geschrei und das
Quietschen der Reifen versetzten mich in noch größere Panik. Aufgebrachte Menschenstimmen hallten über den Asphalt. Schrien mir nach und man stellte sich mir mit verschränkten Armen in den Weg um
mich zu stoppen. „Wo kommt das Fohlen her? Jemand muss es einfangen! Schnell!“
Erschöpft gelangte ich an eine Weide abseits der Straße. Schnaufend und mit der Welt fertig, blieb ich stehen. Weit und breit keine Pferde zu sehen. Ich war völlig verängstigt. Klatschnass
vom Regen, schweißdurchtränkt mein Fell. „Hey, hey, beruhige dich. Komm her zu mir! Brr, ganz ruhig!“ Die Stimme war mir vertraut. Sie gehörte Julio. Meinem besten Freund von dem ich mich
augenblicklich hintergangen und verraten fühlte. Warum hatte er zugelassen, dass man meine Mama fortbrachte? Dennoch war ich erleichtert in diesem Durcheinander, dem Chaos das hinter mir lag,
eine vertraute Stimme zu hören. Stolz erhob ich meinen Kopf. Blickte mich um. Wenige Meter nur stand Julio von mir entfernt. Er zitterte ebenso sehr wie ich. In seinen Händen trug er ein meiner
Kopfgröße angepasstes Halfter und ein dazugehöriges Strick. Leise pfiff er nach mir. Die Melodie beruhigte mich. Gefällig schnaubte ich, senkte dankbar meinen Kopf. Das untrügliche Zeichen, dass
ich Julio nichts mehr entgegensetzen und ihm folgen wollte. wollte. „Komm her mein Kleiner, alles ist gut. Es ist okay. Du brauchst keine Angst zu haben. Vertrau mir.“ Julio streckte seine Hand
nach mir aus. Sein Geruch war angenehm. Die Hand warm und mir vertraut. Er trat näher und legte mir sachte den Strick um meinen Hals. Ich ließ es geschehen. Auch dass er mir das Halfter über dem
Genick anlegte, ließ ich geschehen. Vielleicht war ich zu müde und zu erschöpft, Julio Widerstand zu leisten. Zu erschrocken und verängstigt über die überraschte Flucht, dass ich mir die
Handgriffe des Menschen anstandslos gefallen ließ. „Ich bringe dich nach Hause mein Freund“, versprach er.
Entlang der Straße trotteten wir.
Vorbei der Weiden. Entlang der vom Herbst sich bunt färbenden Wälder. Julio führte mich vorüber an Autos und LKWs, deren Fahrer wilde Grimassen schnitten und deren Hände noch immer auf die Hupe
drückten. Dennoch machten sie uns Platz, ließen uns vorbeischreiten, weil Julio sie angewiesen hatte, Abstand zu halten.
Ich folgte ihm ohne weitere Mätzchen. Julio war mein Leittier. „Meine Mama ist ebenfalls fort. Weißt du Classic Star ich vermisse sie. Sehr sogar. Genau wie du deine Mama vermisst.“Julio
plapperte drauf los. Seine Worte klangen ehrlich und in seiner Stimme lag eine gehörige Portion Ehrfurcht. Vor dem Leben und der Kreatur Pferd. Den Gewalten des Schicksals gegenüber zeigte er
Achtung und Respekt. Das spürte ich instinktiv. Julio war mein Freund und er hatte mich gern. Absichtlich würde mir nicht weh tun wollen. Obwohl man mir an diesem Tag meine Mama genommen hatte
und ich in meinem Herzen eine unendliche Traurigkeit fühlte, so fühlte ich auch die Liebe zwischen Mensch und Tier. Die Liebe zu einem Menschen, der mir ab sofort meine Mama ersetzen und mein
Lehrmeister sein würde. Der mich lieben, achten, respektieren und für mich sorgen würde. „Ich möchte dein Freund sein, Classic Star. Nicht nur irgendein Freund, sondern dein bester! Glaubst du,
wir bekommen das hin?“
Die nächsten Tage und darauffolgenden Wochen benahm ich mich wie ein Wildpferd. Noch immer rief ich nach meiner Mutter.
Kläglich und verzweifelt.
Ich konnte und wollte sie nicht vergessen.
Der Schmerz über ihren Verlust saß tief.
Die erste Zeit nach dem Absetzen rührte ich mein Futter nicht an. Verweigerte alles an Nahrung was Julio mir vorsetzte. Selbst mein heißersehntes Zuckerstück lehnte ich ab.
„Classic Star macht mir Kummer, Vater.“ In Julios Stimme lagen Schmerz und Verzweiflung.
„Es ist ein charakterstarkes Pferd“, beruhigte ihn sein Vater.
„Der Hengst wird dir jederzeit zeigen, was er will, was er braucht und was er eben nicht will. Du musst ihm nur zuhören.“
„Und was braucht er jetzt? Was will er mir sagen, wenn er das Futter verweigert und noch immer nach seiner Mutter schreit? Die anderen Fohlen haben den Trennungsschmerz viel schneller überwunden
als er. Aus seiner Stimme heraus höre ich Not, Pein und diesen unbändigen Schmerz in seinem Herzen. Er wird krank werden. Vor Sehnsucht, Vater.“
Julio litt fürchterlich unter der Wesensveränderung seines geliebten Pferdes. „Er wird sich beruhigen. Gib ihm ein paar Tage Zeit. Fordere nichts von ihm. Er wird dir zeigen wenn er wieder bei
dir ist. Habe Geduld.“ Julios Vater lächelte. Drückte seinen einzigen Sohn väterlich an die Brust.
„Wenn ihr beide den ersten Parcours zusammen reitet, werde ich dich später am Ausgang in Empfang nehmen. Wenn du über den Sieg lachst, weil er dir so einfach zu erreichen erschien, und dir vor
Glück die Tränen laufen, stehe ich am Ausgang und erinnere dich. An den Tag, an dem Classic Star dich zur Verzweiflung brachte! An den Tag, an dem er das Liebste verlor, das Gott ihm gegeben
hatte. Seine Mutter! Auch du hast deine Mutter in jungen Jahren verloren, weil Gott sie viel zu früh zu sich rief. Monatelang hast du nach ihr getrauert. Wolltest nicht auf das hören was ich dir
sagte. Du warst verbittert. Einsam und traurig. Deine Pasta hast du nicht angerührt und wolltest selbst die herrlichsten Süßigkeiten nicht mehr essen. Den herrlichen Schokoladenpudding den ich
unter größter Anstrengung angerührt habe wie deine Mutter ihn immer gemacht hat, hast du nicht mal angesehen.
Alles braucht seine Zeit, Julio. Gib sie ihm verdammt noch einmal. Gib diesem Pferd die nötige Zeit, die es braucht.“
Vier Jahre später
Nachdem ich drei Jahre alt geworden war, schien sich mein Leben schlagartig zu verändern. Mein Freund
Julio war noch immer an meiner Seite. In guten und in schlechten Zeiten war er mir ein gutes Leittier und ich folgte ihm willig. War ich krank, schlief er in meiner Box. In einer Wolldecke
eingehüllt, wich er nicht von meiner Seite. Massierte meine Gelenke, bandagierte sie ein. Kontrollierte meine Atmung, den Puls und meine Körpertemperatur. Er war Seelentröster, Futtergeber und
mein Freund.
Es fehlte mir an nichts.
Morgens in der Früh brachte er mich auf die Weide. Gleich vor der Arbeit noch. Meist hatte er einen Apfel für mich dabei. Oh wie ich diese Köstlichkeit liebte. Wenn er mich abends zu sich rief,
galoppierte ich freudig zum Tor um ihn zu begrüßen und meine Belohnung abzuholen. Dankbar rieb ich meinen Kopf an seiner Schulter.
Eines Tages sprach Julio davon, dass der Ernst des Lebens beginnen würde und er mich verschiedene Dinge lehren wollte.
Das Auflegen des Sattels auf meinen Rücken zu dulden. Lehrte mich das Auftrensen. Schob mir ein Mundstück in das Pferdemaul. Das Metall schmeckte fürchterlich. Zudem war es fürchterlich kalt
zwischen meinen Zähnen. Mir war gleich klar, dass ich es nicht sonderlich mochte, dieses doofe Ding in meinem Maul. „Mit dem Gebiss kann ich dich besser dirigieren. Du wirst die Hilfen erlernen
und sie später annehmen“, beruhigte mich Julio. Angewidert und empört streckte ich die Zunge raus, versuchte sie über das Gebiss zu legen. „Na na, das geht aber gar nicht. Die Zunge über das
Gebiss zu legen, ist ein grober Ungehorsam.“ Julio schien verärgert über meine lästige Angewohnheit zu sein, das Gebiss nicht annehmen zu wollen. Eines Tages schmierte er das kalte Metall mit
Honig ein. Welch eine Abwechslung. Begeistert war ich. Herrlich. Honig war etwas Feines. Ab sofort liebte ich das Auftrensen. Jedes Mal wenn Julio mit der Trense kam, hielt ich breitwillig meinen
Kopf hin um den Honig abzuschlecken.
Es war nicht nur die Aufgabe das Gebiss anzunehmen, welche ich erlernen sollte. Das Stillstehen übte Julio mit mir. Überall hieß es: „Und steeeeeh!“ In der Stallgasse, vom Weg der Stallgasse auf
die Weide und plötzlich musste ich auch noch das Anbinden über mich ergehen lassen. Mit einer Bürste massierte Julio mein Fell, während ich mich nicht bewegen durfte. Einige Tage später legte er
sich über meinen Rücken. „Brav machst du das. Du wirst mal ein tolles Reitpferd“, lobte er mich. Für einen Zuckerwürfel, ein Stück Apfel oder auch für leckere Gummibärchen stand ich still wie ein
Zinnsoldat. Rührte mich nicht. Führte ich eine Aufgabe korrekt und zu Julios Zufriedenheit aus, gab es schmackhafte Leckerbissen. Mir machte es Spaß all die neuen Aufgaben zu erlernen und Julio
gehorsam zu folgen. Nachdem ich mit dem Gebiss vertraut war, ließ er mich an der Longe im Kreis laufen. Mit einem über meinem Rücken gespannten Gurt sollte ich im Schritt und Trab immerzu auf
kleinstem Raum laufen. Das fand ich schnell langweilig. Viel lieber erkundete ich die Wälder und Wiesen auf denen Julio mit mir spazieren ging. Manchmal nahm er mich als Handpferd neben seiner
alten, erfahrenen Stute Pia mit. Welch ein Spaß! Herrlich war es die Welt zu erkunden. Kühe, Schafe und sogar mit Eseln durfte ich die Bekanntschaft machen.
Das Leben war abwechslungsreich und vielfältig.
„Du bist unglaublich nervenstark“, lobte mich Julio. „Außerdem lernst du wahnsinnig schnell. Bist ein aufgewecktes Kerlchen. Ein feiner Kerl“, sprach Julio in höchsten Tönen über mich.
Durch Lob und Anerkennung behielt ich die Freude an all den vielen Übungen und neugewonnen Eindrücken. Das Stück Zucker durfte bei keiner meiner Lektionen fehlen und Julio vergaß nicht einen Tag,
es aus seiner Jeanshose zu ziehen und mir zu geben. Es war seine Art, sich für meine Mitarbeit zu bedanken und ich genoss dieses Privileg seiner Wertschätzung sehr. Stets belohnte er mich, wenn
ich folgsam war. Mir wurde es ein Bedürfnis willig mitzuarbeiten, eben wegen der Belohnung.
Sobald ich eine neue Aufgabe außergewöhnlich gut absolviert hatte, gab es auch besondere Leckereien.
Eines Tages ging es hinaus auf den Springplatz. Ich spürte gleich, dieser Tag war es anders als all die anderen, die hinter uns lagen. Julio schien nervös zu sein. Seine angespannte
Stimmung übertrug sich unweigerlich auf mich. Unruhig zappelte ich herum. Stand nicht still bei der Massage. „Heute probieren wir ein paar Sprünge aus, Classic Star. Eine kleine Hindernisreihe
habe ich am Sandplatz aufgebaut. Über sie möchte ich dich galoppieren lassen. Möchte sehen, wie talentiert du bist.
Es wird nicht hoch sein. Habe keine Angst, du schaffst das spielend. Du solltest übrigens niemals an dir zweifeln, mein Freund.“ Julios Stimme zitterte. Es war, als plagte ihn die Angst.
Für sein sonderbares Verhalten fand ich keine Erklärung.
Woher hätte ich wissen sollen, dass die Geschäfte von Julios Vater schlecht liefen. Er aus finanziellen Gründen gezwungen wäre, den Bestand der Pferde zu reduzieren, falls sich nicht doch noch
ein Kracher unter ihnen finden ließe, der Turniere gewann und Geld einbrachte? Woher hätte ich wissen sollen, dass es zur Debatte stand, sollte ich im Stangenwald versagen, ich verkauft werden
müsste? Woher hätte ich wissen sollen, dass Julio jeden Abend zu Gott betete. Sich in den Schlaf weinte und am nächsten Morgen mit der Hoffnung erwachte, sein Vater mich nicht verkaufen möge.
Julio hatte sich nichts anmerken lassen. Meinetwegen. Er hatte mich nicht verunsichern wollen. Er war ein perfekter Schauspieler. Von seiner Traurigkeit hatte ich nichts gespürt.
Misstrauisch beäugte ich die Hindernisse. Ein wenig graute es mir sehr wohl vor den vielen, bunten Farben. Mir erschloss es sich nicht, warum ich über diese springen sollte. Mit meiner
stattlichen Größe von beinahe 1,70 m war es ein Leichtes, gemächlich über die Stangen zu stolzieren. Blaue, gelbe und rote hatte Julio entlang der Bande verteilt und diese an der offenen Seite
der Reitplatzumzäunung mit einem rotweißen Flatterband abgesperrt. Zu einer Art Gasse umfunktioniert, in die er mich hineinführte und aus der ich nicht ausbrechen konnte. Nunmehr sollte es durch
diese Gasse über die Hindernisse gehen.
„Über das Band wirst du ja wohl kaum springen“, überlegte Julio. „Ich bin gespannt, ob er seinem Papa alle Ehre macht, Vater“, rief Julio mit unsicherer Stimme. Sein Vater stand neugierig am Zaun
mit anderen interessierten Menschen, die sich ebenfalls ein Bild meines Sprungvermögens verschaffen wollten. Versammelt und eingefunden hatten sie sich am Springplatz weil sie ein Wunder zu
erleben glaubten. Sie alle wollten diesen magischen Augenblick erleben, an dem ich, der Sohn des legendären Contender, ihnen mein Springtalent vorführte. Einige Male trabte ich gelangweilt in die
Gasse und stolperte mehr oder weniger über die am Boden liegenden Stangen. Langeweile kam bei mir schnell auf. Gleich während der dritten Runde fiel ich mehr über die Stangen als dass ich meine
Füße gehoben hätte um über sie hinweg zu springen. „Classic Star! Aufpassen!“, maßregelte mich Julio energisch. Ihn nahm ich gar nicht mehr wahr, nachdem ich plötzlich „Surprise“ entdeckt hatte.
Die hübsche schwarzbraune Stute, die ihre zarte Nase über den Zaun streckte und mich leise anwieherte. Zu gern wäre ich zu ihr rüber gelaufen und hätte Hallo gesagt. Doch ich sollte ja über diese
doofen Stangen traben und mich konzentrieren. Einige Male knallte Julio mit der Peitsche, nachdem ich nicht achtsam gewesen war über den Stangen und mit ihnen Kegeln spielte. Sein Vater rief
enttäuscht: „Na da brauchst du die Latten gar nicht höher legen. Talent sieht anders aus, mein Sohn.“ „Bitte Classic Star, lass mich nicht hängen“, flehte Julio. Leise sprach er mit mir während
er die Stangen höher legte. Surprise blickte noch immer zu mir herüber. Diesem Blick konnte ich nicht widerstehen. Zu gern hätte ich einen kleinen Abstecher zu der Schönheit auf die Weide
gemacht. „So, auf geht’s. Jetzt zeig mal, was du kannst.“ Julio ließ erneut die Peitsche knallen um mich in die Gasse zu treiben. Ich erschrak. So deutlich hatte er noch nie mit mir kommuniziert.
Mit den Stangen schien es ihm ernst zu sein. Entschlossen trabte ich in die Gasse. Dieses Mal würde ich meine Beine höher heben und mir ein mehr Mühe geben. Ich wollte Julio nicht
enttäuschen. Während ich loslegte, rief Surprise nach mir und all meine guten Vorsätze schwanden dahin. Nach der hübschen Stute wiehernd, räumte ich sämtliche von ihnen ab und stolperte
unbeholfen durch die Sprungreihe. Mein Ehrgeiz war geweckt. Niemand würde mich aufhalten, Surprise einen Besuch abzustatten. Es war Frühling. Herrlichstes Wetter. Meine Hormone spielten völlig
verrückt. Der Hengst kam augenblicklich in mir durch.
Surprise stellte sich breitbeinig auf, lud mich förmlich ein, auf ihren Rücken zu springen. Sie blitzte, sonderte schleimige Flüssigkeit aus ihrer Scheide. Signalisierte ihre
Paarungsbereitschaft. „Ach herrjeh, das ist alles, aber kein Springpferd! Das ist ein Esel“, rief Julios Vater. Die Enttäuschung sprach aus seinem Herzen. „Spann ihn vor die Kutsche“, rief der
Stallknecht. Man foppte Julio. Hielt ihn zum Narren mit seinen Träumen, Classic Star sei in wenigen Jahren der Olympiasieger der italienischen Nationalmannschaft.
Zügig setzte ich mich nach der missglückten Hindernisreihe in meinen herrlichsten Galopp. Nahm Anlauf und sprang in eleganter Pose über den Weidezaun. Dieser war viel höher als die bunten
Stangen, doch was interessierte das, wenn solch ein fesches Mädel auf der anderen Seite auf mich wartete? „Habt ihr das gesehen? Habt ihr das gesehen?“, schrie Julio. Er glaubte seinen Augen
nicht zu trauen, nachdem ich mit einem gewaltigen Satz auf der anderen Seite des Zauns gelandet war. „Er kann es doch“, rief eine andere Stimme aus der Menschenmenge. „Wir müssen ihn einfangen.
Er ist ein Hengst und die Stute ist rossig. Er soll sie nicht decken. Auf keinen Fall. Sie ist zu jung ein Fohlen zu bekommen. Schnell, fang ihn ein, Julio!“
Von wegen! Mich einfangen lassen! Mit Surprise zusammen nahm ich Reißaus. Im gestreckten Galopp stoben wir davon. Hinterließen nur noch eine Staubwolke. An das Ende der Weide galoppierten wir.
Unter dem Schatten der Olivenbäume beglückte ich meine Auserwählte. Welch ein Genuss. Welch ein Spaß. Von dem Gefühl konnte ich nicht genug kriegen.
„Vielleicht sollte er Deckhengst werden und wir stellen ihn zur Körung vor, Vater.“ Julio kassierte am Abend darauf
mächtig Ärger, weil Classic Star auf Surprise aufgesprungen war.
„Er ist nicht gut genug als Deckhengst. Er hat einen Ton. Ein feines Atemgeräusch, das wir operieren lassen könnten, das können wir uns allerdings nicht leisten. Außerdem haben wir keinen
Namen in der Zuchtszene und nicht das nötige Kleingeld, ihn der Körkommission vorzustellen. Man wird uns nicht beachten. Diese Niederlage sollten wir uns ersparen.“ „Warum glaubst du nicht an
Classic Star, Vater?“ Julio war traurig über die harten Worte seines Vaters. Er glaubte den Grund zu kennen. Die schlechtgehenden Geschäfte waren Schuld an der üblen Laune. Jeden Abend blickte er
in den Himmel. Sprach mit gefalteten Händen zu seiner Mutter. Betete, dass ein Wunder geschehen möge, dass sich alles zum Guten wendete.
„Du solltest ihn einreiten. Vielleicht können wir wenn er auf dem Turnier erfolgreich ist, einige der anderen Pferde verkaufen. Uns einen bedeutenderen Namen im Pferdehandel erkämpfen, weil du
ein erstklassiges Pferd reitest, verstehst du was ich meine, Julio?“ Nein, Julio wollte und konnte seinen Vater nicht verstehen. Selbst wenn er ihm nur selten widersprach weil er dafür zu
gut erzogen worden war, so wollte er es dieses Mal tun. Classic Star sollte nicht als Aushängeschild für die Pferdezucht seines Vaters herhalten. Dieses Pferd war etwas Besonderes. Julio musste
den Schimmel vor üblen Machenschaften des Reitsports beschützen. Behüten und auf ihn aufpassen wie auf seine eigene Seele. Immerhin hatte er ein Versprechen gegeben. Sein Wort müsste er halten
und das würde er tun. Lieber würde er jeden Tag in den Steinbruch gehen und dort Steine kloppen, damit er das nötige Geld nach Hause brachte, als dieses wundervolle Tier zu verderben oder gar es
hinzurichten weil man es viel zu früh einreiten würde. Es für den Sport zu missbrauchen wäre eine nicht wieder gutzumachende Schande.
„ Classic Star ist drei Jahre alt geworden, Vater. Noch nicht mal, er ist spät geboren im Jahr, er wird erst noch drei. Es ist noch nicht an der Zeit ihn einzureiten. Seine Gelenke sollen die
Belastung aushalten und der Rücken muss stark genug bemuskelt sein, um mein Gewicht zu tragen. Es ist eindeutig zu früh.“
„Du solltest lieber hören, was dein Vater sagt. Was nützt es, wenn die Gelenke des Pferdes halten nur weil du es später einreitest als man für gewöhnlich Pferde einreitet, wenn wir uns bald
keine Pferde mehr leisten und auf dem Hof halten können, weil uns das Wasser bis zum Halse steht?“, fluchte er.
„Dann gehe ich arbeiten.“
„Du hast hier auf dem Hof mehr Arbeit als genug.“
„Ich gehe wieder zurück nach Deutschland und arbeite dort als Bereiter. Das Geld schicke ich dir, Vater. Deine Probleme werden unlängst vorüber sein, aber bitte, bitte rede mir in der Ausbildung
mit Classic Star nicht rein. Er braucht noch Zeit. Er soll ein langes, gesundes und unbeschwertes Leben vor sich haben dürfen. Bitte.“ Julios Worte waren eindringlich und herzerweichend. Seinem
Vater wurde in diesem Augenblick klar, wie sehr sein Sohn dieses Pferd in sein Herz geschlossen hatte. Er selbst fühlte sich plötzlich in jüngere Jahre versetzt und erinnerte sich an alte
Zeiten zurück. War es ihm nicht ebenso ergangen wie seinem Sohn? War nicht auch er vernarrt und besessen gewesen? Hatte sich von niemandem reinreden lassen wollen wenn es um die geliebten Pferde
ging? Hatte nicht auch er die Allüren seines Vaters gleichfalls ignoriert und in den Wind geschossen?
An einigen Tagen liefen dem alternden Mann die Tränen und er wünschte seine Frau, Julios Mutter Rita herbei, die zu früh aus dem Leben gewissen worden war. Ohne sie schien ihm nichts
mehr wie vorher zu sein. Stets hatte sie ein liebes Wort für die Sorgen und Nöte ihres Mannes auf ihren Lippen getragen. Ihm in schweren Zeiten beiseite gestanden. Trost und Mut zugesprochen. Ihr
Tod war für alle Hinterbliebenen unüberwindbar.
„Du kannst stolz sein auf unseren Sohn, Rita. Er geht seinen Weg und mit dem Herzen ist er ganz und gar bei den Tieren. Es schlägt nur für sie. Geld ist ihm längst nicht so wichtig wie ein
freundschaftliches Miteinander und ein fairer Umgang mit den Pferden. Er ist ein guter Junge. Beschütze und halte ein Auge auf unseren Sohn“, sprach er mit feuchten Augen während er in den
Sternenhimmel der anbrechenden Nacht zu seiner verstorbenen Frau aufblickte. Eine Träne bahnte sich ihren Weg entlang seiner Wange.
Julio ließ sich von den Unkenrufen seines Vaters, Classic Star hätte vielleicht doch nicht so große Qualität wie man zunächst vermutet hatte, nicht beirren. Eisern und beinahe besessen aus dem
Schimmel ein Springpferd zu machen, trainierte er mit dem Pferd.
Jeden Tag.
Bei Wind und Wetter ging es hinaus auf den Springplatz. Über Stangen ließ er ihn traben und galoppieren.
Am Boden lagen die Hölzer. Später legte er sie an den Rand des Zauns um ihre Höhe zu erschweren. Dirigierte das Pferd mit der Gerte entlang des Hufschlags damit es über all die bunten Stangen
sprang. Julio wurde nicht müde seinem Pferd zuzusehen, wie es seine Beine über die hölzernen Stangen schwang. „Du wirst immer besser, Classic Star. Entwickelst eine feine Bascuele, kommst schön
über den Rücken. Du bist ein feiner Kerl.“ Stolz lobte er mich. Strich über meinen Hals. Klopfte ihn anerkennend. „Wir zwei überwinden eines Tages die höchsten Sprünge der Welt. Du trägst mich
auf deinem Rücken während ich mich leichtmache wie eine Feder. Ich bringe dir alles bei, was du wissen musst. Vielleicht sind meine Augen einmal nicht so gut und ich schätze einen Sprung falsch
ein. Dann musst du mir helfen. Du übernimmst die Führung ohne dass ich dich darum bitten muss. Alles was du wissen musst um ein großer Springer zu werden, zeige ich dir. Noch bevor ich jemals auf
deinen Rücken steige, wirst du im Geiste
längst ein Springpferd sein, mein Freund.“
In der Stimme des jungen Mannes lagen Entschlossenheit und der Wille zum Sieg.
Hinaus auf die Felder ging es. Julio joggte neben mir. Einige Male fuhr er mit dem Fahrrad. Locker
leicht ließ er mich über Waldwege traben und galoppieren während er noch immer sicher sein Fahrrad lenkte. Überquerte mit mir an der Hand Baumstämme, forderte mich auf durch knöcheltiefe Bäche zu
marschieren, ließ mich über hölzerne Brücken schreiten, die mir Unbehagen bereiteten. Der Klang meiner Hufe auf dem hölzernen Boden machte mir Angst. Doch wie immer beruhigte und ermutigte mich
mein zweibeiniger Freund.
„Es ist alles gut. Vertrau mir.“
Angst hatte ich vor den vielen neuen Eindrücken die ich kennenlernte, sehr wohl. In Julio fand ich allerdings meinen Meister. Aus mir formte er mit ruhiger, gelassener Hand einen Athleten mit Mut
und Stolz im Herzen. Mit der Zeit entwickelten sich meine Muskeln. Ein prächtiger Hengsthals formte sich zu einem Ausdruck, der auf meinem großrahmigen Körper sich von jedermann anmutig
betrachten und bestaunen ließ. „Was für ein Prachtkerl!“ Einige Reiterkollegen von Julio, die immer mal wieder nach dem Rechten sahen oder einfach nur Hallo sagen wollten, staunten nicht schlecht
über meine Entwicklung.
„Julio, du bist ein Genie auf deinem Gebiet. Schade, dass du
dein Talent in Italien vergeudest“, alberten sie. „Du solltest zurück nach Deutschland gehen. Dort hast du viel bessere Möglichkeiten als hier auf dem kleinen Kuhkaff zwischen betrunkenen
Weinhändlern und verrückten Pferdezüchtern.“
„Ich kann meinen Vater nicht alleinlassen.“
Ein Tropfen Wehmut lag in seiner Stimme.
„In Deutschland gibt man dir bessere Pferde unter deinen Hintern. Dort hast du größere Chancen ein berühmter Reiter zu werden als hier in Italien“, frotzelten sie.
„Ich werde auch ohne die Pferde der Deutschen berühmt und Classic Star ist ein gutes Pferd. Ich brauche kein anderes Pferd.“
Wie viel Stolz in der Stimme des Jungen lag, wenn er von dem Schimmel erzählte. In den höchsten Tönen schwärmte er von dem Pferd.
Man lachte ihn aus. Verspottete ihn.
„Hey, auch wenn dein Superhengst mittlerweile echt gut aussieht, Kompliment, hast du dennoch in Italien niemals die Möglichkeiten, die du im Ausland hättest, wenn du für ein namhaftes Gestüt
arbeiten würdest. Verschwende deine Zeit nicht in den Pampas. Innerhalb nur weniger Monate hast du aus einem Esel einen Wundergaul gezaubert. Gib dein Wissen weiter. Vergeude dein Potential nicht
auf totem Untergrund der niemals Früchte tragen wird.“
„Classic Star und ich reiten in ein paar Jahren die Championate von Italien. Wir gewinnen eine Menge Geld und mein Vater wird stolz auf mich sein. Die Preisgelder retten seinen Hof.“
„Julio, träume nicht. Der Gaul ist viel zu schwer, als dass er leichtfüßig über die Hindernisse galoppieren könnte. Schwer wie ein Ackergaul ist der Schimmel. Die Knochen sind zu massig, der Kopf
zu groß, der Rücken zu lang. Solch ein behäbiges Pferd wird niemals zu den besten der Welt gehören. Du hast dich geirrt. Hast in ihm als Fohlen ein Wunderpferd gesehen, das er niemals sein wird.
Und sein Vater mit Namen Contender. Der deutsche Wunderhengst. Was hat er denn schon geleistet? Wie hat er sich weitervererbt? Nur weil er in Deutschland als der neue Jahrhunderthengst gefeiert
wird heißt es noch lange nicht, dass er oder einer seiner Söhne es ebenfalls sein wird. Ein Superspringer.“
Julio war hart getroffen. Die Worte seiner Freunde waren verletzend gewählt und sie trafen ihn mit voller Wucht unterhalb der Gürtellinie. Bestimmt wollte man Julio nur gut, und vielleicht hätten
seine Freunde recht. Vielleicht war es der Neid, dass er ihnen einiges voraus hatte in seinem Wissen über Pferde.
Julio trainierte mit mir viele Tage lang an der Longe, im Freispringen und im weitläufigen Gelände. Wir liefen bergauf- bergab und querfeldein.
Eines Tages setzte er sich auf meinen Rücken.
In der Stallgasse hatte er sich zunächst locker und unbedarft über meinen Rücken gelegt und ich hatte es mir gefallen lassen. Liebevoll streichelte er über meinen Hals. Kraulte meinen Mähnenkamm.
Seine Berührungen genoss ich sehr und das Gewicht auf meinem Rücken störte mich nicht. Julio war ein Fliegengewicht. Er hätte auch gut Jockey werden können. Klein wie eine Maus leicht wie eine
Feder und grazil wie eine sprunggewaltige Gazelle vollführte er auf und an mir meisterhafte Turnübungen. „Du musst dich überall anfassen lassen. Darfst keine Berührungsängste haben. Und ja ich
werde auf deinem Rücken sitzen und dich zum Tanz auffordern. Wir werden Dressurlektionen reiten und über Hindernisse fliegen. Von hier oben aus möchte ich dich mit feiner Hand dirigieren und mit
meinen Schenken lenken und leiten“, lachte er vergnügt. Für eine Hand voller Hafer, Weizenkleie oder Rübenschnitzel, ertrug ich die beginnende Ausbildung mit einer Engelsgeduld.
„Wie kommst du voran mit Classic Star?“ Julios Vater gehörte zu der Kategorie ungeduldiger Menschen. Beim
Abendessen konnte er seinen Mund nicht länger halten. Hatte er seinem Sohn in den letzten Tagen und Wochen freie Hand gelassen weil dieser ihn darum gebeten hatte, und ihm nicht mehr in die
Ausbildung des Pferdes reingeredet, so wollte er wissen, wie der Stand der Dinge war. „Ich komme gut voran mit dem Schimmel. Er ist ein gelehriges und geduldiges Pferd. Nicht aus der Ruhe zu
bringen. Er hat noch Angst vor Kühen und Schafen, da ist er unsicher. Ansonsten bringt ihn nichts aus der Ruhe.“ „Du sollst ein Springpferd aus ihm machen und kein Wald und Wiesengaul, Julio“,
ermahnte ihn sein Vater. Er soll keine kleinen Mädchen mit rosafarbenen Schleifchen im Haar auf seinem Rücken durch die Gegend kutschieren, die sich Barbie und Ken nennen. Über Hindernisse soll
er springen und das möglichst bald. Die Bank lässt uns nicht mehr viel Zeit. Wir müssen dringend einige der Pferde verkaufen. War es doch immer meine Leidenschaft, unsere Pferde auf den
Turnieren zu präsentieren um die Menschen herzulocken, sie zu überzeugen ein Pferd aus unserem Stall zu kaufen, so hatte ich seit langer Zeit keinen Champion mehr der unsere Farben vertritt. Du
musst mit Classic Star für unseren Stall reiten, Julio.“ „Ja Vater, ich weiß. Gedulde dich bitte. Bald ist es soweit. Classic Star wird seinen Weg gehen, davon bin ich überzeugt und du wirst
sehen, wir blicken besseren Zeiten entgegen.“
Nachdem Julio in den nächsten Tagen nicht mehr nur auf meinem Rücken saß, sondern von mir verlangte, dass ich mit ihn mitsamt dem schweren Sattel einige Runden an der Longe tragen sollte, war
bei mir Schluss mit Lustig. Wild bockend, besser als jedes Rodeopferd, galoppierte ich los. Versuchte alle Tricks das lästige Ding, welches sich Sattel nannte, loszuwerden. Der Gurt um meinen
Bauch spannte und kitzelte. Außerdem war er zu fest verschnallt. Unangenehmes Gefühl.
Doch Julio glich einer Raubkatze, die sich auf meinem Rücken festkrallte und nicht loslassen wollte. Pferde sind Fluchttiere, das hätte er wissen müssen bevor er sich todesmutig auf meinen Rücken
wagte. Und nein, es tat mir nicht leid, dass er schließlich im hohen Bogen im Dreck landete, weil er meinen meisterhaften, dreifachen Rittberger des Pferdekunstturnens nicht mehr sitzen konnte.
Einige elegante Haken schlug ich noch, während Julio am Boden kauerte und seine Knochen sortierte. Stolz und erhaben über meinen Sieg, trabte ich zurück zum Stall. Steckte meinen Kopf in den
Futterwagen der randvoll mit Hafer gefüllt war. Fressen war meine Lieblingsbeschäftigung und eine Belohnung hatte ich mir alle Male verdient. „So haben wir nicht gewettet, mein Freund!“ Energisch
wurde ich am Zügel genommen und zurück zum Reitplatz geführt. Von oben bis unten war er mit Dreck beschmiert. Aus seiner Nase tropfte Blut. Mit dem Ärmel seines zerrissenen Hemdes wischte er es
weg. Tapfer war er, das musste ich ihm lassen. Fluchend und schimpfend klopfte er den Staub von seinen Stiefeln. „Die waren neu, Classic Star. Ein Geschenk meines Vaters. Er wird mich umbringen
wenn er sieht, was ich mit den Stiefeln angestellt habe.“ Sanft streichelte er über meinen Nasenrücken. „Ich vergebe dir, dass du mich abgeworfen hast. Dennoch erinnere dich bitte. Ein
Versprechen gab ich dir, mein Freund. Immer wieder werde ich auf deinen Rücken steigen. Solange, bis du verstanden hast, was ich von dir erwarte und ein Versprechen muss man
einhalten.“
„Willst du nicht lieber noch ein paar Runden an der Longe drehen? Du brichst dir womöglich deinen Hals und sämtliche Beine.“ Julios Helfer stand orientierungslos in der Mitte der Bahn. In der
einen Hand hielt er die Longe, in der anderen die Peitsche. Geduldig wartete er auf weitere Anweisungen und auf das, was geschehen würde. Er war der Auffassung gewesen, dass Julio nach diesem
Sturz die Nase gestrichen voll hätte. Ehe er sich versah, saß dieser allerdings längst wieder auf meinem Rücken. Graziös und kaum merkbar hatte er sich in den Sattel geschwungen. Mit einem
energischen Druck seiner Beine trieb er mich vorwärts.
„So mein Freund, dann zeig mal was du drauf hast!“, forderte er mich auf. Mit all seiner Kraft, die durch jede Faser seines Körpers zog, klammerte er sich so fest er nur konnte. „Du darfst laufen
Classic Star. Los, auf geht’s! Zeig mal was du kannst. Lauf so lange, so schnell und so weit du nur willst. Mich wirst du diese Reise nicht mehr los!“
„Du bist völlig verrückt. Er kennt die Hilfen noch gar nicht. Er wird dich wieder abschmeißen. Er bringt dich um. Spring ab, spring ab“, rief der Helfer aufgebracht. Seine Rufe verhallten im Wind
der uns um die Ohren peitschte. Längst war ich losgeschossen. Das wollte ich mir nicht zweimal sagen lassen, dass ich laufen, bocken und Haken schlagen durfte.
„Gut dass du so ein behäbiges, schweres Pferd bist und nicht so leichtfüßig und flink wie die kleinen Blüter, du kannst nicht so viele Haken schlagen wie sie“, sinnierte Julio. Seine Hand die
mich führte, war fein und sorgsam. Sie riss nicht an meinem Zügel. Zerrte nicht in meinem Maul. Leicht, kaum spürbar und mit einer ausbalancierten Sicherheit saß er fest im Sattel und ließ mich
unter ihm gewähren. So durfte ich bocken, steigen, davon stürmen und alles Mögliche ausprobieren, ihn von meinem Rücken loszuwerden. Meine Kapriolen schienen ihn nicht zu interessieren. Einige
gefährliche, stuntreife Stopps aus vollem Galopp, legte ich direkt vor der Umzäunung des Reitplatzes hin. In der Hoffnung, Julio würde alleine über diese fliegen. Eisern blieb der Junge wie
festgeklebt auf meinem Rücken sitzen. Nach einigen Runden wurde ich das Spiel leid. Sollte er eben oben bleiben wenn es ihm Spaß machte. Völlig aus der Puste parierte ich zum Trab durch und blieb
schließlich stehen.
„Brav bist du. Siehst du mein Freund, ist doch alles gar nicht so schlimm“, lobte er mich. Klopfte anerkennend meinen Hals und mir war klar, ich hatte meine Sache verstanden. Der Reiter sollte
auf meinem Rücken bleiben. Abwerfen schien keine Option zu sein.
„Schnell hol uns einen Zucker oder einen Apfel, Enrico“, wies er den Helfer an, der sich gleich in Bewegung setzte und noch immer schwer beeindruckt war, wie gut sich Julio in dieser Runde im
Sattel gehalten hatte.
Mich auf deinem Rücken zu tragen, daran wirst du dich gewöhnen müssen, Classic Star.“ Julio belohnte mich ausgiebig, nachdem er mir den Sattel abgenommen und den Schweiß aus meinem Fell gebürstet
hatte. „Du bist ein wundervolles Pferd. Deine Galoppade ist so riesig und mächtig, mit ihr können wir in jeder schwierigen Distanz einen Galoppsprung weniger reiten als die anderen Reiter. Somit
werden wir viel schneller sein als die kleinen Blüter, deren Galoppsprünge keinen Raumgriff haben“, philosophierte er. Während ich meinen verdienten Hafer fraß, mit einer warmen Wolldecke auf
meinem Rücken, die mich vor Zug und Kälte schützte, saß Julio in meiner Box und beobachtete mich aufmerksam. In Gedanken und seinen Tagträumen ritt er soeben die schwersten und anspruchsvollsten
Parcours der Welt mit mir. In jedem seiner Träume gingen wir als Sieger hervor. Wahrscheinlich würde niemand in diesem Leben so sehr an mich glauben, wie Julio. Die Verbundenheit zu dem Jungen
spürte ich instinktiv. Seine Liebe und die freundliche Art mit der er mir täglich begegnete, war einzigartig. Nachdem er eingeschlafen war, stupste ich ihn vorsichtig mit meiner Nase an. Prustete
ihm durch sein wirres Haar. Er roch angenehm warm. Seine Atemzüge waren tief und regelmäßig. Wie nah er mir gekommen war in den letzten Wochen und Monaten. Er war mein Freund und ich schenkte ihm
all mein Vertrauen.
Mit der Zeit lernte ich die Sprache des Menschen von meinem Rücken aus zu verstehen. Tadeln oder schimpfen tat Julio mich niemals. Den Gebrauch der Gerte lernte ich nicht kennen. Zu keiner Zeit
hätte Julio mich geschlagen oder ungerecht behandelt. Geduldig führte er mich an die Ausbildung des Springerpferdes heran, als ich knapp vier Jahre alt war. Die meiste Zeit über streifte er mit
mir durch die Wälder. Über Stoppelfelder galoppierten wir so schnell mich meine Beine trugen. Wir durchquerten Bäche und ritten sogar zusammen am Meer. Mit dem Pferdeanhänger hatte er mich
einige Kilometer hinaus zum Strand gefahren. Dort unternahmen wir einen wundervollen Ausritt durch die ans Ufer ausrollenden Wellen. Diese Ritte genoss ich sehr. Bergauf, bergab. Wiesen, Felder,
Wälder und die endlose Weite des Sandstrandes.
Im Morgennebel gleich in der Früh, ging es hinaus aufs freie Feld während der Rest der Welt noch schlief. Alles schien so friedlich zu sein. Im Aufgang der Sonne galoppierten wir der Lichtung
entgegen. „Du sollst kräftigte Muskeln haben und ein großes Lungenvolumen wenn es mit den Turnieren losgeht. Deine Hinterhand wird sich an den Sprüngen mächtig abdrücken müssen. Sie soll stark
und leistungsfähig sein. „Mir ist es nicht wichtig dass wir im Training ständig über Hindernisse springen. Du musst mir folgen. Mir vertrauen. Darfst niemals zögern wenn ich etwas von dir
verlange oder dich um etwas bitte, Classic Star.
Mein Herz lege ich in deine Seele und du gibst mir deinen kostbarsten Schatz.
Dein grenzloses, gütiges Vertrauen.
Weil es Liebe ist, mein Freund.
Weil wir eins sind miteinander.
Niemand wird uns am Sieg hindern wenn wir wirklich gewinnen wollen. Wir zwei kennen uns besser als der Westen den Süden und die Sonne den Mond“, trällerte Julio fröhlich während ich ihn nach
Hause trug. Seine Stimme war der Klang einer reinen Seele. Er war ein guter Mensch, das spürte ich.
Willig wollte ich ihm folgen. Ihn überall hin begleiten und vertrauensvoll sein.
Während Julio in Gegenwart seines Vaters und den Leuten die am Stall zugegen waren von mir und meinen erlernten Aufgaben nur in den höchsten Tönen sprach, tat er es stets mit Stolz in seinen
Augen. Sie erstrahlten im hellen Glanz, sobald er meinen Namen erwähnte. Er schien mich wahrhaftig gern zu haben. Wie durch ein unsichtbares Band waren wir miteinander verbunden. Verstanden uns
ohne jegliche Worte und nahezu blind. „Er ist wundervoll. Lernt unwahrscheinlich schnell und am Sprung ist er sagenhaft und einzigartig, man muss ihn gesehen und erlebt haben“, schwärmte Julio im
Stall vor versammelter Mannschaft, während ich angebunden und blitzblank saubergewienert auf meine nächste Aufgabe wartete. Sobald es auf den Springplatz ging und ich eine neue Lektion in der
Dressur oder über den Hürden erlernt hatte, ritt Julio mit mir als Belohnung hinaus in die freie Natur. Schnell war mir klar, das war mein Leben. Die Welt da draußen außerhalb meiner kleinen
Pferdebox zu erkunden und über die unendliche Weite der Felder und weiten Flure zu streifen mit einem grenzenlosen Freiheitsdrang in meinem Herzen war das, was ich liebte. Wie herrlich es war auf
den grünen Wiesen zu galoppieren. Auf den weichen Waldwegen durch das raschelnde Laub zu traben. Vorbei an blühenden Rapsfeldern, endlos erscheinenden Alleen in herrlicher Blüte stehender
Wildblumen und einem nicht enden wollenden Laubwald, in dem ich auf Moos bewachsenen Wegen wie auf Wolken schwebte. Mit Julio in meinem Sattel an einer Lichtung Halt machte und in den
Sonnenuntergang blickte. Das war meine Welt, hier gehörte ich hin, fühlte mich wohl. „Das gefällt dir, was?“ Dankbar klopfte Julio meinen Hals. Nunmehr erfolgten Lob und Anerkennung von meinem
Rücken aus und seitlich steckte er zwischen meine Lippen ein Stück Zucker.
Die Freiheit schien mir außerhalb des Stalllebens grenzenlos zu sein.
Mutig ritt mein zweibeiniger Freund Julio einige auf den Waldwegen umgefallene Bäume an und dirigierte mich, ja forderte mich auf, sie zu überwinden. Mit einer spielerischen Leichtigkeit
übersprang ich sie. Nicht nur Baumstämme, wir übersprangen Wegabsperrungen, Barrieren und Koppelzäune. „Ich bin gespannt wie dir der Turnierrummel gefallen wird, Classic Star“, flüsterte
Julio.
„Julio“, rief sein Vater freudig nachdem sein Sohn mit dem herrlichen Schimmel zum Stall zurückkehrte. Julio spürte gleich, dass die gute Laune seines Vaters keine guten Nachrichten
mit sich bringen würde. Zumindest nicht für ihn. Sein feines Bauchgefühl betrog ihn selten und für bestimmte „Situationen“ hatte er einen feinen Riecher.
„Was ist los, Vater?“, fragte er während er sich galant aus dem Sattel schwang.
„Senior Girardelli hat angerufen. Er möchte Classic Star kaufen.“
Julio erstarrte.
Der Schreck fuhr ihm schlagartig durch Mark und Bein.
„Freust du dich gar nicht? Er hat zwanzig tausend Mark für den Schimmel geboten. Damit wären wir vor dem finanziellen Untergang gerettet.“
„Classic Star ist nicht zu verkaufen“, antwortete Julio mit fester Stimme.
„Wer sagt das?“
„Ich, Vater! Sein Freund! Sein bester Freund. Freunde verkauft man nicht.“
Julio sprach mit Tränen in den Augen.
„Wir leben von dem Pferdehandel. Du weißt genau, sobald man einen Batzen Geld geboten und auf den Tisch gelegt bekommt, müssen die Tiere gehen. Das war so, das ist so und das wird auch so
bleiben.“
„Dann ist es dieses Mal eben anders. Classic Star verlässt den Hof nur über meine Leiche, Vater.“
„Sei doch nicht so stur und blind, Julio. So viel Geld für ein vierjähriges Pferd, das noch niemand auf dem Turnier gesehen hat, das ist eine verdammt stolze Summe. Das kann ich nicht
ausschlagen.“
„Ja, jedoch wird er das Fünffache wert sein und noch viel mehr, wenn er erst auf dem Turnier war.“ Julio stieß seinen Vater unsanft beiseite als den Sattel vom Rücken seines Pferdes nahm. Der
Zorn kochte in ihm.
„Solltest du ihn verkaufen, sind wir geschiedene Leute. Dann kannst du deinen Drecksladen hier alleine weiterführen“, vergriff Julio sich im Ton. Augenblicklich tat es ihm leid.
Viel zu gut erzogen worden war er, als dass er seinem Vater widersprochen hätte. Doch wenn ihm dieser das Herz brach, wohin sollte er mit seinen Schmerzen? Wohin mit seiner Wut? Es waren
Schmerzen die ihn messerscharf in der Brust wie ein schneidiges Schwert trafen. Ein Schwert das wie von Geisterhand in seinen Eingeweiden brutal und erbarmungslos hin und her gedreht wurde.
„Wie sprichst du mit mir? Diesen Ton und die Ausdrucksweise verbitte ich mir. Deine Mutter würde sich im Grabe umdrehen.“
„Mutter würde sich im Grabe umdrehen wenn sie wüsste, dass du mir das Wertvollste und Liebste nehmen willst, das ich besitze. Ich besitze nichts anderes als dieses Pferd und den Glauben an einen
Traum den ich von Kindesbeinen auf an träume. In jeder Nacht träumte ich einst mit einem wundervollen Pferd die größten Turniere dieser Welt zu bestreiten. Nicht weil ich karrieregeil oder
sensationssüchtig wäre, nein. Weil mich die Liebe zu den Tieren verbindet und ich mir den Erfolg mit ihnen erarbeiten möchte. Wir sind ein Team. Wir sind Freunde. Classic Star und ich wir sind
eins. Und du, du zerstörst mir diese Illusion, die meine Seele nährt. Nur weil es dir ums Geld geht. Das ist arm. Arm und bedauernswert.“
„Welchen Traum träumst du, mein Sohn, während wir hier über zwanzigtausend Mark reden die unser Leben, unsere Existenz retten würde? Welchen?“
Die Stimme des Vaters überschlug sich und der Zorn in seinen Augen kam bedrohlich zum Ausdruck. Die Situation zwischen Vater und Sohn schien zu eskalieren, doch Julio wollte nicht nachgeben. Die
Ungerechtigkeit ihm dieses Pferd wegnehmen zu wollen, schien ihm ein böser Albtraum zu sein. Niemals hätte er es für möglich gehalten, dass ihm sein eigener Vater mit solch einer Härte begegnen
würde.
„Einen Traum, den man mit Geld nicht bezahlen kann, träume ich, Vater. Solltest du dieses Pferd jemals verkaufen, gehe ich zurück nach Deutschland. Dann musst du dir einen Bereiter einstellen,
der den Laden hier schmeißt, aber ohne mich. Ich steige aus.“
Julios Vater blieb unerbittlich.
Geld stellte er vor die Liebe.
Ebenso stellte er Geld vor die Träume seines Sohnes und die Tränen seines Kindes erweichten sein Herz nicht.
Das Leben war zu hart.
Längst zu hart geworden, als dass es ihm Platz für Sentimentalitäten gelassen hätte. Classic Star wechselte für eine nicht unerhebliche Summe in die Hände eines neuen Besitzers.
Der Abschied wurde für Julio zu einem regelrechten Drama. Hinterließ in seiner zarten Seele ein Trauma, von dem er sich so schnell nicht zu erholen glaubte.
„Was zusammengehört, kommt immer wieder zusammen, Classic Star. Daran glaube ich. Wir sehen uns wieder, mein Freund.“
Ihm fehlten die Worte.
Nichts als Tränen liefen entlang eines Gesichts, das von Kummer und Trauer gezeichnet war. Ein Gesicht, das noch viel zu jung war um den wahren Schmerz des Lebens erfahren zu müssen. Sich von
einem treuen Freund verabschieden zu müssen, der nunmehr fast vier Jahre lang täglich an seiner Seite gewesen war und den Julio von klein auf an hatte aufwachsen sehen, zerriss ihm das
Herz.
Julio verfiel in eine Art emotionaler Schockzustand. Wäre er noch ein kleiner Junge gewesen im Alter von zwölf Jahren, so hätte er sein Pferd genommen und wäre mit ihm von zuhause ausgerissen. In
den Bergen hätte er sich vor seinem Vater versteckt. Niemand hätte ihm seinen liebgewonnen Freund wegnehmen dürfen. Nunmehr war er erwachsen und die Zeiten seiner Kindheit mit ihren
wundervollen Träumen, vorüber.
„Mein inniger Wunsch mit dir durch den Springparcours zu galoppieren, ist ausgeträumt. Jemand anderes wird dich reiten und er wird glücklich sein einen solch treuen und zuverlässigen Partner an
seiner Seite zu haben“, seufzte Julio niedergeschlagen. Einige letzte Tränen rannen über seine Wangen. Energisch wischte er sie fort. Er hatte nicht weinen wollen und doch war er seinen
Gefühlen gegenüber machtlos.
„Wenn ich gewusst hätte, dass es Vater nur um das Geld für dich geht, ich hätte dich gar nicht nach Italien hergebracht, Classic Star. Er war nicht immer so. So hart und selbstgerecht. Er
ist so geworden. Als ich fortgegangen bin und ihn alleine ließ. Die Einsamkeit hat aus ihm einen anderen Menschen gemacht. Als Mutter noch lebte, war er herzlicher. In seiner Brust schlug ein
Herz, kein Stein. Du hättest uns und dem Hof genug Geld eingebracht wenn wir auf dem Turnier erfolgreich gewesen wären. Die Züchter wären mit ihren Stuten zu uns gekommen und du hättest sie alle
decken dürfen. Mein Vater ist blind.
Geblendet vom kurzen Augenblick des Geldes, welches ihm Glück und Unabhängigkeit verspricht. Möge Gott ihm verzeihen, dass er sich an mir, seinem einzigen Sohn versündigt. Wie töricht von mir zu
glauben, er sei stolz auf mich. Er hat keinerlei Vertrauen in meine Fähigkeiten, was Pferde anbetrifft. Nur er habe das Wissen, glaubt er. Dabei habe ich alles, was ich über Pferde weiß, von ihm
erlernt. Sehr wohl erkenne ich ein gutes Pferd und seine Qualitäten, wenn es um einen Sportler geht.“
Die pure Verzweiflung sprach aus dem jungen Mann. Stunden vergingen, in denen ein trauriger, heranwachsender junger Mensch mit seinem geliebten Freund Zwiesprache hielt, die niemand anderes hätte
verstehen können. Mensch und Tier kommunizierten, ohne ein Wort zu sprechen. Ein letztes Mal steckte Julio seinem geliebten Pferd den Zucker zu. Ein letztes Mal streichelte er dem erhabenen Tier
über seine Stirn und blickte ihm eindringlich ins Auge. „Auf Wiedersehen mein Freund“, sagte er mit leiser, tränenerstickter Stimme.
Wortlos und ohne sich von seinem Vater zu verabschieden, packte Julio die nötigsten Sachen zusammen und verließ Italien.
Kehrte nach Deutschland zurück um dort zu arbeiten. Die Arbeit mit den Pferden würde ihn ablenken. Vielleicht kehrte er zu einem späteren Zeitpunkt in seine Heimat zurück und klärte dort
die Dinge.
Dinge, über die man hätte reden müssen. Herzensangelegenheiten, für die sein Vater kein Gehör besaß.
Die frischen Wunden saßen zu tief. Worte hätten nur falsch gewählt- und verletzend sein können, auch wenn es nicht fair war, seinen Vater ein zweites Mal mit der Arbeit auf dem Hof
zurückzulassen. „Mit dem Geld wird er eine gewisse Zeit lang glücklich sein“, tröstete sich Julio. „Wenn ihn Geld glücklicher macht als sein eigener Sohn, dann soll es so sein. Er wird mir
wahrscheinlich nicht nachjammern. Trauert nicht um die zerrüttete, verlorene Vater-Sohn-Beziehung.“
Man hatte sich nicht mehr in die Augen gesehen. Blicke würden einander strafen und die Herzen erneut verletzen, glaubte Julio. Flucht war ihm der einzige Weg der ihm möglich schien vergessen zu
können, was sein Vater ihm angetan hatte. All die Mühen, die Arbeit und die Liebe die er in dieses Pferd gesteckt hatte, sollte sich nunmehr ein anderer Reiter zunutze machen? Wie hartherzig
musste ein Vater sein, sein einziges Kind derart zu enttäuschen. Geschäfte hin, Geschäfte her. Classic Star war kein Pferd mit dem man Geschäfte machte. Der Schimmel war etwas ganz
Besonderes.
Julios Vater würde das wohl niemals verstehen. Dieser bittere Umstand schmerzte seinen Sohn umso mehr. „Sobald ich genügend Geld verdient habe, hole ich dich zurück mein Bester, versprochen.“
Verzweifelt beweinte ein junger Mann das Foto eines Pferdes, das er für immer im Portemonnaie seiner Hosentasche bei sich tragen würde als Zeichen seiner Freundschaft, während er mit dem Zug von
Venedig nach Deutschland reiste.
Keinen Pfennig Geld besaß er in der Tasche.
Keine Aussicht auf Arbeit und keine Wohnung in Sicht, die auf ihn wartete. Nicht einmal die Hoffnung ließ sich blicken, dass ihm ein neues Leben von jetzt auf gleich gelingen würde. Julio
besaß nicht einmal mehr einen Traum, der seinen Stolz aufrecht gehalten und die Sehnsucht genährt hätte.
Alles was er jemals besessen hatte, hatte er in seiner Heimat zurückgelassen. Nunmehr sogar zum zweiten Mal.
Zuhause war bitterer Weise dort, wo ihm eine unfassbar traurige Geschichte das Herz gebrochen und das Leben eine harte Lektion erteilt hatte.
Nämlich dass man das, was man von ganzem Herzen liebte, genauso schnell verlieren konnte, wie man es gewonnen hatte.
Was zusammen gehört, gehört zusammen
Der große Stall mit den vielen anderen, fremden Pferden, der hellen Reithalle, einer komfortablen
Führanlage inmitten des Innenhofes und den zahlreichen abgetrennten Paddocks, sollte ab sofort mein neues Zuhause werden. Der Ton meiner neuen zweibeinigen Freunde war ein rauer, mir ungewohnter.
Die Menschen sprachen nicht freundlich zu mir. Es gab keinen Zucker. Keine Belohnung. Ihr Geruch war mir unangenehm, sie rochen unnatürlich steril. Die Arroganz stach aus ihren Augen. Ihre
nüchterne, fast kalte, herzlose Art machte mir Angst. Unsanft und barsch stießen sie mich mit ihren spitzen Ellenbogen in die Flanke. „Geh mal rum du blöder Gaul. Mach Platz da. Na los“,
schimpften sie ungehalten, wenn ich nicht gleich verstand, was sie von mir erwarteten. Erschrocken wich ich zurück sobald sich die Tür meiner Box öffnete. Herausgenommen wurde ich lediglich, um
auf dem Springplatz oder in der Führanlage meine Runden zu drehen. Wo war sie geblieben, meine schöne, weite, bunte Welt? Die Bäume, das raschelnde Laub unter meinen Hufen und der Sonnenaufgang
in den ich so gern hinein galoppierte? Warum durfte ich plötzlich all das nicht mehr sehen? Wo war mein bester Freund geblieben? Julio, der Mensch der mich erzogen und ausgebildet hatte?
Der immer für mich dagewesen war. Mit der freundlichen Stimme und diesem herzhaften Lachen, das mir so vertraut war, warum war er fortgegangen? Der Stress und die Umstellung in ein mir
befremdliches Leben, nagten schwer an meiner Seele. Zweiundzwanzig Stunden am Tag verbrachte ich in meinem kleinen, dunklen Stall. Zwischen Futter und Training vegetierte ich auf engstem Raum.
Niemand sah nach mir. Ängstlich starrte ich durch die Gitterstäbe. Auf das Leben außerhalb meiner kargen Behausung. Kreischende kleine Mädchen tummelten sich in der Stallgasse, Mädchen, die ihren
Pferden auf die empfindsamen Nasen schlugen und diese später von den Pflegern absatteln ließen, weil sie mit ihren Reiterkollegen lieber im Reiterstübchen verschwanden, als sich um die Sorge der
Tiere zu kümmern. Tiere, die diese grässlichen Menschen stundenlang auf ihren Rücken umhergetragen hatten und mit ihnen von Sieg zu Sieg gesprungen waren. Gut bezahlte Pferdepfleger, die sich mit
herrischer und bestimmender Stimme von kleinen Mädchen herbei riefen ließen um die Drecksarbeit zu erledigen, für die sich Daddys Darling zu fein war. Die verzogenen Gören kuschelten nicht mit
ihren Pferden, gaben ihnen keinen Zucker. Im Gegenteil, sie schenkten ihnen Verachtung und oftmals brutale Gewalt. Natürlich waren nicht alle Menschen gleich. Sie waren nicht nur schlecht. Es gab
auch herzliche unter ihnen. Jene mit freundlichen Seelen und einem lieben Wort für uns geschundenen Geschöpfe.
Wundgeritten worden war ich.
Am Widerrist eine offene Stelle, herrührend von einem nichtpassenden Sattel. An den Flanken blutige Hautstellen von den quälenden Sporen meines Reiters. Julio hatte diese Folterwerkzeuge niemals
gebraucht. Gefolgt war ich ihm ohne Druck, ohne Zwang und ich hatte es gern getan.
„Der Gaul koppt! Seit wann koppt dieser verdammte Klepper?“ Zwei Männer hatten sich an meiner Tür versammelt, während ich mit den Zähnen auf dem Metall meines Futtertrogs aufsetzte und Luft
anzog. Diese schluckte ich ab. Es gab mir ein wohliges Gefühl. Diese Unart war meine Art, Unbehagen und Schmerz zum Ausdruck zu bringen. Überdies baute ich somit Stress ab. Nichts war mir
geblieben außer der Möglichkeit, selbst für Entspannung zu sorgen, die ich so nötig brauchte. Keine Weide, auf der ich mit meinen vierbeinigen Freunden herumtollen durfte, keine Ausritte in die
herrliche Natur die mit mir unternommen wurden und keine Streicheleinheiten. Meine Seele vereinsamte.
„Der Alte hat uns einen koppenden Gaul verkauft“, schimpften die Männer. Erbost schlugen sie mit der Mistgabel gegen die Gitterstäbe. Wollten mir Angst einjagen.
„Hör auf damit“, schrien sie. Erschrocken wich ich zurück. In die hinterste Ecke meiner Box. Meine Atemzüge überschlugen sich. Keinerlei Ahnung hatte ich, warum all diese Menschen plötzlich
so wütend waren. Mit ihrem Radau versetzten sie mich in noch größere Panik. Sobald ich eine Möglichkeit zum Koppen fand, tat ich es nonstop und rund um die Uhr. Von morgens bis abends stand ich
an meiner Futterkrippe. Koppte mit einer Leidenschaft, die für jeglichen Zweibeiner zu einer reinen Frustveranstaltung zu werden schien, sobald sie mich beobachteten Nicht nur die beiden Männer
schlugen Alarm, sobald sie mich beim Koppen erwischten, auch die anderen Menschen, die entlang meiner Box schlenderten, malätrierten mich. „Hör doch auf, du blöder Bock. Du steckst die anderen
Pferde ja noch an mit deiner Unart! Lass das sein! Hey“, schrien sie aufgeregt. Schlugen wild gestikulierend mit den Händen Löcher in die Luft oder traten wütend gegen die Bretter meiner
Boxentür.
„Geben Sie mir noch eine Chance, bitte! Ich weiß sonst nicht wo ich unterkommen soll.“ Wie ein begossener
Pudel stand Julio vor der Tür des Gutsherrn August und bat den kauzigen Alten um Verzeihung. Um Verzeihung, dass er nicht wie vereinbart nach seinem Urlaubsaufenthalt von der Finca seines Vaters
nach Deutschland an seinen Arbeitsplatz als Bereiter zurückgekehrt war. „Du hast mit geschwollener Zunge davon gesprochen, dass du in Italien bleibst, warum also bist du zurückgehrt?“ August
liebte es, Menschen kaltschnäuzig abzufertigen. Sie mit Verachtung zu strafen. Menschen, die ihn enttäuscht oder einen Stich ins Herz versetzt hatten, ließ er leiden wie räudige Straßenköter. Es
war seine eigene Machtlosigkeit, rebellierende Gefühle im Griff zu halten. War er im Herzen ein höchst verletzlicher Mensch, der sich eine gewisse Kaltschnäuzigkeit angeeignet hatte um seine
eigene Seele vor Verletzungen zu schützen. Maßlos geärgert hatte er sich über Julio, dass er aus Italien nicht zurückgekommen war. Die Arbeit wartete und so schnell fand sich kein neuer Bereiter
der mit den Aufgaben, junge Pferde an den Sport heranzuführen, vertraut war. Eigentlich müsste er dem jungen Mann eine gehörige Abfuhr erteilen und ihn fortschicken. „Es ist nur noch die
Besenkammer frei. Dein Zimmer habe ich neu vermietet“, knurrte er. „Das ist mir egal und es ist in Ordnung. Ich schlafe auch im Stroh oder auf dem Heuschober zwischen den Ratten und Mäusen, wenn
sich nichts anderes findet“, antwortete Julio in gebrochenem Deutsch. Er beherrschte die deutsche Sprach noch nicht perfekt, verstand jedoch seinen Gegenüber weitaus besser, als dass er sich
verständlich hätte ausdrücken können. Nachdem er Classic Star in seiner Heimat trainiert hatte, hatte er sich in der deutschen Sprache geübt. Auch wenn er August nicht genau verstand, so spürte
genau, dass dieser ihn nur zu gern auflaufen ließ. Ihn hochnahm und foppte, weil er Gefallen daran fand. „Wo hast du denn deinen Wundergaul gelassen? Den Schimmel namens Classic Star?“ Die
letzten Wochen hatte August immerzu an seinen alten Züchterfreund Hans denken müssen, der jämmerlich dem Krebs erlegen war. Seine letzte Hinterlassenschaft war eben dieser Schimmel gewesen.
August hatte geglaubt, dass es dieser Gaul niemals in die hohen Klassen schaffen würde weil der Trab viel zu schwunglos, der Galopp zu großrahmig gesprungen und die Knochen des Tieres viel zu
schwer waren. Dennoch hätte auch er sich irren können und das Pferd wäre mittlerweile seinen Weg als Springpferd gegangen.
„Er ist verkauft. Für gutes Geld. Mein Vater gab ihn her, einfach so“, lachte Julio traurig und es brach ihm das Herz, sobald der Name seines vierbeinigen Freundes fiel. „Wenn er gescheit ist,
dein Vater. Ich hätte ihn auch sofort verkauft, diesen Gaul mit den Bewegungen eines Brauereipferdes. Ein gutes Gebot bekommt man nur einmal im Leben und dann muss man gleich zuschlagen. Ach was,
zuschlagen“, winkte der alte Mann selbstgefällig ab. „Ich hätte ihn gar nicht erst gekauft, diesen klobigen Schimmel.“
„Classic Star ist ein magnific Cheval. Ein klasse Pferd. Wir haben so viel Freude zusammen gehabt in meiner Heimat. Es ist eine Schande, dass wir getrennt wurden. Die großen Championate wollte
ich mit ihm reiten. In Barcelona und Madrid.“ August lachte über so viel Dummheit eines jungen Burschen, der in seinem Leben noch nichts weiter auf die Beine gestellt hatte, außer Flausen im Kopf
zu haben.
„Championate… mit solch einem schwerfälligen Gaul. Träum weiter Junge. Den Job kannst du wiederhaben. Allerdings zahle ich dir zwei Mark weniger als vorher und diese Reise kommst du mir nicht
mehr so einfach davon. Du stehst unter Vertrag.“
Julio waren alle Mittel recht, derer sich der Alte ungerechtfertigter Weise bediente, nur damit er ein Dach über dem Kopf, ein warmes Bett, Essen und etwas Geld in der Tasche hatte. Geld, das er
sich sparen wollte um seinen geliebten Classic Star zurückzukaufen.
„Ich wollte meinem Vater helfen. Für ihn arbeiten, damit er das Gestüt unterhalten kann und wieder glücklich wird. Die Pferde daheim wird er auf Dauer nicht alleine versorgen können. Deshalb bin
ich nicht mehr zurück nach Deutschland gekommen, Senior August. Weil ich meinem Vater beistehen wollte.
Ich tat es für ihn.
Für unseren Hof.
Für meinen Vater verstieß ich meinen Arbeitsplatz.
Aber er hat mich verstoßen.
Mich, seinen einzigen Sohn. Julios Augen füllten sich mit Tränen. Es fühlte sich in seiner Brust plötzlich an, als hätte er niemals einen Vater gehabt, der ihn geliebt hätte. Dabei hatte es
auch so viele schöne Stunden zwischen ihnen gegeben. Augenblicke, in denen sich Vater und Sohn sehr nahe gewesen waren.
„Das mit deinem Vater wird sich wieder einrenken mein Junge. Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird!“
Bei dem Wort Essen lief Julio das Wasser im Munde zusammen. Seit zwei Tagen war er unterwegs gewesen ohne einen Happen zu essen. Beim Umsteigen auf den Bahngleisen war ihm keine Zeit
geblieben eine warme Mahlzeit zu sich zu nehmen. Geld hatte er auch keines in der Tasche gehabt. Ihm war klar, dass er auch diese Nacht mit hungrigem Magen ins Bett steigen würde, sollte er nicht
um Essen vor seinem Chef betteln. So weit herablassen wollte er sich allerdings nicht. In seiner Hosentasche kramte er mit knurrendem Magen nach dem Foto seines geliebten Pferdes. Stolz hielt er
es August unter die Nase. „Ist er nicht hübsch geworden? Sie haben ihn lange nicht mehr gesehen, Senior.“ August blinzelte nur flüchtig über das abgegriffene Foto. Selbst wenn ihm das Pferd
darauf gefallen hätte, so hätte er seine Emotionen und Einschätzung in der Betrachtung des Polaroidbildes einem zweitklassigen Bereiter nicht auf die Nase gebunden. „Ja ja, sieht ganz nett aus
dein verdammter Schimmel“, griente er abweisend. Ohne dem Jungen eine Mahlzeit anzubieten schickte er ihn fort. „Wir sehen uns morgen früh zum Dienst. Pünktlich um sechs Uhr beginnt die
Stallarbeit, Freundchen.“
Wie das Leben so spielt
„Sie müssen das Pferd zurücknehmen. Wir wollen keinen Kopper in unserem Stall haben.“
„Classic Star hat nicht gekoppt als wir ihn verkauft haben. Er war tadellos in Ordnung. Keine Gewährsmängel vorhanden. Fragen Sie meinen Sohn!“
„Sie wollen ihn also nicht zurücknehmen?“
Das Gespräch zwischen den Männern verlief weniger freundlich als geplant, wobei es ohnehin mit der Sympathie augenblicklich dahin war, weil man ein Pferd reklamieren musste. Julios Vater hatte
den Erlös von Classic Star in die Renovierung seines alten Gestüts eingeplant und eine Rückzahlung hätte den Untergang seines Lebenswerks bedeutet.
„Sollten Sie ihn nicht zurücknehmen, müssten wir die Angelegenheit über einen Rechtsanwalt klären.“ Bei dem Wort Anwalt und Justiz stieß man bei Senior Ferrari auf empfindliche Ohren. „Ich
brauche bitte ein paar Tage Bedenkzeit. Außerdem muss ich gucken, dass ich das Geld zusammenbekomme. Einen Teil habe ich bereits investiert.“ Beschämt senkte Julios Vater sein Haupt. Ihm war
unerklärlich, warum das Pferd angeblich mit dem Koppen begonnen haben sollte. Unweigerlich schlich sich bei ihm das Gefühl ein, dass die Verbindung zwischen seinem Sohn und dem Pferd wahrhaftig
eine besondere gewesen war und dass er sich an seinem eigenen Fleisch und Blut versündigt hatte, weil er das Tier fortgegeben hatte. „Vater vergib mir“, fluchte er gen Himmel. Ein tiefer Seufzer
machte sich in seiner Brust breit. Ein paar Tausender fehlten ihm zum Gesamtbetrag, sollte er Classic Star zurücknehmen
Wie sollte er an das Geld kommen? Zu allem Übel war Julio völlig überstürzt von heute auf morgen, von jetzt auf gleich, zurück nach Deutschland gegangen. Er würde seinem Vater nicht beistehen
können. Ihm finanziell aushelfen hätte er sicherlich auch nicht gekonnt, wobei Senior Ferrari klar war, dass sein Sohn alles dafür gegeben hätte, Classic Star zurückzubekommen.
Mit Glück gelang es, kurzfristig, zwei Jährlinge an den Mann zu bringen und das Geld für Classic Star auf den Tisch zu legen. Senior Ferrari holte das Pferd umgehend ab. Weiteren Ärger mit dem
Anwalt wollte er sich ersparen. Immerhin hatte er einen Ruf als Züchter zu verlieren. Sprach es sich erst herum, dass er vor Gericht stand, weil er ein mangelhaftes Pferd verkauft hatte, hätte
ihm diese Unannehmlichkeit nichts als weiteren Ärger beschert. Ein Ehrenmann durfte alles verlieren. Nur nicht seinen guten Ruf.
Mit dem alten klapprigen Pferdeanhänger holte er den Schimmel ab und legte dem neuen Besitzer zwanzig Scheine auf den Tisch. „Wir lassen uns nichts nachsagen. Classic Star war tadellos in Ordnung
als wir ihn abgegeben haben. Wenn Sie ihre Pferde nicht artgerecht halten und die Tiere mit Unarten wie Koppen und Weben beginnen, sollten Sie ihre Pferdehaltung überdenken.“ Senior Ferrari
konnte es sich nicht nehmen lassen in einem unangepassten, dennoch ruhigen Ton von seiner Wut und Enttäuschung Gebrauch zu machen. Wie vielen Menschen in seinem Leben er schon begegnet war, die
allesamt keine Ahnung von Pferden hatten. An drei Händen und mehr konnte er sie nicht abzählen.
Die mir vertraute Stimme, die gute Erinnerungen in mir erweckte, weil ich sie in der Vergangenheit oft meinen Namen hatte rufen hören, weckte Hoffnung in meinem trübseligen Dasein.
Neugierig hob ich meinen Kopf. Blickte durch die Gitterstäbe hindurch.
In den letzten Tagen hatte ich nicht einmal mehr das Sonnenlicht gesehen. Meinen Stall nicht mehr verlassen dürfen.
Auf die Weide war ich seit Wochen nicht hinaus gekommen. Mit Freunden zusammen herumtollen, das lag in weiter Ferne. An glückliche Stunden erinnerte ich mich nicht mehr. Stattdessen erinnerte ich
mich an meinen zweibeinigen Freund und ich vermisste ihn so sehr. Wo war er geblieben, warum hatte er mich alleine zurückgelassen?
In den Nächten hatte Julio mich besucht. Mich gestreichelt, mir seine Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen. Doch meist war er im Erwachen meiner Träume gleich wieder fort gewesen.
Die Stimme des Seniors Ferrari ließ mich aufhorchen. Ein freudiges Wiehern schickte ich über die Stallgasse. Ein Mensch den ich kannte, ein Mensch der mir nahe war weil ich schöne Erinnerungen
mit seiner Stimme verband. Die Zeit mit Julio, sie gehörte zu dieser Stimme. Aufgeregt lief ich in der Box auf und ab.
„Du koppst ja wahrhaftig, Classic Star.“ Senior Ferrari hatte so sehr gehofft, die Information über die Allüren des Schimmels sei eine Falschmeldung und man hatte Classic Star aus anderen Gründen
abgeben und den Mangel nur vorschieben wollen. Senior Ferrari wurde schnell eines Besseren belehrt, als er vor der Box des Schimmels stand und ein eisiger Schauer entlang seines Nackens
lief.
„Welch ein Jammer“, seufzte er niedergeschlagen. „Was hat man nur mit dir gemacht?“ Mit ruhiger Hand obwohl ihm gar nicht nach Gelassenheit, eher nach einem Wutausbruch zumute war, legte er
dem Schimmel das Halfter an und führte ihn zum Anhänger. Nicht einen Augenblick lang zögerte das Pferd, einzusteigen.
„Nach Hause. Endlich nach Hause, was mein Großer“, raunte Senior Ferrari. Ihm wurde seit langer Zeit warm ums Herz als er erkannte, dass sich das Tier darüber freute, dass er es mitnahm.
Zweifelsohne hatte man das Tier in dem Reitstall nicht gut behandelt.
„Du kannst es wahrscheinlich gar nicht erwarten, deinen Freund Julio wiederzusehen.“ Die Augen des alten Mannes füllten sich mit Tränen. Wie sehr er sich schämte, dieses Tier seinem Sohn
entrissen zu haben. Zwei eng miteinander verbundene Seelen hatte er auseinandergerissen.
Der Teufel sollte ihn holen.
Senior Ferrari weinte sich in dieser Nacht in einen unruhigen Schlaf. Ihm war unmissverständlich klar geworden, was er aufs Spiel gesetzt hatte.
Aus Habgier hatte er gehandelt.
Aus reiner Geldgier. Wie sehr schämte er sich für seine miese Vorgehensweise. Mit der Faust schlug er am nächsten Morgen in den Spiegel seines Badezimmers. Zertrümmerte die Glasscheibe weil er
das Bild welches er in ihm sah, nicht mehr ertragen konnte. Aus reinem Selbstwillen und aus Trotz hatte er seinen einzigen Sohn verstoßen. Seinen geliebten Sohn, der alles war auf dieser
Welt, was ihm nach dem Tod seiner Frau geblieben war. Abgewiesen hatte er ihn. Nur weil er in dem Irrglauben gewesen war, dass er als Erwachsener die Entscheidungen treffen müsste. Dass sein Sohn
längst zu einem jungen Mann mit vernünftigen Interessen und korrekten Ansichtsweisen herangewachsen war, davor hatte er die Augen verschlossen. Julio würde immer sein kleiner unschuldiger Junge
bleiben, der beschützt werden musste. Ein Junge, dessen Entscheidungen von seinem Vater abgenommen werden müssten, der mit vielen Jahren Lebenserfahrung gesegnet war, die dem Kind noch
fehlten.
Welch ein Fluch.
Wie dreckig sich Senior Ferrari augenblicklich fühlte, die Liebe seines Sohnes zu einem unschuldigen Tier verraten zu haben. „Normaler Weise müsstest du alter Drecksack dieses Pferd, das
dein Sohn so sehr liebt, in den Anhänger laden und mit ihm nach Deutschland fahren“, schluchzte er. Warf unterdessen verzweifelte Blicke aus dem Fenster. Schaute in den wolkenverhangenen
Himmel.
Seine geliebte Frau, Julios Mutter, sollte ihm bitte beistehen. Sehnlichst wünschte er sie herbei. Sie und ihren Rat. Ihre zierlichen Hände wünschte er sich augenblicklich auf seinen Schultern.
Sie war es gewesen die zu jeder Zeit Trost für ihre beiden Männer übrig gehabt hatte.
„Allein schaffe ich es nicht mehr“, jammerte Senior Ferrari. Emotional war er am Ende seiner Kräfte angelangt.
„Julio, Telefon für dich!“ August schrie so laut er konnte durch den Pferdestall. Es war höchst selten, dass für die ausländischen Bereiter jemand anrief. Der Rest der Familie war meist glücklich
wenn sie von ihren Hinterbliebenen nichts mehr hörte, so waren August seine Erfahrungen. Daheim waren die Jungs oftmals auf die schiefe Bahn geraten. Alkohol, Drogen, Frauen und andere
Schweinereien über die man nur ungern hinwegsah, hingen an ihnen wie Pech und Schwefel. Gingen sie nach Deutschland und lernten den Ernst des Arbeitslebens kennen, so wurden sie in der Heimat
meist schnell vergessen.
„Wer ruft mich schon an?“, fragte Julio erstaunt. Soeben hatte er die Stute Pretty Woman gesattelt weil er mit ihr einen Ritt in den nahegelegenen Wald unternehmen wollte. Noch immer legte
er großen Wert darauf, dass die jungen Pferde zunächst im Gelände ausgebildet wurden, damit sie später im Parcours Nervenstärke bewiesen. Bei Wind und Wetter ritt er mit den Tieren hinaus. Zum
Leidwesen von August, der sich stets fragte, wann aus den Tieren denn endlich Springpferde werden würden.
„Na dein Vater zum Beispiel ruft an“, frotzelte der alte Kauz.
„Komm, ich halte das Pferd, geh du ins Haus und erledige das. Zieh dir die Schuhe aus, sonst wird Matilda wieder fuchsteufelswild!“ Matilda war die Frau des alten Sklaventreibers. Julio hatte die
zarte, liebenswürdige Frau seines Chefs niemals böse erlebt. Im Gegenteil. Sie liebte Julio und die anderen Jungs wie ihre eigenen Söhne. Julio schien es beinahe so als sollte er sich möglichst
kurz fassen oder seinen Vater gleich abwürgen, weil August es nicht mochte, dass von seinem Apparat aus Ferngespräche geführt wurden. Dabei musste er das Gespräch nicht bezahlen. Der sensible
Junge spürte, dass August nicht erfreut darüber war, dass sein Angestellter während der Arbeitszeit Privatgespräche führte und das es keine Rolle spielte, was Julio überhaupt tat oder unterließ,
er bei August so oder einfach nicht gern gesehen war. Was blieb ihm also für eine Wahl, wenn er Geld verdienen wollte?
„Julio, Classic Star ist wieder zuhause“, begann sein Vater gleich mit der ungeheuerlichen Nachricht die seinen Sohn beinahe vom Stuhl gehauen hätte, ehe sich Vater und Sohn begrüßt hatten.
Julio fand keine Worte Es herrschte betroffene Stille auf der Seite Deutschlands.
„Was, was ist passiert?“, stotterte er schließlich aufgebracht. Sein Herz machte plötzlich einen gewaltigen Freudensprung. Classic Star war wieder zuhause, wie wunderbar. Sein geliebtes
Pferd, das war doch ganz magnific.
„Hat er sich dort nicht benommen? War er nicht lieb?“, tausende von wirren Gedanken gingen Julio durch seinen Kopf. Niemals hätte Classic Star sich daneben benommen. Dafür war das Pferd viel zu
ehrlich und ein herzensguter Kamerad. Sein Herz war aus purem Gold gemacht.
„Er koppt und angeblich hat er diese Unart schon gezeigt, bevor wir ihn abgegeben haben. Das Gegenteil kann ich den Käufern leider nicht beweisen und mein Anwalt hat mir geraten das Pferd
zurückzunehmen um mir weiteren Ärger zu ersparen.“ Julios Vater seufzte. Das Herz war ihm schwer geworden in den letzten Tagen und er wusste nicht sich seinem verletzten Sohn gegenüber zu
verhalten.
„Du hast ihnen das Geld zurückgezahlt und Classic Star dort abgeholt?“, fragte Julio fassungslos. Am liebsten hätte er sich gleich in den nächstbesten Zug gesetzt und wäre nach Hause gefahren.
Nur wenige Tage war er wieder im Stall von August als Bereiter tätig gewesen und gleich darauf hatte ihn das Heimweh geplagt. Für ihn gab es nichts Schöneres als von zuhause aus zu arbeiten. Die
Nähe seines Vaters zu spüren und sich in Erinnerungen seiner geliebten Mutter zu wähnen.
In gewohnter Umgebung sein eigener Chef sein zu dürfen anstatt sich von einem sadistischen Menschen rumkommandieren zu lassen, unbezahlbar!
„Was soll ich mit dem Schimmel machen? Ich kann ihn so nicht verkaufen. Nicht mehr für das Geld jedenfalls. Solange er keine Placierungen eingeritten hat, ist er nichts wert. Als Kopper schon gar
nicht.“ Die Stimme des alten Mannes klang verzweifelt. Der Kummer sprach aus seiner Seele. Julio fühlte die Schmerzen seines Vaters. Ohne dass er sein Gesicht vor Augen brauchte um seine aus den
Augenwinkeln kullernden Tränen zu sehen.
„Ich kann hier nicht fort. August hat mich unter Vertrag genommen. Gehe ich, erhalte ich keinen Lohn für diesen Monat und ich darf nie wieder auf das Gestüt zurückkommen, sobald ich einmal in
Italien war. Wir brauchen das Geld das ich hier verdiene, was also soll ich tun?“
Nunmehr waren beide verzweifelt, Vater und Sohn. Nahe der Resignation wäre guter Rat teuer.
„Ich weiß es nicht, Julio. Ich weiß aber auch nicht, was ich mit Classic Star machen soll, wenn du nicht wiederkommst. Der Gaul lässt doch ohne dich keinen Pups.“
Endlich war ich wieder zuhause. Meine gewohnte Umgebung, meine Freunde, mein Stall und meine geliebte Weide.
Doch etwas hatte sich verändert. Längst war ich nicht mehr so fröhlich.
Bevor man mich weggegeben hatte, liebte ich es auf der Weide frei umherzulaufen. Mittlerweile hoffte ich schnellstmöglich zurück in meine Box zu dürfen um dort koppen zu können. Die Stunden vom
frühen Vormittag bis zum Abend erschienen mir unsäglich lang zu sein und es war kaum zu ertragen, immerzu nur fressen jedoch nicht mehr koppen zu dürfen. Auf dem Holz der Zaunpfähle konnte ich
mit meinen Zähnen nicht aufsetzen. Sobald ich es versuchte, bekam ich einen Stromschlag und sprang erschrocken einige Schritte zurück. Die Situation versetzte mich in einen völligen
Stresszustand. Bis an den Rest meiner Tage würde ich es mir merken. Aufgeregt und nervös lief ich den lieben Tag lang am Zaun auf und ab. In der Hoffnung, jemand würde sich meiner erbarmen und in
den Stall bringen.
„Was ist nur mit los mit ihm?“ Enrico, Julios bester Freund, saß am Zaun und beobachtete Classic Star,
während Senior Ferrari neben ihm stand und eine Zigarre rauchte.
„Man hat ihn verdorben, das ist los. Ihm seine Lebensfreude genommen weil man ihn tagein tagaus in eine kleine Box einsperrte und ihm jeglichen Kontakt zu seinen Pferdefreunden verwehrte. Pferde
sind Herdentiere. Sie brauchen soziale Kontakte. Licht, Luft und Auslauf. Er war unterfordert. Aus Langweile wurde Stress und diesen kompensiert er mit der Unart des Koppens.“
„Eine Schande. Julio wird es das Herz brechen seinen besten Freund so traurig zu sehen“, sinnierte Enrico.
„Dann ist sein Herz zum zweiten Mal gebrochen. Das erste Mal brach ich es ihm. Als ich Classic Star hergab. Es ist meine Schuld was geschehen ist und ich muss es irgendwie wieder gut machen. An
dem Pferd und an meinem Sohn.“ Senior Ferrari atmete tief durch und zog den giftigen Zigarettenrauch viel zu tief in seine Lunge ein.
„Würdest du ihn nach Deutschland bringen, Enrico?“
„Das Pferd?“
Enrico war mehr als erstaunt über die absurde Frage ob er freiwillig mehr als tausend Kilometer mit dem klapprigen Anhänger bis nach Deutschland fahren wolle, um seinem Freund sein geliebtes
Pferd zu bringen. Mit einem Magengrummeln erinnerte er sich an die Reise vor mehr als vier Jahren, als man Classic Star mit seiner Mutter im Anhänger von Deutschland nach Italien kutschiert
hatte. Mit dem Autofahren hatte er sich damals abwechseln können mit Claudio, dem Bereiterkollegen von Julio. Dieses Mal müsste er allerdings alleine fahren. Was für ein Unterfangen. Eines, das
kaum zu gewährleisten wäre.
„Das ist verrückt. wenn Sie allerdings darauf bestehen, Senior. Sie sind der Chef“, gab Enrico sich geschlagen.
„Ich muss eine Nacht darüber schlafen. Denke allerdings, dieser verrückte Gaul wird hier ohne Julio weder fressen noch schlafen, noch einen ziehen lassen, wie man so schön sagt. Bevor er
ernsthaft krank wird, sollten wir schleunigst zusammenführen, was zusammen gehört.“
Ein Lächeln huschte durch die Augenlider des alternden Mannes.
„Du würdest Julio überdies eine große Freude machen. Auf dem Hof wo er arbeitet, steht er unter Vertrag. Sollte er gehen und nach Italien zurückkommen, wird er auf dem Hof niemals wieder arbeiten
dürfen. Wir sind auf das Geld das er verdient, angewiesen. Jeden Monat überweist er eine beachtliche Summe von der ich leben und meine Angestellten bezahlen kann.“
„Sagen Sie mir Bescheid Senior Ferrari. Wenn Sie mich brauchen, werde ich da sein. Gute Nacht.“
Welch einen wundervollen Freund Julio mit Enrico an seiner Seite hatte, sinnierte Senior Ferrari. Mit Demut sah er seinem Angestellten nach, der in der Dunkelheit leisen und unauffälligen,
beinahe lautlosen Schrittes verschwand.
Das Wiedersehen
„Julio! Besuch für dich!“ August lief im Eilschritt in die Reithalle um seinen italienischen Bereiter vom
Pferd zu holen. Ein Auto mit ausländischem Kennzeichen, ein klappriger Lieferwagen mit einem noch klapprigeren Anhänger dahinter, war auf seinen Innenhof vorgefahren. Das roch dem alten Kau nach
Ärger.
Der Fahrer hatte nach Julio verlangt. Sofort ging das Getuschel los. Bereiter und Stallburschen mutmaßten hinter vorgehaltenen Händen, warum ein ausländischer Mann mit einem weißen Pferd im
Anhänger angereist war um den Taugenichts Julio zu sprechen.
„Wer ist es denn?“, fragte Julio erstaunt. Nur zögerlich beendete er seine Arbeit und stieg vom Pferderücken. Klopfte einmal fahrig über die Hose um auch ja einen sauberen Eindruck zu
hinterlassen, egal wer ihn nun sprechen wollte. „Scheint ein Landsmann von dir zu sein.“ August nahm knurrend das Pferd in Empfang und machte eine abfällige Handbewegung Richtung Innenhof. „Na
los, geh schon. Die Arbeit wartet. Ich bezahle dich ja schließlich nicht fürs Rumstehen oder das Empfangen von Besuchern. Wäre es so, würde ich eine feine Empfangsdame einstellen und keinen
dreckigen Stallburschen wie dich vorschicken.“ Julio war die abfälligen Witze und Bemerkungen seines Chefs mittlerweile gewöhnt und machte sich nicht mehr allzu viel aus ihnen. Neugierig und im
Eilschritt weil Zeit schließlich Geld bedeutete, schlenderte er über den Hof. Gleich als er den alten Lieferwagen seines Vaters entdeckte, glaubte er dieser hätte tatsächlich die Reise nach
Deutschland angetreten. Sein Herz schlug beachtlich schnell. Überschlug sich vor Aufregung.
Wie sollte er ihm gegenübertreten nach dem letzten Streit? Einen flüchtigen Blick warf er in den Pferdeanhänger. Sein Blick fiel auf einen weißen Pferdehintern.
„Classic Star?“ Nein, das war unmöglich. Niemals hätte sein Vater die weite Reise angetreten um ihm sein geliebtes Pferd zu bringen. „Classic?“, rief er leise. Der Schimmel drehte den Kopf
seitlich in Richtung der ihm vertrauten Stimme und wieherte leise.
„Julio!“ Enrico sprang aus dem Auto und stürmte mit ausgebreiteten Armen auf seinen Freund zu. Nahm ihn in Empfang als hätten sich die Jungs ein halbes Jahrhundert nicht mehr gesehen. „Hey Amigo,
was machst du hier?“ Julio war mehr als verdutzt, ihm hatte es die Sprache verschlagen. Wortlos und ergriffen zugleich glaubte er das Herz in seiner Brust würde platzen weil es dem Druck nicht
mehr standhielt.
„Dein Vater schickt mich. Ich soll dir dein Pferd bringen. Dieser bekloppte Schimmel kann ohne dich nicht kacken und bevor er eine Kolik kriegt, sollst du dich wieder um ihn kümmern“, lachte
Enrico verschmitzt. Julio lief zum Anhänger. Öffnete die seitliche Tür um seinen geliebten Freund zu begrüßen. „Hey mein Freund. Das ist ja nicht zu glauben.“ Sanft streichelte er dem Pferd über
die Nase. „Enrico, ich kann das gerade alles nicht glauben. Du hier, Classic Star hier, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“
„Na ja, wenn du mir einen Kaffee anbietest und Classic Star vielleicht eine Pferdebox in der er mal Pipi machen kann, wären wir zwei schon glücklich.“
Julio umarmte Enrico brüderlich. Die Tränen ließen sich nicht mehr zurückhalten. Er war überwältigt und zutiefst berührt.
„Nun flennt er auch noch“, hüstelte August hinter vorgehaltener Hand. „Wegen einem Pferd. Dazu einem nur zweitklassigen Pferd.“
„Lass den Jungen, August. Schämen solltest du dich. Das ist ein feiner Kerl der Julio. Er weiß was Anstand und Ehrfurcht bedeuten, im Gegensatz zu dir“, ermahnte ihn seine Frau, die den
Jungen vor ihrem fürchterlichen Mann und seinen Gewissenlosigkeiten in Schutz nahm.
„Na, dein toller Springstar Classic Star hat aber so allerhand Starallüren entwickelt, was?“ Julios Chef,
der den Schimmel als Fohlen nicht hatte kaufen wollen, war erstaunt über die körperliche Entwicklung die das Pferd in den vier Jahren durchlaufen hatte.
„Ein tolles Pferd. Bemuskelt, mit einer schönen Kruppe und einer guten Hinterhand. Doch als Kopper ist der Gaul nichts wert“, lachte er herablassend. Verkaufen können wirst du den Klepper so ohne
Weiteres nun nicht mehr.“
„Ich will ihn auch gar nicht verkaufen. Classic Star ist mein Freund. Er soll bei mir bleiben, bis der Tod uns eines Tages scheidet.“
„Pah, bis dass der Tod euch scheidet. Scheint mir du bist tatsächlich mit diesem Gaul verheiratet, was?“ August erstickte beinahe an einem vorgetäuschten Hustenanfall. Wenn Julio nicht so gut
reiten könnte und August seine Pferde nicht mit der feinen Nuance seiner Fähigkeiten ausbilden würde, hätte er ihn längst vom Hof geschmissen. Das Pferd hätte er vielleicht als Pfand behalten für
unbezahlte Leistungen. Immerhin hatte ihn Julios Ausfall einiges an Geld gekostet. Ein neuer Bereiter musste eingestellt werden und andere Ausgaben waren angefallen die ihm Julio eingebrockt
hatte. Sollte sich der Junge nochmals einen Fehltritt leisten, würde er ihn aber mal richtig kennenlernen.
Julio wiederzusehen, den Geruch des Menschen aufzunehmen, der mir vertraut war und den ich so sehr
vermisst hatte in der letzten Zeit, war unbeschreiblich. Doch auch die Angst machte sich neben der Wiedersehensfreude in mir breit. Angst, ihn noch einmal zu verlieren. Die halbe Nacht verbrachte
er in meiner Box. Streichelte mich. Striegelte mein ohnehin glänzendes Fell. Erzählte aus vergangenen Tagen in denen er stets an mich gedacht und ein Foto von mir in seiner Hosentasche getragen
hatte. Bis er schließlich einschlief und ich mich schützend vor ihn stellte bis der neue Tag erwachte.
Julio ritt mich gleich den nächsten Tag hinaus in die Wälder. Dort verbrachten wir mehrere Stunden. Herrlich lange durfte ich galoppieren um meine von der langen Hängerfahrt steifen Glieder
zu strecken und meine Lungen zu stärken. „Lauf mein Freund“, rief er fröhlich vom Sattel aus. Das Kommando ließ ich mir kein zweites Mal sagen. Über die Weite des platten Landes flogen wir.
Der Wind peitschte uns um die Ohren. Trieben mir Tränen in die Augen.
Meine Mähne wehte im Wind.
Den Menschen auf meinem Rücken hatte ich ebenso liebgewonnen wie meine Mutter Maja. Die Erinnerung an sie verblasste mit der Zeit. Gänzlich fortgegangen war sie allerdings nie.
„Junge, lehn dich mal nicht so weit aus dem Fenster mit deinen Träumen. Du weißt nie, was kommt im Leben.
Pferde kosten Geld und wenn sie nichts einbringen, muss man sich von ihnen trennen oder sie zum Schlachter bringen wenn man nicht an ihnen pleitegehen möchte.“ August hörte nicht auf, Julio auf
die Schippe zu nehmen und ihn zu drangsalieren.
„Classic Star wird mir schon was einbringen wenn wir erst Turniere reiten und gewinnen. Er springt wunderbar. Und selbst wenn wir nichts gewinnen, er ist mein Freund und ich weiß dass er für mich
sein Bestes geben wird, das in ihm steckt.“
„Ich will dir deine Träume nicht zunichtemachen, Junge“, lachte August.
Julios Chef mochte ich nicht leiden. Vom ersten Tag an nicht. Seine Hand die mich streichelte, roch unangenehm. Sie war weder warm noch gediegen. Hart und unbarmherzig war sie. Seine Augen die
mich beobachteten, waren kalt und berechnend.
„Morgen in acht Tagen gehen wir unser erstes Turnier, Classic Star. Eine Springpferdeprüfung Klasse A. Ein leichtes Springen. Alles was du wissen musst, habe ich dir beigebracht.
Mittlerweile beherrscht du sogar den fliegenden Galoppwechsel, das ist wunderbar dass du so unglaublich schnell lernst und meist gleich verstehst, was ich von dir erwarte. Ich freue mich
unendlich, dich auf einem Turnier reiten zu dürfen, mein Freund.“ Julio streichelte den stolzen Hals seines Pferdes und betrachtete Classic Star mit Ehrfurcht. „Du bist wunderschön.
Jede Nacht bete ich zu Gott, die Richter auf dem Turnier mögen das genauso sehen wie ich“, bangte er. Seine Stimme klang aufgeregt, während er mit seinem Pferd sprach und dieses spürte, dass
etwas in der Luft lag. Eine Aufgabe auf es wartete.
„Kommst du dir nicht blöde vor, dich mit einem Gaul zu unterhalten, der dich sowieso nicht versteht?“, ärgerten Julio die anderen Bereiter.
„Classic Star versteht jedes Wort, egal was ich ihm sage“, verteidigte Julio seinen Schimmel. Dankbar schleckte dieser ihm seine Hand.
„Du wirst auf dem Turnier den letzten Platz mit dem Klepper belegen, wenn du überhaupt mit ihm ins Ziel kommst. Mit dem Gaul ist kein Blumentopf zu gewinnen. Gegen die Holsteiner hat er ohnehin
keine Chance. Zu wenig Blut in seinen Genen. Viel zu schwerfällig für den Sport ist er. Spar dir das Nenngeld lieber und kauf deiner Mutter einen Strauß Rosen. Schicke sie nach Italien und bleibe
zuhause“, lachten sie Julio aus.
„Das werden wir ja sehen“, stellte Julio sich ihnen und ihren Unkenrufen mutig entgegen. Die Worte über seine verstorbene Mutter trafen ihn hart. Doch er wollte den Idioten, die nicht
einmal annähernd eine Ahnung hatten, was Liebe überhaupt bedeutete, nicht erklären, dass er seine geliebte Mutter seit Jahren schon verloren hatte. Er von früh gelernt hatte, auf eigenen Beinen
zu stehen.
Die Musik, die vielen Menschen und der Trubel auf dem Turnierplatz bereiteten mir keine Angst. Julio
hatte mich früh genug mit allen möglichen Gefahren vertraut gemacht. Gefahren, vor denen ich als Fluchttier hätte Reißaus nehmen wollen. Völlig gelassen blieb ich. Sowohl in der Vorbereitung auf
dem Anhängerplatz während Julio mir den Sattel auflegte als auch später auf dem Abreiteplatz, auf dem ich mich aufwärmen sollte. Julio platzte vor Nervosität. Seine Unsicherheit entging mir
nicht. Tapfer versuchte er seine Aufregung vor mir zu verbergen. Gern hätte ich ihm gesagt, er solle sich keine Sorgen machen. Ich würde ihn schon sicher durch den Parcours schaukeln, hoffte
jedoch ihn mit meiner souveränen, abgeklärten Art überzeugen zu können, dass er sich wegen solch ein paar lächerlichen kleinen Stangen die uns erwarteten, nicht sorgen müsste. Dass heute ein ganz
besonderer Tag werden sollte, spürte ich sehr wohl. Ich wusste genau, man würde von mir verlangen, über die Hürden zu springen.
„Man darf sich selbst keine Grenzen setzen, das blockiert nur den positiven inneren Fluss“, flüsterte Julio und es war wohl eher dienlich seine eigene Nervosität zu überspielen als vor dem Start
noch konstruktive Gespräche zu führen. „Wir gehen da rein um zu gewinnen“, sagte er entschlossen. Enrico hatte sich für ein paar Tage in der Nähe des Betriebes auf dem Julio arbeitete,
einquartiert, bevor es zurück nach Hause ging. Das erste Turnier von Classic Star und seinem Freund wollte er unbedingt ansehen. Senior Ferrari müsste er berichten. Selbst an seine Kamera hatte
er gedacht um von Pferd und Reiter Bilder zu knipsen. Er war ebenso aufgeregt wie sein bester Freund und dennoch versuchte auch er sich nichts anmerken zu lassen. Wollte Pferd und
Reiter nicht verunsichern.
„Nun bin ich den weiten Weg von Italien hier her gefahren, jetzt müsst ihr beide auch gewinnen“, scherzte er. Julio wischte ein letztes Mal mit einem feinen Tuch über seine ohnehin blitzblank
gewienerten Stiefel. Mit zittrigen Händen knöpfte er das Jackett zu. „Sehe ich gut aus?“, fragte er unsicher. „Klar, du bist der Frauenheld vom Erdbeerfeld.
Und jetzt ab in den Sattel mit dir!“
„Classic Star, geritten von Julio Ferrari. Ein vierjähriger Holsteinerwallach von Contender aus einer Montanus Mutter. Gezogen hat ihn Hans Friedmann aus Westerstede“, ertönte es durch den
Lautsprecher, als der mächtige Schimmel mit dem kleinen Italiener im Sattel in den Parcours galoppierte.
„Die sehen aus wie Riese Goliath und Zwerg Nase“, lästerten Julios Bereiterkollegen, die sich neugierig am Turniergeschehen eingefunden hatten um Pferd und Reiter anzusehen. August war natürlich
ebenfalls mit von der Partie. Die Nummer durfte er nicht verpassen. Sein Herz schlug ihm bis zum Halse als er eiligen Schrittes zum Turnierplatz schritt nachdem man seinen Angestellten aufgerufen
hatte. Soeben war eines seiner eigenen Pferde unter einem anderen Bereiter in Führung gegangen und es wäre moralisch nicht zu ertragen, sollte Classic Star diese nach Julios Ritt übernehmen. „Die
zwei sind verdammt gut. Das sieht doch klasse aus wie der Schimmel über die kleinen Hürden fliegt. Er spielt mit den Hindernissen. Taxiert jeden Absprung zentimetergenau und tut es mit einer
Leichtigkeit. Das ist ein Klacks für den.“ Enrico sprach extra laut, während er Ross und Reiter aufmerksam mit der Kamera verfolgte. August wollte er eifersüchtig machen und es gelang ihm
sogar.
„Die kriegen für ihren miserablen Ritt allerhöchstens eine 6,0“, frotzelte August, wobei er sich da gar nicht so sicher war, denn die Runde von Classic Star und Julio war im Grunde genommen, wenn
man fair blieb, eine sehr feine gewesen. Die Abstimmung und Harmonie zwischen Pferd und Reiter passte exakt. Niemals allerdings hätte er diese Feststellung zugegeben. Der Neid nagte an seinem
Ego. Die Wut in seiner Brust schrie förmlich danach, rausgelassen zu werden. Im Pöbeln war er eindeutig der Beste und ein Blatt vor den Mund nahm er jedenfalls nicht. Die Sorge, dass ihm mit
Classic Star ein ganz großer Fisch durch die Angel gegangen war, schien ihm nach diesem Ritt durchaus berechtigt zu sein. Hatte sein Züchterfreund Hans doch einen wahrhaftigen Champion
gezüchtet? Ein erfolgreiches Pferd ließ sich immer gut verkaufen. Insgeheim tröstete er sich, dass Classic Star ein elendiger Kopper war und einen Kopper niemand in seinem Stall haben wollte.
Somit war das Pferd wertlos. „Der Gaul wird sowieso bald an Kolik eingehen, wenn er den ganzen Tag über nichts anderes macht als Luft zu schlucken“, sinnierte er lautstark und bewusst
abfällig.
Die Richter ließen sich mit Durchsage der Note Zeit. Sicherlich beratschlagten sie, ob man einem ausländischen Reiter mit Gastlizenz und der Größe eines Jockeys, auf einem viel zu groß geratenen
Holsteinerwallach die Traumnote einer 8,0 oder noch besser geben könnte, die Pferd und Reiter nach einer wahrhaftigen Bilderbuchrunde wohl eindeutig verdient gehabt hätten.
„Die Wertzahl für diesen Ritt beträgt 8,0“, ertönte es schließlich aus dem Lautsprecher.
Julio wäre vor Schreck beinahe vom Pferd gefallen, während August sich taumelnd am Zaun festhielt. „“Jawoll, Bellissima!“, triumphierte Enrico während er zum Ausgang rannte so schnell er
nur konnte und völlig außer Atem aber mit dem Gesicht eines strahlenden Honigkuchenpferdes Pferd und Reiter in Empfang nahm. „Ihr wart spitze! Ach was rede ich, ihr seid ganz große Klasse, erste
Sahne.“ Überschwänglich klopfte er den Hals des Schimmels. „Classic Star hat es für mich getan. Für mich hat er sein Bestes gegeben. Hast du gesehen wie er über den Oxer geflogen ist? Und der
Wassergraben unter dem Steilsprung, er hat nicht einmal gezögert. Ich liebe ihn. Ich liebe ihn so wahnsinnig, Enrico.“ Julio war überwältigt von seinem Ritt und der Leistung seines Pferdes.
Tausende, wundervolle Gedanken sausten durch seinen Kopf. Nachdem er wenige Augenblicke später die goldene Schleife in Empfang nahm und Classic Star die Paradecke mit der Werbung des
Sponsors jener Prüfung die sie für sich entschieden hatten, auf seinen Rücken legte, kullerten bei ihm die Tränen. „Die erste Prüfung und wir haben gleich gewonnen“, schniefte er
fassungslos.
Während Julio die Siegerrunde ritt und sich zu Recht wie ein wahrer Champion fühlte, dachte er an all die Menschen, die in seinem Herzen verwurzelt waren. Seine Mutter, die vom Himmel aus zugesehen hatte. Der Vater der daheim mitfiebernd und daumendrückend an ihn gedacht haben musste. An den Züchter von Classic Star, der sicherlich ebenso stolz auf die Leistung gewesen wäre wie er. An sein Versprechen, das er gegeben hatte, dass Classic Star es jederzeit gut haben würde bei ihm. Einmal hatte er dieses gebrochen als sein Vater ihm das Pferd genommen hatte und es war unverzeihlich. Doch jetzt würde er alles wieder gut machen. Classic Star nie wieder aus den Augen lassen. Der mächtige Schimmel und er, sie gehörten zusammen. Nach diesem überwältigenden Sieg noch mehr, als Julio es jemals für möglich gehalten hätte.
Feinde
„Verkauf mir den Schimmel. Ich zahle dir fünftausend Mark für den koppenden Gaul.“ August hielt Julio
lasziv einen Stapel Geldscheine unter die Nase. „Classic Star ist nicht zu verkaufen“, winkte Julio erschrocken ab. „Dein Vater braucht das Geld. Enttäusche ihn nicht. Mit fünftausend Mark ist er
in Italien erst einmal aus dem Gröbsten raus. Hier, du solltest nicht so töricht sein, nimm es. Nimm das Geld.“ August hätte dem Italiener das Geld am liebsten vor die Füße geschmissen. Ein
Jammer, dass er so viel Geld für einen Kopper zahlen müsste. Allerdings würde er es kein zweites Mal ertragen, dass ein fremdes Pferd, dazu noch der Schimmels seines ehemaligen Züchterfreundes
mit einem zweitklassigen Stallburschen im Sattel, sich vor seinen eigenen Pferden placierte. Die besten Pferde hatte weit und breit er im Stall stehen und sonst niemand. Der Gedanke war ihm
unerträglich, dass plötzlich potentielle Kunden nach Classic Star fragen könnten, wobei ihm das Pferd nicht einmal gehörte, sondern diesem kleinen vorwitzigen Italiener, der lediglich ein
billiger, dazu zweitklassiger Bereiter aus dem Land der Ölsardinen war.
„Ich nehme Ihr Geld nicht an, Senior. Dennoch weiß ich Ihren Großmut zu schätzen und ich bedanke mich recht herzlich“, stotterte Julio. So recht hatte er zunächst gar nicht verstanden, wie ihm
geschah und was er auf die Aktion seines Chefs hätte antworten sollen. Niemals hätte er sich freiwillig ein zweites Mal von seinem besten Freund getrennt. „Du handelst nicht im Sinne deines
Vaters, Bürschchen. Du weißt genau, dass er auf das Geld angewiesen ist.“ In August kochte der Zorn. Arg zusammennehmen musste er sich um nicht völlig auszurasten.
„Ich arbeite. Schicke ihm jeden Monat meinen Lohn, er kommt klar.“
Vor seinem inneren Auge sprach August dem Bereiter Julio soeben die Kündigung aus, doch es gelang ihm noch sich dezent zurückzuhalten. Sollte er es sich mit dem Italiener völlig verscherzen,
hätte er gar keine Chance mehr gehabt, Classic Star zu seinem Eigentum zu machen. Dieser leidige Gedanke quälte ihn Tag und Nacht. Ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Er musste dieses Pferd
besitzen.
„Ich gebe dir 8.000 Mark“, erhöhte er sein Angebot.
„Und wenn Sie mir hunderttausend Mark hinlegen würden, das Pferd ist nicht verkäuflich“, sagte Julio in einem ruhigen, allerdings bestimmenden Ton. Ihm war klar, dass August alsbald die Kündigung
aussprechen würde, doch es war ihm egal.
„Du hast eine ganz schön große Schnauze am Kopf“, erwiderte August verärgert. An dem Italiener würde er sich die Zähne ausbeißen.
„Zehntausend. Das ist mein letztes Gebot und jetzt nimmst du das Geld und dann rufst du deinen Vater an.“
„Ach und was soll ich ihm sagen? Dass ich mein Pferd ein zweites Mal verloren habe des Geldes wegen? Dass ich ein Tier, das mich liebt, das ich liebe, nur des Geldes wegen hergebe? Es verrate?
Ich sagte, Classic Star ist nicht zu verkaufen und das ist mein letztes Wort!“ Julio blieb eisern.
August schlief in den folgenden Nächten schlecht. Niemals hatte sich jemand erlaubt ihm eine Abfuhr zu erteilen. Leidglich dieser dahergelaufene Italiener wagte es, sein überaus großzügiges
Angebot auszuschlagen. Fristlos entlassen müsste er ihn. Auf Knien bittend und bettelnd würde er ihn anflehen sein Pferd abzukaufen. Sobald er seinen Job los wäre, würde er keinen Pfennig Geld
mehr übrig haben.
Verhungern lassen sollte man den Bastard. August war außer sich. Überall sprach man nur noch von dem Holsteiner Springwunder. Dem Schimmel namens Classic Star. Für August gab es nichts in der
Welt, das sich mit Geld nicht bezahlen ließe und wenn Julio ihm das Pferd nicht verkaufen wollte, müsste er zu anderen Mitteln greifen.
Classic Star und Julio kämpften sich von Erfolg zu Erfolg. Nur wenige Turniere waren es, auf denen der ehrgeizige Italiener seinen geliebten Schimmel einsetzte, weil er ihn schonen wollte. Die
meisten gewannen sie haushoch und fuhren als überlegene Sieger heim. „Du musst nicht jedes Turnier laufen, Classic Star. Ich möchte nicht dass du mit zehn Jahren schon kaputtgeritten bist weil
ich dich in jungen Jahren überfordert habe. Deine Gelenke von Arthrosen durchwuchert werden und du an Hufrollenerkrankung erkrankst. Du hast bewiesen was in dir steckt und dass du springen kannst
wie ein großer Champion, also haben wir alle Zeit der Welt.“
Alle Zeit der Welt erhielten Pferd und Reiter wahrhaftig nach ihrem letzten Turnierstart. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn bei Classic Star wurde eine positive Dopingprobe entnommen.
Gleich als sie aus dem Parcours ritten, wurden sie von einem Richter und einem Tierarzt in Empfang genommen. „Wir möchten eine Urinprobe von Classic Star“, hieß es. Julio war sich natürlich
keiner Schuld bewusst und ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, führte er sein Pferd in die hergerichtete Gastbox, in welcher der Schimmel direkt mit Wohlwollen in das frische Stroh pinkelte.
Ein Behälter wurde vom Tierarzt unter den Strahl gehalten und die Flüssigkeit aufgefangen.
„Sie werden nichts finden. Ich dope mein Pferd nicht. Mein Pferd ist mein Freund. Sollte es krank sein, verzichte ich auf einen Start, das ist selbstverständlich für mich“, erklärte Julio.
„Sie werden über das Ergebnis benachrichtigt“, hieß es.
Pferd und Reiter wurden wenige Wochen später gesperrt. „Das kann nicht sein. Niemals würde ich meinem Pferd eine verbotene Substanz verabreichen“, protestierte Julio nachdem er den Brief der
deutschen reiterlichen Vereinigung geöffnet hatte. In diesem unterrichtete man ihn über das Ergebnis der entnommenen Urinprobe, die positiv ausgefallen war. Julio war sich keiner Schuld
bewusst. Classic Star war gesund und im guten Trainingszustand, niemals wäre er auf die Idee gekommen ihm etwas zu spritzen was seine Leistung verbotener Weise angekurbelt hätte.
„Ein Jahr Turniersperre?“ August war außer sich. „Dann muss ich dir kündigen. Ich kann es mir nicht leisten, einen Bereiter bezahlen, der an keinem Turnier mehr teilnehmen darf und hier faul
rumsitzt.“
„Das verstehe ich Senior. Allerdings muss es sich um einen Irrtum handeln. Sie wissen genau dass ich mein Pferd nicht gedopt habe. Ich möchte Einspruch einlegen gegen den Bescheid der
reiterlichen Vereinigung.“
August lachte verachtend über Julios kläglichen Versuch sich und seine angebliche Unschuld ins rechte Licht zu rücken.
„Einspruch… gegen eine mächtige Behörde. Das lässt du lieber schön bleiben und nimmst die Geldstrafe an und die Turniersperrung billigend in Kauf. Und das am besten ohne zu murren. Weißt
du, ich habe mich gleich gewundert, warum dein Schimmel so gut gesprungen ist. Wenn du ihn dopst, ist das kein Wunder. Allerdings musst du dann auch mit den Konsequenzen rechnen, wenn man dich
erwischt.“
Julio weinte sich in den Schlaf. Das durfte alles nicht wahr sein. Ein böser Traum. Da wollte ihm und seinem Classic Star jemand etwas Böses antun, ganz sicher. Vielleicht hatte man dem Schimmel
absichtlich eine verbotene Substanz verabreicht. Damit er und das Pferd gesperrt wurden und keine Chance mehr auf weitere Siege hatten. Julio wusste genau dass seine Siege vielen Menschen
ein Dorn im Auge waren. Zuallererst einmal seinem Chef August. Dass man allerdings zu solch verheerenden Mitteln griff, das war unfassbar. An so viel Schlechtigkeit im Menschen wollte er nicht
glauben.
„Wir haben Sie reiten sehen Herr Ferrari. Sie machen einen ganz ausgezeichneten Job mit ihren Pferden.
Wir würden uns freuen, wenn Sie für uns arbeiten würden.“
Herr und Frau Sanders, wohlhabende Leute, waren auf einem Turnier zugegen, auf dem Julio den Stallburschen und Turniertrottel für die anderen Reiter von August spielte. Er zwischen Turnierplatz,
Transporter und Meldestelle hin und her hastete, weil er seinen Kollegen zur Hand gehen musste. „Ich bezahle dich schließlich nicht fürs Rumstehen!“, hatte August ihn angeschrien, weil Julio am
Hof zurückbleiben wollte. Warum sollte er mit zum Turnier fahren, wenn er sowieso gesperrt war und nicht an den Start gehen durfte?
Das Ehepaar Sanders hatte den jungen Italiener bereits auf mehreren Turnieren aufmerksam beobachtet. Man war von der Reitweise des Italieners und seinem sorgfältigen Umgang mit den Pferden
fasziniert. „Ich kann August nicht alleine lassen. Ich kann unmöglich einfach meinen Job hinschmeißen und bei ihm kündigen“, versuchte Julio sich verdutzt zu rechtfertigen, der wieder einmal
nicht wusste, wie ihm geschah. Die Dinge änderten sich schlagartig und er kam nicht mehr hinterher. Sein innerer Schweinehund erinnerte ihn allerdings daran, dass August ihm unlängst mit einem
Rauswurf gedroht hatte und dass er sich nicht länger sicher sein konnte, wann er diese Drohung tatsächlich vollzog. Wenn sich ihm eine neue Chance bot, warum um alles in der Welt sollte er diese
ausschlagen? Müsste er nicht völlig bekloppt sein dieses einmalige Angebot abzulehnen? „Ich besitze ein eigenes Pferd. Es heißt Classic Star. Ihn müsste ich mitnehmen“, begann Julio vorsichtig.
Langsam wollte er sich an die Sache ran tasten. Nachfühlen, welche Optionen sich ihm darbieten würden, sollte er den Job annehmen. Das nötige Geld für die Unterbringung eines eigenen Pferdes war
in der Arbeit des Bereiters schwierig. Die meisten Arbeitgeber duldeten keine eigenen Pferde ihrer Angestellten. Schon allein aus Zeitgründen nicht.
„Wir sind begeistert von ihrem herrlichen Schimmelwallach und natürlich wissen wir, dass Sie ohne ihr Pferd nicht zu uns kommen möchten. Classic Star ist ebenso herzlich willkommen bei uns auf
dem Hof wie Sie.“ Frau Sanders reichte Julio ihre Hand. Herrlich nach Lavendel duftete diese. „Ich muss, darf ich, ich meine, ich müsste eine Nacht über das Angebot schlafen“, räusperte Julio
sich verlegen. Unsicher war er, wie er der feinen Dame gegenübertreten sollte. Den Verdienst, den man ihm angepriesen hatte, konnte er unmöglich ausschlagen. Es handelte sich um den
doppelten Stundenlohn, den August bezahlte. Dennoch wollte er seinen Ausbilder, der ihm eine zweite Chance gegeben hatte, nicht übergehen und ihn schon gar nicht vor den Kopf stoßen oder im Stich
lassen. Gleich am nächsten Morgen würde er mit ihm reden und vielleicht wäre dieser sogar erleichtert, wenn Julio mit Classic Star den Hof verlassen würde. Immerhin war ihm der Schimmel vom
ersten Tag an ein Dorn im Auge gewesen. Nachdem Julio ihm das Pferd nicht verkaufen wollte, hing der Haussegen zwischen Chef und Angestelltem gänzlich schief.
„Du kannst gerne weiterziehen, Julio. Reisende soll man nicht aufhalten“, antwortete August am nächsten Morgen lapidar. Es schien tatsächlich so, als schere er sich einen feuchten Kehricht
um seinen Angestellten. „Sind Sie sicher dass ich gehen soll, Senior?“, hakte Julio noch einmal nach. Über so viel Gleichgültigkeit war er regelrecht erschrocken. Er glaubte August wäre mit
seiner Arbeit unzufrieden. Dass das Verhalten seines Chefs einzig und allein dem Unmut, dass er Classic Star nicht besitzen konnte, zurückzuführen war, daran wollte Julio nicht eine Sekunde lang
einen Gedanken verschwenden. Stets sah er das Gute in den Menschen. Ihren Hass, den Neid und ihre Gier nach Macht wollte er nicht wahrhaben.
„Es tut mir leid, wenn ich Sie enttäuscht habe“, sagte Julio niedergeschlagen. „ Geh mit Gott Junge, aber geh“, fauchte August.
Julio erwartete ein Donnerwetter.
In etwa, dass sein Chef ihm die Klamotten hinterher werfen und Classic Star aus dem Stall holen würde. Ihn auffordern würde, mit dem verdammten Gaul sofort und augenblicklich von seinem Hof zu
verschwinden. Der Zorn in seinen Augen sprach eine Sprache, von der Julio zutiefst entsetzt war. Wie konnte ein Mensch so voller Hass, das Herz so verbittert sein?
Von seinen Kollegen verabschiedete sich Julio. Räumte seinen Spind aus und verstaute die wenigen Habseligkeiten die er besaß in dem VW Bus, den ihm Familie Sanders zur Verfügung gestellt hatte.
Julio wurde das Gefühl nicht los, dass besondere Zeiten anbrechen würden, sobald er in die Dienste seiner neuen Familie trat. Julio sollte die Pferde der Tochter reiten und diese auf dem Turnier
vorstellen. Ebenso sollte er junge Pferde ausbilden und diese vermarkten. Vom hohen Norden ginge es auf der Landkarte einen guten Teil hinunter in den Süden.
Nach Niedersachsen. In die Nähe von Osnabrück.
Seinem Vater schrieb er einen Brief. Lang war er geworden, viel zu lang. Drei Nächte hatte er über den Zeilen gesessen. Von der neuen Arbeit schrieb er und von der Turniersperre wegen Dopings,
die ihm schwer im Magen lag. Wie gut Classic Star sich gemacht hatte. Wie stolz er auf den Schimmel war und wie dankbar, dass sein Vater ihm das Pferd überlassen hatte. Ihn nicht mehr
verkaufen wollte. „Aus ihm ist ein richtiges Pferd geworden, Papa“, notierte Julio. „Er ist so erwachsen geworden. Ein großartiger Athlet. Ein Kämpfer im Parcours. Und ein wahrhaftiger Freund der
mich niemals im Stich lassen würde.
Abschließend am Ende seiner Zeilen versprach er weiterhin das Geld, das er verdiente, wie gewohnt nach Italien zu schicken. Wenn ich Geld übrigbehalte, kaufe ich einen neuen Sattel für Classic
Star. Der alte passt ihm nicht mehr gut weil der Schimmel noch gewachsen ist, beendete Julio seinen Brief. Ein Foto legte er dem Umschlag bei, welches Enrico von ihm auf dem Turnier geschossen
hatte. Sicherlich hatte Enrico seinem Vater von dem Turnier berichtet und in schillernden Farben jedes Detail farbenfroh ausgemalt nachdem er zurück nach Italien gefahren war. Das Foto bedeutete
Julio unendlich viel, deshalb wollte er es seinem Vater schenken. Bevor er den Brief in den Kasten warf, schrieb er auf die Rückseite des Fotos: „Bitte hebe es gut für mich auf. Wenn ich eines
Tages zurück nach Italien komme, übergibst du es mir…!“
„Wenn Sie nach Italien fahren möchten, Julio, nur zu!“ Frau Sanders sprach immerzu freundlich mit dem jungen Italiener und sie war mehr als bemüht es ihrem neuen Angestellten recht zu machen. Ein
völlig anderes Verhältnis herrschte unter den Bediensteten, als das, welches Julio bei August kennengelernt hatte. Ein herrlich eingerichtetes Zimmer durfte er sein eigenes Reich nennen. Nun
musste er nicht mehr auf dem Strohboden zwischen Ratten und Mäusen schlafen. „Fühlen Sie sich wie zuhause, Julio“, hatte man ihm ans Herz gelegt.
Den Stall, den man Classic Star zugeteilt hatte, war eine großzügige Außenbox mit angrenzendem Paddock, in der sich der Schimmel nach Lust und Laune frei bewegen konnte. Bei Wind und
Wetter. „Wie wundervoll es hier ist. Vielen lieben Dank!“, sagte Julio überwältigt. Die Tränen standen ihm in den Augen. „Sie müssen sich nicht bedanken. Wir bedanken uns, dass wir jetzt einen
hervorragenden Ausbilder für unsere Pferde gefunden haben“, sagte Frau Sanders mit Ehrfurcht. Sie reichte Julio die Hand.
„Also dann, auf eine gute Zusammenarbeit. Und wie gesagt, falls Sie über das Wochenende nach Hause fahren möchten, es sollte kein Problem sein“, lächelte sie auffordernd. „Nur zu!“
Gerne hätte Julio seinen Vater besucht. Ihn in die Arme genommen. Sich bedankt, dass er Classic Star nach Deutschland hatte bringen lassen. Das schlechte Gewissen plagte den jungen Mann. War er
doch im Streit mit seinem Vater auseinandergegangen und niemand wusste, wie viel Zeit ihnen blieb. Das Leben war zerbrechlich und konnte ein schnelles Ende finden. Die Uhr tickte unaufhaltsam.
Somit nahm er das Angebot seiner neuen Arbeitgeber dankend an. Kurzentschlossen fuhr er mit dem Zug über das Wochenende nach Italien.
Vater und Sohn lagen sich vor Freude weinend in den Armen. Julio hatte seinen Besuch nicht angekündigt. Früh am Samstagmorgen stand er einfach so da. Mit einer Reisetasche in der Hand. Im Bereich
des von Olivenbäumen bewachsenen Innenhofes, auf welchem er aufgewachsen war und als Kind so viel Spaß gehabt hatte. Ununterbrochen liefen die Tränen über seine Wange. So viele Erinnerungen
steckten in jeder Ecke. Wie oft war er mit seinen Freunden in die höchsten Wipfel der Bäume geklettert. Verstecken hatten sie dort gespielt und Räuber und Gendarm. Zum Leidwesen
des Vaters, der Julio oftmals gesucht und vergebens gerufen hatte, weil die Arbeit wartete. Auf einem Gestüt gab es immer viel zu tun und auch die Kinder mussten in jungen Jahren mit anpacken.
Nur zu gern kamen die Nachbarkinder und halfen beim Pferdefüttern oder bei der Heuernte. Was gab es Schöneres als im Heuwagen mitzufahren und Stullen welche die Mutter hergerichtet hatte,
zu essen. Zünftig war es hoch hergegangen auf dem elterlichen Hof. Mit dem Tag an dem Julios Mutter starb hatte sich jedoch vieles verändert. Das Herz seines Vaters war steiniger geworden.
Verbittert schien er Julio geworden zu sein. Den Verlust seiner geliebten Frau wollte er nicht überwinden.
„Ich freue mich dass du gekommen bist mein Junge!“, nahm Julios Vater ihn herzlich in seine Arme. „Wie geht es deinem Classic Star? Wie waren eure Turniere? Habt ihr es den deutschen Reitern mal
gezeigt wie in Italien geritten wird?“ Julios Vater lachte und war zu Julios Erstaunen um Scherzen aufgelegt. Diese erfrischende, herzliche Art hatte Julio lange Zeit vermisst und umso mehr
lachte sein Herz, seinen Vater so glücklich zu sehen. Doch der Schein trog.
Gleich bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Tiramisu legte Herr Ferrari die Karten offen auf den Tisch.
„Ich muss den Hof verkaufen. Das Geld reicht hinten und vorne nicht mehr, Julio. Die Jährlinge werfen nicht genügend Gewinn ab. Lassen sich nur noch schlecht verkaufen. Die Nachfrage am Markt ist
nicht mehr so wie es früher einmal war. Die Pferde werden immer besser, da können wir nicht mehr mithalten.“ Einen nachdenklichen Seufzer schickte er durch die Luft der antik eingerichteten
Küche, deren Räumlichkeit sich mit großer Trauer füllte.
„Du hättest Classic Star hier behalten sollen. Er ist ein so exzellentes Pferd, Papa. Du hättest all deine Stuten von ihm decken lassen sollen. Die Fohlen hätten uns bares Geld eingebracht. In
Deutschland sind die Holsteiner sehr beliebt und man bezahlt gute Preise für sie.“
„Julio, Classic Star hätte man niemals zur Körung angenommen. Mal abgesehen davon, dass es Unsummen an Geld gekostet hätte, ihn vorzustellen. Geld, das ich so schnell gar nicht hätte auftreiben
können.“
„An das Geld wären wir gekommen, Papa. Es war ein Fehler, dass du nicht auf mich gehört hast.“ Julio tat ebenfalls einen tiefen Seufzer kund. Die Vorstellung sein Zuhause zu verlieren, tat
unendlich weh.
„Niemals wäre es im Sinne von Mama gewesen, dass du die Flinte ins Korn schmeißt. Warum gibst du so plötzlich auf? Hast du mir nicht immer beigebracht, dass die Ferraris kämpfen. Sie bis zum
Schluss die Zähne zusammenbeißen und dass nur Feiglinge aufgeben?“
„Ach Julio, das ist lange her. Die Zeit wartet nicht und sie bleibt nicht stehen. Das Arbeiten fällt mir schwer. Ich würde es gern ein wenig ruhiger angehen lassen. Du bist glücklich in
Deutschland, warum solltest du zurückkommen und dich rumplagen mit einem Geschäft, das nur noch im Herzen funktioniert, den Geldbeutel jedoch längst nicht mehr füllt. Du musst an deine Zukunft
denken. In Deutschland hast du wahrscheinlich viel bessere Möglichkeiten auf ein unbeschwertes Leben als hier in Italien.“
„Reicht das Geld das ich dir schicke nicht?“, fragte Julio traurig. Sein Vater schüttelte den Kopf.
„Nein, nicht annähernd.“
„Ich verdiene jetzt mehr. Habe eine neue Anstellung gefunden. Auf einem anderen Hof. Die Familie hat mich reiten sehen. Mit Classic Star!“ Julios Augen leuchteten geheimnisvoll. Im dumpfen Schein
der Sonne, die spärlich durch die dreckige Fensterscheibe lugte, erstrahlten sie. Füllten den Raum mit Liebe.
Mit großer Sorge erkannte Julio, dass der Hof langsam aber sicher dem Verfall zugrunde fiel. Die Fenster waren nicht mehr geputzt worden, der Staub nicht gewischt und in der Küche stapelte sich
das Geschirr. Das Unkraut im Garten war nicht mehr gejätet worden und die Äste der Olivenbäume nicht gestutzt. Innerhalb nur weniger Wochen nachdem er fortgegangen war, war das Ansehen des
Gestüts rapide den Bach runter gegangen.
„Wenn du den Hof aufgibst Papa, dann nehme ich dich mit nach Deutschland. Ich lasse dich nicht alleine zurück.“
„Hier ist meine Heimat Julio und hier möchte ich sterben. Was soll ich in einem fremden Land in dem ich mich nicht auskenne? Alte Bäume verpflanzt man nicht.“
„Hey, du hast es mir versprochen! Du hast mir versprochen, dass du auf einem Turnier am Ausgang wartest. Classic Star und mich in Empfang nehmen wirst. Ein Versprechen darf man nicht
brechen.“
„Weißt du was? Deinem Schimmel mag ich gar nicht mehr ins Auge sehen. Ich komme mir vor wie ein mieser Verräter. Ich hätte ihn nicht hergeben sollen. Du und dieser verdammte Gaul, ihr gehört
zusammen. Es war töricht von mir, was ich getan habe.“
„Er hat dir das verziehen!“ Julio nahm die Hand seines Vaters und drückte sie fest. „Und auch ich habe dir verziehen, Papa“, antwortete Julio leise.
„Du bist ein guter Junge mein Sohn. Deine Mutter wäre stolz auf dich.“ Senior Ferrari strich seinem Sohn liebevoll durch das Haar.
„Bedrückt Sie etwas?“ Frau Sanders spürte gleich, dass Julio nicht mehr derselbe Mensch war, als er von Italien zurückkehrte.
„Mein Vater möchte den Hof verkaufen. Er meint er sei zu alt und er habe zu wenig Geld um das alles noch länger in Schuss zu halten.“
„Das tut mir leid“, sagte Frau Sanders mitfühlend.
„Wenn wir irgendetwas für Sie oder Ihren Vater tun können, lassen Sie es uns bitte wissen!“
„Danke!“ Julio schämte sich für den Kummer den er seiner neuen Familie bereitete. Sein Vater hatte immer gesagt, Arbeit sei Arbeit und Privates sei Privates. Es war nicht in Ordnung fremde
Menschen mit seinen Sorgen zu belasten.
Familie Sanders war mehr als zufrieden mit ihrem neuen Bereiter. Julio lag in den Placierungsrängen immer
unter den besten drei Reitern und die Pferde ließen sich gut verkaufen. Viele der kaufwilligen Interessenten fragten jedoch nach dem großen Schimmelwallach.
Das Interesse lag einige Male bei Classic Star und an einigen Tagen bot man dem jungen Italiener viel Geld für seinen geliebten Freund. Unsummen an Geld, in der Hoffnung, er mochte sich von
seinem vierbeinigen Freund trennen.
„Mach bloß nicht den Fehler und gib dieses Pferd her.“ Frau Sanders machte sich große Sorgen um ihren Freund und Schützling. Julio gehörte zur Familie und man war mittlerweile beim du
angekommen.
„Niemals würde ich Classic Star verkaufen. Er ist mein Freund. Ich habe ihn großgezogen.
Wir haben noch viele Pläne zusammen. Ich möchte ihn in der internationalen Klasse reiten. Dazu muss er allerdings erst einmal sieben Jahre alt sein.
Vielleicht schaffen wir es einmal an der Olympiade teilzunehmen“, schwärmte Julio. Recht offen sprach er nach langer Zeit wieder über seine Träume.
„Puh, die Italiener haben bei der Olympiade noch nicht so wirklich gut abgeschnitten. In der Tat wäre das mal eine Sensation“, lachte Frau Sanders herzhaft.
„Das stimmt nicht ganz. Die Familie D`Inzeo war sehr erfolgreich zwischen den 1940 er und 1970 er Jahren. Aber es reichte lediglich für die Bronzemedaille. Und 1996 war Fausto Puccini mit 63
Jahren im Sattel der älteste Teilnehmer Olympias und er stammte aus Italien. Wenn ich mich anstrenge, kann ich es also durchaus noch schaffen.“
„Ist das dein Traum?“
„Ja, es ist mein Traum. Mein Traum, einmal ganz oben auf dem Treppchen zu stehen. Mein Vater wäre unheimlich stolz auf mich. Wobei er von Classic Star nicht wirklich viel hält. Er meint der
Schimmel sei zu groß, nicht flink genug um in einem Stechen eine enge Wendung zu nehmen und in einem großen Preis zu gewinnen. Doch ich kann ihn auf einer langen Strecke galoppieren lassen. Er
macht riesige Sätze. Es fühlt sich an als könne er fliegen oder ich sage immer, er zieht seine sieben Meilen Stiefel an.“
„Wenn dieses Pferd nicht gut wäre, würden ihn nicht so viele Leute kaufen wollen, Julio.“
„Die Leute zeigen Interesse, weil er viele Turniere in jungen Jahren gewonnen hat. Doch es waren kleine Turniere. Wenn sie erst sehen, wie wir über einen Meter fünfzig und noch höher fliegen,
werden sie noch viel mehr Geld bieten. Aber das ist mir egal, es spielt keine Rolle. Und wenn sie mir eine Million für das Classic Star bieten, er ist unverkäuflich.“
„Na na, bei einer Million würde ich es mir allerdings überlegen“, sagte Frau Sanders nachdenklich. Julio zwinkerte ihr ein Auge. „Ich wahrscheinlich auch“, lachte er. Dabei stellte sich ihm die
Frage, wer freiwillig eine Million für ein Pferd bezahlen würde. Dazu für eines, das die schlechte Angewohnheit des Koppens zeigte. Vielleicht ein Scheich aus Dubai oder ein berühmter
Springreiter wie Paul Schockemöhle.
„Pferde die koppen, sind unheimlich intelligente Pferde. Man sagt ihnen nach, sie seien mental unterfordert und langweilen sich.“ Herr Sanders hatte eine große Bandbreite an Wissen über Pferde.
Sich über Jahre hinweg aus Büchern angelesen, aus eigenen Erfahrungen im Sattel gesammelt und in der Welt der Pferde täglich aus verschiedenen Erfahrungen aufgenommen und umgesetzt.
„Die Leute wissen nicht, dass er koppt. Wenn sie es wüssten, hätten sie kein Interesse mehr an ihm. Auf seiner Stirn steht ja nicht geschrieben dass er einen Mangel hat und er macht es auch nur
im Stall. Auf der Weide koppt er gar nicht.“
„Kümmere dich nicht um die Leute. Wenn du das Pferd nicht verkaufen willst, kann es dir ohnehin egal sein und wenn du ihn verkaufen wollen würdest, so bin ich sicher, du würdest einen
Interessenten finden, der den Schimmel mit diesem Manko kauft. Weißt du, ein Pferd zu kaufen ist eine besondere Angelegenheit. Das ist wie wenn wir Menschen uns verliebt haben. Wir glauben etwas
unbedingt besitzen zu wollen. Egal was es kostet. Eine besondere Kette, einen Diamanten, eine einzigartige Frau oder eben ein Pferd das wir besitzen wollen weil wir von ihm glauben, es sei
etwas ganz Besonderes.“ Julio lachte herzhaft über die Worte des Herrn Sanders. Ja, er hatte Recht. Die Liebe spielte eine entscheidende Rolle.
„Wenn sich ein Mensch findet, der sich in dein Pferd verliebt, wird er nicht eher Ruhe in seinem Herzen finden, bis er Classic Star besitzt“, schmunzelte Herr Sanders. „Und wenn du Pech hast und
es ist tatsächlich ein Scheich aus Dubai, dann wirst du wahrscheinlich irgendwann dem vielen Geld, das man dir für dein Pferd bietet, nicht mehr widerstehen können!“
Drei Jahre später
Classic Star war nunmehr sieben Jahre alt. Reif genug, die schwere Klasse
anzutreten. Julio hatte ihn langsam an die Aufgaben die ihn im Parcours erwarteten, herangeführt und er schien zuversichtlich. Das erstes S-Springen sollte der Schimmel auf einem eher kleinen,
ländlichen Turnier absolvieren. Während er mit dem Pferd über den Hindernissen trainierte, hatte er in seiner freien Zeit den Deutschunterricht besucht. Mittlerweile beherrschte er die deutsche
Sprache nahezu perfekt. „Wir sind beide in die Schule gegangen, Classic Star. Wir wollen sehen, was jeder von uns gelernt hat. Wenn man mir zum Sieg gratuliert oder später einmal ein Interview
von mir fordert, muss ich mich schließlich mit den Leuten unterhalten können.
„Allerdings wollen wir nicht gleich gegen die besten Springpferde und Reiter dieser Welt antreten, nicht wahr mein Großer.“
„Ich wünschte mein Vater würde herkommen“, seufzte Julio nachdenklich während er das Sattelzeug auf Hochglanz polierte. „Wir hatten mal eine Abmachung getroffen. Dass er mich und Classic Star am
Ausritt in Empfang nimmt. Ich wünsche es mir seit drei Jahren, dass er kommt. Nichts wünsche ich sehnlicher als dass er sein Versprechen einlöst. Seit drei Jahren schließe ich unentwegt die
Augen, wenn ich aus dem Parcours reite. Hoffe sobald ich sie öffne, meinem Vater zu begegnen. Vergebens. Es ist so lange her, dass ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Beinahe ein Jahr. Er mag
nicht herkommen. Er mag weder dieses Land, noch die Leute. Seit er das Gestüt verkauft hat, ist er ein anderer Mensch geworden.“
Julios Reiterfreunde lauschten den Worten des Italieners den sie alle für einen begnadeten Reiter hielten, aufmerksam.
„Mir ist es nicht gelungen ihn vor dem finanziellen Ruin zu bewahren und ich schäme mich zutiefst für mein Versagen.“
„Es ist gewiss nicht deine Schuld“, versuchte man Julio zu beruhigen.
Doch, es ist meine Schuld. Ich hätte nicht nach Deutschland zurückgehen dürfen. Enttäuscht und gekränkt war ich, weil er mein Pferd verkauft hat. Dabei hat er es getan um unser Zuhause zu
retten. Die Pferde bedeuteten sein Leben. All sein Wissen hat er an mich weitergegeben und es wäre das Schönste und Wertvollste für ihn gewesen, wenn ich sein Lebenswerk weitergeführt hätte.“
Julio liefen Tränen über seine Wangen. Beschämt wischte er sie fort. Manchmal hasste er sich für seine Sentimentalitäten. Er glaubte viel zu weich zu sein für dieses harte, oftmals ungerechte
Lebe.
„Und bald reite ich mein erstes S-Springen mit Classic Star und er wird nicht da sein. Uns nicht zusehen, nicht applaudieren und uns auch nicht in Empfang nehmen, wenn wir uns im Kreise der
Sieger treffen.“
„Du willst dieses Springen also gewinnen?“, fragte einer der Kollegen mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
„Ja, ich will es gewinnen. Ich gehe da rein weil ich gewinnen will, verdammt. Warum sollte ich sonst reiten wollen wenn nicht aus dem Grund des Sieges?“ resümierte Julio unter Tränen.
Ein besonderer Tag. Gleich in der Früh spürte ich dass meine volle Konzentration an diesem Tag gefordert sein würde. Mein Futter wurde viel früher als gewohnt am Morgen in meinen Trog
eingelassen. Zur Feier des Tages befanden sich zwischen den Pellets sogar schmackhafte Möhren. Oh wie liebte ich Möhren. Schmatzend und koppend im Wechsel, weile es so lecker schmeckte, war ich
gleich hellwach.
„Wie du wieder aussiehst“, fauchte Julio. „Ich habe dich gestern gewaschen mein Freund und nun klebt überall in deinem Fell der Mist.“ Ja, im sich dreckig machen war ich die Nummer Eins. Gemessen
an all den anderen Pferden. Auf der Weide suchte ich mir immer gleich das tiefste und matschigste Schlammloch aus in das ich mich mit einem herrlichen Seufzer niederließ.
„Ich kann dich gleich wieder waschen. So können wir jedenfalls nicht zum Turnier antreten“, ärgerte sich Julio. „Hätte ich gewusst wie du wieder aussiehst, hätte ich dir keine Möhrchen
mitgebracht, Großer. Heute ist ein wichtiger Tag. Unser erstes S-Springen. Ich bin aufgeregt. Wie ist es mit dir?“ Julio tauchte den Schwamm in einen Eimer voll Wasser und schrubbte die
Mistflecken aus dem Fell des Pferdes. „In der Nacht träumte ich, mein Vater wäre gekommen. Es wäre eine nicht zu beschreibende Freude für mich wenn er es täte. Dennoch glaube ich, die Relation,
dass wir beide dieses Springen gewinnen ist wahrscheinlicher als dass er tatsächlich aus Italien anreist. Wobei es nicht mal sicher ist, dass wir überhaupt das Ziel sehen.“
„Hey, warum auf einmal so skeptisch? Guten Morgen!“ Frau Sanders hatte sich lautlos an die Box herangeschlichen und den Selbstgesprächen von Julio mit Interesse gelauscht. „Wahrscheinlich liegt
es an der Aufregung. Ich muss zugeben, ich bin nervös. August wird da sein und sich das Springen ansehen. Er hat Classic Star und mich bisher auf jedem Turnier verfolgt. Lässt uns nicht aus den
Augen. Manchmal erscheinen mir Bilder in meinem Kopfkino, dass er das Pferd vergiftet. Classic Star etwas antut, weil er mich hasst. So wie es damals in der Geschichte um das berühmte Rennpferd
Phar Lap geschehen war. Das hatte man auch vergiftet weil es viele Menschen nicht mehr ertragen konnten, dass der Hengst beinahe alle Rennen gewann. Eine tragische Geschichte. Die Tiere können
nichts für den Neid und die Missgunst der Menschen“, sagte Frau Sanders nachdenklich. „Im Sport geht es nur noch um Macht und Geld. Schade eigentlich. Die Freude am Partner Pferd, an der
Schönheit des Tieres, scheint gänzlich verloren zu gehen. Dabei müssen wir ihre Mitarbeit wertschätzen. Solch ein großes, starkes Tier unterwirft sich uns gänzlich bedingungslos, ohne etwas
infrage zu stellen. Das ist ein Geschenk des Himmels.“
„Ja, ich werde Classic Star heute bitten für uns zu gewinnen. Ich kann ihn nicht zwingen und das werde ich auch nicht. Er wird gewinnen, wenn er das möchte.“ Frau Sanders nahm Julio in ihre Arme.
Der junge Italiener war ihr ans Herz gewachsen wie ihr eigener Sohn wobei sie niemals einen geboren hatte. Der Himmel hatte ihr kein eigenes Kind schenken wollen. Nach mehreren Versuchen der
künstlichen Befruchtung hatten sie und ihr Mann es schließlich akzeptiert, kinderlos zu bleiben.
Erfüllung und Liebe fanden sie im Umgang mit ihren Pferden, bis sie schließlich ein Mädchen adoptierten und ihm ein wundervolles zuhause schenkten.
„Wenn man sich etwas von ganzem Herzen wünscht, sollte man daran festhalten.“ Herr Sanders klopfte Julio aufmunternd auf den Schenkel während der junge Italiener im Sattel seines Pferdes Platz
genommen hatte. Der Parcours war zuvor ausgiebig inspiziert worden und man war der Übereinstimmung gekommen, dass es durchaus eine reelle Chance gab, das Stechen zu erreichen. „Du musst den
Schimmel nur fehlerfrei ins Ziel bringen und du bist deinem großen Traum ein ganzes Stück weit näher.“
„Wir geben unser Bestes!“ Julio atmete tief durch bevor er die Übungshindernisse auf dem Abreiteplatz absolvierte. Besonders wache, aufmerksame Augen hatten ihn gleich entdeckt. Diese
pechschwarzen Iriden, aus denen der pure Hass sprach, gehörten August. Der auffällige Hut hatte ihn verraten. Zwischen der Menschenmenge schlich er um den Abreiteplatz herum. Beäugte Classic
Star. Als Pferd und Reiter schließlich an ihm vorbeiritten rief er: „Gemacht hat er sich ja der große Bock. Muskeln hat er bekommen und seine Galoppade ist gesetzter. Dennoch wird er meinen
Allstar hier nicht besiegen können. Dafür ist er nicht flink genug.“ Julio schenkte dem Mann keine Beachtung. Niemals wieder würde er sich auch nur annähernd von einem menschlichen Wesen
schikanieren lassen, dessen Lebensinhalt sich aus Neid und Missgunst nährte. In den wenigen Wochen, Monaten und Jahren die er mittlerweile in Deutschland verbracht hatte, hatte er viel gelernt
über die Menschen, deren Sitte und Bräuche. Missgunst und Häme standen an der Tagesordnung. Über diese schlechten Angewohnheiten musste man hinwegsehen. Neid fraß sich bis auf den Grund der
menschlichen Seele und machte aus ihnen unzufriedene Kreaturen. Monster, die ihren Mitmenschen das Schwarze unter dem Fingernagel nicht gönnten. Julio hatte man all diese schlechten
Angewohnheiten von zuhause aus nicht mit in die Wiege gelegt. Niemals wollte er so werden wie diese abgrundtief schlechten Menschen.
Julios ehemaliger Stallkollege hatte sein Berittpferd Allstar fehlerfrei durch den Parcours gebracht und sich damit fürs Stechen qualifiziert. Julio gratulierte ihm selbstverständlich.
„Super Ritt!“, rief er wertschätzend und sein ehemaliger Freund strahlte über das ganze Gesicht. „Mein Pferd hat sein Bestes gegeben. Für mich. Es sprang fantastisch“, antwortete er
freudestrahlend.
Julio rutschte das Herz bis in die Hose als er mit Classic Star in den Parcours ritt.
Noch immer spürte ich, heute war ein ganz besonderer Tag. Mehr denn je fühlte ich es, als Julio mich sanft mit den Sporen neben dem Sattelgurt kitzelte. Aufmerksam machen wollte er mich. Hey
Junge, ich bin hellwach, signalisierte ich ihm, nachdem ich einmal mein Hinterteil in die Luft warf und mit dem Bein ausschlug.
„Classic Star!“, ertönte es durch den Lautsprecher. Mucksmäuschenstill wurde es um den Springplatz herum,
während sich der große Schimmel in einen mächtigen, dennoch anmutigen Galopp setzte und über die ersten Hindernisse sprang. „Wow, der hat Vermögen“, tuschelte man am Rand der Zuschauertribünen.
Julio und Classic Star fanden schnell zu einem guten Rhythmus. Absolvierten Hindernis für Hindernis mit einer Leichtigkeit und beinahe spielerisch. Fehlerfrei ritten sie unter anerkennendem
Applaus ins Ziel. Die Menschen jubelten. Einen Ritt wie diesen hatten sie selten gesehen. „Der lacht ja über die Höhe der Hindernisse“, gratulierte man Herrn Sanders anerkennend. „Da haben Sie
ein wahnsinnig tolles Pferd“, schüttelte man respektvoll seine Hand. „Das Pferd gehört dem Reiter“, lächelte dieser. „Gratulieren Sie ihm, er wird sich freuen!“
Julio hatte Tränen in den Augen. Er war gerührt über die Leistung seines Pferdes. Dankbar klopfte er den Hals des Schimmels und legte sich an seinen Mähnenkamm. „Du warst fantastisch, Classic
Star“, schluchzte er benommen. Als er zum Ausritt gelangte, wurde er gleich in Empfang genommen. Doch es waren nicht Frau oder Herr Sanders, die Classic Star die Abschwitzdecken überwarfen, damit
sich der Schimmel keine Erkältung einfing, es war Julios Vater.
„Papa?“, schrie Julio außer sich. Mit einem Satz sprang er aus dem Sattel und fiel seinem Vater um den Hals.
„Papa, du bist wirklich gekommen.“
„Siehst du, du wolltest nicht auf mich hören. Ich habe dir gesagt, sei nachgiebig mit ihm, er wird das Springen schon noch erlernen. Eines Tages werde ich dich am Ausritt in Empfang nehmen und
dich daran erinnern, dass du vor wenigen Jahren den Glauben an dieses Pferd verloren hattest.“
„Dass du gekommen bist. Danke, danke!“, schluchzte Julio benommen.
„Ich bin stolz auf dich, mein Sohn. Das war eine ganz ausgezeichnete Runde.“ Julios Vater wischte die Tränen aus seinen Augenwinkeln und betrachtete Classic Star. „Wie wunderschön er geworden
ist, der Schimmel. Was Liebe ausmacht. Gib ihn niemals her Julio, hörst du“, appellierte er an das Gewissen seines Sohnes.
„Niemals, das verspreche ich dir!“ weinte Julio ergriffen. Noch immer hielt er seinen Vater fest im Arm. Es war, als wollte er ihn nie wieder loslassen.
Classic Star placierte sich in seinem ersten S- Springen auf einem guten dritten Platz. Er war nicht so geschmeidig wie die kleineren Pferde, brauchte mehr Raum und Platz für die engen Wendungen
um die Hindernisse herum. Für Julio war es dennoch ein Erfolg auf der ganzen Linie. Dieses Pferd hatte er von Fohlen auf an großgezogen. Es versorgt und ihm all seine Liebe gegeben. Die
Ausbildung übernommen und heute, da Classic Star sieben Jahre alt war und somit reif genug, sein erstes S- Springen zu gehen, waren sie ihr erstes schweres Springen geritten. Viele weitere
Prüfungen würden vor ihnen liegen und eine wundervolle Zeit für Pferd und Reiter anbrechen. Große Ziele vor Augen und langersehnte Träume eines jungen Mannes, die endlich wahr werden
würden.
An Nationenpreisen teilnehmen. Vielleicht einmal für das eigene Vaterland reiten und die italienische Flagge auf den größten Turnieren der Welt präsentieren und verteidigen zu dürfen.
8 Jahre später
Der Schimmelwallach Classic Star blickte auf bewegende, sporterfolgreiche Jahre zurück. Zusammen mit seinem Reiter Julio hatte er beinahe Hundertausend Euro an Gewinnsumme eritten.
Die größten Erfolge hatten Pferd und Reiter in ihrem Heimatland gefeiert. Julio fuhr zwischendurch mit Classic Star immer wieder nach Italien, um die italienische Flagge auf großen Turnieren zu
vertreten. Es gab nicht viele gute Reiter aus dem Land der Pastaspeisen und Olivenbäume. Was den Italienern fehlte, waren hervorragende Pferde sowie gute Trainer.
Julio hatte sich in Deutschland mittlerweile seinen eigenen Turnierstall aufgebaut. Einen Stalltrakt auf einem großen Gestüt angepachtet, auf dem er Pferde und Reiter trainierte. Pferde die
bereits ausgebildet und erfolgreich auf dem Turnier vorgestellt worden waren, wurden verkauft. Von dem Erlös finanzierte Julio seinen Lebensunterhalt. Monatlich unterstützte er zusätzlich seinen
Vater in Italien um diesem einen annehmbaren Altersruhesitz bieten zu können. Seinen Vater hätte man nicht in eine Zweizimmerwohnung verfrachten und ihn dort den ganzen Tag vor den Fernseher
setzen können. Eingegangen wie eine Primel wäre er. Eine Aufgabe musste her. Eine Wohnung auf einem Pferdehof, auf dem er noch einige Stunden am Tag als Trainer arbeiten durfte.
Julio lebte nicht im Luxus, er war weder reich noch arm. Er arbeitete hart um sich und die Pferde durchzubringen. Mittlerweile hatte er Classic Stars Tochter, Classic Girl trainiert und
sie war beinahe ebenso erfolgreich wie ihr Vater. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge erinnerte sich Julio an den Tag, als Classic Star über den Zaun gesprungen war und die junge Stute
auf der Nachbarweide gedeckt hatte. Kurz darauf hatte man den Schimmel legen lassen. Ihm seine Männlichkeit genommen. Als Hengst war er nicht gut genug. Als Zuchthengst wäre er nicht geeignet
gewesen. Julios Traum war es gewesen, Classic Star später einmal über errungene Erfolge kören zu lassen. Das wäre ihm durchaus gelungen, wenn sein Vater ihn nicht überredet hätte, Classic Star
schlussendlich kastrieren zu lassen. „Ein durchgeknallter Hengst ist niemals so leistungsbereit wie ein Wallach, der ein ruhiger Vertreter ist und dessen Hormone nicht überschäumen“, lauteten die
Worte seines Vaters.
Julio hatte sich diesen nicht widersetzen wollen. Dennoch gab es eben diese eine Tochter von dem großen Schimmel und so wie es schien, würde sie in die Fußstapfen ihres Vaters treten. Mit ihr
könnte man überdies noch züchten und die wertvolle Contenderlinie zu erhalten.
„Classic Star ist fünfzehn Jahre alt. Was soll aus ihm werden? Seine besten Zeiten sind bald vorbei“, hieß es eines Tages aus Italien. Julios Vater war besorgt um die Zukunft seines Sohnes. Ihm
war klar, dass ein Pferd in Deutschland mehrere hundert Euro jeden Monat in der Unterhaltung kostete und ein Nichtsnutz, ein sinnloser Fresser, alsbald abgeschafft werden musste. Er war nicht
herzlos, er war Realist. „Ich kann und werde ihn nicht verkaufen“, wies Julio sämtliche Vorschläge seines Vaters, sich von dem Schimmel zu trennen, zurück. Ich habe Classic Star versprochen, dass
er bei mir bleibt, bis dass der Tod uns scheidet.“ „Ich weiß, dass du ein gutes Herz hast, mein Sohn. Doch du musst daran denken, dass auch du irgendwann einmal Familie haben wirst. Ihr braucht
jeden Cent. Du kannst dir kein unnützes Fass ohne Boden leisten.“ Die Worte seines Vaters prallten an Julio ab. Sich von Classic Star zu trennen wäre für ihn niemals infrage gekommen.
Eine junge Frau stand vor der Box des Schimmels. Genüsslich koppte dieser, während sie verträumt durch die Gitterstäbe zu ihm blickte und ihn mit Hingabe betrachtete. „Welch ein wunderschönes
Pferd“, staunte sie. „Classic Star“, antwortete Julio. „Mein bester Freund.“ Anerkennend nickte sie. „Das glaube ich sofort. Er ist wundervoll. Ist er verkäuflich? Ich würde ihn sofort nehmen.
Vom Fleck weg.“ „Obwohl er koppt?“, fragte Julio erstaunt. „Ja, das ist seine Eigenart. Jedes Pferd hat Eigenarten. Es macht sie einzigartig. In ihrer Jackentasche kramte sie nach einem
Leckerchen und steckte es dem Pferd durch die Gitterstäbe. „Du darfst gern einmal in seine Box hineingehen, wenn du möchtest“, erlaubte Julio der jungen Frau. Sie strahlte dankbar. „Vielen Dank“,
sagte sie mit roten Wangen. Liebevoll streichelte sie über mein Fell. „Weißt du eigentlich wie hübsch du bist?“, fragte sie leise. Mit meiner Nase stöberte ich in ihrer Jackentasche. Auf der
Suche nach den gutschmeckenden Leckerchen war ich. Wurde auch gleich fündig. „Hey, die sind nicht alle für dich“, lachte sie. Ihre Hand war warm. Roch angenehm. Ein freundlicher, gutherziger
Mensch. Ich mochte sie gleich. Nicht alle Menschen mochte ich. Manche hatten kalte Hände, berührten mich gefühllos. Betrachteten mich abwertend, hatten keinen Glanz in ihren Augen.
„Er ist nicht zu verkaufen. Und wenn dann nur für ganz viel Geld“, sagte Julio lachend. „Wobei er mit
Geld gar nicht zu bezahlen ist. Ich habe ihm unheimlich viel zu verdanken. Er hat nur Gutes für mich getan. Unzählige Jahre war er mir ein treuer Gefährte.“
„Wie alt ist er?“
„Fünfzehn.“
„Dann ist es bald vorbei. Was geschieht später mit ihm?“ „Er wird eine schöne Rente bekommen. Zuhause in Italien. Unter den Olivenbäumen darf er den Rest seines Lebens verbringen.“
Die junge Frau kraulte meine Ohren. Vorsichtig legte ich meinen Kopf auf ihre Schultern. „Ich habe niemals ein Pferd wie dieses gesehen“, sagte sie verträumt. Sie war in Gedanken
versunken. Diese Tiefe in ihr, ihre reine Seele fühlte ich gut an diesem Tag. „Ihn zu reiten, muss eine wahre Freude sein. Ein außergewöhnliches Erlebnis“, schwärmte sie.
„Bitte, wenn Sie irgendwann dieses Pferd verkaufen möchten oder gar müssen, rufen Sie mich bitte an“, sprach sie zu Julio, während sie sich von mir verabschiedete. „Auf Wiedersehen, Classic
Star.“ Mit einer kleinen Träne im Auge streichelte sie meinen Hals. Auf meinen Nasenrücken drückte sie mir einen sanften Kuss. „Vergiss nie, wie wundervoll du bist“, flüsterte
sie.
„Woher weiß ein Mensch, wie großartig ein Pferd ist, das er zuvor nicht einmal unter dem Sattel gesehen hat? Ein Pferd, dem er zum allerersten Mal überhaupt in der Box begegnet. Ihm
gegenübersteht ohne zu wissen, dass dieses Pferd Nationenpreise gewonnen hat und für seinen Reiter durchs Feuer geht? Classic Star trug die Stalldecke, diese hässliche, du weißt schon und sie hat
ihn angesehen, als wäre dieser Schimmel Gott persönlich.“ Julio musste seine Gefühle mitteilen. Fasziniert war er von der Begegnung dieser Frau und seinem Pferd.
Der Blick, mit dem sie Classic Star angesehen hatte, so tiefsinnig hatte seinen Schimmel kein anderer Mensch angesehen. In all den Jahren nicht. Weder auf einem Turnier, noch im Stall, noch sonst
wo.
„Und sie hat ihn niemals zuvor gesehen, bist du sicher? Auf einem Turnier vielleicht?“, überlegte der Stallbursche, dem Julio von der eigenartigen Begegnung mit der fremden Frau erzählt hatte.
„Dieses Pferd hat sie angesehen, als wären seit Jahren Freunde. Seinen Kopf hat Classic Star auf ihre Schulter gelegt. Du hättest es sehen müssen, Bill.“ „Es gibt Seelenverwandtschaften zwischen
Menschen und auch Tieren“, überlegte Bill nachdenklich. „Ach, glaubst du an so einen Hokuspokus?“ winkte Julio ab. „Ja, ich glaube daran. Seelen begegnen sich niemals zufällig.
Was
wollte diese Frau und woher kennst du sie?“
„Sie hat sich auf eine Verkaufsanzeige hin gemeldet. Sie wollte ein Pferd kaufen. Aus meinem Stall. Für das Pferd, für das sie hergekommen war, hatte sie kein Auge mehr, nachdem sie den Schimmel
gesehen hat. Ihr Blick blieb gleich an Classic Star hängen und sie kam nicht von ihm los. Ihr Herz hat sie an dieses Pferd verloren. Obwohl sie das andere Pferd gekauft hat, weiß ich, dass
Classic Star ihr Pferd gewesen wäre. Sie hat ihn mit demselben Blick betrachtet mit dem ich ihn betrachte. Mit dem der Liebe. Am liebsten hätte sie ihn mit nach Hause genommen. Und weißt du
was, ich hätte ihr das Pferd vielleicht sogar gegeben weil ich das Gefühl nicht loswurde, sie gehören zusammen. Ich glaube, sie wäre überglücklich gewesen und wahrscheinlich hätte sie eine Bank
überfallen wenn ich ihr gesagt hätte, das Pferd sei käuflich.
Das ist verrückt oder?“
„Er hat so viele Erfolge errungen, dein Classic Star. Einen schönen Lebensabend hat er sich alle Male verdient. Wie soll es denn überhaupt mit ihm weitergehen, Julio?“ Herr und Frau Sanders
besuchten ihren ehemaligen Zögling, den jeder aus der Familie ins Herz geschlossen hatte. Oftmals besuchte man sich spontan an den Wochenenden wenn keine Turniere ins Haus standen. Julio
trainierte noch immer ein bis zwei Pferde der Sanders und man stand somit in engem Kontakt zueinander. Tauschte sich gegenseitig aus, fragte um Rat und klönte über vergangene Zeiten.
Gesprächsthema Nummer eins war und blieb der ehemalige Chef Julios, August.
„Der August hat doch immer versucht mir das Pferd abzukaufen. Seine Freunde schickte er vor, die mir Geld boten in der Hoffnung, ich würde Classic Star endlich verkaufen. Nur weil er es nicht
ertragen konnte, dass wir seinem Stall mehrere Siege streitig gemacht haben. Wie lächerlich. Für mich stand niemals zur Debatte das Pferd zu verkaufen.“
„Es ist toll was du auf die Beine gestellt hast, Julio. Die Reitanlage hier ist wundervoll. Unzählige Besitzer würden sich darum reißen, dass du ihre Pferde ausbildest. Du hast wahrscheinlich
mehr Anfragen als Kapazitäten, deren Pferde zu reiten und unterzubringen.“
Herr Sanders war Realist. Ebenso wie Julios Vater. Julio wusste genau worauf er hinauswollte. „Nein, es ist keine Option dieses Pferd zu verkaufen nur weil ich Platz bauche. In ein paar Jahren
schicke ich ihn nach Italien auf einen kleinen Hof. Dort soll er sein Gnadenbrot erhalten.“
Classic Star hatte die letzten Jahre die meisten Stunden des Tages in einer Box verbracht, die nur den Standardmaßen entsprach. Gehalten und behandelt worden war er allerdings wie ein
Superathlet. Morgens ging es für eine Stunde in die Führanlage oder auf das Laufband. Abends wurde er geritten. Springtraining gab es nur selten, da der große Schimmel springen konnte und man es
ihm nicht mehr beibringen musste. Stattdessen gymnastizierte man seine Sehnen, Bänder und Gelenke. Der Rücken sollte geschmeidig gehalten werden, damit er elegant über die Hindernisse sprang. Ein
paar Mal die Woche durfte er unter das Solarium. Classic Star genoss sein Luxusleben in vollen Zügen. Er kannte es nicht mehr anders. Die Zeiten in denen er mit Julio durch Wald und Flur
gestreift war, waren vorbei und vergessen. Nur noch selten wurde er unter freiem Himmel trainiert. Unter einem Himmel, an dem die Sonne unterging. Sich im anbrechenden Schatten der Nacht blutrot
färbte und der Wind die Blätter der Bäume in einem seichten Spiel um die Hufe des Pferdes kreisen ließ. Lange war es her gewesen, dass Reiter und Pferd dieses Naturphänomen der wechselnden
Jahreszeiten gemeinsam genossen hatten. Julio sehnte sich oftmals danach, spontan hinaus in die Natur zu reiten. Doch sein Terminkalender gab keinen Spielraum her für die angenehmen Dinge
eines Reiterlebens. Da mussten die jungen Pferde trainiert und Reitunterricht gegeben werden. Für Classic Star, seinen alten Freund, wurde die Zeit zusehends knapper.
In einem vornehmen Transporter reiste Classic Star mit vielen anderen Pferden von Turnier zu Turnier. Hatte sogar seinen eigenen Pfleger zugeteilt bekommen. Pferd und Reiter begegneten sich meist
nur noch auf dem Weg vom Abreiteplatz zum Parcours. Alles andere erledigte der Pfleger des Pferdes. Dieser sattelte den Schimmel auf und auch wieder ab. Versorgte ihn und fütterte ihn.
Streicheleinheiten? Selten blieb genügend Zeit, sich dem Tier emotional zu widmen. Andere Pferde mussten ebenfalls versorgt werden. Zeit bedeutete Geld und nur das Nötigste durfte erledigt werden
um Zeit einzusparen. Die einst innige Beziehung zwischen Julio und Classic Star verlosch im Grau des Alltags. Doch der Glanz in Julios Augen, sobald er den Ehrenpreis, einen Pokal und Geld
in Empfang nahm, und man Classic Star die Siegerdecke auf seinem Rücken überwarf, würde niemals vergehen. Die Dankbarkeit seinem vierbeinigen Freund gegenüber würde niemals aus seinem Herzen
verschwinden. Verkaufen? Classic Star hergeben? Daran verlor Julio keinen Gedanken!
Anna
„Wir brauchen ein Pferd für die Juniorenmeisterschaft. Annas Pferd ist ausgefallen.
Es hat sich verletzt. Hast du ein Pferd das den Ansprüchen genügen könnte und das von einem Junior zu reiten wäre, Julio?“
Julios Handy hatte gleich in der Früh geklingelt. Er lag noch im Bett und griff verschlafen nach diesem. Ein ehemaliger Freund aus Italien war am anderen Ende der Leitung. Ziemlich aufgebracht
schien er auf der dringenden Suche nach einem passenden Pferd zu sein. Anscheinend gab es ein Problem. „Juniorenmeisterschaft?“ Julio war mit einem Male hellwach. „Ja, Italien hat eine Mannschaft
zusammengestellt. Allerdings sind es nur drei Reiter von möglichen Vieren. Wenn Anna ausfällt, fällt die ganze Mannschaft ins Wasser, Julio. Bitte, du musst uns helfen.“
„Kann sie zum Training herkommen? Nach Deutschland? Sie sollte das Pferd unter meiner Anleitung reiten. Falls es funktioniert, kann sie es mitnehmen nach Italien.“
„Julio, du bist ein Engel!“ Die pure Freude brach am anderen Ende der Leitung aus. Irgendwo in Italien. „Bellissima. Gracias!“
Anna war ein junges Dingen von vierzehn Jahren. Großgewachsen aber schmächtig. Julio glaubte, sie hätte sie in Italien nicht genug zu essen bekommen. „Du liebe Güte bist du dünn“, schmunzelte er.
„Ich weiß nicht ob du mit Classic Star zurechtkommst. Er ist ein großes, starkes Pferd und man braucht einiges an Kraft.
„Ich reite nicht mit Kraft, ich reite mit Gefühl“, antwortete Anna vorwitzig. „Ein Pferd kann man nicht brechen. Man kann es höchstens bitten. Mit fünfundvierzig Kilogramm Körpergewicht kann ich
dein Pferd bitten mich über die Hindernisse zu tragen, überzeugen kann ich es sicherlich nicht.“ Julio war schwer angetan von den Worten des Mädchens. Es würde das allererste Mal sein, dass ein
fremder Reiter Classic Star reiten sollte. Niemals zuvor hatte jemand anderes auf dem Rücken des Schimmels gesessen, außer Julio. „Ich weiß nicht, ob es funktioniert, aber wir versuchen es. Hast
du keine Angst mit einem fremden Pferd über so hohe Hindernisse zu springen?“ Anna schüttelte energisch den Kopf. Sie schien mutig und großherzig zu sein. Angst in der Tat nicht zu kennen.
„Das ist also Classic Star“, sagte sie leicht ergriffen, als Julio ihr den Schimmel zeigte. „Der ist ja riesig!“
„Hast du jetzt etwa doch Angst bekommen?“
„Nein! Aber so ein großes Pferd bin ich noch nie geritten. Mein Pferd ist recht klein und wendig. Wenn es drei Galoppsprünge macht, macht Classic Star wahrscheinlich nur einen“, überlegte das
hübsche, schmächtige Mädchen.
Mit aufmerksamen Augen wie die eines Gepards beobachtete Julio die Reitkünste seiner jungen Gastreiterin während sie den Schimmel Probe ritt. Zweifelsohne war sie im Sattel begnadet. Eine Amazone
wie sie im Buche stand. Schnell hatte sie sich an die riesigen Galoppsprünge des Schimmels gewöhnt und beinahe spielerisch absolvierte sie einen kleinen Parcours. Classic Star schien es zu
gefallen mit einem Fliegengewicht im Sattel über die Hürden zu springen. „Er ist grandios“, rief Anna. Ihre Augen strahlten. Vom ersten Augenblick an liebte sie diesen Schimmel. Gleich als sie
sich in den Sattel setzte war es als kannte sie das Pferd seit Jahren. Man sagt, die ersten Schritte sind entscheidend. Wohlfühlen muss man sich im Sattel. Sollte dies nicht der Fall sein, passt
das Pferd eben nicht. Nicht jedes Pferd und jeder Reiter passen zusammen.“
„Ihr harmoniert sehr gut“, lobte Julio Pferd und Reiter. Angenehm überrascht war er, dass es mit den beiden so gut funktionierte. „Das hätte ich nicht gedacht“, staunte er.
„Classic Star ist sehr fein ausgebildet. An einem Finger zu reiten“, stellte Anna anerkennend fest. „Du hast ihn toll ausgebildet. Jedes kleine Kind könnte ihn reiten.“
Die nächsten Tage zeigten klar und deutlich, dass Anna und Classic Star perfekt miteinander harmonierten. Julio müsste sich keine Sorgen machen, das Pferd mit nach Italien zu geben.
„Ich wünsche mir, dass Italien gewinnt. Auch mit nur drei Reitern!“ Julio klopfte Anna freundschaftlich auf die Schulter, nachdem Classic Star in den Transporter des italienischen Trainers
verladen worden war. „Pass mir gut auf mein Pferd auf“, sagte er und die beiden Männer umarmten sich innig. „Danke Julio. Ich weiß zu schätzen was du für einen guten Freund und dein Vaterland
tust.“
„Vierzehn Jahre alt das Mädchen und reitet schon international wie ein Profi“, sprach Julio leise, als sich der Transporter in Bewegung setzte. Ein wenig flau war ihm wohl in der Magengegend. Es
war das erste Mal seit langer Zeit, dass er ohne seinen geliebten Classic Star sein würde. In drei Wochen war das Turnier in seinem Heimatland und in vier Wochen erst würde er seinen geliebten
Schimmel wiedersehen.
Doch wie das Leben so spielt, blieb keine Zeit für Trauer oder sich in Gedanken der Sehnsucht zu verlieren. Julio war beruflich viel zu stark eingespannt und es gab immer etwas zu tun, das ihn
ablenkte. Anna schrieb regelmäßig Nachrichten und schickte Fotos. Classic Star schien sich in seiner neuen Umgebung wohlzufühlen. Mit der an einer Erkrankung laborierenden Stute von Anna,
teilte er sich eine Weide und die beiden Pferde waren ziemlich beste Freunde geworden. „Für mich reißt er sich ein Bein aus dein große Schimmel“, schwärmte Anna.
Ungewohnt war es, dass sich ein Mensch gleichzeitig in meinen Sattel schwang und sich täglich, beinahe in jeder freien Minute um mich kümmerte. Die Zuneigung des Mädchens genoss ich in vollen
Zügen. Anna hatte immer eine Möhre oder einen Apfel dabei und ich durfte in ihrer Jackentasche nach den Leckereien suchen. Sie schimpfte selten mit mir. Auf die Weide durfte ich und zunächst
wusste ich gar nichts mit mir und der Freiheit anzufangen. Ein wenig unruhig lief ich hin und her, fischte ein paar Grashalme aus der Erde und streckte meinen Rücken der Sonne entgegen. Das Licht
und die Sonne taten mir gut. Anna ritt sogar mit mir hinaus in den Wald. Wie lange war es her gewesen, dass ich über Stoppelfelder galoppieren durfte? So lange, dass ich mich nicht mehr
erinnerte. Vor ein paar auffliegenden Vögeln erschreckte ich mich. Und vor dem Wind, der in den Bäumen raschelte. Anna saß leicht wie eine Feder auf meinem Rücken. Es war herrlich mit ihr über
die Felder zu fliegen. Einige Bocksprünge legte ich hin. Aus purer Lebensfreude. Ob ich meinen Freund Julio vermisste? Ja, ich vermisste ihn. Doch die Zuneigung die mir Anna gab, ließ den Schmerz
verblassen. Meine kleine Freundin kümmerte sich rührend um mich. Sobald ich nur einen falschen Pups machte, lief sie stundenlang mit mir spazieren. Aus Angst, ich hätte eine Kolik bekommen
können. Meinen Schweif wusch sie, säuberte die Mähne, bürstete mich drei Mal am Tag. Streichelte mich unendlich liebevoll und erzählte mir aus ihrem Leben. Von ihrer ersten großen Liebe. Er hieß
Francesco und ihre Eltern durften von der Liebschaft nichts wissen. Sie teilte ihr Eis mit mir und brachte mir Bananen. Neuerdings liebte ich Bananen.
Das Turnier absolvierte ich für Anna mit Links. Ohne einen Fehler beendeten wir den Parcours. Wie sie strahlte an diesem Tag. Innerlich jubelte sie. Und nicht nur sie. Die Menschen waren
ausgelassen und fröhlich. Viele kamen zu mir an die Box, nur um mich zu anzusehen und mir zu danken. „Und das ist also Classic Star?“, staunten sie. Es gab Äpfel und altes Brot für mich. Im
Betteln war ich der King und ich legte meinen Kopf lustig schief. Ein Charmeur konnte ich sein. In der Hoffnung, es würde noch viel mehr von dem Süßkram geben. Meine Gebete wurden erhört und am
Ende des Tages wurde mir die Siegerdecke aufgelegt. Oh wie ich diesen Augenblick liebte, sobald ich in den Parcours hineingehen durfte um mir den Siegerpreis abzuholen. Bejubelt und beklatscht
wurde vom Publikum. Ich aalte mich regelrecht in meinen Siegeslorbeeren. Ganz still und wahnsinnig stolz stand ich da wie eine Statue. Ich wusste genau dass ich meine Sache gut gemacht
hatte.
„ Ich möchte dass er hier bleibt, Vater. Ich möchte ihn nicht mehr hergeben!“ Anna bettelte, Classic Star
behalten zu dürfen. Sie hatte Träume die sie unbedingt realisieren wollte und sie spürte genau, dass Classic Star das Pferd war, mit dem sie diese verwirklichen könnte. „Soweit ich weiß, möchte
Julio das Pferd nicht verkaufen“, antwortete ihr Vater lethargisch. Ihm würde es schwerfallen, den Schimmel und seine Tochter wieder auseinanderzureißen, doch so war das im Leben. Wie gewonnen,
so zerronnen. Er versuchte die Nerven zu behalten und sich nichts anmerken zu lassen. Die Bilder in seinen Augen wollten jedoch nicht verblassen. Jene, in denen er mit angesehen hatte, wie leicht
und spielerisch dieses Pferd sein geliebtes Kind über die Hürden getragen hatte. Für ihn war dieses Tier ein Wunder. „Dafür dass er von einem Mann geritten und ausgebildet worden ist und ein Kind
dieses Pferd problemlos nachreiten kann, ist für mich wie ein Wunder“, betonte er stets in den Reiterkreisen, in denen Anna und Classic Star in aller Munde waren.
„Ihr müsst das Pferd kaufen. Anna wird noch viele Erfolge mit dem Schimmel feiern. Ihr könnt ein Team wie dieses nicht auseinanderreißen.“ Die Worte der Familie, des Trainers und die seiner
Tochter zerrissen ihm das Herz. Doch er war an den Wunsch Julios gebunden, der sich keinesfalls von seinem Pferd trennen wollte.
„Frag ihn. Sprich mit ihm. Bitte ihn. Wir gehen zur Bank und nehmen uns einen Kredit auf wenn es sein muss. Du kannst Anna das Pferd nicht mehr wegnehmen.“ Annas Mutter versuchte an die
Seelenspitze ihres Mannes zu appellieren. Der Gedanke Classic Star und ihre Tochter zu trennen, brach ihr das Herz. Niemals hatte sie Anna so fröhlich gesehen und das Mädchen hatte es nicht immer
leicht gehabt im Leben. In jungen Jahren war sie bereits an einem bösartigen Tumor erkrankt und eine lange Leidensgeschichte lag hinter dem tapferen Kind. Nur ihre geliebten Pferde und der
Wunsch, niemals aufzugeben, hatten ihr geholfen, die schwere Krankheit zu überstehen und den Krebs schlussendlich zu besiegen.
„Wir würden Classic Star gern kaufen.“ Annas Vater hatte sich schließlich ein Herz gefasst und die unmöglich erscheinenden Worte ausgesprochen. Mehrere Male hatte er geübt bevor er tatsächlich
zum Hörer gegriffen und nach Deutschland telefoniert hatte. Dass es eine schwierige Verhandlung werden würde, darauf war er gefasst gewesen. Doch das Telefonat endete anders als erwartet. Julio
erwähnte nicht einmal, dass er das Pferd nicht verkaufen wolle. Stattdessen fragte er: „Was würden Sie für den Schimmel bezahlen?“ Annas Vater war darauf nicht vorbereitet gewesen. Niemand in der
Familie hatte ein Wort darüber verloren, was man an Geld ausgeben könnte, um Classic Star zu kaufen. „Wir bezahlen das, was Sie für ihn haben möchten, Julio.“
Julio hatte sich tagelang das Video von Anna und Classic Star angesehen. Noch bevor ihr Vater ihn angerufen hatte. Wieder und wieder hatte er den Ablauf betrachtet. Vor und zurückgespult. In
Zeitlupe alles haargenau angesehen. Den Ritt analysiert und schlussendlich war er zu dem Entschluss gekommen, dass es fatal wäre, dieses wundervolle Team auseinanderzureißen. Die Freude seines
Pferdes wie es über die Hindernisse sprang, war unübersehbar und das Talent dieser noch jungen Reiterin nicht zu verachten. Pferd und Reiterin harmonierten über schwierigste Distanzen und Anna
liebte Classic Star. Wenn jemand dieses Pferd verdient hatte, war sie es. Julio brauchte keine weitere Nacht, um seine Entscheidung zu überschlafen. Würde man ihn fragen ob Classic Star in
Italien bleiben dürfte, würde er dies bejahen und sein Herz würde ihm Vergebung schenken. Niemals hätte er es sich verzeihen können, Anna und Classic Star zu trennen. Und nein, er wollte kein
Vermögen an diesem Pferd verdienen. Er wollte lediglich, dass es seinem besten Freund gut ergehen würde.
„Eine Bitte habe ich allerdings“, ließ er am Ende des Gesprächs verlauten. „Wenn Classic Star in Rente geht, kommt er zu mir zurück. Ich möchte niemals ertragen müssen, dass es ihm
schlecht geht. Ich möchte für ihn sorgen, wenn er alt ist. Er hat es verdient.“
„Wir werden sicher auch für ihn sorgen“, versprach Annas Vater. Dennoch war ihm der Herzenswunsch von Julio verständlich. Sein Wort gab er ihm, dass man sich einigen würde über die Rente des
Pferdes, sobald es so weit sein sollte.
„Er ist so kernig und gesund. Munter und fit. Er wird Anna noch viele Jahre Freude bereiten“, beendete Annas Vater das Gespräch. Ein riesiger Felsbrocken fiel ihm vom Herzen. Er wusste gar nicht,
wie er diese freudige Nachricht Frau und Tochter überbringen sollte. Man würde ihn ausgiebig umarmen und sicherlich umbringen vor Begeisterung der Freude.
Anna weinte, als sie die Nachricht erfuhr.
Annas Mutter weinte ebenfalls und lag ihrem Mann dankbar in den Armen. In wenigen Sekunden lief ein Film von mehreren Jahren vor ihren Augen ab in dem sie durch die Hölle gegangen war. Die
Krankheit der Tochter und das Happy End, an das niemand mehr so recht hatte glauben wollen. Die Ärzte hatten keine gute Prognose gestellt und dennoch hatte Anna sich hingegen aller schlechten
Prognosen tapfer zurück ins Leben gekämpft. Mit der italienischen Juniorenmannschat gewann sie sogar den Meistertitel im Springreiten und soeben war sie stolze Besitzerin eines wundervollen, ganz
fantastischen Pferdes geworden. So viel Freude, pure Euphorie, das war gar nicht so leicht zu verarbeiten. Tränen, Tränen und nochmals Tränen kullerten bei allen Beteiligten.
„Ich werde dich lieben und behüten wie meinen eigenen Augapfel“, versprach Anna ihrem Classic Star und es war, als hätte dieses intelligente, schlaue Pferd, jedes ihrer Worte verstanden.
Drei weitere Jahre später
Anna und ihr Pferd Classic Star blickten auf drei wundervolle gemeinsame Jahre zurück. Nicht einmal hatte
der Schimmel das Mädchen enttäuscht. Im Gegenteil. Immer und stets hatte er sein Bestes gegeben. Unzählige Siege in Juniorenprüfungen gingen auf ihr Siegeskonto. Zahlreiche Auszeichnungen und
Titel schmückten Annas reitsportliche Karriere. Schleifen, Pokale und Siegerdecken hingen in ihrem Zimmer. Ein Rückblick auf eine wundervolle Zeit, die ein Lächeln in das Herz des Mädchens
zauberte. Doch alles im Leben war vergänglich. Erfolg und Glück sowieso.
Der Abschied war nah.
Classic Star war mittlerweile 18 Jahre alt. Noch immer stand er im Saft des Lebens, war kernig wie eh und je, bereit über die Hürden zu springen und Leistung zu erbringen. Doch für Anna war
klar, dass sie dem Schimmel den wohlverdienten Ruhestand schenken wollte. Er sollte nicht länger über Hindernisse springen müssen. „All die Jahre über war er gesund. Hat nie ein Zipperlein oder
Wehwehchen gehabt. War nicht einmal lahm, hat keine Kolik gehabt, sondern sich immer bester Gesundheit erfreut. Ich möchte dass er seinen Lebensabend auf einer immergrünen Wiese verbringt und
dort mit seinen Freunden bis an das Lebensende herumtollen und alt werden darf. Niemals wieder soll ihm jemand einen Sattel auflegen. Er hat seine Dienste getan. Wir sind ihm etwas schuldig,
nicht er uns. Classic Star ist ein Pferd dem ein Denkmal gesetzt werden müsste. Für besondere Leistungen im Turniersport.
In vierzehn Jahren hat er nicht einmal den Dienst verweigert. Selbst mit mir übersprang er jedes Hindernis auch wenn ich ihn noch so blöd davor gesetzt habe. Ich hatte nicht immer ein gutes Auge,
habe mich oftmals am Absprung verschätzt und dennoch hat er alles möglich gemacht für mich.“ Anna lachte und weinte zugleich. Wischte die Tränen aus ihrem Augenwinkel. Seit Wochen hatte sie sich
Gedanken gemacht wo und vor allen Dingen wie, Classic Star seinen Lebensabend verbringen sollte. Anna würde ein Studium im Ausland beginnen, dort könnte sie Classic Star unmöglich mitnehmen. In
Italien wären sogenannte Gnadenbrotplätze unbezahlbar und kaum auffindbar. Julio hatte allerdings die rettende Idee, Classic Star zurück nach Deutschland zu holen und ganz in seiner Nähe auf
einem Reiterhof unterzubringen. Er sprach in schillernden Tönen davon, dass viele erfolgreiche Pferde auf eben diesem Hof ihr Gnadenbrot erhielten und er sich dort bereits umgesehen hätte.
„Classic Star würde es dort an nichts fehlen. Er wäre in meiner Nähe und ich könnte regelmäßig nach ihm schauen. Allerdings müsste eine monatliche Summe für seinen Unterhalt aufgebracht werden.
Wäre das möglich?“
Für Annas Eltern bedurfte es keiner Frage, dass sie den Aufenthalt des Pferdes finanzieren würden.
„Sicherlich ist es das Beste für ihn, wenn sich jemand um ihn kümmert und nach dem Rechten sieht!“
Zwei Wochenenden später, nachdem Classic Star mit Anna das letzte Turnier gelaufen war und man von dem großen Schimmelwallach gebührenden Abschied genommen hatte, kehrte er mit dem Transporter
nach Deutschland zurück. Anna war am Boden zerstört. Sie war nicht mehr sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, Classic Star zurück nach Deutschland zu schicken. Ein hilfloses
Wesen, welches der Willkür seiner Besitzer ausgeliefert war, schien ihr augenblicklich ein schrecklicher Umstand zu sein. Classic Star war glücklich gewesen in Italien. Ein altes, jedoch gesundes
Pferd, das einem anderen Mädchen vielleicht noch viel Freude bereitet hätte, erhielt nun sein Gnadenbrot und fremde Menschen sollten sich um das Wohlergehen des Tieres kümmern. War es fair, die
Verantwortung gewissenlos abzugeben? Würden diese Leute überhaupt wissen, was der Schimmel gerne fraß? Würden sie ihm zerdrückte Bananen und Äpfel unter sein geliebtes Mash mengen und Leinsamenöl
darüber kippen damit sein Darm schön geschmiert wurde und er nicht an Kolik erkrankte? Ihn regelmäßig striegeln und Acht geben, weil er unter dem Bauch kitzelig war? Dürfte er im Winter unter das
Solarium, um seinen Rücken aufzuwärmen? Er wurde schnell steif wenn der Rücken kalt war. Würde man auf die Eigenheiten des Pferdes Rücksicht nehmen? Ihm im Winter die Decke anziehen und ihn im
Sommer vor den Fliegen schützen? Würde man ihn ebenso sehr lieben, wie Anna dieses Pferd geliebt hatte?
Der Abschied von ihrem geliebten Freund fiel ihr unendlich schwer. Das bevorstehende Studium war ein großer Schritt in ein bewegtes, neues Leben. Tierärztin wollte Anna werden und dafür nahm sie
billigend in Kauf, für längere Zeit nicht mehr reiten zu können und sich von ihrem besten Freund trennen zu müssen. Es brach ihr das Herz, Classic Star herzugeben.
Anna weckte mich früh am Morgen. Mein
Lieblingsfutter gab es, Bananen, Äpfel und Mash, welches sie lauwarm in meinen Trog füllte. „Nur das Beste für dich, mein Bester“, sagte sie mit einem Seufzer. Eine Traurigkeit spürte ich in
ihrem Wortlaut.
Mit dem Striegel gab es eine ausgiebige Fellmassage. „Du bist so wunderschön“, sagte sie nachdenklich.
Ob sie mit mir an diesem kalten Vormittag Ende September, an dem sich der Nebel über die Felder legte wie ein Silberschleier der alles verzauberte und die Welt gänzlich Ton in Ton hauchte,
ausreiten ginge? Wir durch die Felder streifen und den nahenden Herbst mit seinem leuchtenden Farbenspiel in den Blättern der Bäume begrüßen würden? Ungeduldig scharrte ich mit den Hufen, in
freudiger Erwartung, dass sie mir den Sattel auflegte. Stattdessen warf sie mir die Paradedecke über, die wir auf dem letzten Turnier gewonnen hatten. An meine wertvollen Beine zog sie die
Transportgamaschen. Wertvoll, weil die Reiter sagen, nichts sei schlimmer als ein Springpferd mit einer verletzten Sehne. In all den Jahren in denen ich als Sportpferd arbeitete, hatte man gut
Acht gegeben auf mich. Nicht einmal war ich krank gewesen. Anna weinte plötzlich. Mit zittrigen Händen band sie den kleinen Anhänger in mein Halfter, auf dem "Schutzengel" geschrieben stand. Mit
ihrer Hand fuhr sie fahrig über meinen Mähnenkamm.
Eine Träne fiel auf mein Fell.
Für den Transport hatte Anna mir die schöne schwarze
Decke angezogen. Die mit dem goldenen Rand. „Damit du nicht frierst. Es ist eine lange Fahrt und der Herbst steht in den Startlöchern, Classic Star. Scheren wollte ich dich nicht mehr. Du wirst
dort sicher den Tag über auf der Weide verbringen und nur nachts im Stall sein, da brauchst du dein Winterfell.“ Liebevoll strich sie mir noch einmal über die Augen nachdem sie die Gurte der
Decke verschnallt hatte. Auf meine Nüster gab sie mir einen Kuss. Steckte mir die Möhre zu so wie sie es immer tat, wenn sie mich wohlig warm eindeckte. An diesem Tag bedankte sie sich
außerdem bei mir. Bedankte sich für eine schöne gemeinsame Zeit. Für die vielen Jahre, die ich an ihrer Seite gewesen war. Ihre Tränen strich sie in meiner Mähne ab. Diese hatte sie zuvor
noch schön verzogen und fein säuberlich geschnitten. „Du siehst wahnsinnig toll aus!“, sagte sie leise. „Und benimm dich dort du alter Stinker“, ermahnte sie mich schluchzend, während sie mich in
den Transporter führte. Ein letztes Mal blickte sie sich zu mir um.
„Auf Wiedersehen, Classic Star“, schniefte sie.
Im LKW hing wie gewohnt mein Heunetz direkt vor meiner Nase und genüsslich knabbernd begann ich zu fressen. Annas Tränen sah ich nicht mehr. Ich war es gewohnt auf dem Transporter zu einem
anderen Stall verbracht zu werden. Wenn wir zu den Turnieren fuhren übernachtete ich oftmals in fremden Ställen. Doch wenn Anna in meiner Nähe war, musste ich keine Angst haben. Sie sorgte sich
um mich und es gab mein gewohntes Futter. Nur die anderen Pferde waren mir fremd und die Umgebung. Freundschaften schloss ich schnell. Meistens war ich der Boss unter ihnen.
Die Fahrt dauerte ungewöhnlich lange. Wohin es wohl ging? Zu einem Turnier? Meist wurde ich zum Turnier gefahren, wenn ich in den Transporter stieg.
Anna war so traurig gewesen. Wenn wir zum Turnier fuhren, war sie fröhlich. Sie lachte viel und scherzte mit mir.
Mir schien es an diesem Tag, als würde ich sie so schnell nicht wiedersehen.
Nachdem der Transporter nach unzähligen Stunden anhielt, wurde ich gleich ausgeladen. Mit meinen Transportgamaschen stakste ich völlig steif vom langen Stehen der Fahrt über die Verladerampe
hinunter.
„Hey, wie haben sie den Gaul denn angezogen? Der sieht ja aus als müsste er heute noch ein Turnier gewinnen“, wurde ich unfreundlich von einem finsteren Typen in Empfang genommen, der grob an
meinem Halfter zerrte. Ich spürte gleich, dass ich bei diesen Menschen nicht willkommen war.
Der Transporter hatte Classic Star von Italien aus zu einem Gnadenhof in der Nähe des schönen
Münsterlandes gebracht. Weite Wiesen, saftiges Gras, gesundes Heu und eine liebevolle Haltung warteten dort auf ihn. Julio hatte sich über den Hof ausgiebig informiert. Selbst namhafte
Springreiter hatten ihre ehemaligen Vierbeiner guten Gewissens dorthin gegeben damit sie in Ruhe und Würde altern durften. Julio war begeistert gewesen von den schönen Stallungen und den
Begebenheiten vor Ort. Classic Star würde es gefallen und Julio würde ihn oft besuchen.
Bei der Ankunft seines Pferdes konnte Julio aus zeitlichen Gründen nicht anwesend sein, hatte jedoch mit dem Hofbetreiber abgesprochen, dass er in nächster Zeit nach Classic Star sehen würde.
Gegen Bezahlung der ersten Monatsmiete versprach der Hofbesitzer sich nach Ankunft des Pferdes gleich um dieses zu kümmern. „Ihm wird es hier an nichts fehlen“, gab er Julio sein Ehrenwort, legte
sogar seine Hand auf seine während er mit der anderen das Geld in die Hosentasche steckte. „Classic Star ist ein besonderes Pferd. Er braucht eine liebevolle Hand. Er kennt es seit Jahren nicht
anders. Bei uns war er immer die Nummer eins.“ „Ja, das sind hier alle Pferde, besonders, und so werden sie auch dementsprechend behandelt. Sorgen Sie sich nicht, Julio Wir tun unser Bestes!“
Vertrauenerweckende Worte mit denen Julio guter Dinge nach Hause fuhr. Sein Tag war noch lange nicht beendet obwohl es bereits spät am Abend war. Den Reitunterricht hatte er noch zu geben und
zwei Berittpferde mussten gearbeitet werden. Gleich am nächsten Wochenende würde er Classic Star besuchen. Es waren nicht mehr als hundert Kilometer die seinen Hof von dem des Gnadenbrothofs
trennten. Julio machte es glücklich zu wissen, dass sein geliebtes Pferd bald wieder ganz in seiner Nähe sein würde.
„Komm mal her Simone und zieh den Gaul aus! Der trägt Transportgamaschen und eine Decke aus Samt.“ Der
finstere Typ lachte hämisch.
Ein junges Mädchen kam herbei gelaufen und zog dem Schimmel in Eile die Gamaschen von den Beinen.
Manchmal hasste Simone ihren Job. Vor allen Dingen dann, wenn ein neues Gnadenbrotpferd gebracht wurde. Jedes Mal war es dieselbe Prozedere. Die schönsten Pferde wurden zum Hof gebracht. Sahen
aus wie entsprungen aus einem Katalog für teure Reitsportartikel. Blitzblankgewienert, Mähne und Schweif handverlesen, frisch geduscht und mit den schönsten Decken ausstaffiert. Und doch war es
nicht selten, dass die eigentlichen Besitzer bei Übergabe ihrer doch so ach geliebten Lieblinge nicht anwesend waren. War es das schlechte Gewissen das sie plagte, dass sie den letzten Weg
nicht mehr auf sich nahmen? War es die Sorge der Besitzer, der Hof könnte doch nicht den hohen Erwartungen entsprechen, die man sich erhofft hatte? War es die Angst, man würde das geliebte Tier
wieder mit nach Hause nehmen, weil man sich plötzlich umentschied? Weil das Gewissen, ein altes Pferd wie ein lästiges Möbelstück zu entsorgen, über dem Egoismus sich diesem verantwortungslos
entledigen zu wollen, letztlich doch noch gesiegt hatte? Das war bisher nicht einmal vorgekommen, dass jemand sein Pferd wieder mit nach Hause genommen hätte und Simone arbeitete seit vielen
Jahren als Pferdepflegerin auf dem Gestüt, das sich neben der Pensionspferdehaltung auf die Unterbringung von Gnadenbrotpferden spezialisiert hatte. Viele Besitzer drückten ihr mit der Übergabe
der Tiere einen Zettel in die Hand mit selbstgeschriebenen Notizen darauf, wie die Tiere zu versorgen seien. Der eine fraß eine ganz besondere Kraftfuttermarke sehr gern, das andere Pferd
wiederum bekam von zu viel Hafer eine Kolik. Wieder ein anderes der Tiere benötigte Leinöl über der täglichen Kraftfutterration. Simone versprach den besorgten Besitzern stets, dass sie sich um
alles kümmern würde. Das schlechte Gewissen, lügen zu müssen, gehörte mit zu ihrem Job. Anweisung vom Chef, an die sie sich zu halten hatte. Dass die Tiere, sobald die Besitzer vom Hof
zogen, sogleich auf eine Wiese am anderen Ende des Dorfes gebracht wurden, wo so recht niemand mehr nach ihnen sah, blieb das große Betriebsgeheimnis. Da gab es für die Pferde weder Kraftfutter
noch eine Box mit Leinstroh, Spänen oder Stallmatten, wie einige Besitzer es verlangten, damit es ihren Lieblingen an nichts fehlte und sie es beinahe wie daheim hätten. Immerhin wurde monatlich
eine beachtliche Summe gezahlt, dass es den ehemaligen Supersportlern gut ging. „Wir sind doch kein First Class Hotel für weggeschmissene Tierseelen“, hatte der Chef irgendwann einmal zu Simone
gesagt. Simone hatte einige der Besitzer nach den Umständen befragt, die sie dazu trieben, ihre Pferde, die jahrelang treue Dienste geleistet hatten, einfach so unbekümmert und sorglos in fremde
Hände zu geben. „Na ja wir haben zu wenig Zeit um uns um die Pflege der Pferde zu kümmern. Beruflich sind wir zu sehr eingespannt. Da wird ein Haus gebaut und die Familie gegründet. Für den
alten, vierbeinigen Freund ist da oftmals kein Platz mehr. Die Box wird für das Nachwuchspferd benötigt, da müssen die alten Pferde einfach irgendwann gehen“, erzählten die Besitzer
wahrheitsgemäß. Immer jedoch mit dem bedeutenden Schlusssatz: „Aber jetzt hat unser Liebling es ja gut. Nun muss das Pferd nicht mehr arbeiten und darf sein Leben in Freiheit auf der Weide
verbringen. Welch ein schöner Lebensabend. Immerhin lassen wir uns dieses Stück Luxus für unseren Freund ja auch einiges kosten.“ Ob diese Aussage tatsächlich das Gewissen dieser Egoisten
beruhigte? Mit der Frage hatte sich Simone oftmals beschäftigt. Eine Antwort darauf fand sie jedoch nicht.
Simone betrachtete Classic Star aufmerksam. Welch wunderschönes Tier, dachte sie, während sie die Transportgamaschen von seinen Beinen nahm. Nicht ein Überbein an seinen Gelenken zu finden, nicht
eine Verdickung an der Sehne, nicht ein Schimmelmelanom war zu erkennen, der Wallach sah aus wie ein fünfjähriges Pferd, das soeben die beste Zeit seines Lebens feierte. An seinem Halfter hing
ein kleiner Aufhänger mit seinem Namen drauf. „Classic Star heißt du also“, sagte sie leise. Auf der anderen Seite des Schildchens war ein kleiner Engel eingraviert. Ein Schutzengel. Von dort,
woher der Schimmel gekommen war, musste man ihn sehr geliebt haben, vermutete Simone nachdenklich. „Wie alt ist er?“, fragte sie während sie über seinen glänzenden Hals streichelte.
Insgeheim bewunderte sie die fabelhafte Muskulatur des Pferdes. Der Schimmel sah aus, als wäre er gestern noch Sieger eines großen Preises gewesen. „Achtzehn!“, kam die Antwort von Andreas
und prompt ein unfreundliches: „Beeil dich Simone! Wir haben nicht den ganzen Tag lang Zeit, hier die Pferde zu streicheln.“
Traurig lief Simone mit den Transportgamaschen unter ihrem Arm in die Sattelkammer. Diese war reich gefüllt mit allerlei Reitsportutensilien der Rentnerpferde, die frisch angereist waren, für die
es jedoch keine Rückkehr mehr gab. Es war wie zu alten Zeiten der Juden, in denen man ihnen alles, was diese an Reichtümern besaßen, genommen hatte, um sie letztendlich in die Gaskammern zu
führen. Wozu sollten sie noch Hab und Gut besitzen, wo sie doch eh die letzte Reise antraten. Wozu sollten die Decken und Transportgamaschen der Pferde noch nützlich sein, wenn die Tiere
zeitnah sowieso den letzten Weg gingen…
Welch ein Verrat!
In den Nächten lag Simone wach und weinte. Die Situation war schrecklich und sie glaubte den Anforderungen, Menschen zu belügen und Tiere in ihr Verderben zu führen, nicht länger gewachsen zu
sein. Die Pferde taten ihr unendlich leid. Die Tiere konnten nicht reden, ihren Schmerz und ihre Angst nicht mitteilen. In den Augen der verstörten Tiere sah man ihre Not. Wenn man nur genau
hinsah. Hinsehen wollte.
Die letzte Station.
Der Hof für aussortierte, ehemals heißgeliebte, vierbeinige Sportler. Hier starben sie schlussendlich und das nicht unbedingt friedlich. Das Schlimmste, sie starben allein. Ohne ihre geliebten
Menschen, denen sie jahrelang treue Dienste geleistet hatten.
Simone hatte einige von ihnen regelrecht verrecken sehen. Elendig waren sie zugrunde gegangen. Jämmerlich krepiert. Auf der einen Seite war Simone froh, dass ihr Chef Andreas die Pferde immer
gleich auf die Weide karrte, dass sie das spätere Elend nicht direkt vor Augen hatte.
Viele der Pferde verstarben alsbald.
Es dauerte nie lange, höchstens ein bis zwei Jahre, dann war das Thema Gnadenbrot für die meisten Sportler erledigt. Simone wusste genau warum die Pferde nicht länger lebten. Die Tiere waren mit
den neuen Gegebenheiten, mit der abrupten Umstellung von ihrem Luxusleben in ein angeblich artgerechtes Pferdeleben, völlig überfordert. Der Organismus der Tiere war nicht ausgelegt, dass man ein
trainiertes, gut im Futter stehendes Pferd, das im Winter eine warme Stalldecke trug, plötzlich hinaus auf die kalte Weide schickte. Das Tier sich selbst überließ und es nahezu schutzlos Wind und
Wetter ausgeliefert war. Es war eine Farce, den Besitzern der Pferde weißzumachen, dass es ihren Schützlingen gut gehen würde in den letzten Lebensmonaten, weil sie die restlichen Tage artgerecht
verbringen würden. Endlich durften die Pferde artgerecht gehalten werden, welch eine fatale Aussage. Gar nichts war gut, doch Andreas lebte von der Naivität der Menschen, die ihre Pferde
herbrachten. Eine goldene Nase verdiente er sich an den Rentnerpferden. Seine Internetseite zeigte die schönsten Stallungen und eine liebevolle Betreuung rund um die Uhr. Die Stallungen gab es
tatsächlich, allerdings waren jene den Pensionspferden vorbehalten. Den jungen, knackigen Turnierpferden, die noch gut in der Arbeit standen und den Besitzern Nutzen einbrachten. „Das ist doch
viel zu teuer, wenn wir einen Rundumservice für die Rentnerpferde anbieten. Decke anziehen, Decke ausziehen, die Viecher von der Weide reinholen und sie wieder rausbringen. Ihnen spezielles
Futter zurechtmachen, wer soll das denn bezahlen? Da kannst du so einen alten Gaul lieber gleich schlachten lassen“, hatte er Simone irgendwann einmal vorgerechnet. „Wohin mit den Sachen?“,
fragte Simone zögerlich als sie Classic Star die Paradecke abnahm. Es tat ihr in der Seele weh wenn sie daran dachte, dass dieses wertvolle Tier sogleich auf einer Koppel irgendwo im Nirgendwo
untergebracht werden würde und dort Regen, Kälte, Schnee und Sturm schutzlos ausgesetzt wäre. „Na, die behalten wir. Da kräht doch kein Hahn mehr nach. Bring den Krempel ebenfalls in die
Sattelkammer und hol den Pferdeanhänger. Und besorg mal ein altes Halfter. Das gute Lederhalfter hier, das der alte Klepper trägt, braucht er jetzt nicht mehr. Das können wir für unsere
Turnierpferde behalten.“
Simone nahm unbemerkt den Schutzengelanhänger von dem Halfter des Schimmels und befestigte diesen an dem alten Halfter welches er auf der Weide tragen sollte. „Wenigstens das sollst du mitnehmen
dürfen auf deiner letzten Reise“, sprach sie leise. „Deinen Schutzengel.“
Wenige Augenblicke später sagte Andreas kaltherzig: „So, dann bringe ich unseren Kollegen hier mal zu seinen neuen Freunden.“
Gleich vom Transporter runter, sollte ich also direkt wieder in den kleineren Pferdeanhänger einsteigen. Mein Halfter zog man mir unsanft vom Kopf. Streifte ein anderes über. Es scheuerte
an meinen empfindlichen Backenknochen, war viel zu klein, alt und kaputt.
Trotz dass ich beinahe mehr als einen Tag zuvor auf dem LKW verbracht hatte, stieg ich widerstandslos in den Pferdeanhänger.
Kalt war mir. So gänzlich ohne wärmende Decke auf meinem Rücken.
Der Anhänger fuhr nicht weit. Die Dunkelheit brach bereits heran als ich vom Pferdeanhänger auf eine im Wald verlassene Weide geführt wurde. Auf dieser fünf andere Pferde ihr Dasein fristeten.
Neugierig kamen sie zum Zaun gelaufen. Freundlich sahen sie nicht aus. Eher neugierig, angriffslustig und erschöpft. Sogleich legten sie flach die Ohren an.
Drohten mir.
Typisch für eine Herde, die sich lange kennt und in der ein neues Pferd zunächst der Eindringling ist, der vertrieben werden muss. Ablehnung, Abneigung, ausgerichtet auf eine Kampfansage waren
die Tiere.
„So, dann macht es euch gemütlich“, rief der Typ, während er hinter mir den Stromzaun einhängte und mit dem Pferdeanhänger davonfuhr.
Da stand ich nun.
Völlig perplex auf einer fremden Weide zwischen fremden Pferden irgendwo im nirgendwo. Sie beschnupperten mich ausgiebig und quietschten gleich darauf um die Wette. Sie schlugen nach mir, bissen
nach mir und signalisierten mir, dass sie der Boss waren und ich nichts zu melden hätte. Mit gesenktem Kopf zog ich von dannen. Wollte mich in eine ruhige Ecke zurückziehen. Erst einmal
durchatmen nach der langen Fahrt. Etwas fressen und trinken, mich ausruhen.
Seit unzähligen Stunden war ich ohne Wasser. Wo blieb meine Futterration? Um diese Uhrzeit gab es leckeres Müsli. Aus einem Futterautomaten, der in meiner Stallbox hing. Alle drei Stunden spuckte
dieser Automat mein schmackhaftes Futter aus. Wo gab es hier den verdammten Futterautomaten? Nach einigen Runden, in denen ich unruhig hin und her gelaufen war, stellte ich mit Entsetzen fest,
dass weit und breit kein Futterautomat zu finden war
Ebenso kein Stroh, kein Heu, kein Unterstand, nichts außer einer kahlen, abgefressenen Weide war zu erblicken, auf der kaum noch Gras wuchs. Wasser war auch keines zu entdecken. Traurig stand ich
in der hintersten Ecke der Weide. Beobachtete die anderen Pferde. Aus Sorge, sie könnten mich gleich wieder angreifen.
Auch sie liefen lustlos hin und her, rangelten zwischendurch miteinander und bissen sich gegenseitig in den Mähnenkamm. Einige von ihnen waren lahm und hatten offene Wunden. Wahrscheinlich
rührten sie von Rangkämpfen her.
Die Tiere schienen gestresst zu sein. Ich hielt es ratsamer ihnen fern zu bleiben. Niemals zuvor war ich in der Nacht draußen auf einer Weide gewesen, geschweige denn hätte ich auf einer
übernachten sollen.
Ungewohnte Geräusche begleiteten mich durch die Einsamkeit der Dunkelheit.
Angst machte sich in mir breit.
Einer Situation war ich ausgesetzt, der ich nicht gewachsen war, weil ich sie in all den Jahren nicht kennengelernt hatte. In mehr als 18 Jahren hatte ich nicht einmal erlebt, dass ich
mitten in der Nacht auf einer fremden, unbekannten Weide ausgesetzt worden wäre, auf der ich für mich allein sorgen musste.
Und auch der nächste Morgen schien mir nicht besser zu sein als die grässliche Nacht, die hinter mir lag. Ich glaubte ich sei kurz vor dem Verdursten gewesen, als ich eines der anderen Pferde
beobachtete, wie es aus der Selbsttränke am anderen Ende der Weide, trank.
Völlig erschöpft trabte ich zu der Wasserstelle. Wurde jedoch von den anderen Pferden gleich verjagt. Ich hätte gefälligst zu warten, signalisierten sie mir und das ohne Gnade. Das unterste Glied
der Kette war nunmehr ich und ich hatte zwischen den Herdenführern nichts zu melden. Empfindlich getreten wurde ich schließlich von einem Rappen mit angelegten Ohren, der mich mit weit
aufgerissenem Maul wegscheuchte.
Der Schmerz fuhr bis ins tiefste Mark meiner von der langen Fahrt müden Knochen. Das erste Mal in meinem Leben, dass ich lahmte aus Schmerzen.
Die Pferde ließen sich gnadenlos Zeit, um an der Tränke zu saufen. Es war, als wollten sie mich bewusst ärgern und warten lassen. Mich hinhalten. Selbst nachdem sie mit Saufen fertig waren,
gingen sie nicht fort. Machten mir keinen Platz. Der Durst ließ mich halb wahnsinnig werden und ich bettelte um jeden Tropfen Wasser.
Die anderen Pferde zeigten kein Erbarmen.
Erst nach einer gefühlten Ewigkeit zogen sie weiter. Endlich erhielt auch ich die Möglichkeit meinen Durst zu stillen. Welch ein herrliches Gefühl.
Doch das kleine Glücksgefühl in meinem Herzen sollte nicht lange anhalten. Der Hunger trieb mich unruhig auf der Weide hin und her. Das Gras war längst nicht ausreichend um diesen zu sättigen.
Mein Bauch grummelte und gluckerte..
Unwohl fühlte ich mich.
Nervös wurde ich.
Die Situation in der ich mich befand, gefiel mir nicht. So sehr hoffte ich, jemand würde kommen und mich in meinen Stall bringen. Es musste doch endlich jemand nach dem Rechten sehen und mich in
meinen Stall bringen.
Doch es kam niemand.
Aufgeregt trabte ich zum Weidetor.
Wieherte laut.
Wartete.
Stundenlang.
Es musste mich doch jemand hören.
Lange genug war ich auf der Weide gewesen. In meinen Stall wollte ich und meine Leute müssten das eigentlich wissen. Sie kannten mich gut und sie wussten genau, dass ich ungern zu lange draußen
blieb. Dass ich am Zaun stehen und auf sie warten würde. Warum kamen sie nicht? Hatten sie mich vergessen? Aber warum?
Außerdem musste ich dringend koppen um den Stress abzubauen. Die lange Fahrt, die neuen Pferde, die karge Weide, das war eindeutig zu viel für mich. Auf den Zaunpfählen setzte ich zum Koppen
nicht auf. Vor Jahren hatte ich dabei einen Stromschlag erlitten und das hatte ich mir bis ins hohe Alter gemerkt. Auf der Weide koppen war für mich unmöglich und dieser Umstand beunruhigte mich
noch viel mehr denn der Drang es endlich zu tun, wurde größer und größer.
Im Trab lief ich entlang des Zauns.
Zog tiefe Furchen in den aufgeweichten Boden. Meine Hufe schmerzten, sobald ich auf einen Stein trat. Mein Leben lang hatte ich Hufeisen getragen. Seit ich die lange Fahrt antreten musste,
hatte man diese zuvor von meinen Hufen genommen.
Niemals war ich barhuf gelaufen.
Wann würden nur meine Leute kommen und mich endlich von der Weide holen?
Anna? Wenn wir gemeinsam ein Turnier ritten und verreisten, war sie stets zu mir geeilt. Hatte sich liebevoll um mich gekümmert. Warum war sie heute nicht da? Wo war meine Freundin Anna
geblieben?
Die nächste, hereinbrechende Nacht war fürchterlich kalt. Kälter noch als die zuvor und dabei hatte ich noch gar kein Winterfell auf den Rippen.
So sehr ich am Zaun auch wartete, es kam niemand.
Auch am nächsten Tag nicht und am übernächsten nicht.
Irgendwann verlor ich das Zeitgefühl und unterschied nur noch zwischen Tag und Nacht. Hell und Dunkel.
Der Regen prasselte auf mein Fell. Tagelang war ich völlig durchnässt, weil es Dauerregen vom Himmel schüttete. Eine böse Erkältung zog ich mir zu. Ich hustete fürchterlich und meine Nase lief.
Niemand schaute nach mir. Der Wind fuhr erbarmungslos um meinen vor Hunger schwächelnden Körper. Trieb immer wieder den Regen in mein Fell. Vor Kälte und Nässe zitterte ich.
„Simone, wir müssen nach dem Schimmel sehen. Sein italienischer Besitzer hat angerufen. In zwei Tagen
will er vorbeikommen und nach dem Rechten sehen. Fährst du raus und schaust nach den Pferden?“ Simone durchfuhr das blanke Entsetzen wenn sie nur daran dachte, dass sie wieder einmal diese
undankbare Aufgabe übernehmen müsste, nach den halbtoten Pferden zu schauen. Sollte sie sich widersetzen, gefährdete sie ihren Arbeitsplatz. Natürlich willigte sie ein nach den Pferden zu sehen.
In einen Anhänger hinter den Geländewagen schmiss sie mehrere Bunde Heu. Sie wusste genau, dass auf der Weide kaum noch Gras wuchs. Im Sommer hatten die Pferde alles kahl gefressen. Andreas
erlaubte es meist nicht, den Pferden Heu zu bringen. „Da ist noch genügend Gras. Das sollen die Gäule erst mal abfressen. An den Bäumen können sie auch nagen.“ An diesem Tag lenkte Simones Chef
allerdings ein. Erlaubte Simone, Heu auf die Weide mitzunehmen, weil sich nunmehr einer der Besitzer angemeldet hatte. Wenn dem so war, was selten vorkam, die meisten von ihnen vergaßen ihre
vierbeinigen Freunde recht schnell und es kam meist niemand mehr zum Gucken her, musste alles in feinster Ordnung sein. „Sollen wir Classic Star nicht besser in den Stall holen?“, fragte Simone
zaghaft. Sie glaubte für den Besitzer wäre es beruhigender, seinen geliebten Schimmel in einer gut eingestreuten Box im gepflegten Stall als auf einer abgefressenen, matschigen Weide mitten in
den Karpaten vorzufinden. „Nein die sind doch froh, wenn sie ihre Viecher auf der Weide besuchen können. Das wurde den armen Turnierpferden doch jahrelang vorenthalten. Ein schönes Weideleben in
Gesellschaft anderer Pferde zu führen. Das ist es doch, was die Menschen wollen. Ihre vierbeinigen Freunde in der Wildnis sehen. Back to the roots, Simone. Lass den mal schön dort bleiben, den
Schimmel“, beschwichtigte Andreas seine Angestellte. Dies tat er mit einer fachmännischen Ironie, welche Simone den Brechreiz in ihrer Speiseröhre trieb. Für die Psyche der Besitzer hatte
Andreas ein feines Händchen. Zumindest, wie er sie bestens manipulieren konnte. Auch wenn es völlig absurd war in Simones Augen und sie Andreas sadistische Neigung abartig fand. Doch niemand
fragte Simone um ihren Rat oder gar um ihre Meinung. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sie den Schimmel in den Stall geholt, ihn ordentlich gebürstet und feingemacht für den Besuch des
Besitzers. Außerdem hätte sie sämtliche Besitzer der Gnadenbrotpferde aufgeklärt. Ihnen gesagt, dass sie ihre hochempfindlichen Sportathleten nicht einfach auf einer Weide sich selbst überlassen
durften, weil die Tiere unter den ungewohnten Verhältnissen fürchterlich litten.
Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend fuhr Simone hinaus zu der Weide. Oftmals musste sie direkt überlegen, wo der Weg entlang führte. Niemand außer den Angestellten, kannte den Weg zu der
Weide des Schreckens, wie man den Ort der Verdammnis nannte. „Friedhof der Sportpferde“, hieß der Ort in Simones Gedanken. Oft genug war sie hingefahren und eines der Tiere lag am
Boden.
Tot.
Gestorben.
Vor Erschöpfung.
Seltener aus Altersschwäche.
Mit dem Kran wurde der Kadaver des Tieres von der Weide gezogen und auf die Ladefläche des Tierkörperbeseitigungs-LKWs geschaffen. Ein grauenvoller Anblick.
Die anderen Pferde guckten zu, wie ein toter Kamerad entsorgt wurde.
Die kleine Herde näherte sich neugierig dem Weidezaun, als sie das Motorengeräusch des Geländewagens hörten. Das Geräusch kannten sie genau.
Es verhieß Futter und menschliche Zuwendung. Notwendigkeiten, welche die Tiere lange Zeit, viel zu lange schon, kläglich entbehren mussten. Umso größer ihre Hoffnung, dass es endlich Futter
gäbe.
Von einem Schimmel fehlte jegliche Spur. Simone ahnte das Schlimmste. In Eile warf sie den ausgehungerten Pferden die Heuballen hin, um sich sogleich auf die Suche nach dem sechsten, fehlenden
Pferd zu begeben. Hoffentlich war es nicht durch den Zaun gerannt. Nur in der obersten Litze war Elektrozaun, die beiden unteren Litzen waren blanker Stacheldraht. Böse Verletzungen konnten sich
die Tiere zufügen. Andreas hielt es nicht von Nöten, das auszubessern. „Die sterben doch sowieso, warum soll ich da noch einen exquisiten Zaun für die Viecher bauen?“, fragte er läppisch. Sein
Geld gab er lieber für den Bau einer zweiten Reithalle aus, in der die Einstaller mit ihren jungen Pferden trainieren konnten. Immerzu die Pferde über Hindernisse springen lassen und sie viel zu
jung an den Sattel gewöhnen und alsbald anreiten. Welch eine Drecksnummer.
Ein mieses Geschäft, in das Simone eingestiegen war. Sobald sie die Lehre beendet hätte, würde sie auf einer anderen Ebene arbeiten wollen. Emotional war sie zu weich, diesem Drecksgeschäft auf
Dauer standzuhalten.
„Classic Star“, rief Simone, während sie ängstlich und in großer Sorge über die Weide irrte.
In der Ferne hörte ich meinen Namen rufen.
Die Stimme war mir nicht vertraut. Dennoch reagierte ich. Nahm meinen Kopf in die Höhe. Blickte mich suchend um.
Schöpfte Hoffnung. Vielleicht würde man mich holen.
Noch einmal ertönte weit draußen mein Name und ich wieherte. Ja, hier war ich. Hier. Langsam setzte ich mich in Bewegung. Meine Knochen waren so unendlich schwer geworden.
Erschöpft blieb ich stehen. Geschüttelt von Fieberkrämpfen der letzten Nacht, befand ich mich im Delirium. Mittlerweile war mir alles egal geworden. Apathisch vegetierte ich vor mich hin. Wartete
auf meinen sicheren Tod. In der Nacht begegnete mir meine Mutter Maja. Sie rief nach mir und ich erinnerte mich. An all die schönen Jahre die ich in Italien bei meinem Freund Julio verbracht
hatte. Bis man meine Mutter fortgebracht hatte. Ihr Wiehern klang wundervoll in meinen Ohren. Sie wiederzusehen, zauberte einen Lichtblick in meine geschundene Seele. Innerhalb weniger Tage hatte
ich meinen Glanz und meinen Stolz verloren. Leere, traurige Augen und ein glasiger Blick, der ins Nichts starrte, waren alles, was von mir und meiner prächtigen Erscheinung übrig geblieben
war.
„Hey, da bist du ja. Oh du meine Güte, dir geht es ja gar nicht gut“, sagte Simone aufgebracht. An meine Ohren griff
sie. „Du hast Fieber. Eine böse Erkältung hast du dir eingefangen. Scheiße, was mache ich jetzt nur mit dir?“ Simone griff zu ihrem Handy und rief Andreas an. „Ja er hat Fieber. Der Schimmel ist
krank. Was soll ich tun?“
„Ist es sehr schlimm? Können wir ihm so seinem Besitzer präsentieren?“, fragte Andreas kaltherzig.
„Nein, um Gottes willen. Da muss ein Tierarzt her. Er wird sonst sterben, glaube ich.“ Simone musste die Situation in der sich das Pferd befand, nicht einmal dramatisieren. Es schien ihr noch
schlimmer zu sein, als sie annahm. Classic Star wollte gar nicht laufen als sie ihn sanft am Halfter zog. „Er ist völlig geschwächt“, keuchte sie ins Telefon. Der Wind peitschte ihr um die Ohren.
Sie zog die Kapuze über. Regen prasselte in ihr Gesicht. Es war kalt und unangenehm dieses Shitwetter. „Dann bring ihn halt her. Kannst du mit ihm zum Stall laufen? Dann kommt er in die Box und
ich rufe den Tierarzt. Bezahlen muss das der Italiener, was soll es.“
Classic Star wurde vom herbei gerufenen Tierarzt behandelt. Eine böse Bronchitis hatte sich der Schimmel eingefangen: Obendrein war er völlig dehydriert. „Er wird ein paar Tage brauchen um wieder
auf die Beine zu kommen“, lautete die Prognose. Es gab eine Infusion und einige Spritzen. Innerlich fluchte der Tierarzt. Diese Idioten von Turnierreitern. Schickten sie ihre verhätschelten und
vertätschelten, ehemals unbezahlbaren Pferde, nach Dienstende einfach in die Pampas. Sobald sie sie nicht mehr gebrauchen konnten, nur weil diese alt geworden waren, sagten sie sich los von ihnen
und überließen diese armen Geschöpfe sich selbst. Andreas gab er keine Schuld. Immerhin war er derjenige der sich dieser armen Seelen überhaupt noch annahm. Auch wenn er mit dieser Sauerei Geld
verdiente. Ohne ihn wären die Tiere gleich beim Abdecker gelandet. Wobei er sich moralisch oftmals mit der Frage konfrontierte, ob dies nicht der bessere Weg für die Tiere gewesen wäre.. Einige
von ihnen verkrafteten das Dschungelcamp gut, andere weniger. Der Schimmel war jedenfalls kein Kandidat für die Offenstallhaltung, das sah man doch gleich, wenn man nur einen Funken des
Mitgefühls in seinem Herzen trug.
Auch ein Tierarzt hatte es nicht einfach in seinem Beruf.
Simone kümmerte sich rührend um Classic Star. Von Anfang an war sie gleich vernarrt in den herrlichen Schimmelwallach.
Verabreichte seine Medikamente, flößte ihm Hustensaft ein. Gewissenhaft maß sie die Temperatur im After des Pferdes.
Das Fieber sank schnell und der Schimmel erholte sich rasch. „Du bist so ein feiner Kerl, mein Großer. Wenn ich könnte, würde ich dich mitnehmen. Doch ich habe kein Geld. Kann mir ein Pferd gar
nicht leisten“, sagte sie traurig.
„Ich werde ihn morgen besuchen“, versprach Julio Anna und ihren Eltern. Diese hatten ängstlich nach Deutschland angerufen. Ganz besorgt waren sie, weil sich niemand bei ihnen gemeldet
hatte, wie Classic Star sich auf dem neuen Hof eingelebt hätte. Nicht einmal nach dem langen Transport hatte man ihnen Bescheid gegeben, dass das Pferd unversehrt am Hof angekommen wäre. „Ja, ich
mache Fotos und werde berichten“, versprach Julio und auch er war ganz aufgeregt, seinen alten Freund wiederzusehen. Drei Jahre war es her gewesen, dass er Classic Star das letzte Mal
gesehen hatte.
„Classic mein alter Freund!“ Julio strahlte über das ganze Gesicht als er sein Pferd in der Box des wunderschönen Anwesens entdeckte. Es war alles genau so, wie er sich das für den Schimmel immer
gewünscht hatte. Eine helle, freundliche Box hatte sein ehemaliger Kumpel bezogen, mit Blick nach draußen auf das Hofleben.
Wunderschön ist es hier“, sagte er anerkennend.
„Der Schimmel war krank. Hat sich eine Erkältung eingefangen“, fiel Andreas gleich mit der Tür ins Haus. „Classic Star war in 18 Jahren nicht einmal krank“, sagte Julio erstaunt. Die Tür zu der
Box des Pferdes hatte er aufgezogen, während er Classic Star einen Beutel Möhren in seinen Trog schüttete. Er war sich nicht sicher, ob ihn das Pferd überhaupt erkannt hatte. Auf den zweiten
Blick wirkte es apathisch.
„Classic Star müsste auf der Weide eine Decke tragen“, mischte sich Simone ein. Sie biss sich auf die Zunge. Ausgesprochene Worte, die sie niemals hätte aussprechen dürfen. Sie durfte sich nicht
einmischen. Als billige Pferdepflegerin hatte sie ihren Mund zu halten.
„Das ist gar kein Problem, ich besorge eine Regendecke“, sagte Julio.
„Wir können ihm auf der Weide die Decke nicht an- und ausziehen“, sagte Andreas bestimmend.
„Es sei denn, für diesen Service wird extra bezahlt“, fügte er großzügig hinzu.
„Noch mehr Geld? Aber wir bezahlen doch jeden Monat knapp dreihundert Euro“, rechnete Julio erschrocken nach. Er war sicher, dass ein noch höherer Preis das Budget von Annas Eltern bei weitem
übersteigen würde.
„Tja, entweder wir erhöhen die Miete oder das Pferd geht weiterhin ohne Decke auf die Weide.“ Andreas blieb hart. Er war Geschäftsmann, kein Weichei.
„Ja, ich besorge eine Regen- und Weidedecke und ich spreche mit der Familie. Sicherlich werden sie für Classic Star den nötigen Service bezahlen“, versprach Julio. Die Wut stieg in ihm auf. So
viel Geld und noch war es nicht genug.
Hat er sich gefreut, dich wiederzusehen?“, fragte Anna aufgeregt. Julio hatte ihr am Abend in dem zugesicherten Telefongespräch genau berichten müssen, wie der Besuch bei Classic Star verlaufen
war.
Julio blieb verhalten in seinen Ausführungen. Es war ihm unangenehm, der Familie mitzuteilen, dass sie zusätzlich Geld drauflegen müsste, nur damit Classic Star auf der Weide eine Decke
trug.
„Ja, sie sagen es sei ein Extraservice. Nach der Decke zu schauen, wenn er draußen auf der Weide sei, wäre mit Unannehmlichkeiten verbunden“, stammelte er.
„Na ja, es ist ja nur bis zum nächsten Frühjahr. Sobald es warm wird, kann er ohne Decke raus“, tröstete sich Annas Mutter, die monatlich einen ordentlichen Batzen Geld aufbrachte, damit es dem
Schimmel an nichts fehlte. Einen Nebenjob hatte sie angenommen um die dreihundert Euro jeden Monat aufzubringen. Ihr Mann hatte abgelehnt, weiterhin für Classic Star zu bezahlen. Es sei Geld, das
man zum Fenster rauswerfe, schimpfte er. Nachdem das Pferd Italien verlassen hatte, war es ihm aus dem Sinn gekommen, weiterhin für einen unnützen Fresser zu sorgen. Die Beziehung zu dem
geliebten Tier der Tochter war ihm verlorengegangen. „Man sollte ihn vielleicht verkaufen. An jemanden der es versorgt, damit wir das Geld nicht mehr bezahlen müssen“, lamentierte er. Für Annas
Mutter kam das gar nicht in Frage. Sie ging zusätzlich arbeiten um dem Pferd, das ihrer Tochter so viele wundervolle Erfolge eingebracht hatte, einen schönen Lebensabend zu schenken. „Geht es ihm
denn gut, Julio?“, fragte sie besorgt.
„Classic Star war krank. Eine böse Bronchitis plagte ihn. Doch der Tierarzt sagt, er wird wieder gesund. Und ja, er hat mich erkannt. Ich glaube er hat sich gefreut, dass ich nach ihm gesehen
habe“, log er.
„Fühlt er sich wohl in seinem neuen Leben?“, rief Anna in den Telefonhörer.
„Ich glaube schon“, sagte Julio. Überzeugt war er davon allerdings nicht.
Ein neues Leben
Den Winter brachte ich mehr schlecht als recht hinter mich. Mein Glück, dass das Thermometer nicht über einen längeren Zeitraum Minustemperaturen anzeigte. Es war kein harter Winter gewesen dem
ich ausgeliefert war. Mit meiner Winterdecke war ich einigermaßen gut geschützt gegen die Kälte. Einen Unterstand gab es auf der Weide dennoch keinen. Die Bäume boten bei schlechtem Wetter
Schutz, doch im Winter hatten sie ihre Blätter abgeworfen, die wenigstens den Regen abgehalten hätten. Mit den anderen Pferden schloss ich nicht wirklich Freundschaft.
Der Leitwallach war ranghoch und unbesiegbar. Auch ich wollte um die Gunst der beiden Stuten rangeln, die zu der Herde gehörten. Aus besseren Tagen war es mir im Kopf hängen geblieben, dass ich
mich eher zu den Stuten hingezogen fühlte und keinen Nebenbuhler duldete. Der Streit um die Rangordnung und Gunst der Stuten brachte mir schwere Bisswunden ein. Bald war mein Körper von offenen
Wunden übersät. Zumindest an den Stellen, an denen die Decke nicht auf meinem Fell lag. Meine Beine waren aufgeschlagen und an meinem Hals klafften tiefe Fleischwunden. Kümmern tat sich niemand
um meine Blessuren. Simone war schon lange nicht mehr zu den Pferden auf die Koppel gekommen. Sie hatte immer mal nach uns gesehen und leckeres Futter mitgebracht. Das lag schon Wochen zurück.
Heu brachte uns dieser fürchterliche Andreas. Jedes Mal fluchte er, wenn er die Weide betrat. „Bei diesem Mistwetter hier rauszufahren ist der wahre Albtraum“, schimpfte er. Wir waren auf seine
Fütterung und Willkür angewiesen. Die Weide war kahlgefressen und auf ihrem trostlosen Boden wuchs nichts mehr. Um jeden Halm den wir noch unter dem Frost fanden, stritten wir.
Die Tage zogen ins Land und irgendwann wurden die Sonnenstrahlen wieder wärmer. Meine Decke zog Andreas schließlich aus. Sie war ganz kaputt weil ich einige Male mit den Schnallen im
Zaun hängengeblieben war. Mich zudem mit den Hufen in ihnen verfangen hatte. Sie lag nur noch auf halb acht auf meinem Rücken. Niemand richtete sie. Niemand kümmerte sich.
Die Sonne wurde von Tag zu Tag wärmer und meine Laune besserte sich. Hoffnung schöpfte ich, dass mein neues Leben vielleicht doch gar nicht so schlecht sein würde. Der Winter war hart gewesen für
mich als Stallpferd, das von heute auf morgen bei Minustemperaturen sein Leben draußen auf der Weide verbringen musste. Der Sommer schien mir freundlicher zu sein.
Eines Tages wurden wir auf eine andere Weide verfrachtet. Eine größere, auf der Gras gewachsen war. Zunächst war es herrlich, das frische Grün abzuknabbern. Für einen Augenblick vergaß ich meine
Traurigkeit. Die Trauer war in mein Herz gedrungen und zu einem festen Bestandteil meines Lebens geworden. Legte sich wie ein dunkler Schatten über meine Seele. Unzufriedenheit machte sich in mir
breit. Ich war unterfordert, sehnte mich nach Abwechslung und einer Aufgabe. Mich immer nur mit den anderen Pferden prügeln zu müssen, machte mich müde und ließ mich schneller altern. Außerdem
hatte ich ordentlich an Muskulatur verloren und das tat mir nicht gut. Schwach und ausgelaugt fühlte ich mich.
Mit dem Sommer kam ein neues Problem auf mich zu, mit dem ich so gar nicht gerechnet hatte. Fliegen. Fliegen. Fliegen und noch mehr Fliegen. Blinde Fliegen, kleine Fliegen, große Fliegen.
Sie stachen und traktierten mich überall. Auf meinem empfindlichen Rücken, unter dem Bauch, im Genitalbereich und schließlich erlitt ich einen allergischen Schock auf die vielen Stiche. Ich war
es nicht gewohnt, rund um die Uhr lästigem Ungeziefer ausgesetzt zu sein. Panisch suchte ich Schutz unter den Bäumen. Den Viechern zu entkommen, war beinahe unmöglich. Den anderen Pferden machten
die Plagegeister nicht so viel aus wie mir. Sie waren es anscheinend gewohnt, sich 24 Stunden am Tag lang stechen zu lassen. Mich juckte es ganz fürchterlich und es gab keine Möglichkeit mich zu
kratzen oder ihnen zu entkommen.
Bis ich eines Tages unter einer fürchterlichen Augenentzündung litt weil mich eine der Pferdebremsen direkt ins Auge gestochen hatte. Mein Auge war so stark geschädigt worden, dass ich es nicht
mehr öffnen konnte. Eine Augensalbe hätte hinein gemusst. Die Bindehaut war völlig entzündet und vereitert. Beinahe wäre ich verrückt geworden vor Schmerzen. Nicht nur der Schmerz, auch der
elendige Juckreiz machten mich wahnsinnig. Wie ein wildgewordener Stier lief ich auf der Weide umher. Aggressiv und apathisch zugleich. Angetrieben von meiner Not und Pein schien ich irre zu
werden. Tagelang ging das so. Die Fliegenplage nahm kein Ende und von den Menschen hatte sich wochenlang niemand mehr blicken lassen.
Gras war genügend vorhanden, somit musste man uns kein Heu zufüttern. Von Menschen fehlte weit und breit jegliche Spur. Oftmals stand ich lethargisch am Zaun. In der Hoffnung, es würde vielleicht
eine menschliche Seele entlang des Weges kommen, doch ich wartete vergebens. In der Einöde war keine Menschenseele zu finden. Angetrieben von unsäglichen Schmerzen meines Auges und auf der
ständigen Flucht vor den leidigen Stechfliegen, irrte ich tagelang rast- und ruhelos umher. Fraß nicht mehr, ruhte mich nicht mehr aus. Klatschnassgeschwitzt war ich. Dehydriert und nahezu
orientierungslos.
Mit jedem weiteren Tag, an dem meine Not nicht enden wollte, verlor ich zusehends an Gewicht. So ging das über Wochen bis ich schließlich bis auf die Rippen abgemagert war. Mein Körper völlig
ausgelaugt und entkräftet.
Nur noch notdürftig versorgte ich mich mit Wasser. Die Aufnahme des Futters verweigerte ich gänzlich. Eine ruhige Ecke suchte ich mir aus in der ich sterben wollte. Unweigerlich spürte ich, meine
Kräfte gingen zu Ende. Die anderen Pferde traktierten mich erbarmungslos. Hatte ich doch zunächst im Frühjahr sogar die Herdenführung übernommen, mir meine Position mühselig erkämpft, so musste
ich im Sommer erkennen, dass ich nicht mehr in der Lage war, diese Position aufrecht zu halten. Notgedrungen gab ich mich geschlagen und ging den anderen Pferden aus dem Weg. Jedoch ließen sie
mich nicht in Ruhe. Forderten mich auf, mich von ihnen abzusondern. Ein krankes Herdenmitglied war eine Gefahr für die anderen Pferde. Der Instinkt der Tiere verbot ihnen, mich weiterhin in ihrem
Kreise zu dulden. Somit zog ich mich in ein abgelegenes Stück zurück und wartete auf meinen sicheren Tod.
Der Kampf war zu Ende.
Durch einen schrecklichen Unfall verlor ich allerdings noch halbseitig das Augenlicht.
Eines Morgens trieb mich der Rappe im gestreckten Galopp über die Weide.
Endgültig wollte er mich von der Herde absondern, obwohl ich dieser längst gewichen war. Gnadenlos trieb er mich in eine Ecke. Schlug nach mir aus. Verprügelte mich regelrecht. So erschöpft und
schwach ich war, hatte ich keine Chance mehr ihm zu entkommen. Mit meinem Kopf stieß ich in die starren Äste eines Baumes. Verletzte mein ohnehin entzündetes Auge schwer.
Die Fliegen klebten am auslaufenden Sekret des verletzten Augapfels. Um der Qual zu entkommen, rieb ich das Auge an meinem Bein. Schutzlos war ich den elendigen Plagegeistern ausgeliefert. Je
mehr ich rieb, desto mehr juckte und schmerzte es im Inneren des Auges. Wahnsinnig werdend vor Not, rieb ich solange, bis schließlich der Glaskörper zersprang und vollständig auslief. Von diesem
Zeitpunkt an war ich blind auf dem linken Auge. Die Fliegen spürte ich nicht mehr. Jedoch einen brennenden Schmerz, der mich weiterhin dahinvegetieren und am eigentlichen Leben nicht mehr
teilhaben ließ. Jegliche Futteraufnahme verschmähte ich. Alles wonach ich mich sehnte, war der Tod. Die Erlösung meiner Qualen. In kurzen jedoch intensiven Sequenzen erinnerte ich mich an
vergangene Tage.
An Erfolge im Springparcours.
An ein wohliges Solarium unter dem ich mich aufwärmen durfte. An die vielen schönen Ausritte die ich vor Jahren mit meinem Freund Julio unternommen hatte. Dass er mich vor wenigen Wochen besucht
hatte, hatte ich nicht mehr wirklich wahrgenommen. Zu lange war sie vorbei schon, unsere Zeit. An Anna erinnerte ich mich noch gut. In den Nächten träumte ich von ihr. Wie sie mich verwöhnte.
Mein Fell striegelte und mir Möhren reichte. Mein Lieblingsfutter servierte. Wie gern hätte ich sie noch einmal gesehen. Ihr durch das Haar geprustet. Ihren Duft eingeatmet. An ihrer Hand
gerochen und sie dankbar geleckt.
Der Tod war mir nahe.
Näher als alles andere. Näher als Hoffnung und Zuversicht.
So sehr sehnte ich mich nach dem Tod.
Bereitete mich auf ihn vor.
Nein, Angst hatte ich keine.
Ein schönes Leben lag hinter mir.
Nur wusste ich nicht was, geschehen war.
Warum man mich fortgegeben hatte.
Warum ich Anna nicht mehr sehen durfte.
Warum mich niemand von der Weide abholte.
Meine Wunden nicht versorgt wurden.
Sich niemand mehr um mich kümmerte.
Ich war bereits so schwach, dass ich mich hinlegte und glaubte, niemals wieder aufstehen zu wollen.
Die Pferde aus meiner Herde ließen mir keine Ruhe. Wieder und wieder gingen sie auf Angriff über. Meine alten müden Knochen musste ich noch ein letztes Mal erheben um ihnen zu entkommen.
Eines Tages kam Simone auf die Weide. Ihr Rufen erkannte ich. Nahm es wahr, antwortete ihr jedoch nicht.
Lief nicht zu ihr.
Auch auf mehrfaches Rufen nicht. Weit abseits stand ich teilnahmslos unter einem Baum und wartete. Ich wartete wie ich jeden Tag wartete. Jede Stunde, Minute und Sekunde wartete ich auf das Ende
oder auf ein Wunder. Es geschah beides nicht. Gott hatte kein Einsehen, mich zu sich zu holen und zu erlösen.
„Ach du große Scheiße“, sagte Simone als sie mich erblickte. „Was ist passiert, Classic Star?“ Sanft strich sie über meine Nase. In ihrer Jackentasche hatte sie eine Möhre mitgebracht. Nur für
mich. „Ich habe gekündigt in dem Stall von Andreas. Habe das nicht mehr ausgehalten. Für ein paar Wochen war ich in meiner alten Heimat. Meine Eltern habe ich zuhause besucht und mich um einen
neuen Job gekümmert. Doch die Sehnsucht nach dir war groß, Classic Star. Es zerriss mir das Herz, dich hier zurückzulassen und ich wollte dich unbedingt sehen. Was ist mit deinem Auge geschehen?
Ich gehe zu Andreas. Bitte ihn, nach dir zu sehen. Er kann dich hier nicht einfach sterben lassen.“
Simone weinte. Streichelte immerzu über meinen Nasenrücken. Sie weinte bitterlich. „Wie kann man nur so grausam sein“, wimmerte sie.
„Ich würde dich so gern hier raus holen. Aber ich kann nicht. Ich weiß nicht wo ich dich hinstellen sollte. Ich kann dich ja schlecht mit in unseren Garten nehmen“, schluchzte sie unter
Tränen.
„Ich habe Angst dass du stirbst, Classic Star. Du darfst nicht aufgeben. Dich nicht hängen lassen. Deine Zeit ist noch nicht gekommen.“ Mit zwei Fingern griff sie nach dem Anhänger des
Schutzengels der noch immer an meinem Halfter befestigt war.
„Siehst du, dein Schutzengel. Er passt auf dich auf.“
Nachdem Simone gegangen war, kehrte sie wenige Augenblicke später mit Andreas im
Schlepptau auf die Koppel zurück. Zeigte ihm das verletzte Auge des Pferdes.
„Der gibt sowieso bald den Löffel bald ab“, brummte er. Ihn schockierte der grässliche Anblick des ausgelaufenen Auges weniger als Simone. Dieser Mensch war einfach nur kalt. Kalt und
herzlos. Dazu berechnend, überlegte Simone.
„Er hat Schmerzen. Er braucht einen Tierarzt“, drängte sie. Mit allen Mitteln wollte sie sich für Classic Star einsetzen. Einen Narren hatte sie an dem Schimmel gefressen. Das wunderschöne Tier
hatte ihr keine Ruhe gelassen nachdem sie auf dem Gestüt gekündigt hatte. Immerzu hatte sie an Classic Star denken müssen und nicht nur an ihn. Auch die anderen Pferde lagen ihr schwer im Magen.
Sie wusste genau, dass sich um das Wohlergehen der Gnadenbrotpferde niemand so recht kümmern wollte. Nur nach dem Nötigsten wurde gesehen. Seit sie fortgegangen war, schaute gar niemand mehr nach
den Tieren.
Simone hatte zwei Jahre lang die Hölle in ihrer Ausbildung erlebt. Einem Nervenzusammenbruch nahe hatte sie schließlich gekündigt.
„Wozu einen Tierarzt rufen? Was soll der Tierarzt da noch machen? Ihm etwa ein Glasauge einsetzen? Der Glaskörper ist ausgelaufen und zwar vollständig. Da ist ja nur noch rohes Fleisch zu sehen“,
sagte Andreas beim näheren Hinsehen. Seine Worte waren kalt, herzlos und ohne jegliches Mitgefühl für das Leiden eines Tieres. Simone glaubte, Andreas kannte Worte wie Mitgefühl und Mitleid
überhaupt nicht. „Was um Himmels willen hat dieser blöde Gaul veranstaltet, dass er nun nur noch mit einem Auge unterwegs ist, verdammt?“ Andreas war außer sich. Mit Schrecken dachte er daran,
Julio über diesen Vorfall benachrichtigen und informieren zu müssen. Dieser würde sein Pferd umgehend abholen wollen und das Geld für die monatliche Pension könnte er sich abschminken. „Ich darf
die Angelegenheit nicht dramatisieren. Wenn Julio erfährt, was geschehen ist, holt er Classic Star ab. Den monatlichen Betrag möchte ich ungern aufs Spiel setzen.“
„Wäre es nicht sogar besser, wenn Classic Star abgeholt werden würde? Was soll aus ihm werden? Hier auf der Alterskoppel? Halbblind? Er ist nicht geschaffen für die Offenstallhaltung, Andreas.
Und meiner Meinung nach gehört er hier auch nicht hin. Du setzt deinen Vater doch auch nicht, nur weil er ein paar Jahre älter ist, von heute auf morgen in den Schaukelstuhl und nimmst ihm seinen
gewohnten Lebensablauf. Den Verlust seines Auges hat der Schimmel sicherlich den elendigen Fliegen und anderen Insekten zu verdanken. Gefahren, die er nicht kennt. Er wird sterben wenn er hier
bleibt. Bitte sorge dafür, dass er abgeholt wird. Er hat das nicht verdient.“
„Was hat er nicht verdient? Dass er nach all den Jahren des anstrengenden Sportlebens ein ruhiges Weidedasein genießen darf?“
„Es bedeutet für ihn Stress pur. Aus seiner gewohnten Umgebung herausgerissen worden zu sein und sich mit den Launen der Natur auseinanderzusetzen, die er in 18 Lebensjahren nicht einmal zu
spüren bekommen hat.“
„Seine Besitzer haben entschieden ihn hier her zu geben Simone, nicht ich! Woher hast du eigentlich all die Informationen über dieses Pferd? Was es verdient hat und was nicht?“, nachdenklich
kratzte Andreas sich am Hinterkopf. Er mochte es nicht, wenn das Personal seine Geldeinnahmequelle stalkte und ausspionierte. Viel schlimmer noch, wenn es sich dabei um Ex-Personal handelte.
Simone könnte zum Veterinäramt rennen und dort für richtigen Trouble sorgen. Dieses wiederum könnte ihm Auflagen machen auf die er so gar keine Lust verspürte. Die Pferde müssten bei schlechtem
Wetter aufgestallt werden oder ein Unterstand gebaut werden. Das Bauamt würde keine Genehmigung erteilen, weil es sich um eine Außenfläche handelte für die er landwirtschaftliche Zuschüsse
kassierte. Das Geld für unnötige Ausgaben wollte er sich wahrhaftig sparen. Ansonsten würde er an dem Geschäft des Gnadenbrotpferdes überhaupt nichts mehr verdienen.
„Alle Pferde sterben hier. Hier auf dieser Weide. Keines kommt mehr lebend von ihr runter. So ist der Lauf der Dinge. Es war so, es ist so und es wird auch so bleiben.“ Andreas ließ sich nicht
beirren und auch nicht bequatschen. Von Simone schon gar nicht. In seine persönliche Auffassung über die Haltung von Rentnerpferden wollte er sich von niemandem reinreden lassen. „Ich rufe Julio
an. Irgendwie werde ich das Kind schon schaukeln“, seufzte er notgedrungen.
„Dieses Pferd hat so viele Springen gewonnen in seinem Leben. Geldpreise, Pokale und Ehrenpreise. Ein Jammer, dass es so enden muss. Dass sich niemand mehr für das Tier verantwortlich
fühlt.“
Simone wusste, dass ihr Chef abgebrüht war. Dass ihn das Leiden der Tiere nicht kümmerte. Die Pferde wurden behandelt wie Ware. Hauptsache, sie brachten Geld ein. Wie abgebrüht Andreas
tatsächlich war, sollte sie alsbald zu spüren bekommen.
„Der Schimmel hat sich am Auge verletzt. Nein, die Verletzung ist nicht schlimm. Er kann damit durchaus alt werden. Allerdings ist er nun blind auf dem linken Auge.“ Andreas wusste sehr wohl,
dass seine Informationen, die er an Julio weitergab, nicht ganz der Wahrheit entsprachen.
Julio fiel beinahe aus allen Wolken als er hörte, dass es Classic Star nicht gut ginge. „Ich bin im Moment in Italien. Ich kann erst in ein paar Wochen vorbeikommen“, jammerte er in großer Sorge
um seinen alten Freund.
„Das ist gar kein Problem. Wir kümmern uns um das Pferd. Melde dich einfach, wenn du wieder in Deutschland bist.“ Andreas atmete drei Mal tief durch. Besser konnte es gar nicht laufen. Bis Julio
wieder in Deutschland wäre, floss noch einiges an Wasser den Rhein hinunter, sagte sein Vater immer. Vielleicht hätte der Gaul bis dahin schon das Zeitliche gesegnet. Ein breites Grinsen zog sich
über sein verbittertes Gesicht. Mal wieder hatte er alles im Griff. Er würde diesem vermaledeiten Gaul einen Augenschutz über den Schädel ziehen und die Sache wäre erledigt. Einen Tierarzt
bräuchte er nicht kommen lassen. Wen interessierte es schon, ob ein Rentnerpferd nun mit einem Auge oder mit beiden sehend oder nichtsehend die restlichen Tage verbrachte.
„Classic Star geht es nicht gut. Er soll sich am Auge verletzt haben.“ Julio hatte gleich Anna informiert und sie und ihre Mutter waren in großer Sorge. „Er scheint mir dort nicht gut aufgehoben,
Julio. Außerdem ist es eine Menge Geld, das wir bezahlen müssen. Hast du nicht vielleicht eine Idee, wer sich um ihn kümmern könnte?“
„Kümmern?“
„Na ja jemand, jemand der regelmäßig nach ihm schaut? Mit ihm spazieren geht, ihn versorgt.“
„Nein“, traurig schüttelte Julio den Kopf. Auch er konnte sich aus Zeit und Geldmangel nicht mehr um seinen geliebten Freund kümmern. Der Lauf der Dinge in seinem Leben hatte sich dramatisch
geändert. Ein altes, krankes Pferd, das nur noch Geld kostete, konnte er sich nicht leisten.
„Ich muss das realistisch sehen. Da ist kein Platz mehr für meinen besten Freund und es bricht mir das Herz“, sprach Julio verzweifelt. „Vielleicht sollten wir ihn erlösen lassen.“
Das Geld für Classic Stars Rente war nicht mehr vorhanden. Weder bei ihm, noch bei Anna, noch bei ihren Eltern. Jeder von ihnen hatte Angst und Sorge, dass sich plötzlich horrende Summen auftun
und ein Vermögen verschlingen könnten weil Classic Star unter Krankheiten litt. Niemand wollte sich die bittere Wahrheit eingestehen, dass man sich der Verantwortung entzog.
Wohin mit Classic Star?
Julio erinnerte sich an die Begegnung mit der jungen Frau die vor ein paar Jahren ein Pferd bei ihm gekauft hatte. Ihre eigentliche Liebe war damals auf den Schimmel gefallen. Classic Star war
allerdings vor ein paar Jahren unverkäuflich gewesen. Ihre Telefonnummer hatte sie Julio hinterlassen. Für den Fall, dass sich Julios Meinung ändern sollte und Classic Star doch noch ein neues
Zuhause suchen würde. Julio hatte ihr das Versprechen geben müssen, sie anzurufen im Fall der Fälle.
Allerdings waren nunmehr drei Jahre vergangen. Er tat sich schwer, ihre Nummer zu wählen. Eine andere Möglichkeit blieb ihm allerdings nicht. Ein Versuch war es wert.
„Classic Star?“, hieß es verdutzt am anderen Ende der Leitung.
„Ja, die Leute haben das Geld nicht mehr für seinen Unterhalt. Sie möchten ihn in gute Hände geben und ich glaube, bei euch wäre er gut aufgehoben.“ Julio war es schwergefallen, für seinen
Schimmel ein gutes Wort bei der Frau einzulegen, die er näher gar nicht kannte und der er vor drei Jahren das Herz gebrochen hatte. Unsterblich hatte sie sich in sein Pferd verliebt, das war ihm
sehr wohl in seinem Gedächtnis hängen geblieben. Allerdings schien es ihm wie ein Verrat zu sein, den er an einem guten Freund beging. Einen guten, hilflosen Freund hin und her zu schieben, das
war abartig. Julio schämte sich. Tränen liefen über sein Gesicht. Hilflos und elendig fühlte er sich. Beinahe tausend Kilometer entfernt saß er in Italien und sollte über Leben oder den Tod eines
Tieres entscheiden, dass ihm über Jahre hinweg viel Freude bereitet hatte. Ein Tier, von dem er sich niemals hatte trennen wollen. Ein Freund, der seinen Wunsch nicht äußern konnte, welchen Weg
er einschlagen würde wenn er die Wahl hätte. Weinend betrachtete Julio die vielen Pokale die er mit Classic Star gewonnen hatte. Sein Vater hatte alle für ihn aufgehoben. Fein säuberlich
einsortiert standen sie im Regal. Jegliche Bilder des Erfolges, des Ruhmes, der Ehre und auch die der Liebe wurden ihm ins Gedächtnis gerufen. Die vielen schönen Stunden die er im Sattel des
Schimmels verbracht hatte. Die Sonnenauf- und Untergänge, die er mit dem Pferd gemeinsam erlebt hatte. Ritte im Stechen um Sieg oder Niederlage und zahlreiche andere Erinnerungen an eine
wundervolle Zeit ließen seine Seele erstarren. „Alles hat einmal seine Zeit. Weine nicht dass es vorbei ist, freue dich über die schöne Zeit, die gewesen ist“, hatte ihm ein guter Freund ans Herz
gelegt.
„Julio, du bist zu weich. In dem Geschäft der Pferde musst du dir ein dickes Fell zulegen, sonst gehst du gnadenlos unter“, redeten ihm gute Freunde ins Gewissen.
„Ich fahre hin. Ich kaufe Classic Star! Ich wollte ihn damals schon haben. Ich war unsterblich verliebt in den Schimmel. Und ich werde ihn auch heute noch lieben“, versprach die junge Frau, die
zunächst um einige Tage Bedenkzeit gebeten hatte.
Das Telefonat war schöner als die Erscheinung der heiligen Jungfrau Maria. Julio fiel ein großer Stein von seinem Herzen. Immerhin war Classic Star nun ein altes, halbblindes Pferd, das man nicht
mal eben zwischen Tür und Angel verkaufte, sondern dessen Anschaffung und Verantwortung gut überlegt sein wollte. Der erlösende Anruf war Balsam für Julios geschundene Seele. Die Modalitäten
waren schnell geklärt. Die junge Frau würde Kontakt zu dem Gnadenbrothofbetreiber aufnehmen und einen Termin vereinbaren, um Classic Star dort abzuholen. Den geringen Kaufpreis, eine Art
Schutzgebühr, würde sie auf Julios Konto überweisen.
„Ich werde gut für ihn sorgen“, versprach sie und Julios Gewissen schien endlich zur Ruhe kommen zu dürfen.
„Wie, Sie möchten das Pferd abholen? Was wollen Sie denn noch mit dem Pferd? Reiten kann man den Schimmel nicht mehr.“ Andreas war benachrichtigt worden, dass Julio für das Pferd nicht länger
aufkommen würde und er sich im Einverständnis mit seinen italienischen Freunden entschieden hätte, Classic Star an eine junge Frau zu verkaufen. Andreas hatte noch versucht, Julio diese in seinen
Augen absurde Schnappsidee auszureden, doch der Drops sei gelutscht, erklärte ihm dieser.
„In ihren Augen ist es wahrscheinlich noch immer der sprunggewaltige, hübsche, stolze und
markante
Schimmelwallach, nach dem sich jeder umdreht. Der muskulöse Holsteiner mit der riesigen Galoppade und dem schneeweißen Fell, dessen Mähne seicht im Wind weht und mit dem sie noch einmal in den
Parcours hineinreiten könnten, wenn sie nur wollten.“ Andreas lachte abfällig in dem Telefonat mit der jungen Frau die seiner Meinung nach dumm war wie drei Reihen Salat.
„Dass die Stunden des Pferdes gezählt sind, will von denen anscheinend niemand wissen“, fluchte er gedanklich. „Ja gut, kommen Sie nur. Und ja, bringen Sie den Anhänger gleich mit. Wenn Sie
meinen es sei die richtige Entscheidung, holen Sie das Pferd ab.“ Andreas blieb sachlich, dennoch auffallend unfreundlich am Telefon. Ihm passte die ganze Aktion überhaupt nicht. Nicht nur, dass
ihm eine Menge Geld durch die Latten ging, sobald der Schimmel das Feld räumte und irgendwie trug er Sorge, dass sein Hof ins schlechte Licht gerückt werden könnte. Ein Pferd in diesem Zustand
umziehen zu lassen, glich einer Farce. Das war in seiner bisherigen Karriere übrigens noch nicht vorgekommen. Dass ein Gnadenbrotpferd noch einmal seinen Hof verlassen sollte um woanders zu
sterben als bei ihm.
„Ich habe gute Nachrichten für dich, mein Freund. Bald bist du hier raus. Es kommt jemand um dich zu holen.“ Simone war extra noch einmal angereist um sich von dem Schimmel zu verabschieden.
Andreas hatte ihr die Nachricht übermittelt, dass Classic Star abgeholt werden würde in absehbarer Zeit. „Eine bessere Nachricht hätte es nicht geben können“, lachte sie beherzt und steckte dem
Schimmel einige Möhren zu.
„Ich hoffe man ist gut zu dir, dort wo du hingehst“, seufzte sie. Ehrfürchtig strich sie dem Wallach über das stumpfe Fell. Jede Rippe fühlte sie unter seiner dünnen Haut. „Vergiss mich nicht,
Classic Star“, schluchzte sie. Wischte verstohlen eine kleine Träne fort. Die ganzen letzten Nächte hatte sie wachgelegen. Keinen Schlaf gefunden weil sie immerzu an die Zukunft des Pferdes
denken musste. „Wie schön es gewesen wäre, wenn alle Pferde ein neues Zuhause gefunden hätten und nicht nur du“, überlegte sie traurig, während sie sich auf der trostlosen Weide umblickte. Die
anderen Pferde waren ebenfalls in einem schlechten Zustand. Nicht so schlimm wie Classic Star, denn dieser bot die wohl ärmste Kreatur dar, die ein Mensch jemals gesehen hatte.
„Ich hoffe, man kriegt keinen Schlag wenn man dich sieht, mein Guter, und nimmt dich trotzdem mit“, bangte Simone um die Zukunft ihres vierbeinigen Freundes. Selten hatte ein Pferd sie fasziniert
wie der große Schimmel. Vom ersten Tag an als man ihn hergeschafft hatte war sie angetan und nur zu gern hätte sie dem edlen Tier ein Zuhause dargeboten.
Ein neues Leben
Bitterkalt der nahende Herbst. Verfilzt mein Fell, leer der Blick. Ich ahnte, dass ich einen weiteren
Winter nicht durchhalten würde. Innerlich hatte ich mich längst auf das Sterben und den Tod vorbereitet. Beides wäre eine Erlösung für mich, die einfach nur gütig gewesen wäre.
Mein Herz, es schrie nach Frieden.
Und doch mein Herz, es schlug. Es schlug und schlug, wollte gar nicht anhalten.
Nein, es wollte nicht aufgeben.
Noch nicht. Aus sicherer Entfernung beobachtete ich die anderen Pferde. Würden sie mich in Ruhe lassen oder gingen sie gleich wieder zum Angriff über? Würden sie es erneut tun? Mich spüren
lassen, dass ich nur noch ein lästiges Herdenanhängsel war, das sie schnellstmöglich loswerden wollten?
Absondern wollten sie mich. Aus der Herde verstoßen weil ich alt und krank war. Gestern stürzte ich schwer, weil mich der Rappe in die Knie zwang. Meine Hüfte, meine Karpalgelenke und mein
Sprunggelenk wurden aufgerissen. Blut trat aus. Vermischte sich mit meinem weißen Fell. Welch jämmerlicher Anblick.
Viel zu schwach war ich um dem Rappen und dem Rest der Herde noch etwas entgegenzusetzen. Meine letzten Kräfte hatten mich verlassen und falls es einen Gott gab, so hatte auch dieser sich
von mir distanziert. Vielleicht hatte er woanders mehr zu tun, als dass er mein Elend sah. Mein Elend. Meine Leiden und unsäglichen Schmerzen. Meine stummen, hilflosen Schreie. Schreie nach
Erlösung und Frieden. Die anderen Pferde traktierten mich. Taten es wieder und wieder. Forderten mich zum Kampf auf. Wahrscheinlich zu meinem letzten. Wenn nicht der Herr im Himmel meine Qualen
beenden würde, würden sie es tun. Ich konnte ihnen nichts anderes mehr entgegensetzen, als ihnen das Feld zu überlassen. Mein krankes Auge schmerzte, die Sehkraft war plötzlich eine andere als
gewohnt und ohnehin mit nur noch einem Auge stark eingeschränkt.
Meine Glieder wurden schwer. Zu schwer und mein Körper schwach. Kraftlos meine Gelenke, ich war alt geworden. So entsetzlich alt. Mit gesenktem Kopf stand ich in der hintersten Ecke der Weide.
Wartete. Wie immer wartete ich. Worauf, das wusste ich nicht. Nicht mehr. Jegliches Zeit- und Orientierungsgefühl war mir verlorengegangen.
Die Herde lief plötzlich zum Weidetor. Sie wieherten aufgeregt. Langsam und mühevoll hob ich meinen Kopf. Ein Lichtblick? Brachte uns jemand Futter? Leckeres, schmackhaftes Fressen? Bananen oder
gar Möhren? Einen Eimer leckere Äpfel vielleicht? Viele Nächte lang träumte ich von wunderbaren Leckereien. Doch es waren nur Träume.
Einen Augenblick lang überlegte ich ob ich meine müden Knochen noch einmal in Gang setze und ebenfalls zum Weidetor laufen sollte um nachzusehen, wer gekommen war. Doch es wäre zu mühsam.
Unbeweglich verharrte ich auf meiner Stelle.
„Einen Schimmel kann ich nicht entdecken!“
„Er steht meist hinten, am Ende der Weide.“
„Am Ende der Weide? Warum?“
„Ja, er sondert sich ab von den anderen Pferden.“ Andreas blickte nervös auf seine Armbanduhr. Gleich wäre es Mittag und er hatte dem verdammten Tag noch nichts Sinnvolles abgewinnen können. Ein
verlorener Tag auf der ganzen Linie. Ab heute hätte er einen Fresser weniger auf der Koppel stehen. Immerhin knappe dreihundert Euro die ihm fehlten im Monat. Das waren knapp vier Tankfüllungen
seines Autos. Welch ein Verlust.
„Der Equidenpass ist hier.“ Emotionslos drückte er der jungen Frau die nötigen Papiere in die Hand.
Innerlich hoffte er, sie würde es sich anders überlegen. Sobald sie den Schimmel erblickte, ihn nicht mehr mitnehmen zu wollen.
„Wie ist das mit seinem Auge? Ist es eingetrübt? Eine Verfärbung oder wie muss ich mir das vorstellen?“
„Nein, das Auge ist komplett raus. Da ist nichts weiter vom Auge übrig, als totes Gewebe.“
Und dann, dann sah sie das Pferd ihrer Träume. In Gedanken hatte sie den Schimmel über all die Jahre hinweg als das schönste Pferd im Gedächtnis behalten, das ihr jemals in ihrem Leben begegnet
war. Vergessen hatte sie diese bewegende Begegnung mit dem Schimmel niemals. Doch dass sie tatsächlich noch einmal in den Genuss kommen sollte, dieses wundervolle Pferd besitzen zu dürfen, damit
hatte sie nicht gerechnet.
Mit dem, was sie erwartete, sicherlich auch nicht.
„Das ist nicht das Pferd. Das ist es ganz sicher nicht“, sagte sie fassungslos als man ihr den Schimmel zeigte. „Doch, das ist es, nur älter und nicht mehr so schön wie es einmal war, sagte
Andreas kaltschnäuzig.
Innerlich applaudierte er sich für seinen Sarkasmus. „Das ist kein Pferd, das ist eine erbärmliche Kreatur. Was ist mit diesem Pferd geschehen? Wer ist dafür verantwortlich?“
„Es ist alt, ohne Muskulatur und hat das Auge verloren. Was haben Sie erwartet? Ein Grand Prix fertiges Pferd mit dem Sie morgen in die größten Parcours dieser Welt reiten und vielleicht auch
noch ein Springen gewinnen? Ich habe Ihnen klipp und klar gesagt, dass Sie dieses Pferd nicht mehr reiten können und ich bei aller Liebe nicht verstehe, was Sie mit dem Tier noch anfangen wollen?
Der Schimmel kann nur noch den letzten Weg gehen und das ist der zum Schlachter.“
Die junge Frau namens Anais, schlug gedanklich die Hände über ihrem Kopf zusammen. Erwartet hatte sie ein dreckiges Pferd. Ein um drei Jahre älter gewordenes Pferd, ein halbblindes Pferd und ein
untrainiertes Pferd. Das, was sie vorfand, übertraf ihre schlimmsten Albträume. Auf einer verlassenen Weide am Ende der Welt, mitten irgendwo im nirgendwo, traf sie auf ein sterbendes Tier.
Völlig unterernährt, vernachlässigt und schwer krank. Übersät mit Wunden. Alte, vernarbte Bisswunden und frische, blutende Wunden klafften in seinem Fleisch. So viele, dass man sie gar nicht
zählen konnte. Vorsichtig streckte sie die Hand nach dem Pferd aus. Berührte seine Nüstern. Ein leiser Blitz durchfuhr jede einzelne Faser in ihrem Körper. Es rebellierte in ihr. Das Gefühl
das sie vor Jahren mit diesem Pferd verbunden hatte, es war noch da. Vielleicht war es sogar noch viel intensiver als jemals zuvor und doch war sie sprachlos und entsetzt. Was hatte man mit
diesem prachtvollen Pferd angestellt? Was hatte man diesem edlen Geschöpf angetan? Eine Antwort fand sich schnell. Ohne weitere Fragen an den Hofbetreiber stellen zu müssen. Man hatte das Beste
gewollt und dem Tier letztendlich unwissentlich die Hölle auf Erden bereitet. Unwissend, dass ein hochsensibles Sportpferd nicht einfach auf einer Weide sich selbst überlassen werden durfte,
sondern in altersgerechte Hände gehörte, die es lieben und ehren würden. In guten und in schlechten Tagen. Hände, die es nicht allein oder aus den Augen ließen.
„Du kannst ihn nicht mitnehmen. Er wird sterben. Wenn nicht heute, dann morgen und wenn nicht morgen, dann nächste Woche, aber er stirbt und das zeitnah.“ Anais hatte zur Verstärkung ihre
Freundin mitgenommen. Allerdings aus einem freudigem Anlass und nicht aus einer fürchterlichen Szenerie heraus wie dieser. Freudestrahlend hatte Anais von Classic Star erzählt. Das Pferd
ihrer langersehnten Träume.
Da stand es nun und man war sprachlos über den Zustand des einst edlen Tieres. Sprachlos auf jeder Seite. Nur Andreas pochte auf seine wertvolle Zeit. Drängte zum Aufbruch und zu einer
Entscheidung. „Also wenn Sie ihn mitnehmen möchten, dann zerren wir ihn jetzt gemeinsam von der Weide und schieben ihn auf ihren Anhänger, andernfalls bleibt er hier und wenn es vorbei ist, kommt
der Abdecker. Ein Ende, wie es sich für ein jedes Pferd gehört. Der Abdecker ist gnädiger als jegliche Todesspritze. Ein Bolzenschuss in die Stirnmitte des Tieres und es hat sich auf der Stelle
erledigt. Leise, gut und beinahe schmerzlos für das Pferd.“
Anais brauchte einen Moment zum Verschnaufen. Einmal durchatmen können. Überlegen, ob sie dieses Häufchen Elend tatsächlich in ihren Pferdeanhänger einladen sollte. Eines war klar, tat sie es
nicht, würde Classic Star sterben.
„Ich kann ihn nicht hier lassen. Ich kann ihn nicht wissentlich sterben lassen. Das hat er nicht verdient!“
„Du musst dich nicht um das Tier kümmern. Das müssten diejenigen tun, für die er jahrelang treue Dienste geleistet hat“, protestierte Anais Freundin und sie hatte recht.
„Er kommt mit. Auch wenn er stirbt. Besser er stirbt bei uns als hier.“
„Aber du sollst für ihn bezahlen. Du kannst doch nicht für ein totes Pferd noch Geld bezahlen. Man müsste dir Geld zahlen, dafür dass du das Pferd mitnimmst. Du wolltest ein Lehrpferd für deine
Tochter. Was du hier findest, hat nicht annähernd etwas mit einem Reitpferd zu tun. Das ist eine gesundheitliche Katastrophe. Ein Fall für den Tierschutz“.
„Dann müssen wir eben wieder ein Pferd aus ihm machen. Classic Star kommt jedenfalls mit. Ich lasse ihn auf keinen Fall hier.“
Ihre Hand war warm. Roch angenehm. Mit letzter Kraft hob ich meinen Kopf, um sie besser sehen zu können. Mit dem Auge, auf dem mir dies noch möglich war. „Kannst du dich an mich erinnern, Classic Star?“ fragte sie. Ihre Stimme war brüchig. Den Tränen nahe. Nein, ich konnte mich nicht an eine Begegnung mit ihr erinnern. Sachte strich sie mit der flachen Hand über meinen Mähnenkamm. Durchfuhr meine Flanke und fühlte über meinen Rippenbogen. Hob die Augenmaske von meinem Gesicht und erschrak. „Das ist so grauenvoll“, sagte sie beim Anblick des ausgelaufenen Auges. Behutsam legte sie mir ein Halfter um. „Hab Vertrauen. Ich nehme dich mit. Ich lasse dich nicht hier sterben.“ Nachdem ich ein paar Schritte gegangen war, mehr schlecht als recht, öffneten sie das Weidetor und führten mich hinaus. Ein Pferdeanhänger mit geöffneter Verladerampe wartete hinter dem Tor. An alte Zeiten erinnerte ich mich. Wie oft war ich mit dem Transporter oder dem LKW zu einem Turnier gefahren worden. Ein kleiner Lichtstrahl in meiner ach so dunklen Hölle. Die Erinnerung an ein ehrwürdiges Leben…
„Ob er wohl besser links oder rechts auf der Seite im Anhänger steht?“, fragte die junge Frau ratlos. Die
Situation hatte sie anscheinend völlig überfordert.
Andreas antwortete den beiden Frauen nicht mehr. Nachdem er das Weidetor verschlossen und die Papiere übergeben hatte, setzte er sich in sein Auto und fuhr mit durchdrehenden Reifen davon.
„Der ist ja völlig verrückt. Fährt einfach so davon ohne uns beim Verladen zu helfen.“
„Sollen wir das Pferd nicht doch lieber wieder auf die Weide stellen? Stell dir mal vor, es stirbt auf deinem Anhänger. Wir müssen noch ein Weilchen fahren, Anais.“
Anais ließ sich nicht beirren. Wenn sie einen Entschluss gefasst hatte, setzte sie diesen in die Tat um. Energisch drückte sie ihrer Freundin das Pferd in die Hand und stellte die Trennwand im
Anhänger breit. „So kann er besser einsteigen.“
Gemächlich stieg ich die Verladerampe hinauf. Mein Gefühl sagte mir, es wäre in Ordnung. Hoffnung und
Zuversicht schlichen sich in meine Seele. Wie gern ich nach Hause fahren würde. Wo war ich eigentlich zuhause? Ein gefülltes Heunetz hing im Anhänger. Wohlduftendes Heu. Wie lange hatte ich kein
Heu mehr zu fressen bekommen? Vorsichtig zupfte ich an den Halmen. Zufrieden schnaubte ich einmal.
„Ich denke es ist okay, wir können fahren. Er frisst.“ Erschöpft schoben die beiden jungen Frauen die
Verladerampe in ihre Verriegelung. „Du wirst es noch bereuen, dieses Pferd mitgenommen zu haben“, sagte Anais Freundin während sie sich auf den Beifahrersitz hievte.
Während der Fahrt sendete Anais Bilder von Classic Star an Julio. Die Fotos hatte sie heimlich mit ihrem Handy auf der Weide geschossen.
„Das ist so traurig“, schrieb er zurück. Er saß noch immer in Italien und beweinte die fürchterlichen Bilder seines geliebten Pferdes, die nacheinander auf seinem Handy eingingen.
„Vielleicht ist es doch besser, wenn man ihn erlösen lässt“, schrieb er eine Weile später mit einem Fragezeichen.
„Das ist für mich vorerst gar keine Option“, antwortete Anais.
Nachdem sich der Anhänger öffnete und ich aussteigen durfte, befand ich mich auf einem fremden Hof. Neugierig blickte ich mich um. Andere Pferde steckten ebenfalls neugierig ihre Köpfe
aus den Fenstern ihrer Außenboxen. Freudig begrüßten sie mich. Wieherten freundlich und erwartungsvoll. Wo war ich? Mein Gefühl sagte mir dass ich in der nächsten Zeit sehr wahrscheinlich der
jungen Frau vertrauen müsste. Sie wäre wohl für mich zuständig. Folgen sollte ich ihr. Lange Zeit hatte ich niemandem mehr folgen müssen. Mich einem Menschen zu unterwerfen, war lange her
gewesen. Die Box in welche die junge Frau mich hineinführte, war recht groß. Viel größer als die, in denen ich sonst gewohnt hatte. Stroh und Heu lagen bereit. Ein großer Bottich mit
frischem Wasser und in meinem Trog lagen Möhren und Äpfel. Das war wie Weihnachten für mich, als ich all die Leckereien fraß.
„Hunger hat er wenigstens“, lachte Anais. „Das ist ein gutes Zeichen.“
Ein kleiner Stein fiel von ihrem schweren Herzen und als sie spät abends erschöpft in ihr Bett fiel, weinte sie. Der Anblick des Pferdes war schlimm und sie müsste ihn jeden Tag ertragen.
Solange, bis ein Wunder geschehen würde. Darauf zu hoffen, wäre beinahe hoffnungslos.
Die Nacht hatte ich gut geschlafen. Endlich musste ich keine Angst mehr haben, dass mich die anderen Pferde zum Kampf aufforderten. Entspannen durfte ich. Diese Ruhe, sie war herrlich. Sie gab
mir Kraft. Die Tür meiner Box lud zum Koppen ein und ich machte mich gleich daran, wieder Luft zu ziehen. Eine Angewohnheit, der ich lange Zeit nicht mehr nachgehen konnte weil ich keine
Möglichkeit gehabt hatte. Welch eine Wohltat endlich wieder koppen zu dürfen. Der in mir aufgestaute Stress baute sich langsam ab. Ruhiger wurde ich. Zufriedener. Nur mein verletztes Auge, es
schmerzte. Wann würde dieser brennende, unangenehme Schmerz nachlassen? Nein, an ihn hätte ich mich nicht gewöhnen können. Er nahm mir jegliche Lebensqualität.
Einige Tage später, nachdem ich mich eingelebt hatte und recht zufrieden mit meinem neuen zuhause war, begutachtete mich ein Tierarzt. Seine Prognosen waren unerfreulich.
„Ich will dir die Hoffnung ja nicht nehmen, aber ich glaube nicht, dass du den Burschen
noch mal wieder auf die Beine kriegst, Anais. Er ist viel zu dünn und die Muskulatur ist völlig hinüber. Als Reitpferd wird er in seinem Alter nicht mehr taugen und das Auge, das müsste man
operieren um ihm die Schmerzen zu nehmen. Stell dir die Frage, ob sich die Mühen lohnen. Ich meine, rechne doch mal die Kosten durch. Und wofür? Er wird nie wieder reitbar sein.“
„Warum sollte er nicht mehr reitbar sein?“ Anais konnte die Spekulationen des Tierarztes nicht nachvollziehen.
„Weil die Muskulatur verschwunden ist. Wie willst du bei einem alten Pferd die Muskulatur wieder aufbauen?“
„Ich kann ihn trainieren.“
„Wofür?“
„ Ich möchte ihm die Sonne zurückbringen, die ihm ein anderer Mensch genommen hat. Das Pferd braucht eine Aufgabe. Seine Seele ist krank, nicht nur sein Körper.“
„Du bist eine starke Frau und ich will dir die Hoffnungen nicht gänzlich zunichtemachen. Man kann alles im Leben probieren und versuchen, wenn man an Wunder glaubt. Ich an deiner Stelle würde
keinen Cent in dieses Pferd stecken.“
„Sie kennen Classic Star nicht. Seit Jahren träume ich davon, dieses Pferd zu besitzen und nun ist es hier. Der Schimmel wird nicht grundlos zu mir gekommen sein. Ich glaube an Bestimmung und an
eine höhere Gewalt, für die es keine Erklärung gibt. Ich werde alles versuchen. Alles für dieses Pferd tun. Alles was in meiner Macht steht.“
„Weil es Liebe ist?“, fragte der Tierarzt charmant lächelnd.
„Ja, wahrscheinlich weil es Liebe ist“, seufzte Anais. Ihr war es egal was der Tierarzt von ihr dachte. Wie man sein Herz an ein Tier verschenken könnte oder warum man für ein altes, krankes
Pferd all seine Ersparnisse opfern wollte. War sie naiv? War sie das kleine dumme Mädchen, welches jahrelang von dem großen Schimmel geträumt hatte, der ihre Augen strahlen ließen? Wollte sie
nicht erkennen, was aus ihrem Traum geworden war? War sie blind zu sehen, dass ein krankes Tier vor ihr stand, das dem Tod näher war als dem Leben?
„Es kann nichts Größeres geben als ein hilfloses Wesen zu retten, das niemals eine Chance erhalten hätte, wenn du nicht gewesen wärst“, flüsterte Anais.
Der Tierarzt klopfte ihr mitfühlend auf die Schulter. „Viel Glück Anais, du wirst es gebrauchen können“, sagte er.
Mein neues Leben war herrlich. Ein reich gefüllter Trog. Drei Mahlzeiten am Tag. Liebevolle Massage und endlich striegelte man mein Fell. Schenkte mir Aufmerksamkeiten und
unternahm Spaziergänge mit mir. Auf die Weide durfte ich täglich, doch da wollte ich gar nicht hin. Nein, nein, hatte ich sagen wollen sobald ich merkte, dass man mir das Halfter auflegte. Es
waren nur wenige Stunden in denen ich draußen in der Sonne stehen und grasen sollte. Ich bewegte mich nicht. Zum Grasen senkte ich nicht den Kopf. Mit Gras hatte ich Zeit meines Lebens
nicht wirklich etwas anfangen können. von Gras bekam ich Durchfall und Kotwasser weil mein Organismus auf das Grünzeug nie eingestellt worden war. Lieber beobachtete ich die netten Stuten auf der
Nachbarweide. Diese würdigten mich allerdings keines Blickes. Woran es lag? Früher war ich der Hengst gewesen, der Macker nach dem sich alle Stuten umdrehten. Heute war ich das Leiden Christi.
Einen Jammerlappen wie mich beachtete niemand.
Selbst auf mein Wiehern antworteten sie nicht. Also ging ich gemächlich zum Weidetor und wartete. Ich wartete, dass man mich in den Stall reinholen würde. Ich dort endlich wieder koppen
könnte. Koppen und fressen.
„Warum willst du nicht zum Grasen gehen, Classic Star? Das Gras würde deinen mageren Zustand aufpeppen.“ Anais war traurig, dass sich der Schimmelwallach auf der Weide nicht
wohlfühlte. Der Tierarzt hatte ihr geraten, das Pferd auf einer saftigen Weide fressen zu lassen, doch das Gras interessierte den Schimmel nicht annähernd. Gelangweilt lief er im Kreis oder am
Zaun der Stutenweide entlang.
„Die Weide bereitet ihm nichts als Stress und er wird noch dünner statt dicker werden“, seufzte Anais traurig.
„Was willst du mit ihm machen? Du kannst ihn ja schlecht den ganzen Tag über in den Stall sperren. Pferde sind Lauftiere, sie müssen raus, sich bewegen.“ Anais Freunde hatten wenig Verständnis
für die Sorgen und Nöte der Tierliebhaberin. Man versuchte mit gut gemeinten Ratschlägen zu helfen und doch hielt es jeder nahezu für aussichtslos aus dem heruntergekommenen Schimmel wieder ein
ansehnliches Pferd zu zaubern.
„Stell ihn halt mit einer Stute zusammen auf die Weide. Dann hat er weniger Stress wenn er doch sowieso dauernd zu den Damen rüber möchte. Soll er seine eigene Herzdame haben.“
„Das geht nicht. Dann will er diese vor den Wallachen auf der anderen Seite des Zauns beschützen und rennt wieder nur hin und her, wir haben das alles ausprobiert. Da kommt zu sehr der Hengst in
ihm durch.“
In meiner Box ließ es sich aushalten. Fressen, koppen, schlafen. Schlafen, fressen, koppen. Mir fehlte nichts und ich vermisste nichts. Es war mehr als genug, dass ich endlich
wieder richtiges Futter zwischen meinen Zähnen zum Kauen und meine Ruhe hatte. Anais war lieb zu mir. Sie kümmerte sich gut um mich und eroberte langsam aber sicher mein Vertrauen. Leidig war
nur, dass sie fast jeden Tag Maß von meinem Bauchumfang nahm, wo ich doch so kitzlig unter diesem war. Manchmal konnte ich nicht an mich halten und schlug aus. Das tat ich sogar recht kräftig.
Ja, wenn ich zornig war, war ich zornig. Doch sie schimpfte nicht mit mir. Nicht wirklich. Sie sagte immer nur leise lächelnd: „Lass das doch bitte mal, Großer.“
„Der Tierarzt sagt, Classic Star muss an Gewicht zunehmen wenn ich ihn operieren lassen möchte. So wird er die Operation nicht schaffen. Er ist zu schwach.“
„Und wie ist der Plan?“ Anais Freundin Elena war neugierig. Beinahe jeden Tag telefonierten die beiden Frauen und tauschten sich über Neuigkeiten und Fortschritte hinsichtlich des Pferdes
aus.
„Ich habe keinen Plan. Wie könnte ich einen haben? Ich fühle mich überfordert und angespannt. Außerdem weiß ich gar nicht, wie ich die Kosten der Operation stemmen soll. Es kostet um die tausend
Euro, das Auge entfernen zu lassen und ich bin finanziell so gut gar nicht gestellt, dass ich mir die mal eben aus dem Ärmel schüttele.“
„Du bist sowieso verrückt, für einen alten Gaul wie diesen, das alles auf dich zu nehmen. Sieh mal, du bist alleinerziehend und musst deine Pferde hier zuhause auch noch durchbringen. Du und dein
Kind, ihr seid auch noch da. Du bist seit Jahren nicht mehr in den Urlaub gefahren. Da kannst du dir nicht so ein Fass ohne Boden ans Bein binden.“
„Ich könnte mit Classic Star zusammen ans Meer fahren. Weißt du, wie lange ich nicht mehr am Wasser gewesen bin? Wie schön es wäre, ihm noch einmal das Meer zu zeigen. Er hat es sicherlich noch
nie gesehen.“
„Hörst du mir überhaupt zu?“
„Aber ja.“
„Den Gaul kann man nicht mehr reiten, Anais. Nie wieder. Weder am Strand, noch auf dem Reitplatz noch sonst wo. Also höre auf zu träumen, dass du mit ihm ans Meer fährst.“ Elena lachte und zeigte
ihrer Freundin den Vogel. Doch dann merkte sie, wie sehr sie Anais mit ihren herablassenden Worten verletzt hatte. „Ich werde mit ihm ans Meer fahren, Elena. Und noch ganz woanders hin. Wirst
sehen“, sagte Anais mit Tränen in den Augen. Nachdem Elena gefahren war, weinte sie ihre Tränen in die Mähne ihres neuen Freundes. „Du darfst niemals aufgeben. Du musst immer an dich glauben.
Deine Zeit ist noch nicht vorbei. Sonst hätten wir uns nicht an dieser Stelle des Lebens getroffen.“
Das Karma schlägt noch einmal zu
„Heute ist dein großer Tag, Classic Star und ich habe Angst wenn ich ehrlich
bin.“ Anais hatte den Schimmel ausgiebig geputzt. Sein Fell auf Hochglanz gebracht. Mähne und Schweif gewaschen. Diesen mit der bloßen Hand verlesen.
„Wir wollen doch wenigstens, dass du sauber in die Klinik kommst wenn du schon so erbärmlich dünn bist. Ich habe versucht das Beste aus dir herauszuholen.“ Zufrieden zog sie dem Schimmel das
schönste Halfter über, das im Stall zu finden war. Seit Tagen hatte sie eine Internetseite über ihr Sorgenkind angelegt und viele fremde Menschen begleiteten sie und Classic Star auf ihrem
gemeinsamen Weg. Es tat gut, Zuspruch zu erfahren.
„Ich weiß nicht, ob es richtig ist, was ich tue. Vielleicht hat Elena recht und ich bin ein Narr, weil ich all mein Geld in dich reinbuttere und nichts davon habe. Doch was soll ich tun?
Anscheinend hat mir das Schicksal eine Aufgabe aufgebürdet, die ich zu erledigen habe. Warum auch immer. „Ich habe mir immer gewünscht, du wärst mein Pferd, Classic Star. Tag und Nacht habe
ich davon geträumt als ich das erste Mal gesehen habe und nun bist du hier. Zwar nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe, aber du bist da. Hier bei mir und das ist doch alles was
zählt.“
Die Worte meiner menschlichen Freundin verstand ich natürlich nicht. Spürte jedoch, dass sie es gut
mit mir meinte. Warum sie mich an diesem Tag allerdings besonders fein herausgeputzt hatte, das wusste ich nicht. Immer wenn man mich so schick gemacht hatte, ging es zu einem Turnier und
oh ja, ich erinnerte mich wieder. Über die vielen bunten Hürden zu springen, das hatte mir große Freude bereitet. Ob wir zu einem Turnier fuhren? Plötzlich war ich ganz aufgeregt. Dachte an die
vielen Menschen, die Musik, die anderen Pferde und an das besondere Futter das ich auf einem Turnier immer bekommen hatte. Diese flüssige Pampe, nannte sich Mash. Ach wie liebte ich das
schlabbrige Zeugs. Julio hatte mir den Brei zurechtgemacht, wenn ich besonders gut gesprungen war. Als Belohnung. Während Anais mich bat, in den Hänger zu steigen, kam ich ihrer
Aufforderung freudig nach. Doch das Ziel an dem ich aussteigen sollte, glich gewiss keinem Turnierplatz. Erstaunt blickte ich mich um.
Wo war ich?
Eine Frau mit grünem Kittel nahm Anais den Strick aus ihren Händen. „Er ist hier gut untergebracht. Sie
müssen sich keine Sorgen machen. Kommen Sie, ich zeige Ihnen den Stall.“ Mit Classic Star an der Hand lief sie über das weitläufige Klinikgelände. Hinüber zu einem kleinen Stalltrakt. „Wenn alles
gut verläuft, können Sie ihn in wenigen Tagen wieder abholen“, lächelte die Tierarzthelferin mitfühlend.
„Was Sie für dieses Pferd tun, ist einzigartig“, sagte sie plötzlich nachdenklich. „Das hätte niemand getan. Vor allem, wo Sie gar nicht dafür verantwortlich sind, dass das Tier in solch
einem schrecklichen Zustand ist.“
Wieder eine neue Box die mich erwartete. Wieder ein neues Zuhause, in das ich umziehen sollte? Binnen
weniger Tage sollte ich wieder loslassen müssen? Ausziehen aus meinem neugewonnenen Paradies? Warum? Ich war glücklich gewesen bei Anais. Warum ließ sie mich in der fremden Umgebung zurück?
Ängstlich blickte ich durch die Gitterstäbe. An Anais ihrem Adrenalinausstoß nahm ich wahr, dass etwas nicht stimmte.
Traurig war sie.
Warum? Warum nur?
Warum ließ sie mich zurück, wenn es sie doch traurig machte?
Waren wir denn keine Freunde?
„Ich
bin bald zurück. Ich lasse dich nicht hier. Ich komme dich holen, das verspreche ich. Halte durch mein Freund, bitte.“ Anais kämpfte mit Gefühlen, die zu gern Tränen in ihre Augenhöhlen geschickt
hätten. Die Angst ihren geliebten Freund nach der Operation nicht wiederzusehen, zerriss ihr das Herz. Die Vitrektomie sei nicht ohne Risiko, hatte man ihr gesagt. Classic Star war mit fast
zwanzig Jahren recht alt für einen Eingriff wie diesen, dazu unter Narkose. Sein Herz wäre allerdings stark, sagte man nach der klinischen Untersuchung zuversichtlich. „Er ist ein Kämpfer, nicht
wahr?“, fragte man die junge Frau. Unter Tränen nickte diese. „Ja, das ist er. Bitte ich möchte noch einen Augenblick mit ihm alleine sein“, bat sie.
Mit zittrigen Händen schob Anais die Gittertür auf. Zog schnell noch eine Möhre aus ihrer Jackentasche und ein Taschentuch mit dem sie sich verstohlen die Tränen wegwischte die sie nun doch nicht mehr zurückhalten konnte. „Eigentlich solltest du nichts mehr fressen, aber ein kleiner Leckerbissen, der ist erlaubt. Fahrig streichelte sie dem Vierbeiner über das seidige Fell, das eigentlich stumpf und glanzlos war. Die Rippen stachen deutlich an seinem Bauch hervor und die äußere Erscheinung war jämmerlich und unansehnlich. Doch die junge Frau betrachtete dieses Pferd mit anderen Augen als es die Menschen getan hatten, denen Classic Star in den letzten Wochen, Tagen und Monaten begegnet war.
Für
Anais war er noch immer das Wunderpferd. Der Traum ihrer schlaflosen Nächte, der herrliche Schimmel mit dem schneeweißen Fell und der Muskulatur eines Supersportlers, der ihr in all den Jahren
nicht aus dem Kopf gegangen war. Das hübsche Pferd, das jeden Betrachter in seinen Bann zog und an das Pferd Nikolaus von Aschenbrödel erinnerte. Seine körperlichen Blessuren, die traurigen Augen
und den schlechten Zustand übersah sie. Nicht weil sie ihre Augen vor der Wahrheit verschloss, nein, nicht deshalb. Vielmehr, weil sie an das Gute im Leben glaubte. „Ich wünsche dir viel Glück
mein Freund und ich denke an dich. Ich habe dich so unendlich lieb“, sagte sie als sie sich von dem Schimmel verabschiedete. Einen letzten, leisen Kuss auf seinen Nüstern platzierte.
„Es muss wohl Liebe sein“, entfloh ihren Lippen.
Die Operation hatte mich geschwächt. Die Schmerzen jedoch waren weniger geworden. Wie immer wenn ich unsicher war, nicht wusste, was mich erwarten würde, wartete ich. Steckte meine Nase durch
die Gitterstäbe und brummelte leise in die Stallgasse der Klinik.
Worauf
ich wartete? Dass sie wiederkommen und mich nach Hause holen würde. Meine kleine Freundin. Mein Zuhause war dort, wo die Liebe wohnt und ich hatte sie erfahren dürfen.
Von ihr wollte ich nicht mehr loslassen.
Tag und Nacht wartete ich.
Doch sie kam nicht. Hatte sie mich vergessen?
Wie die von mir geliebten Menschen es vor ihr getan hatten?
Die Tierarzthelferin legte mir das Halfter an. „Du darfst heute nach Hause gehen Classic Star und du wirst schon ganz sehnsüchtig erwartet“, sagte sie freudig. „Im Nachbarstall liegt ein totes
Pferd welches die Operation nicht überstanden hat, deshalb darf deine Besitzerin nicht zu dir kommen, Hygienevorschriften, weißt du, aber ich bringe dich zu ihr. Sie führte mich hinaus in die
Stallgasse. „Schau doch nicht so traurig. Du wirst dich sicher freuen wenn du deinen Besuch siehst“,
ermunterte sie mich
Wie er wohl aussehen mochte? Mit nur einem Auge? Classic Star sah doch ohnehin schon so
schlecht aus. Anais ängstigte sich.
Was würde sie erwarten?
Ihre Nerven lagen blank. Der erlösende Anruf aus der Klinik hatte sie aufatmen lassen. Classic Star hätte alles gut überstanden. Er sei wohlauf und die Operation wäre planmäßig verlaufen. Eine
kleine Nachbehandlung nur noch zum Fädenziehen und es sei vergessen. Vergessen, dass brutale, herzlose Menschen das Pferd seinem grausamen Schicksal hatten überlassen wollen.
„Das Pferd hätte niemand mehr operieren lassen“, verabschiedete sich der Tierarzt von Anais, nachdem er dankend das Geld in Empfang genommen hatte. In der Klinik war es so üblich, dass man das
Geld der tierärztlichen Aufwendungen direkt gegen das Pferd auslöste. Am Tag der Abholung.
Anais hatte Glück gehabt. Viele Menschen waren spontan bereit gewesen zu spenden, damit die teure Operation für Classic Star bezahlt werden konnte und sie diese nicht allein aus eigener Tasche
finanzieren musste. Ihre Internetseite war inzwischen auf eine beachtliche Anzahl von Fans angestiegen. Jeder wollte mit dabei sein. Erfahren, wie es mit der Geschichte um den treuen Schimmel,
der von aller Welt verlassen worden zu sein schien, weiterging.
Classic Star, der einstige Athlet, der so viel Großartiges in seinem Leben geleistet hatte und an den zum
Schluss niemand mehr glauben wollte. Jeder dieser fremden Menschen denen die Geschichte des Pferdes zu Herzen ging, hatte einen Anteil Spendengeld gezahlt um dem Schimmel diese Operation zu
ermöglichen. Gleichgesinnte Tierfreunde, die gemeinsam eine gute Tat vollbringen, das schweißt sogar völlig fremde Menschen zusammen und jeder von ihnen ist Teil der Geschichte um dieses Pferd
geworden.
„Hey, da bist du ja.“ Eiligen Schrittes lief Anais der Tierarzthelferin entgegen, die Classic Star über den Parkplatz führte. Ihr Herz schlug lauter Purzelbäume und sie hätte die ganze Welt
umarmen können. Vor Freude. Freude, dass alles so gut geklappt hatte. Erleichtert fiel sie dem Pferd um den Hals.
Ihre Stimme zu hören. Diese vertraute Stimme, die ich erst seit wenigen Tagen kannte,
wie wichtig sie für mich geworden war. In ihrer Nähe fühlte ich mich wohl. Sicher und geborgen. Dass ich sie noch einmal hören und den Menschen der mich aus der Hölle geholt hatte, sehen durfte,
war wundervoll. Gleich spitzte ich meine Ohren. Ich hatte sie erkannt. Meine schlurfenden, langsamen Schritte wurden eiliger. Ja, ich wollte zu ihr. Unbedingt. Sie war mein Zuhause, meine
Sicherheit, mein Fels in der Brandung. Dankbar leckte ich ihre Hand, während sie mein Führstrick nahm und mich begrüßte. „Wir gehen nach Hause Classic Star“, sagte sie und ich musste mich nicht
zwei Mal bitten lassen, in den Pferdeanhänger einzusteigen.
„Classic Star braucht eine Aufgabe. Es muss sich jemand um ihn kümmern. Ich habe viel zu
wenig Zeit. Ein Mädchen oder eine Reitbeteiligung, irgendjemand der mehr Zeit hat als ich. Er tut mir leid. Er kann nicht nur im Stall stehen ohne jegliche Beschäftigung. Seine kranke Seele
gesundet nur, wenn sie Nahrung bekommt. Er wird niemals an Gewicht zunehmen, wenn seine geschundene Seele tagtäglich weint.“
„Die meisten Pferde mögen es wenn sie im Alter nicht mehr geritten werden. Sie stehen gern mit ihren Artgenossen auf der Weide und lassen den stressigen Alltag des Turnierpferdelebens des Weges
ziehen. Warum geht das bei ihm nicht?“, fragte Elena nachdenklich.
„Weil er ein Supersportler war. Weil er gefordert wurde. Täglich. Im Training und im Wettkampf. Das ist wie wenn jemand den ganzen Tag unter Strom steht und plötzlich ans Telefon gesetzt wird wo
er auf einen Anruf warten soll, der niemals reinkommt. Da wird doch jeder verrückt im Laufe der Zeit.“
„Er soll wieder Springpferd werden?“, fragte Elena aufgeregt.
„Er ist Springpferd. Ist es immer gewesen. Das Springen muss ich ihm nicht mehr beibringen, das kann er. Ob er es noch will, das weiß ich nicht. Ich weiß derzeit nicht wirklich, was ihn glücklich
machen würde. So gut kenne ich ihn noch nicht. Ich hoffe er sagt es mir, wenn die Zeit gekommen ist.“
„Das kann er nicht. Ist ja kein Mensch“, lachte Elena.
„Doch, er redet mit mir. Anders als wir beide uns unterhalten, aber er spricht zu mir. Ich muss ihm nur zuhören.“
„Hat er dir schon etwas gesagt?“ Elena hielt sich die Hände vor ihr Gesicht. Sie fand es albern, Tiere zu sehr zu vermenschlichen.
„Wir reden jeden Tag zusammen.“
„Worüber? Was sagt er?“
„Dass er sich langweilt. Sich aber dennoch wohlfühlt bei mir und dankbar ist, dass er auf der Weide des Grauens nicht gestorben ist.“
Jeden Tag ging sie mit mir spazieren. Zeigte mir die
Umgebung und erzählte mir aus ihrem Leben. Manchmal saß sie auf einer Decke und ließ mich auf einer Weide, an der wir entlang kamen, grasen. Sah mir zu wie ich die Halme aus der Erde zog.
Manchmal steckte sie einen zwischen ihre Mundwinkel oder sie faltete die Hände und machte ganz komische Geräusche auf dem Stängel. Ich mochte ihre Art. Als Mensch sanft und doch bestimmend. Sie
war mein Führer und ich vertraute ihr nahezu blind. Egal wohin sie mich führte, ich folgte ihr. Auch ohne Strick und ohne Worte. Gern lauschte ich ihren Geschichten die sie in Gedanken versunken,
erzählte.
„An einigen Tagen weiß ich nicht wie ich das mit dir alles finanzieren soll. Du brauchst teures Aufbaufutter. Wurmkuren, Impfungen, Magnesium und Selen. Heucobs, Luzerne, Malzbier und gute Öle.
Das kostet mich ein Vermögen und du frisst mir die Haare vom Kopf.“ Wie immer wenn ich nicht verstand, was Anais mir sagen wollte, spitzte ich die Ohren und tat zumindest so, als würde ich jedes
ihrer Worte verstehen. Das gab ihr ein gutes Gefühl; denn sie steckte mir zum Dank jedes Mal eine Möhre oder ein Zuckerle zu. Wo sie nur immer all die Möhren versteckt hatte …
„Du bist ein tolles Pferd. Hättest du nicht ein bisschen eher in mein Leben
kommen können? Wir wären zusammen Turniere geritten und ach, das wäre herrlich gewesen. Jetzt bist du alt und deine Tage sind gewiss gezählt. Ich habe keinen Nutzen von dir, hatte ihn nie und
werde ihn auch nicht mehr haben und trotzdem möchte ich für dich sorgen. Das ist absurd, sagst du? Weißt du Classic Star, ich kann deine Leute verstehen. Das Leben verlangt uns Menschen viel ab
und niemand kann sagen, was in ein oder zwei Jahren sein wird. Alles ist vergänglich und der Wind dreht sich schnell. Plötzlich verliert man seinen Job, seinen Glauben, die Liebe oder alles
zusammen. Da spielt ein Pferd dann keine Rolle mehr.
Wenn Julio weder das Geld noch die Zeit hatte, dich artgerecht zu versorgen und er auf Anna vertraut hat, dass der Gnadenhof für dich das Beste sein wird, kann man ihm keinen Vorwurf machen. Er
hat es gut gemeint und doch ging der Schuss nach hinten los. Weißt du was, vielleicht sollte ich dich wieder an den Sattel gewöhnen. Wir könnten zusammen in den Sonnenuntergang reiten. Das wäre
schön. Ich bin so lange nicht mehr geritten. Habe seit Jahren nicht mehr im Sattel gesessen. Als mein geliebtes Pferd gestorben ist habe ich mir vorgenommen, nie wieder Turniere zu reiten. Es
schmerzt zu sehr im Herzen, verstehst du? Ich weiß nicht, ob du das verstehst. Sie hieß Leandra und war eine wunderschöne Schimmelstute. Schneeweiß war sie, wie du und ich habe sie über alles
geliebt. Meiner kleinen Tochter habe ich immer erzählt, Leandra sei das Pferd vom Nikolaus und sie hat mir das bis zu dem Tag als das Pferd starb, geglaubt. Leandra war vom Temperament her ganz
anders gelagert als du oder andere Pferde. Sie war schnell wie der Blitz. Im Parcours sehr wendig und nicht einfach zu reiten. Angst vor Geschwindigkeit durfte man in ihrem Sattel keine haben.
Tja und eines Tages, da stand sie auf drei Beinen auf der Koppel. Soeben hatte ich die Rollläden von meinem Schlafzimmerfenster hochgezogen und mein erster Blick gehörte wie immer den Pferden auf
der Weide, auf der sie so oft in lauen Sommernächten übernachteten. Zum Turnier wollten wir an diesem Tag fahren. Voller Vorfreude war ich auf ein weiteres Springen mit dieser einzigartigen Stute
gewesen und in den frühen Morgenstunden, in denen das Tal noch verschlafen im Nebel lag, bereits in meine weißen Reithosen geschlüpft. Leandra zu reiten, war wie ein Geschenk für mich und pures
Glück schoss durch meine Blut- und Nervenbahnen, sobald ich über ihr Fell streichelte. Überhaupt, sie zu besitzen, mein Eigen nennen zu dürfen, war eine Glückseligkeit in meinem Leben. Doch zu
diesem Turnier kam es nicht mehr. Leandra hatte sich das Bein gebrochen. Ein anderes Pferd musste sie getreten und ihren Knochen zertrümmert haben. Während ich wie gelähmt aus dem Fenster starrte
und erkannte, dass sie nur noch auf drei Beinen auf der Koppel stand, lief ich in Eile aus dem Haus. Mein Herz schlug mir bis zum Halse. Es pochte so laut dass ich glaubte es nicht mehr ertragen
zu können. Der Ohnmacht war ich nahe. Diese grässliche Angst in mir brachte mich fast um. Angst, mein erster Gedanke, die Stute könnte das Bein gebrochen haben, zu einer bitteren Realität werden
würde, sobald ich die Weiden erreichte. Bei meiner Stute angekommen blickte ich in ihre sanften, gutmütigen Augen und sie sagten mir, dass es vorbei war. Ihre Zeit war gekommen. Einfach so. Von
jetzt auf gleich. Wir mussten Abschied nehmen. So unvorhergesehen, so schlagartig wie es in der Nacht über uns gekommen war und das Schicksal in den frühen Morgenstunden zugeschlagen hatte, war
es einfach grauenvoll. All diese Emotionen spiegelten sich innerhalb nur weniger Augenblicke in den Augen eines Pferdes wieder. Während wir schweigend miteinander kommunizierten und ich vor
Fassungslosigkeit bittere Tränen in ihre seidige Mähne weinte, erkannte ich wieder einmal wie erbarmungslos das sogenannte Karma zuschlagen konnte.
Verstehst du mich, Classic Star? Fühlst auch du all diese Schmerzen in mir so wie ich sie in dir fühle? Leandra war erst sechzehn Jahre alt und wir hatten uns noch so viel vorgenommen. Mein
damaliger Freund versuchte mich an diesem schrecklichen Tag zu beruhigen. Noch heute höre ich ihn sagen, dass ich erst einmal abwarten sollte bis der Tierarzt vor Ort wäre. In seine Arme zog er
mich. Versuchte mich zu trösten. Doch wie soll dich ein Mensch aufheitern, während du soeben das Liebste das du besitzt, für immer verlierst. Dich von deinem besten Freund verabschieden musst?
Weißt du. ich brauchte gar keinen Tierarzt mit einem Röntgengerät, nur damit dieser mir sagte, was ich ohnehin schon wusste, nämlich dass es keine Rettung gab, weil mein Pferd es mir bereits
gesagt hatte. Die Zeit mit Leandra war wunderschön gewesen und ich bin dankbar, diese Stute ein Stück lang meines Weges an meiner Seite gehabt zu haben. Sie war mir eine große Lehrmeisterin. Im
Sattel hatte ich nicht viel zu melden. Sie übernahm stets die Regie und das war gut so. Sie war viel schlauer was Distanzen und Sprungabstände anging als ich. Außerdem hatte sie das bessere Auge.
Ich habe ihr vertraut und sie hat mir gezeigt, dass ich keine Angst haben muss. Wir waren ein unschlagbares Team und haben viele Turniere gewonnen. Die Erinnerung an vergangenes Glück schmerzt
sehr, aber dieses Pferd bleibt auf ewig in meinem Herzen. Dennoch tut es weh sich an Momente zu erinnern, die es nie wieder geben wird. Ach, warum erzähle ich dir das eigentlich alles?
Anais seufzte. Vorsichtig gab Classic Star ihr mit seiner Nase einen
Anstupser. Das Futter rief nach ihm. „Wir sollten uns auf den Weg zum Stall machen, du hast Hunger, nicht wahr? Gut, gehen wir“, lachte Anais. Erhob sich aus dem Gras. Klopfte ihre Jeans ab und
hakte den Führstrick in das Halfter des Pferdes ein. Das hätte sie gar nicht tun müssen, der Schimmel wäre ihr auch so gefolgt. Die Sonne ging bereits unter und sie hatten den ganzen Nachmittag
zusammen auf dieser Wiese verbracht.
Mitten im Wald und innige Gespräche geführt.
„Ja, die Entscheidung ist gefallen. Er zieht um. Kurzfristig. Bis er soweit auf dem Damm ist, dass ich
ihn reiten kann.“
„Warum muss er umziehen? Du legst ihm den Sattel auf dann geht’s ab in den Wald mit euch.“ Elena verstand nicht recht warum Classic Star sein liebgewonnenes Zuhause gleich wieder verlassen sollte
und das so kurz nach der Operation.
„Er hat keine Muskulatur. Wenn er jeden Tag arbeiten kann, wird er gut zunehmen und seine Sehnen, Bänder und Gelenke werden gleichzeitig gymnastiziert. Wo sollte ich ihn hier daheim trainieren?
Ich habe keinen Reitplatz, keine Reithalle, es ist die richtige Entscheidung, ihn herzugeben. Sobald er zugelegt und Muskeln aufgebaut hat, kommt er zurück nach Hause und ich gehe mit ihm
ausreiten. Tagelang habe ich ihn beobachtet. Er tut sich mit dem Aufstehen schwer wenn er sich hinlegt und tagsüber steht er zu viel auf einer Stelle, bewegt sich zu wenig. Er ist steif und
völlig eingerostet. Wir müssen ihn fordern und fördern, sonst altert er noch viel schneller und ich kriege ihn gar nicht mehr auf den Damm. Ich habe eine Reitbeteiligung gefunden die sich am
Reitstall um ihn kümmert. Außerdem besuche ich ihn jeden Tag, er wird mich also sicher nicht vermissen. Es soll wie ein Urlaub für ihn sein.“
„Dein Wort in Gottes Ohren“, sagte Elena nachdenklich. „Er hat dir jedoch ganz sicher nicht gesagt, dass du ihn aus deinen Händen geben sollst oder?“ Elena spürte, dass die Verbindung zwischen
diesem Pferd und ihrer Freundin eine besondere war. Heimlich hatte sie in den letzten Wochen seit Classic Star in das Leben ihrer besten Freundin Anais eingezogen war, Seelenverwandtschaften
zwischen Mensch und Tier studiert. Keine Seele treffe grundlos auf eine andere, hieß es.
„Ihr wollt alle nur das Beste für dieses Pferd. Dabei hat es das doch längst gefunden. Dich“, schüttelte Elena verständnislos den Kopf.
„Auch ein Pferd lebt nicht nur von Luft und Liebe. Es braucht Futter, Arbeit und eine Aufgabe. Es muss gefordert und gefördert werden. Es vereinsamt sonst völlig.“
„Nicht wenn man sich regelmäßig drum kümmert.“ Elena wollte sich nicht geschlagen geben.
„Ich habe nicht die nötige Zeit ihm das zu geben, was er braucht.“
„Das ist schade. Wobei ich glaube, dass dieses Pferd dankbar ist, dass du so bist wie du bist und es in dir gefunden hat, was es braucht. Auch wenn du nur wenig Zeit hast für den armen Kerl. Er
liebt dich und er wird keinen Furz ohne dich lassen, wenn du ihn alleine lässt. Ihr seid doch nicht umsonst zusammen gekommen. So lange hast du auf ihn gewartet und jetzt ist er da und du gibst
ihn wieder her.“
„Es ist nur für eine kurze Zeit. Du wirst sehen, meine Entscheidung ist die richtige. Ich höre ganz und gar auf mein Bauchgefühl.“
Meine geräumige Box bei Anais tauschte ich also gegen eine kleinere mit angrenzendem Paddock im
Reitstall. Training stand nun auf meinem Tagesprogramm. Lange war es her gewesen, dass ich geritten worden war. Untrainiert und steif war ich. Doch ich verspürte Lust endlich einmal wieder
das zu tun, was ich jahrelang getan hatte. Die Tage zogen ins Land und Anais besuchte mich so oft es ihr möglich war. Nein, ich vermisste nichts. Es gab gutes Futter, Zuwendung meiner
Reitbeteiligung und Anais brachte mir Möhren und mein Lieblingsfutter. Wann immer mir danach war, durfte ich auf meinem Paddock die Sonne genießen. Oftmals stand ich stundenlang an den
Gitterstäben die mich von meinem Nachbarpferd trennten, koppte auf diesen und ließ mir währenddessen die Sonne auf den Rücken brennen. Das Leben schien mir gut zu sein. Das Reiten machte mir Spaß
und nicht selten legte ich mal einen ordentlichen Buckler aufs Parkett. Das Aufsatteln mochte ich weniger. Da schlug ich auch schon mal aus. Kitzelig war ich und das Gurtnachziehen war mir
unangenehm. Bauch einziehen war nicht so meins. Ab und zu biss ich die Reitbeteiligung beim Hufe auskratzen in ihren dicken Hintern.
„Der ist so frech“, beschwerte diese sich über meine Launenhaftigkeit. Sie und ich standen oft auf Kriegsfuß. Dennoch war ich im Großen und Ganzen ein Engel und mustergültig brav. Ich hatte halt
meine Launen und Eigenheiten.
„Er gewinnt an Kondition aber nimmt nicht zu. Warum bloß nimmt dieses Pferd nicht zu?“ Anais war
verzweifelt. Nach drei Monaten, die Classic Star auf der Reitanlage verbracht hatte, waren nur wenige Muskeln gewachsen und wirklich zugenommen hatte der Schimmel nicht. „Ich lasse den Tierarzt
kommen. Er soll weitreichendere Untersuchungen vornehmen. Irgendetwas stimmt nicht. Noch immer sieht man die Rippen.“
„Meine liebe Anais, was erwartest du? Dass du von heute auf morgen noch mehr Wunder vollbringst als du ohnehin vollbracht hast?“
Der Tierarzt klopfte der jungen Frau anerkennend auf die Schulter. „Niemand hätte geglaubt, dass der Schimmel überhaupt wieder auf die Beine kommt. Dass er das Szenario das hinter ihm liegt,
überlebt hätte. Dazu noch die Operation, du darfst nicht zu viel erwarten. Wenn alte Pferde einmal so heruntergekommen sind, ist es unheimlich schwierig, sie überhaupt wieder aufzubauen und
manchmal ist es sogar vergebens. Das was du geschafft hast, grenzt an ein kleines Wunder. Jedoch darfst du nicht vergessen, dass sich der Körper des Tieres die Nährstoffe aus Muskelmasse und
Knochengewebe geholt hat, als er auf keine anderen Reserven zurückgreifen konnte. Das sind meist irreparable Schäden, ich möchte dir also keine falschen Hoffnungen machen. Außerdem benötigt er
Aufbaupräparate und Vitamine, die kosten ein Vermögen und ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob sich das lohnt…“
Die Worte des Tierarztes trafen die junge Frau hart. Der Anblick des Pferdes machte sie traurig. Zwar sah Classic Star bei weitem nicht mehr so schlimm aus wie als er zu ihr gekommen war, dennoch
schien Anais der Zustand des Pferdes besorgniserregend zu sein.
„Vielleicht ist er einfach nicht glücklich. Vielleicht fehlt ihm auch etwas. Oder er vermisst etwas?“ Tag und Nacht grübelte Anais wie sie ihrem vierbeinigen Freund helfen könnte. Unzählige
Fachbücher über Pferdehaltung und Ernährung wälzte sie.
„Vielleicht solltest du aufhören, ihn reiten zu lassen. Ich denke, das gefällt ihm nicht mehr auf seine alten Tage.“ Sogenannte Freunde, die Anais weniger gut gesonnen waren, mischten sich nur zu
gern in die Angelegenheit um Classic Star ein. „Mit ihm muss jemand spazierengehen und Bodenarbeit machen. Ihn knuddeln und liebhaben“, hieß es.
„Gut und wer hat Zeit, dies zu tun? Ich habe sie nicht. Ich bin berufstätig, habe andere Pferde zu versorgen, ein Haushalt und mein Kind“, seufzte Anais. „Dann such dir eine Reitbeteiligung die
nur mit ihm spazieren geht.“
„Da werde ich wohl lange suchen müssen. Heutzutage wollen die Jugendlichen alle reiten, da kommt niemand zu einem alten Gaul um mit ihm am Strick gemütlich durch die Gegend zu wandern. Außerdem
glaube ich nicht, dass das Reiten sein Problem ist, warum er nicht zunimmt. Mein Bauchgefühl sagt mir etwas ganz anderes.“
„Aha und was sagt es dir?“
„Dass ihm das Gefühl fehlt, dass er gebraucht wird. Die richtige Aufgabe, die habe ich für ihn noch nicht gefunden. Er fühlt sich wahrscheinlich vernachlässigt, ich kann es nicht erklären.“
Wieder einmal stand ich da und wartete. Streckte mein Hinterteil der Sonne entgegen und koppte auf der Eisenstange die meinen Paddock begrenzte. Ja, mir fehlte etwas doch konnte
ich nicht genau sagen was es war. Das Futter war gut und ich war glücklich, keinem Stress auf der Weide ausgesetzt zu sein. Nicht mehr die Stuten beschützen- oder mich zur Wehr setzen zu müssen
gegen Herdenangreifer die mich absonderten. Meine Box gab mir Sicherheit und es reichte mir völlig aus, ein paar Stunden am Tag auf dem Sandpaddock meine Runden zu drehen. Das Reiten war mir auch
nicht unangenehm. Das Mädchen das sich um mich kümmerte, war ein Fliegengewicht. Sie durch die Gegend zu tragen, war mir ein Vergnügen. Manchmal ritt sie mit mir in den Wald und ich genoss diese
Ausflüge sehr. Doch es war nur selten dass wir raus in den Wald ritten. Lieber übte sie stundenlang Dressuraufgaben in der Reithalle und mir wurde das schnell langweilig. Irgendwann zeigte ich
ihr das auch durch meine Aktionen, dass ich den Hintern hochwarf und sie beinahe den Boden geküsst hätte. Was ich gar nicht mochte, wenn sie mich mit den Sporen traktierte, damit ich schneller
lief. Mein gemütliches Tempo schien mir alle Male ausreichend zu sein und wenn sie eiliger reiten wollte, sollte sie zunächst erst einmal die richtige Hilfengebung erlernen. Immerhin war ich kein
abgedroschener, abgestumpfter Schulgaul sondern ein erstklassig ausgebildetes Springpferd, das auf feinste Hilfen reagierte. Ihre brachiale Art behagte mir nicht.
Somit wartete ich sehnsüchtig. Blickte in die Sonnenuntergänge und träumte von vergangenen Zeiten. Schön war es gewesen, mein Leben. Solange schön, bis ich auf diese Weide gebracht worden war.
Dankbar war ich, dass ich dort nicht bis zu meinem letzten Atemzug verweilen musste. Dennoch wollte nicht wirklich das Glück in meinem Herzen einziehen.
„Er steht in seinem Paddock und wartet. Ich weiß nicht worauf. Blickt in die Ferne, seufzt einmal tief und wartet. Worauf auch immer.“ Traurig erzählte Anais von ihrem Besuch im
Reitstall. „Ich muss ihn dort wegholen. Ich habe den Eindruck er wird dünner statt dicker und die Leute füttern wirklich gut und geben sich Mühe. Classic Star ist dort nicht glücklich.“
Mit dem Pferdeanhänger ging es nach Hause. Mein Zuhause war bei Anais. Vom ersten Tag an hatte ich mich dort wohlgefühlt. Eine große Box mit schönem Ausblick auf das umliegende Gelände und
einer netten Stute in der Nachbarbox, bereicherten meinen Alltag. Anais brachte mich auf die Weide für ein paar Stunden und ich durfte in aller Ruhe für mich alleine grasen. Solange ich draußen
weidete, blieben die anderen Pferde im Stall damit ich keinem unnötigen Stress ausgesetzt war. Sobald ich wieder rein wollte, wieherte ich einmal energisch und sie kam gleich zu mir. Nahm mich am
Halfter und brachte mich in meine Box. Dort wartete ein reich gefüllter Trog auf mich und ich ließ es mir schmecken.
„Heute gehen wir ausreiten.“ Erstaunt blickte ich drein als Anais einen Sattel heranschleppte nachdem sie mich ausgiebig gebürstet hatte. Bisher hatte sie immer nur meine Futtereimer getragen,
meine Box ausgemistet und mich auf die Weide gebracht und wieder reingeholt. Mit einem Sattel in der Hand hatte ich sie noch nicht gesehen. Da musste ich ihr gleich einmal zeigen, dass ich
kitzelig war und es gar nicht mochte wenn man den Gurt gleich so fest anzog. „Du kannst gar nicht wirklich böse gucken also höre auf damit“, schimpfte sie lachend. Sie ließ sich nicht beirren von
meinen Drohgebärden und das imponierte mir. Auf Anais war Verlass. Ihre Stimme war fest und entschlossen. Somit akzeptierte ich sie als mein Leittier. Nachdem ich gesattelt und getrenst war,
stieg sie von der Schubkarre aus auf meinen Rücken. „Damit ich dich nicht zu sehr einseitig belaste. Morgen kaufe ich eine Aufstiegshilfe. Du bist ja nun doch sehr groß, da komme ich so gar nicht
hoch“, sagte sie und klopfte dankbar meinen Hals weil ich so brav stillgestanden war.
Dann ging es hinaus. Frischer Wind durchfuhr meine Mähne und die Luft schmeckte nach Freiheit und Abenteuern, während die Eisen meiner Hufe auf dem Asphalt der Straße klackerten. Wie sehr hatte
ich diese Ritte in der freien Natur vermisst. Doch nicht nur mir ging es so. Innerlich spürte ich genau, dass meine Reiterin ebenso fühlte wie ich. Frei, ausbalanciert und unbeschwert saß sie im
Sattel. Angstfrei, dass ich vielleicht einen Satz zur Seite machen könnte. Sie vertraute mir und ich ihr. Wir waren eins miteinander. „Weißt du eigentlich wie lange ich nicht mehr geritten bin?“,
fragte sie und ihr Atem schlug weißen Nebel in der kalten Luft. Der Winter näherte sich mit großen Schritten.
Auf einem weichen Waldweg ließ sie mich traben. Sie benutzte weder Sporen noch Gerte, sie dachte nur daran traben zu wollen und ich setzte mich in Bewegung. Wir waren miteinander verschmolzen. Zu
einer Einheit geworden. Leicht saß sie im Sattel. Ihr Herz war unbeschwert und fröhlich. Zufrieden schnaubend erkundete ich die Gegend. Es war herrlich bei der klaren Luft meine müden Knochen in
Bewegung zu setzen. Mit jedem Schritt wurde ich lockerer im Rücken und geschmeidiger in den Gelenken. Ich hoffte sehr, mich in einen Galopp setzten zu dürfen. Nachdem wir eine Wiese erreichten,
die sich leicht bergauf zog und förmlich zu einem flotten Galopp einlud, gab sie mir das Kommando zum Galoppieren. Nur zu gern holte ich schwungvoll mit den Vorderbeinen aus und es war als flögen
wir über die Weite der Wiesen und Felder.
Der scharfe Wind trieb Tränen in ihre Augen. Die weißen Wattewölkchen am Himmel zogen mit ihrem Pferd um
die Wette. Einige Vögel die von den galoppierenden Hufen im Gras aufgeschreckt worden waren, erhoben sich direkt vor ihnen in die Lüfte.
Die Zeit stand still.
Keine Uhr dieser Welt schien sich mehr zu drehen. Da gab es nur noch sie und dieses Pferd. Locker leicht und herrlich gesetzt galoppierte der mächtige Schimmel unter ihr. Mit einem leichten Blick
nach unten sah sie wie die Hufe des Pferdes ausholten. Flacher und flacher wurden seine Schritte, schneller das Tempo. Die kalte, klare Luft zog sie tief in ihre Lungen ein. Sie hatte längst
vergessen wie schön es war, im Sattel zu sitzen und die Weite der Natur zu genießen. Alles um sich herum zu vergessen. Wie wundervoll dieser Augenblick- in dem sie mit ihrem Pferd so tief
verbunden war, dass sie glaubte auf Wolken zu schweben. Die vorbeiziehenden Wälder und der geheimnisvoll begleitende Schatten ihres Pferdes neben ihr. Ehrfurcht vor der Kreatur unter ihrem Sattel
schlich empor. Die Beine des Schimmels ermüdeten nicht. Wieder und wieder holten sie aus um noch schneller zu galoppieren.
Sie schloss die Augen und breitete ihre Arme aus. Die Füße stemmte sie noch fester gegen die Steigbügel um ihr Gewicht leicht wie eine Feder in den Galoppsprüngen ihres Pferdes zu halten.
Sie war frei.
Frei von allen Sorgen.
Frei vom Alltag.
Beflügelt von Glück.
Es war ein Geschenk, im Sattel sitzen zu dürfen und sie erinnerte sich warum sie als Kind all die Jahre täglich auf dem Rücken ihres Pferdes gesessen hatte. Aus Passion und ihrer Liebe zum
Tier.
Es gibt keine tieferen Geheimnisse als die zwischen einem Pferd und seinem Reiter.
Nachdem Anais mein Tempo parierte, war ich direkt ein wenig traurig, dass es schon vorbei war. So gern
wäre ich weiter galoppiert.
„Du bist wundervoll. Selten habe ich ein so tolles Pferd geritten. Ich danke dir für diesen schönen Ausritt, Classic Star.“Ausgiebig klopfte sie meinen Hals. Bedankte sich überschwänglich für den
Augenblick den ich ihr geschenkt hatte. Einen Augenblick voller Sinnlichkeit, Freiheit und Verbundenheit. Einen Augenblick voller Liebe und Sehnsucht.
„Classic Star ist unbeschreiblich. Mit ihm auszureiten ist ein Geschenk des Himmels. Er
folgt wunderbar einfach an den Hilfen, wurde ganz fein ausgebildet, reagiert auf das kleinste Zeichen, das ich ihm gebe. Ich liebe ihn einfach.“
Anais sprach in höchsten Tönen von ihrem Pferd. Selbst wenn die meisten ihrer Zuhörer die Nase rümpften, weil sie sich nicht vorstellen konnten das ein altes, verhungertes und heruntergekommenes
Pferd so viel Freude machen könnte. „Ich habe das gleich gewusst als ich ihn das erste Mal gesehen habe. Gleich da wusste ich wie toll er ist. Deshalb wollte ich ihn ja auch unbedingt haben“,
strahlte sie.
Beinahe täglich saß Anais in meinem Sattel. Die Ausritte mit ihr waren wundervoll. Wir verstanden uns blind. Es war, als kannten wir uns ein Leben lang. Als hätte es niemals
einen anderen Reiter für mich gegeben und für sie kein anderes Pferd. „Dich schickt der Himmel, Classic Star“, bedankte sie sich nach jedem Ausritt. „Du machst mir so viel Freude, bringst so
unendlich viel Licht in meinen tristen Alltag, dass ich dir auf Ewig dankbar sein werde für all die schönen Stunden die ich in deinem Sattel verbringen durfte.“
„Er hat zugenommen. Er sieht fantastisch aus. Respekt. Ich weiß nicht was du gemacht hast und wie du es geschafft hast, aber du hast aus diesem Pferd ein ganz neues Wesen gezaubert.
Er ist nicht wiederzuerkennen.“ Der Tierarzt wollte einige Wochen später seinen Augen nicht trauen, als er Classic Star und Anais wiedertraf. „Ich hätte es nicht für möglich gehalten“, sagte er
anerkennend.
Wir ritten längst nicht mehr nur in den Wald hinaus. Anais trainierte seit einer
gewissen Zeit ein paar niedrige Hindernisse mit mir. Ach was hatte ich einen Spaß, ihr zu zeigen wie gut ich springen konnte. „Du lachst ja über die kleinen Hüpfer“, sagte sie freudestrahlend.
Welch eine Abwechslung in meinem Leben. Endlich einmal wieder über die bunten Stangen zu fliegen. Nichts war schöner gewesen für mich als mich in Szene setzen zu dürfen. Anerkennendes Lob und ein
Leckerchen zu bekommen für meine Springkünste. Und irgendwie war ich plötzlich wieder mitten im Leben drin. Mit zwar nur noch einem Auge, aber das machte mir nichts aus. Daran hatte ich mich
schnell gewöhnt und selbst die Hindernisse bereiteten mir keine Schwierigkeiten. Anais nahm mich eines Tages sogar mit zu einem kleinen Turnier. Gleich erkannte ich die Atmosphäre, die Musik, die
vielen Menschen und die fremden Pferde. An diesem Tag wusste ich genau, es kam auf mich an. Ich musste mein Bestes geben. Für wen sollte ich lieber mein Bestes geben wollen als für den Menschen,
der mich aus vollstem Herzen heraus liebte?
„Ich habe ein wenig Muffensausen wenn ich ehrlich bin“, sagte Anais mit zittrigen Knien. „Ich bin so lange kein Turnier mehr geritten, das ist ganz ungewohnt für mich heute mit dir in einer
Prüfung zu starten.“Die Angst nahm ich ihr sogleich als sie in den Sattel stieg. Mit meiner souveränen, überlegenen Art zeigte ich ihr, dass ich ein Profi in dem Geschäft war. An diesem Tag
belegten wir den dritten Platz in einem kleinen Springen und Anais war überglücklich. Ihren kräftigen Herzschlag zu spüren der beinahe explodierte vor Freude während ich sie über die Hindernisse
trug, war grandios.
„Die Schleife bekommt einen Ehrenplatz Classic Star“, sagte sie mit Stolz in ihren glänzenden Augen.
Abschied
Mir ging es wunderbar. Das Rentnerdasein genoss ich in vollen Zügen. Von allem gab
es etwas. Ein bisschen Weide, viele schöne Ausritte in der freien Natur, ein wenig Springtraining und ansonsten gutes Futter und viel Liebe. Ich wartete nicht mehr. Ich vermisste auch nichts. Ich
war glücklich weil ich endlich gefunden- wonach ich gesucht hatte.
„Er sieht so unglaublich glücklich aus. Dass es dasselbe Pferd ist, das ist kaum zu
glauben, Anais.“ Anais erhielt von allen Seiten Lob und Anerkennung. Doch in den Tiefen ihrer Seele war ihr Herz schwer geworden im Laufe der Zeit. Ein Jahr hatte sie nunmehr mit Classic Star
verbracht. Ein Jahr voller Höhen und Tiefen, voller Sorgen, Ängste jedoch auch unendlich viel Freude und Liebe. Finanziell hatte das Pferd ein großes Loch in ihren Geldbeutel gerissen.
Spendengelder waren längst aufgebraucht.
„Ich weiß nicht wie ich das alles weiterhin finanzieren soll“, sagte sie niedergeschlagen. Tagelang hatte sie durchgerechnet wie sie den Lebensunterhalt des Pferdes und ihren eigenen weiterhin
aufrecht erhalten könnte. Ohne Unterstützung zu bekommen schien es aussichtslos zu sein, das teure Futter und die Aufbaumittel zu kaufen. Der Job als Kassiererin im Discounter reichte bei weitem
nicht aus, den kostspieligen Lebensunterhalt eines alten Pferdes dauerhaft zu gewährleisten. Wohin mit Classic Star? Nur bei Anais schien das Pferd glücklich zu sein. Sollte sie im Internet um
Geld betteln, auf ihrer Pferdeseite? Hoffen, dass ein paar Gönner ein paar Mark überwiesen, damit sie das teure Magnesium, das E-Selen, das Mineralfutter und all die anderen Mittelchen sowie das
speziell abgestimmte Futter vom Tierarzt, weiterhin füttern konnte? Nein, nicht ein einziges Mal hatte sie um Gelder gebettelt und es war auch nicht ihre Art, dies zu tun. Die Spendengelder waren
freiwillig gezahlt worden.
Anais musste eine Möglichkeit finden, Classic Star ein sorgenfreies Leben auf lange Sicht bieten zu können.
„Du kannst Classic Star nicht hergeben. Er ist glücklich bei dir. Er wird sterben wenn du ihn hergibst. Warum denkst du auch nur eine Minute daran ihn aus deinen Händen geben zu wollen? Wie kann
man nur so abgebrüht sein, verdammt?“ Freunde von Anais stellten sich quer mit der Entscheidung, Classic Star in ein Zuhause geben zu wollen in dem man sich besser um ihn kümmern würde als Anais
es jemals getan hatte.
„Ich habe das Geld nicht mehr um ihm das zu geben was er braucht. Ich habe einen zweiten Job angenommen um mich und meine Pferde überhaupt über Wasser zu halten. Irgendwann neben der ganzen
Arbeit muss ich auch mal schlafen und ausspannen können. Mein Leben hat sich verändert, ich fühle mich nicht mehr stark genug. Bin der Aufgabe, mich um das alte Pferd entsprechend zu kümmern,
nicht mehr gewachsen.“ Ein stummer Hilferuf, doch ihn erhörte so recht niemand. Im Winter war das Leben auf dem Hof mehr als hart. Das Wasser für zehn Pferde musste in Eimern geschleppt werden.
Die Pflege der Tiere musste gewährleistet- und die Futterkammer über den Winter reich gefüllt sein. Die Heuernte war schlecht gewesen im Sommer und die Preise für selbiges waren ordentlich
gestiegen. „Das ist bald unmöglich noch einen Heuballen aufzutreiben, geschweige denn, ihn zu bezahlen. Die Bauern behandeln ihr Heu wie Gold“, seufzte Anais. So schwer es ihr auch fiel, sie
musste sich von ein paar Pferden verabschieden wenn sie nicht den Bach runtergehen wollte. Wie schwer ihr diese Entscheidung gefallen war, das konnte wohl niemand nachvollziehen der nicht in
ihrer Situation gewesen wäre. „Ich gebe ihn nur her, wenn sich eine Alternative findet“, sagte sie entschieden. Niemals hätte sie ihren Freund einfach irgendwohin abgeschoben. Dafür hatte sie ihn
viel zu lieb.
Die Alternative bot sich mit dem Anruf eines Freundes der einen Beisteller für das Pony seiner Tochter suchte. Das Futter mache man selbst, sei nicht auf Heulieferung angewiesen und ein großer
schöner Offenstall stände bereit in dem sich Classic Star bewegen könnte wie er wolle. „Er kann rein und rausgehen wie er möchte, kann das sogar selbst entscheiden. Das Futter übernehmen wir und
seine Pflege natürlich auch. Meine Tochter würde sich gut um ihn kümmern. Mit ihm ausreiten und ihn ebenso liebhaben wie du ihn lieb hast, Anais.“
Nachdem Anais den Stall besichtigt hatte, zweifelte sie nicht eine Sekunde lang daran, dass Classic Star ein besseres Zuhause hätte finden können. „Du überlässt ihn uns. Er bleibt dein Pferd. Wir
kümmern uns um ihn und übernehmen die Kosten. Du kannst ihn jederzeit wieder abholen wenn etwas nicht in Ordnung sein sollte.“
„Es ist eine gute Entscheidung. Ich werde die schönen Ausritte mit ihm vermissen, aber ich gebe diese gern an ein kleines Mädchen weiter, das ihm all seine Liebe rund um die Uhr schenkt, wofür
mir leider die Zeit fehlt“, seufzte Anais. In ihren Augen würde es nichts Schöneres für den Schimmel geben als ein Mensch der ihn genauso liebte wie sie es getan hatte. Das kleine Mädchen würde
ihm sehr wahrscheinlich noch viel mehr Liebe schenken als sie es getan hatte.
„Ich habe so oft keine Zeit für ihn gehabt.“
„Das hat er dir nie übel genommen. Du hast dein Bestes für ihn gegeben und nur das zählt. Nur das hat ihn letztendlich glücklich gemacht. Warum suchst du das Beste für dieses Pferd, wo es das
ganz große Los längst gezogen hat?“
Es war anders als sonst, als Anais mit mir ausritt. Ihre Traurigkeit spürte ich. Sie zog bis in die entlegenste Faser meiner Sensibilität. Warum war sie traurig? Was hätte ich
tun können um ihr den Schmerz den sie in ihrer Seele trug, zu nehmen?
„Du musst mir verzeihen. Ich hätte es nicht getan wenn ich nicht dazu gezwungen wäre. Ich komme dich besuchen und wenn ich sehe dass du nicht glücklich bist, hole ich dich wieder ab“, sagte sie
schluchzend.
Gleich am nächsten Tag wurde ich in einen Pferdeanhänger verladen und zu einer Weide gebracht. Anais war nicht mitgekommen. Sie hatte mich lediglich in den Anhänger geführt und
bitterlich geweint. Ihren Arm zum Abschied um meinen Hals gelegt. „Auf Wiedersehen mein Großer. Ich habe dich lieb. Vergiss mich bitte nicht so schnell.“ Das waren ihre letzten Worte gewesen als
sich die Tür schloss und der Anhänger sich rumpelnd in Bewegung setzte. Ich hatte keinerlei Ahnung, wohin die Reise mich führen würde. Doch ich war zuversichtlich weil ich voller Vertrauen in
Anais war. Bei ihr hatte ich keine schlechten Erfahrungen gemacht. Im Gegenteil. Bei Anais war ich Zuhause. Bei ihr war ich glücklich. Vielleicht fuhren wir zu einem kleinen Turnier. Oder zum
Tierarzt. Oder zum Reitplatz, dorthin war sie auch öfter mit mir gefahren. Guter Dinge war ich und frei von Angst.
Ausgeladen wurde ich auf einer Weide die hoch im Gras stand. Ein kleines Pony wieherte mich erwartungsvoll an während ich aus dem Anhänger stieg. Erstaunt blickte ich mich um. Die Umgebung war
mir fremd. Niemals zuvor war ich hier gewesen. Ein Mädchen nahm mich am Führstrick und brachte mich auf die Weide zu dem kleinen Pony. In einem Stall lag Heu für mich bereit und im Trog fand ich
Möhren.
Das war also mein neues Leben. Ein Stall, der frei zugänglich war, mit einem reich gefüllten Futtertisch den ich rund um die Uhr aufsuchen und frei entscheiden durfte ob es lieber frisches Gras
oder eben das Heu sein sollte. Daneben die Gesellschaft einer kleinen Ponystute die sich gleich unsterblich in mich verliebte. Eigentlich war alles in feinster Ordnung und noch immer gab es
keinen Grund traurig zu sein oder etwas vermissen zu wollen außer meiner kleinen Freundin Anais an die ich oft denken musste. Ja ich vermisste sie. Sie und ihre liebevolle Art mit der sie mich
gleich morgens gefüttert hatte. Sie hatte sich mit mir unterhalten wie man sich mit einem guten alten Freund unterhält, den man seit Jahren kennt. Die Gespräche mit ihr, sie fehlten mir. Und die
schönen Ausritte. Doch irgendwann vergaß ich mein altes Zuhause und lebte mich in meinem neuen ein.
Bis der erste Winter kam und ich spürte, dass ich mit den Witterungsbedingungen wieder einmal arg zu kämpfen hatte. Mir war kalt. Oftmals legte sich der Schnee empfindlich auf meinen Rücken und
selbst wenn ich mich in den Stall zurückzog, fror ich. Solange ich fror, mochte ich nicht fressen. Außer Heu gab es nichts. Das Gras war abgefressen und vom Schnee bedeckt. Mit den Hufen
scharrend und nach Futter suchend spürte ich wie anstrengend das Offenstallleben war. Ich es nicht gewohnt wat, mein Futter suchen zu müssen. So hatte man mir täglich drei Mahlzeiten vorgesetzt
und mir eine warme Decke angezogen. Nunmehr stand ich frierend auf der Weide im tiefsten Winter und es gab nur noch Heu für mich zu fressen. Ich war dünner geworden und wieder unter Stress
geraten. Stress weil ich kein Futter fand. Das Heu reichte nicht aus um mich mit Mineralien und Vitaminen zu versorgen. Krank und geschwächt fühlte ich mich. Als der Frühling erwachte,
wurde es mit meiner Verfassung besser. Die Sonne war wohltuend und frisches, saftiges Gras ließ sich wieder blicken. Doch wirklich gut ging es mir nicht. An einigen Tagen vegetierte ich lustlos
vor mich hin. Starrte in die Ferne. Mit leeren Augen und verzweifeltem Blick. Ich wartete mal wieder, was ich lange Zeit nicht mehr getan hatte. Die Menschen waren freundlich zu mir und das
kleine Mädchen kümmerte sich gewissenhaft. An manchen Tagen legte sie mir einen Sattel auf und ritt mit mir in den Wald. Die Ritte wurden zusehends beschwerlicher weil mir die Kräfte ausgingen.
Schwach und lustlos fühlte ich mich. Meinen Unmut zeigte ich indem ich beim Aufsatteln um mich schlug. Es war nicht nur dass ich kitzelig war, der Sattel drückte auf meinen Knochen. Ich kannte es
nicht, dass mir der Sattel Schmerzen bereitete. Meine stummen Schreie hörte niemand. Gutmütig wie ich war, schleppte ich meine Reiterin klaglos durch das Gelände, war jedoch jedes Mal
glücklich wieder den Stall erreicht zu haben weil ich glaubte vor Schwäche zusammenzuklappen.
Mit mir stimmte etwas nicht. Krank fühlte ich mich. Mein Sommerfell wollte nicht so recht durchbrechen, im Juni trug ich noch immer das Winterfell auf meinem Rücken. Die Temperaturunterschiede
machten mir zu schaffen. Mal fror, dann schwitzte ich. Der Hunger war Krankheiten und Mangelerscheinungen gewichen. Ich fraß nur noch schlecht bis gar nicht mehr und meine Zähne schmerzten. Der
nächste Winter zog viel schneller ins Land als gedacht und ich glaubte meine letzten Stunden brachen an. Mich hinzulegen um auszuruhen, getraute ich mich längst nicht mehr. Mit meinen alten müden
Knochen gelang mir das Aufstehen nur noch beschwerlich. Das ständige auf den Beinen sein schwächte mich umso mehr. Notwendige Ruhepausen gab es für mich nicht mehr. Zusehends wurde ich
schwächer.
Schnee und Regen fielen auf mein Fell. Durchnässten mich bis in die tiefste Faser. Nachdem ich so schwach geworden war, dass ich die Rangordnung nicht mehr aufrecht halten konnte, hatte die
kleine Ponystute die Regie übernommen. Sie beherbergte den Stall nunmehr alleine, ließ mich in ihm nicht mehr unterstellen. Beschützte mit angelegten Ohren das wenige Heu das noch übrig war und
ich zog mit leerem Magen durch die einsamen Tage und Nächte. Der Tod wäre eine Erlösung für mich gewesen und ich wünschte ihn mir sehnlichst herbei. Mit hängendem Kopf verweilte ich nur
noch auf einer Stelle, bewegte mich nicht mehr. Ich wartete. Auf den sicheren Tod. Doch mein Herz, es schlug. Es wollte einfach nicht aufhören zu schlagen. Kraftvoll pumpte es in einem
regelmäßigen Rhythmus das Blut durch meine Venen.
„So alter Freund, rein in den Anhänger mit dir!“ Eines Morgens sollte ich plötzlich von jetzt auf gleich in den Pferdeanhänger einsteigen und ich wusste gar nicht, wie mir geschah. Meine Beine
waren kaum bereit einen Schritt vor den anderen zu setzen und dennoch zeigte man kein Erbarmen mit mir und meinem Gebrechen. Müde war ich. Unendlich müde geworden. Müde vom Leben, das mich in den
letzten Monaten unglaublich viel Kraft gekostet hatte. Kraft, mich den Kapriolen der wechselnden Witterungsverhältnisse auseinandersetzen zu müssen. „Du gehst nach Hause, Classic Star“, hieß es
während ich in den Anhänger stolperte. Worte, mit denen ich nichts mehr anfangen konnte. Zuhause, wo sollte das sein?
Mein Blick war leer. Schweifte in eine instinktiv angedachte Ferne, die es längst nicht mehr gab. Meine Augenhöhlen waren eingefallen und die Lider schwer. Schwerer noch als es meine Knochen
waren. An diesem Tag als ich in den Anhänger verladen wurde, schien die Sonne. Ein paar wärmende Strahlen warf sie auf meinen rippigen Körper. Die Knochen ragten spitz empor, meine äußerliche
Erscheinung musste grässlich gewesen sein. Ich fühlte es. Mein Stolz war gewichen, hatte dem Leiden Platz geboten. Für mich würde es keine Sonnenuntergänge mehr geben, die mir einst so viel
Freude schenkten und bedeuteten. Der Tod war mir nahe wie lange nicht mehr. Stetig lief er neben mir. Begleitete mich hinein in den Anhänger und nur zu gern hätte ich mich ihm geschlagen gegeben.
Ich wollte nicht mehr kämpfen. Meinen Stolz nicht mehr aufrechthalten. Warum sollte ich mich noch einmal gegen ihn aufbäumen? Wofür und für wen? Dieses elendige Herz, es wollte nicht
stillstehen.
„Ich habe gar keinen Platz. Die Boxen sind alle belegt. Ich weiß sowieso nicht mehr wohin mit den ganzen
Pferden. Seit Warinja auch noch zurückgekommen ist“, stotterte Anais verlegen. Der Anruf war völlig unerwartet über sie hereingebrochen. Classic Star sollte zurück zu ihr nach Hause kommen. Die
Weide war angeblich gekündigt worden und man wüsste angeblich nicht, wohin mit dem Schimmel, wenn nicht zu ihr. Entsetzt über die Nachricht, dass man dem Pächter die Weide von jetzt auf gleich
gekündigt hätte und dieser nicht wüsste, wohin mit dem alten Schimmel und seinem Pony, wusste Anais gar nichts zu erwidern, weil sie einfach nur sprachlos war.
„Ich war mir so sicher, dass er bis zu seinem letzten Atemzug bleiben kann“, seufzte sie niedergeschlagen über die aus heiterem Himmel hereinbrechende Nachricht.
„Wann hast du ihn das letzte Mal gesehen?“ fragte Anais Tochter. Ihr war aufgefallen, dass das Thema Classic Star seit mehreren Monaten erledigt war, obwohl man sich gern an den prächtigen
Schimmel und dessen Geschichte erinnerte. Zahlreiche seiner Bilder schmückten den Hausflur und die gemeinsam gewonnene Schleife vom Turnier hatte einen Ehrenplatz erhalten. Anais hatte nichts in
ihrem Leben außer ihrem Kind, so sehr geliebt wie dieses Pferd und dennoch schienen der Schimmel und die gemeinsame Zeit in Vergessenheit geraten zu sein. „Ich habe ihn nicht ein einziges Mal
besucht.“ Beschämt blickte Anais zu Boden. Vergrub ihren Blick unter den Küchenteppich, während sie sich eingestehen musste, dass sie sich an einem Tier sehr wahrscheinlich versündigt
hatte. Aus Scham und Verzweiflung gelang es nicht, ihrer Tochter in die Augen zu sehen.
„Du hattest doch immer mal zu ihm hinfahren wollen“, sagte diese verständnislos.
„Ja, aber ich habe es zeitlich einfach nicht geschafft. Ständig war irgendetwas anderes, ich hatte zu viel um die Ohren. Du weißt dass Oma und Opa gestorben sind, ich das Haus von ihnen auflösen
musste und mit den Nerven am Ende war. Ich hatte andere Dinge zu erledigen als an dieses Pferd zu denken. Auch wenn ich es immer getan habe, an ihn gedacht und ihn niemals vergessen habe. Ich
wusste dass er es dort gut hat. Man ihm dort die Liebe geben würde, die er verdient hat. Ein Mädchen ihn versorgen, striegeln und reiten würde. Futter hätte er dort in großen Mengen rund um die
Uhr gehabt. Heu dürfe er fressen, so viel er wollte. Das hätte ich mir hier zuhause gar nicht leisten können. So viel Geld verdiene ich nicht. Es war die beste Entscheidung, ihn zu diesen Leuten
geben. Sie sind nett und haben ihn ebenso lieb wie ich.“
„Und warum wollen sie ihn jetzt wieder abgeben, wenn sie ihn doch so lieb haben?“ Das Mädchen ließ sich nicht in die Irre führen. Kinder hatten eben immer den siebten Sinn, rochen faule Eier
sofort und erkannten Lügenkonstrukte der Erwachsenen aus kurzer Entfernung.
„Der Vertrag über die Weide wurde gekündigt und die Pferde müssen unverzüglich fortgeschafft werden.“
„Und wo geht das Pony hin?“
„Da haben sie angeblich einen Platz gefunden.“
„Und warum kann Classic Star dann nicht mit in den neuen Stall?“
„Ich weiß es nicht“, beherzt griff Anais zum Telefon und rief noch einmal ihren Bekannten an der ihr kurz zuvor mitgeteilt hatte, dass er umgehend einen neuen Platz für Classic Star
benötigte.
„Wäre es nicht möglich, Classic Star ebenfalls mit in den neuen Stall zu geben? Dorthin, wo ihr das Pony hingebt?“
„Das müsste ich erfragen, glaube jedoch nicht, dass die Leute den Schimmel haben möchten“, hieß es vom anderen Ende der Leitung.
Anais war erstaunt. Bei weitem konnte sie sich nicht vorstellen, dass jemand ein so wunderschönes, tolles und gut gerittenes Pferd wie Classic Star nicht aufnehmen wollte. Zumal man diesen
Prachtschimmel ganz umsonst erwerben könnte denn sie wollte gewiss kein Geld mehr für ihn verlangen. „Ich will doch nur dass es ihm gut geht. Könnte er nicht Beisteller von dem Pony bleiben? Die
beiden Pferde hängen doch sicherlich aneinander?“
Die Entscheidung fiel schnell. Classic Star könne unter keinen Umständen bleiben, die Weide müsse geräumt und das Pferd unverzüglich abgegeben werden, hieß es. Man wolle ihn auf keinen Fall
übernehmen. Für Anais bedeutete dies ein Faustschlag ins Gesicht. „Ich kann ihm hier zuhause überhaupt nicht das geben, was er braucht“, klagte sie niedergeschlagen. „Weil ich viel zu wenig Zeit
habe mich um ihn zu kümmern.“
„Dann suchen wir eine Reitbeteiligung für ihn. Da findet sich sicher jemand“, tröstete sie ihre Tochter Jill.
„Wir haben jetzt immerhin einen Reitplatz, den wir vorher nicht hatten.“ Jill verschränkte die Arme über der Brust und ihr Blick hatte etwas Mütterliches im Ausdruck obwohl die Rollen
zwischen Mutter und Tochter längst nicht vertauscht worden waren.
„Also gut, klar nehmen wir ihn wieder bei uns auf. Auch wenn ich nicht weiß, wo ich ihn unterbringen und was ich mit ihm machen soll. Im Sommer gehen die Fohlen auf die Weide, da wird es mit
einer freien Box klappen. Im Winter müssen wir sehen, wie wir es machen“, überlegte Jill sinnierend. Immerhin war Classic Star nicht mit jedem Pferd verträglich gewesen, kein leichtes Unterfangen
mit dem Schimmel, der noch immer auf seine alten Tage unheimlich hengstig war und jederzeit das Kommando bestimmen wollte. So hatte Anais das Pferd zumindest in Erinnerung behalten.
„Der Krawallmacher kommt also wieder“, seufzte sie ironisierend.
„Dich wird der Schlag treffen. Das ist einfach nur schrecklich. Grausam. Ich habe so etwas Schlimmes noch nie gesehen. Er sieht viel schlimmer aus als er damals ausgesehen hat, als du ihn von der
Weide des Todes geholt hast. Ich glaube es ist besser wenn du ihn nicht anschaust.“ Jill hatte das Pferd in Empfang genommen weil Anais noch auf der Arbeit gewesen war und der Anblick des
Schimmels hatte selbst dem Kind Tränen in die Augen getrieben. Außerdem starb Jill beinahe vor Angst und Sorge, dass das Pferd tot umfallen könnte, bevor ihre Mutter heimkehrte.
„Wie? Das kann nicht sein.“ Energisch stritt Anais die Anmaßungen ihrer Tochter über den möglichen, angeblich schlechten Zustand des Pferdes ab.
„Das sind kompetente Leute bei denen er untergebracht war, die versorgen ein Tier artgerecht.“
„Er stirbt. Bitte komm bitte schnell nach Hause“, weinte Jill.
Während der Autofahrt des Heimweges gingen Anais tausende Gedanken durch den Kopf. Ihre Tochter würde sie niemals belügen. Dennoch wollte sie nicht glauben, dass Classic Star sich abermals in
einem schlechten Zustand befinden sollte. „Ich habe ihn damals hergegeben weil ich glaubte, bei den Leuten ginge es ihm besser als bei mir. Weil er Liebe rund um die Uhr erhalten würde. Weil er
täglich gestriegelt und geritten werden würde. Weil die Futtervorräte dort viel arrondierter wären als bei uns“, sprach sie mit sich selbst. Das schlechte Gewissen nagte an ihr. Immer mehr
drängte sich die bittere Tatsache in den Vordergrund, dass sie einen schrecklichen Fehler begangen hatte. Sie hatte ihr geliebtes Pferd hergeben weil sie das Beste für das Tier wollte, dabei
hatte der herrliche Schimmel längst das Beste, das ihm hätte passieren können, gefunden. Mit diesen Gedanken wollte sich Anais allerdings nicht anfreunden. Sie glaubte nicht, dass sie der einzige
Mensch wäre, der einem alten Pferd auf seine letzten Tage genau das geben könnte, was es wahrhaftig benötigte. Wer wollte eigentlich die Maßstäbe setzen, was dieses Pferd brauchte? Immerhin hatte
nicht nur Anais das Beste für den Schimmel gewollt, auch Julio und Anna hatten dies versucht. Letztendlich waren auch sie gescheitert.
Jill musste sich irren. Sicherlich, der Winter war vorüber, man schrieb den Monat April, vielleicht hatten die kalten Tage an dem Schimmel gezehrt und er an Gewicht verloren. Ein grauenhafter
Zustand allerdings, das wollte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen.
Langsam stolperte ich rückwärts aus dem Anhänger. So schwach, dass ich beinahe gefallen wäre, war ich. Meinen Kopf drehte ich leicht seitlich um zu erkennen, wohin man mich gebracht hatte. War
es mein Ende? Wo würde ich meine restlichen Lebensstunden verbringen? Freudig wiehernd wurde ich von den anderen Pferden des Hofes begrüßt. Sie schauten fröhlich drein aus ihren halboffenen Boxen
und beäugten mich kameradschaftlich. So als kannten sie mich eine geraume Weile. Sie begrüßten mich wie einen guten alten Freund, der nach Hause gekommen war. Das Bild, die Umrisse des
Hofes waren mir vertraut. Hier war ich schon einmal gewesen, erinnerte ich mich. Dort drüben war meine alte Box. Ja, die schöne große Box, in der ich so viel Platz hatte und mich nach Herzenslust
im frischen Stroh wälzen konnte. Mit meinen letzten Kräften nahm ich Schwung und zog zu dem Stall herüber. „Hey, nicht so schnell“, sagte ein junges Mädchen, das mich mitsamt Strick und
Halfter festhielt. „Das ist nicht mehr deine Box, die ist jetzt besetzt“, knurrte sie und zog mich in die andere Richtung. Die Leute die mich zum Stall gebracht hatten, verabschiedeten sich von
mir. „Mach`s gut Schimmel“, sagten sie und ließen mich allein zurück. Sie schienen traurig zu sein.
Gemächlich trotte ich mit dem Mädchen mit. Mir war klar ich hatte keine andere Wahl als mich meinem Schicksal zu fügen. Jahrelang war ich hin-und her gekarrt, gezogen, geschoben und verfrachtet
worden. In der letzten Zeit hatte ich nicht mehr wirklich ein Zuhause gehabt und ich war abhängig von den Menschen. Mein Schicksal lag in ihren Händen.
„Meine Mama wird weinen wenn sie dich sieht“, sagte das Mädchen. Es schüttete ein wenig Futter in den Trog. „Du musst essen. Du siehst aus wie ein Äthiopier. Nein, stimmt nicht. Ein Äthiopier
sieht besser aus als du. Bitte stirb nicht. Nicht jetzt jedenfalls. Warte bis meine Mama Zuhause ist“, flehte das Mädchen. In dem Stall war ich alleine. Die anderen Pferde standen einen
Boxentrakt weiter. Nur schlechten Sichtkontakt hatte ich zu ihnen weil ich auf der linken Seite blind war. Unruhig lief ich in der Box hin und her. Ich wollte nicht alleine sein. Ängstlich
wieherte ich. Der Tod war mir so nahe dass ich unter keinen Umständen allein sein wollte. Eines der Pferde antwortete und ich wurde nur noch nervöser. Ich wollte zu ihnen. Warum durfte ich nicht
zu den anderen Pferden? „Du kannst nicht zu ihnen. Da ist kein Platz. Wir waren nicht darauf vorbereitet, dass du zurück nach Hause kommst, Classic Star. Da wirst du wohl vorerst alleine stehen
müssen“, sagte das Mädchen. Nur wenige Wimpernschläge, in denen ich mich gegen mein Schicksal aufgebäumt hatte, weil ich nicht alleine sein wollte und ich schien völlig am Ende mit meinen letzten
Kraftreserven zu sein. Mit hängendem Kopf starrte ich durch die vergitterten Fenster. Traurig war ich, weil ich mich von allem und jedem verlassen fühlte. Mein Herz war schwer geworden. Zu
schwer um es weiterhin tragen zu können.
Sollte der Tod mich doch endlich erlösen.
„Hey“. Anais trat wie auf leisen Sohlen, für die Pferde kaum merklich, in den Stall. Die beiden Ponys
wieherten leise. Sie wussten genau, sobald Anais nach ihnen sah, gab es leckeres Futter oder eine Möhre. Sie hatte immer einen Leckerbissen dabei. Doch an diesem Abend schenkte die junge Frau
weder den Ponys noch den anderen Pferden ihre Aufmerksamkeit.
Mit stockendem Atem betrat sie direkt den hinteren Stalltrakt in dem ihre Tochter den Schimmel in einer Art Notbox abgestellt hatte. Ihr Herz schlug bis zum Halse während sie den
Lichtschalter betätigte. Von der Arbeit, sie hatte Spätschicht gehabt, war sie gleich nach Hause gefahren, es war aber bereits dunkel geworden. Der Vollmond schien am Himmel und lugte durch das
Fenster in dessen Scheibe Classic Star starrte.
„Hey“, rief sie noch einmal. Classic Star drehte sich nicht um zu ihr. Keine Begrüßung, kein Brummeln von ihm zu hören. Es war als wäre er taub geworden. Hatte er doch sonst immer gleich
auf ihre Stimme reagiert, so hob er nicht einmal seinen Kopf. Er stand einfach da und wartete. Er wartete und Anais wusste dieses Mal genau, worauf das Pferd wartete. Auf den Tod. Auf nichts
anderes als auf die Erlösung seiner Qualen. Ohne dass sie wirklich nah an das Pferd herangetreten war, wurde ihr das Ausmaß seiner katastrophalen Verfassung sofort bewusst. Sein Hinterteil glich
dem einer Kuh. Wobei eine Kuh noch viel rundlicher war als diese armselige Kreatur von Pferd. Die Hüftknochen ragten spitz seitlich vom Rest des Körpers ab. Eine Apfelsinenkiste hätte man gut in
seinen Flanken verschwinden lassen können, so eingefallen war er in diesem Bereich. Der Rippenbogen war deutlich erkennbar. So schlimm es Anais niemals zuvor an einem Pferd gesehen hatte. Sie
hatte viele Bilder von vernachlässigten, verhungerten, alten und todkranken Pferden im Kopf. Pferde, die irgendwo in Rumänien dem Hungertod geweiht waren und selbst diese waren noch rundlicher
gewesen als der Schimmel mit dem klangvollen Namen Classic Star, den man bestenfalls jetzt noch Grusel Star hätte nennen können. „Was hat man nur mit dir gemacht, was haben sie dir angetan, sagte
sie erschüttert von diesem Anblick, der sie in eine Art Schockstarre fielen ließ, dass selbst die Tränen nicht mehr laufen wollten.
„Ich habe gesagt dass es schlimm ist“, näselte Jill leise.
„Ja. Das hast du und ich bin dir dankbar für deine Ehrlichkeit. Dennoch wollte ich es nicht glauben. Er beachtet mich nicht einmal. Bestimmt ist er zutiefst enttäuscht von mir.“
„Ach, der erkennt dich doch gar nicht mehr.“
„Und ob er mich erkennt. Tiere vergessen nichts, Jill. Weder einen Menschen der sie geschlagen, noch einen, der sie geliebt hat.“
„Wenn du ihn geliebt hättest, hättest du ihn nicht weggegeben“, schimpfte Jill. Sie meinte es nicht böse, es war ihr mehr oder weniger rausgerutscht. Vorsichtig und mit Bedacht wählte sie ihre
Worte, sie wollte ihrer Mutter nicht wehtun und doch war es geschehen. Jill spürte genau, dass Anais kurz vor dem emotionalen Zusammenbruch stand. Dass sie nicht länger an sich halten könnte und
ihren Tränen am liebsten freien Lauf gelassen hätte. Für Jill stand fest, dass sie ihr geliebtes Pony niemals hergeben würde. Für kein Geld der Welt. Nicht für eine Million, nicht für, Jill
wusste gar nicht was sie innerlich alles aufzählen müsste und womit man sie hätte locken können, damit sie freiwillig eines ihrer Ponys hergegeben hätte. Sie liebte ihre Ponys, also blieben diese
bei ihr bis an den Rest ihrer Tage. Anais musste Classic Star wohl nicht so lieb gehabt haben, sonst hätte sie ihn schließlich nicht fortgegeben.
„Ach Jill“, schluchzte Anais. Ihr gelang es nicht mehr die Tränen zurückzuhalten. Verstohlen wischte sie mit dem Taschentuch über ihre Wangen. „Das hat doch damit nichts zu tun. Vielleicht eben
weil ich ihn so sehr liebe, habe ich ihn abgegeben. Ich glaubte, ich sei nicht gut genug für ihn. Das verstehst du nicht. Noch nicht. Da musst du erst noch ein bisschen größer werden.“
Ja, ich erinnerte mich. An ihre Stimme. Ihren warmen Tonfall. Ihre sanften Hände die mich berührten,
ließen instinktiv freudige Rückblenden aufflackern. Vergangene, wundervolle Tage in denen es mir gut ergangen war. Vergessen hatte ich das nie. Die Liebe und all die schönen Stunden, die ich mit
Menschen verbracht hatte, die mich einst sehr lieb gehabt hatten.
Sachte streichelte sie über mein Fell. Fühlte über jeden meiner Knochen, die deutlich sichtbar geworden waren, obwohl es einer Schande entsprach, ein Tier derart herunterkommen zu lassen, dass
mit der bloßen Hand 250 Knochen an seinem Körper ertastet werden konnten. „Du stirbst, Classic Star“, sagte sie in einem Tonfall, der mir Unbehagen bereitete. „Hör zu, du darfst nicht aufgeben.
Bitte gib nicht auf. Ich habe einen Fehler gemacht. Ich hätte dich niemals hergeben dürfen und es tut mir so unendlich leid. Es tut mir leid“, wisperte sie leise. Wiederholte ihre Worte
und bat um Vergebung. Ihr tränenüberströmtes Gesicht vergrub sie in meiner Mähne. Den Duft ihrer Seele sog ich tief in meine Lungen ein. Er war ehrlich, jedoch zeitlos traurig. Mein Gespür sagte
mir, dass ich ihr vertrauen durfte. Dass ich in ihrer Nähe sicher war. „Wir kriegen das wieder hin. Irgendwie kriegen wir dich wieder auf die Beine, mein Freund. Das verspreche ich dir. Du musst
daran glauben. So wie ich an dich glaube“, schluchzte sie.
In der Nacht hätte ich mich gern abgelegt. Meinen entkräfteten Körper zum Schlafe gebettet. Meine Knochen waren vom wochenlangen Stehen unendlich müde und schwer geworden, dass ich mich nicht
mehr traute, mich niederzulegen, weil ich später vermutlich nicht mehr aufstehen könnte. Unruhig schob ich mein Gewicht von einem Bein auf das andere um wenigstens meine Gelenke zu
entlasten. Die Pferde in dem anderen Stalltrakt waren zur Ruhe gekommen. Das langsame, jedoch deutliche Mahlen und Kauen ihrer Zähne auf Heu und Stroh war verstummt. Ich hörte nur noch ihren
leisten Atem. So gern wollte ich zu ihnen. Nervös lief ich in meiner Box auf und ab bis ich plötzlich vor lauter Nervosität ausrutschte und hinfiel. Ein dumpfer, äußerst schmerzhafter Aufprall
empfing mich. Mit der linken Gesichtshälfte, auf der ich blind war, klatschte ich gegen die Eisenstange meiner Stalltür. Ein gleißender Schmerz durchströmte meine Nervenbahnen. Den Aufschlag
meines Gewichts auf dem kalten Untergrund der Box hatte ich nicht abfangen können. Meine Hufe rutschten aus, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Nunmehr war ich
gefangen. War unter die hölzernen Abtrennungsstangen zwischen meiner und der Nachbarbox geraten und hing unter diesen fest. Ein entsetztes, lautes Stöhnen entfloh meinen Maulwinkeln. Ein letztes,
verzweifeltes Scharren meiner Hufe um mich wieder aufzurappeln. Ein qualvolles Zucken durchfuhr meinen geschwächten, ausgemergelten Körper als ich spürte, es war aussichtslos.
Alle Mühe vergebens.
So lag ich da, im Dunkel der Nacht.
Hilflos und allein gelassen.
Können Pferde weinen?
Wir weinen auf eine andere Art als der Mensch. Wir fühlen dieselben Schmerzen im Herzen, die auf unserer Seele lasten, spüren dieselbe Not und Pein wie sie, doch es kommen keine
Tränen.
Innerlich weinen wir wie sie. Doch während wir es tun, werden wir ganz still und leise. Wir suchen keine Anteilnahme wie der Mensch es tut. Tiere machen Schmerzen, Trauer und Verzweiflung mit
sich aus. Nur wenige Menschen sind in der Lage unser Elend zu erkennen. In unseren Augen ist von ihm zu lesen.
Erschöpft gab ich mich dem nahenden Tod hin. Streckte meine Beine von mir, um angenehmer liegen zu können. Mein Atem wurde flacher, deutlich langsamer, während ich in meiner ausweglosen Situation
versuchte zu entspannen.
Wenn ich in dieser grässlichen Position sterben sollte, dann hatte Gott das so entschieden. Festliegend in einer Pferdebox auf dem kalten Steinboden für ein edles Tier wie das Pferd, sterben zu
müssen, war unwürdig und dennoch schien es mein Schicksal zu sein. Das Stroh hatte ich durch meine mühevollen Versuche, wieder und wieder aufzustehen, weggescharrt. Der Boden war bitterkalt und
die Eiseskälte durchzog meinen Leib. Mit der blinden Gesichtshälfte hing ich ausweglos unter den Holzstangen fest. Mit jeder weiteren Bewegung riss ich Schürfwunden in das empfindliche Hautgewebe
meiner Augenhöhle durch die abstehenden Holzsplitter. Blut tröpfelte aus meinen Nüstern.
Mein Stöhnen vernahm niemand.
Ich war allein.
Mit meinem Schmerz und der Gewissheit, dem Tod eine leichte Beute zu sein, wartete ich auf meinen Frieden und bereitete mich auf die letzte Reise vor.
„Was ist das für ein Krach unten im Stall?“ Aufgeschreckt durch die ungewohnten Geräusche, sprang Anais
aus dem Bett. Nur im T-Shirt bekleidet und der eilig überzogenen Jeanshose lief sie barfuß in den Pferdestall. Ein inneres Gefühl signalisierte ihr, dass mit Classic Star etwas nicht in Ordnung
war. Nachdem sie das Licht eingeschaltet hatte, sah sie, wie der Schimmel sich festgelegt hatte und von allein nicht mehr aufstehen konnte. Mit bloßen Händen versuchte sie die Verschraubungen der
Stangen zu lösen um das Pferd, das unten ihnen begraben war, zu befreien. Doch die Ösen waren über die Jahre rostig geworden und ließen sich nicht mehr öffnen. „Scheiße, scheiße, scheiße“, schrie
sie hilflos. Mit einer Säge die Stangen durchzusägen hätte viel zu lange gedauert. Bis dahin wäre der Kreislauf des Pferdes noch weiter in den Keller gegangen und es hätte für das Tier keine
Rettung mehr gegeben. Wer wusste schon, wie lange der arme Kerl in dieser ausweglosen Situation festgehangen hatte?
„Steh auf! Na los, steh auf!“ Anais zerrte mit unglaublichen Kräften an dem Halfter des Pferdes. Versuchte den Kopf des Tieres unter den Stangen hindurch zu ziehen. „Komm schon, du schaffst das“,
schrie sie. Das Pferd unternahm einen letzten Versuch aufzustehen. Angetrieben durch das Geschrei seiner menschlichen Freundin, gab es sein Bestes um hoch zu kommen. Durch das angestrengte
Zappeln und Ziehen am Halfter von Anais rutschte zumindest der schwere Pferdekopf unter den Stangen hindurch. Die junge Frau gab nicht auf. Mit Leibeskräften und einer unbändigen Willenskraft zog
sie an dem Halfter des Pferdes, während sie es immer wieder zum Aufstehen animierte. „Steh auf. Steh auf, verdammt!“. Classic Star stöhnte. Er wollte kämpfen. Ein letztes Mal nur. Für seine
kleine Freundin, die sich so sehr Mühe gab. Sich mit all ihrer Kraft in die Riemen legte, unter der Gefahr ihres eigenen Lebens versuchte, auf dem kalten Steinboden zwischen den zappelnden
Pferdebeinen hindurch rumrutschend, die sie jederzeit schwer hätten verletzen können, sein Leben zu retten. „Bitte!“, schrie Anais unter Tränen und ihre Rufe hallten durch die klare
Vollmondnacht. Niemand hörte ihre verzweifelten Schreie. Ihre inneren Gebete, ihre Angst, dieses Pferd beim Sterben begleiten zu müssen ohne auf Hilfe zu hoffen. Ihr blieb keine Zeit, das Handy
aus dem Haus zu holen oder Jill aus dem Bett zu schreien. Classic Star war schon viel zu schwach. Sein Kopf rutschte noch ein Stück weiter und war schließlich befreit. Anais sprang auf und lief
hinter die gefährlichen Hinterhufe. Sie versuchte die Beine des Tieres seitlich unter den Stangen hindurch zu schieben um den schweren Körper des Pferdes auf die sichere Seite der freien Box zu
manövrieren. Mit bloßen, längst blutig aufgeschlagenen Händen schob sie das Stroh in die Box, damit dieses den Hufen Halt gab beim nächsten Versuch des Pferdes, aufzustehen. In diesem Augenblick
dachte sie nicht an die Gefahr, dass Classic Star mit seinen Hufen sie hätte treten oder gar schwer verletzen können. Sie agierte wie im Wahn. Besessen davon, dieses Tier aus seiner Notlage zu
befreien.
Nach einem weiteren Zappeln rutschte der Körper des Pferdes tatsächlich unter den Stangen hindurch. Mit aller Kraft riss Anais die letzte, untere Holzstange zurück, damit das Pferd genügend Platz
zum Aufstehen hatte. „Steh auf!“, schrie sie erbarmungslos. Mit ihren Füßen trat sie gegen das Hinterteil des Pferdes. Wieder und wieder verpasste sie dem Pferd empfindliche Tritte in Flanke und
Po, damit es endlich einen erneuten Versuch unternahm, aufzustehen.
Noch einmal versuchte ich aufzustehen. Auf dem Stroh fanden meine Hufe schließlich Halt und es gelang mir wahrhaftig, meine Kraft auf das Hinterteil zu verlagern um mich mühsam
aufzurichten. Anais sprang sofort an meinen Kopf und dirigierte diesen über das Halfter, so dass ich mich sicher ausbalancieren konnte. Endlich fand ich sicheren Halt und spürte wieder festen
Boden unter den Hufen. Erleichtert atmete Anais tief durch. „Gott sei Dank“, raunte sie und wischte sich mit der blutverschmierten Hand die Tränen aus ihrem Gesicht. Sie hatte sich verletzt und
doch sie registrierte es nicht. Sie hatte nur Augen für mich und meine Notlage. „Du musst jetzt laufen. Dich bewegen. Deinen Kreislauf müssen wir in Schwung bringen. Nicht dass du mir noch einmal
hinfällst und zusammenklappst. Ich ziehe dir eine Decke über und dann übernachtest du heute auf der Koppel. Im Stall ist mir das zu gefährlich“, sagte sie mit einer Erleichterung in ihren Augen,
das mir warm um mein Herz wurde. Dankbar leckte ich ihre Hand. Ohne sie wäre ich in dieser Nacht gestorben und ich fasste den Entschluss, diesem Menschen zu folgen. Egal was er von mir verlangen
und erwarten würde. Ich unterwarf mich ihm bedingungslos. Anais war mein Leittier und sie würde es wohl auch auf Ewig bleiben…
Deja Vu
„Was machst du da?“ Jill beobachtete neugierig ihre Mutter, wie sie Classic Star auf den Reitplatz führte
und ihn dort mit der Gerte zum Laufen antrieb. Es war kein normales Antreiben, wie man ein Pferd eben zum Schnellergehen mit Zungenschnalzen und dem leichten Gertenwedeln eines Luftzugs
animierte, sondern es glich einer reinen Tortur für das Tier. Das Pferd wollte nämlich gar nicht laufen, doch es wurde gezwungen. Anais schlug mit der Gerte unbarmherzig auf den Rücken des
Schimmels. „Er muss laufen. Wenn er nicht läuft, haben wir verloren.“
„Man wird ihn nie wieder reiten können, nicht wahr?“, fragte Jill traurig. Anais wusste diese Frage nicht zu beantworten. Der Anblick des Pferdes war für sie zum täglichen Albtraum geworden. Sie
fühlte sich vom Leben verarscht, hintergangen und spürte, dass es ihr augenblicklich eine Lektion erteilte, die sich gewaschen hatte.
„Ich überlege ihn erlösen zu lassen. Er ist lahm. Die Nacht als er festlag hat ihm den Rest gegeben. Er wird sich jeden einzelnen Wirbel ausgerenkt und seine Knochen geprellt haben. Die Muskeln
sind gezerrt, wobei er nicht einmal mehr Muskulatur besitzt. Er ist ein Haufen Elend. Ein Haufen Scheiße, um es ehrlich zu sagen. Da ist nichts mehr an diesem Tier, das an ein Pferd erinnert.“
Anais schossen Tränen in die Augen und sie hatte sich doch vorgenommen nicht mehr zu weinen. Zumindest nicht in der Nähe ihres Kindes.
„Was machen wir denn jetzt mit ihm?“ Jill hätte ihre Mutter so gern getröstet doch ihr fehlten die Worte. Sie war mit der Situation heillos überfordert.
„Es wird ein Vermögen kosten, ihn wieder aufzubauen. Er ist so alt schon und körperlich arg runtergekommen. Außerdem habe ich das alles schon einmal mit ihm durchgestanden und ich weiß wie
schwierig das ist, an solch einer dünnen, armseligen Kreatur wieder etwas anzufüttern. Ich glaube nicht, dass ich noch einmal diese Kraft habe, ihm das zu geben, was er braucht um leben zu
können. Das hier ist kein Leben für ihn, das ist Quälerei. Wenn wir frei von Sadismus sind, sollten wir ihm Erlösung schenken. Wenn ich nicht mit der Gerte auf ihn einschlage, läuft er keinen
Meter und dabei sind Pferde Lauftiere, sie müssen laufen und das täglich über weite Strecken, um gesund zu bleiben. Soll ich ihn denn jeden Tag mit der Gerte schlagen, nur damit er nicht stirbt?
Er läuft weder an der Longe, noch setzt er sich auf der Weide in Bewegung. Er steht einfach nur da. Steht da und starrt in die Ferne. Rührt sich keine Millimeter. Es ist so traurig. So verdammt
traurig. Ich wüsste zu gern, woran er denkt, was er sich wünscht, was er erwartet von mir.“
„Und du möchtest wissen, ob er dir verziehen hat“, führte Jill fort und traf ihre Mutter mitten ins Herz. Die Gewissensbisse die Anais mit sich herumschleppte, waren fürchterlich. Die elendige
Erscheinung dieses armseligen Pferdes ging mit auf ihr Konto. Sie trug Schuld an der Vernachlässigung des Tieres. Sie hatte Classic Star weggegeben, sich nicht mehr um ihn gekümmert, anderen
Menschen die Verantwortung für das ihn überlassen und nun war sie wieder am Zug. Das Leben konnte grauenvoll sein, dachte sie während sie Classic Star in seine leeren Augen blickte, den Strick in
seinem Halfter einhakte und ihn zurück in seine Box brachte.
Laufen sollte ich.
Warum sollte ich laufen? Sah sie nicht, wie schwer und müde meine Knochen waren? Warum schlug sie mich mit der Gerte?
Sah sie mein Elend nicht? Spürte sie nicht, dass ich nicht mehr konnte? Dass ich längst am Ende meiner Kräfte angelangt war? All mein Vertrauen lag in ihren Händen und sie schlug mich. Ein
totes Pferd traktierte sie erbarmungslos und kaltblütig mit einer Gerte die ich niemals zuvor in meinem Leben zu spüren bekommen hatte. Verdonnerte mich, ein hilfloses Wesen, über den Reitplatz
zu galoppieren obwohl mich meine Beine nicht mehr zu tragen vermochten.
Der Tod war mir viel näher als die Liebe dieses Menschen. Konnte sie seine mächtigen Schwingen die er unbarmherzig über mich gelegt hatte, nicht sehen? Sah sie nicht die Dunkelheit in der ich
lebte, nahm sie die Verdammnis- die mich unweigerlich mit jedem meiner Atemzüge in ihren Bann zog und mit erschreckend großer Bedrohung näher und näher kam, nicht wahr?
Warum weigerte sie sich, vor dem Unaufhaltsamen Reißaus zu nehmen? Wegzulaufen vor der bitteren Tatsache, dass es nur noch mein Herz war, das unaufhörlich weiterschlug und alles andere in mir
längst gestorben war…Warum wollte sie nicht einsehen, dass der Tod manchmal eine Erlösung sein kann…
Liebe mich dann am meisten, wenn ich es am wenigsten verdient habe… sinnierte Anais und bat den lieben Gott um Verzeihung. Auch wenn sie niemals an ihn geglaubt hatte
weil es viel zu viel Elend auf dieser Welt gab, bat sie ihn in ihren leisen Gebeten um Vergebung. Während sie Classic Star in den Stall brachte, wusste sie genau, dass sie sich schuldig gemacht
und ein Verbrechen an der Seele eines Tieres begangen hatte…
Anais ließ mich nicht verschnaufen. Täglich zerrte sie mich aus meinem Stall. Mal musste ich im Kreis
an der Longe laufen, mal trieb sie mich über den Reitplatz. Immer trug sie die Gerte bei sich und sie musste sie arg in Gebrauch nehmen, da ich mich freiwillig keinen Meter bewegte. Mir war es
viel lieber, wenn man mich in Ruhe ließ und gar nicht beachtete. Gern hielt ich mich den ganzen Tag lang im Stall auf. Fraß mein Futter und koppte an der Tür meiner Box. Alles was ich brauchte,
war meine Ruhe. Ausruhen musste ich von den zurückliegenden Strapazen. Entsetzlich alt fühlte ich mich und schwerfällig.
„Du longierst ihn am Berg? An dem Steilhang?“ Jill staunte nicht schlecht, während sie
ihrer Mutter zusah, wie diese den alten Schimmel Classic Star auf der holprigen Weide versuchte in Schwung zu bringen. „Ja, damit er Muskulatur aufbaut. Wenn wir ihn nicht arbeiten, wird er noch
mehr abbauen anstatt zuzulegen.“ Anais hatte eigentlich gar keine Zeit, sich um das Pferd zu kümmern. Der anstrengende Beruf im Discounter, ein Nebenjob im Imbiss, ihr geliebtes Hobby die
Schreiberei und die anderen Pferde nahmen ihr oftmals regelrecht die Luft zum Atmen und forderten großen Einsatz von ihr. Ein Sorgen- und Pflegefall auf vier Beinen namens Classic Star kam da
gänzlich ungelegen. Passte ihr so gar nicht in das alltägliche Programm. „Es ist schade, dass sich niemand seiner annehmen will. Ich wünschte es gäbe jemanden, der ihn betüddeln, mit ihm
spazieren gehen und ihn liebhaben würde“, seufzte Anais.
„Aber das machst doch du alles mit ihm. Er hat hier alles was er braucht und er braucht dich.“ Jill schüttelte verständnislos den Kopf über die Worte ihrer Mutter. „Ich habe keine Zeit für ihn.
Die hatte ich schon vor knapp zwei Jahren nicht.“
„Aber du hast immer erzählt wie schön die Ausritte mit ihm gewesen seien.“ Jill biss sich auf die Zunge. In Anbetracht Classic Star seiner derzeitigen Verfassung wäre ein Ritt durch die freie
Natur undenkbar gewesen. Das Pferd hatte größte Mühe und Not, sich ohne das Reitergewicht im Sattel auszubalancieren, weil er so untergewichtig war. „Er will einfach nicht vorwärts gehen. Das
muss er aber wenn wir Muskeln aufbauen möchten. Du müsstest ihn reiten, Jill.“
„Ich?“, fragte Jill entsetzt.
„Ja du. Du wiegst nichts. Bringst kein Gewicht in den Sattel. Du müsstest ihn trainieren.“
„Ich kann das nicht.“ Betrübt blickte Jill zu Boden. „Das ist Quälerei und ich möchte ihm nicht weh tun.“
„Du tust ihm nicht weh. Er denkt es sitzt eine Fliege auf seinem Rücken. Wir probieren es, was hältst du davon?“
„Gut, aber nur hier bei uns zuhause, wo mich keiner sieht. Ausreiten möchte ich nicht mit ihm.“
„Du schämst dich, nicht wahr? Schämst dich für das Pferd!“
„Ja“, antwortete Jill leise.
„Er war ein tolles Pferd, Jill und eines Tages wird er das auch wieder sein. Jeder wird auf ihn schauen und ihn bewundern. Weißt du, ich erzähle dir mal etwas. Du wirst mir das jetzt nicht
glauben, aber ich weiß, dass es so sein wird.“
Gespannt lauschte Jill den Worten ihrer Mutter. Wenn jemand wunderbare, spannende Geschichten über Pferde erzählen konnte, dann war es ihre Mutter Anais.
„Eines Tages wirst du mit Classic Star über die Hindernisse reiten und dich über den höchsten Sprung trauen, den wir auf dem Reitplatz nur aufbauen können.“
Die Worte ihrer Mutter belächelnd, schüttelte Jill den Kopf. „Niemals!“, sagte sie in aller Deutlichkeit. Jill war ein kleiner Angsthase was das Springen anging. Erst seit wenigen Monaten im
Springsattel zuhause, traute sie sich nicht mal höher als über einen Meter hinaus. „Wie hoch kann Classic Star springen?“ Ihre Neugierde siegte letztendlich aber doch.
„Er kann zwei Meter springen wenn er das will“, demonstrierte Anais indem sie ihre Hände über den Kopf hob um ihrer Tochter die beeindruckende Höhe darzustellen.
„Das will er aber nicht mehr so hoch springen, oder?“ Jill zweifelte an den Worten ihrer Mutter und erstmals an ihrem Pferdeverstand. Mit Classic Star wäre man nicht einmal über ein Cavaletti
hinaus gekommen und ihre Mutter sprach von zwei Metern. Der Schimmel konnte kaum seine Beine im Trab anheben, wie sollte er da springen können?
„Du wirst es sehen“, sagte Anais und sie wusste in diesem Augenblick genau, dass es eine ganz persönliche Angelegenheit zwischen ihr und diesem Pferd war, welches zum zweiten Mal der Hölle
entkommen war. Warum sollte der Schimmel zurück nach Hause gekehrt sein, wenn da nicht noch etwas zwischen ihnen stand? Eine Herzensangelegenheit, die auf Erledigung wartete. Ein
Wunsch, ein Traum, eine Illusion. Wie gerne wäre Anais diesem Pferd nur früher in ihrem Leben begegnet, hätte ihn über die höchsten und schwierigsten Hindernisse geritten und mit ihm
freudestrahlend und glücklich die Pokale eingesammelt.
Die Zeit war vorüber. Längst. Die Möglichkeit diesen Traum, fliegen zu können, denn Pferde verleihen Flügel, zu leben, ebenfalls. Für Anais und auch für Classic Star. Jill wusste um dieses Gefühl
im Sattel, sich auf dem Rücken eines Pferdes über ein unüberwindbar scheinendes Hindernis wie auf Wolken tragen zu lassen, nicht. Das einzige Pferd im Stall, das es ihr hätte zeigen, ihr dieses
großartige Gefühl hätte vermitteln können, wäre Classic Star gewesen. „Ich glaube an dieses Pferd. Und ich denke er braucht nichts dringender als jemanden, der auch an ihn glaubt.“
„Du willst den alten Klepper doch nicht allen Ernstes noch einmal antrainieren und springen lassen?“ Gute Freunde von Anais trauten ihren Ohren nicht und sie traf mit ihrer Idee, Classic Star
noch einmal anschieben zu wollen, wie man es in der Reitersprache nannte, auf taube und oder gar vielmehr, auf entsetzte Ohren.
„Er braucht eine Aufgabe und jemand der an ihn glaubt. Wie soll seine Seele gesunden, wenn ich es nicht wenigstens versuche?“
„Er ist glücklich wenn er seine Ruhe hat, glaube ich“, hieß es. „Er braucht nur noch eines: Futter und eine Weide, auf der er gemütlich seinen Lebensabend verbringen kann, dann gesundet auch
seine Seele“, mutmaßte man über die Wünsche eines alten Pferdes.
„Die Weide können wir für ihn gleich ganz vergessen. Mit der weiß er gar nichts anzufangen außer zu Fressen und auf meiner Weide wächst kein Gras, weil der letzte Sommer schon viel zu trocken
war. Da steht er sich nur die Beine in den Bauch.“
„Er ist zu alt um noch für irgendetwas gebraucht zu werden.“ Anais Freunde zeigten kein Verständnis für die Illusion ihrer Freundin, die noch immer in Classic Star den herrlichen Schimmel sah,
der vor Jahren ihr Herz erobert hatte.
„Classic Star ist nicht mehr das Pferd das du vor langer Zeit gesehen und in welches du dich verliebt hast. Er ist mittlerweile blind, alt und unbrauchbar. Es ist bitter, doch gib es endlich auf
und finde dich damit ab. Gib diesem Tier seinen Frieden, Anais. Wenn du das nicht kannst, dann hättest du ihn damals nicht weggeben dürfen.“
„Damals hatte ich gar keine Wahl. Ich hatte weder das nötige Geld, noch die Zeit mich um das Pferd zu kümmern. Nun ist Jill soweit, dass sie ihn reiten und beschäftigen kann. Meine
Lebenssituation hat sich grundlegend geändert. Damals hatte ich nur einen Job und musste mich, mein Kind, den Hof und einige andere Pferde mit einem Gehalt von dem ich nicht sterben und
nicht leben konnte, über Wasser halten. Da war es mir unmöglich ein Fass ohne Boden wie Classic Star durchzufüttern. Ein Pferd, das eigentlich gar keinen Nutzen mehr einbrachte.“
„Das ist völlig egoistisches Denken und ich habe kein Verständnis für so etwas“, erwiderten gute Freunde, von denen Anais geglaubt hatte, es seien Freunde fürs Leben. „Du hast ihn damals
gerettet, ihn aufgebaut, bist mit ihm sogar noch Turniere geritten und hast ihn dann einfach fortgegeben. Kommst du da innerlich eigentlich drauf klar? Es ist doch deine Schuld dass es jetzt so
ist wie es ist. Dass dieses Pferd am Ende ist“, warf man ihr vor. Eine harte Anklage, die Anais dennoch nicht unberechtigt mitten ins Herz traf. Niemand von ihren Freunden ahnte, dass sie sich
beinahe jede Nacht in den Schlaf weinte. Das Schuldgefühl, dieser elendige Kloß in ihrem Hals und die Stiche in ihrem Herzen waren kaum zu ertragen. Der Anblick ihres einst geliebten Pferdes war
wie ein Fluch für sie weil sie das Desaster jeden Tag, beinahe stündlich, ertragen musste. Der Blick des Pferdes aus dem Fenster. Diese Sehnsucht in dem Tier. An einigen Tagen wusste sie
nicht einmal wonach Classic Star sich mehr sehnte. Nach dem Tod oder nach…ja wonach sehnte sich der Schimmel eigentlich? Woran dachte er, wenn er an dem Fenster seiner Box stand und sein Blick in
die Ferne schweifte. Wonach sehnte sich das Herz eines alten Pferdes, das man ständig hin und her verschob, weil sich niemand für dieses Tier verantwortlich fühlte und es von hier nach dort
verfrachtete, was vermisste es? Sehnte sich Classic Star nach seiner kleinen Ponyfreundin, von der man ihn von heute auf morgen getrennt hatte? Vermisste er alte Zeiten in denen er noch jung und
unbeschwert über die Weiden galoppierte oder riefen ihn die größten Springplätze der Welt, die er mit seinen Reitern erobert hatte? Anais wusste diese Frage nicht zu beantworten. Sie wusste nur
eines, sein Herz war noch nicht zur Ruhe gekommen. Er war nicht wirklich angekommen in seinem alten, neuen Zuhause. Obwohl er gutes Futter bekam, Aufmerksamkeiten soweit es Anais möglich war und
sich jeder um dieses Pferd bemühte, war es nicht glücklich. Dieser Umstand machte Anais sehr traurig. Auf ihre Freunde konnte sie sich nicht verlassen. Niemand von ihnen teilte Anais Meinung,
dass Classic Star etwas vermisste, dass sein Herz traurig war und er sich nicht wohl fühlte.
„Dann hör endlich auf ihn über die holprige Weide zu hetzen oder ihn auf dem Reitplatz mit der Gerte zu schlagen, damit er sich in Bewegung setzt“, ermahnte man sie. In schwierigen Situationen
schienen Anais Freunde gänzlich anderer Meinung zu sein als sie und schließlich distanzierten sie sich gänzlich von ihr.
Anais Tränen sahen sie nicht. Fühlten nicht ihren Schmerz und ihre innere Zerrissenheit. Die Zerissenheit, was für diese arme Kreatur richtig und was falsch war.
Freunde, für die Anais durchs Feuer gegangen wäre, ließen sie plötzlich fallen wie eine heiße Kartoffel.
„Würdest du deinen alten Opa, der geistig noch völlig fit und gesundheitlich so weit auf dem Damm ist, dass er sich bewegen kann, stundenlang vor die Glotze setzen und ihm einreden, er solle sich
ja nicht mehr bewegen, weil es ihm ja schaden könnte, nur weil er alt ist? Glaubst du nicht auch, dein Opa würde innerlich sterben, wenn man ihn auf das Abstellgleis stellt und wäre es
nicht viel besser ihm eine Aufgabe zu geben, an der er Freude spürt und mit der noch ein paar Jahre seines Lebens glücklich verbringt? Wie viele alte Menschen sterben plötzlich, die jahrelang
gearbeitet haben nur weil sie zur Ruhe kommen?“
„Ich mag es nicht, wenn man Pferde zu sehr vermenschlicht“, kam es postum zurück und Anais spürte, dass sie keine Chance hatte, einen Gleichstand zu erreichen. Die Fronten zwischen ihr und
den sogenannten guten Freunden verhärteten sich umso mehr, je eindringlicher sie ihre Meinung kundtat.
„Geh deinen Weg und höre auf das, was dein Herz dir sagt und nicht auf das, was andere Menschen reden.“ Eine eigentlich eher flüchtige Freundin sprach diese bewegenden Worte zu Anais und das war
genau der Wortlaut, den sie hören wollte und dem sie Vertrauen schenkte. Mit dem sie sich identifizierte. Worte, die ihr aus dem Herzen sprachen.
Die Entscheidung, Classic Star noch einmal dorthin zu führen, wo er jahrelang glücklich gewesen war, schien ihr der richtige Weg zu sein.
In den Anhänger wurde ich verfrachtet und zur Tierklinik gebracht. Dort wurden meine Zähne geraspelt.
Der Hufschmied kam und zimmerte mir Eisen unter die Hufe. Die Schermaschine befreite mich von meinem dicken Winterfell, das sich von alleine gar nicht lösen wollte. Ekelhaften Lebertran gab es
über das Futter und anderes Zeugs, das mir gar nicht schmeckte, welches Anais allerdings heldenhaft mit Honig und Rübensaft vermischt in meinen Trog schüttete, damit es in meinem Schlund
verschwand. Beinahe täglich fuhr sie mit der Schubkarre haufenweise übereinander gestapelte Futtersäcke durch die Stallgasse, die alle für mich waren. Mittlerweile war ich so sehr verwöhnt, dass
ich mir nur noch das Beste raussuchte und blöd guckte, wenn es nur langweilige Pellets zu fressen gab. Möhrchen mit Öl und Malzbier übergossen, waren mir doch viel lieber als dieses nicht
schmeckende Strukturfutter.
Eine neue Box hatte ich bezogen. Viel größer als die andere war sie und ich war nicht mehr alleine. Herrlich viel Platz und eine Eisentür zum Koppen verschafften mir Zufriedenheit. In
Gesellschaft zweier verrückter Stuten links und rechts von mir fühlte ich mich wohl. Denen zeigte ich gleich mal wer der Herr im Hause war. Ich liebte es, sie durch die Gegend zu scheuchen und
ihnen Angst einzujagen. Sobald es Futter gab, war ich der erste der Amok lief und fünf geradestehen ließ.
„Wie schnell du bist wenn es um das Futter geht, das ist faszinierend, Classic Star“, lachte Anais. Der Glanz in ihren Augen war ehrlich. Ihre Worte warm und liebevoll. Ihre Hand wenn es um das
Training ging, jedoch hart, teils erbarmungslos. Mittlerweile trug ich längst wieder einen Sattel auf meinem Rücken und zog mit der Tochter von Anais meine Runden über den Reitplatz. Völlig steif
und eingerostet. Doch Zeit zum Verschnaufen gab es keine. Immer ging es vorwärts. Vorwärts musste ich laufen. Sobald ich dies nicht beherzigte, kam die Gerte. „Gib ihm eine mit der Gerte, er muss
laufen, Jill“, dirigierte Anais die kleine Reiterin auf meinem Rücken. „Er ist so faul“, rief Jill und mit ihren kurzen Beinen gelangte sie gar nicht richtig an den Bereich an dem sie mich hätte
vorwärts treiben können. Außerdem fehlte ihr die Kraft. War ich doch in früheren Jahren immer von einem Mann gearbeitet worden, der einem Kind kräftemäßig um Längen überlegen war. Mir wurde
schnell langweilig. Das Training auf dem Reitplatz hing mir bald zum Halse raus und sobald ich merkte, dass es an die Arbeit gehen sollte, stemmte ich meine Hufe in den Boden und ging keinen
Meter weiter. Jedes Mal nach der Dressurarbeit hatte ich Muskelkater. Das war mir unangenehm.
„Er kann nicht. Er ist müde und zu alt“, jammerte Jill. „Nein, er ist nicht zu alt, er ist auch nicht zu müde, er hat einfach keine Lust auf das Training weil ihm seine Muskeln wehtun. Weißt du,
er kann Lesen und Schreiben, Dressurlektionen mag er einfach nicht, die hat er nie gemocht und der Muskelkater tut sein Übriges. Seinen Unwillen zeigt er uns. Allerdings müssen wir ihn
überzeugen, dass er um die Arbeit nicht drum rum kommt und der Lohn am Ende seiner Mühen steht.“
„Warum machen wir das überhaupt alles mit ihm?“, fragte Jill und ihrer Motivation hatte ich ihr durch meine Unlust gänzlich den Garaus gemacht. „Weil ich ihn wieder glücklich sehen möchte“,
antwortete Anais. „Ich habe selten ein unglücklicheres Pferd gesehen als dieses wenn es an die Arbeit geht“, maulte Jill und damit war ich ganz ihrer Meinung. Dennoch verschonte man mich nicht
mit der Arbeit. Drei Mal die Woche ging es an die Longe und die restlichen Tage saß das Fliegengewicht in meinem Sattel. Erstaunlicher Weise ließ der Muskelkater eines Tages nach. Gesundheitlich
fühlte ich mich besser. Meine Knochen schmerzten nicht mehr und die Verspannungen ließen nach. Muskeln, Sehnen, Bänder und Gelenke fühlten sich deutlich geschmeidiger an und auch der Sattel
drückte nicht mehr auf meinem Rücken. Mit Elan stolzierte ich aus der Box, freute mich auf die Arbeit. Den ganzen Tag nur im Stall stehen zu müssen, war viel zu langweilig und die Abwechslung
gefiel mir. Sie gefiel mir, weil es keine Schmerzen mehr bereitete, einen Reiter auf meinem Rücken zu tragen. Nach dem Training führte Anais mich zu einer Weide und ließ mich dort grasen. Eine
Weide auf der das Gras kniehoch stand. Schönes saftiges Gras, das ich fressen durfte. Stets blieb sie in meiner Nähe. Ließ mich nicht aus den Augen. Sie und ihre Gespräche gaben mir ein gutes
Gefühl. Unentwegt erzählte sie. Plapperte wie ein Wasserfall. Ich glaube niemand weiß mehr von ihr, ihren Geheimnissen, Wünschen und Träumen, Erlebnissen und Schicksalsschlägen aus einem bewegten
Leben, als ich. Ihre beiden Hunde Wüppke und Emma waren immer mit von der Partie und lagen ihr zu Füßen. Oftmals stand oder saß sie über drei Stunden lang mit mir auf der Weide und sah mir beim
Fressen zu. Viele Tage die Woche nach Arbeitsschluss und ihre Stunden im Discounter endeten erst gegen einundzwanzig Uhr in der Spätschicht. Dennoch nahm sie sich die Zeit für mich ohne ein
Butterbrot zu essen oder einen Kaffee zu trinken, mit mir hinaus auf die Weide zu gehen, damit ich mir unter dem Licht des Mondscheins den Bauch vollschlagen konnte. In Gedanken versunken und ein
wenig melancholisch streichelte sie über meinen Bauch. Nachdenklich sagte sie Dinge wie: „Du musst noch immer zunehmen. Bist noch immer zu dünn. Aber du siehst schon viel besser aus und wir sind
auf einem guten Weg. Du bist wieder richtig hübsch und wir müssen dich nicht mehr verstecken. Und siehst du die Sterne am Himmel? Wie schön und friedlich die Nacht doch ist. Sie leuchten alle für
dich dort oben am Himmelszelt.“
An einem Nachmittag zog Anais mich aus dem Stall. Legte keinen Sattel auf und auch keinen Longiergurt um meinen Bauch. Ich dachte es ginge auf die Weide zum Fressen, doch es ging hinaus auf den
Reitplatz. „Sieh mal, ich habe etwas für dich vorbereitet.“Freudig deutete sie auf eine kleine Sprungreihe die ich im Freispringen überwinden sollte. Sicherlich wusste Anais dass ich im Springen
ohne Reiter nie der Weltmeister gewesen war und auf solche Spielchen gar keine Lust verspürte, aber um ihr einen Gefallen zu tun, strampelte ich nach dem Aufwärmen einige Male über die niedrigen
Sprünge. Stellte mich äußerst ungeschickt an und rempelte alles zu Boden. Zufrieden mit dem Ergebnis meiner Akrobatik schien sie nicht zu sein. „Oh je. Das wird noch ein hartes Stück Arbeit“,
seufzte Anais als sie mich zurück in den Stall brachte.
Zufrieden fressen, koppen und meine beiden Freundinnen ärgern zu dürfen, verstrichen Tage, Wochen und Monate. Mein Leben als Reitpferd hatte ich zurückgewonnen und ich wollte es nicht mehr
missen das zu tun, was ich jahrelang getan hatte, wenn ich ehrlich bin. Gesundheitlich fühlte ich mich rundum wohl, nichts schmerzte, meine Ausdauer war zurückgekehrt, meine Kondition beinahe in
einer hervorragenden Verfassung durch das viele bergauf- bergab Training der Longenarbeit und die Gymnastizierung der Dressurarbeit. Das Springen über kleinere Hindernisse lockerte meine
Muskulatur und ich fühlte mich innerlich bereit, noch einmal den zweiten Frühling in meinem Herzen einziehen zu lassen. Die Gefahr des Todes schien endlich vorüber zu sein und ich sehnte mich
nach nichts anderem mehr als nach dieser Gewohnheit, endlich wieder Pferd sein zu dürfen. Frei von Angst, Schmerz und Not zu sein. Frei von Hunger, Krankheit, und Pein. Die Sicherheit war es, die
mir viele Jahre meines Renterndaseins gefehlt hatte. Mein gewohnter Raum und die regelmäßigen Abläufe in meinem Alltag. Auch das Pferd ist ein Gewohnheitstier, nicht nur Mensch. Das Gefühl von
Glück in meinem Herzen war tatsächlich zurückgekehrt. Diesem kleinen Wunder war ich mir durchaus bewusst. Der beste Lehrmeister für Anais kleine Tochter Jill im Stall war wohl ausnahmslos ich und
dieses wertvolle Privileg kostete ich nur zu gern aus. Ließ mich verwöhnen und bestaunen. Möhrchen hier, Möhrchen da, Lob und Danksagungen von allen Seiten, als Jill auf mir den fliegenden
Galoppwechsel erlernte und das erste Mal ein Schenkelweichen ausprobierte. Ach was lebte ich auf.
„Und heute reitest du mit ihm ins Gelände.“ Anais zog den Gurt des Sattels fest.
„Alleine?“, staunte Jill und ihre Augen wurden riesig groß. Ihre Mutter hatte es niemals erlaubt, dass sie ohne Aufsicht in den Wald reiten durfte.
„Ja alleine. Weil ich weiß, dass er auf dich aufpasst.“
Jill strahlte über das ganze Gesicht. Anais hatte lange darüber nachgedacht ob es nicht doch noch zu früh wäre, ihre Tochter mit Classic Star unbeaufsichtigt in Wald und Flur zu schicken, doch
sie vertraute dem Schimmel blind. Er würde ihr Kind niemals mutwillig in Gefahr bringen. Classic Star war kein Durchgänger oder notirischer Buckler, dazu war er wohl auch zu gut erzogen. Seine
Ausbildung war hervorragend und nur zu gern hätte sie seinem ehemaligen Ausbilder Julio einen Dank ausgesprochen für diese fantastische Arbeit eines absoluten Verlasspferdes.
Im Wald roch es nach Tannennadeln, Laub und Moos. Die Luft war herrlich klar an diesem frischen Sommermorgen. Einige Spaziergänger flanierten über die weichen Waldwege und ein
paar Jogger rannten sich die Lunge aus dem Hals. Losgelassen und fleißig trabte ich vorwärts über den wiesenbewachsenen Weg und schnaubte zufrieden. Wie sehr hatte ich diesen Duft vermisst und
die unendliche Weite. Innerlich hoffte ich, Jill würde mich auf dem freien Feld galoppieren lassen, mir die Zügel und die Erlaubnis geben damit ich lossprinten konnte. Brav wartete ich bis das
Kommando kam. Niemals wäre ich einfach losgestürmt oder gar durchgegangen. Hätte sie aus dem Sattel befördern wollen nur weil ich pure Lebenslust in meinen Adern pulsieren fühlte, dessen
Adrenalin ich hätte leicht überdrüssig werden können. Nein, gehorsam stand ich an den Hilfen und spürte förmlich, wie sehr auch Jill diesen Ausritt genoss. „Du bist ja ein Braver“, sagte sie
dankbar und klopfte meinen Hals. Und dann endlich ging es in den ersehnten Galopp. Da zeigte ich meiner kleinen Reiterin aber einmal wie schnell ich tatsächlich werden konnte. „Hui“, juchte sie
fröhlich. Der Wind peitschte uns um die Ohren, trieb Tränen in unsere Augen und dennoch machte er uns unendlich glücklich. Ein Augenblick der Unbeschwertheit legte sich über uns während meine
Hufe weit ausholten um zu galoppieren, was meine Lungen hergaben. Ein Moment, der Pferd und Reiter erlaubte, frei zu sein.
„Es war unbeschreiblich.“ Jill strahlte über das ganze Gesicht. Ein Leuchten funkelte aus ihren Augen und
überzog ihre vom rauen Wind roten Bäckchen. Selten war sie während eines Ausritts so schnell geritten wie auf diesem und das mit dem wohl ältesten Pferd im Stall. Noch immer war sie ganz
aufgeregt und durcheinander. Wollte ihrer eigenen Wahrnehmung nicht trauen, welch schnelles, leichtrittiges Pferd Classic Star gewesen war. Ihre Beine fühlten sich an wie Wackelpudding als sie
sich aus dem Sattel schwang. „Und er geht ganz ohne Gerte vorwärts. Ich musste ihn gar nicht antreiben, das glaubst du nicht oder? Ihre Stimme überschlug sich förmlich und die Erlebnisse ihres
ersten Ausritts, den sie ganz allein unternehmen durfte, werden ihr wohl unvergessen bleiben. „Das nächste Mal nehme ich die Hunde mit. Classic Star ist so lieb. Das macht so Spaß mit ihm.“ Ihre
Augen strahlten schöner als jegliche liebevoll hergerichtete Beleuchtung eines Weihnachtsbaumes. „Ich weiß jetzt was du meinst, wenn du von ihm erzählst, Anais.“ Ihre Stimme klang beschlagen und
ehrfürchtig, während sie den Schimmel absattelte. „Er ist fantastisch. Einzigartig. Man glaubt man sitzt auf einer Wolke und schwebt über die Felder. Morgen gehe ich gleich wieder mit ihm
ausreiten, du erlaubst es doch oder?“ Innerlich schmunzelte Anais. Ein kleiner Ruck durchzog ihre ergriffene Seele von diesem kostbaren Augenblick, in dem sie ihrem Kind näher gekommen war als
niemals zuvor. Jill fühlte wie sie. Auch sie hatte die Art des Pferdes Classic Star, sein Charakter und seine Gutmütigkeit innerlich ergriffen. Regelrecht in seinen Bann gezogen. Sie wünschte
sich innig, Jill würde sorgsam damit umgehen, es für immer in ihrem Herzen behalten, dass Pferde etwas ganz Besonderes sind. Große, kräftige Tiere die uns Menschen mit Sanftmut und Achtung
begegnen, uns bedingungslos vertrauen wenn wir ihre Seele erobert haben. Pferde verstehen den Menschen ohne Worte und wenn wir ihnen nur zuhören, haben wir einen Freund fürs Leben gefunden der
uns die schönsten Stunden im Sattel schenkt und uns niemals enttäuscht. Nicht umsonst heißt es, das größte Glück der Erde…
Es wäre doch schön blöd nicht an Wunder zu glauben
„Heute darfst du ihn springen.“ Anais zwinkerte Jill ein Auge während sie zusammen beim Mittagessen saßen
und über den Tagesablauf sprachen.
„Wen?“ Jill war verdutzt.
„Na Classic Star.“
„Oh“, entfloh es Jill kurz und knapp.
„Du glaubst mir noch immer nicht, dass es möglich ist, nicht wahr?“
„Er ist alt. Und faul. Hinaus ins Gelände zu reiten, das macht ihm Spaß aber auf dem Reitplatz kann ich ihn gar nicht vorwärts treiben, wie soll ich denn da über die Hindernisse kommen? Wir
brauchen Schwung!“
„Den wird er entwickeln sobald er merkt, dass es an die Hindernisse geht. Vertrau mir.“
Das Fliegengewicht auf meinem Rücken strampelte sich mit den kurzen Beinen regelrecht einen ab, mich
vorwärts und in Gang zu schieben. Sollte sie mal arbeiten die Kleine. Sie musste noch viel lernen. Ausbalanciert zu sitzen und über einen festanliegenden Schenkel Druck auszuüben und nicht mit
flatternden, unruhigen Unterschenkeln meinen, mich vorwärts reiten zu wollen. So eine Tortur war ich gar nicht gewohnt. Wo waren bitte schön der Anstand und die feinen Regeln der Reitkunst? Hatte
sie schon mal etwas von weniger ist mehr, und Druck erzeugt Gegendruck, gehört? Wohl kaum. Gut, dann sollte sie es heute lernen. Mir war klar, dass sie mir gleich wieder eins mit der Gerte auf
den Pelz geben würde. Das war auch so ziemlich das einzige Mittel der Wahl, das mich ein kleinwenig schneller laufen ließ, wenn man schon in der Hilfengebung durchfiel. Wer wollte sich schon
freiwillig den Hintern versohlen lassen?
„Mir tut er immer leid wenn ich ihm einen mit der Gerte auf seinen Arsch geben muss“, fluchte der Dreikäsehoch auf meinem Rücken. Erleichtert atmete ich auf. Das schlechte Gewissen des Kindes
spürte ich gleich und fiel somit wieder in den Sparmodus zurück. Mich musste man nehmen wie ein altes Dieselfahrzeug. Anfangs kalt und nicht zu gebrauchen, wehe ihm sobald der Motor warmgelaufen
war. Jill lernte an diesem Tag eine ganze Menge über die korrekte Hilfengebung auf meinem Rücken und zu ihrem eigenen Erstaunen hatte sie es dann sogar raus mich auch ohne ihr Folterinstrument
namens Gerte in Gang zu bringen.
Die ersten Hindernisse waren allerdings eine reine Katastrophe. Dieses Kind hatte nicht annähernd eine Ahnung wann der geeignete, passende Absprung vor dem Hindernis zu erfolgen hatte und wichtig
wäre. „Du kannst den armen Kerl nicht fünfzig Mal über die Hürden reiten nur weil du den Absprung nicht findest“, rief Anais erbost. Sie hatte Erbarmen mit mir. Nicht nur dass der Absprung nicht
passte, Jill hüpfte unausbalanciert, und mir über dem Hindernis in den Rücken fallend im Sattel herum. Doch meine Geduld schien endlos zu sein. Runde um Runde zog ich mit ihr über den Reitplatz.
Nachdem Anais uns eine kleine Reihe aufgebaut hatte, in der die Anzahl der Galoppsprünge vorgegeben waren, klappte es um Längen besser. Jill wurde sicherer und störte mich über dem Sprung nicht
mehr. Elegant ging sie in der Bewegung mit und ich war erstaunt wie gut wir doch noch zu einem Rhythmus fanden. Ich war es nicht gewohnt einen Anfänger auf meinem Rücken zu tragen. Jahrelang
hatten Profis in meinem Sattel gesessen. Doch ich wagte es nicht ein einziges Mal, einen Haken zu schlagen, einem Hindernis auszuweichen oder gar es zu verweigern. Aus Trotz meines schlechten
Jockeys im Nacken, der mich empfindlich im Rücken störte, hätte ich es durchaus tun können. Das Kind im hohen Bogen auf den Boden der Tatsachen befördern.
Und dann zog Anais die Latten plötzlich hoch und nicht nur Jill schluckte. Ach du je, so hoch war ich seit Jahren nicht mehr gesprungen. „Da kommt er niemals rüber“, winkte Jill erschrocken ab.
Oh doch, da komme ich rüber, nur ob du da rüber kommst Mädchen, das weiß ich nicht. Energisch legte ich mich auf das Gebiss. Mir war klar, die Führung musste ich übernehmen. Jill würde niemals
den richtigen Absprung für diese Höhe einschätzen können. „Er beißt sich fest. Legt sich auf meine Hand, ich kann ihn gar nicht mehr dirigieren.“ Verärgert verpasste Jill mir einen Zahnhaken und
das quittierte ich mit einem kleinen Buckler. Eine Andeutung dass sie mal den Ball flach beziehungsweise ihre Hände ruhig halten sollte. „Hui, buckeln kann er auch“, quakte der Dreikäsehoch. „Du
darfst ihn nicht ärgern und so wie du im Sattel hängst, reitet man auch nicht. Du musst dich beherrschen und ruhig bleiben. Du hast einen Profi unter dir. Classic Star weiß was er macht und was
nicht. Deine Hand stört das Pferd im Maul. Halte sie still. Beißt er sich fest, reite Übergänge. Trab-Schritt, Galopp-Trab. Du musst ihn arbeiten. Ein Pferd kannst du niemals zwingen etwas für
dich zu tun, du kannst es nur bitten, Jill. Sei gnädig mit ihm wenn er dich nicht gleich versteht nur weil du es noch nicht richtig kannst.“
„Okay“, rief Jill. „Wir reiten da jetzt rüber und ich denke dass ich sterben werde.“ Aufgeregt hielt sie die Hände vor ihre Augen. „Das ist so gottverdammt hoch“, wiederholte sie ihre Bedenken.
Noch nie bin ich so hoch gesprungen.“ „Das ist ein Meter fünfunddreißig in etwa“, rief Anais, während Jill mich in den Galopp brachte.
„Ihr schaffst das“, rief sie und hielt den Daumen nach oben.“
Mutig war das Kind, das musste man der Kleinen lassen. Gemächlich galoppierte ich gegen das Hindernis. Vor der Höhe machte ich mir nicht ins Hemd. Da war ich in meinem Leben über weitaus höhere
Klamotten gesprungen. Der Absprung passte auf den Millimeter genau und nachdem Anais Jill zugerufen hatte: „Jetzt!“, weil sie den Absprung mit ihrem fachkundigen Auge erkannt hatte, setzte ich
mit Jill auf meinem Rücken äußerst elegant über das nicht zu verachtende Hindernis. „Wohou!“, gab Jill von sich während wir durch die Lüfte flogen. Sanft wie eine Feder landete ich nach dem
Sprung und ja, ich hätte es gern noch einmal probiert. Der Ehrgeiz in mir war geweckt. Herrlich war das. Mensch, ich konnte es noch. Jill flippte völlig aus auf meinem Rücken. „Hast du das
gesehen? Hast du das gesehen? Wir sind da wirklich rüber. Das glaube ich nicht. Hast du das gesehen?“
„Ja, ich habe es gesehen“, strahlte Anais. Sie lief zu mir. Schob dankend einen Zucker zwischen meine Zähne und klopfte meinen Hals.
„Er ist toll oder?“
„Ja, das ist er“, strahlte Jill.
„Können wir da noch mal rüber?“
„Nein. Einmal reicht völlig. Was ein Pferd einmal gut gemacht hat, muss man nicht wiederholen. Freue dich über diesen Erfolg, dass du das Hindernis geschafft hast und jetzt versorge das Pferd“,
lachte sie.
„Welches Pferd ist das? Und wer sitzt da im Sattel?“ Von dem gewaltigen Sprung den
Classic Star und Jill überwunden hatten, hatte Anais ein Video gedreht und dieses in ihren Status einer Nachrichtenapp gelegt. Zahlreiche Freunde, vor allem ehemalige, sprachen sie auf das Video
an auf dem ein Schimmel mit einem kleinen Kind im Sattel über ein beachtlich hohes Hindernis sprang.
„Classic Star und Jill sind das“, antwortete Anais.
„Ach Quatsch“, kam es zurück. Doch sie machte sich nichts aus dem Gerede. Warum sollte sie Rechenschaft ablegen oder sich für etwas rechtfertigen müssen, nur weil man ihr keinen Glauben schenkte,
dass ein kleines Wunder geschehen war. Ein Wunder, an das sie längst noch geglaubt hatte, als alle anderen Menschen bereits wegsahen und die Köpfe schüttelten. Anais obendrein noch verachteten
für einen Traum, der sich in ihrem Kopf festgefressen- und für den sie alles gegeben hatte. Alles, das in ihrer Macht stand. Niemand von ihnen wäre den Weg gegangen, den Anais mit Classic Star
zurückgelegt hatte.
„Wir könnten ja mal wieder zusammen ausreiten gehen“, schrieb eine Freundin, die Anais vor wenigen Wochen noch hinterhältig verraten hatte. Diese Freundin war eine Schißbuchse im Sattel, sie war
wohl guter Hoffnung, den braven Classic Star reiten zu können. Jetzt, wo er wieder in Form und fit war und man das Video gesehen hatte, meldeten sich so einige ehemalige Freunde wieder zu
Wort.
Innerlich rebellierte es in Anais. Wehmütig dachte sie zurück an die Wochen in denen Classic Star zwischen Leben und Tod gehangen hatte. Sie mit Equinem Cushing Syndrom, Lahmheiten, Penisstein,
Milben, Mauke, Kotwasser und Grasmilben zu kämpfen hatten. Dass dieses Pferd nicht mehr einen Schritt vor den anderen hatte setzen wollen.
Verachtet hatte man Anais dafür, dass sie einem alten Pferd noch einmal den Glanz in seinen Augen zurückbringen wollte und nun klopften sie wieder an ihre Türe.
„Er hat sich hingelegt und er wälzt sich wieder. Jedes Mal wenn ich frisches Stroh in seine Box streue, wälzt er sich hin und her und er kann prima aufstehen“, strahlte Jill. Sie war die erste,
die diese wundervolle Entdeckung gemacht hatte, dass Classic Star sich endlich wieder hinlegte. Sowohl nachts zum Schlafen als auch tagsüber, da wälzte er sich ausgiebig im frischen Stroh.
„Er ist ein ganz normales Pferd. Wie die anderen. Das ist erstaunlich“, schwärmte Jill.
„Ich habe ein Turnier genannt. Für dich und Classic Star.“ Anais schmiss sich in Pose. Mit der freudigen Nachricht konnte sie nicht länger hinter dem Berg halten.
„Ein Turnier?“ Jills Augen wurden riesig groß.
„Ja, ein A-Springen.“
„Ich bin noch nie ein A-Springen geritten“, strahlte Jill.
„Ja, deshalb ja. Es wird Zeit.“
„Meinst du, er schafft das?“ Jill kamen Zweifel auf.
„Klar, ihr schafft das, du wirst sehen!“
Jill konnte vor lauter Aufregung die Wochen vor ihrem großen Auftritt, ein A- Springen zu reiten, gar nicht schlafen. Überall erzählte sie mit Stolz in ihren Augen und Euphorie in ihren
Gesichtszügen von dem großen Augenblick, mit Classic Star ihr erstes A-Springen reiten zu dürfen. In der Schule, unter ihren Freunden und sie wurde nicht müde, es in den schönsten Farben ihrer
heimlichen Sehnsüchte auszumalen, dass sie zumindest das Ziel sehen würde in diesem für ihre Verhältnisse recht anspruchsvollen Springen. Eifrig trainierte sie mit Classic Star und sie wurde das
Gefühl nicht los, dass sie beide immer besser wurden. Pferd und Reiter. Es machte Spaß den Schimmel zu reiten, er forderte sie auf besondere Art, machte es ihr nicht leicht weil er auf die
korrekte Hilfengebung wartete und sich ansonsten stur wie ein Wasserbüffel anstellte. Zur Belohnung ging es oftmals hinaus ins Gelände und zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie das Gefühl,
Pferde mit anderen Augen zu betrachten. Classic Star war ihr zum Freund geworden. Er war von ihr abhängig und sie von ihm. Sie mussten ein Team werden wenn sie auf dem Turnier zusammen brillieren
wollten. Eine Aufgabe, die recht anspruchsvoll war und Jill in ihren kindlichen Möglichkeiten arg forderte, ihrer Seele jedoch gut taten. Verantwortung für ein Lebewesen zu übernehmen, für dieses
zu sorgen und abzuwägen, wann ging es dem Tier gut, wann fehlte ihm etwas. Mit Argusaugen achtete sie auf Classic Star. Seine Eigenheiten hatte sie schnell herausgefunden. So musste man ihm beim
Reiten immer ein wenig Zeit lassen nach dem Aufwärmen bevor man mit dem eigentlichen Programm beginnen wollte. Richtig in Gang war der alte Schimmel immer erst dann, wenn er einmal geäppelt, sich
von seinem Ballast befreit hatte. Danach zündete er oftmals wie eine Rakete und die Arbeit fiel ihm bedeutend leichter als mit vollem Darm, was verständlich schien. Das hatte Jill fix raus und
sie warf immer einen skeptischen Blick auf sein Hinterteil. Sobald Classic Star seinen Schweif hob, hielt sie das Pferd an und wartete bis es sich erleichtert hatte.
„Ihr versteht euch gut“, rief Anais anerkennend. Sie beobachtete ihr Kind aufmerksam und innerlich gab es einen Ruck in ihrem Herzen, Jill so selbstbewusst, verantwortungsvoll und fröhlich zu
erleben. Das war nicht immer so gewesen. Die Vergangenheit von Mutter und Kind war eine düstere gewesen und lastete schwer an ihnen, doch das ist eine andere Geschichte. Der Umgang mit den Tieren
ist für jede menschlich geschundene Seele die beste Medizin.
Mit dem Wasserschlauch wusch Jill mich ab. Sie duschte jede einzelne meiner Körperpartien, schrubbte meine Hufe, wusch meine Mähne und den Schweif. Ich spürte, es lag etwas in
der Luft. Aufgeregt, nervös und ungehalten war sie. Es war ein herrlicher Tag im Juli, nur wenige Monate nach meiner Ankunft gewesen, als es zum Turnier in der Nachbarschaft ging. An der weißen
Reithose von Jill, als sie früh morgens das Futter in meinen Trog schüttete, erkannte ich, dass es ein besonderer Tag sein würde, der mich erwartete. Nach dem Fressen ging es hinauf in den
Anhänger neben einen meiner Stallgenossen, der ebenfalls mit zum Turnier fuhr. Auf dem Turnierplatz angekommen erinnerte ich mich gleich an vergangene Zeiten. Die Musik, die vielen Menschen und
unzähligen Pferde, die Gerüche von Bratwurst, Pommes und Pferdedung, das war jahrelang mein Leben gewesen. Da wuchs ich gleich um einige Zentimeter, präsentierte mich stolz und ehrgeizig.
Unzählige Jahre war ich ein erfolgreiches Springpferd gewesen, das seine Reiter mit Hingabe und Passion zum Erfolg getragen hatte. Dazu war ich von klein auf an ausgebildet und trainiert worden.
Ich wusste genau, wenn man mir nach der Prüfung in der Siegehrung die Schleife an das Zaumzeug steckte, dass ich meine Sache gut gemacht hatte und meine Reiter mit mir zufrieden waren. Das waren
beeindruckende Erlebnisse gewesen, die ich niemals vergessen hatte. Als Springpferd geboren worden und als solches zu sterben, daran sei nichts verwerflich, solange der Mensch der es aus dieser
Sichtweise betrachtete, nicht zu den feindseligen Tierschutzgegnern gehörte, die den Springsport und damit generell den Pferdesport, als Tierquälerei ansahen.
„Ich muss gestehen, ich habe Angst.“ Jill zog mit zitternden Händen das Jackett über und warf
einen zögerlichen Blick zu ihrer Mutter, die Classic Star am Zügel hielt und auf sie wartete. Ungern gestand sie Anais, dass sie Angst hatte. „Wir haben trainiert, Classic Star ist wach heute
Morgen, er hat sich gleich erinnert dass heute Turnier angesagt ist, das habe ich in seinem Auge gelesen, du musst also keine Angst haben. Er wird dich über die Hindernisse tragen ohne dass du
viel dazu beitragen musst. Verlass dich einfach auf ihn.“
„Und wenn ich ihn nicht in Gang kriege? Wenn er auf einmal äpfeln muss? Ich kann ihn doch nicht mitten im Parcours anhalten“, seufzte die Kleine. Anais nahm ihre Tochter in den Arm. „Was du
brauchst ist ein bisschen mehr Selbstvertrauen, Jill. Du bist eine gute Reiterin und du hast heute das beste Pferd unter deinem Hintern. Also gehe da rein und mach dein Ding. Du möchtest
Springreiterin werden, es war deine Entscheidung, also ziehen wir das jetzt durch. Es kann nichts geschehen solange du dir ein Herz fasst. Wirf es zuerst über die Hindernisse, das Pferd wird dir
folgen. Classic Star lässt dich nicht im Stich.“
„Und wenn ich einen Absprung falsch einschätze?“
„Dann wird das Pferd ihn für dich richten.“
Jill nickte tapfer und schwang sich auf den mächtigen Schimmel in dessen Sattel sie aussah wie eine kleine Stubenfliege auf dem Rücken eines Elefanten.
„Er sieht gut aus. Du hast ordentlich was auf die Beine gestellt mit dem Schimmel. Hat doch sicher ein
kleines Vermögen gekostet ihn gesundheitlich wieder herzustellen, oder?“ Fragen über Fragen, mit denen sich Anais auseinanderzusetzen hatte, als sie auf neugierige Bekannte aus der
Reiterszene traf, die alle das Drama um Classic Star miterlebt hatten und ihm teils einen anerkennenden, jedoch auch strafenden Blick schenkten, als .Jill mit ihm auf den Abreiteplatz ritt. „Ja,
er hat ein ordentliches Loch in meinen Geldbeutel gerissen.“
„Muss er die Kohle auf dem Turnier jetzt wieder reinholen oder wie?“, fragte man Anais mit strafender Ironie. Ihr war längst bewusst geworden, dass es immer ein Für und Wider geben würde, egal
was sie tat. Dass es Leute gab, die sie für ihr Werk, ihre innere Einstellung bewunderten und dass es eben auch Menschen gab, die sie verachteten für den Weg, den sie mit Classic Star
eingeschlagen hatte. Dennoch taten Worte dieser Menschen weh, trafen schmerzhaft mitten in ihr Herz. Was wussten sie schon über dieses Pferd und seine Vergangenheit? Hatten sie in seine
Augen gesehen in guten und in schlechten Tagen? Hatten sie sich um eine sterbende Seele gekümmert, als es niemand anderes mehr tun wollte? Was erlaubten sie sich Äußerungen und eine Meinung ohne
einen Funken Schimmer zu haben, in welcher Beziehung Anais und dieses Pferd zueinander standen? Entschieden schluckte sie ihren Schmerz hinunter. Wischte die Tränen fort. Schenkte ihre
Aufmerksamkeit und ihren Blick an diesem Tag lediglich ihrem Kind und einem prachtvollen Schimmel, auf dem es saß. Dem wohl schönsten Pferd, das sie jemals in ihrem Leben besessen hatte. Mit
Hingabe achtete sie auf jede seiner Bewegungen. Ein wenig stumpf trabte er die ersten Runden. Steif und ungelenk war er, das rührte wohl vom Alter her und dem Stehen auf dem Anhänger von der
Fahrt vom Stall zum Turnier. Doch nachdem er den Schweif gehoben und geäpfelt hatte, war es als hätte sich bei dem Pferd ein Schalter umgelegt. Elastisch setzte er seine Runden fort und Anais
ging das Herz auf. Das war ihr Classic Star. Ihr geliebtes Pferd, ihr bester Freund und der Traum ihrer schlaflosen Nächte über viele Jahre lang gewesen. Wie gern hätte sie diesen Schimmel selbst
reiten wollen. Mit ihm über die Hindernisse fliegen. Den Wind in seiner Mähne fühlen, die Galoppsprünge unter ihrem Gleichgewicht spüren und die Hindernisse mit Freude näherkommen sehen, nur um
schwerelos über sie zu gleiten und einen Moment lang sämtliche Uhren des Lebens außer Kraft zu setzen. Außer dass nicht sie, sondern ihre Tochter auf seinem Rücken saß, was sie beinahe noch
tiefer berührte als wenn sie selbst in seinem Sattel gesessen hätte, war es, als wäre ein unerreichbarer Traum wahr geworden. Tränen liefen über ihre Wangen.
Einen Tag wie diesen zu erleben, hinterließ emotionale Spuren, deren Gefühle man nicht beschreiben konnte. Ein altes, nicht mehr gebrauchtes, halbtotes, einseitig blindes Pferd hatte sich noch
einmal aufgerappelt, zu neuer Lebensfreude zurückgefunden und ihre geliebte Tochter, mit der sie viele Schicksalsschläge weggesteckt hatte und erleiden musste, trug es sanft auf seinem
Rücken.
„Heute reitet ihr nur für mich. Jill, ich sage dir jetzt schon danke für diesen großartigen Moment den du mir schenkst. Egal mit wie vielen Fehlern du aus dem Parcours kommst. Dass du überhaupt
hier bist, dass Classic Star heute hier ist, das ist ein Wunder. Ich glaube an euch und jetzt geh da rein und genieße diesen Augenblick.“ Jill nickte ergriffen über die Worte ihrer Mutter. Ihr
Herz war frei und gelöst, während sie Classic Star in den Parcours dirigierte.
Im Parcours spürte ich die Anspannung meiner kleinen Reiterin und nur zu gern hätte ich ihr die Angst genommen. Die Abläufe waren mir bekannt. Erst die Grußaufstellung, dann die Glocke zum Start und dann ging es los. Ein letztes Mal warf ich einige Äpfel ab um mich zu erleichtern. Dass ich während der Runde nicht äpfeln durfte, war mir klar. Das Zeichen zum Galopp nahm ich zügig an und Jill war sicherlich erstaunt wie gut ich plötzlich auf ihre Hilfen reagierte. Die Gerte hätte sie nicht gebraucht. Ich war ein alter Hase in dem Geschäft. Wusste genau was von mir erwartet wurde. Mit Eifer galoppierte ich gegen das erste Hindernis. Jill vermeterte sich völlig, wahrscheinlich durch die Aufregung, doch ich machte das locker wett, sprang einfach einen Galoppsprung früher ab und weiter ging es. Sie war leicht wie eine Feder, es tat mir nicht weh in meinem Rücken, ihr zu helfen wenn sie in der Bewegung nicht mitkam. Ihr Gewicht spürte ich kaum. Freudig galoppierte ich weiter. Suchte das nächste Hindernis. Dass noch einige an der Zahl kommen würden, dessen war ich gewiss. Sprung zwei und drei klappten gut, Jill und ich fanden erstaunlich schnell zu einem Rhythmus. Die Kleine wurde zusehends lockerer, mutiger und ritt mich fleißig vorwärts, so dass wir noch passender an die Hindernisse ran kamen. Sprung vier war mit Wassergraben unterbaut und das hatte Jill mit mir zuhause noch nicht gesprungen. Ihr kleines Herzchen schlug ihr bis zum Halse, während ich zu dem Sprung galoppierte. Wahrscheinlich war sie in ihrem Leben noch keine Wasserunterbaute gesprungen, doch ich hatte dafür umso mehr überwunden und lachte über dieses mickrige Gatter das über dem Wasser hing. Wir flogen hinüber und weiter ging es zu der Kombination. Zwei Hindernisse direkt hintereinander folgend. Ein Klacks für mich. Den Einsprung machte ich mir selbst passend und der Aussprung wurde zum Spaziergang. Mit gespitzten Ohren ging es flott weiter. Mir war klar, da mussten noch ein paar Hindernisse kommen. In den großen Prüfungen waren oftmals vierzehn an der Zahl gewesen, weil eine zwei- und dreifache Kombination mit eingebaut waren, also ich musste Acht geben, wir waren noch nicht im Ziel. Die letzten beiden Hindernisse waren eine Distanz und ich kam an dem letzten Sprung ein wenig dicht heran, die Stange fiel zu Boden und es ärgerte mich maßlos. Hätte Jill mich doch nur ein wenig mehr am Kopf gehalten, eine bessere Zügelverbindung zu meinem Pferdemaul gehabt, dann hätte ich diesen ärgerlichen Fehler vermeiden können. Wir waren im Ziel. Erleichtert klopfte Jill meinen Hals. „Danke Classic Star“, sagte sie ergriffen. Schade, dass wir schon am Ende angelangt waren, jetzt war ich einmal richtig warm, ich hätte noch gut ein paar Hindernisse überwinden können.
„Das war toll. Klasse Runde. Ganz großes Kino, Jill!“ Anais
empfing ihre Tochter gleich am Ausgang. Classic Star bekam die verdiente Möhre und Jill ein anerkennendes Lob. Sie platzte beinahe vor Stolz.
„Er hat alles alleine geregelt. Ich musste gar nichts machen. Im Parcours ist er ein ganz anderes Pferd“, lachte Jill. Sie strahlte wie ein Honigkuchenpferd. Selten hatte Anais Jill gelöster und
befreiter als nach diesem Ritt erlebt. Sie wusste, dass es dem Kind ungemein für sein Selbstvertrauen geholfen hatte, mit Classic Star diesen Parcours zu reiten. „Er ist einfach toll“.
Dankbar legte Jill ihre Wange an den Hals des Pferdes.
„Kommen Sie bitte zur Tierarztkontrolle mit ihrem Pferd?“ Eine unfreundliche Stimme empfing Anais, Jill und Classic Star nach Beendigung des Parcours, mehr als barsch. Die tierärztliche Kontrolle
war nichts Ungewöhnliches auf einem Turnier und Anais hatte nichts zu verbergen. „Bitte Absatteln und Gamaschen abmachen.“ Der Tierarzt zog ein ernstes Gesicht und notierte ein paar Zeilen mit
seinem goldfarbenen Kugelschreiber in der Mappe die er auf dem Arm trug. Ungemein wichtig erschien er.
„Hat er da oben etwa eine offene Stelle?“ Unfreundlich deutete er auf den Widerrist des Pferdes, nachdem Anais den Sattel abgenommen hatte. „Nein“, widersprach sie. „Da ist die Fellfarbe ein
wenig dunkler“, erklärte sie die stichelhaarige Zeichnung die sich über den Rücken des Pferdes verteilte. An einigen Stellen im Fell hatte Classic Star schwarze Stippen. Man nannte es auch
Fliegenschimmel. Allerdings zog sich diese Farbgebung nur über seinen Rücken. „Ach, das wollen Sie mir doch nicht erzählen. Er hat da eine Druckstelle!“, motzte der Tierarzt.“Und hier hat er auch
eine.“ Er zeigte auf die Schenkellage, dort war das Fell von Jills Sporen ein wenig abgerieben. Das lag daran, weil die Rippen noch nicht ganz verschwunden waren. Da fehlten noch ein paar Pfund
Fleisch. Mit den kurzen Beinen kam Jill nur soeben unter das Sattelblatt und wahrhaftig hatte es dort gescheuert. Im Grunde genommen war solch eine Lappalie nicht der Rede wert. „Ihm fehlen
noch ein paar Pfund Fleisch, deshalb wohl die Druckstelle“, rechtfertigte Anais ein kleines Malheur, an dem niemand bewusste Schuld trug. Doch sie hätte besser ihren Mund gehalten. „Pferde wie
dieses wollen wir auf einem Turnier nicht sehen“, sagte der Tierarzt unfreundlich und klappte energisch seine Mappe zu. „Das Pferd will ich jedenfalls dieses Wochenende hier nicht mehr sehen.
Einseitig blind ist es auch noch, schimpfte er!“ Das war ein Schlag in die Magengrube, doch Anais hatte es kommen sehen. Woher hätte der Tierarzt wissen sollen… Wie hätte sie ihm erklären können…
ihr fehlten die Worte, wobei sie genau wusste, dass sie es diesem groben, ungehobelten Menschen nicht einmal verübeln konnte, was er mit vernichtenden Worten ausgesprochen hatte. Classic Star
würde noch einige Wochen Zeit brauchen bis er soweit zugenommen hätte, dass er sein Idealgewicht wieder erreicht hatte. Doch wer konnte sagen, ob er bis dahin überhaupt noch leben würde? Er war
alt und würde nicht jünger werden, könnte jeden Tag an einer Kolik versterben, die Zeit arbeitete gegen Anais und dieses Pferd.
Und ihr Traum, ihr inniger Wunsch, durfte man die Herzensangelegenheit eines Menschen mit Verachtung strafen? Wer nahm sich das Recht heraus, dies zu tun? Konnte man Anais verdenken, dass sie
heute mit dem Pferd hier hergekommen war? Wer wollte sich ein Urteil über ihre Entscheidung erlauben? Wer würde dieses Pferd besser kennen, als Anais, die mit Classic Star einen Weg gegangen war,
den niemand anderes auf sich genommen hätte. Anais verzieh dem Tierarzt seine niederschmetternde Nichtahnung. Schluckte die Verbitterung seiner unbarmherzigen Worte mit Gelassenheit einer
Niederlage runter. Eigentlich hätte man Classic Star einen Orden verleihen müssen. Für besondere Dienste in all den Jahren in denen er als Turnierpferd gedient hatte. Und für das, was er heute
für seine kleine Reiterin im Sattel geleistet hatte. Innerlich hatte Anais diesem Pferd soeben den Himmel geschenkt, weil es nichts Besseres als diesen verdient hatte.
„Bist du traurig?“, fragte Jill besorgt. Sie spürte dass ihre Mutter etwas bedrückte.
„Ein wenig. Der Tierarzt hat keine Ahnung und dennoch überdenke ich seine Worte. Ich hinterfrage mich ob es richtig ist, was ich tue. Ob es falsch war, mit Classic Star zu diesem Turnier zu
fahren.“
„Nein, das war es nicht. Er hat sich heute fantastisch angefühlt. Niemals hatte ich ein besseres Gefühl auf seinem Rücken. Er hat Spaß gehabt und es hat ihm Freude gemacht mir den Weg zu zeigen,
das habe ich gespürt. Du hast alles richtig gemacht.“ Dankbar nahm Anais ihre Tochter in den Arm. „Danke Jill. Du hast mir heute eine große Freude gemacht und diesen Tag werde ich niemals
vergessen. Es war einer der schönsten in meinen Lebensstunden überhaupt. Dich und Classic Star anzusehen und das kann uns keiner nehmen.“
Lichtblicke
„Warum steht er bei so einem schönen Wetter im Stall? Die Sonne scheint, alle anderen Pferde sind draußen auf der Koppel und Classic Star verbringt die besten Stunden des Sommers in seiner
Pferdebox. Kannst du mir das bitte erklären?“ Anais hatte Besuch. Mal wieder von einem dieser elendigen Klugscheißer, wie sie die Besserwisser nannte. Es gab viele dieser Sorte in ihrem Leben. Zu
viele, stellte sie wieder einmal fest. Menschen, die ihr etwas aufschwatzen, sie belehren wollten. Menschen, die ihre Nasen in fremder Leute Angelegenheit steckten nur um ihren Rotz bei ihnen
abzuladen. Seit Anais die Menschen kannte, hatte sie die Tiere zu schätzen gelernt.
„Er fühlt sich wohl im Stall. Auf der Weide hat er Stress mit den anderen Pferden. Außerdem ärgern ihn die Fliegen, er ist da sehr empfindlich.“
„Pferde sind Herden- und Lauftiere. Die müssen raus“, erwiderte eine Freundin, die immer mal wieder auf dem Hof vorbeischaute, wahrscheinlich nur, um ihren Senf dazuzutun und die freie Zeit die
sie hatte, totzuschlagen. Sie ging nämlich keiner geregelten Arbeit nach. Nörgelte stattdessen den lieben Tag lang herum, wie schlecht das Leben doch sei. Früher war sie mit Pferden aufgewachsen
und hatte die harte Schule der Arbeiten rund um das Hofleben kennengelernt. Heute wollte sie mit alledem nichts mehr zu tun haben. „Pferde bringen nichts ein. Mit ihnen kann man nur pleitegehen.
Geld verdienen kannst du mit den Viechern nicht.“
Anais und Frau Besserwisserin hatten sich am Tisch im Garten zusammengesetzt auf eine Tasse Kaffee. Es gehörte nicht zu Anais Art, Freunde wegzuschicken, nur weil diese anderer Meinungen waren
als sie. Mittlerweile wusste sie aus Erfahrung, dass es oftmals von Wichtigkeit zu sein schien, die unterschiedlichen Ansichten anzuhören und einmal in sich zu gehen und seine Eigenheiten und
Meinung zu hinterfragen. Insbesondere, wenn es um das Thema Pferde ging. Anais wollte in der Tat nicht ausschließen, dass sie betriebsblind geworden war und wichtige Dinge nicht mehr als solche,
sondern nur noch oberflächlich wahrnahm. Viele ihrer Pferde waren den Tag über dreckig, weil niemand Zeit hatte sie zu striegeln. Der Anblick war nicht schön, ein sauber geputztes, glänzendes
Pferd in den Pferdeboxen wäre sicherlich ein gediegener Anblick gewesen, als all diese Dreckspatzen. Wenn da jemand meckerte, zeigte sie durchaus Verständnis und Einsicht. Doch da machte niemand
den Mund auf. Dreckige Pferde seien schließlich gesunde Pferde, hieß es. Da wurde man sich schnell einig.
„Immerhin hast du ihn top in Schuss den Schimmel, das muss man dir lassen“, gähnte Manuela, während sie die dampfende Tasse Kaffee an ihre Lippen führte. „Er hat gut zugenommen. Man meint, es sei
ein ganz anderes Pferd. Dennoch finde ich es Tierquälerei, ihn nicht auf die Weide zu lassen.“
„Man sollte aufhören, ein Sportpferd gedanklich immer noch in die Prärie schicken zu wollen, dorthin, wo die Freiheit wohl grenzenlos sein soll. Classic Star und viele seiner Kollegen sind dafür
nicht geschaffen. Sie wurden geboren als Supersportler und werden als solcher sterben. Du kannst aus ihnen nichts anderes machen als ein Sportgerät, das auf Knopfdruck reagiert und funktioniert.
Das sind sie gewohnt und gewohnte Abläufe geben ihnen Sicherheit. Wenn wir ihn fragen würden, was er sich wünscht, was er vermisst, was ihm fehlt und was wir besser machen sollten, damit er
glücklich ist, was glaubst du, würde Classic Star dir in diesem Augenblick antworten?“ Manuela verschluckte sich an ihrem Kaffe, nachdem Anais ihr die Frage gestellt hatte. Wie absurd es doch in
ihren Augen war, sie mit solchen Fragen zu konfrontieren. „Ich weiß nicht, was er sagen würde“, hustete sie. „Dann geh zu ihm. Sieh ihm in seine Augen. Du hast doch Ahnung von Pferden. Hast
immerhin jahrelang mit ihnen gearbeitet.“
Knurrend erhob sich Manuela. Ging zu Classic Star seiner Box und staunte. Der Schimmel bewohnte eine Außenbox, konnte rausschauen, doch er schaute nicht raus. Vor seiner Eisentür stand er und
koppte. In einer Tour. Hörte gar nicht auf, immer wieder Luft zu schlucken. Er sah dabei sehr zufrieden aus.
„Durch das Koppen kompensieren sie Stress“, brabbelte Manuela neunmalklug. „Hast du in seine Augen geschaut? Was sagen sie dir?“ Anais blieb am Ball.
„Er schaut zufrieden aus. Nicht unglücklich. Es geht ihm gut, wobei ich das jetzt irgendwie absurd finde, das so zu analysieren“, lachte Manuela. „Normal dürfte er nicht glücklich sein. Er ist
allein im Stall, keine Artgenossen weit und breit, die Sonne brennt ihm nicht auf das Fell und er darf kein saftiges Gras zupfen. Das ist nicht artgerecht und dennoch scheint er glücklich zu
sein.“ Manuela setzt sich wieder auf ihren Stuhl und lehnte sich seufzend zurück. „Wie ich gehört habe, war er sogar wieder auf einem Turnier“, nuschelte sie.
„Ja und er hat es super gemacht. War ganz in seinem Element. Und seit er mit auf dem Turnier war, ist er noch mehr aufgeblüht. Ich glaube, er hat das Gefühl wieder gebraucht zu werden,
zurückgewonnen und das tut ihm verdammt gut. Sieh mal, er war nicht einmal krank seit er hier ist und wir ihn aufgepäppelt haben. Hat keine Wehwehchen. Wäre seine Seele nicht gesund, würde sein
Organismus irgendwann krank werden. Da sind wir uns doch einig, oder?“ Manuela nickte eifrig.
„Er sieht aus, als wäre er zwölf Jahre alt“, sagte sie anerkennend. „In seinem Herzen ist er das wohl auch“, lachte Anais. Jeder ist so alt, wie er sich fühlt. Tiere wie Menschen. Mein Hund ist
auch schon fünfzehn und noch taufrisch.“ Anais streichelte ihrer Jack Russel Hündin Emma über das glänzende Fell. Seit zig Jahren war die kleine Dame ihre beste Freundin und sie hatten alle Höhen
und Tiefen des Lebens gemeinsam gemeistert. Auf keinem Ausritt durfte der quirlige, äußerst intelligente Hund fehlen. Nun war Emma alt und taub geworden und sie hasste es, wenn Anais sie zuhause
ließ, während sie ausreiten ging. Emma stand senkrecht auf der Sitzbank am Küchenfenster, und jaulte so laut und herzzerreißend, dass selbst die Nachbarn, die Luftlinie 500 Meter entfernt und
noch weiter weg wohnten, ihre Protestschreie vernahmen. Emma wollte nicht ausgeschlossen werden. Doch Anais war es zu gefährlich den Hund mitzunehmen, eben weil er sein Gehör verloren hatte.
Damit Emma sich nicht ganz ausgesondert fühlte, nahm sie die Hündin auf kleinere Runden mit. Ritte, in denen nur Schritttempo geritten wurde. Emma war für dieses Privileg durchaus dankbar und
seit sie wieder mit dabei sein durfte, war sie fröhlicher und aktiver geworden. Niemand vermutete, dass Emma bereits fünfzehn Jahre alt war. So ist das mit alten Tieren. Sie müssen gefordert
werden, sofern es ihre Knochen und ihr Gemütszustand noch zulassen. Auf das Abstellgleis darf man sie nicht schieben, denn dann altern sie umso schneller und gehen vor die Hunde.
Anais führte Classic Star in den Garten und Manuela zog erschrocken ihren Stuhl ein wenig unter die Nähe eines Baumes als der riesige Schimmel an ihr vorbeistapfte. Aus Sorge, Classic Star könnte
sie über den Haufen rennen. Immerhin war er blind auf einem Auge.
„Ich lasse ihn oftmals hier im Garten frei herumlaufen. Da kann er selbst entscheiden wann er wieder in seine Box möchte. Du wirst sehen, er mäht mir jetzt ein wenig den Rasen, für diese Geste
ich ihm sehr dankbar bin, denn der Rasenmäher ist kaputt und dann geht er wieder in seine Box.“ Manuela schüttelte lachend den Kopf über ihre verrückte Freundin, die wohl doch mehr Pferdeverstand
hatte, als sie annahm, denn Classic Star stapfte nach nicht mal mehr als einer halben Stunde Grasen, zufrieden von allein zurück in seine Box.
Am liebsten streifte ich mit Anais auf meinem Rücken durch das Gelände. Sie ließ es immer locker angehen, ritt die meiste Zeit über gemütlich im Schritttempo, so dass wir zwei in
aller Ruhe die Gegend erkunden konnten. Gern schaute ich mir aus sicherer Entfernung die Kühe an, vor denen ich eigentlich Angst hatte und am liebsten Reißaus genommen hätte und blickte auf einer
Lichtung verträumt in die Ferne. Einen flotten Galopp legten wir auf den abgemähten Stoppelfeldern hin und ich fühlte mich gleich immer um zehn Jahre jünger, wenn ich mal so richtig die Sau
rauslassen durfte.
„Was für ein schönes Pferd Sie da unter ihrem Sattel haben“, bestaunten Spaziergänger bewundernd Classic
Star, wenn Anais mit dem Schimmel ausritt. Worte dieser Art ließen ihr Herz auflachen. Nur zu gern hätte sie den Menschen die Geschichte ihres Pferdes erzählt. Ob diese ihr wohl glauben würden,
in welch schlechtem Zustand Classic Star noch vor wenigen Monaten gewesen war? Es würde ihr wohl niemand glauben, der es nicht selbst erlebt und mit eigenen Augen gesehen hatte.
Anais kostbare Zeit ließ es nur selten zu, sich in den Sattel des Schimmels zu schwingen und sie bereute dies sehr. Kein Pferd war schöner und angenehmer zu reiten als Classic Star. Allein die
imposante Größe, man genoss eine herrliche Aussicht von seinem Rücken aus. Während der Sommermonate blieb es abends lange hell und es war kein Problem, nach der Arbeit noch ein Ründchen
auszureiten. Im Winter würde sich das Blatt schnell wenden und Anais dachte mit Schrecken an die nasskalte Jahreszeit, wenn es bereits am frühen Nachmittag dunkel wurde. Wer sollte sich um den
Schimmel kümmern? Wenn sie von der Arbeit nach Hause kam, wäre es stockfinster. Zunächst versuchte sie diese leidigen Gedanken zu verdrängen, der Spätsommer zeigte sich von seiner besten Seite
noch, doch mehr und mehr rückte die Angst in den Vordergrund, dem alten Pferd in den Wintermonaten nicht mehr gerecht zu werden. Noch immer war sie der Meinung, dass der geeignete Platz für
Classic Star nicht in ihrer Obhut sei, selbst wenn der Schimmel sich momentan in seiner Umgebung pudelwohl fühlte und das nach außen hin deutlich signalisierte. Er hatte sehr gut an Gewicht
zugenommen, sein Blick war dem Menschen stets freundlich zugewandt. Er war neugierig und aufgeweckt. Interessiert an seiner Umwelt. Vor allen Dingen an den beiden Stuten zeigte er reges
Interesse, die ihm Gesellschaft leisteten. Immerzu zeigte er ihnen, wer der Herr im Hause war. Nachts flogen die Fetzen im Pferdestall. Anais und Jill wurden oftmals aus dem Schlaf gerissen, weil
Classic Star wieder einmal randalierte. „So lange er aufmüpfig, frech und garstig ist, weiß ich, dass noch Leben in ihm steckt“, lachte Anais, wenn sie der Schimmel um Mitternacht mal wieder um
ihren wohlverdienten Schlaf gebracht hatte.
Tagsüber war sie innerlich zerrissen, überlegte abermals, was das Beste für ein altes Pferd sei, wälzte sich in manch schlafloser Nacht ruhelos von einer Seite auf die andere und grübelte
verzweifelt, ob sie das Richtige tat.
„Hör auf nach Lösungen zu suchen, die du längst gefunden hast“, sprach ihr Gewissen. „Auch wenn er nicht jeden Tag sauber gestriegelt in seiner Box steht, du ihn nicht jeden Tag ausreitest und
nicht immer Zeit für ihn hast, so ist Classic Star dennoch glücklich bei dir. Er ist glücklich, Anais. Also höre bitte auf, dich mit Selbstzweifeln zu quälen.“
„Das letzte Turnier in diesem Jahr steht an. Ich möchte dass wir Classic Star mitnehmen. Dass du ihn noch einmal reitest.“ Jill gab ihrer Mutter selten Widerworte wenn diese die Turnierplanung
aufstellte und ihr die Pferde zuwies. Ihre Mutter hatte die meiste Erfahrung, sie würde entscheiden, welches der Pferde Jill sicher durch den Parcours tragen würde und sie vertraute auf das
Fachwissen ihrer Mutter. Auf dem Turnier sollte sie ein A Springen mit zwei Sternen reiten und das waren schon recht hohe Anforderungen für eine unerfahrene Reiterin wie Jill. „Ob er das
schafft?“ Jill überfielen gleich wieder Zweifel. In ihren Augen war Classic Star ein altes Pferd und alte Pferde waren steif und lustlos. „Er macht das schon“, beruhigte sie Anais. Sie war fest
davon überzeugt, dass der Schimmel ihre Tochter sicher und gut ins Ziel bringen würde. Jill fehlte einfach noch die Erfahrung für die Distanzen und das Auge für den passenden Absprung, Classic
Star machte sich das alles alleine passend, er war ein alter Hase in dem Geschäft. In ihren Augen war er die Supernanny, die jedes Kind sicher durch die Anforderungen eines anspruchsvollen
Parcours schaukelte. „Nächstes Jahr ist er dreiundzwanzig. Dann kann er sicherlich keine Springen mehr gehen. Irgendwann kann und muss man ihm das auch nicht mehr zumuten. Ich würde mich sehr
freuen, wenn er noch einmal eine Siegerehrung miterleben dürfte. Es wäre mein heimlicher Wunsch, dass er ein letztes Mal in seinem Leben die Ehrenschleife an sein Zaumzeug angesteckt bekommt und
die Ehrenrunde im Galopp mitläuft. Er wird sich erinnern. Er wird wissen, dass er etwas Wundervolles vollbracht hat. Dass er der Beste war an diesem Tag und dass wir ihm dankbar sind für das, was
er für uns geleistet hat. Dann entlassen wir ihn aus dem Sport und seine Geschichte macht endlich Sinn. Bis auf ein anderes Ende sind wir einfach noch mal ein paar Jahre in seiner Biografie
zurückgegangen. Der Sport, die Karriere, alles ist wie es war. Einzig und allein das Ende ist ein anderes. Dass wir ihn eben nicht hinaus auf eine einsame, verlassene Weide fahren, ihn auf einen
Gnadenhof abschieben und vergessen, sondern ihm täglich unseren Dank zeigen für die Leistung, die Freude, die er uns erbracht hat. So sollte die Geschichte eines jeden Sportpferdes enden. Dann
wird er in Würde altern und seinen Frieden finden.“
„Das hätten wir aber schon vor zwei Jahren machen können“, erinnerte Jill ihre Mutter schmerzlich an die Fehler, die sie begangen hatte.
„Ich weiß. Manchmal muss man im Leben eben zwei Runden drehen, um endlich klar zu sehen. Vor zwei Jahren hatte ich noch nicht begriffen was es heißt, Verantwortung zu übernehmen und das andere
Menschen zwangsläufig nicht alles besser machen als man selbst. Dass ein nobler Stall eben nicht das ist, was ein Pferd unbedingt glücklich macht und was es braucht. Auch die Weide ist es oftmals
nicht und eine alteingesessene Herde, in die ein neues Pferd hinzukommt, ebenfalls nicht, nur weil der Mensch sagt, das Pferd sei ein Herdentier und es gehöre auf die Weide in Pferdegesellschaft.
Es hätte sich ein Leben in Freiheit auf der Koppel nach einer langen Sportkarriere verdient. Nein, all das ist es nicht. Es ist auch nicht die vorhandene Zeit in Stunden gerechnet, die ein
Pferdebesitzer für sein Tier übrig hat und aufopfern kann, was es zufrieden stimmt. Es sind ganz andere Dinge, die ein Tier aufleben lassen. In allererster Linie ist es die Liebe, mit der wir die
Dinge hinterfragen sollten um die existenziellen Bedürfnisse eines Pferdes Art- und Tiergerecht zu befriedigen. Das mag wohl nicht jedem gelingen. Besonders nicht dem, der nur aus Lehrbüchern und
Meinungen anderer, die sich Experten und Profis nennen, aus purer Überzeugung aus deren Erfahrungswerten handelt und meint profitieren zu müssen. Jedes Pferd ist individuell, hat seine
eigene Geschichte. Unsere Aufgabe ist es, diese gewissenhaft zu hinterfragen. Wenn Classic Stars Besitzer das getan hätte, wäre er niemals auf diesem Gnadenhof gelandet und auch ich hätte ihn vor
zwei Jahren niemals fortgegeben. Wir waren zu leichtsinnig. Waren erleichtert, die Verantwortung aus unseren Händen geben zu können. Legten sie in die Obhut anderer Leute, die ihren Job
letztendlich noch viel schlechter gemacht haben als wir, weil sie sich gar nicht erst mit den wirklichen Bedürfnissen eines hochsensiblen Sportpferdes auseinandersetzen wollten. Und glaube mir
Jill, ich schäme mich für das, was ich ihm angetan habe. Jeden Tag wenn ich ihm begegne, kochen sie in mir hoch, die Emotionen. Unendlich dankbar bin ich diesem Pferd, dass es mir noch eine
zweite Chance gegeben hat. Dass es gekämpft hat, obwohl es längst am Ende war. Dass es sich noch einmal gegen den Tod aufgebäumt hat.
Mit dieser Schuld, wenn Classic Star gestorben wäre, hätte ich niemals leben können. Dieses Pferd hat das Beste verdient. Das Allerbeste das ich ihm nur geben kann. Und weißt du auch warum?“
Anais kämpfte mit den Tränen. Schmerzvoll biss sie auf ihre Unterlippe. „Weißt du warum, Jill?“
„Weil er sein Bestes gegeben hat.
Jahrelang.
Für seine Reiter, für dich und für mich“, antwortete Jill leise. Anais nahm ihre Tochter liebevoll in den Arm. Drückte sie fest an sich.
Der Nebel lichtete sich. Kalt war es an diesem frühen Morgen. Mein Atem zeichnete weiße Wölkchen in
der klaren Luft. Mitten in der Nacht hatten Anais und Jill mich aus dem Schlaf gerissen und mir das Futter gereicht. Mir war gleich klar, es ging zum Turnier. Niemand von ihnen ließ sich so früh
im Stall blicken wenn es sich nicht um einen besonderen Tag handelte an dem mein voller Einsatz gefordert wurde.
Am Tag zuvor war ich schon mit dem Anhänger gefahren. Zu einer Veranstaltung, auf der unzählig viele Menschen mit kleinen Kindern anwesend waren, die leuchtende Laternen in ihren Händen hielten
und fröhliche Lieder sangen. Jill legte einen großen Mantel über ihre Schultern, der meinen Rücken bedeckte. „Heute musst du besonders brav sein“, hatte sie mich gebeten. Eine kleine Runde zogen
wir hoch zu Ross durch die Straßen. Begleitet von einer Musikkapelle und der Feuerwehr hinter denen die Kinder folgten. Männer trugen brennende Fackeln in ihren Händen, während sie aufmerksam
neben mir schritten. Ab und zu hielten sie ein Auto an, damit ich an diesem vorbei stolzieren durfte. Stolz schritt ich voran. Jeder von ihnen, egal ob Groß oder Klein, der mir folgte, hatte an
diesem Tag nur Augen für mich. Besonders die vielen kleinen Kinder, die mich alle unbedingt mal streicheln wollten. Geduldig hielt ich still. In vollen Zügen genoss ich die Zuneigung der kleinen
Menschen. Ihre Augen strahlten. Die neugierigen kleinen Patschhändchen waren überall dort, wo sie nur hingelangten. An meiner Brust, an meinem Hals, an meinen Beinen und ich bewegte mich nicht.
Ruhig und gelassen, ließ wie ein Profi nun einmal war, ließ ich es über mich ergehen. „Er ist so schön. So groß und so schön weiß“, sagten sie bewundernd. Nachdem wir durch die Straßen gezogen
waren, gab es Brezeln für die Kleinen und Bratwurst für die Erwachsenen. Der Geruch setzte sich in meine Nüstern. Erinnerte an vergangene Zeiten. Immer waren es Gerüche oder bestimmte
Augenblicke, eine Art Deja Vus die Erinnerungen in mir aufblitzen ließen. Ich fühlte mich wohl zwischen all den Bewunderern meiner Persönlichkeit. Nicht nur ich war stolz an diesem Tag. Nein,
Jill war es ebenfalls. Ich spürte ihre Anspannung. Fest saß sie im Sattel. Stolz wie Oscar. Ja, es war ein besonderer Tag gewesen an dem wir in dem Lichtermeer durch die Straßen zogen. Ein
schöner Abschluss eines unvergessenen Sommers, dem nun der Herbst und Winter folgen würde.
Der Winter nahte mit großen Schritten. Dick eingepackt in meiner Stalldecke, da mein Fell geschoren war, wartete ich geduldig an dem Pferdeanhänger bis Anais mir den Sattel auflegte. Heute war Turnier angesagt, das war mir klar. Die vielen anderen Pferde, die aufgeregte Stimmung, Jill war nervös und Anais war es auch. „Hast du dein Jackett? Den Helm? Die Gerte? Nun beeil dich mal, Jill“, fluchte Anais ungehalten. Mit der Gelassenheit einer sibirischen Bergziege war ich mal wieder der Fels in der Brandung. Auf dem Abreiteplatz brauchte ich einige Runden um warm zu werden. Meine Knochen verlangten bei dem kalten Wetter gewiss eine längere Aufwärmphase. Auf Jill war Verlass. Mittlerweile hatte sie gelernt welche Knöpfe sie drücken musste damit ich funktionierte. Wir harmonierten miteinander. Bewundernde Blicke begleiteten uns während wir Runde um Runde zogen. Wahrscheinlich lag es daran, dass ich mit dem Handicap der einseitigen Blindheit unterwegs war. Vielleicht aber auch weil Anais mich so herrlich sauber geschrubbt hatte. Wie eine Speckschwarte glänzte ich, zog alle Blicke auf mich. Warf mich in Pose und gab mir die größte Mühe, elegant und elastisch zu wirken, was in meinem Alter gar nicht mehr so einfach war. „Ihr seht toll aus“, rief Anais, die jeden meiner Schritte beobachtete um Jill letzte Anweisungen zu geben. „Sei mit der Hand nicht so grob. Er mag das nicht, wenn du ihn so fest im Maul anfasst. Und sei bitte vorsichtig mit den Sporen. Nicht dass er wieder eine Druckstelle unter dem Sattelblatt bekommt“, ermahnte sie Jill.
„Der Classic Star. So ein feiner Kerl“, rief plötzlich ein älterer Mann, der sich aus der Masse
hervortat.
„Sie kennen das Pferd?“, fragte Anais erstaunt. Mehrere Kilometer war sie mit Jill und den Pferden im Anhänger bis zum Turnierplatz gefahren. Sie hätte niemals damit gerechnet, dass ihren
Schimmel jemand erkennen würde.
„Ja, ich kannte ihn noch unter Julio. Sie waren ein Traumpaar die zwei. Er hat sich überhaupt nicht verändert. Er sieht noch genauso wunderschön aus wie vor zehn Jahren. Wahnsinn, was für ein
tolles Pferd er noch immer ist. Wissen Sie eigentlich wie viele große Springen der Classic Star gewonnen hat?“
Anais schwieg. Die Sprache hatte es ihr verschlagen, so sehr hatte der Fremde sie mit seinen eindringlichen Worten berührt. Der Fremde, der sich ihr mit Namen Sanders vorgestellt hatte, war der
wohl einzige Mensch neben ihr, der Classic Star vor Jahren gekannt und heute wiedergetroffen hatte. Ihr obendrein sagte, das Pferd sei noch genauso so wundervoll wie vor zehn Jahren und hätte
sich nicht verändert.
Welch ein bewegender Augenblick. Fassungslosigkeit übermannte Anais.
„Wissen Sie eigentlich was für eine Geschichte hinter ihm liegt?“, fand Anais ihre Stimme wieder. Der Fremde schüttelte den Kopf. „Totgesagte leben länger oder wie war das?“, schmunzelte er mit
zugekniffenem Auge und hochgezogenen Schultern. Klopfte ihr anerkennend auf die Schulter. „Das hätte niemand anderes auf sich genommen. Respekt, was du für ihn getan hast, Mädchen.“ Lächelnd zog
er weiter seines Weges.
Classic Star und Jill beendeten ihren ersten Parcours fehlerfrei, legten eine beeindruckende Runde hin. Alles passte explizit, beinahe jeder Sprung hatte zentimetergenau gesessen. Ein Ergebnis,
das für ein gelungenes Training sprach. Pferd und Reiter hatten unterwegs kaum Abstimmungsschwierigkeiten gehabt.
Stolz war Anais auf ihre Tochter. Mit jedem Ritt wurde sie sicherer, besser und gefühlvoller in der Reiterhand und den Einwirkungen auf das Pferd unter ihrem Sattel. Eine Reiterin mit Zukunft.
Dank den geduldigen Lehrpferden wie Classic Star und jenen anderen Vierbeinern, die neben dem Schimmel im Stall beheimatet waren, wäre der Weg für eine erfolgreiche Karriere geebnet.
„Er hat das super gemacht. Ich wusste zwei Mal nicht, wann wir abspringen müssen, aber Classic Star hat es für mich geregelt“, strahlte Jill freudig. Dankbar streichelte sie den Hals des Pferdes.
Eine Schleife gab es für die beiden nicht, sie waren etwas zu langsam in der vorgegebenen Zeit gewesen, das minderte die Euphorie aller Beteiligten jedoch nicht. Im Gegenteil.
„Wahnsinn. Einseitig blind, zweiundzwanzig Jahre alt, vor ein paar Wochen dem Tod nur knapp entkommen, legt er hier und heute solch eine geniale Runde aufs Parkett. Das ist wirklich unglaublich“,
sagte Anais mit feuchten Augen und für sie war es in der Tat ein Wunder.
Innerlich wusste sie genau, wenn es am Schönsten ist, sollte man aufhören…Der ideale Zeitpunkt war nun gekommen Classic Star aus dem Sport zu verabschieden und ihm sein wohlverdientes
Rentnerleben zu gönnen. Ein Springen lag noch vor ihnen. Das A Springen mit zwei Sternen. Anforderungen, die es in sich hatten. „Classic Star hat sich jetzt warmgelaufen. Du musst nur gucken,
dass du ihn sicher an den Absprung heran reitest, Jill“, tüftelte Anais den Schlachtplan für die nächste und wohl auch letzte Runde in Classic Stars Karriere aus. „Du darfst dich nicht
verschätzen und auch nicht zögern. Wenn du meinst der Absprung ist gekommen, dann musst du ihn abdrücken, Jill! Du kannst dich nicht immer nur auf dein Pferd verlassen. Ein wenig helfen musst du
ihm auch.“
„Wir schaffen das“, gab sich Jill siegessicher. Die erste Runde hatte ihr unglaublich Rückenwind gegeben. Ihr Selbstvertrauen gestärkt.
Noch einmal ging es vom Anhängerplatz in die Abreitehalle. Jill war aufgeregt. Ihre Nervosität übertrug sich gleich auf mich, doch ich blieb wie immer gelassen. Nach all den
Jahren Reitsport die ich auf dem Buckel hatte, konnte mich so schnell nichts mehr erschüttern. An diesem Tag fühlte ich mich gut. Die vertraute Atmosphäre des Turniertrubels gefiel mir. Jahrelang
war ich in der Branche zuhause gewesen und nein, es hing mir nicht zum Halse raus. Im Gegenteil. Es war Abwechslung in meinem Alltag und mit einer leichtgewichtigen Reiterin auf meinem Rücken
namens Jill, verausgabte ich mich über den für mich einfachen Hindernissen nicht.
Schließlich galoppierten wir zur Grußaufstellung in die Prüfungshalle. Jill hatte mich einmal richtig wach gemacht. Mich sachte aber bestimmend ihre Sporen spüren lassen. Mir war klar, ihr war es
ernst, dass ich mein Bestes gab. Das erste Hindernis nahmen wir in gelassener Manier. Auch Sprung zwei klappte mit Bravur und ich spürte, Jill wurde ruhiger. Ihre Anspannung legte sich und sie
vertraute mir. Wobei ich ihr natürlich auch mein Vertrauen schenkte. Sprung drei und vier waren eine Distanz, Steilsprung auf einen Oxer, in der die Anzahl der Galoppsprünge vorgegeben
waren. Wir kamen etwas temposchwach über den Steilsprung, es wurde sehr dicht an diesem Hindernis, doch ich rettete die Situation galant in dem ich vor dem Sprung ein wenig abbremste um keinen
Fehler zu kassieren. Auf den Oxer hätten wir mehr Fahrt aufnehmen müssen, doch Jill gab keine Anweisungen, dass ich an Tempo zulegen sollte. Verhalten saß sie in meinem Sattel während ich den
riesigen Oxer, einen Doppelsprung, auf mich zukommen sah, den man sehr weit auseinandergezogen hatte. Gleich merkte ich, der Absprung passte nicht. Jill hätte mich antreiben müssen um Schwung zu
entwickeln, damit wir über die Klamotte rüberkamen, doch sie wartete wohl darauf, dass ich die Situation rettete. Da wir uns in einer Distanz befanden, war ich nicht in der Lage, mir den Sprung
noch passend zu wurschteln. Es gab nur noch zwei Möglichkeiten, entweder hätte ich den Sprung verweigern müssen, dann wäre Jill wahrscheinlich aus dem Sattel katapultiert worden und alleine über
das Hindernis geflogen oder ich müsste abspringen. Abspringen auf die Gefahr hin, die Weite nicht mehr zu schaffen weil ich viel zu wenig Schwung hatte. Niemals in meinem Leben hatte ich meinen
Reiter im Stich gelassen. Verweigern war keine Option. Ich wollte meine kleine Reiterin nicht enttäuschen. Also drückte ich ab obwohl der Absprung niemals passen konnte. Da es ein Oxer war,
versuchte ich zwischen den beiden Stangen noch einmal einzufädeln, um mich auszubalancieren. Eine der Stangen geriet mir zwischen die Vorderbeine und ich ins Straucheln. Mit letzter Kraft bemühte
ich mich den bedrohlichen Sturz abzufangen. Mir gelang es nicht. Kopfüber ging es rasant nach unten. Der Boden war mir während der Landung unter meinen Beinen weggezogen worden. Durch den Sprung
strauchelte ich. Hätte beinahe einen Überschlag gemacht. Unsanft bremste ich mit der Nase zuerst. Einen heftigen Schlag gab es in meinem Genick. Dann fiel ich seitlich. Begrub Jill, die sich noch
tapfer im Sattel gehalten hatte, unter meinem schweren Gewicht… Kurzschluss. Black Out für einen Moment. Mir gingen wahrhaftig die Lichter aus und mein letzter Gedanke war, nur nicht das Kind
unter mir zu begraben. Ich wollte Jill nicht verletzen. Ihr nicht wehtun. Mir war klar, ich würde sie mit meinem Gewicht zerquetschen. Instinktiv richtete ich mich auf, warf mich von der
Seitenposition in die Diagonale. Hoffte, Jill würde ihren Fuß aus dem Steigbügel ziehen und sich in Sicherheit bringen bevor ich wieder seitlich fiele und sie nicht mehr unter mir weggekommen
wäre.
„Weg vom Pferd. Weg vom Pferd, Jill!“, schrie Anais aufgebracht. Sofort war sie auf den Beinen und rannte in die Reithalle. In Sorge um Jill, die unter dem Pferd begraben worden
war. Nach einem wahrhaftig schweren Sturz, weil Pferd und Reiter und das Hindernis völlig falsch taxiert hatten. Sie glaubte in der ersten Schrecksekunde, Classic Star hätte einen Genickbruch
erlitten. Ihre Sorge musste jedoch zunächst ihrem Kind gelten und als sie Pferd und Reiter erreicht hatte, war es Jill Gott sei Dank gelungen, ihren Fuß aus dem Bügel zu ziehen und sich vom
Pferd wegzurollen. Unter Schock stehend lief sie zu ihrer Mutter. „Mir ist nichts passiert. Mir geht es gut, aber Classic Star“, rief sie entsetzt. Erleichtert atmete Anais auf. Ihr war beinahe
das Herz stehengeblieben während sie den Ritt ihrer Tochter verfolgt hatte und der gefürchtete Oxer Classic Star zum Verhängnis geworden war. „Ich bin so froh dass dir nichts passiert ist.“
Anais schloss Jill in ihre Arme und warf einen entsetzten Blick zu Classic Star, der noch immer völlig regungslos am Boden lag und nicht aufstehen wollte. Genügend Helfer waren herbei gelaufen
und kümmerten sich um das Pferd. Befreiten es vom Gurt des Sattels und hofften, es würde aufstehen. Besorgt gab man Anais Handzeichen, dass sie das Kind aus der Halle schaffte. Jill sollte das
Drama nicht mit ansehen müssen, falls Classic Star nicht mehr auf die Beine kam. Falls sein Herz jeden Augenblick aufhören würde zu schlagen, weil er einen Genickbruch oder Aortaabriss erlitten
hatte. Nach einem Aortaabriss durchlebte das Tier zunächst höllische Qualen, der Tod setzte erst wenige Augenblicke später ein. Ein heftiges Zucken durchfuhr die sterbenden Körper der Pferde wenn
dies der Fall war und sie quälten sich noch wenige Minuten lang auf erbärmliche Art und Weise, bis der einsetzende Tod schließlich eine Erlösung war. Classic Star lag jedoch ganz ruhig. Bewegte
sich nicht und wollte noch immer nicht aufstehen.
Anais brachte Jill zu Freuden, die sich gleich um das Mädchen kümmerten. „Er soll nicht sterben“, rief Jill den Tränen nahe. Flehend sah sie Anais nach. Betete, Gott möge ihr und dem Pferd
beistehen. Welch ein schwarzer Tag. Dabei hatte doch alles so wunderbar angefangen. Das was geschehen war, konnte nur ein böser Albtraum sein. Von Schuldgefühlen geplagt, ließ sie ihren Tränen
freien Lauf. Doch nicht nur sie quälte sich mit Gefühlen der Schuld. Anais gingen tausend Gedanken durch den Kopf während sie in die Reithalle zurücklief. Was hatte sie dieser armen Seele nur
angetan? Niemals hätte sie Classic Star noch in ein Springen schicken dürfen. Sie hätte wissen müssen dass dies jederzeit passieren konnte. Warum hatte sie nicht nachgedacht? War es purer
Egoismus gewesen? Nur weil sie seit Jahren einem Traum nachjagte, hatte sie das Leben ihrer Tochter und das des Pferdes leichtsinnig aufs Spiel gesetzt. Sie hätte sich ohrfeigen können.
„Steh auf. Steh bitte wieder auf.“ Anais Stimme drang zu mir durch. Hatte ich doch einen kurzzeitigen
Black out gehabt, so fand ich langsam zu meinen Lebensgeistern zurück. Einen Ruck gab ich mir. Wollte auf die Beine kommen. Anais hielt mich am Zügel. Ihr Blick traf mein Auge. Wie traurig ihre
Augen schimmerten. Dabei war doch ich derjenige, der traurig sein musste. Ich hatte es vermasselt. Ich war gestürzt, hatte das Hindernis umgerissen, Jill mit zu Boden genommen und wäre beinahe
auf sie drauf gefallen, ich erinnerte mich. Es tat mir unendlich leid. „Brav bist du. Na siehst du, alles ist gut gegangen. Gott sei Dank, du stehst wieder“, sagte Anais erleichtert. Sie schien
mir nicht böse zu sein. Meine Knochen waren noch ein wenig steif, doch sie schienen in Ordnung zu sein. Mit hängendem Kopf trottete ich aus der Reithalle. Vorbei an unzählig entsetzten
Menschengesichtern, von denen niemand mehr ein Wort sprach. Sie alle schienen schwer getroffen zu sein. Getroffen von diesem spektakulären Sturz, der bitter ins Auge hätte gehen können. Für Pferd
und Reiter.
„Du hattest einen Schutzengel und Jill auch“, sagte Anais mit fahriger Stimme. Ihre Hände zitterten, während sie mir den Sattel abnahm und mich ausgiebig untersuchte ob ich mich nicht doch
irgendwo verletzt hatte. „Du hast so ein riesiges Glück gehabt“, seufzte sie wieder und wieder. „Es tut mir so leid Classic Star. Ich habe das nicht gewollt. Bitte verzeih mir. Ich war egoistisch
und blind. Nicht nur heute. Vielleicht die ganzen letzten Monate. Ich hätte dich niemals wieder antrainieren dürfen. Es war ein Fehler, verzeih mir bitte.“ Anais liefen die Tränen. Beschämt
blickte sie sich um ob sie jemand beobachtete. Sie schämte sich nicht ihrer Tränen, nicht ihrer Worte, sie schämte sich für das, was sie mir in ihren Augen angetan hatte. Ein altes Pferd wie mich
noch zum Turnierplatz gezerrt zu haben. Ihren Kopf vergrub sie in meiner Mähne und weinte hemmungslos. Bis ihr schließlich jemand auf die Schulter klopfte.
„Du hast dich breits vor vielen Jahren entschieden, Springreiter zu werden. Dein Kind möchte nun
auch Springen reiten und du weißt genau, dass es ein gefährlicher Sport ist. Stürze stehen an der Tagesordnung. Auf jedem Turnier gehen mindestens ein Reiter und ein Pferd zu Boden. Das ist die
Statistik. Du glaubst es liegt an seinem Alter, dass er gestürzt ist. Das stimmt nicht, Anais. Er ist gestürzt weil Jill den Absprung nicht getroffen hat. Ein charakterstarkes Pferd wie er
verweigert nun mal nicht ein unpassendes Hindernis. Er hätte alles gegeben, dieses Hindernis zu überwinden. Sogar sein Leben. Bestrafe dich nicht mit Selbstzweifeln und hinterfrage deine
Philosophie über diesen Sport niemals, wenn du noch aktiv mit im Boot sitzt. Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Entweder bist du Springreiter und zwar mit deinem ganzen Herzen oder du bist es nicht.
Das ist nichts anderes als wenn du Rennfahrer wärst. Du weißt genau, dass du mit deinem Leben spielst. Du musst abwägen ob es dir das wert ist. Wenn es Passion ist, eine Lebenseinstellung, ein
Traum oder was auch immer, dann solltest du daran festhalten und den Weg mit all seinen Konsequenzen gehen. Und jetzt hör auf zu weinen. Das Pferd ist wohlauf, dein Kind ist wohlauf und morgen
fangen wieder tausend Tage an.“ Der Mann, den Anais vor dem Start getroffen hatte, weil dieser Classic Star wiedererkannt hatte, war ihr zum Anhänger gefolgt. Tröstend reichte er ihr ein
Taschentuch. „Er ist nicht zu alt. Solch ein kleines Springen schüttelt er aus dem Ärmel. Es war Pech. Jill muss noch viel lernen und sie wird es als Erfahrung mitnehmen. Es hätte ihr mit jedem
anderen Pferd passieren können, das weißt du genau.“ Tapfer nickte Anais. Ja, das wusste sie. Dennoch saßen die Schuldgefühle tief. Sie liebte ihr Kind und sie liebte dieses Pferd. Beide
waren nicht in der Lage, die Gefahr einzuschätzen. Diese Verantwortung oblag ihr und sie war nicht sicher, in ihrer Sorgfaltspflicht versagt zu haben.
Anais schickte ein Stoßgebet zum Himmel nachdem sie Kind und Pferd wohlbehalten in Auto und Anhänger gepackt hatte und nach Hause kutschierte. Wie schnell doch etwas passiert war, resümierte sie
gedankengeladen. Ihre Emotionen kochten über. Eine innerliche Zerissenheit stellte sich ein und zwar gnadenlos. Mehr als 35 Jahre Reitsport zogen an ihr vorüber und sie spürte, dass sie am
Scheideweg des Lebens angelangt war. Dass sie Bilanz ziehen und Rechnung tragen müsste für ihre teils widerlichen Taten, Tiere als Sportgeräte zu versklaven, sie für ihren Ego zu missbrauchen und
zu Höchstleistungen zu zwingen. Selten hatte sie sich dreckiger und unwohler in ihrer eigenen Haut gefühlt. Sie schämte sich. Versank vor Reue und Schuldgefühl in Grund und Boden. Rang mit ihrer
Fassung. Vor Jill wollte sie nicht weinen. Ihre Tochter war noch viel zu jung um ihre Gedankengänge nachzuvollziehen. Anais wollte ihr Kind mit der bitteren Wahrheit der Selbstreflektion
verschonen. Ein wenig war sie vielleicht sogar erleichtert, dass es endlich passiert war. Dass sie Augenzeuge dieses Sturzes geworden war um ihre Handlungen im Umgang mit Tieren, insbesondere den
mit ihren Pferden zu überdenken. Es war, als hätte ihr jemand einen Spiegel vorgehalten. Den Spiegel der Wahrheit.
„Du bist traurig, nicht wahr?“ Jill spürte die desolate Verstimmung ihrer Mutter.
„Ist es wegen mir?“
„Nein. Natürlich nicht. Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist“, lächelte Anais müde.
„Ich muss noch lernen. Ich weiß jetzt dass ich es beim nächsten Mal besser machen muss. Dass ich den Absprung genauer einteilen muss. Es war mir eine Lehre.“ Jills Worte klangen unglaublich
erwachsen, dabei war sie noch ein Kind. Ein Kind, das die weltlichen Dinge und das Leben durch ganz andere Augen betrachtete als ein Erwachsener.
„Es hätte mir mit jedem anderen Pferd passieren können“, grübelte Jill.
„Ja, seufzte Anais. „Und genau das ist es, was ich so schlimm finde. Dass es mit jedem anderen Pferd hätte passieren können. Dass wir Menschen die Tiere aus reinem Egoismus zwingen, für uns über
Hindernisse zu springen und dabei billigend in Kauf nehmen, dass sie ihr Leben riskieren. Für unseren Spaß, für unsere innere Freude. Das grenzt an Sadismus.“
„Was ist Sadismus?“, fragte Jill nachdenklich.
„Sadismus ist, wenn ein Tier keine Wahl hat und dem Wahn seines Reiters, der nach Ruhm, Erfolg und Anerkennung strebt, nachgeben muss, weil es dazu erzogen wurde und der Reiter wissentlich in
Kauf nimmt, dass es sein Leben für dieses elendige Streben nach Erfolg verlieren könnte.
„Ich möchte aber trotzdem Springreiterin werden“, sagte Jill energisch.
„Ja, das sollst du auch. Warum sollte ich dir etwas verbieten, das auch mir jahrelang Freude gemacht hat?“
Classic Star hatte keine Blessuren davongetragen außer Muskelkater und Zerrungen, die durch einen auf Pferde spezialisierten Osteopathen behandelt wurde. Der Schimmel war munter wie eh und
je, schien fröhlich zu sein, ärgerte seine Stallnachbarinnen, koppte nach Lust und Laune und schien den Vorfall längst vergessen zu haben.
Auch Jill saß gleich wieder im Sattel und hing mit ihrer Nase über der nächsten Turnierplanung. Für sie wäre es niemals infrage gekommen, den geliebten Sport an den Nagel zu hängen nur weil sie
gestürzt war. Anais war stolz auf ihre Tochter. Dass sie Niederlagen wegsteckte ohne an ihnen zu zerbrechen. Jill war auf einem guten Wege.
Alles schien wie immer zu sein und seinen gewohnten Gang zu gehen und doch hatte sich seit diesem Tag vieles verändert.
Zumindest für Anais. Den Pferdesport sah sie plötzlich mit völlig anderen Augen und sie würde noch viele Wochen, Monate und Tage in sich gehen müssen um Entscheidungen über Jills weitere Karriere
und ihren eigenen inneren Frieden zu finden.
Schwang sie sich allerdings auf den Rücken des Schimmels und ritt mit ihrem geliebten Classic Star in den Sonnenuntergang, gab es für sie keinen Zweifel. Das höchste Glück der Erde lag eben doch
auf dem Rücken der Pferde…
Am liebsten blicke ich von der Anhöhe des kleinen Laubwäldchens aus in dem es
herrlich nach Moos und wilden Blumen duftet, in die untergehende Sonne am See. Der seichte Wind in meiner Mähne, die laue Abendluft in meinen Nüstern, in diesem Augenblick, wenn die Uhren des
Lebens stillstehen, fühle ich mich frei und nahezu schwerelos.
Endlich bin ich zuhause. Zuhause ist dort, wo die Liebe wohnt. Zuhause ist dort, wo ich weder Angst noch Schmerz fürchten muss. Zuhause ist dort, wo ich von Menschen umgeben bin die mich
aufrichtig lieben und die niemals an ihrem Bauchgefühl zweifeln, dass der Weg den sie mit uns Pferden gehen, nicht der richtige sei.
Und dann sagte ich ihr als sie weinte, dass nichts schiefgehen kann. Wenn du liebst, was soll passieren?
Und sie antwortete ihm, es ist okay, ich ging ein wenig verloren auf meinem Weg, aber ich bin stark und starke Mädchen weinen nicht…
Nachwort
Niemals hätte es so kommen müssen, wie es letztendlich gekommen ist. Dieser Umstand schmerzt in meinem Herzen mehr als eine Qual und eine Pein, vor der ich nicht weglaufen kann, obwohl ich es
gern möchte. Ich bin der Mensch, der es hätte verhindern können, dass der Schimmel ein zweites Mal so fürchterlich leiden musste. Dass ich diejenige bin, die Schuld daran trägt, dass er ein
zweites Mal durch die Hölle wanderte, weil ich ihn hergab, ist fürchterlich und für mich Strafe genug.
„Mach dir keine Vorwürfe“, du bist nicht schuld“, gut gemeinte Worte lieber Freunde, zumindest von denen, die mir am Ende noch geblieben sind, für die ich mich an dieser Stelle bedanken möchte.
Gute Freunde sind die, die den Weg mit Classic Star und mir von Anfang bis Ende gegangen sind und nichts an meinen Handlungen infrage gestellt, sondern jegliche meiner Entscheidungen unterstützt
und mir hilfreich zur Seite gestanden haben. Viele Freundschaften wurden gekündigt eben wegen dieser Geschichte, was mich sehr traurig macht und ich hoffe, der ein oder andere überdenkt oder
reflektiert sein Verhalten noch einmal, so wie ich es getan habe. Für mich gibt es nichts Wichtigeres im Leben als Freundschaft und Liebe! Beides verlieren zu müssen, schmerzt sehr. Doch es
gab auch die andere Seite… Nicht die der Anschuldigungen, sondern die der Aufmunterungen, ein freundliches auf die Schulter klopfen, doch die gut gemeinten Gesten prallten unkommentiert an mir
ab. Mir war klar, ich musste für mich ganz alleine entscheiden, mit welchem Weg mein Herz seinen Frieden finden würde. Classic Star einschläfern lassen oder noch einmal mit all meinen
finanziellen Mitteln und meiner inneren Kraft für ihn kämpfen. Diese Entscheidung konnte mir niemand abnehmen. Das war eine Sache zwischen diesem Tier und mir. Wie oft lag ich nachts wach und
fühlte mich in seine Seele ein um ihn verstehen zu können.
Von Freunden geäußerte Gedankengänge, die es ja nur gut meinten an vielen Stellen dieser Geschichte wie: „Es ist doch nur ein Pferd. Das Tier kommt schon zurecht. Vergiss Classic Star und widme
dich den wichtigen Dingen des Lebens. Du hast das Beste für ihn getan.“ Tränen bahnten sich ihren Weg. Die Verzweiflung war mein täglicher Begleiter während dieser drei Jahre, die ich nunmehr an
der Seite des Pferdes verweile.
Wie könnte ich jemals einen Freund vergessen oder lapidar daher sagen, es ist oder war doch nur ein Pferd? Ein Freund, der nicht ein böses Wort zu mir gesprochen und mich nicht ein einziges
Mal enttäuscht hat, während wir einen mehr als steinigen Weg gemeinsam zurücklegten. Wie sollte ich den vergessen können?
Meine Seele in tausend Mosaiksteine zerreißende, tragische Bilder, verfolgten mich an dunklen Tagen. Rieben mich auf, machten meine Seele krank. Besuchten mich am Tag und umso schmerzvoller in
der Nacht und ließen mich oftmals aus dem Schlaf heraus hochschrecken. Der einzige Mensch, der es hätte verhindern, das Unheil aufhalten können- das dem Pferd zum zweiten Male widerfahren ist,
bin ich, ohne Zweifel. Mit dieser mir selbst zugewiesenen Schuld muss ich täglich leben und klarkommen.
Dennoch blieb mir vor einigen Monaten keine Chance, das Blatt in eine andere Richtung zu wenden. Das Schicksal geht unergründliche Wege und wir sind ihm unterlegen und ausgeliefert. Oftmals ist
es banal, verrückt und kaum zu ertragen, welche Kapriolen es mit uns schlägt. Meine finanziellen Möglichkeiten, ein altes Pferd Art- und bedarfsgerecht zu versorgen, waren vor 18 Monaten
ausgeschöpft. All mein Geld hatte ich in dieses Pferd gesteckt, das entsorgt worden war wie lästiger Sperrmüll, den niemand mehr haben wollte und die nötige Zeit, mich ausgiebig um die
Bedürfnisse eines alten, kranken Pferdes angepasst, entsprechend zu kümmern, war nicht mehr vorhanden.
Guten Gewissens meinerseits trennten sich unsere Wege. Von mir und allen Beteiligten war überlegt worden, das Pferd gegen einen Überlassungsvertrag abzugeben. In einen wirklich schönen Stall, der
meine Bruchbude zuhause blass aussehen lässt und bei weitem übertrifft. In vermeintlich liebevolle Hände und eine artgerechte Offenstallhaltung, gab ich ein hilfloses Geschöpf aus meinen
treusorgenden Händen die glaubten all dies nicht mehr stemmen zu können. Ein wehrloses Wesen, welches so wundervoll und sanftmütig ist, dass ich fest daran glaube, dass der Himmel uns die Pferde
geschenkt hat.
Pferde haben ein Leben in ebensolchen Verhältnissen verdient, da sie uns Menschen auf Wolken schweben lassen und uns jeden Tag mit ihrer faszinierenden Sanftmut trotz ihrer beeindruckenden Größe
glücklich machen. Jeder von uns, der schon einmal auf dem Rücken eines Pferdes saß und in den Sonnenuntergang geritten ist, weiß wovon ich spreche.
Gedankengänge zum Buch
Dieses Buch schrieb ich für mein Pferd Classic Star.
Ein zum Entstehungszeitpunkt dieses Buches in den Augen vieler Menschen, die ihm begegneten, alter, verhungerter Klepper von 22 Jahren, der aussah wie ein sterbender Droschkengaul aus Rumänien.
Niemand schaute hin, blickte ihn an oder kümmerte sich um seine Qualen. Die meisten Menschen schauten an dem Drama vorbei. Ein heruntergekommenes, halbblindes, mehr tot- als lebendiges Pferd, das
ich eine Zeit lang in meinem Stall aus Angst, man könnte mich als Tierquäler entlarven, vor der Öffentlichkeit versteckte. Somit konnte allerdings auch niemand ahnen, was es bedeutete sich mit
wirklichem Elend und Leid eines Tieres auseinandersetzen zu müssen, für das sich niemand mehr verantwortlich fühlte.
Ausgemergelt, kraftlos und dem Tod nahe, vegetierte mein ehemals lebensfroher, für sein Alter noch recht agiler und im Fell eigentlich glänzender Freund, stumpf und starr vor sich hin. Stand
teilnahmslos am Fenster seiner Box, blickte stundenlang desorientiert hinaus und schien zu warten. Mir war klar, worauf dieses Pferd wartete. Classic Star wartete auf Erlösung seiner Qualen.
Wartete auf den sicheren Tod, der niemals grausamer gewesen wäre als das Drama, das hinter ihm lag.
Nicht nur körperliche Narben hatte er davongetragen, die seelischen Blessuren, die er stillschweigend in den letzen Monaten und Jahren ertragen hatte, waren weitaus schlimmer. Die Enttäuschung
über menschliches Fehlverhalten. Soweit Tiere dies assoziieren können, was niemand sicher sagen oder ausschließen kann.
Tag für Tag stand er bewegungslos vor dem vergitterten Fenster seiner Box und starrte mit leeren, traurigen Augen in die Ferne.
Nicht einmal von mir nahm er Notiz.
Seine Erscheinung machte mir Angst. Angst, das Pferd könnte jeden Augenblick in sich zusammensacken und sterben, weil es sich nichts sehnlicher wünschte als endlich heimgehen zu dürfen.
Tatsächlich überlegte ich, ihn besser gleich einschläfern zu lassen, weil mir alles andere eine große Tierquälerei zu sein schien. Außerdem hätte ich keinen Plan in der Tasche gehabt, wie wir
dieses große, schwere Tier aus seiner Box herausschaffen sollten, falls es tatsächlich das Zeitliche segnete. Mit der Motorsäge hätten wir es kleinsägen müssen. Das ist makaber, dennoch musste
ich mich konstruktiv mit dem Fall der Fälle auseinandersetzen. Meine Stallungen sind leider Gottes so gebaut, dass der Körper eines toten Tieres nur unter größter Not herausgeschafft werden kann.
Plötzlich muss man sich mit solch Widerwärtigkeiten des Lebens beschäftigen. Man weiß nicht, wenn man morgens den Stall betritt, ob der Schimmel über Nacht gestorben ist. Jeder der mit dem
Finger auf mich gezeigt hat, meinen Weg für falsch hielt, egal an welcher Stelle unserer Geschichte, möge einmal darüber nachdenken, ob er mit mir hätte tauschen wollen!
Seit ich meine Erfahrungen im Leben gesammelt habe, bin ich sicher, dass sowohl kranke Menschen als auch Tiere den erlösenden Tod herbeiholen können, wenn sie es nur wollen. Wenn sie des Lebens
Mühen müde und überdrüssig geworden sind.
Nur noch mit Haut und Knochen überzogen, hatte Classic Star keine Kraft mehr, sich aufrecht auf den Beinen zu halten. Dem Tod hatte er nichts mehr entgegenzusetzen. Der große, mächtige Körper des
Pferdes fiel hin, rutschte aus, weil er sich der Erschöpfung wegen kaum mehr auf den Beinen halten konnte. Leise, still und heimlich gestand ich mir ein, dass es meine Pflicht sei, dieses Leiden,
diese Qualen zu beenden, sofern ich ein Tierfreund wäre. Ein Tier von seinem Elend erlösen zu müssen um es nicht mehr länger leiden zu lassen, wäre meine menschliche Pflicht gewesen. Doch sein
Herz, dieses außergewöhnliche dem Menschen trotz aller Enttäuschungen freundlich zugewandte, große Kämpferherz in seiner Brust, es schlägt und schlägt. Diesen Kampf aufzugeben, war es noch nicht
bereit.
Und dann blickte er mich an. Aus seinem dunklen Auge heraus, das unendlich viel erzählt. Selbst seine blinde Seite hat viel zu erzählen. Noch immer sehe ich dort an der tief eigenfallen Höhle auf
seiner linken Seite ein Auge und auch in ihm lese ich. Trotz allem Elend waren seine Augen stets klar, treu und ehrlich. Manchmal leuchteten sie sogar geheimnisvoll und ich versank gerührt
in ihrem Ausdruck vor innerer Ehrfurcht und Demut.
Die diamantenen Augen dieses großen, mächtigen Schimmels, der einst wunderschön, prächtig und sogar weltberühmt war. Dieses wundervolle, sanftmütige Pferd, nachdem sich in seinen Glanzzeiten
jeder bewundernd umgedreht und ihm für seine Leistungen anerkennend applaudiert hatte. Über sein Sprungvermögen und der Ehrlichkeit seines Herzens, mit der er stets für den Reiter in seinem
Sattel über die Hindernisse gesprungen war, gestaunt hatte.
Heute weiß ich, dass wir den letzten Weg unserer Reise gemeinsam gehen.
In dem Augenblick als er mich völlig verzweifelt aus seinem dunklen Auge anblickte und ihm der Tod so nahe war wie niemals zuvor, spürte ich, dass ich der Mensch bin, dessen Schicksal in seiner
Hand liegt und dass es so sein soll, dass ich die Verantwortung für sein Leben trage. Dass ich Sorgfalt zu tragen habe, dass es diesem Tier in seinen letzten Lebensstunden an nichts mangelt.
Weder an Liebe, noch an Futter, noch an ärztlicher Versorgung. Dass ich sein einziger, in diesem Leben wohl letzter Freund bin, ist mir klar geworden. Ebenso ist dieses Pferd einer meiner besten
Freunde, weil es mich niemals verraten hat, obwohl ich es getan habe. Ich hätte Classic Star niemals hergeben dürfen. Es war nichts anderes als Verrat gewesen, dass ich die Verantwortung
abgegeben habe und ich schäme mich meines Versagens sehr.
Während wir uns anblicken, uns ohne Worte verstehen, schweigend und doch so angeregt unterhalten, laufen unaufhaltsam meine Tränen. Das Schicksal hat entschieden, und letztendlich
Mensch und Tier noch einmal zusammengeführt. Nunmehr sogar zum zweiten Mal.
Wahrscheinlich brauchte ich diese zweite Runde um zu verstehen was es bedeutet, verantwortlich für ein Wesen zu sein, das nicht selbst entscheiden kann. Das Schicksal hat uns nun zum zweiten Mal,
allerdings zu den gänzlich schlechtesten Zeiten, die dieses Pferd jemals erlebt- und kein Tier dieser Welt verdient hat, zusammengeführt.
So sehr wünschte ich mir vor vielen Jahren das Pferd namens Classic Star. Wünschte mir, es mein Eigen nennen zu dürfen.
Zu den damaligen Zeiten hätte ich alles darum gegeben, mit dem Schimmel über die Hindernisse zu fliegen.
Es war mir nicht vergönnt.
Ein guter Freund sagte einst: „Es gibt zwei Tragödien im Leben. Die eine ist die Nichterfüllung eines Herzenswunsches, die andere ist ihre Erfüllung.“
Nun ist Classic Star bei mir und ich weiß oftmals nicht, ob ich lachen oder weinen soll.
Welch Ironie des Schicksals.
So traf ich meinen besten Freund zum zweiten Mal wieder. Tagelang stand er am Fenster und wartete. Wartete auf Erlösung seiner Qualen. Wartete auf den Tod.
Die Grausamkeit der Menschen scheint keine Schamgrenze zu kennen. Ende April, Anfang Mai 2019, bei Temperaturen um die fünfundzwanzig Grad, trug er noch immer sein komplettes Winterfell. Viel zu kraftlos, abgemagert bis auf die Knochen und völlig geschwächt, sein Organismus zu krank, um den Fellwechsel einzuleiten, griff ich zur Schermaschine um ihm Erleichterung zu verschaffen. Wichtige Vitamine und Nährstoffe hatten ihm über Monate hinweg gefehlt. Dass er überhaupt überlebt hat, sogar zum zweiten Mal, denn ebensolch eine Odyssee hatte er vor gut zwei Jahren hinter sich gebracht, grenzt an ein Wunder.
Für meine Tochter Jill
Liebe und respektiere deine vierbeinigen Freunde mit den Augen deines Herzens. Mit jeder
Turnierprüfung in der du startest, riskieren sie dein Leben für dich, vergiss das bitte niemals.
Sei du für sie der Mensch dem sie vertrauen können weil du ihnen mit Ehrlichkeit und Selbstlosigkeit begegnest. Strebe keinesfalls nach Erfolg wenn du in den Sattel steigst. Reite niemals nur
weil du Ruhm und Anerkennung besitzen möchtest. Reite weil du Freude daran findest, mit einem Pferd zu harmonieren. Weil du die Freiheit genießt, die Pferde uns Menschen ermöglichen. Die Flügel
die sie uns schenken mit denen wir glauben, tatsächlich über Hindernisse fliegen zu können.
Sei für sie der Freund auf den sie sich verlassen können, auch in schlechten Tagen. Und wenn sie alt geworden sind, richte dich nach ihren Bedürfnissen und nicht nach deinem Egoismus. Hinterfrage
stets dein Handeln. Denke lieber zwei Mal über eine Sache nach in der du dir nicht sicher bist, bevor du für deinen vierbeinigen Freund eine Entscheidung triffst, mit der dieser nicht glücklich
ist. Du weißt selbst wie schrecklich es ist, unglücklich zu sein. Die Verantwortung liegt in deiner Hand. Gehe sorgsam mit ihr um.
Ich habe dich lieb,
deine Mama
Danksagung
Ich danke meiner Brieffreundin aus Kinder und Jugendzeiten, Manuela Schiek. Sie hat eine monatliche Patenschaft für Classic Star übernommen und viele seiner Behandlungen und die Anschaffung
unzähliger Aufbaufuttermittel finanziell überhaupt möglich gemacht.
Das was du für ihn getan hast, liebe Manuela, vergesse ich dir nie. Danke!
Ebenso geht ein Dank an Christa Seinsche. Auch sie hat eine monatliche Patenschaft für Classic Star übernommen und ihn bei uns zuhause besucht.
Danke, liebe Christa und wir freuen uns auf viele weitere Besuche.
Weitere Patenschaften haben übernommen
Sylvana Neuwirth und
Klaus-Dieter Mey
Und ein Dank gilt all den anderen, die für den Schimmel gespendet und Patenschaften übernommen haben.
Eine ausgiebige Fotostrecke über den Weg den Classic Star zurücklegte, finden Interessierte auf Facebook
unter der Seite Sorgenkind AnaisCMillerTierschicksale oder AnaisCMillerAutorenseite.
Das Foto wurde aufgenommen als man ihn den ersten Tag bei uns wieder abgestellt hatte. Wie unglücklich und traurig er ist, lässt sich gut erkennen finde ich.
Der Erlös aus den Bucheinnahmen geht an die Sorgenkindseite, von welcher aus finanzielle Unterstützung an
gemeinnützige Tierschutzvereine, Gnadenhöfe, sowie privaten Sorgenkindern wie Classic Star weitergeleitet wird.
Ebenso finanziert sich aus den Einnahmen der verkauften Bücher von Anais C. Miller die Herausgabe kostenloser Exemplare, die von ihr an Menschen verschenkt werden, die in finanzieller Not sind,
um ihnen Lichtblicke in dunklen Zeiten zu bescheren. Jedes verkaufte Buch erfüllt somit einen guten Zweck.
Und jeder Leser, der ein Buch gekauft hat, verschenkt somit Lichtblicke für Tiere und Menschen in Not.
Das Foto ist aktuell und ich wage zu behaupten, es zeigt ein glückliches, 22 jähriges Pferd…
Wunder kommen zu denen, die an sie glauben…
